Lindinger + Schmid

KUNSTZEITUNG

Elegant und zugleich bescheiden und – was mir immer wieder gefällt – „Im Mittelpunkt: KUNST!“; so habe ich mal vor Jahrzehnten eine Ausstellung von mir in Münster genannt. Das trifft auf die KUNSTZEITUNG zu!

Thomas Deecke
Kunsthistoriker

Seit 1996 berichtet die KUNSTZEITUNG monatlich kritisch über Ausstellungen und Veranstaltungen, über Debatten und Trends – und zwar so, dass sich einerseits Einsteiger in Sachen Kunst angesprochen fühlen, dass aber andererseits auch die professionell im Kunstbetrieb tätigen Produzenten und Vermittler niemals gelangweilt sind. Das redaktionelle Themenfeld, die Gegenwartskunst, wird erweitert durch Kommentare und Berichte über verwandte Disziplinen. Die Exemplare der jeweils jüngsten Ausgabe (Auflage: 200 000 Stück) liegen überall dort gratis aus, wo Menschen an Kunst interessiert sind.

Die KUNSTZEITUNG kann aber auch als Einzelexemplar abonniert werden (pro Jahr: 37 Euro). Finanziert wird die bekannte Publikation über Anzeigen. 

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KUNSTZEITUNG, TITELSTORIES

Betrug im amerikanischen Kunstmarkt – KUNSTZEITUNG, Nr. 284
 

Imitation als Geschäftsmodell

Betrug im amerikanischen Kunstmarkt

KUNSTZEITUNG Nr. 284, April 2020, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverNoch nie blühte der US-Kunstmarkt für gefälschte Druckgrafiken so üppig wie derzeit. Längst haben fingierte Warhols die eigene beachtliche Produktion des Pop-Art-Chamäleons übertroffen, und häufig ist die Qualität der Imitationen so hoch, dass selbst eine Expertin wie Susan Sheehan, eine New Yorker Händlerin für Nachkriegsdrucke, einige Tage braucht, um echt von falsch zu unterscheiden.

Roy Lichtenstein zählt ebenfalls zu den Favoriten der Betrüger, auf die seine Nachlassverwalter bereits mehrfach das FBI angesetzt haben. Der Künstler hatte den Fehler begangen, neben rund 300 verkäuflichen Lithografien auch unsignierte Drucke als Einladungen und „Give Aways“ zu produzieren, die heute besonders gern kopiert und mit Unterschriften versehen werden. Das passiert auch mit Picassos, einem weiteren Liebling der Gangster – ironischerweise verraten sie sich oft durch den perfekt nachgeahmten Namenszug, auf den der Künstler bei seinen rund 2 400 Druckgrafiken meist verzichtete. Die Inflation falscher Ware im Internet zwingt die Artists Rights Society in New York täglich dazu, Webseiten zur Entfernung ihrer Fakes aufzufordern.

Doch scheint nicht allein der florierende Online-Kunsthandel den Schwindlern in die Hände zu spielen. Im Zeitalter der alternativen Fakten haben es sogar als Fälschungen überführte Werke und ihre Schöpfer zu neuem Ansehen gebracht. Der amerikanische Sammler Mark Forgy besitzt die größte Sammlung von Gemälden des notorischen Modigliani- und Matisse-Fälschers Elmyr de Hory. Forgy hat nun im Hillstrom Museum of Art in Minnesota eine Ausstellung von dessen eigenständigen Porträts organisiert.

Und auch die vermeintlichen De Koonings, Rothkos und Motherwells, mit denen Ann Freedman die renommierte, aber in Finanznot geratene Knoedler Gallery in Manhattan ein gutes Jahrzehnt bis zu ihrer Zwangsschließung, 2011, über Wasser hielt, sind keineswegs in der Versenkung verschwunden: Während der talentierte Fälscher das Land verließ und seine Hehlerin eine kurze Haftstrafe verbüßen musste, sind die beiden Abnehmer der Bilder weiterhin im Geschäft. Freedman handelt nach wie vor mit Kunst, und ihr Komplize Julian Weissman vertritt in seiner Galerie nahe der Wall Street Künstler wie Joseph Cornell und Sol LeWitt. Freedmans Rechtsanwalt Luke Nikas aber hat seine Kanzlei an der Madison Avenue mit Bildern „im Stil von“ Mark Rothko und Jackson Pollock dekoriert. Als Objekte des größten Fälschungsskandals in den USA hätten sie schließlich Geschichte geschrieben, meint Luke Nikas. Und das sei fast so viel wert wie eine einwandfreie Provenienz.

Claudia Steinberg

Christo bereitet sich auf sein nächstes Großprojekt vor – KUNSTZEITUNG, Nr. 283

Bewusster wahrnehmen

Christo bereitet sich auf sein nächstes Großprojekt vor

KUNSTZEITUNG Nr. 283, März 2020, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverWenn das Centre Pompidou von Mitte des Monats bis zum 15. Juni die Pariser Jahre 1958 bis 1964 von Christo und seiner vor zehn Jahren gestorbenen Ehefrau und Partnerin Jeanne-Claude per Ausstellung dokumentiert, dann darf diese Schau als Auftakt des jüngsten Projekts des knapp 85-jährigen Künstlers gesehen werden. Der Erfinder einzigartiger Verhüllungen, die eine erweiterte Wahrnehmung vertrauter Architekturen und Landschaften ermöglichen, will nämlich vom 19. September an den Triumphbogen, eines der bekanntesten Monumente, mit 25 000 Quadratmeter silberblauem Gewebe und 7 000 Metern Seil in Rot in ein Christo-Kunstwerk verwandeln. 16 Tage lang, so die vor einem Jahr erteilte Genehmigung, wird der Arc de Triomphe de l’Étoile am westlichen Ende der Champs-Élysées ein Wahrzeichen der besonderen Art sein und ein langjähriges Engagement für das Vorhaben krönen.

Christo und Jeanne-Claude, denen der Kölner Verlag TASCHEN mit Fotos von Wolfgang Volz und Texten von Paul Goldberger einen außerordentlich preisgünstigen Prachtband gewidmet hat, der auch den verhüllten Triumphbogen enthält (Seite 582 bis Seite 585), haben nämlich bereits 1962, im Jahr ihrer Hochzeit, über diesen Eingriff in den öffentlichen Pariser Raum nachgedacht. Auch in den Jahren 1970 und 1989, so zeigen entsprechende Zeichnungen und Collagen, spielte das Projekt in den Planungen eine Rolle. 2018 schließlich hat Christo die Verwirklichung dieser Idee beantragt. Dabei durfte der Ausnahmekünstler viele Erfahrungen im Umgang mit der Verwaltung aus den achtziger Jahren einbringen. Jeanne-Claude und er hatten immerhin neun Jahre lang mit Jacques Chirac, dem Bürgermeister, und seinen Mitarbeitern kämpfen müssen, um 1985 endlich 40 000 Quadratmeter sandfarbenen Stoff über die älteste Brücke in Paris ziehen zu dürfen. Am Pont Neuf wurden damals innerhalb von zwei Wochen sage und schreibe drei Millionen Besucher gezählt.

Mithin: 35 Jahre nach dieser Verhüllung und 25 Jahre nach dem verhüllten Reichstag in Berlin (mit rund fünf Millionen Zuschauern), für den das Künstlerpaar ein Vierteljahrhundert werben musste, laufen nun die Vorbereitungen für den Triumphbogen. Und einmal mehr wird sich zeigen, warum der Christo-Kunstgriff zwangsläufig Kunstgeschichte machen musste. Im Verhüllen und Verstecken, so haben über die Jahrzehnte immer wieder andere Experten interpretiert, gelingt es dem Künstler, Zusammenhänge und Erkenntnisse sichtbar zu machen, die in den vertrauten Abläufen des täglichen Lebens verborgen bleiben. Es ist also durchaus möglich, dass das den gefallenen französischen Soldaten gewidmete Mahnmal nach dem Ende der Aktion mit neuer Bedeutung aufgeladen erscheint und anders als zuvor rezipiert wird. Bewusster wahrgenommen wird es dann allemal, so lehrt die Erfahrung dank der anderen Großprojekte.

Karlheinz Schmid

Politiker als Bremser – KUNSTZEITUNG, Nr. 282

Politiker als Bremser

Karlheinz Schmid über stagnierende Umsätze im Geschäft mit der Kunst

KUNSTZEITUNG Nr. 282, Februar 2020, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverHeißa; ist das nicht großartig? Sieben Millionen Euro für ein Selbstporträt von Albert Oehlen, zehn Millionen Pfund für eine Unterhaus-Karikatur von Banksy – das sind Auktionsergebnisse aus dem zweiten Halbjahr 2019, und man könnte meinen, der internationale Kunstmarkt boomt wie damals, vor drei Jahrzehnten, als alle Redaktionen dieser Welt am laufenden Band die legendären Dollar-Noten-Bilder von Andy Warhol aus den frühen Achtzigern einsetzten. Illustration des einst reichlich Leser-Interesse versprechenden Themas „Kunst als Kapitalanlage“. Zwischen Ware und Wahrheit wurde fleißig ausgelotet und gedichtet, als gelte es, vor allem Rendite zu machen. Allerdings mit gutem Gewissen. Kunstkritiker wie Anlageberater im Einsatz, damals. Wenn man derzeit sieht, dass Künstler wie Banksy oder Oehlen solche Rekordsummen bringen, dann denkt man automatisch an jene vergangenen Zeiten. Und muss doch warnen.

Denn von einzelnen Ausnahmen abgesehen, haben gerade die vergangenen Monate im weltweiten Auktionsmarkt gezeigt, dass das Geschäft mit der Gegenwartskunst in eine Konsolidierungsphase gerät. Wohin man schaut, ob zu Christie’s oder Sotheby’s: Im Großen und Ganzen läuft es plötzlich nicht mehr wirklich gut. Die Umsätze stagnieren. Kein Wachstum in Sicht. Die Schätzpreise werden oftmals kaum getoppt. Nahe der unteren Taxe sowohl David Hockney als auch Gerhard Richter, früher Garanten im Rekordpreismarkt. Dass sich die Situation neuerdings derart glanzlos darstellt, hat viel mit der Weltwirtschaft zu tun, mit dem Zusammenbruch im amerikanischen Luxus-Immobilienmarkt, mit den rückläufigen Zahlen in China, auch mit dem Brexit.

Hierzulande kommt niemand umhin, die Lage besonders skeptisch zu beurteilen, weil der Kunsthandelsplatz Deutschland von unverantwortlichen Politikern auf skandalöse Weise gedankenlos beschädigt wird. Von der Mehrwertsteuer über die Einfuhrumsatzsteuer bis zur Geldwäsche-Bespitzelungsassistenz – was den Galeristen im Zuge jener angeblich durch die EU geforderten Maßnahmen zugemutet wird, ist schlichtweg fatal. Es ist blanker Übereifer, der zu absurden Wettbewerbsverzerrungen führt und viele Händler notgedrungen ins Ausland treibt, wo es die Branche eben leichter hat. Ein Glück, dass sich mittlerweile die Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel gebildet hat (KUNSTZEITUNG 281, Seite 6), die als Lobby wirkt, die den Kurzdenkern in der Politik auf die Abstimmungsfinger schaut. Schwachmatikus-Attacke, gut so.

Obgleich die Zuständigen im Kanzleramt, in der Kultur nämlich, aber selbstverständlich auch die Rechenmeister im Wirtschaftsressort und im Ministerium der Finanzen längst sehen müssten, was sie angerichtet haben, wie sie einen ganzen Berufsstand niedermetzeln, zeigen sie weder Einsicht noch gar Reue. Immer weiter mit dem Schwachsinn, die Daumenschrauben tüchtig anziehen, bis auch der letzte Kunsthändler dichtmacht. Innerhalb weniger Jahre sind in Berlin rund 100 Galerien geschlossen worden, und eine Umfrage des Landesverbandes zeigte kürzlich, dass „mehr als acht von zehn Galeristen mit dem Wissensstand von heute keine Galerie mehr eröffnen würden“. Die Hälfte der Befragten räumte ein, dass man weniger als 100 000 Euro Jahres-Umsatz mache, nicht genug also.

Kein Wunder, dass nicht einer der Weltmeister unter den Dependancen-Gründern, beispielsweise Großgaleristen wie Larry Gagosian, Iwan Wirth und David Zwirner, auf die Idee kommt, in Berlin oder andernorts in Germany eine Filiale zu eröffnen. In Berlin gehen, wirtschaftlich gesehen, die Rollladen allmählich runter. Nachdem sich zum Jahresende 2019 die Koelnmesse in der Hauptstadt verabschiedete, gibt es nun eine Kunstmesse weniger, die art berlin. Obgleich in diesem Monat in Karlsruhe und Madrid erneut Messen stattfinden, im März dann in Maastricht und im April in Köln: Kein Grund, allzu euphorisch in die Zukunft zu schauen. Das Geschäft mit der Kunst wird in der nun beginnenden Dekade enorm anstrengend ausfallen, weitere Opfer kosten. Spielend leicht ist nichts mehr, Oehlen hin, Banksy her.

Der sanfte Rebell – KUNSTZEITUNG, Nr. 281

Der sanfte Rebell

Hans Haacke erlebt ein spektakuläres Comeback

KUNSTZEITUNG Nr. 281, Januar 2020, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverSein Schiff hatte 1961 noch nicht im Hafen von New York angedockt, als Hans Haacke bereits einen Brief von Howard Wise in den Händen hielt, der ihm eine Ausstellung in Midtown Manhattan versprach. Otto Piene hatte die Beziehung zwischen dem prominenten Galeristen und dem Künstler aus Köln geknüpft, der sich damals im Umfeld der ZERO-Artisten bewegte. Eine Reihe dieser selten präsentierten, oft kinetischen und auf Systemtheorien basierenden Werke sind bis zum 26. Januar in der über vier Etagen verteilten Haacke-Retrospektive im New Museum zu sehen, das ihm bereits vor 33 Jahren eine große Schau widmete.

Keine andere New Yorker Institution hatte sich zwischenzeitlich an den ebenso sanften wie subversiven Künstler herangetraut, seit das Guggenheim Museum 1971 eine Haacke-Ausstellung absagte, weil sie eine Dokumentation der Grundstücksmakler Shapolsky et al. und ihrer vernachlässigten Immobilien in Harlem und an der Lower East Side enthielt. Ein Jahr zuvor hatte Haackes provokante Befragung der Besucher des MoMA zu Nixons Ausweitung des Vietnamkrieges auf Kambodscha zur Kündigung des Direktors geführt.

Hans Haacke hatte früh und sehr nüchtern Kunstproduzenten und ihre Förderer als Teil der „Bewusstseins-Industrie“ erkannt, und er war sich klar über die Vormacht des Kapitals insbesondere im amerikanischen Kulturbetrieb. Doch fühlte er sich von Anbeginn zu Hause im „aktivistischen Umfeld“ seiner Wahlheimat, wo damals Organisationen wie die Art Worker Coalition und die Guerilla Art Action Group vor dem MoMA gegen Krieg, Rassismus und Sexismus protestierten. Eine Wand voller Schwarz-Weiß-Fotos der inzwischen so alt anmutenden Fassaden im Downtown der letzten Jahrhundertmitte, das Haacke systematisch auf seinem Fahrrad entdeckte, bezeugt seine Affinität zu der einst so schäbigen, aber dennoch zugänglichen Metropole.

Die von Gary Carrion Muyarari und Massimiliano Gioni, dem künstlerischen Leiter des New Museums, zusammengetragene Werkschau „Hans Haacke: All Connected“ beeindruckt vor allem durch die Unbestechlichkeit und Akribie des 83-jährigen Künstlers. Allerdings kann nicht einmal das monumentale „Gift Horse“ (die ursprünglich für das leere Podest am Londoner Trafalgar Square kreierte Skulptur eines abgemagerten Pferdes, auf dem sich digital die Börsenergebnisse ablesen lassen) mit der sinnlichen Wucht von früheren Arbeiten wie „Der Bevölkerung“ (im Reichstag) oder „Germania“ (im Deutschen Pavillon der Venedig-Biennale) konkurrieren. Doch selbst wenn Haackes Anti-Trump-Installation im Foyer allzu plakativ geraten ist, könnte die Würdigung des Begründers der institutionellen Kritik zu keinem besseren Zeitpunkt kommen als jetzt, wo der widerständige Geist in der Kunst eine große Renaissance erlebt.

Claudia Steinberg

French Touch – KUNSTZEITUNG, Nr. 280

French Touch

Die neue Dynamik der Kunstmetropole Paris beruht vor allem auf junger Kunst

KUNSTZEITUNG Nr. 280, Dezember 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverErst Gagosian, jetzt David Zwirner: Internationale Großgalerien entdecken Paris als Marken-Pusher. Das als Kunst-Brexit zu deuten, gar von Paris’ magischer Wandlung zur zauberhaften Kunst-Hauptkutsche des 21. Jahrhunderts zu träumen, wie es Yayoi Kusamas leuchtender Kürbis auf der Place Vendôme suggerieren mag, ist nostalgischer Unsinn. Zwirner hat London nicht für Paris aufgegeben. Er hat Paris fürs Mondäne dazugenommen. Auch White Cube flieht nicht aus London, sondern will von Haussmann-Fassaden, glitzerndem Eiffelturm, Jahrhundertwende-Aura profitieren. Genau wie die meisten der 17,44 Millionen Frankreich-Touristen, die 2018 in die Stadt kamen.

Sicher, Paris ist dynamisch – bisher eher fürs Image als für den Umsatz. Jeder, der sich mit aktueller Kunst auskennt, weiß: Das Saint-Germain-des-Près ist alt, das Marais zu arriviert. Und Belleville, mit Galerien wie Marcelle Alix? Hier findet man das Neueste, dafür haben nicht nur die beiden Galeristinnen hart und entbehrungsreich gearbeitet. Wer jetzt zwischen Hausmann-Fassaden, Luxusboutiquen und Chinatown seinen Klischee-Bedarf mit dem Traum von der Kunst-Hauptstadt deckt, sollte nicht vergessen: Paris für junge Kunst heißt Investition. Ex-Palais-de-Tokyo-Direktor Jean de Loisy baut gerade die Kunsthochschule um, holt starke Profile wie Dove Allouche oder Nina Childress ans Haus. Unternehmensstiftungen wie Ricard bestellen mit Kunstpreis, Kunstraum und aktiver Feldarbeit ebenso seit Jahrzehnten das Feld wie die vielen kleine Kunstzentren jenseits der Touristenpfade.

„Der ‚französische Stil‘ ist eine europäische Mischung“, erklärt der Maler Olivier Masmonteil. „Paris ist Stadt der Einwanderer, Kreuzung der Kulturen.“ „French Touch“ lockt mit Hirn und Herz, jetzt, da New York unter der orangefarbenen Tolle der Unkultur liegt. „Bevor aus ‚frenchy‘ Profit geschlagen wird“, findet Thomas Bernard von der Pioniergalerie Cortex Athletico, „sollte man wissen, woher die Dynamik kommt.“ Ein Charakterzug: Solidarität. Aus ihr entstand die Energie: Kader Attias „La Colonie“, ein engagierter Ausstellungs-Kunst-Think-Tank. „Le Plateau“, das Kunstzentrum der Frac Île-de-France in Belleville, ermöglicht durch bürgerschaftlichen Einsatz. Das „doc!“ einige Straßen weiter: der Artists-Run-Space lebt vom Miteinander. Das haben jetzt wichtige Kunststiftungen begriffen: Lafayette, Ricard oder Émerige, seit fünf Jahren Jungkunst-Förderer, seit Kurzem in der Avenue Voltaire mit eigenem Raum, wollen unter dem Namen „Trampolin“ zusammenarbeiten.

Natürlich freuen sich alle über François Pinaults Rückkehr (das neue Sammlermuseum des Milliardärs, der seine Kollektion bislang in Venedig zeigt, wird im Juni 2020 in der Bourse de Commerce eröffnet). Doch Pinault, der einst die Szene in Frankreich im Stich ließ, sollte Paris’ Esprit wiederfinden: Brüderlichkeit. Und Schwesterlichkeit, naturellement.

Jens E. Sennewald

Der Kampf tobt – KUNSTZEITUNG, Nr. 279

Der Kampf tobt

Berlin, Hauptstadt der politischen Graffiti

KUNSTZEITUNG Nr. 279, November 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverIn kaum einer anderen deutschen Stadt gibt es so viel Graffiti wie in Berlin. Damit sind aber keine hübschen Saxophone oder verträumte Frauengesichter gemeint, die viele Bürger eher noch versöhnen könnten. Nein, Graffiti sind Buchstaben, Wörter und Schriften. Hier geht es um das Stören, Besetzen und den Sieg des Zeichens am Ende der illegalen Performance, nicht um ein Fassaden-Geschenkpapier zur Stadtverschönerung. Die Rigaer Straße, medial bekannt durch Polizeieinsätze und Wohnungskämpfe, ist derzeit mit Graffiti übersät wie schon lange nicht mehr. So wird dieser Teil des Aufstandes, also der ästhetische Graffiti-Kampf um Wohnraum, Freiheit und gegen Gentrifikation, ein in Deutschland wichtiger Schauplatz, der gerade auch visuell einiges zu bieten hat.

Leidenschaftslose würden es zwar Geschmiere nennen, doch die leichte und chaotische Fülle an kritzeligen Buchstaben, Zahlen, Sätzen und Zeichen kann genauso gut an ein dramatisches Bühnenbild von Cy Twombly erinnern. Natürlich finden sich hier aktuell auch die meisten politischen Statements: „Eat the Rich“, „Gentri Fickt euch alle!“, „Steigende Mieten stoppen“, „No Cops, No Masters, Only People“ oder „Rigaerroulette – Rien ne va plus“. Aber auch viele Abkürzungen und Zeichen entwickelten sich in der letzten Zeit speziell aus dem politischen, linken Anwohnerkampf: „VLR“, das steht für „Viva la Rigaer“. Die Rigaer Straße ist eine sehr lange Straße in Friedrichshain, eine der letzten Straßen im hippen Berlin, wo noch authentisch alternative Wohnprojekte, Bars, Konzertsäle und Vereine zu finden sind. In den letzten Jahren entstanden hier luxuriöse Wohnkomplexe und Eigentumswohnungen. Im neuen „Carré Sama-Riga“ liegt die Zielmiete bei 13.50 Euro pro Quadratmeter. Preise, die sich viele Berliner nicht leisten können.

Die Gerüchteküche besagt, dass die linken Anwohner vertrieben werden. Der Kampf tobt. Und zwar ästhetisch an den Häuserwänden, auch an den geradezu einladenden blanken Fassaden der Neubauten. Die Graffiti entstehen schnell, spontan, immer zwischen zwei Sprüngen, immer in einer Sekunde, in der man in der Straße nach rechts und links schaut, um einer möglichen Gefahr durch Polizisten frühzeitig zu entkommen. Lange kann man nicht verweilen, auch keine detaillierten Bilder malen.

So wird das Zusammenspiel zwischen der schnellen Geste und der körperlichen Performance zugespitzt. Und gerade an diesem Punkt lassen sich Parallelen zum Expressionismus herstellen, beispielsweise zu den Berliner Straßenszenen von Ernst Ludwig Kirchner, aber auch zum Abstrakten Expressionismus der Nachkriegszeit und zu Jean-Michel Basquiats berühmten Übermalungen und Textbildern.

Obwohl an der Rigaer Straße so viele unterschiedliche Tags und Graffiti zusammenkommen, scheint es, als ob sich die großen, untereinander konkurrierenden Sprayer-Gruppen Berlins hier zurückhalten. Sie überlassen diesen Ort vorrangig den Rigaer-Kämpfern. Hier gelten Sonderregeln im sonst so harten Graffiti-Wettbewerb der Stadt. Ein Ausnahmezustand in allen Bereichen, dessen ästhetischer Widerstand nicht nur das kunstwissenschaftliche Interesse wecken sollte.

Larissa Kikol

Udo für alle – KUNSTZEITUNG, Nr. 278

Udo für alle

Karlheinz Schmid über Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann

KUNSTZEITUNG Nr. 278, Oktober 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverZugegeben: Zuletzt lief es nicht mehr rund, extern und vor allem intern, in den Staatlichen Museen zu Berlin, wo Udo Kittelmann, Jahrgang 1958, seit seinem Fünfzigsten als Direktor der Nationalgalerie für die herausragenden Schaufenster der Stiftung Preußischer Kulturbesitz tätig ist. Widerstände zuhauf, ausgelöst durch seine häufige Abwesenheit, allerlei Nachlässigkeiten im Umgang mit der Branche, insbesondere aber auch durch eine mitunter arrogant wirkende Haltung, wie ihm Insider unterstellen. Frostige Stimmung notgedrungen sogar dort, wo er über Jahre als Star- Kurator gefeiert wurde, quasi einen Freibrief für Extratouren aller Art hatte, nämlich in der Hauptverwaltung der Stiftung, als deren Rechtsaufsicht die Kulturstaatsministerin dient.

Mitten im Thema: Vor wenigen Wochen, Ende August, ging es plötzlich um juristische Fragen, um das, was Kittelmann per Arbeitsvertrag vereinbart hatte – und was er in Wirklichkeit tat. Ein Fall für die Innenrevision der Stiftung, zumal eine TV-Magazin- Redaktion, nämlich „Kontraste“, recherchierte und insistierte, wie es denn sein kann, dass ein Direktor der Staatlichen Museen, der mehrere Häuser in der Hauptstadt zu betreuen hat, laufend auswärts im Einsatz ist, ob als Fest- oder Trauerredner, ob als Berater oder Kurator. Eine illustre Liste, feinste Adressen, wo Kittelmann überall tätig ist – von der Deutschen Bank bis Prada, vom Museum Beyeler in Riehen/ Basel bis zum Museum Frieder Burda in Baden-Baden. Udo für alle quasi.

Ob gewinnbringend oder nicht, ob vertragswidrig oder nicht – das wird die offenbar immer noch laufende Untersuchung zeigen. Es gilt derweil die Unschuldsvermutung, flüstern alle vertraulich, die etwas zu sagen haben. Die Beschwichtigungen haben freilich damit zu tun, dass die Personalie enorm heikel ist, für alle Beteiligten. Denn es geht natürlich auch um die Dienstaufsicht, um das Problem, dass sich jahrelang keiner der Vorgesetzten, ob Generaldirektor oder Präsident, um all die zahlreichen Hinweise kümmerte, wo Udo Kittelmann gerade wieder aktiv war – als Juror, Redner, Impulsgeber, Vermittler, Ausstellungsmacher. Freilich immer auf Kosten der Arbeitszeit in Berlin, weil auch Kittelmann- Tage nur 24 Stunden haben.

Naheliegend, dass diese vielfältigen Verbindungen und Verknüpfungen auch in privaten Bereichen des Kunstbetriebs gefährlich werden können, ob bei der Künstler-Auswahl für Präsentationen der Staatlichen Museen oder gar, schlimmer noch, beim Einkauf für die Sammlungen der Museen. Kein Wunder mithin, dass die Stiftung, deren neuer Vizepräsident ein Jurist ist, sich nun auch für die speziellen Galerie-Kontakte rheinischer Färbung ihres führenden Mitarbeiters interessiert (seine Ehefrau war jahrelang als Galerie-Managerin tätig), jetzt, knapp zwölf Jahre nach Dienstbeginn – und ein Jahr vor dem mittlerweile vereinbarten Ausstieg des Nationalgalerie- Direktors. Er hatte, überraschend für die gesamte Szene, weil er die Wiedereröffnung der Neuen Nationalgalerie nun nicht mehr offiziell begleiten kann, im August „auf eigenen Wunsch“, wie es ausdrücklich hieß, auf die bevorstehende Vertragsverlängerung verzichtet. Ein salomonischer Schritt.

Mit 62 Jahren wird Udo Kittelmann freilich nicht in den Ruhestand wechseln, sondern voraussichtlich mehr als jemals zuvor das tun, was er wirklich kann, nämlich einzigartige Ausstellungskonzepte zu entwickeln und dann auch umzusetzen. Als wirklich freier Kurator könnte er noch einmal aufdrehen, wie einst der legendäre Harald Szeemann, als er 1969 die Kunsthalle Bern verließ. Ja, kein Zweifel: Kittelmann gehört zu den weltbesten Ausstellungsmacher, ein Scharfseher, nicht nur, weil er von Haus aus ein gelernter Augenoptiker ist. Bevor er nach Berlin kam, hatte er das Museum für Moderne Kunst in Frankfurt am Main geleitet, davor den Kölnischen Kunstverein, und überall schwärmen die Kunstfreunde heute noch, welche großartigen Inszenierungen sie während der Kittelmann-Ära sehen konnten. Auch in Berlin wird man, allemal in einigen Jahren, in schönsten Erinnerungen schwelgen. Ja, der Udo, der war im Hamburger Bahnhof, dem Museum für Gegenwart, ein begnadeter Regisseur. Nicht zu verwechseln mit einem begnadeten Intendanten.

Voller Widerspruch – KUNSTZEITUNG, Nr. 277

Voller Widerspruch

Das Pariser Centre Pompidou feiert Francis Bacon als Maler und Liebhaber der Literatur

KUNSTZEITUNG Nr. 277, September 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverEr trank, war ein notorischer Spieler, suchte die Tuchfühlung mit einem zwielichtigen Milieu – zugleich las er Nietzsche, Freud und Proust, rezitierte Joyce und T. S. Eliot. Francis Bacon gehört zu jenen Charakteren, die man als fleischgewordenen Widerspruch bezeichnen mag. Der britische Maler, geboren 1909 in Dublin, gestorben 1992 in Madrid (eine Velázquez-Ausstellung im Prado hatte ihn dorthin gelockt), gibt jenen, die ihn als Mensch verstehen wollen, Rätsel auf.

Potenziell unergründlich auch seine Gemälde. Bacons Ruhm verdankt sich vor allem den Porträts und Selbstbildnissen, den auf das christliche Kreuzigungsgeschehen anspielenden Triptychen und den mehr als 40 Papst-Darstellungen, in denen er das Velázquez-Gemälde „Bildnis Papst Innozenz X.“ neu formuliert hat. Viele sehen in diesen Bildern, in denen Menschen, umkapselt von käfiggleichen Gestellen, zu Fleischbrocken deformiert sind, Chiffren für die Bestialität des 20. Jahrhunderts.

Mag diese Interpretation zu gewagt sein – eines ist gewiss: Der Autodidakt, der erst nach seinem 40. Lebensjahr ernsthaft mit der Kunst anfing, gilt heute als einer der herausragenden figürlichen Maler nach 1945. Der unbedingte Ernst, der aus diesen Bildern spricht, die farbliche Brillanz und die Magie seiner gemalten Bühnen, auf denen das Leben vorzugsweise als Tragödie zur Darstellung kommt – all das kontrastiert eigenartig mit einer Gegenwartskunst, die sich oft in formalem Laissez-faire und plakativen Gesten erschöpft.

Das Centre Pompidou in Paris zeigt nun eine Werkauswahl, die von 1971 bis zum Todesjahr reicht. Clou der Schau „Bacon. En toutes lettres“ (11.9. bis 20.1.2020): Die rund 60 Gemälde gehen Hand in Hand mit einem dokumentarischen Teil, in dem uns Francis Bacon als passionierter Leser entgegentritt. Aus Lautsprechern sollen beim Rundgang Texte erklingen, die den Künstler inspiriert haben. Das Inventar seiner Bibliothek listet rund 1 000 Titel auf. Dabei waren seine literarischen Vorlieben unmittelbar auf die Kunstproduktion bezogen. Gegenüber seinem Biographen David Sylvester erklärte Francis Bacon, dass er ausschließlich das lese, was „unmittelbar Bilder“ in seinem Inneren hervorrufe.

Das galt beispielsweise für den antiken griechischen Dichter Aischylos – dessen Tragödien soll der Künstler sogar auswendig gelernt haben. 1981 verarbeitete er das Aischylos-Stück „Orestie“ in einem Triptychon, das jetzt Teil der Ausstellung im Centre Pompidou ist. T. S. Eliots berühmtes Gedicht „Das wüste Land“ wiederum stand Pate bei einem weiteren Triptychon, das aus dem Hirshhorn Museum in Washington D. C. nach Paris reist.

Angesichts der Fülle an Spitzenwerken, die das Centre Pompidou auf Zeit versammeln kann, verbietet es sich vielleicht, ein Bild hervorzuheben. Gleichwohl zieht das Triptychon „In Memory of George Dyer“ aus der Fondation Beyeler die Aufmerksamkeit in besonderem Maße auf sich. Das dreiteilige Bild entstand 1971 – in jenem Jahr brachte Bacon eine Solo-Ausstellung im Pariser Grand Palais den internationalen Durchbruch; zudem wurde ihm auf einer Rangliste der zehn bedeutendsten lebenden Künstler der Spitzenplatz zuerkannt. Doch der Moment von Francis Bacons größtem Triumph bescherte ihm zugleich die größte Niederlage. Wenige Tage vor der Eröffnung der Schau beging sein Liebhaber George Dyer Selbstmord.

Jörg Restorff

Spiele ohne Grenzen – KUNSTZEITUNG, Nr. 276

Spiele ohne Grenzen

Cyberfeminismus: Der Kampf gegen patriarchale Strukturen geht weiter

KUNSTZEITUNG Nr. 276, August 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverAls „Virus der neuen Welt-Un-Ordnung“, so trat das australische Künstlerinnen-Kollektiv VNX Matrix Anfang der 1990er-Jahre an, um den damals noch verheißungsvollen Freiraum des Cyberspace aufzumischen. 1991 erschien das „Cyber Feminist Manifesto for the 21st Century“ der Gruppe. Weitere Wegbereiterinnen des cyberfeministischen Aufbruchs waren die britische Kulturphilosophin Sadie Plant und die Medienkunstpionierin Lynn Hershman Leeson. Cornelia Sollfrank, eine Mitinitiatorin der von 1997 bis 2001 aktiven, ironisch benannten Allianz „Old Boys Network“, trieb den Cyberfeminismus ihrerseits in Deutschland voran. Sie gehörte zu den Ausrichterinnen der „first Cyberfeminist International“ auf der documenta 10 (1997), eine von drei großen Konferenzen zum Thema.

Einige Jahrzehnte danach sind die damaligen Hoffnungen auf eine radikale Durchbrechung der alten patriarchalen Strukturen im World Wide Web unerfüllt geblieben. In unserer heutigen, digital durchdrungenen Alltagswirklichkeit gibt sich das WWW weiterhin als hierarchisch angelegter Einwegspiegel zu erkennen, in dem sich die gewachsenen Machtstrukturen fortsetzen und ins scheinbar Unendliche vervielfältigen.

An dieser Stelle setzen jetzt die Protagonistinnen des Post-Cyberfeminismus an. Sie wollen das Internet als barrierelosen Ort für subversive Spiele ohne Grenzen zurückerobern. Standen die Entwicklung unabhängiger Kommunikations- und Vernetzungsstrategien und der Kampf für Gleichberechtigung noch im Zentrum der Vorreiterinnen der 1990er-Jahre, geht es aktuell um eine Verschiebung, Umdeutung, Unterwanderung und Verfremdung vorhandener Formate im digitalen Kosmos.

Nach der Tagung „Post-Cyber Feminist International“ des Londoner Institute of Contemporary Art im Jahr 2017 widmete das Migros Museum in Zürich dem Phänomen in diesem Frühjahr eine Bestandsaufnahme unter dem Titel „Producing Futures. An Exhibition on Post-Feminisms“. Ausgehend von cyberfeministischen Künstlerinnen der ersten Stunde wie Leeson und VNS Matrix, präsentierte die Schau Beiträge von Cao Fei, Cécile B. Evans, Juliana Huxtable, Guan Xiao, MALAXA, Mary Maggic, Shana Moulton, Tabita Rezaire, Anna Uddenberg, Anicka Yi und weiteren. Was die Arbeiten verbindet: eine brüchige Ästhetik, die sich zwischen analog und digital bewegt, eine Öffnung des Gender-Begriffs, das Verfließen von Öffentlichkeit und Intimität sowie die Aneignung Sozialer Netzwerke.

Die umfassende Digitalisierung hat parallele Welten geschaffen, die gleichwohl mit der greifbaren Realität verbunden bleiben. Darin liegt auch eine Chance post-cyberfeministischer Innovation: Als künstlerische Revolte kann sie aus dem virtuellen Terrain auf die Wirklichkeit diesseits der Bildschirme zurückwirken.

Belinda Grace Gardner

Hoch oben und tief unten – KUNSTZEITUNG, Nr. 275

Hoch oben und tief unten

Karlheinz Schmid über den Stand der Dinge

KUNSTZEITUNG Nr. 275, Juli 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverSaisonende, Sommerpause, Bilanzatmosphäre. Landauf und landab nun Zeit, grundsätzlich über den Stand der Dinge nachzudenken. Was macht sie, die Gegenwartskunst? Wie befördert der Kunstbetrieb die Arbeit der Künstler; wo flutscht es, wo kneift es? Alles paletti – oder Handlungsbedarf? Wie war’s auf den Mai-Auktionen in New York, auf der Biennale in Venedig, auf der Art Basel? Was sagen die Zahlen?

Fakt ist, dass es auf den ersten Blick so scheint, als sei mehr Kapital als Kunst vorhanden, obgleich Hunderttausende von zeitgenössischen Werken in den Ateliers, Galerien und auf den Messen auf Käufer warten. Wie sonst sollte man erklären, dass kürzlich für einen spiegelnden Hasen von Jeff Koons sage und schreibe 91 Millionen Dollar gezahlt wurden. Dabei hatten die Experten von Christie’s, New York, eine Taxe in Höhe von 50 bis 70 Millionen veranschlagt.

Sollte womöglich einer der Koons-Investorenkreise einen Stützungskauf getätigt haben, um den umstrittenen Künstler wieder auf Platz eins im Ranking um die Position des teuersten lebenden Artisten zu hieven? Immerhin hatte der Großverdiener zuletzt mit seiner angeschlagenen Reputation zu kämpfen. Die Branche nahm ihm allerlei gerichtlich geahndete Verfehlungen übel – von nicht gelieferter Ware bis zum Plagiatsvorwurf, und zudem kursierte das Gerücht, dass der Bling-Bling-Star als Arbeitgeber wirklich keine gute Figur machen würde.

Gewiss wird sich nicht präzise ermitteln lassen, warum der 33 Jahre alte „Rabbit“ rund eine Million mehr brachte als das „Portrait of an Artist (Pool with two figures)“ von David Hockney, 1972 gemalt, das im vergangenen Jahr ebenfalls von Christie’s versteigert wurde. Doch sicher ist, dass „Deko die neue Währung“ im Kunstmarkt darstellt, wie der Münchner Auktionator Robert Ketterer vor kurzem einräumte. Schon wird in der Tagespresse von „monetären Obszönitäten“ berichtet, und selbst die erfolgreichsten Künstler wundern sich mittlerweile über die Millionen-Deals, die mit ihren Bildern und Skulpturen erzielt werden. Gerhard Richter, auf Platz drei der weltweit Teuersten, hat sich dazu unmissverständlich und natürlich skeptisch geäußert.

Zu den teils überdreht und letztlich wahnsinnig anmutenden Höchstpreisen für Gegenwartskunst passt zwar eine von glänzenden Oberflächen berauschte Digitalgesellschaft, die sich Spektakuläres als Wand-Aktie in die Villen hängen mag, doch die drängende Frage nach der Zukunft der Kunst und ihrer Aufgabe in einer von Krisenherden dominierten Welt ist im Sog der Millionengeschäfte und der flüchtigen Haltungen nicht zu beantworten. Solche Erkenntnisse wollen andernorts, fernab der Markt-Plätze in Basel, Hongkong oder New York, gefunden werden. Basis-Arbeit eben, Forschung.

Ergo: Die Erwartungen richten sich an die Künstler, an jene, die sich nicht auf die Produktion von Schöner-Wohnen- oder Kapital-Anlage-Accessoires beschränken. Sie trifft freilich mit ganzer Härte die These des amerikanischen Intellektuellen Jeremy Rifkin, der die Produktion von Kulturgut als letzte Kapitalismus-Stufe sieht. Der Ökonom warnt indirekt vor dem Verrat der Kunst, wenn er sie vom Wirtschaftsleben vereinnahmt sieht. Tief unten, in den Ateliers, ist es also vonnöten, frei von allen Zwängen und Verlockungen an Freiheit und Zukunft zu arbeiten.

Dass die Aufgabe so leicht nicht zu lösen ist, zeigen zunehmend die Werke der Künstler, die primär nicht ans Verkaufen und ans eigene Überleben denken, sondern bemüht sind, die Probleme dieser Welt – vom Klimawandel über Hass und Gewalt bis zur Migrationsproblematik – mit bildnerischen Mitteln zu bewältigen. Indessen kommen viele dieser Versuche, ohne Wenn und Aber, über die Bestandsaufnahme und somit das Illustrative nicht hinaus.

Ja, es scheint sogar auf den Spuren von Marcel Duchamp eine Bewegung zu geben, die bereits kurz vor der Kapitulation steht. Bröckelt der Kunstbegriff nicht bedrohlich, wenn einer der besten Künstler seiner Generation, Christoph Büchel, auf der Biennale in Venedig das 2015 gekenterte und gesunkene Boot ausstellt, das Hunderte von Flüchtlingen in den Tod riss? Ein Kunstwerk? Eher ein Relikt der Katastrophe, ein Mahnmal der Wirklichkeit. Einer sprachlos machenden Realität, in der Kunst, ob von Bling-Bling-Koons oder von Hardcore-Büchel, obsolet und entbehrlich wirkt. Ernüchternd, aber leider wahr.

Der Mythos lebt – KUNSTZEITUNG, Nr. 274

Der Mythos lebt

Jean-Michel Basquiats Kunst elektrisiert nach wie vor

KUNSTZEITUNG Nr. 274, Juni 2019, Titelstory

KUNSTZEITUNG-CoverJahrelang suchte der Sammler Peter Brant nach einem New Yorker Standort für eine Zweigstelle seiner Kunststiftung in Greenwich, Connecticut, deren prächtiges Hauptquartier nur ein paar Schritte von seinem Wohnsitz entfernt ist. Dann erhielt der Zeitungsmagnat, der einst als Herausgeber von „Interview“ tief in Warhols Welt eingetaucht war, von Heiner Friedrich einen großartigen Tipp: Die ehemalige Transformatorenstation im East Village, die einst Walter de Maria als Atelier gedient hatte, stand zum Verkauf. Sechs Jahre und mehr als 25 Millionen Dollar später eröffnete der kompakte dreistöckige Bau als hochelegantes Privatmuseum, ohne seine industrielle Vergangenheit zu verleugnen.

Die eigentliche Energie des neuen Kunstortes generierte jedoch das nach wie vor elektrifizierende Werk von Jean-Michel Basquiat. Eine Soloschau des US-Graffitikünstlers (1960 bis 1988) markierte den Auftakt in den neuen Räumen der Brant Foundation. Sie traf auf enthusiastischen Zuspruch des Publikums. Ein gewisser Lokalpatriotismus stachelte wohl das Interesse an, schließlich lebte der Maler, dessen Familie aus Puerto Rico stammte, in den 1980er-Jahren nur ein paar Minuten von dem Museum im East Village entfernt.

Dass der Wert der 70 Exponate auf eine Milliarde geschätzt wurde und auch die 2017 für den Rekordpreis von 110,5 Millionen Dollar ersteigerte Ikone eines schwarzen, schmerzverzerrten Totenschädels zu den Exponaten gehörte, steigerte noch die Anziehungskraft. Genährt wird diese Faszination aber in erster Linie vom romantischen Mythos rund um Jean- Michel Basquiat, der im Alter von 15 vor dem strengen Vater von zu Hause weglief, auf den damals so gefährlichen Straßen von New York lebte und sich bald als Graffiti-Rebell einen Namen machte.

Zum kometenhaften Aufstieg des Autodidakten trug seine Freundschaft zu Andy Warhol entscheidend bei; der wiederum ließ sich von Basquiats unerschöpflichem Elan zu erneuter Produktivität anstecken. 1984 hatte der schöne junge Mann seine erste Retrospektive in der Fruitmarket Gallery in Edinburgh, die später nach London und Rotterdam wanderte. Am 12. August 1988 fand man den Heroinabhängigen tot in seinem Studio. Er wurde nur 27 Jahre alt.

Freilich war der Tod von Anbeginn Basquiats Wegbegleiter: Der Sensenmann grinst und schreit aus vielen der großartigen Werke. „Eye Rap“ nannte der Kunsthistoriker Robert Storr Basquiats virtuose Fusion verbaler und visueller Elemente. In den makellosen, lichtdurchfluteten Räumen der Brant Foundation wirkte die Konfrontation mit der rohen Intensität und wilden Schönheit von Basquiats Bildern umso erschütternder. Die nächste Ausstellung der Brant Foundation, diesmal am Hauptsitz in Greenwich, gilt einem kongenialen Nachfolger: Der in New York lebende Schweizer Hardcore- Künstler Urs Fischer ist bis zum 14. Oktober mit einem Werküberblick vertreten.

Claudia Steinberg

Ein bisschen Spaß muss sein – KUNSTZEITUNG, Nr. 273

Ein bisschen Spaß muss sein

Humor in der Gegenwartskunst

KUNSTZEITUNG Nr. 273, Mai 2019, Titelstory

Was gibt es eigentlich noch zu lachen? Das fragt man sich bei der allmorgendlichen Zeitungslektüre, wenn am Abend die Nachrichten über den Bildschirm flimmern oder bei Diskussionen über das Weltgeschehen, die sich bis tief in die Nacht hineinziehen. Besucht man Ausstellungen, bietet sich oftmals ein ähnliches Bild: Konsum, Krisen und Katastrophen stehen im Mittelpunkt der zeitgenössischen Kunst. Wütend wird angeklagt, harsch kritisiert – meist verlässt man den White Cube mit betretener Miene.

Ob diese Spaß-Abstinenz wirklich der Weisheit letzter Schluss ist? Daran mag man zweifeln. Fördern nicht gerade die schwärzesten Stunden die lautesten Lacher zu Tage? Entwuchs nicht der Dadaismus den Wirren des Ersten Weltkrieges? Schoß damals nicht Marcel Duchamp mit seiner „Fountain“ den Vogel ab? Und setzten nicht kurze Zeit später die Surrealisten der Wirklichkeit ihren absurden Zerrspiegel vor? Allen voran René Magritte, der Meister des hintergründigen Humors.

All diese Künstler waren geplagt von Krisen, wie wir sie uns heute – nach 70 Jahren Frieden in Europa – gar nicht mehr vorstellen können. Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb, waren sie dem Spaß nicht abgeneigt. Humor ist, wenn man trotzdem lacht – und genauso verhält es sich damit in der Gegenwartskunst. Während sich die Schmunzler bei den Dadaisten und Surrealisten durch das Nicht- Zusammenpassende, das Absurde und Paradoxe ergaben, ist der Humor der letzten Jahre zumeist ein tiefschwarzer. So ließ Maurizio Cattelan in „La Nona Ora“ einen Meteoriten auf Papst Johannes Paul II. plumpsen. Paul McCarthy inszenierte George Bush beim Sex mit Schweinen, und in Jake & Dinos Chapmans „Übermensch“ fährt der Physiker Steven Hawking samt Rollstuhl über eine Klippe. Eher beklommenes Lachen an dieser Stelle. Mit solchen Arbeiten testen und überschreiten die Künstler Grenzen, ob moralische, konventionelle oder soziale – und hat sich nicht die Kunst seit jeher die Grenzüberschreitung zur Aufgabe gemacht?

Freilich geht es auch wesentlich unbeschwerter. Das beweist ein Künstler wie Erwin Wurm mit seinen Gurken-Skulpturen und dynamisch verdrehten, manchmal aufgequollenen Autos. Oder die Amerikanerin Jamie Isenstein, die dem Sofasessel Arme und Beine gibt, weil man doch sowieso so viel Zeit darin verbringt. Nicht zu vergessen die österreichische Künstlergruppe Gelitin, die keine Hemmungen hat, einfach mal einen riesigen Kackhaufen im Ausstellungsraum zu platzieren. Auch wenn solche Interventionen der absurden Art Lacher beim Publikum hervorkitzeln, ist der Humor in der Kunst selten leichte Kost. Indem der Status Quo der Lächerlichkeit preisgegeben wird, setzen sich Künstler und Betrachter zugleich mit ihm auseinander. Durch Humor reflektieren wir Realität auf vergnügliche Weise. Keine schlechte Form der Wirklichkeitsbewältigung.

Viktoria Sommermann

Die berühmte Unbekannte – KUNSTZEITUNG, Nr. 272

Die berühmte Unbekannte

Yoko Ono glaubt an die Macht des Friedens

KUNSTZEITUNG Nr. 272, April 2019, Titelstory

„Bisher hatte ich keinen Erfolg, denn wir haben den Weltfrieden noch nicht erreicht“, sagt Yoko Ono. Für die in Kriegszeiten aufgewachsene japanisch-amerikanische Künstlerin (Jahrgang 1933) ist Frieden, ob zwischen den Geschlechtern, den Klassen oder den Nationen, das wichtigste Anliegen. Deshalb gibt das Museum der bildenden Künste in Leipzig seiner Yoko-Ono-Retrospektive den Titel „Peace is Power“ (4.4. bis 7.7.).

Die Werkübersicht mit mehr als 60 Arbeiten der Fluxus-Ikone und Musikerin – von den nahezu immateriellen „Instructions“ über Zeichnungen bis zu großen Installationen – war Museumsdirektor Alfred Weidinger jedoch längst nicht genug: Bereits vor der Eröffnung zeigte Yoko Ono mit 320 groß aufgeblasenen „Word Pieces“ in der ganzen Stadt Präsenz. Außerdem lud die Künstlerin Frauen in Leipzig und in aller Welt ein, ihre seelischen und körperlichen Verletzungen in anonymen Dossiers zu teilen – diese Leidensgeschichten sind nun Teil der Ausstellung. In einer weiteren Ono-Aktion hängen 300 Poster mit einem nackten Damen-Po in den öffentlichen Toiletten von Leipzig – verbunden mit der Aufforderung, sie mit Graffiti zu versehen. „Es war uns sehr wichtig, dem interaktiven Teil von Yoko Onos Schaffen mehr Raum zu geben als in früheren Ausstellungen, denn ihr ganzes Werk definiert sich schließlich durch die Partizipation des Besuchers“, sagt Weidinger, der Onos tägliche Twitter-Botschaften an ihre vielen Millionen Follower als Weiterführung der 1964 mit dem legendären Buch „Grapefruit“ begründeten künstlerischen Praxis betrachtet.

Dass ihr Anteil an der musikalischen Zusammenarbeit mit ihrem Mann, dem 1980 ermordeten Ex-Beatle John Lennon, nicht ausreichend gewürdigt wird, schmerzt die ambitionierte Feministin noch immer. Sie selbst sah sich allzeit als eine Schwester von Marie Curie – mithin als Entdeckerin. Und als solche wird sie auch in Leipzig gefeiert: „John Lennon tritt bei der Ausstellung nur ein einziges Mal in Erscheinung: in ihrem wichtigen Video ‚Smile‘, in dem auf seinem ernsten Gesicht langsam ein Lächeln auftaucht“, erklärt Alfred Weidinger. Lennon selbst nannte seine Frau „die berühmteste unbekannte Künstlerin der Welt“.

Der Stachel der Verteufelung als vermeintliche Zerstörerin der Beatles ist vielleicht die einzige Bitterkeit, die in dieser eigenwillig weisen Person steckt. Sonst erkennt sie selbst in der Gier ihrer Mitmenschen ein „Zeichen großer Kapazität“ und in ihrer „Wut eine aufsteigende Energie“. In ihrem kürzlich erschienenen Album „Warzone“ heißt es, dass wir alle im Krieg leben. Zugleich beobachtet Yoko Ono eine „Feminisierung der Gesellschaft“. Das von ihr konzipierte Konzert zur Eröffnung in Leipzig – Musiker des Gewandhauses werden im Laufe ihrer Darbietung in Mullbinden gewickelt und verfallen allmählich in Schweigen – vermittelt eine doppeldeutige Botschaft: Stille ist heilsam, das Verstummen jedoch zumindest melancholisch. Aus ihrer in Leipzig zu sehenden meditativen Installation „Ex-It“ wiederum spricht Zuversicht: Aus 100 Holzsärgen für Männer, Frauen und Kinder wachsen junge Bäume heran und künden von der Wiedergeburt der Toten. Yoko Ono bezeichnet sich als Optimistin – aus einem schlichten Grund: „Weil ich lebe“.

Claudia Steinberg

Thriller in der Bundeskunsthalle – KUNSTZEITUNG, Nr. 271

Thriller in der Bundeskunsthalle

Bonn feiert Michael Jackson als Moonwalker der Kunst

KUNSTZEITUNG Nr. 271, März 2019, Titelstory

Was verbindet Rita Ackerman, Candice Breitz und Isa Genzken? Welche Faszination teilen diese Künstlerinnen mit den Kollegen Isaac Julien, David LaChapelle und Paul McCarthy? Antwort gibt eine Ausstellung in der Bonner Bundeskunsthalle, die vom 22. März bis 14. Juli zu sehen ist. Michael Jackson ist es, der diese und zahlreiche andere prominente zeitgenössische Artisten inspiriert hat – musikalisch, vor allem aber künstlerisch. Die Präsentation „On the Wall“, konzipiert von der National Portrait Gallery, London, will vor Augen führen, dass der charismatische Sänger, Tänzer und Entertainer (1958 bis 2009) nicht nur der „King of Pop“ war, sondern allemal auch ein „King of Art“.

Zugang zu diesem Königreich verschaffte ihm Andy Warhol. Wer sonst, möchte man hinzufügen. Bekanntlich hatte Warhol einen siebten Sinn für jene Eigenschaften, die es braucht, um ein Medienphänomen zu werden. Jackson besaß solche Eigenschaften in Hülle und Fülle: Sein Ruhm als Sänger ist auch zehn Jahre nach seinem Tod nicht verblasst – „Thriller“, erschienen 1982, ist bis heute das weltweit meistverkaufte Album. Ebenso herausragend sein tänzerisches Talent, gipfelnd im sogenannten „Moonwalk“ – Fred Astaire nannte ihn gar den „besten Tänzer des Jahrhunderts“. Beides, Musik und Tanz, kulminierte in Jacksons Videos; legendär das über 13 Minuten lange Video zum Song „Thriller“. Nicht zuletzt avancierte er, ausgestattet mit Glitzerhandschuh, weißen Socken und schwarzem Hut, zur Mode-Ikone.

Verklärten ihn zu Lebzeiten die einen als Engel, so verteufelten ihn die anderen als möglichen Kinderschänder. Auf wessen Seite die nun in der Bonner Bundeskunsthalle vertretenen rund 40 Künstler stehen, darüber kann kein Zweifel aufkommen: Für sie ist Michael Jackson allemal ein Held der Kunst. Vielleicht liegen sie damit gar nicht so falsch. Wer hätte schließlich gedacht, dass der Popstar, der sich auf seiner Neverland-Ranch als ewiger Peter Pan inszenierte, ein Faible für die Alten Meister hatte? In einem Interview danach gefragt, welche Persönlichkeit der Vergangenheit oder Gegenwart er am liebsten für ein ausführliches Gespräch treffen würde, entschied er sich für Michelangelo. Mit dem Renaissance-Genie sah er sich auf Augenhöhe. Jackson über Michelangelo: „He was a true artist“.

Jörg Restorff

Für mehr Transparenz – KUNSTZEITUNG, Nr. 270

Für mehr Transparenz

Bénédicte Savoy: Die Wissenschaftlerin als Kulturpolitikerin

KUNSTZEITUNG Nr. 270, Februar 2019, Titelstory

Vor gut einem Jahr erhielt sie den „Kythera“-Preis, der an Persönlichkeiten verliehen wird, „die sich Verdienste um den Kulturaustausch zwischen Deutschland und den romanischen Ländern erworben haben“. Kein Satz könnte die Arbeit von Bénédicte Savoy besser charakterisieren als dieser. Die französische Kunsthistorikerin ist zugleich Professorin an der Technischen Universität Berlin und am Collège de France in Paris. Wie sie die doppelte Belastung bewältigt, ist Außenstehenden ein Rätsel, aber dass sie für ihre Themen brennt, ohne Rücksicht auf Zeit und Aufwand, das können alle bezeugen. 2017 wurde sie einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als sie mit deutlichem Türenknallen den Beirat des Berliner Humboldt Forums verließ. Das sei wie Tschernobyl, klagte sie damals die Mentalität der Museumsleute an; diese, so der Vorwurf Savoys, hielten die Geschichte der ethnografischen Sammlungen wie unter einer Bleidecke.

Selten hat ein einzelnes Wort, noch dazu ausgesprochen von einer durchweg freundlichen, charmanten und ewig jugendlichen Frau, die Museumswelt derart erschüttert wie Bénédicte Savoys Protest. Seither ist Schluss mit der Heimlichtuerei; Sammlungen in Deutschland ebenso wie in Frankreich, aber zunehmend auch in weiteren Ländern begeben sich auf die Suche nach den verschwiegenen Geschichten, die an Sammlungsstücken insbesondere „aus kolonialem Kontext“ hängen. Als bisherigen Höhepunkt verzeichnete Savoy die Berufung zur Restitutions-Expertin, gemeinsam mit dem senegalesischen Ökonomen und Schriftsteller Felwine Sarr, durch den französischen Staatspräsidenten Emmanuel Macron. Ende 2018 legte das Duo seinen Bericht vor, der erneut eine deutliche Sprache spricht: Die Rückgabe des kolonialen Erbes ist alternativlos.

Bénédicte Savoy, geboren 1972 in Paris, hat an der exklusiven École du Louvre Kunstgeschichte studiert. Ihre Dissertation zum europaweiten, insbesondere aber auf deutschem Boden verübten Kunstraub unter Napoleon öffnete ein lange Zeit verschüttetes Forschungsgebiet und brachte ihr 2003 eine Juniorprofessur an der TU Berlin ein. Auszeichnungen und Preise begannen sich zu häufen, gekrönt 2016 vom Leibniz-Preis. Im selben Jahr erfolgte die Berufung ans Collège de France. Savoy aber machte es zur Bedingung, ihre Berliner Professur zu behalten und die hiesigen Forschungen fortzusetzen. Außerdem ist sie da ganz nah dran am Humboldt Forum, dessen gefürchtetste Kritikerin sie ist und bleiben wird.

Bernhard Schulz

Radikaler Perspektivwechsel – KUNSTZEITUNG, Nr. 269

Radikaler Perspektivwechsel

MeToo im Kampf gegen den männerdominierten Kunstbetrieb

KUNSTZEITUNG Nr. 269, Januar 2019, Titelstory

Die #MeToo-Bewegung belegt auf der aktuellen „Power 100“-Rangliste des Kunstmagazins „ArtReview“ Platz drei der einflussreichsten Kräfte im Kunstbetrieb. Was auch immer man von Ranking-Hitparaden halten mag: Es ist nur folgerichtig, dass der Kampf gegen männlich betriebene sexuelle Übergriffigkeit und Unterdrückung, der im Dunstkreis des Harvey-Weinstein-Skandals zunächst die Filmindustrie erfasste, auch die Kunstwelt erreicht.

Diese Entwicklung kommt keine Minute zu früh. Für die längst fällige Neubewertung der männerdominierten Kunstgeschichte tritt die feministische Aktivistinnen-Gruppe Guerrilla Girls seit Dekaden radikal-aufklärerisch ein. Insofern ist #MeToo eher als Sprachrohr längst vorhandener Stimmen zu sehen, die durch verstärkte Bündelung und Verbreitung jetzt auch entsprechend vernommen und angehört werden.

Im Zeichen wachsender #MeToo-Awareness, für die hierzulande engagierte Mitstreiterinnen wie die in Braunschweig lehrende südafrikanische Künstlerin Candice Breitz eintreten, zeichnen sich in Museen und Ausstellungsinstitutionen derzeit zwei Hauptstrategien ab: die punktuelle Werk-Entfernung und das gezielte Zeigen in Verruf geratener Künstler. Beides soll Diskussionen schüren und – geschlechterübergreifend – für Schieflagen der Macht sensibilisieren. Ethische Ansprüche treten dabei an die Stelle von unreflektiertem Geniekult. Ästhetische Traditionen werden hinterfragt und mehr Diversität eingefordert. Zuvor geduldete Zudringlichkeit und Aggressivität individueller Künstler sind passé. Auch Sammlungsbestände werden diesbezüglich überprüft.

So hängte Anfang des Jahres die Kuratorin Clare Gannaway von der Manchester Art Gallery das von unbekleideten weiblichen Wassergottheiten bevölkerte Gemälde „Hylas und die Nymphen“ (1896) von John William Waterhouse vorübergehend ab. Stattdessen richtete sie ein Publikumsforum zur öffentlichen Erörterung sexistischer Darstellungsweisen des weiblichen Körpers ein. Die Fondation Beyeler in Riehen hingegen ging jüngst mit ihrer Balthus-Schau auf visuellen Konfrontationskurs. Das darin enthaltene Werk „Thérèse träumt“ (1938) des Produzenten umstrittener Bildnisse junger Mädchen geriet bereits am New Yorker Standort im Metropolitan Museum of Art ins #MeToo-Visier. Die Riehener Ausstellung versuchte, die Kontroverse um Balthus ins Begleitmaterial zu integrieren.

Im Zuge der #MeToo-Initiativen, die sich gegen den Chauvinismus des Kunstbetriebs richten, rührt sich derweil die Sorge um Zensur und um Gegenschläge, wodurch die Inkunabeln und Malerfürsten der Kunsthistorie ins Off diskreditierter Ausgemusterter verbannt würden. Die Hinterfragung des Status quo kann nicht zum Ergebnis haben, dass Museen ihrer Exponate entleert werden und die Historie ihrer einstmaligen Stars entledigt wird. Oder dass sich ein kommentierender Schilderwald vor die Kunstbetrachtung schiebt. Vielmehr geht es um eine Bewusstmachung für die Strukturen und bisherigen Rahmungen, die unseren (westlichen) Kunstbegriff schmalspurig definierten. Die kritische Aufarbeitung dieser in die Gegenwart hineinreichenden Geschichte ist unabdingbar für die Ermöglichung einer Zukunft, in der repressive Mechanismen jedweder Art keinen Raum mehr haben.

Belinda Grace Gardner

Frohes Shoppen! – KUNSTZEITUNG, Nr. 268

Frohes Shoppen!

Der Homo consumens ist nahezu vollständig “entweihnachtet”

KUNSTZEITUNG Nr. 268, Dezember 2018, Titelstory

Die Idee, mittels eingängiger Volksweisen, flackerndem Kerzenlicht und Zimt- und Zuckeraromen, kurzum, mittels einer perfekt abgestimmten Orchestrierung sinnlicher Stimulanzien zumindest metaphorisch Licht in die dunkelsten Tage des Jahres zu bringen, zählt gewiss zu den cleversten PR-Konzepten christlicher Kulturgeschichte. Und nicht nur das: Wohl kein anderes jährlich wiederkehrendes Ereignis hat einen derart komplexen Einfluss auf Psyche und Ökonomie unserer Gesellschaft – sieht man einmal ab von militärischen, epidemischen oder klimatisch bedingten Katastrophen.

Das kommt nicht von ungefähr und lässt sich kaum allein mit den Heilsversprechen des Christentums erklären. Nein, es ist vor allem die totale Konterkarierung seiner exakt die altruistisch geprägte „Nächstenliebe“ ins Zentrum stellenden Lehre durch einen entfesselten Kommerz, der Jahr für Jahr neue Rekordmarken setzt. So geht der HDE (Handelsverband Deutschland) allein für das Weihnachtsgeschäft 2018 von einem Einzelhandelsumsatz von sage und schreibe EINHUNDERT MILLIARDEN EURO aus. Und das bedeutet, dass 2018 noch die profansten Alltagsgüter, von der Unterhose bis zur Gewürzmischung, von der Hautcreme bis zum Mehrfachstecker, mit einer Christkind-und-Tannenbaum-Aura aufgeladen werden.

Das gelingt, wie wir wissen, allerdings nur bedingt und lässt sich bereits seit Ende Oktober in all seiner misslungenen Vielfalt besonders anschaulich auf den von Glühwein durchtränkten Weihnachtsmärkten unserer Klein-, Mittel- und Großstädte besichtigen. Gleichwohl stellen diese abstrusen Verpackungs-, Namens- und Design-Eskapaden nur einen Aspekt dieses konsumistischen Showdowns dar. Mindestens ebenso wichtig für das Erreichen des Umsatzzieles ist ein durch und durch weichgekochter Konsument, eine Art präzise programmierter Kaufroboter, der nur von einem einzigen Impuls gesteuert wird: von dem Motiv des Kaufen- und Schenken-MÜSSENS.

Inzwischen ist dieser Homo consumens jedoch soweit „entweihnachtet“, dass er praktisch jede Möglichkeit nutzt, sich der lästigen, von zahllosen Befindlichkeiten durchdrungenen Schenkerei zu entledigen. Und so wundert es nicht, dass, wie die „Bild“-Zeitung ermittelt hat, „jeder Zweite Gutscheine verschenken“ will. Na dann: Frohes Shoppen!

Volker Albus

"Dat Bild is jut" – KUNSTZEITUNG, Nr. 267

“Dat Bild is jut”

Zum Hundertsten: Erinnerung an den Düsseldorfer Galeristen Alfred Schmela

KUNSTZEITUNG Nr. 267, November 2018, Titelstory

In den Siebzigern, damals noch Kunststudenten, fuhren wir von Frankfurt ins Rheinland, um ihn zu beobachten, um uns behutsam anzunähern. An der Städelschule, wo es verpönt war, über Galerien und Messen nachzudenken, zu früh dem Markt hörig zu werden, taten wir so, als sei uns der Museumsbesuch in Köln oder Düsseldorf wichtig. Doch insgeheim spähten wir längst, vom Karriere-Gedanken beseelt, nach einem einflussreichen Händler, der uns womöglich später vertreten könnte. Neben Graubner und Palermo, neben Beuys und Uecker.

Einer, der mich besonders faszinierte, war Alfred Schmela, ein fülliger Patron, der sich selbst als Maler (Signatur: „Hepp“) versucht hatte, der von seinen Künstlern so intensiv geliebt wurde, wie ihm die Sammler völlig vertrauten. Der kauzig wirkende Grantler, der mittags um zwei immer noch im Schlafrock von zu Hause aus seine Avantgarde-Geschäfte machte, pflegte auch auf den Kunstmessen einen eher abweisenden Umgangsstil, der niemals den Eindruck entstehen ließ, dass der Mann etwas verkaufen wollte. Irritierend. Dabei hatte ich gelesen, dass er, der Pionier der rheinischen Szene, schon in den sechziger Jahren zu den wichtigsten Händlern gehört haben sollte, wie die Amerikaner Leo Castelli und Sidney Janis.

Während wir in Frankfurt, Klasse Raimer Jochims, Malerei und Kunsttheorie, wöchentlich intellektuelle Pirouetten drehten, um das Geheimnis der Kunst eloquent aufzudröseln, tönte Schmela kurz und bündig „dat is jut“. Basta. Verkauft. War es der von ihm erläuterungslos vorgetragene Qualitätsaspekt, dachte ich, oder hatte er dank seiner persönlichen Ausstrahlung die Autorität, Sammler zu überzeugen. Vielleicht beides. Auf jeden Fall gilt Alfred Schmela bis zum heutigen Tag als legendärer Galerist der Nachkriegszeit, als genialer Vermittler der nonverbalen Fraktion.

Wenn er nun, vom 24. November bis zum 20. Januar 2019 im Schmela Haus der Kunstsammlung NRW mit einer von seiner Enkelin Lena Brüning kuratierten Ausstellung geehrt wird, dann ist nicht nur der 100. Geburtstag (23. November) des 1980 gestorbenen Galeristen zu feiern, sondern zudem etwas, was verloren gegangen scheint: die Liebe zur Kunst. Alfred Schmela sprach gerne vom Gespür. Und dieser Instinkt, über den heute viele aus der ständig weiter zunehmenden Spekulanten-Schar unter den Sammlern verfügen möchten, war es wohl auch, der ihm kommerziellen Erfolg bescherte.

Als Schmela im Jahr 1957, nach sechs Jahren eigener künstlerischer Arbeit, seine Galerie in der Düsseldorfer Altstadt, Hunsrückenstraße 16, mit Werken von Yves Klein eröffnete, kosteten dessen leuchtende Farbtafeln 200 bis 250 Mark pro Unikat. Millionen-Objekte, aus heutiger Sicht. Natürlich verzeichneten die Werke seiner Künstler schon zu Lebzeiten Schmelas deutlichen Wert-Zuwachs, doch kein Vergleich mit den teils atemberaubenden Renditen, die in den vergangenen vier Jahrzehnten erzielt wurden – zumal er von den Sechzigern an auch mit amerikanischer Kunst handelte, darunter Arbeiten von Sam Francis, Robert Morris und George Segal.

Vielleicht war es der Künstler-Spirit in ihm, der bisweilen zu abenteuerlich kreativen Verrenkungen im Händler-Dasein führte. Der 2013 verstorbene Maler Gotthard Graubner, der Schmela vor knapp 60 Jahren auf einer Reise nach Paris begleitet hatte, erinnerte sich später lachend daran, wie sein Galerist auf der Rückfahrt einen irre stinkenden Käse ins Auto packte – und an der Grenze flott durchfahren durfte, weil der Zöllner beinahe ohnmächtig wurde. „Käse, man riecht et; fahrn se weiter.“ Derweil lag im Wagen, unentdeckt, eine Brancusi-Plastik. Graubner: „Wie er solche Probleme anging, war charakteristisch für Alfred. Er verlegte sich nicht aufs Argumentieren, sondern setzte dort an, wo seine Stärke lag – bei den Sinnen.“

Karlheinz Schmid

Comeback der Op Art – KUNSTZEITUNG, Nr. 266

Comeback der Op Art

Die Wiederentdeckung von Victor Vasarely

KUNSTZEITUNG Nr. 266, Oktober 2018, Titelstory

Logisch, keine Zweifel; es kommt auf den richtigen Zeitpunkt an. Nachdem die Schirn Kunsthalle schon vor über zehn Jahren, zur Überraschung der Branche, voreilig wirkend, einen ersten Anlauf machte und die in den Sechzigern vielbeachtet geborene, drei Jahrzehnte später aber völlig verpönte Op Art wieder diskursfähig machen wollte, wagen die Frankfurter Museumsleute jetzt einen zweiten Versuch, das Werk des unbestrittenen Op-Meisters Victor Vasarely (1906 bis 1997) ins Licht zu setzen. Bis Mitte Januar heißt die jüngste Städel-Ausstellung „Im Labyrinth der Moderne“, und diesmal geht es, dank dieser umfangreichen, von Martin Engler und Jana Baumann kuratierten Retrospektive, ausschließlich um Vasarely.

Der große Augen-Täuscher, der auf einer Basis mathematischer Gesetzmäßigkeiten und geometrisch aufgeladener Strukturen das Zweidimensionale so raffiniert dynamisieren konnte, dass Räume entstanden, hat jetzt freilich alle Chancen, erneut und endgültig ins Firmament der Kunstgeschichte aufzusteigen. Denn die nachrückende Generation hat schließlich auch keine Probleme mit Flokati-Teppichen oder Lava-Lampen; sie nimmt dankbar an, was ihr Großeltern hinterlassen haben – und prüft„ den vermeintlichen Plunder auf Verwertbarkeit. Ein sich kühn in den Raum blähender Vasarely-Siebdruck hat plötzlich wieder Zukunft„, wird aus Opas unterster Grafi…k-Schublade gekramt und gerahmt an die Wand gehängt. Wartezimmer-Ästhetik der siebziger Jahre.

Das nun angesagte Comeback von Vasarely & Co. und der in Frankfurt zu erwartende Besucher-Erfolg resultieren freilich vor allem aus der Tatsache, dass seit etwa drei Jahren, seit der Op Art- und Kinetik-Schau in der Kunsthalle Würth, laufend Nachrichten eintre‡ffen, die von einem neuen Interesse an der vorübergehend nur noch als gefällig denunzierten Kunst zeugen. Mal erzielen diese Bilder wieder stattliche Preise in Auktionen, mal gehört sogar ein renommiertes Museum zu den Einkäufern, etwa die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Auch die Deutsche Bank oder die Kulturstiftung des Bundes engagieren sich für den französischen Künstler ungarischer Herkunft„. Das Museum im Kulturspeicher Würzburg bot zum 20. Todestag eine umfassende Ausstellung. Und gewiss ist es kein Zufall, taucht ein sich verschlankendes und dann wieder zunehmendes Rechteck-Muster in einem Kleid-Entwurf von Marina Hoermanseder auf, der Bildhauerin unter den Modedesignern, wie in diesem Sommer auf der Fashion Week in Berlin zu sehen.

Freilich dürft„e der aufkˆeimende Vasarely-Boom nicht nur mit einem Retro-Zeitgeschmack zu tun haben, wo sich vorübergehend fragwürdig gewordene Handschri„ften bildnerischer Art neu und unbekümmert positionieren lassen. Im Falle des Illusionsmalers aus der Fraktion der Konkreten spielt auch die Tatsache eine Rolle, dass es, von außen betrachtet, durchaus so scheint, als seien die he„ftigen familiären Auseinandersetzungen um den Nachlass und die Sti„ftung des Künstlers in Frankreich bewältigt. Vorübergehend traute sich nämlich kein Vermittler mehr, Pläne zu schmieden, wenn Victor Vasarelys Erben oder ehemalige Handlanger einbezogen werden mussten. Die Skandale, beispielsweise um verschwundene Werke oder um blanko signierte Zertifi…kate, mochten kein Ende nehmen. Zudem soll ein früherer Stift„ungspräsident reichlich Geld veruntreut haben. Aff‡ären von gestern.

Was im Zuge der Wiederentdeckung von Victor Vasarely und der Op Art derzeit am meisten interessiert, ist die Frau im Schatten des Pioniers. Claire Vasarely, so sagte ihr Enkel Pierre vor drei Jahren in einem öffentlichen Gespräch in Schwäbisch Hall, Kunsthalle Würth, sei an der Kunstakademie in Budapest, wo sie zeitgleich mit Victor studierte, die Begabtere gewesen: „Ihre Werke hatten mehr Strahlkraft„“. Wie so oft„: Auch Claire Vasarely, 1990 gestorben, opferte die eigene Karriere dem Erfolg des Mannes. Es wird Zeit, sich das Werk genauer anzusehen. Sicher derweil, dass sich für einen anderen Vasarely, für Jean-Pierre Vasarely, 2002 gestorben, kein Platz in der Kunstgeschichte …finden lässt. Der unter dem Künstlernamen Yvaral agierende Artist hantierte zu nah am Werk des Vaters.

Karlheinz Schmid

Zeitloser Klassiker – KUNSTZEITUNG, Nr. 265

Zeitloser Klassiker

Berlin: Vor 50 Jahren wurde die Neue Nationalgalerie eröffnet

KUNSTZEITUNG Nr. 265, September 2018, Titelstory

Eigentlich müssten am 15. September in Berlin die Korken laut knallen. Denn vor exakt 50 Jahren wurde die Neue Nationalgalerie eröffnet, entworfen von Ludwig Mies van der Rohe. Ein zeitloser Klassiker, wie diese einzigartige Architektur immer wieder gelobt wird. Doch gibt’s was zu feiern, und wo sollte die Party stattfinden? Die Architektur-Ikone, ausgehöhlt und verhüllt, ist geschlossen, seit Jahren schon. Nach fünf Jahrzehnten permanenter Nutzung war sie sanierungsbedürftig. Wenn das Museum, voraussichtlich im Jahr 2020, wiedereröffnet wird, hat die Umsetzung der Maßnahme etwa doppelt so lange gedauert wie einst der Neubau.

Vom Spatenstich, 1965, bis zum Start mit einer Mondrian-Schau, 1968, ging es zügig voran, und die Gesamtbaukosten, etwa 25 Millionen Mark, fielen selbstverständlich ebenfalls niedriger aus als die Sanierung heute. Immerhin hat sich im Zuge der Entkernung und der dabei sichtbar gewordenen schweren Beton-Schäden, korrodierende Armierung inklusive, sowie durch allerlei Kostensteigerungen während der Planungs- und Bauphase gezeigt, dass insgesamt rund 110 Millionen Euro ausgegeben werden müssen, um die historische Substanz auch nach den Vorgaben des Landesdenkmalamtes in die Gegenwart zu retten. Obgleich das in Berlin überall tätige Büro von David Chipperfield 2012 mit dem Projekt beauftragt wurde, steht als Berater der Intimkenner des Gebäudes schlechthin zur Verfügung, nämlich Dirk Lohan, Chicago, Enkel von Mies van der Rohe. Er war bereits in den Sechzigern als Bauleiter der Nationalgalerie tätig und kennt jeden Winkel, jedes Material.

Apropos: Dass die Sanierung teurer ausfällt als so mancher Neubau, verwundert nicht. Denn die verantwortlichen Bundesbau-Experten, die zeitgleich mit Widerständen und Verzögerungen beim Pergamonmuseum kämpfen müssen, sind teils weltweit unterwegs, um die optimalen Baustoffe zu besorgen und den Klassiker für kommende Generationen zukunftsfähig zu gestalten. So kommen spezielle Verglasungen, jeweils rund 20 Quadratmeter groß, sogar aus China, weil solche Großformate hierzulande nicht produziert werden. Der erhebliche Aufwand, eine liebvolle, ungeheuer achtsame Sanierung, lässt daran denken, dass das Gebäude vor 50 Jahren so unumstritten nicht war.

Der Happening-Meister Wolf Vostell war es, der 1968 zu den schärfsten Kritikern gehörte, die fürchteten, der Bau könne nur dazu dienen, die Kunst zu zelebrieren. Das sei nicht mehr zeitgemäß. Er lieferte prompte einen „Anbauvorschlag“, eine Collage aus Gebäude- und Küchenmixer-Fotografien. Seine Botschaft: Diese Architektur verquirlen, aus der verbleibenden Masse etwas völlig Neues formen. Und der „Zeit“-Autor Gottfried Sello meckerte, dass der neue Bau „den großartigen Endpunkt musealer Entwicklung“ markiere, nicht aber einen Neubeginn. Heute, 2018, scheinen diese Einwände kaum mehr nachvollziehbar. Die Neue Nationalgalerie, von ihrem Leiter Joachim Jäger sowie dem Nationalgalerie-Direktor Udo Kittelmann gesteuert, hat in der Vergangenheit oft genug bewiesen, wie sie von der Klassischen Moderne bis zur jüngsten Gegenwart den Bogen spannen kann. Eine Publikation der Freunde der Nationalgalerie, die in diesem Monat unter dem Titel „Die Ausstellungen“ erscheinen wird, soll Zeugnis geben.

Karlheinz Schmid

Grünes Licht für zeitgenössische Kunst – KUNSTZEITUNG, Nr. 264

Grünes Licht für zeitgenössische Kunst

Der Sommer der Skulpturen macht dem White Cube Konkurrenz

KUNSTZEITUNG Nr. 264, August 2018, Titelstory

Die Manifesta 12, die noch bis zum 4. November in Palermo gastiert (siehe KUNSTZEITUNG 7/18, Seite 9), möchte am liebsten den ganzen Planeten in einen Garten verwandeln (Motto der Biennale: „Planetary Garden“). In New York reinszeniert die japanische Künstlerin Yayoi Kusama einmal mehr ihr legendäres Spiegelkugel-Happening „Narcissus Garden“. Parallel läuft im St. Galler Kurort Bad Ragaz und in der Liechtensteiner Hauptstadt Vaduz die siebte Ausgabe der Bad RagARTz Triennale – mehr als 400 Skulpturen haben hier unter freiem Himmel einen naturverbundenen Auftritt. Derweil ziert in Salzburg ein riesiger Stern das innerstädtische Grün („Krauthügel“-Projekt von Paul Wallach). Skulpturenparks, ob im österreichischen Premstätten oder im nordrhein-westfälischen Wuppertal, erfreuen sich zunehmender Beliebtheit, und Tobias Rehbergers Parcours „24 Stops“, der die Fondation Beyeler in Riehen/Basel und den fünf Kilometer entfernten Vitra Campus in Weil am Rhein verbindet, garantiert Wanderlust und Kunstgenuss in einem.

Flora und Fauna scheinen als Thema der Kunst, allemal als ihr Schauplatz so populär wie lange nicht mehr. Kein Wunder angesichts der mediterranen Temperaturen, die inzwischen auch in nordalpinen Gefilden zum ausgiebigen Aufenthalt im Freien locken. Der Sommer der Skulpturen macht dem White Cube in den Museen und Kunsthallen jedenfalls ordentlich Konkurrenz. Ein Trend, der auf eine lange Vorgeschichte zurückblicken kann. Klammert man die originäre Gartenkunst einmal aus, so spannt sich durch die Kunstgeschichte ein grüner Faden, der von Antoine Watteaus „fête galantes“ über Claude Monets Garten in Giverny und Max Liebermanns Garten in der Villa am Wannsee (die aktuelle Sonderausstellung „Max Liebermann und Paul Klee. Bilder von Gärten“ läuft noch bis zum 17.9.) bis zu den Skulptur Projekten Münster und den Blickachsen in Bad Homburg reicht. Überall ist der Dialog mit der Natur unverzichtbar, überall dient sie als Inspirationsquelle und Rückzugsort.

Gar nicht einfach, einen Künstler zu finden, der mit Mutter Natur absolut nichts am Hut hat. Immerhin: Ludwig Meidner (1884 bis 1966), der Großstadt-Expressionist, bezog im frühen 20. Jahrhundert eine klare Gegenposition: „Ich denke mir die großartigsten Dinge aus“, formulierte Meidner, „apokalyptische Gewimmel, hebräische Propheten und Massengrab-Halluzinationen – denn der Geist ist alles, die Natur kann mir gestohlen bleiben.“ Mit der Haltung hätte er es im heutigen Kunstbetrieb schwer.

Jörg Restorff

Der Größenwahn – KUNSTZEITUNG, Nr. 263

Der Größenwahn

Von Rekord zu Rekord: Kunst, superlativisch

KUNSTZEITUNG Nr. 263, Juli 2018, Titelstory

Als sich einst die Gegenwartskunst im XXL-Format breitmachte und den Stadtraum mit haushohen Pop-Art-Objekten, ob Spitzhacke in Kassel oder Krawatte in Frankfurt, beide von Claes Oldenburg, aufsehenerregend eroberte, schien alles einer vornehmlich amerikanischen Künstler-Laune zu entstammen. Letztlich vergänglich. Höher, breiter, schwerer, farbiger – so die Diktion, um schon wenig später vom Superlativ gekrönt zu werden. „Am höchsten“, ja, der Jonathan Borofsky, sein „Hammering Man“, so hieß es in Hessen, sei immerhin 21 Meter hoch. Aufgetrumpft wurde auch mit der tiefsten Tiefe. Nein, nicht das mittlerweile genau 30 Jahre alte, längst völlig abgesenkte „Mahnmal gegen Faschismus“, von Esther und Jochen Gerz in Hamburg-Harburg in die Erde gebracht. Natürlich der Erdkilometer von Walter de Maria, jener im Durchmesser fünf Zentimeter große Messingstab, für Manfred Schneckenburgers documenta 6 im Jahr 1977 in den Friedrichsplatz gebohrt. Bezeichnenderweise sollte dieses Kunstwerk schon Jahre zuvor, freilich anders dimensioniert, anlässlich der XX. Olympiade in München, in bayrische Erde getrieben werden. Weil das Projekt eher unsportlich scheiterte, profitierte Kassel einmal mehr.

Nicht nur Großausstellungen haben in den vergangenen Jahrzehnten laufend erkennen lassen, dass die Öffentlichkeit am Wettbewerb interessiert ist und die extremen, schier unmöglichen Formate liebt. Rankings werden bis zum heutigen Tag wahrgenommen und haben stets ihre Leser. Prominenz- Dichte und Besucher-Quote, Sammlungsbestände und Ankaufsetats, erzielte Höchstpreise, die Material- und Raum-Exzesse – mit Zahlen gewinnt man eben Wahlen. Und selbstverständlich findet seit Jahrzehnten keine Kunstmesse ohne die übliche Semi-Kritiker-Frage statt, wie teuer denn nun das teuerste Objekt auf dem Markt sei. Als kürzlich in Hongkong ein 35-Milllionen-Dollar-Bild von Willem de Kooning verkauft wurde, flippte die Branche richtiggehend aus und schien irrtümlich zu glauben, nun würden auf den Messen nur noch Preise wie in den Auktionshäusern erzielt. Der Art-Basel-Ableger in Asien bekam dank dieser einen Erfolgsmeldung aus dem Firmament der Sensationszahlen einen Auftrieb, dass man im kommenden Jahr einen Hongkong-Boom der Aussteller und Besucher fürchten muss. Es geht ja längst nicht mehr um die Kunst selbst, sondern nur noch um Rekorde, ob in der Atelierproduktion oder im Vermittlungsbetrieb. 450 Millionen für ein Täfelchen aus der Leonardo-Werkstatt – das interessiert; nichts sonst.

Dass all das so ist, mag es die Branche gerne noch so scheinheilig bedauern, hat mit ihr selbst zu tun. Kein Künstler, kein Galerist, kein Museumsleiter, auch kein Kritiker und kein privater Sammler – niemand versäumt es, im Zuge seiner Public Relations auf die Fakten-Tube zu drücken und fleißig zu berichten, wie hoch und wie breit und wie schwer die Kunst und ihr Drumherum sind. Direkte oder versteckte Botschaft: Man hat, ätsch, den Längsten. Ein absurder Größenwahn. So weiß man, dass Olafur Eliassons Wasserfälle in New York 40 Meter hoch ausfielen, dass Daniel Burens Schornstein in Chemnitz, der Lulatsch (laut Wikipedia „das höchste Bauwerk in Sachsen“), über 300 Meter Farbzonen bietet, und freilich läuft die Zahl der Ölfässer von Christos aktueller Arbeit „The Mastaba“ in London (siehe Seite 4) durch die Presse. 7 506 Gefäße auf dem Serpentine Lake, 500 Tonnen schwer – heißa, Verehrung, Grand Old Man! Passend, dass sein 25 Jahre jüngerer Kollege Maurizio Cattelan, nach wie vor einer der humorvollsten Künstler, zungenfertig wie wenige, vor kurzem per Internet den allerbesten Zollstock-Kommentar zum ungebrochenen Rekord-Gerangel geliefert hat. Eine Wohltat.

Karlheinz Schmid

Auf nach Palermo! – KUNSTZEITUNG, Nr. 262

Auf nach Palermo!

Ohne Kuratoren: Die zwölfte Manifesta setzt auf Mediatoren

KUNSTZEITUNG Nr. 262, Juni 2018, Titelstory

Endlich. Es wurde auch höchste Zeit. Wenn am 16. Juni in Palermo, nach drei Tagen der Vorbesichtigung für Presseleute und die sogenannten VIPs, die zwölfte Manifesta eröffnet wird, stehen erstmals nicht die Kuratoren im Mittelpunkt des Geschehens. Die in den neunziger Jahren gegründete europäische Wander-Biennale, die als Non-Profit-Organisation ihren Sitz in Amsterdam hat, wird ganz der urbanen Auseinandersetzung vor Ort gewidmet sein und keinen Raum geben, Star-Allüren auszuleben. So ist es auch kein Wunder, dass kaum jemand in der Branche die Namen der verantwortlichen Kuratoren kennt, die sich diesmal auch bewusst nicht als solche präsentieren, sondern, zurückhaltend, von einer Mediatoren-Aufgabe berichten. In diesem Sinne vermitteln die Ausstellungs- und Projektemacher zwischen Künstlern und Bevölkerung, zwischen einer auf die sizilianische Metropole reagierenden Kunst und eben Palermo selbst. Die Basis ihres Tuns ist ein Palermo-Atlas, der aktuelle Analysen mit historischen Fakten verbindet.

Dass die Manifesta angesichts dieser selbstgestellten Aufgabe in den Händen der richtigen Mediatoren liegt, lässt sich daran ablesen, dass die Biennale-Macher aus dem näheren oder weiteren Umfeld von OMA kommen, dem Büro von Rem Koolhaas (Office for Metropolitan Architecture). Dazu zählen zwei Frauen, nämlich Bregtje van der Haak und Mirjam Varadinis, sowie Andrés Jaque und Ippolito Pestellini Laparelli. Sie bringen Erfahrungen aus der Architektur und der Stadtplanung mit, sie haben als Museumsmitarbeiter oder Filmemacher gleichwohl einen engen Bezug zur bildenden Kunst. Dabei lässt sich zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe, noch in einer Phase einer gewissen Geheimhaltung seitens des Veranstalters, durchaus die Behauptung aufstellen, dass auch die Künstler eher bescheiden als lokale Dienstleister wirken werden, weniger als einfliegende und gefeierte Koryphäen, die vom Duft der großen weiten Welt künden sollen.

Gut so, denn es kann schließlich nicht darum gehen, das international laufend weiter zunehmende, sich ohnehin schon hochtourig drehende Kunstmarkt-Karussell auch noch auf Sizilien gastieren zu lassen. Stattdessen macht es Sinn, diese Manifesta im Sog regionaler Identitätsprobleme zu verorten, die von Flüchtlingsströmen über Arbeitslosigkeit bis zur Luftverschmutzung führen. Selbstverständlich werden auch Mafia-Strukturen thematisiert, obgleich man in Palermo nicht müde wird, unmissverständlich zu betonen, dass es sich um ein schrumpfendes Geschäftsmodell handelt. Vielleicht wollen solche Statements im Kontext jener Städte-PR gesehen werden, die Bürgermeister Leoluca Orlando voller Hoffnung betreibt, um über eine kulturelle Aufwertung der durch Korruption und Kriminalität in Verruf geratenen Kommune nachhaltig den darbenden Tourismus anzukurbeln: Auf nach Palermo!

Naheliegend, dass die Manifesta-Macher aufpassen müssen, dass ihre aus den Konsequenzen der Globalisierung abgeleitete Arbeit nicht fürs reine Stadt-Marketing missbraucht wird. Wenn die beteiligten Künstler in wenigen Tagen, nach etlichen Monaten der Vorbereitung und bis zum 4. November, erstmals zeigen werden, was sie in der Auseinandersetzung mit der historischen, politischen, ökonomischen, religiösen und soziologischen Situation entwickelt haben, wie ihre Antworten lauten, dann weiß man, ob das zur Stunde noch hoffnungsvoll klingende Konzept in der Tat ein Modell auch für künftige Biennalen ist. Sicher ist derzeit nur, dass diese Manifesta so kompromisslos und ambitioniert auf den Ort selbst setzt, wie es bislang noch keine dieser Ausstellungen gewagt hat. Eine Chance, natürlich, aber halt auch eine zum Scheitern.

Karlheinz Schmid

Peter der Große – KUNSTZEITUNG, Nr. 261

Peter der Große

Karlsruhe: ZKM-Chef Peter Weibel macht weiter

KUNSTZEITUNG Nr. 261, Mai 2018, Titelstory

Erinnern wir uns: Drei Jahrzehnte ist es nun her, dass sich in Karlsruhe die Gesellschaft zur Förderung der Kunst und der Medientechnologie gründete, bevor kurz danach, 1989, das auch heute noch einzigartig in der Kultur- und Forschungslandschandschaft stehende ZKM etabliert wurde. Ausgehend von einem Impuls im Kulturreferat der Stadt Karlsruhe, Mitte der Achtziger, dem das legendäre „Konzept 88“ folgte, wurde unter der Regie des Gründungsdirektors Heinrich Klotz ein Zentrum der Bild- und Medienkünste eingerichtet, das durchaus bewusst ans Bauhaus Weimar, 1919, denken lassen sollte. Wurden dort Kunst und Handwerk vermählt, sollte in der badischen Metropole das damals überall aufkeimende Interesse an den Neuen Medien mit der bildenden Kunst gepaart werden. Das Land Baden-Württemberg und die Stadt Karlsruhe, nach wie vor wesentlich an der Bereitstellung des 20-Millionen-Gesamtetats beteiligt, erkannten frühzeitig, dass sie mit einem Zentrum für Kunst und Medien in Deutschland ein unschlagbar nachhaltiges Alleinstellungsmerkmal ins Marketing-Equipment nehmen können. Und so ist es ihnen viel wert, das ZKM, seit 20 Jahren von Peter Weibel wissenschaftlich-künstlerisch geleitet, seit 2002 von der geschäftssführenden Vorstandsfrau Christiane Riedel umsichtig gesteuert, möglichst gut ausgestattet zukunftsfähig zu halten.

Erlahmen die Haushaltspolitiker des Landes und der Stadt, vernachlässigen sie es beispielsweise, notwendige Ankaufsmittel für die ZKM-Museen bereitzustellen, schwingt Weibel seit Jahren die Peitsche und macht unverzüglich Druck. Notfalls mit allen Mitteln. Strategen-Alarm. Klingel-Terror. Nicht lockerlassen. Der 1944 geborene „Medienrebell“ (Weibel über Weibel) und „Kontext Kunst“-Chefideologe, kürzlich 74 Jahre alt geworden, eloquent und vital wie nur wenige seiner Kollegen, nimmt kein Blatt vor den Mund, zumal er genau weiß, wie mächtig er eingeschätzt wird. Ja, unser Peter, Peter der Große, wie manche in der Branche ebenso respektvoll wie süffisant sagen, gehört zu den wenigen international optimal vernetzten Kunstvermittlern. Zu denen, die ihre Kontakte auch gezielt einsetzen. Kein Riese von Gestalt, der Weibel, nicht wie einst der russische Monarch über zwei Meter groß, aber letztlich ebenfalls vom unbändigen Drang geprägt, die Welt zu erkunden, sie zu modernisieren. Zugunsten der von ihm und seinen Leuten geschaffenen Marke. Das ZKM als Trumpf im Investitionsspiel.

Dabei helfen ihm seine intellektuellen Fähigkeiten (unter anderem studierte er Medizin und Mathematik) und sein aus der künstlerischen Praxis abgeleitetes schnelles Denken. In der Tat ist der in Österreich aufgewachsene Peter Weibel, der Theoretiker und Lehrer, der Autor und Kurator, schon früh, mit 23 Jahren, als Mittäter im Wiener Aktionismus aufgefallen. Film- und Fernseharbeiten folgten, ebenfalls Pionierleistungen der Computerkunst, obendrein Musik („Hotel Morphila Orchester“), und natürlich können wir seine innovativen bildnerischen Werke vor allem aus den sechziger und siebziger Jahren nicht vergessen, die im wahrsten Sinne des Wortes aus dem Rahmen fielen, darunter die einbetonierte Zunge, 1973, die ihn freilich nur vorübergehend außer (Sprach-)Gefecht setzte. Logisch, dass man einen solchen Mann nicht in den Ruhestand schickt. Um keinen Preis. Also Vertragsverlängerung. Aus Karlsruhe erreichte uns kürzlich die Kunde, dass Peter Weibel als ZKM-Vorstand weitermacht, immer weiter – zunächst bis Ende 2020.

Karlheinz Schmid

Roboter auf dem Vormarsch – KUNSTZEITUNG, Nr. 260

Roboter auf dem Vormarsch

Werden Automatenwesen die neuen Stars der Kunstwelt?

KUNSTZEITUNG Nr. 260, April 2018, Titelstory

 

Am Anfang der bildenden Kunst steht der Traum vom künstlichen Geschöpf, das dem Menschen ebenbürtig, vielleicht sogar überlegen ist. Ovid, der antike römische Dichter, erzählt in seinen „Metamorphosen“ vom zyprischen Künstler Pygmalion: Eine von ihm geschaffene Elfenbeinstatue, durch Venus auf wundersame Weise zum Leben erweckt, reagiert auf seine zärtlichen Berührungen und beginnt sie zu entgegnen. Rasch wird daraus ein Liebesakt von Mensch und mythologischem Roboter, dem sogar ein gemeinsames Kind entspringt.

In der Folge sollte sich das Pygmalion- Modell freilich allenfalls als Seitenstrang der Kunstentwicklung erweisen, variiert beispielsweise in den „Tableau vivants“, den „lebenden Bildern“, die Ende des 18. Jahrhunderts in Mode kamen. Gemälde, Zeichnungen, Fotografien und Skulpturen – also das, was landläufig nach wie vor als Kunst gilt – zeichnen sich hingegen dadurch aus, dass in ihnen gleichsam ein Augenblick eingefroren ist, dass ein flüchtiger Moment zur Ewigkeit gerinnt.

Doch wird diese Definition von Kunst, so löchrig sie sein mag, in Zukunft noch Gültigkeit beanspruchen können? Eher nicht. Längst prägen den Zeitgeist andere Ideale: Interaktives, Animation, Grenzüberschreitung, solche Begriffe beschreiben den heute gültigen Maßstab. Und der Roboter erscheint als dessen ideale Verkörperung. 40 Jahre, nachdem die „Kraftwerk“- Musiker mit ihrem Song „Wir sind die Roboter“ eine minimalistische Hymne für die Blechkameraden komponiert haben, schicken sich die Automatenwesen, dank rasant fortschreitender Technisierung den Kinderschuhen entwachsen, in der Tat an, die Kunstwelt zu erobern. Das glaubt jedenfalls Boris Pofalla. „In Japan“, so der Kunstkritiker in der „FAZ“, „gibt es schon Hotels, in denen man von Androiden bedient wird. Und doch ist es nicht das Roboterhotel oder die Cebit, wo man der Zukunft denkender Maschinen begegnet; es sind die Museen und Galerien.“ Eine steile These, selbst wenn man berücksichtigt, dass Roboter in der Kunst- und Kulturgeschichte eine prominente Nebenrolle spielen. Man denke an „Frankenstein“, Fritz Langs Stummfilm „Metropolis“ oder an den Video-Pionier Nam June Paik, dessen „Family of Robots“ sogar befreundete Künstler wie John Cage, Merce Cunningham oder Joseph Beuys umfasste. Aus heutiger Warte bemerkenswerte Vorstufen – aber eben nur Vorstufen.

Was im 21. Jahrhundert „state of the art“ ist, demonstriert der amerikanische Künstler Jordan Wolfson mit seiner „Female Figure“. Ein unglaublich geschmeidiger weiblicher Roboter, sexy und furchteinflößend zugleich, der vor einem Spiegel einen lasziven Tanz aufführt, dirigiert von einer Stahlstange, die aus dem Spiegel herausragt. Mehr noch: Die knackige Androidin, ausstaffiert mit Maske, Minirock und hochhackigen Stiefeln, registriert jeden Zuschauer und spricht sogar mit ihm. Möglich machen das 48 Motoren und eine Eye-Tracking- Software, entworfen von Spezialisten, die sonst Monster-Attrappen in Hollywoodfilmen Beine machen. In David Zwirners New Yorker Galerie, wo Wolfsons – auch auf YouTube populäre – Stangentänzerin einen Auftritt hatte, fühlten sich viele Betrachter angesichts dieser hybriden Skulptur verunsichert. Faszination und Abscheu hielten sich die Stange. Pygmalion allerdings, keine Frage, wäre schwer beeindruckt gewesen.

Jörg Restorff

Keine Lust auf Helden der Kunst – KUNSTZEITUNG, Nr. 259

Keine Lust auf Helden der Kunst

Gabi Ngcobo, Leiterin der 10. Berlin Biennale, sieht den Hauptstadt-Hype kritisch

KUNSTZEITUNG Nr. 259, März 2018, Titelstory

 

„Wir sind doch alle postkolonial.“ Als Gabi Ngcobo kürzlich nach einem aktuellen Stichwort gefragt wurde, antwortete sie so plakativ, wie sie es eigentlich nicht mag. „Man sollte vermeiden, solche Begriffe zur Metapher gerinnen zu lassen“, erklärt die Kuratorin beim Gespräch an einem eiskalten, sonnigen Februartag unter dem schrägen Dach der Kunst-Werke in der Berliner Auguststraße. Mit vier Co-KuratorInnen bereitet sie dort die 10. Berlin Biennale vor, die vom 9. Juni bis 9. September an verschiedenen Orten in der Hauptstadt über die Bühne geht.

Wahrscheinlich fehlt die Vokabel postkolonial deshalb in deren programmatischem Statement. Dennoch dürfte beim Biennale-Jubiläum all das, was gemeinhin unter Dekolonisierung gefasst wird, eine Rolle spielen. Schließlich stand der Ansatz, Machtstrukturen mit Gegennarrativen zu konterkarieren, mit am Beginn der „Karriere“ der 1974 Geborenen: der Gründung der Plattformen NGO – Nothing Gets Organised und Center for Historical Reenactments (CHR) in Johannesburg.

Und eben dieser Ansatz führte sie zur Cape07-Biennale in Kapstadt vor zehn Jahren und 2016 nach São Paulo. Wie notwendig er noch immer ist, zeigt sich für sie daran, dass auch in Deutschland mehr von den „schwarzen KuratorInnen“ gesprochen wird als von ihrer Arbeit. „Rassismus hält einen davon ab, seine Arbeit zu tun“, zitiert sie seufzend die amerikanische Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison. Der „process of unlearning“, auf den Ngcobo setzt, klingt nach dem umstrittenen Motto der letzten documenta. Im Sommer wird die BB-Chefin beweisen müssen, dass sie Rhetorik in Ästhetik übersetzen kann.

An der Spree scheint sich Ngcobo eingelebt zu haben. Keine Eröffnung, auf der man sie nicht im Gespräch trifft. Trotzdem achtet sie auf Abstand zum Kunstbetrieb, steht dem Berlin-Hype reserviert gegenüber. „Ich möchte wirklich in der Stadt sein, nicht bloß in einem Hof“, begründet sie, warum sie nicht in das Kuratoren-Apartment der Kunst-Werke in Mitte, sondern in den Wedding gezogen ist. Persönliches gibt sie ungern preis, große Sprüche meidet sie, die Frage nach Vorbildern wimmelt sie entnervt ab. Nicht umsonst hat sie die Biennale „We don’t need another hero“ übertitelt. Offenbar will sie auch an sich selbst die vertrackte Dialektik des Mottos ihres Auftaktprogramms beweisen: „I’m not who you think, I’m not“.

Ingo Arend

Dagobert und die Familie Duck – KUNSTZEITUNG, Nr. 258

Dagobert und die Familie Duck

Plädoyer für die Profil-Schärfung der Branche

KUNSTZEITUNG Nr. 258, Februar 2018, Titelstory

 

Man kann es drehen und wenden, wie man will: Der Kunstbetrieb hat sich verändert, massiv verändert. Ja, es ist im Rausch einer seit Jahren atemberaubend zunehmenden Szene, wo längst Tausende von echten und vermeintlichen Kunstfreunden mitmischen, eine Rücksichtslosigkeit zu attestieren, die bisweilen sprachlos macht. Galt die Kunst einst als eine Domäne der Wahrheitssucher und der Kulturförderer, ist sie heute vor allem ein Spielplatz der Wichtigtuer und Spekulanten. Spaß macht der Auftrieb nicht. Selbst Dagobert Duck, kürzlich 70 geworden, vom Verlag Egmont Ehapa mit drei Neuerscheinungen groß gefeiert, schaut grimmig drein.

Dass der neue Hang zu astronomischen Preisen im Bieter-Gefecht der Auktionen (450 Millionen für rund 3000 Quadratzentimeter Leonardo- Werkstatt!) mit einem Klima der Verunsicherung und Empörung in kulturell wirklich interessierten Kreisen einhergeht, verwundert nicht. Als hätten Fälscher- und Betrüger- Skandale der jüngsten Vergangenheit nicht schon genug Schaden angerichtet, dreht sich die Spirale der Maßlosigkeit immer weiter, immer tiefer. Abgrundtief. Wie in Entenhausen. Die Alarmzeichen wurden allesamt überhört; längst befindet sich die Branche in der absoluten Gefahrenzone, aus der sie sich vorerst aber nicht mehr herauskatapultieren kann. Ächz, japs, keuch: Problem ist, dass im Zuge einer überhandnehmenden Aufweichung sämtlicher Berufsprofile keine Zuständigkeiten und somit keine Verantwortlichkeiten mehr auszumachen sind. Nebel statt Transparenz, heiße Luft statt Analyse.

Die international agierenden Großgaleristen, die Dagoberts, haben sich aus dem mühsamen Geschäft der Nachwuchs-Entdeckung und -Förderung bereits verabschiedet. Ihre Millionen-Umsätze machen diese Big Player unter anderem per (Nachlass-) Handel. Wurde das bildnerische Erbe einzelner Künstler einst Stiftungen und Museen anvertraut, um es wissenschaftlich aufarbeiten zu lassen, werden die kunsthistorischen Weichen inzwischen mit den merkantilen gepaart. Und natürlich nimmt der kapitalstarke Handel tüchtig Einfluss auf kapitalschwache Museen und ihre Programme und/oder ihre Ankäufe. Museumsdirektoren – vielerorts willfährige Handlanger der mächtigen Strippenzieher aus London und New York.

Wer in diesen Zeiten davon träumt, etwas Gutes für die Künstler und die Kunst tun zu können, hat eigentlich schon verloren. Hunderte von Galeristen allein in Deutschland, gewissermaßen Tick, Trick und Track, leiden darunter, dass sie mit den niedrig zu taxierenden Werken der Youngster kaum die Miete für ihre Räume einspielen. Messe-Stände, heutzutage zwingend, können sie sich, uff, leider nicht leisten. Nicht wenige Vermittler arbeiten zusätzlich in anderen Branchen, um das teure Hobby, ihre Galerie, finanzieren zu können. Dabei wird dort oft, von der Politik weder wahrgenommen noch gar anerkannt, echte Bildungsarbeit betrieben. Ehrenamtlich quasi. Nach und nach, so die bittere Prognose, werden diese Lehrstätten dichtgemacht.

Diese Entwicklung passt freilich zum bevorstehenden, comicreifen Untergang des Künstlertums. Von wenigen Stars abgesehen: Die meisten Maler, Bildhauer, Fotografen und Performer haben keine Zukunft in einem Markt, der primär der Kapitalanlage gewidmet ist. Ohnehin dienen Künstler – wie weiland Carl Barks – seit längerem nur noch der Illustration von Theorien, die aus dem Kontext-Allerlei-Topf von häufig völlig überschätzten Kuratoren kommen. Es wird Zeit, dass sich alle am Kunstbetrieb Beteiligten freiwillig auf den Prüfstand stellen. Familien-Rat, Struktur-Konferenz. Häutung statt Häufung!

Karlheinz Schmid

Sauber ins neue Jahr – KUNSTZEITUNG, Nr. 257

Sauber ins neue Jahr

Ethik – das Thema im Kunstbetrieb

KUNSTZEITUNG Nr. 257, Januar 2017, Titelstory

 

Kein Zweifel: Im Rückblick auf 2017 kommt vor allem das kürzlich versteigerte Kleinformat „Salvator Mundi“ in Erinnerung, von Leonardo da Vinci (und/oder einem seiner Schüler) gemalt. Vor 60 Jahren für gerade mal 45 Pfund verkauft, wurde es auf 100 Millionen Dollar taxiert, schließlich für sage und schreibe 450 Millionen Dollar veräußert (es soll fortan im Louvre Abu Dhabi hängen). Ein Wahnsinn! Was Wunder, dass die amerikanische Künstlerin Barbara Kruger, die seit Jahrzehnten kritisch auf die Themen der Zeit reagiert, mit „Our prices are insane“ den überhitzten Kunstmarkt empört kommentiert. Gerne verlässt sie den traditionsreichen Ort der Kunst, das Museum, um ihre Botschaften im öffentlichen Raum zu platzieren, wo sie noch mehr Menschen erreicht.

Bewusstsein bilden, vom Denken zum Handeln zu kommen, das ist eine Aufgabe, die 2018 beherzter als jemals zuvor angepackt werden muss. Denn allein der einst glänzende Kunstbetrieb zeigt am laufenden Band, wie er zuletzt abgestürzt und zur Grauzone mutiert ist. Vom Kunstfälscher Wolfgang Beltracchi bis zum Betrüger unter den Kunsthändlern, Helge Achenbach, reicht die Spur der Verurteilungen aus diesem Jahrzehnt, und wöchentlich kommen neue Fälle justiziabler Art hinzu.

Glaubte man bislang, dass jene zwei Millionen Euro Geldauflage und die Bewährungsstrafe, die in einem Deal zwischen Staatsanwaltschaft und der Familie des vor über einem Jahr verstorbenen Milliardärs Curt Engelhorn ausgehandelt worden waren, den Steuerbetrugsvorgang vergessen lassen, kam kürzlich, als die „Paradise Papers“ veröffentlicht wurden, die Vermutung auf, alles könne noch einmal auf den Prüfstand gestellt werden. Denn die Ermittlungsbehörden hatten bislang offenbar nur den kleinsten Teil des Offshore-Konstrukts aus Trusts, Stiftungen und Briefkastenfirmen ins Visier genommen. Die Reiss-Engelhorn- Museen in Mannheim, die den Namen des 25-Millionen-Mäzens tragen, werden nun darüber nachdenken müssen, ob die Enthüllungen nicht zu Konsequenzen führen sollten.

Das Gebot der Neujahrsstunde heißt Moral. Wenn es in der Kunst selbst um Wahrheit geht, muss auch die Ethik rundum stimmen. Erste Signale, dass 2018 mehr auf Hygiene in der Szene geachtet wird, gibt es bereits. Die Art Basel bereitet, erstmals für ihre Messe in Miami, „Art Market Principles and Best Practices“ vor. Die Messemacher wollen per Compliance-Regeln auf die Aussteller einwirken, ihre Ware vorab noch genauer zu prüfen. Die Galeristen sollen sogar unterschreiben, dass die Künstler für ihre Arbeit adäquat honoriert werden.

In einem solchen Klima des Argwohns gedeiht auch eine Publikation gut, die im kommenden Sommer ausgeliefert wird: „Ethik im Kunstmarkt“ von Ulli Seegers (transcript Verlag). Die Düsseldorfer Juniorprofessorin hat jahrelang über Kunstkriminalität geschrieben und weiß, dass es Zeit ist, den moralischen Zeigefinger zu heben. Denn die deutsche Justiz neigt dazu, das Strafmaß niedrig zu halten, wenn es um Verbrechen im Umfeld der Kunst geht. Kavaliersdelikte, lustige Streiche in einer Branche, die ohnehin meschugge ist, so scheinen sie zu denken, die Richter. Verständlich, wenn 450 Millionen für ein bisschen Malerei in Küchenbrett-Größe gezahlt werden.

Karlheinz Schmid

 

Wahrnehmung und Wahrheit – KUNSTZEITUNG, Nr. 256

Wahrnehmung und Wahrheit

Frank Stella, mittlerweile 81 Jahre alt, macht unermüdlich weiter

KUNSTZEITUNG Nr. 256, Dezember 2017, Titelstory

 

„Es ist immer schon mein Prinzip gewesen, der Kunst das Reden zu überlassen“, erklärt Bonnie Clearwater, Direktorin und Chefkuratorin des NSU Art Museum in Fort Lauderdale im US-Bundesstaat Florida, wo sie in enger Zusammenarbeit mit dem einundachtzigjährigen Künstler die Ausstellung „Frank Stella: Experiment and Change“ organisiert hat (bis 8.7.2018). Am deutlichsten vermitteln die rund 300 Arbeiten aus sechs Jahrzehnten ihre Botschaften im Dialog miteinander, so meint auch Stella, der die Konfrontation heterogener Bilder – dazu zählt er auch seine wuchtigen Wandobjekte – eigenhändig inszenierte.

Ein Schlüsselwerk wie „Delta“ von 1958 verweilt dagegen im Selbstgespräch zwischen Vergangenheit und Zukunft: Unter seiner schwarzen Oberfläche sind rote Linien begraben, während die reliefartige Textur auf spätere dreidimensionale Werke verweist. „Bereits damals folgte er nicht den formalistischen Gesetzen der reinen Malerei, um deren Definition und Umsetzung es seinen Kollegen der New York School in ihrer Abgrenzung von den Abstrakten Expressionisten ging“, erläutert Clearwater.

Vielmehr hatte sich der USKünstler schon während seines Studiums an der Princeton University im Wahrnehmung und Wahrheit Frank Stella, mittlerweile 81 Jahre alt, macht unermüdlich weiter Bundestaat New Jersey, als er erstmals Rogier van der Weydens Altarbild von 1460 im Philadelphia Museum of Art begegnete, einer höheren Mission verschrieben: Seine Kunst sollte die gleiche Wirkung ausüben wie diese meisterhafte niederländische Kreuzigungsszene.

Van der Weydens Einfluss lässt sich unmittelbar in Stellas Diptychen ablesen. Aber auch die 15 Meter lange, an den Umriss einer Autorennbahn erinnernde Leinwand „Deauville“ (1970) geht in ihrer grandiosen Ambition auf das niederländische Vorbild zurück – und findet in den elegant gekurvten Räumen des von Edward Larrabee Barnes gebauten Museums ihr Pendant. Erstmals ist in Florida zudem Frank Stellas „lebendes“ Archiv der Öffentlichkeit zugänglich – unvollendete und verworfene Arbeiten, verspielte und mutige Versuche, an denen sich der kreative Prozess ganz dicht nachvollziehen lässt. „Von dort aus ist es dann leichter, die wirklichen Durchbrüche zu identifizieren“, meint Clearwater. Und Stellas Anliegen zu erkennen, das er aus der propagandageschädigten Nachkriegszeit mitbrachte: den Betrachter das Sehen zu lehren, hinter den illusionistischen Finten der Wahrnehmung die Wahrheit zu entdecken.

Claudia Steinberg

Heitere Kraft, irritierender Zauber – KUNSTZEITUNG, Nr. 255

Heitere Kraft, irritierender Zauber

Peter Raue über Rebecca Horn, die mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis geehrt wird

KUNSTZEITUNG Nr. 255, November 2017, Titelstory

 

Rebecca Horn hat den Praemium Imperiale, den Nobelpreis für Künstler, bekommen, ist Trägerin des Goslarer Kaiserrings und kann auf eine große Freundes- und Sammlergemeinde blicken. Dreifach prasseln die Ehrungen allein in diesem Jahr auf diese 1944 geborene Ausnahmekünstlerin. Sie erhält das Große Verdienstkreuz, den Orden Pour le Mérite für Wissenschaft und Künste und den Wilhelm-Lehmbruck-Preis, den sie am 24. November in Duisburg in Empfang nimmt.

Ein Preis für Skulpturen, erinnernd an den expressionistischen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck. In der Vergangenheit ging diese prestigeträchtige Auszeichnung unter anderem an Joseph Beuys, Eduardo Chillida und Norbert Kricke. Der letzte Preis wurde 2006 verliehen. Erst elf Jahre später nimmt die Stadt Duisburg diese Tradition wieder auf. Es ist schmerzlich, nicht verschweigen zu können, dass Rebecca Horn vor zwei Jahren einen Schlaganfall erlitten hat und seitdem stark in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt ist. Diese dunkle Nachricht wird erhellt und erträglich durch die Heitere Kraft, irritierender Zauber Peter Raue über Rebecca Horn, die mit dem Wilhelm-Lehmbruck-Preis geehrt wird Erkenntnis, dass sie in jüngster Zeit einige großartige Skulpturen erschaffen hat, die anlässlich der Preisverleihung in der mit ihr Hand in Hand gehenden Ausstellung gezeigt werden.

Der Verfasser dieser Zeilen bekennt, dass kein Künstler in den letzten vier Jahrzehnten ihn so beeindruckt und beglückt hat wie Rebecca Horn. Ihr Oeuvre ruht auf drei Säulen: oft großformatige, zart-abstrakte Zeichnungen, Filme und schließlich die Skulptur.

Unmöglich, auch nur annähernd aufzublättern, welche heitere Kraft, welch irritierender Zauber aus ihren skulpturalen Werken erstrahlt. Leicht, oft beweglich, gibt es mindestens zwei Komponenten, die das Werk so außerordentlich machen: eine subtile Erotik und zugleich eine manchmal erschreckende Aggression. Da hängt in der Luft kopfüber ein Flügel. Der Betrachter hört plötzlich Klaviermusik, der Flügel öffnet sich, bis er mit einem Krach, als ginge die Welt unter, das Innere herausspeit. Da ist die Geige. Den Betrachter rührt das zarte Geigenspiel, bis auch diese Musik durch ein lautes Herabfallen von Bogen und Geige erschreckend endet. Der große, blaue Schmetterlingsflügel auf einer sich brutal von oben nach unten bewegenden Maschine, zart und wütend!

Es ist gut, dass dieses Lebenswerk geehrt wird mit dem Lehmbruck- Preis, mit einer großen Ausstellung, auf die wir uns freuen und zu der wir gratulieren.

Boom der Bilder – KUNSTZEITUNG, Nr. 254

Boom der Bilder

Trotz Internet und Instagram: Die künstlerische Fotografie lebt

KUNSTZEITUNG Nr. 254, Oktober 2017, Titelstory

 

Wie viele Fotografien pro Tag gemacht werden, weiß nicht einmal das Internet genau. Es sind zahllose – buchstäblich. Sie sind allgegenwärtig und liefern die Brille, mit der wir die Lebenswelt wahrnehmen. Fotografie hat die Künstler um ihr Privileg der Bildschöpfung gebracht. Dank entsprechender Apps sind alle Menschen in der Lage, durch Knopfdruck mit ihnen gleichzuziehen. Selbst im Modus prägender Kunstrichtungen. Wer Instagram oder vergleichbare Bilder- Arsenale durchklickt, muss zudem das Vorurteil begraben, dass sämtliche dort verbreiteten Bilder ästhetisch minderwertig sind. Im Vergleich zu vielen Produkten der legitimierten Fotokunst sind etliche von „Amateuren“ gepostete Fotografien sogar ästhetisch couragierter.

Für eine künstlerische Fotografie bedeutet das keineswegs den Untergang. Trotz mitschwingender Mahnung an ihre Urheber, die eigenen künstlerischen Vorstellungen nicht als gesetzt zu betrachten. Die einzige Gefahr aber droht von der Technik, die scheinbar alle schwierigen Herausforderungen erledigt. Dass die real ist, zeigt das erbärmliche Mittelmaß der vielen von des Gedankens Blässe angekränkelten Zeugnisse gegenwärtiger Fotokunst. Hatte Vilém Flusser von den Künstlern noch verlangt, gegen die Intention der Maschinen zu arbeiten, lautet jetzt die Devise, die suggestive Macht der medialen Bildwelt zu brechen, zu travestieren, zu pervertieren und zu untergraben – mitsamt den falschen Prämissen, denen sie gehorchen. Es geht darum, das Vertraute fremd erscheinen zu lassen, rätselhaft, uneindeutig, auch unheimlich – und überraschende Orientierung zu weisen.

Natürlich gilt für jedes Bild zuerst, Aufmerksamkeit zu generieren wie die Reklame, aber im Gegensatz dazu, einen zweiten Blick zu provozieren und jenen fruchtbaren Funken zu entzünden, der Irritation auslöst, Hirntätigkeit in Gang setzt und die Fragen aufwirft, die nicht aufhören. Darin wahre Meister sind Anna & Bernhard Blume, Klassiker der Fotokunst. Und immer gut für jene verblüffende Einsicht, dass man nicht glauben kann, was man sieht. Ihre Bilder sind mit der äquilibristischen Leichtigkeit, visuellen Intelligenz und dem subversiven Humor inszeniert, die deutscher Kunst so schwerfällt.

Klaus Honnef

Offensive am Kap – KUNSTZEITUNG, Nr. 253

Offensive am Kap

Afrikas Kunst boomt

KUNSTZEITUNG Nr. 253, September 2017, Titelstory

 

Naturgemäß besucht Südafrika kaum einer mit dem Ziel Kunst. Vielmehr begeistern sich die Touristen für die wilden Tiere, Surfstrände oder Straußenfarmen. Wird ein Museum betreten, gilt das Augenmerk mehr der jüngeren Zeitgeschichte – etwa in Johannesburgs großartigem Apartheid-Museum. Tatsächlich brüsten sich mit Kunstangeboten nicht einmal die touristischen Vermarkter des Landes.

Das könnte sich nun ändern. Kapstadt wird Kunststadt. Mit dem Zeitz Museum of Contemporary Art Africa (MOCAA) geht am 22. September eines der größten Museen Afrikas für zeitgenössische Kunst an den Start. An der Victoria & Alfred Waterfront, Kapstadts beliebtem Ausgehviertel am Hafen, bezieht die Kunst Quartier im umgebauten Getreidesilo von 1921. Auf neun Etagen packt Jochen Zeitz unter anderem seine Privatsammlung. Der in Kapstadt lebende deutsche Manager und Hotelier ist neben Sindika Dokolo, Kamel Lazaar und Nduka Obaigbena einer der führenden Sammler Afrikas und bekannt für Nachhaltigkeitsinitiativen. Es ist zu erwarten, dass sein Korn-Kunst- Speicher eine Erfolgsstory wird. Auch andere Hoteliers zeigen im Land am Kap Kunst-Einsatz. Paul Harris, laut Forbes 250 Millionen Dollar schwer, spickte das Ellerman House mit mehr als 800 Werken Einheimischer aus seiner Kollektion und gab jetzt ein Buch zur Sammlung heraus, das auch Südafrikas Kunstgeschichte behandelt. Zu den Aktivposten zählt William Kentridge, nicht uninteressant Dianne Victor oder Lionel Smit.

Afrikas Gegenwartskunst boomt. Und das gilt nicht nur für Südafrika, sondern auch, um nur ein Beispiel herauszugreifen, für die Demokratische Republik Kongo; eine Ausstellung in der Pariser Fondation Cartier, betitelt „Beauté Congo – 1926–2015 – Congo Kitoko“, unterstrich unlängst die Vitalität der Kunstszene im viertgrößten afrikanischen Staat. Dabei differenzieren viele Deutsche wenig: Künstler beklagen, dass Afrika oftmals als Land und nicht als Kontinent betrachtet werde. Nicht nur Julie Mehretu oder Wangechi Mutu aus Äthiopien und Kenia, beide bei Zeitz, wollen jedoch nicht im großen Eintopf mitschwimmen. „A Labour of Love“ mit südafrikanischen Werken der 1980er Jahre sowie Beispielen jüngerer Produktion ist nunmehr in der Johannesburg Art Gallery zu sehen. Kuratiert wurde die von ihr auch mitbespielte Schau von Gabi Ngcobo, Künstlerin und Dozentin an der Wits School of Arts Johannesburg und Kuratorin der 10. Berlin Biennale. Dort will sie im Juni 2018 einen Plan vorstellen, wie man „kollektivem Wahnsinn entgegentreten kann“.

Unterdessen geht im November in Paris die „AKAA – Also Known As Africa“ in die zweite Runde. Das Länderspektrum der ersten und einzigen französischen Exklusiv-Messe für zeitgenössische Kunst und Design aus Afrika reicht von Angola bis Uganda. Thema des AKAA-Kulturforums Les Rencontres: „Die Welt heilen“.

Dorothee Baer-Bogenschütz

Heiß, heißer, am heißesten – KUNSTZEITUNG, Nr. 252

 

Heiß, heißer, am heißesten

Die wiedererweckte Lust am erotischen Motiv

KUNSTZEITUNG Nr. 252, August 2017, Titelstory

 

Die Frage erscheint naheliegend: Ob es an der Jahreszeit liegt, an den Sommermonaten, in denen reichlich Hormone ausgeschüttet werden? Sorgen Endorphine und/ oder Testosteron womöglich dafür, dass Sammler und Galeristen in kühlende Keller, auf brütend warme Dachböden oder in optimal klimatisierte Bilder-Depots eilen, um zu sehen, was sich gewinnbringend über die Auktionshäuser verhökern lässt? Und bleiben sie dabei bevorzugt an jenen Motiven hängen, die erotisch aufgeladen wirken, die den Akt oder das Spiel mit der Nacktheit, nüchtern oder frivol, in den Mittelpunkt stellen? Es ist wohl so, blättert man die internationalen Auktionskataloge der vergangenen Monate durch. Was da so alles eingeliefert wurde. Heiß, heißer, am heißesten – so lautet die Devise. Selten wurden derart viele Gemälde, Grafiken und Fotografien versteigert, die allesamt von einer neuen Lust am altbewährten Vergnügen zeugen. Sex sells.

Naturgemäß kommen die Voyeure unter den Kunstliebhabern besonders im Segment Fotografie zum Zuge. Die umfangreichen Kataloge wirken streckenweise wie der alte „Playboy“, als er, verflixt und zugenäht, mancherorts noch unter der Ladentheke lag. Vollbusige „Cyberwomen“ von Helmut Newton ebenso wie flachbrüstige Michel Comte-Girls im Dorotheum in Wien, wo auch Fotografen wie Philippe Halsman, Sam Haskins und Man Ray vertreten waren, die allesamt den nackten weiblichen Körper gefeiert hatten. Quasi zum Ausgleich männliches Genital, etwa von Wilhelm von Gloeden und Guglielmo (Wilhelm) Plüschow, bei Lempertz in Köln, wo zudem eine stattliche Riege zeitgenössischer Künstler mit herausragenden Aufnahmen auftrumpfen konnte – vom Bondage-Meister Nobuyoshi Araki über den Swimming-Pool-Forscher Franco Fontana und den Mädchen- Porträtisten Andres Serrano bis zum FKK-Fotografen Jock Sturges.

In den Abendauktionen der großen Häuser ging’s mit betörenden Schenkel- und Busen-Perspektiven weiter, darunter „Nude Sunbathing“ (1995) von Roy Lichtenstein bei Sotheby’s, New York. Am folgenden Tag gab es dort schon nachmittags scharfe Kurven zu sehen und zu erwerben. Lustmolch Mel Ramos hatte 2006 in bester Chauvi-Manier eine dunkelhaarige Schöne auf eine prall gerollte Havana gelegt. Zum Glück konnte Cindy Sherman den Männerspaß relativieren, indem sie mit einem ihrer Selbstporträts, „UNTITLED #352“ aus dem Jahr 2000, für Irritation sorgte: Ist das nun sexy, wenn man die eingeklebte Busen-Attrappe im Babydoll-Ausschnitt sehen kann? Keine Zeit fürs Nachdenken, wirklich nicht, denn plötzlich kam die nächste Nachricht. Tom Wesselmanns gesichtslose „Great American Nude # 49“, die 1963 entstandene, die liegende Schlanke, soll am Vortag, morgens schon, über drei Millionen gebracht haben, das Dreifache des Schätzpreises.

Nippel-Parade von Louise Bourgeois, bedrohlich Versteiftes von Keith Haring, ein Blondinen-Sextett von Mimmo Rotella, ein flotter Dreier im Goldrahmen von Deborah Sengl, „Woman pissing“ von Sue Williams – mein lieber Scholli: So viel Trieb war wohl selten im Kunsthandel zu beobachten. Ein Sommer ungebremster Leidenschaften und von Auktion zu Auktion wandernder Intimitäten. Eine neue Erotomanie in der Branche? Könnte gut sein. Wie sagte es Florian Illies, Auktionshaus Grisebach, in diesem Frühjahr und in einem Zeitgeschmack-Interview so treffend? „Solche Wellen kommen wieder, und man muss im richtigen Moment das Surfbrett drauflegen.“

Karlheinz Schmid

Britische Ikone – KUNSTZEITUNG, Nr. 251

 

 

 

Britische Ikone

David Hockney auf Welttournee zum 80. Geburtstag

KUNSTZEITUNG Nr. 251, Juli 2017, Titelstory

 

Man liest es immer wieder. Jemand habe Literatur-, Musik- oder Kunstgeschichte geschrieben. Es klingt so absolut, so unangreifbar. Im Falle von David Hockney, der in diesem Monat seinen 80. Geburtstag feiern darf (9. Juli), der als britische Ikone bereits seit Jahrzehnten größte Anerkennung genießt, zweifelt niemand, dass er wirklich einer der bedeutendsten Künstler der Gegenwart ist. Denn der Mann, der voreilig gerne als reiner Pop-Artist eingestuft wird, der sich virtuos aber durch mehrere Stile gearbeitet hat, vom Expressionismus bis zur Konzept- Art, gehört zu den Malern, Grafikern und Fotografen, die sich stets treu blieben, die trotz aller Offenheit eine unverwechselbare Handschrift pflegen.

Dabei hat Hockney bereits früh eine Lust am medialen Experiment gezeigt. Waren es zunächst Polaroid- Fotos, die ihn zu längst legendären Foto-Collagen animierten, kamen später etwa durch Farbkopierer, Faxgeräte, Videotechnik oder das iPad neue Werkzeuge und Materialien hinzu, die seine klassischen Themen, nämlich Porträt, Stillleben und Landschaft, in die jüngste Gegenwart trieben. Die rasante künstlerische Entwicklung geht einher mit einer exorbitanten Preis-Entwicklung auf dem Kunstmarkt, obwohl sich der Jubilar selbst mehr verweigert, als diesen Boom zu beschleunigen. Wiederholt widersetzte er sich den Offerten des weltweit agierenden Händlers Larry Gagosian. Seine starkfarbigen Bilder bringen in Auktionen dennoch bis zu drei Millionen Pfund.

Die laufende Welttournee von David Hockney, die in London, Tate Britain, von einer kuratorischen Glanzleistung zeugte, die derzeit in Paris, Centre Pompidou (bis 23. Oktober), und danach in New York (Metropolitan Museum, vom 20. November an) als Retrospektive zu sehen ist, zieht an Deutschland leider vorbei. Das ist vor allem insofern bedauerlich, als es gelungen ist, die Ausstellung optimal aus den Werk-Zusammenhängen zu konzipieren. So wird anschaulich, wie gemalte, mehrteilige Landschaften, gespeist aus der frühen Polaroid-Sicht, in der späteren Jahreszeiten-Video- Installation zu neuem Leben erwachen. Kurzum: Hockney – die Einzelausstellung des Jahres.
Karlheinz Schmid

 

KASSEL CALLING – KUNSTZEITUNG, Nr. 250

 

 

KASSEL CALLING

Die documenta 14 ist auf der Zielgeraden angelangt

documenta 14 has reached the homestretch

KUNSTZEITUNG Nr. 250, Juni/June 2017, Titelstory

 

KUNSTZEITUNG, Cover

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Anfang April brachen sie auf, hoch zu Ross, um auf altertümliche Weise von Athen nach Kassel zu gelangen. Nach dem Konzept des schottischen Künstlers Ross Birrell bewältigen vier documenta- Reiter die rund 2500 Kilometer lange Strecke mit dem Pferd. Die Tour de Force dient zum einen als symbolische Überbrückung der beiden documenta- Standorte – in Athen hatte die wohl wichtigste Positionsbestimmung der Gegenwartskunst am 8. April ihre Premiere erlebt, in Kassel geht sie vom 10. Juni bis zum 17. September über die Bühne. Zum anderen will Birrell mit seinem Gewaltritt einer der bevorzugten Fluchtrouten folgen.

Eine typische Strategie für jene rund 160 documenta-Künstler, die in Athen und in Kassel gleichermaßen beteiligt sind: L’art pour l’art hat offenbar endgültig ausgedient. Stattdessen kreisen zahlreiche Arbeiten der Künstler um die Flüchtlings-, Finanzund Wirtschaftskrisen, um Politik, Wirtschaft, Globalisierung und Kapitalströme. „Von Athen lernen“, dieses Motto hat documenta-Chef Adam Szymczyk seiner Doppelausstellung verordnet. Was Kassel von Athen lernen kann, das muss sich erweisen. Zumindest wird der Schulterschluss auch auf höchster politischer Ebene unterstrichen: Zum Eröffnungs-Festakt der d 14 haben sich Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Griechenlands Staatspräsident Prokopis Pavlopoulos angesagt.

Auf den Seiten neun bis elf dieser Ausgabe fassen wir das Wichtigste dessen zusammen, was vorab über die deutsche documenta in Erfahrung zu bringen war. Zwei unserer Sonderseiten erscheinen in englischer Sprache; sie richten sich an eine internationale Leserschaft, die im Juni in Kassel unterwegs ist – dort wird die KUNSTZEITUNG dank einer erhöhten Auflage zusätzlich verteilt.

Welche Seherlebnisse, Inspirationen und Konfrontationen das legendäre „Museum der 100 Tage“ in Kassel den Besuchern aus aller Welt diesmal beschert, darauf darf man gespannt sein. Eines scheint schon vorab sicher: Das Interesse an der documenta 14 ist riesengroß. Die documenta 13 zählte vor fünf Jahren immerhin 860 000 Gäste. Niemand wäre überrascht, wenn in diesem Jahr in Kassel die magische Eine-Million-Hürde endlich übersprungen würde.

Jörg Restorff

documenta 14 has reached the homestretch

In early April, just as in ancient times, they set out to Kassel on horseback. In accordance with the concept of Scottish artist Ross Birrell, four documenta equestrians are covering a distance of roughly 2,500 kilometers. On the one hand, the tour de force symbolically connects the two documenta sites – in Athens the perhaps most significant forum for the assessment of contemporary art had its premiere on April 8; in Kassel, the event will run from June 10 through September 17. On the other hand, with his extreme ride Birrell is following one of the main refugee routes across Europe.

This is a typical strategy among many of the 160 documenta artists who are participating in both Athens and Kassel: art for art’s sake is evidently passé. Instead, works of numerous artists are revolving around the refugee and the financial crises, around politics, economy, globalization, and the streams of capital. documenta director Adam Szymczyk has assigned the motto “Learning from Athens” to his double exhibition. What Kassel might learn from Athens must still prove itself. At any rate, the collaboration is also being observed at the highest political level: Federal President Frank-Walter Steinmeier and the President of Greece, Prokopis Pavlopoulos, have both announced their presence at the opening ceremony of d 14.

On pages nine through eleven of this issue, we have gathered relevant information on the German iteration of documenta that could be ascertained in advance. Two pages of our special section on documenta 14 will be published in English, addressing an international readership visiting Kassel in June, where extra copies of KUNSTZEITUNG, printed in higher circulation for the event, will be available.

Anticipation is running high for the visual experiences, inspirations and confrontations that the legendary “Museum of 100 Days” might have in store for visitors from around the world this time. One thing appears to be certain already now: public interest in documenta 14 is huge. The documenta 13 in 2012 already drew 860,000 guests. It would thus not be surprising if this year the magical one-million hurdle could be cleared in Kassel. 

Jörg Restorff

[Engl. transl. by Belinda Grace Gardner]