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Marianne Sperb, „Mittelbayerische Zeitung“

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

„Die ohnehin in jedem von uns reichlich vorhandene Energie zu verdoppeln, gemeinsam unsere eigene Begeisterung für die Kunst anderen Menschen zu vermitteln, das war das Ziel, als wir uns 1990 kennenlernten und loslegten.“

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

… spontan Notiertes

Die KUNSTZEITUNG-Kolumne der Herausgeber

In jeder Ausgabe der KUNSTZEITUNG beziehen Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid in ihrer Kolumne „… spontan Notiertes“ Stellung – zur Kunst und zum Kunstbetrieb, aber auch zu gesellschaftlichen und politischen Phänomenen, an denen sich der engagierte Diskurs der beiden KUNSTZEITUNG-Herausgeber entzündet. Nicht zuletzt bietet ihre Kolumne immer wieder Inneneinsichten in den verlegerischen Alltag. Die hier veröffentlichte Kolumne „… spontan Notiertes“ ist in der August-Ausgabe der KUNSTZEITUNG erschienen.

 Jeder weiß es: Ohne Nachhaltigkeit geht’s nicht mehr. Projekt-Ideen und Mittel-Zuwendungen werden daran gemessen, ob der heute zwar modische, doch letztlich uralte Begriff am Ergebnis der Bemühungen festzuzurren ist oder nicht. Schon Goethe schrieb 1796 über „Hülfsmittel, um nachhaltig zu wirken“. Also auf nach Athen, so dachten wir – und flogen Anfang Juli für ein paar Tage nach Griechenland, um zu sehen, was dort die im April gestartete documenta 14 ausgelöst hat, wie sie sich im Endspurt darstellt (sie lief bis zum 16. Juli).

Erste Enttäuschung: Auf dem zentralen Syntagma-Platz nichts mehr von der großen Mitmachaktion „Check Point Prosfygika“ zu sehen, deren Fotos überall publiziert wurden. Wo die Kohlesäcke der Performance von Ibrahim Mahama gelandet sind, etwa als Fassadenvorhang an den Kasseler Torhäusern, weiß auch, „I’m so sorry“, bei persönlicher Vorsprache im documenta- Pressebüro niemand.

Gleichwohl blieben wir zuversichtlich, dass die documenta in Athen, wie vollmundig angekündigt, als Lernort dient: Immerhin zählten wir weitere 46 Standorte, über die ganze Stadt verteilt. Mithin: Bei knapp 40 Grad durch das von Tausenden von Autos und von stinkenden Müllhaufen schier unerträglich vollgestopfte, ungeheuer gelähmt wirkende Athen, immer auf der Suche nach dem nächsten Ausstellungsort, darunter das Konservatorium im Osten, das Benaki Museum im Westen, das Nationale Archäologische Museum im Norden und im Süden das EMST, das National Museum of Contemporary Art.

Apropos: In diesem neuen Kühlhaus der Moderne (die Klima-Anlage produziert gefühlte 40 Grad minus) zeigte sich einmal mehr, dass das documenta- 14-Team unter der Regie ihres künstlerischen Chefs, Adam Szymczyk, von Inszenierung so gut wie nichts versteht. Niemals gab es eine documenta, die derart unsäglich mit Kunstwerken umgegangen ist. Eine einzige Katastrophe. Minutenlang blieben wir geschockt vor einer Wand mit einem Ölbild von Edi Hila stehen: „End of the Day“, ein anderthalb Meter breites Querformat aus dem Jahr 2015, hing unter einer roten Alarmleuchte und einer großen Wanduhr. Links davon ein Schlauchkasten und ein Feuermelder sowie die Notausgang-Tür mit dem grünen Leuchtschild. Von Athen lernen? Besser nicht.

Überhaupt: Szymczyk und die Malerei – ein eigenes Kapitel, letztlich eine Kapitulation. Wohin wir schauten: Überwiegend miserables Erstsemester-Zeug. Klee-Verschnitt etwa, wie die 13 Bilder von Ganesh Haloi zeigten. Oder Unausgegorenes von Andreas Ragnar Kassapis, der mit zwei seiner allzu harmlosen Kleinformate in den Dialog mit einer übergroßen roten Tür zur Haustechnik gesetzt wurde; mitleiderregend.

Freilich haben wir im Konservatorium auch ein paar der insgesamt selten anzutreffenden guten Arbeiten entdeckt, beispielsweise das 18-Minuten- Masken-Video „Atlas Fractured“ von Theo Eshetu sowie die Soundund- LED-Display-Installation „The Way Earthly Things Are Going“ von Emeka Ogboh, eindrucksvoll in einem betonrohen Saal platziert. Natürlich imponierten auch das Frosch-Konzert des verstorbenen Ben Patterson im Byzantinischen Museum und das Ein- Zimmer-Apartment von Hiwa K. im Innenhof des Benaki Museums.

Aber alles in allem: Ein Desaster, diese documenta in Athen, die ihrem eigenen hohen Anspruch nicht im Geringsten gerecht wird. Wenn man als Ausstellungsmacher unter anderem gegen Kolonialismus vorgehen will, sollte man sich nicht erwischen lassen, selbst Eroberungsstrategien umzusetzen (einzelne documenta-Orte wurden nicht mehr, nach Vereinbarung oder nur mit einer einzigen Vitrine bespielt, als gelte es vor allem, viele documenta- Fahnen aufzupflanzen). Auch sollte man nicht in diffuse Auseinandersetzungen um Billiglöhne der Mitarbeiter vor Ort verstrickt sein, wenn man selbst den Finanzkapitalismus geißelt.

„Von Athen lernen“, der ursprüngliche Szymczyk-Slogan, später als „Arbeitstitel“ gekennzeichnet, schließlich im Reader auf „Von Athen aus lernen“ reduziert, taugt allenfalls als Lehrstück für künftige documenta-Regisseure, wie man’s nicht machen darf. Dass Adam Szymczyk, der Mann mit der griechischen Schwägerschaft, in bester EU-Hilfsmilliarden-Tradition etwas für Athen tun wollte, mag sein. Aber wie kann einer nur so naiv sein und glauben, in dieser Zeit allein mit documenta-Millionen in einem Land etwas zu bewegen, das allemal bis 2060 verschuldet ist?

Die Menschen in Athen haben reichlich Sorgen; eine Museumsmitarbeiterin in Piräus, Archäologisches Museum, wo wir am Sonntag, 9. Juli, eine mäßige Performance sahen, erzählte uns, dass sie seit drei Monaten auf ihr Gehalt wartet. Ihr Stundenlohn: drei Euro. Wie viele Griechen: Kein Interesse an einer Gegenwartskunst, die schon Insider – wie wir selbst – nicht immer verstehen. „Fuck off“, handgeschrieben, entdeckten wir auf einem documenta-Plakat in der ASFA, der Kunsthochschule.

Von etwa zwei Dutzend Taxifahrern, Hotelangestellten und Kellnern, die wir nach der documenta fragten, hatten nur zwei etwas von ihr gehört. Hingegangen war keiner. Aber drei Leute, ein Barkeeper und zwei Servicekräfte, gestanden uns, voller Erwartung, mit leuchtenden Augen, dass sie demnächst nach Deutschland kommen wollen, ins Merkel-Land, um hier zu leben und zu arbeiten.

Kein Wunder: Wo 34 Millionen Euro für eine armselige documenta ausgegeben werden können, muss Schlaraffia sein. „Von Kassel lernen“ – so lautet die nächste Devise.

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

P.S.: Versehentlich schrieben wir in der Kolumne der vergangenen Ausgabe „Unterheberrecht“. Drei Buchstaben zu viel. Sorry. Natürlich sollte es „Urheberrecht“ heißen.

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