Lindinger + Schmid

Kritischer und unabhängiger Journalismus

Im Jahr 1991 gegründet, gilt für den Verlag Lindinger + Schmid nach wie vor die Maxime, kritischen und unabhängigen Journalismus möglich zu machen.

KUNSTZEITUNG

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Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid: ein Duo wie Nitro und Glyzerin. Wo sie auftreten, sprühen Funken, entzünden sich Debatten um Kunst und Co., strahlen Ideen und, ja, glitzert der Glamour.

Marianne Sperb, „Mittelbayerische Zeitung“

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

„Die ohnehin in jedem von uns reichlich vorhandene Energie zu verdoppeln, gemeinsam unsere eigene Begeisterung für die Kunst anderen Menschen zu vermitteln, das war das Ziel, als wir uns 1990 kennenlernten und loslegten.“

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

… spontan Notiertes

Die KUNSTZEITUNG-Kolumne der Herausgeber

In jeder Ausgabe der KUNSTZEITUNG beziehen Gabriele Lindinger und Karlheinz Schmid in ihrer Kolumne „… spontan Notiertes“ Stellung – zur Kunst und zum Kunstbetrieb, aber auch zu gesellschaftlichen und politischen Phänomenen, an denen sich der engagierte Diskurs der beiden KUNSTZEITUNG-Herausgeber entzündet. Nicht zuletzt bietet ihre Kolumne immer wieder Inneneinsichten in den verlegerischen Alltag. Die hier veröffentlichte Kolumne „… spontan Notiertes“ ist in der September-Ausgabe der KUNSTZEITUNG erschienen.

Ob das Ihnen, unseren Lesern, auch mal passiert? Als wir kürzlich, mehr zufällig, in ein kleines süditalienisches Museum stolperten, weil es auf dem Weg lag, glaubten wir im ersten Moment, eine echte Entdeckung gemacht zu haben. Pino Pascali, so heißen Stiftung und Ausstellungshaus, in Polignano a Mare zu finden, beide der Arbeit eines Künstlers gewidmet, der allzu früh verstorben ist. Der 11. September, ohnehin ein unheilvoller Tag, war auch sein Todestag: Vor nun genau 50 Jahren erlag Pascali, 32-jährig, den Folgen eines schweren Verkehrsunfalls, als er mit seinem Motorrad unterwegs war.

Obgleich der in Bari geborene Bildhauer und Performer gerade in den ersten Monaten 1968 ungeheuer produktiv war, blieb sein Gesamtwerk naturgemäß gut überschaubar, also eher klein. Vielleicht ist es so zu erklären, dass wir staunend vor „Cavalletto“, „Cesto“ und „L’Arco di Ulisse“ standen, allesamt exakt fünf Jahrzehnte alt und doch vermeintlich frisch aus dem Atelier. Mit einfachsten Materialien, darunter Holz, Bast, Draht und Textil, und in erdigen Farben sind Objekte entstanden, die primitiv anmuten, unverzüglich Arte-Povera-Bezüge erkennen lassen, eben auch jenen Natur-Kontext, der heute in der jüngsten Gegenwartskunst wieder eine große Rolle spielt. Irritiert schauten wir uns an, weil zunächst keiner von uns den Namen und die Handschrift des Reduktionsartisten gespeichert hatte.

Aber es keimte der rasch bestätigte Verdacht, dass der Künstler durchaus schon überregionale, internationale Anerkennung gefunden haben könnte. In der Tat: Pino Pascali, so erfuhren wir, ist mit „Bridge“ in der MoMA-Sammlung und mit „Trap“ in der Tate Modern vertreten, beide Werke 1968 entstanden, wie eine Holz-Haare-Skulptur, die das mumok in Wien dank der österreichischen Ludwig-Stiftung verwahrt, die ein wenig an die später von Louise Bourgeois in den Kunstraum gesetzten Spinnen denken lässt. Die Recherche führte auch zu anderen renommierten Adressen. Mal taucht der Name Pascali unter den ausgestellten Arbeiten der 56. Biennale in Venedig auf, mal im Kontext der Art Basel Miami Beach. Auch bei Gagosian, 2006 in New York, soll es um den italienischen Arte-Povera-Künstler gegangen sein. Was Wunder, dass zehn Jahre später, 2016, bei Christie’s in London, ein Verkauf den Erlös von rund 2,5 Millionen Pfund brachte.

Unsere „Entdeckung“ also längst durchgesetzt, erfolgreich? Und wir blamiert, weil wir keine Ahnung hatten, dieser Pascali durchs Wahrnehmungsraster in einem rasant zunehmenden Kunstbetrieb gerutscht ist? Wichtiger war uns freilich die jetzt erst folgende Auseinandersetzung mit der bildnerischen Kraft des offenbar unbekümmert agierenden Bildhauers und Performers, der sich, wie einige Fotos verraten, gerne als Wilder darstellte und in Kostüme schlüpfte, die ihn wie einen Eingeborenen zeigen. Dieser Hang zum Archaischen, und hier setzt unseres Erachtens die künstlerische Qualität ein, steht in unmittelbarer Beziehung zu einer zweiten Vorliebe, die der industriellen Entwicklung gewidmet zu sein scheint. Pino Pascali war nicht nur ein leidenschaftlicher Motorrad-Fan, wie in seinem Museum auch zwei detaillierte Zeichnungen zeigen, sondern überhaupt ein Maschinen-Freak, allzeit bereit, eine nicht funktionierende Kanone oder andere entbehrliche Apparaturen zu basteln.

Im Spannungsfeld von urwüchsiger Natur und technischer Konstruktion entfaltet sich eine wahrhaft dialektische Ebene, wo das eine Phänomen im Bewusstsein des anderen entsteht, ohne dass Pascali jemals versucht hätte, diese krassen Gegensätze zu vermählen. Er hielt es aus, in beiden Welten zu leben, im Rausch der Geschwindigkeit, im Stillstand der Kontemplation. Vielleicht eine Handlungsanweisung für heute, 50 Jahre danach, auch für uns selbst. Wir denken darüber nach.

Gabriele Lindinger + Karlheinz Schmid

 

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