Lindinger + Schmid

Kritischer und unabhängiger Journalismus

Im Jahr 1991 gegründet, gilt für den Verlag Lindinger + Schmid nach wie vor die Maxime, kritischen und unabhängigen Journalismus möglich zu machen.

KUNSTZEITUNG

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Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid: ein Duo wie Nitro und Glyzerin. Wo sie auftreten, sprühen Funken, entzünden sich Debatten um Kunst und Co., strahlen Ideen und, ja, glitzert der Glamour.

Marianne Sperb, „Mittelbayerische Zeitung“

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

„Die ohnehin in jedem von uns reichlich vorhandene Energie zu verdoppeln, gemeinsam unsere eigene Begeisterung für die Kunst anderen Menschen zu vermitteln, das war das Ziel, als wir uns 1990 kennenlernten und loslegten.“

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

… spontan Notiertes

Die KUNSTZEITUNG-Kolumne der Herausgeber

In jeder Ausgabe der KUNSTZEITUNG beziehen Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid in ihrer Kolumne „… spontan Notiertes“ Stellung – zur Kunst und zum Kunstbetrieb, aber auch zu gesellschaftlichen und politischen Phänomenen, an denen sich der engagierte Diskurs der beiden KUNSTZEITUNG-Herausgeber entzündet. Nicht zuletzt bietet ihre Kolumne immer wieder Inneneinsichten in den verlegerischen Alltag. Die hier veröffentlichte Kolumne „… spontan Notiertes“ ist in der Mai-Ausgabe der KUNSTZEITUNG erschienen.

Natürlich wären wir damals, 2004, lieber von Anfang an verantwortlich gewesen. Aber als der seinerzeit tätige Oberbürgermeister zu uns kam und uns bat, für die Bewerbung Regensburgs als Kulturhauptstadt Europas im Jahr 2010 eine Art kuratorischer Feuerwehr zu geben und die Oberpfalz in der Endphase des Wettbewerbs möglichst weit nach vorne zu bringen, wurde unser Ehrgeiz doch tüchtig angestachelt. Immerhin ging es darum, die eigenartig im Lokalen festgefahrenen Aktivitäten umzulenken, auf ein höheres Niveau zu bringen, um im Kreis der neun Mitbewerber-Städte, darunter Braunschweig, Bremen und Karlsruhe, nicht unter ferner liefen zu landen. Denn schon 2005 fiel die Entscheidung der Jury. Essen und das Ruhrgebiet, aber auch das polnisch und deutsch geprägte Görlitz, beide mit deutlichen Standort- Vorteilen, machten zwar das Rennen, doch Regensburg durfte sich von der Jury-Vorsitzenden Isabel Pfeiffer- Poensgen, heute Ministerin in NRW, trösten lassen: „Zurecht wird die Stadt bald den Titel ‚Weltkulturerbe‘ tragen“.

Damit wurde später in der Tat das historische Regensburg ausgezeichnet, letztlich also auch der kommunale Erfolg in Sachen Stadtplanung und Denkmalschutz. Allein „die gestalterische Qualität der öffentlichen Räume der Stadt“, wie Pfeiffer-Poensgen schwärmte, „die dem bunt gemischten Leben in den Straßen und auf den Plätzen einen fast mediterranen Charakter verleiht“, war es wohl, die dazu führte, dass wir den Titel „Kulturhauptstadt Europas“ eben nicht einheimsen konnten. Dabei hatten wir, unterstützt von einem knapp 30-köpfigen Team, das im Herzen der Regensburger Altstadt unter unserer Regie sämtliche Register der Gegenwartskultur zog, wirklich alles getan, um die Jury zu überzeugen. Von der Gründung eines von der halben Stadt angenommenen Kulturclubs, wo im Schatten des Doms unter anderem vorübergehend ein gekreuzigter Frosch von Martin Kippenberger für erregte Debatten sorgte, über eine aufsehenerregende Hubschrauber-Aktion in den Mitbewerber-Städten bis zur gewagten Anti-Regensburg-Inszenierung von Christoph Schlingensief an der Berliner Volksbühne – wir ließen kaum etwas aus, um von der Vitalität einer Stadt zu künden, die mehr als nur Weltkulturerbe sein wollte.

Dass wir uns derzeit an dieses zurückliegende Engagement erinnern, hat zweifellos mit einer Flut von Kriterien zu tun, die in diesen Wochen landauf und landab ins Gespräch kommen, die schon damals gültig waren. Denn für 2025, wenn Deutschland erneut eine Kulturhauptstadt stellen soll, wollen im Moment noch neun Städte zum Wettkampf antreten, darunter Dresden, Hannover und Nürnberg, und auch sie werden allesamt über Nachhaltigkeit, die europäische Dimension, kulturelle Inhalte und ihre Umsetzungsmöglichkeiten unter Einbindung der Stadtgesellschaft nachdenken müssen. Nach unseren Erfahrungen als Projektleiter einer solchen kommunalen Bewerbung im kontinentalen Kontext lässt sich freilich viel Energie und Geld sparen, wenn die Stadtoberen von Anfang an bedenken, wie ihre Chancen stehen könnten.

Zweifelsfrei gibt es in diesem vom Rat der Europäischen Gemeinschaft im Jahr 1999 eingerichteten Rotationsprinzip-Wettbewerb einige eher ungeschriebene Regeln, die beachtet werden wollen. Am Beispiel der Stadt Kassel, die mit Regensburg und anderen deutschen Städten schon für 2010 vergeblich antrat und sich nun für 2025 erneut ins Gespräch bringen wollte und dann vor vier Wochen einen Rückzieher aus finanziellen Gründen bekanntgab, lässt es sich augenscheinlich machen. Bereits im März 2005 lobte Pfeiffer-Poensgen die „eindrucksvolle Gestaltung des großen Landschaftsraums zwischen Schloss Wilhelmshöhe und dem Auenpark an der Fulda als Erbe absolutistischer Stadtbaukunst“. Auch jetzt würde ein/e Jury-Vorsitzende/r, so meinen wir, auf die Nordhessen-Metropole als documenta-Stadt hinweisen – und vermutlich im Kreis der Mit-Juroren dafür plädieren, den Titel einer anderen Stadt zu geben, weil Kassel längst im Fokus kultureller Wahrnehmung liegt. Denn die Europäische Union hat unmissverständlich signalisiert, dass der Titel-Kampf vor allem einem Ziel dient: erhöhte Aufmerksamkeit und mehr Besucher für den Sieger im Kulturhauptstadt-Jahr. Und Kassel, die documenta-City, darf ja schon alle fünf Jahre mit vielen Gästen und Schlagzeilen rechnen, egal, wie gelungen die jeweilige Kuratoren-Leistung eingeordnet wird.

So werden sich bis zum Jahresende auch die anderen Interessenten, von Chemnitz über Hildesheim bis Pforzheim, noch einmal gewissenhaft selbst befragen müssen, ob sie in dieses aufwendige Procedere investieren wollen, ob es sich rechnet, ob sie sich davon für die Stadt-Gemeinschaft etwas versprechen. Im Regensburger Rathaus hieß es nach der Niederlage immer gerne, man habe dank des Wettbewerbs noch einen „Koffer voller Ideen“ verfügbar. Wenn wir es richtig sehen, ist der aber bis zum heutigen Tag nicht geöffnet worden. Man dreht sich an der Donau selbstgefällig vor dem Weltkulturerbe- Spiegel, freut sich über die Touristen-Ströme – und Schlagzeilen, ja mei, die macht man seit anderthalb Jahren reichlich mit der Korruptionsaffäre um das derzeitige suspendierte Stadtoberhaupt.

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

 

 

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