Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 650 – Editorial

Informationsdienst KUNST 650

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Eiserne geht. Die Eiserne – so wurde Annette Schönholzer genannt, einst Führungskraft der Art Basel, erst seit 14 Monaten (!) als kaufmännische Direktorin am Kunstmuseum Basel tätig. Dort, wo es seit langem tüchtig rumort, scheint die erfahrene Managerin zwar alles versucht zu haben, um die 2016 mit einem Erweiterungsbau (laut »FAZ« eine »Luxus-Fleischerei«) neu ins Gespräch gebrachte Institution zu retten, doch letztlich waren die Widerstände personeller und finanzieller Art wohl zu groß. Laufend Kündigungen, Krankschreibungen ohnehin, obendrein ein finanzielles Desaster.

Obgleich der künstlerische Direktor, Josef Helfenstein, am 6. April offiziell für großes Engagement und fachliche Kompetenz dankte, obgleich seitens der Politik vom »Dream-Team« Helfenstein/Schönholzer geschwärmt wurde: Das Kunstmuseum Basel wirkte zuletzt, von außen betrachtet, wie eine ins Schlingern geratene Einrichtung, die ihr Ziel nicht findet. Im Branchengespräch häufiger Erinnerungen an große Direktoren der Vergangenheit, etwa an die Ära Franz Meyer oder die Ära Katharina Schmidt, als Lob für Helfenstein, der seit anderthalb Jahren im Wesentlichen nur jammern kann. Es kursiert die unbestätigte Schreckensnachricht, dass das Museum mehr oder weniger pleite sei. Von knapp drei Millionen Franken ist die Rede, die für den Betrieb fehlen. Stündlich wird derzeit mit dem weiter ernüchternden Präsidialdepartement-Bericht zur Lage des Hauses gerechnet.

Szenenwechsel. Von der pekuniären Situation zur programmatischen. Max Hollein, der frühere Städel-Chef (siehe Seite 5), berichtet aus Amerika, dass dort das Museum of Ice Cream zu den populärsten zählt. Auf Instagram gehöre es zu den zehn am meisten veröffentlichen Institutionen. Vermutlich wird bald auch das soeben in New York eröffnete Eier-Museum innerhalb kürzester Zeit in der Liga der hochfrequentierten Häuser mitspielen, weil die Generation Instagram laufend auf der Suche nach neuen Motiven ist. Und Eis- und Eier-Inszenierungen sind, wenn sie denn fotografiert werden dürfen, meist ohnehin ergiebiger, strömt das Selfie-Publikum voller Erlebnis- und Selbstdarstellungshunger in die Museen, wo oft Kamera-Verbot herrscht.

Klartext: In einer Welt der Sozialen Medien, die sozial nicht immer sind, wandelt sich auch die Bedeutung des Traditionsortes Museum. Was gut klingt, das Teilen eben, ist nicht selten mit einem kulturellen Niedergang verbunden, mit Funhouse-Charakter, weit entfernt von Forschungs- und Bildungsaufgaben. Andererseits kneift es dort, wo klassische Museumsarbeit geleistet wird, nicht selten personell, etatmäßig und/oder räumlich. Basel, Kunstmuseum, dient nur als ein Beispiel. Denn Basel ist gewissermaßen überall, allemal vielerorts. In der allgemeinen Verzweiflung nehmen Rückgriffe zu, wehmütige Erinnerungen auch an Harmlosigkeiten. Stephanie Rosenthal, die Neue im Gropius-Bau in Berlin, schwärmt von ihrer vorletzten Tätigkeit am Haus der Kunst in München, von damals, als sie noch mit ihrem Chef, Christoph Vitali, Lebensmittel schnippelte, um die Eröffnungsgäste zu bewirten. Im Palais de Tokyo, Paris, werden Anfang Mai rund 150 Nudisten hüllenlos durch die Ausstellung marschieren. Nackt-Besichtigung, angeblich Dernier Cri, als habe es diese rührend voyeuristische Chose nicht längst in Wien gegeben.

Mehr Konfusion als Konzept, mehr Kampf als Kunst – in dieser Lage tut es gut, wenn nun der Deutsche Museumsbund seine Jahrestagung (vom 6. bis 9. Mai in Bremen) unter ein Motto stellt, das die überfällige Denksport-Aufgabe ankündigt: »Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen?« Der Präsident, Eckart Köhne, zugleich Direktor des Badischen Landesmuseums, und 14 seiner Kollegen haben ein Programm konzipiert, das viel verspricht, weil allein die Titel der Vorträge und Diskussionen von porentiefer Analyse zeugen. Freilich, wie immer, zählt letztlich, was am Ende rauskommt, was die einzelnen Museumsleiter zu Hause im Spannungsfeld unterschiedlichster Interessen und Begehrlichkeiten durchsetzen können, wie sie ihre Institute positionieren. Aber so viel Hoffnung war nie. Immerhin geht es jetzt endlich wieder um Haltung. Und »die beginnt im eigenen Haus«, wie »Panel 2« am 7. Mai lautet.

 

In dieser Ausgabe: Das Max Ernst Museum Brühl als surreale Wunderkammer von Robert Wilson (Seite 2). Niederlage per Bürgerentscheid in Mainz: Aus für den Turm am Gutenberg-Museum (Seite 5). Sozialarbeit: Helge Achenbach will Künstlern in Not helfen (Seite 7). Abgang und Einstieg: Chris Dercon und Kassel, eine Spekulation (Seite 10). Chefkuratorin Helen Molesworth, Los Angeles, mochte nicht kuschen (Seite 10). Musical-Mann Wolfgang Orthmayr als documenta-Geschäftsführer im Einsatz (Seite 12). Krach am Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg (Seite 13). Berlin: Einheitswippe und Grundstücksdeal (Seite 16). Preis-Check: Gert & Uwe Tobias (Seite 17). Neue EU-Regelung zur Einfuhr von Kulturgütern (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 649 – Editorial

Informationsdienst KUNST 649

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ein Hamburger Freund (und Branchenbrief-Abonnent seit Jahrzehnten) schrieb kürzlich, er wünsche sich mal eine Ausgabe Informationsdienst KUNST ohne die Erwähnung von Monika Grütters. Leider lässt sich das auch diesmal nicht realisieren, denn an der Kulturstaatsministerin kommt man nicht ohne weiteres vorbei. Sie ist gewissermaßen omnipräsent, auch weil sie viele Entscheidungen mehr oder weniger im Alleingang trifft und dann nur noch, die Demokratie lässt grüßen, ein paar willfährige Sesselhocker braucht (wie die 15 Stiftungsräte im Humboldt Forum), die ihre egozentrischen Klimmzüge brav goutieren und gar noch Beifall zollen.

Reden wir nicht um den heißen Brei: Monika Grütters ist mit einer personellen Fehlentscheidung schwerwiegender Art in ihre zweite Amtszeit gestolpert, und diese offenbar unüberlegte, unter einem enormen Zeitdruck entstandene Absurdität wird sich zweifellos bitter rächen. Es geht in der Tat um die Besetzung der Stelle des Generalintendanten im Humboldt Forum, und es geht somit um die Zukunft eines ungeheuer anspruchsvoll lancierten 600-Millionen-Zukunftsprojekts, das inhaltlich jetzt schon auf Dahlemer Normalniveau mutiert ist.

Man mag es kaum glauben, aber nachdem Lars-Christian Koch, der bislang zweite Mann aus dem Ethnologischen Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), zum Sammlungsdirektor aufgestiegen ist (die erste Wahl, Inés de Castro, Stuttgart, sagte bekanntlich ab), soll nun quasi die nächste Hausberufung stattfinden. Grütters schaffte es gerade mal bis nach Potsdam, um dort den früheren Schloss- und Parkführer Hartmut Dorgerloh, Jahrgang 1962, seit 2002 Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, für die große Aufgabe im Humboldt Forum abzuholen. Ein Drama.
Nicht, dass Dorgerloh grundsätzlich unqualifiziert wäre. Durchaus nicht. Aber der Denkmalpfleger, dem Humboldt-Kenntnisse, Umsicht in personellen Dingen, auch sein sympathisches, zupackendes Wesen attestiert werden, muss doch letztlich als der konventionelle Schlossherr gesehen werden, den man nun in diesem neuen Forum wirklich nicht braucht. Widersprüchlicher geht’s nicht, Frau Kulturstaatsministerin. Dass diese geografisch naheliegende, auch dem Humboldt-Hauptakteur SPK gewiss angenehme, aber eben völlig falsche Berufung mit einer anderen Personalie im Kontext gesehen werden muss, versteht sich. Zu lange hat Grütters nämlich die Rückzug-Signale ihres Lieblings unter den drei Gründungsintendanten überhört. Neil MacGregor, von ihr wie eine Lichtgestalt in Berlin hochgejubelt, bald aber im Alltag der Vorbereitungen für das Großprojekt völlig entzaubert, mochte schon 2017 nicht mehr, weil er reichlich Widerstände sah, letztlich auch nicht genug Zeit in Berlin verbringen konnte oder wollte. Die ernsthafte Suche nach dem ersten Generalintendanten wurde viel zu spät gestartet. Kandidatenvorschläge aus dem Grütters-Umfeld, teils schon vor Jahren intern kommuniziert, wurden nicht aufgenommen, allemal nicht bedacht oder ins Gespräch geführt.

Kurz vor der eigenartig von Monika Grütters wohl selbst in die Öffentlichkeit getragenen Dorgerloh-Personalie tauchten, womöglich zwecks Nebelerzeugung, als habe man über mehrere Persönlichkeiten ausgiebig nachgedacht, ein paar weitere Namen in der Tagespresse auf, doch Insidern war schnell klar, dass diese Museumsleute zwar auf der Grütters-Favoritenliste stehen, doch derzeit fürs Humboldt Forum gewiss nicht infrage kommen. Auf Branchenbrief-Anfrage ließ Marion Ackermann unverzüglich wissen, dass es für sie ein Geschenk sei, nun die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dirigieren zu dürfen. Und bei Max Hollein in San Francisco (siehe Seite 6) braucht man erst gar nicht anklopfen, weil alle in der Branche wissen, dass der ehemalige Städel- und Schirn-Chef dort nur auf dem Sprungbrett hockt, um irgendwann in New York, im MoMA, im Metro oder bei Guggenheim, ganz oben aufzuschlagen.

Man darf sich aber nun fragen, warum Monika Grütters, die Solistin, nicht wenigstens durch den deutschsprachigen Raum gereist ist, um potentielle Kandidaten kennenzulernen und besser beurteilen zu können. Warum hat sie sich nicht mit Meinrad M. Grewenig, dem Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, getroffen, warum nicht mit Wolfgang Martin Heckl, dem Generaldirektor des Deutschen Museums in München – oder mit dem documenta-12-Leiter Roger M. Buergel, Direktor des Jacobs Museums in Zürich, der nächste Woche in Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe, seine »Mobile Welten«-Schau eröffnet? Ja, warum ist sie nicht ins Ausland ausgeschwärmt, um nach geeigneten Kandidaten Ausschau zu halten, die in der Lage sind, anhand von Forschung, Ausstellung und Veranstaltung ohne ethnische und soziale Hierarchien, ohne politische Vorgaben, die Welt insgesamt zu denken, wie das vor Jahren mal als Aufgabe fürs Humboldt Forum definiert wurde? Als Generalintendant sollte jemand zum Einsatz kommen, der in seinem Leben mehr als Potsdam gesehen hat, jemand, der den Bogen bis in die jüngste Gegenwart spannen kann. Dorgerloh ist das nicht.

Ob der Stiftungsrat in wenigen Tagen die Ostereier in der Hose hat, um Monika Grütters einen Denkzettel zu verpassen? Was wäre, wenn das 15-köpfige Gremium aus Mitgliedern der Bundesregierung, des Bundestages, des Landes Berlin, der SPK, der Kulturprojekte GmbH und der Humboldt-Uni den Vorschlag ablehnen würde? Es wäre, eine Minute vor zwölf, die allerletzte Chance fürs Humboldt Forum, wenn es mehr sein soll als eine neue Spielstätte der Staatlichen Museen zu Berlin.

In dieser Ausgabe: Ernüchterndes Ausstellungsranking – deutsche Museen im Abseits (Seite 4). Klares Statement – Max Hollein bleibt in den USA (Seite 6). Großzügig: Brigitte und Arend Oetker (Seite 8). Gescheitert: Donald Trump (Seite 9). Will nicht mehr: Kassel verzichtet auf die Wettbewerbsteilnahme Europäische Kulturhauptstadt 2025 (Seite 9). Mehrwertsteuer auch am Persischen Golf (Seite 12). Berlin: Das Büro Kuehn Malvezzi baut für die Deutsche Bank (Seite 15). Genf: Charlotte Laubard soll den Schweizer Pavillon der Venedig-Biennale 2019 kuratieren (Seite 18). Fortbildung: Angebot des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (Seite 21). April-Scherz-Opfer: Chris Dercon (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 648 – Editorial

Informationsdienst KUNST 648

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ein Licht auf Michelle-Jasmin Müntefering. Auch sie gehört zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die nun Karriere machen und im Zuge der Regierungsbildung neue Tätigkeitsfelder übernehmen dürfen. Die 1980 geborene Wirtschaftsjournalistin und ehemalige wissenschaftliche Bundestag-Mitarbeiterin darf sich fortan Staatsministerin nennen – und damit auf Augenhöhe mit Monika Grütters etwas machen, was es schon immer gab, was aber bislang (im Schatten der jeweiligen Minister) wenig wahrgenommen wurde. Müntefering, SPD, beerbt die aus Altersgründen scheidende Maria Böhmer, CDU, die seit 2013 im Auswärtigen Amt tätig war. Sie ist fast auf den Tag genau 30 Jahre jünger als ihre Vorgängerin – und zweifellos ambitionierter, auf sich aufmerksam zu machen.

Schaut man sich die Facebook-Seite der Aufsteigerin an, dann sieht man sofort, dass Michelle Müntefering, obgleich sie von der SPD für den Kulturausschuss des Bundestages nominiert war, mit Kultur eher wenig im Sinn hat. Das bestätigt auch die Biografie. Das sagen obendrein Ruhrpott-Kenner. Auf Facebook gibt es im Wesentlichen lokale Nachrichten aus ihrem Wahlkreis Herne/Bochum, also SPD-Neumitglieder-Begrüßung, Bürgerfest, Ortsverein Bochum-Rosenberg, irgendwo Wintergrillen – Bundesliga sieht wirklich anders aus. Kultur-Engagement müsste eigentlich mehr sein als ein Facebook-Glückwunsch an die Augsburger Puppenkiste zum 70. Geburtstag. Denn, man halte sich ganz fest, Michelle-Jasmin Müntefering soll nun im Ressort des neuen Außenministers Heiko Maas für internationale Kulturpolitik zuständig sein. Für internationale Kulturpolitik!

Schon jubelt der Deutsche Kulturrat, dass fortan »vier Staatsministerinnen Kulturpolitik machen«, dass die Kultur in dieser Legislaturperiode einen deutlichen Bedeutungszuwachs verzeichnen könne. Doch was ist denn genau unter dem Groko-Dach des Kanzleramtes los? Wird Merkels Waschmaschine, wie das Gebäude im Volksmund heißt, zur neuen Machtzentrale einer Republik, in der nur noch Frauen den Ton angeben, wenn es um Kultur geht? Der Kulturrat packt, vielleicht allzu kühn gedacht, Grütters und Müntefering sowie die Flugtaxi-Staatsministerin Dorothee Bär und die Integrationschefin Annette Widmann-Mauz zusammen und erinnert zugleich daran, dass diese neue Power doch zu einem eigenen Bundeskulturministerium hätte führen können. Vielleicht.

Vielleicht ist es aber auch so, dass in direkter Merkel-Nähe mehr für die Kultur auszurichten ist, wenn man wirklich was davon versteht. Personalpolitisch betrachtet, so muss man es bevorzugt sehen, taugt das neue Damen-Quartett nicht wirklich dazu, Deutschland auf ein höheres kulturelles Niveau zu hieven. Widmann-Mauz wird genug soziale Probleme lösen müssen, Dorothee Bär steckt ohnehin in einer Doppelfunktion (Digitales und CSU-Ohr oder -Sprachrohr im Kanzleramt) – und Müntefering (die als Sozialdemokratin selbstverständlich keinen Schreibtisch in Merkels direkter Nachbarschaft bekommt, sondern anderorts untergebracht wird) hat halt, mit Verlaub, ohnehin keine Ahnung von Kultur. Bleibt wieder einmal Monika Grütters, die im Branchengerücht sofort als ausgehebelt oder gar entmachtet gesehen wurde, was freilich völliger Quatsch ist.

Was sich mit dem Wechsel von der zurückhaltenden Böhmer zur forschen Müntefering zweifelsfrei abzeichnet, ist ein strukturelles Problem, das bislang vernachlässigt wurde. Kann die Bundesrepublik auf Dauer zweierlei Kulturpolitik machen, eine innere, eine äußere? Die Doppelung – halb Bundeskanzleramt, halb Außenministerium – macht nicht wirklich Sinn. Sie entlarvt aber die Rolle der Kultur als reines Marketing-Instrument auswärtiger Politik. Von den Goethe-Instituten bis zur Zuständigkeit für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig – was die jeweiligen Außenminister, ob Steinmeier, Gabriel oder jetzt eben Maas, in diesem Bereich realisiert haben oder künftig umsetzen, ist nicht aus der Kultur selbst geboren, sondern dient gewissermaßen der Verschönerung diplomatischer Bemühungen. Das muss anders werden. Wann? Ein Fall für 2021 oder Anfang 2022, wenn die nächste Koalitionsvereinbarung auf dem Programm der Volksvertreter steht.

In dieser Ausgabe: Dank Vermittlung durch Eugen Blume viel Kunst von Max Beckmann für die Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 2). Weiterer Erfolg für Marion Ackermann in Dresden: Erika Hoffmann, Berlin, verschenkt 1200 Kunstwerke an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Seite 5). Geburtstag in Vorbereitung: 100 Jahre Bauhaus (Seite 8). Wiesbaden: Milde Strafen im Kunstfälscher-Prozess (Seite 10). Köln: Art Cologne-Preis für die Sammlerin Julia Stoschek (Seite 10). Großer Auftritt der Minderheiten bei der Armory Show in New York (Seite 11). Was die Ankaufskommission des Bundes erwarb (Seite 13). Berlin: Zukunft des Käthe-Kollwitz-Museums gesichert (Seite 14). Problemfall Chris Dercon (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 647 – Editorial

Informationsdienst KUNST 647

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als ich in den vergangenen Tagen unzählige Gespräche mit Galeristen führte, um wieder einmal hautnah mit den aktuellen Problemen der Branche konfrontiert zu werden, als wir von den ständig steigenden Kosten bis zur endlich wieder ins Visier genommenen Mehrwertsteuer-Ermäßigung für Kunst wohl nahezu jedes Thema tangierten, lag ich nachts bisweilen nachdenklich im Bett – und versuchte zu begreifen, was in dieser Gesellschaft schief läuft. Es kann doch nicht sein, so dachte ich, dass Galeristen gratis Bildungsarbeit betreiben, auch ehrenamtlich der Freizeitgestaltung ihrer Mitbürger dienen und dabei als Unternehmer jeden Euro vor seiner Ausgabe zweimal drehen müssen, während andererseits die öffentliche Hand, die sich qua Selbstverständnis darum kümmern müsste, vor allem damit beschäftigt ist, ihre desolate, selbstverschuldete Situation zu beklagen oder, häufiger, zu beschönigen.

Ein Beispiel: Als ich kürzlich im Fernsehen wieder einmal sah, wie die Hauptstadt-Flughafen-Verantwortlichen selbstgefällig ihren erneut korrigierten BER-Businessplan vorstellten, wurde mir irgendwie leicht blümerant zumute. Kaum zu glauben, aber diese Dilettanten benötigen jetzt weitere 770 Millionen, um die Fehlplanungsgroßbaustelle irgendwann zum Anschluss bringen zu können. Wenn 2020 oder später eröffnet wird, soll dieser Flughafen sage und schreibe rund siebeneinhalb Milliarden gekostet haben. Zur Erinnerung: Vor zwölf Jahren, Spatenstich-Termin, war gerade mal von zwei Milliarden die Rede. Jetzt also über fünf Milliarden mehr und keine Garantie, dass der Schimmel-Airport (ja, inzwischen wird teils auch gegen Pilz-Befall gekämpft) später wirklich sämtliche Erwartungen erfüllt.

Natürlich lassen sich die BER-Kostensteigerungen nicht mit Preisentwicklungen auf dem Kunstmarkt vergleichen, aber man muss doch einmal intervenieren, wenn sich auch dank der Berichterstattung aus den Auktionshäusern und der laufend kommunizierten Expansionspläne aus den wenigen internationalen Top-Galerien (darunter Gagosian, Hauser & Wirth sowie Zwirner) der Eindruck in die Debatte schleicht, dass der Kunstmarkt eine Branche sei, in der ebenfalls die Milliarden bewegt werden. Mitnichten, so muss protokolliert werden, weil selbst die beiden Marktführer, Christie’s und Sotheby’s, die in diesen Stunden in London wieder hochkarätiges Zeitgenössisches versteigern, gerade mal um 150 Millionen Pfund (Christie’s) beziehungsweise 110 Millionen Pfund (Sotheby’s) Gesamtumsatz in ihren Abendauktionen erwarten.

Nach Abzug der Gebühren und unter Einbeziehung der Kosten für den einstigen Erwerb, Depot-Haltung, Transporte, Versicherung, Restaurierung und so weiter, so muss man es rechnen, bleibt den Einlieferern meist weniger, als es vermutet wird, wenn wieder einmal irgendwo ein Spitzenpreis beklatscht wird. Meist ist es ja so, dass ein Bild der etablierten Gegenwartskunst oder gar der Klassischen Moderne durch unzählige Sammler-Hände gegangen ist, bevor es für einen sechs- oder siebenstelligen Betrag irgendwo vorübergehend landet, um bei nächster Gelegenheit oder kurz vor irgendeiner Galeristen-Pleite erneut bei Christie’s, Sotheby’s, Phillips oder sonst wo im Katalog aufzutauchen. Das Square-Bild von Josef Albers (1960 gemalt; Taxe: 450 000 bis 650 000 Pfund), soeben bei Sotheby’s aufgerufen, kam einst über Müller, Stuttgart, und Hans Mayer, Krefeld/Düsseldorf, in sieben weitere Sammlungen und Galerien, bevor es nun wieder den Besitzer wechselte. Ein Foto von Cindy Sherman, 1980 entstanden, wurde von Monika Sprüth zur geschäftstüchtigen Fürstin Gloria nach Regensburg weitergereicht, um dann drei weitere Stationen zurückzulegen, um nun auf 200 000 bis 300 000 Pfund geschätzt zu werden.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Taxen eher niedrig veranschlagt werden, sind für den einzelnen Galeristen oder Sammler keine großen Überschüsse zu erzielen, wenn innerhalb von wenigen Jahren oder Jahrzehnten fünf bis neun Verkäufe einer Arbeit stattgefunden haben. Denn alle wollen doch mitverdienen, bei jedem Zuschlag.

Am 28. Mai bietet die Industrie- und Handelskammer Köln in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler einen sogenannten Praxistag für Galerien an (Informationen/Anmeldungen: post@bvdg.de), und es würde mich nicht überraschen, wenn ein solches Programm nicht nur den gesetzlichen Rahmenbedingungen oder den Neuregelungen der Ein- und Ausfuhr von Kunstwerken gewidmet wäre, sondern obendrein solche Zusammenhänge transparent gemacht würden. Mit Verlaub: Mir scheint nämlich, auch nach meinen einleitend erwähnten Gesprächen, dass selbst viele langjährig tätige Galeristen immer noch unter einer teils fatalen Naivität leiden, was die Usancen der Branche und das kleine Kunstmarkt-Einmaleins betrifft. Viel Handlungsbedarf, glauben Sie mir.

In dieser Ausgabe: Aus dem Ruhestand geholt – Bernhard Spies übernimmt die Geschäftsführung im Haus der Kunst, München (Seite 6). Wer für die Fehler in Richard Avedons Biographie verantwortlich ist (Seite 8). Amsterdam: Solidaritätsaktion für Beatrix Ruf (Seite 11). Berlin: Geharnischte Abfuhr für Neil MacGregor (Seite 12). Im Museum Ludwig, Köln, strebt Yilmaz Dziewior eine Neubewertung der Sammlung an (Seite 14). Staatsministerinnen für Kultur und Digitales unter einem Dach: Das Bundeskanzleramt als eine Art Kulturministerium (Seite 15). Anonymer Kunstverkauf: Internet-Plattform AMA.art (Seite 18). Warum Robert Häussers Fotografien unterbewertet sind (Seite 20). Hamburg hat einen neuen Stadtkurator: Dirck Möllmann (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 646 – Editorial

Informationsdienst KUNST 646

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Fakt ist, dass es keinerlei Anlass gibt, nach einer überdehnten Phase der Sondierungs- und Koalitionsgespräche in Berlin erleichtert zu sein. Was sich momentan zusammenbraut, wie diese schwarz-rote Regierung mit neu-alter Besetzung weiter Große Koalition spielen will, lässt vielmehr Befürchtungen sprießen, dass Deutschland zum Ende der Merkel-Ära auch international ins Abseits gerät. Und das nun nach einer zähen, monatelangen Regierungsbildung, der längsten, die es seit 1949 gegeben hat. Schaut man genau hin, was in diesem nächtelangen Personal- und Ressort-Poker verhandelt wurde (und nun wohl, wenn nichts mehr dazwischenkommt, ohne den Wortbruch-Akrobaten Martin Schulz realisiert wird), kann man sich nur wundern.

So viele müde, uninspirierte, längst unglaubwürdig gewordene Verwaltungspolitiker, die bereit sind, zwecks Machterhalt alles hinzunehmen und auszusitzen, wird man in der Geschichte der Bundesrepublik selten an einem Kabinetttisch gesehen haben. Deutschland, so die Prognose, hat in den kommenden dreieinhalb Jahren, wenn das fragwürdige Kompromiss-Bündnis überhaupt so lange hält (Evaluierung: Ende 2019), keine echte Chance, einen Neustart herbeizuführen. Zu lethargisch, zu phlegmatisch, das alles. Begeisterung, um die Bürger mitzunehmen, um die Nation einzubinden, sieht anders aus. Mit Horst Seehofer, dem Heimatminister aus Bayern, der vor allem die abtrünnig gewordenen CDU-/CSU-Wähler von der AfD zurückholen soll, mit Olaf Scholz und anderen farblosen Genossen der Sozialdemokratie lässt sich nichts bewegen, zumal die Kanzlerin selbst, bei allem Respekt, den sie nach all den Jahren verdient, mental nur noch im Schneckentempo unterwegs ist, jetzt von ihrem neuen Leibarzt Helge Braun als Kanzleramtsminister betreut. Ein Trauerspiel, eben kein »Aufbruch«, wie versprochen.
Das muss man vorausschicken, wenn man zum gedämpften, vorsichtigen Lob ansetzen will, hat man sich einmal gründlich durch jene rund 180 Seiten gearbeitet, die der Entwurf zum Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD enthält. Auf dem Deckblatt steht zwar unter anderem »Eine neue Dynamik für Deutschland«, doch man ahnt auch angesichts der Ressortverteilung und des derzeit bekannten Besetzungsplans, dass manche Vorhaben reine Makulatur bleiben werden. Immerhin kommuniziert das Papier, dass in Sachen Kultur einige Weichen gestellt werden sollen, die zweifellos in die richtige Richtung führen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die nach derzeitigem Stand zu 99,9 Prozent weiterhin vom Kanzleramt aus tätig sein wird (die CDU stellt den Staatsminister für Kultur und Medien, so heißt es im Koalitionsvertrag), hat es im Schulterschluss mit Kauder & Co. geschafft, elf Seiten Absichtserklärung in die Vereinbarung zu hieven, ausschließlich kultureller Prägung. Elf Seiten – das ist sensationell. Vor allem: Einige Punkte lassen staunen, weil niemand mehr glaubte, dass darüber noch einmal während einer schwarz-roten Ära nachgedacht werden würde.

Ja, auf Seite 171 des unterschriftsreifen Koalitionsvertrags steht tatsächlich, dass die neue Bundesregierung darauf hinwirken will, »dass der ursprüngliche gesetzgeberische Wille für den Kunsthandel aus dem Jahr 2014 verwirklicht wird«. Klartext: Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Kunstwerke soll auf europäischer Ebene erneut auf den Prüfstand kommen (siehe auch Seite 22 dieser Ausgabe). Ergo: Monika Grütters auf Schmusekurs. Rückeroberung der Branchen-Zuneigung, die unter dem Mehrwertsteuer-Drama und der Kulturgutschutzgesetz-Misere mächtig gelitten hat, vielleicht sogar verloren ging. Der Koalitionsvertrag enthält obendrein ein Bekenntnis zum Urheberrecht, die Stärkung der Kreativwirtschaft, die Fortsetzung der Förderung in Sachen Provenienz-Forschung, die Bereitschaft zum weiteren Erwerb von Kulturgut, Denkmalschutz-Engagement, die Neuauflage eines Künstler-Sozialreports und vieles mehr. Aber letztlich bleibt alles nur heiße Luft, wenn diese Regierung jetzt nicht in die Puschen kommt und endlich regiert. In drei Jahren beginnt bereits der nächste Wahlkampf.

In dieser Ausgabe: Wie es mit der Kulturpolitik in Italien weitergehen könnte (Seite 5). Was Gabi Ngcobo für die kommende Berlin Biennale plant (Seite 7). Warum die ausscheidende documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff mit weiterem Stress rechnen muss (Seite 8). Newton und Riefenstahl in Berlin unter einem Dach (Seite 9). Kuratoren-Schwund, Geisterhaus-Stimmung in München, im Haus der Kunst (Seite 11). Frankfurt, Städelschule: Fragwürdige Streifenwagen-Attacke (Seite 13). London, Hayward Gallery: Höchste Aufmerksamkeit für Andreas Gursky (Seite 15). Gegen die neue Prüderie: Städel- und Schirn-Direktor Philipp Demandt spricht Klartext (Seite 17). Hoffnung auf Mehrwertsteuer-Ermäßigung (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 645 – Editorial

Informationsdienst KUNST 645

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, keiner scheint zu wissen, wo es künftig langgeht. In der Kunst selbst, natürlich auch im Betrieb: Konfusion, wohin man schaut. Ratlos, die Branche. Dass das so ist, lässt sich in der Beobachtung dokumentieren, wie gerne derzeit auf den Rückgriff gesetzt wird. Mag auch die Bundeskulturstiftung manches Projekt fördern, das in die Zukunft gerichtet ist, das etwa einer Neuorientierung musealer Arbeit dient, alles in allem herrscht, Nummer Sicher, die Konvention vor. Mitunter trägt sie beinahe groteske Züge. Kaum hatte man sich kürzlich verwundert die Augen gerieben, als die Staatlichen Museen zu Berlin unter dem altbackenen Titel »Wanderlust« ihr von den Freunden der Nationalgalerie gefördertes Ausstellungsprojekt für den Mai vorstellten (siehe Seite 19), kam die Ankündigung auf den Bildschirm, dass in Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, für November »Wanderland« vorbereitet wird. Anderes Beispiel: In New York, Frieze, werden die Zulassungsbestimmungen gelockert (siehe Seite 12), und in den ersten Branchen-Gesprächen dazu zeigt sich, dass alle vorsichtig reagieren, eher meinungsarm. Als sei es wurscht, ob fortan auch Galerien ohne eigene Ausstellungsräume an den internationalen Kunstmessen teilnehmen können oder nicht.

Längst haben ja etliche Galeristen ihr aufwendiges Schaugeschäft dichtgemacht und handeln vom heimischen Schreibtisch aus, weil die Sammlerkontakte vorhanden sind und nicht ungenutzt bleiben sollen, weil man auch weiter Umsätze machen muss, um das eigene Leben zu finanzieren. Das ist verständlich. Aber die aufkeimende Entwicklung wirbelt die Usancen durcheinander, tangiert strenge Vorschriften auch deutscher Messegesellschaften, die bislang immer noch fordern, dass Aussteller auch Ausstellungen machen, wenn sie, die unsteten Wandervögel, sich nicht vorübergehend auf den bekannten Messen niederlassen. Aus bestens nachvollziehbaren Gründen hört man oft, wie verhasst dieser Wanderzirkus ist, wie stressig dieser Auf- und Abbaubetrieb erscheint, dieses unglückselige Leben aus dem Reisekoffer, das schon manche Ehe oder Beziehung gekostet hat. Aber ohne Messe-Teilnahmen, das weiß jeder, geht’s halt nicht mehr.

Logisch, wer sich mit solchen Fragen, direkt aus dem eigenen Überleben abgeleitet, laufend plagen muss, wer verzweifelt nach einer rundum befriedigenden Antwort sucht, kann sich nicht auch noch wirkungsvoll um die Zukunft der Kunst und ihrer Branche kümmern. Das aber ist mehr vonnöten als jemals zuvor. Denn der Kunstsommer 2017 und die sich daraus ergebende Debatte über die Rolle des jüngsten Berufsstandes, der Kuratoren-Gilde, haben augenscheinlich werden lassen, wo es hapert. Wir haben vor vielen Jahren nicht nur sämtliche Qualitätskriterien für Kunstwerke über Bord geschmissen, wir haben mittlerweile auch, obwohl gerade diese angespannte Situation die Kunstvermittlung neu fordern würde, einen Zustand erreicht, der von einer neuen Hilflosigkeit zeugt. Nach den chaotischen, den Betrieb anders definierenden Achtzigern, als die Neuen Wilden alles aufmischten, waren wir schon einmal weiter: Die Kunst-Debatten der Neunziger und auch jene im vergangenen Jahrzehnt wirkten ergiebiger, zielführender als die zaghaften Versuche der Identitätsfindung heute, wo nahezu jedes Interview mit Künstlern oder Vermittlern davon zeugt, wie perspektivlos die Szene ist.

Dankbar für jeden Skandal, für jede Möglichkeit, sich politisch korrekt zu geben, beißen sich die meisten Meinungsmacher an Themen wie Humboldt Forum und Kolonialismus, Provenienz und Restitution oder Sexismus und Metoo-Kampagne fest. Nicht, dass diese Dauerbrenner nicht wichtig wären; aber immer wieder manifestiert sich der Eindruck, dass jeder aktuelle Konfliktfall aus solchen nur allmählich zu bewältigenden Komplexen überaus willkommen ist, um sich eben einer Aufgabe zu entziehen, der wir uns dringend stellen müssen. Wir können schließlich nicht immer so tun, als sei mit dem Gejammer über die negativen Folgen der Digitalisierung jegliche Branchen-Pflicht erfüllt. Nein, nichts ist erledigt, um mit Klaus Staeck zu sprechen, der in diesem Monat achtzig wird. Was erwarten wir von der Kunst, was von der dazugehörigen Vermittlung auf allen Ebenen – darauf müssen Antworten gefunden werden, jetzt. Agenda 2018 – die Zeit läuft.

In dieser Ausgabe: Wie Christoph Büchel aus Trumps Mauer-Projekt nun Land Art macht (Seite 5). Wie deutsche Museumsdirektoren auf den Übereifer in der Manchester Art Gallery reagieren (Seite 8). Thema Restitution: Welchen Unsinn Ronald Lauder vorgetragen hat (Seite 8). Der Sammler Heiner Pietzsch glaubt, die Eröffnung des Museums für das 20. Jahrhundert in Berlin nicht mehr erleben zu können (Seite 11). Galerien ohne eigene Ausstellungsräume als Messeteilnehmer? Die Frieze New York prescht vor (Seite 12). Berlin: Anselm Kiefer sucht ein Atelier mit 70 000 bis 90 000 Quadratmetern (Seite 16). Wer ist Katrin Budde? Was man von der neuen Vorsitzenden des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag erwarten darf (Seite 16). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 644 – Editorial

Informationsdienst KUNST 644

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, amüsiert sitze ich am Schreibtisch, die News des Tages vor Augen, und denke, dass es in unserer Branche oft verrückt zugeht. Viele Ungereimtheiten und Schlitzohrigkeiten provozieren zwar Aufmerksamkeit und Widerstand, doch im Vergleich mit manchen Entwicklungen außerhalb der Kunst-Familie erscheint das alles harmlos. Was soll man beispielsweise davon halten, dass die Lobby der französischen Bäcker es jetzt geschafft hat, Emmanuel Macron dafür zu gewinnen, dass das Baguette auf die Weltkulturerbe-Liste gesetzt wird, wo schon, absurd, die Pizza berücksichtigt wurde? Geht’s um einen dämlichen Länderwettkampf Italien/Frankreich – oder, wahrscheinlicher, schlichtweg um eine völlig aufgeweichte Begriffsbestimmung, wo ein ausgedehnter und schließlich ausgeleierter Kulturbegriff das Gegenteil der einmal gut gemeinten Erweiterungen bewirkt?

Das beliebig ausgewählte Beispiel aus den weltweit kommunizierten Meldungen der vergangenen zwei Wochen kommt nicht von ungefähr. Ich wundere mich nämlich laufend, warum es vielerorts kneift, warum anspruchsvoll angekündigte Vorhaben im Laufe der planerischen oder faktischen Umsetzung vor Ort nebulös ausfallen und häufig eigenartig mutieren. Am Ende weiß oft keiner mehr, warum man gemeinsam angetreten ist.

Klartext: Ich beobachte seit Jahren alles, was mit dem Humboldt Forum zu tun hat – und wundere mich mittlerweile, wie dieses große Jahrhundert-Projekt scheibchenweise, quasi wie ein Baguette, angefasst und verteilt wird. Lustig ist das nicht. Während man in Berlin üblicherweise an Bau-Problemen scheitert (Reizwort Flughafen), wächst das neue Schloss seit Jahren und wird rechtzeitig zum angepeilten Termin im kommenden Jahr fertig sein. Doch die ohnehin zu spät gestartete inhaltliche Debatte, mittlerweile zusätzlich unter einer unübersichtlichen personellen Struktur leidend, lässt die Befürchtung keimen, dass das Bundes-Projekt mit Landes-Beteiligung kaum jenes außergewöhnliche, einzigartige Profil zeigen wird, das versprochen war.

Zwischenzeitlich immer wieder bekanntwerdende oder offiziell kommunizierte Personalien (darunter aktuell Inés de Castro, siehe Seite 6) sowie bisweilen kurzfristig veranlasste Korrekturplanungen, etwa im ersten Obergeschoss, lassen eben den Verdacht zu, dass die derzeit noch verdeckt vom Kompetenz-Gerangel betroffene Renommee-Baustelle bestenfalls als Stückwerk funktionieren wird (siehe auch ID 643, Seite 9).

Hört man sich in Kreisen der momentan nur geschäftsführenden, auch fürs Humboldt Forum zuständigen Bundesregierung um, dann gibt es freilich keine offiziellen Statements dazu, doch in kleiner Runde wird geraunt, dass die Schwierigkeiten in der Humboldt-Vorbereitungsphase vor allem auf eine unzeitgemäße Struktur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zurückzuführen seien, die mit einigen ihrer Sammlungen im Schloss vertreten sein wird.

Stiftungspräsident Hermann Parzinger hat zwar gerade im »Tagesspiegel« (Ausgabe vom 10. Januar) unmissverständlich eingeräumt, dass intern manches Procedere neu organisiert werden müsse, dass etwa die Verwaltung in Zukunft »effizienter und reaktionsschneller« agieren solle, doch ist die Wurzel des Übels tatsächlich in der bisher fehlenden Neuordnung der Stiftung auszumachen? Müsste eine heikle Schnittstelle im föderalen System, eben die vor 60 Jahren gegründete SPK, nicht in einem 28-seitigen Sondierungspapier auftauchen, wie es CDU, CSU und SPD vorlegten?

Nicht zuletzt: Wenn über eine kulturelle Agenda nachgedacht und sogar die Förderung der freien Szene angesprochen wird, wäre dann nicht auch mit wenigstens einem Satz, allemal einer Randbemerkung zum Humboldt Forum ein klares Signal vonnöten gewesen, dass seitens der drei potenziellen Regierungsparteien die große Chance erkannt wird, hinter historisierenden Fassaden unverwechselbar Neues zu schaffen, der Kultur eine Zukunft zu geben?

Die Antwort, mit Verlaub, ist ernüchternd: Ich glaube, unseren wenigen kulturell engagierten Politikern würde eher einfallen, nach der Pizza und dem Baguette auch noch deutsches Sauerkraut als Weltkulturerbe feiern zu wollen, als ein flammendes Plädoyer für ihre Vision einer Kultur von morgen zu formulieren. Ja, gibt es sie überhaupt, diese Vorstellung? Endet sie, leider, nicht immer schon dort, wo jemand irrtümlich meint, mit einer gewissen Offenheit für den digitalen Raum sei das Thema bewältigt?

P.S.: Wie kurz vor Redaktionsschluss dieser Branchenbrief-Ausgabe bekannt wurde, soll als Nachfolgerin von Susanne Pfeffer den nächsten deutschen Biennale-Pavillon in Venedig die 1973 in Budapest geborene Franciska Zólyom kuratieren. Sie hat in Köln und Paris Kunstgeschichte studiert und leitet seit 2012 als Direktorin die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. In Sachen Venedig gibt es weitere News auf Seite 9.

In dieser Ausgabe: Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, will die vom Bund und den Ländern betriebene Einrichtung modernisieren (Seite 5). Zum 25-jährigen Galerie-Jubiläum ein Neubau besonderer Art: David Zwirner, New York (Seite 8). Krach hinter australischen Biennale-Kulissen: Rückzug der Sponsoren (Seite 9). Termin-Probleme der art berlin (Seite 10). Bauzaun-Probleme im Kunsthaus Zürich (Seite 12). Genua: Ermittlungsverfahren wegen Modigliani-Fälschungen (Seite 13). Hessens Kunstminister Boris Rhein bekennt sich zur documenta und reagiert auf den Offenen Brief von über 130 Fachleuten (Seite 17). Im Juli soll endgültig über die Zukunft des Museums Morsbroich entschieden werden (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 643 – Editorial

Informationsdienst KUNST 643

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zum Jahreswechsel, logisch, räumen wir auf und weg. Klarschiff für die kommende Monate auf den Schreibtischen, Ordnung im Archiv und in der Bibliothek, Klamotten-Check im Ankleidezimmer, und in der Küche gibt’s auch immer Handlungsbedarf. Spätestens beim Gläser-Spülen drängt sich dann schon wieder die Frage der Transparenz in die Gedanken, auch die grundsätzliche Überlegung, ob man sich für 2018 nicht etwas vornehmen müsse. Auf der Dringlichkeitsliste steht ganz oben natürlich die Notwendigkeit, dass jetzt schleunigst aus der geschäftsführenden Bundesregierung wieder eine richtige wird, eine, die wirklich handlungsfähig ist und nicht nur so tut. In der Kulturpolitik wird seit Monaten fleißig repräsentiert, jede Statistik zum Wachstum der Kreativwirtschaft-Branche oder jede staatliche Zuwendung für Institutionen und Projekte ausgiebig kommuniziert. Doch überfällige Debatten, etwa zur Neuordnung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, können nicht ernsthaft geführt und Entscheidungen nicht getroffen werden. Allenfalls eine gewisse Atemlosigkeit ist zu attestieren, weil es offenbar berechtigte Befürchtungen gibt, die AfD könne den Vorsitz im Bundestag-Kulturausschuss übernehmen.

Das wäre die Katastrophe schlechthin, weil von dieser Partei nichts zu erwarten ist, was Kultur befördern könnte. Womöglich kommt es nicht von ungefähr, dass mittlerweile, von einer gewissen Panik getragen, sogar der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, längst wieder der Liebling der stagnierenden Schulz-Aufbruch-Bewegung, von »Heimat« schwadroniert, die heikle Debatte um die »Leitkultur« erneut aufflammen lassen möchte, als gelte es, die einst konservative CDU rechts zu überholen, um dort die AfD kaltzustellen. Dabei haben wir in der Kultur wahrlich genug Themen, die 2018 beherzt angepackt werden müssen – von der hinderlichen, im Froschschenkel-Vergleich auch ungerechten 19-Prozent-Mehrwertsteuer-Frage bis zum erforderlichen Kulturgutschutzgesetz-Lifting, das dank der für den frühen Sommer anstehenden ersten Berichterstattung vor dem Bundestag gottlob allmählich in die Phase der Evaluierung gerät. Widersinn und Ungerechtigkeit zu beseitigen, Kommunikation und Bürokratie zu vereinfachen – Aufgaben zuhauf. Und auf Bundesebene geht’s auch darum, auf Samtpfötchen ins Dickicht föderaler Strukturen vorzudringen, wo von Bundesland zu Bundesland so viele Differenzen auszumachen sind, dass man sich inzwischen kaum mehr einen gemeinsamen Nenner vorstellen kann.

Nur ein Beispiel: Wenn ein Museumsdirektor in Baden-Württemberg oder in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 5 200 Euro (brutto) pro Monat verdient, ist das wirklich nicht viel, gemessen an der Verantwortung, aber wenigstens nachvollziehbar im Vergleich mit den Kollegen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen, wo nicht mehr als maximal 3 500 Euro (!) gezahlt werden. Eine Gehaltskluft der schmerzhaften Art. Die Museumsleiter in Österreich können sich dagegen brüsten, besser als ihr Bundeskanzler honoriert zu werden. Sabine Haag, Kunsthistorisches Museum, und Klaus Albrecht Schröder, Albertina, so heißt es aus Wien, sollen Jahresgehälter beziehen, die sich um 280 000 Euro drehen, mithin rund 23 000 Euro monatlich. Freilich lässt sich das noch toppen. In den USA zum Beispiel (im Archiv finden wir eine Notiz, dass der MoMA-Direktor in New York schon vor zehn Jahren sage und schreibe 110 000 Dollar erhielt – pro Monat), wo obendrein allerlei Zusatz-Leistungen üblich sind. So sollen dem Museumschef vor zwei Jahrzehnten, aus einem sehr speziellen Fonds, über fünf Millionen zugeschoben worden sein, damit er sich privat was Repräsentatives an der 53. Straße leisten konnte. Zugegeben: Die Latte der Erwartungen liegt hoch, wo auf Teufel komm raus vergütet und verwöhnt wird (Glenn D. Lowry bedankte sich einst mit immerhin knapp 900 Millionen, die er bei den Wohlhabenden für den Umbau/Neubau gesammelt hatte).

Natürlich wird hierzulande niemand erwarten können, dass ein Thomas Krens um die Ecke kommt und, »mal eben so«, wie sich Max Hollein an seine Guggenheim-Assistenten-Zeit in New York erinnert, das Gehalt verfünffacht. Aber der öffentliche Dienst könnte sich durchaus einmal selbst auf den Prüfstand stellen – und fragen, warum es in vielen Museen nicht rund läuft. Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, stellte zum Jahresende 2017 mit Bedauern fest, dass ein deutlicher Rückgang der Sonderausstellungen und folglich sinkende Besucherzahlen in den Häusern als Warnsignal gesehen werden müssten. Die Museen, so meinte er, sollten von ihren Trägern nachhaltig unterstützt werden. Was er explizit nicht erwähnte, war die Feststellung, dass die Führungskräfte in den deutschen Museen überwiegend miserabel besoldet werden und sich, mehr oder weniger notgedrungen, ihr Haushalts- und Taschengeld andernorts verdienen – als Juroren, Autoren, Berater, Festredner, Kuratoren für Burda, Prada & Co. Logisch, dass dann das Engagement zu Hause bisweilen lausig ausfällt. Das muss sich ändern. Wenigstens ein Vorsatz für 2018.

In dieser Ausgabe: Die Bremer Weserburg wird vom Herbst an von Janneke de Vries geleitet (Seite 2). Bonns Kunstmuseum-Chef Stephan Berg rechnet mit dem Kunstsommer 2017 ab (Seite 3). Attacke gegen Mäzen: Nan Goldin gegen Pharma-Clan Sackler (Seite 4). Im Museum Frieder Burda plant James Turrell was Großes (Seite 6). Neuer Biennale-Kurator für Venedig: Ralph Rugoff, London (Seite 9). Neues Künstler-Zentrum in Berlin, Oberschöneweide, mit Eliasson, Jankowski, Kwade, Reyle und Voigt (Seite 12). Warum Siegfried Zielinski vom Rektorenposten an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zurücktritt (Seite 15). Preis-Check: Agnieszka Polska, Trägerin des Preises der Nationalgalerie (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 642 – Editorial

Informationsdienst KUNST 642

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man allmählich auf die 65 zugeht, sich gottlob enorm fit fühlt und weiß, dass man quasi lebenslänglich den Dienstmann geben wird, gar nicht anders kann, als weiterhin die Branche kritisch zu beobachten, dann zuckt man einen Moment lang zusammen, wenn aus der Fondation Beyeler die frohe Kunde eintrifft, dass »alle über 65-Jährigen« bis zum 24. Dezember freien Eintritt ins Museum erhalten. Gehört man mit 65 also zum alten Eisen; ist man verbraucht, reif für die Rente oder irgendeine Insel, ausgemustert, abgehalftert, bemitleidenswert? Senioren-Programm? Mitnichten, denke ich, nachdenklich geworden. Hätte man in CH-4125 Riehen nicht besser die traditionelle Altersgrenze verschieben sollen, auf 75 oder 80, wenigstens auf 70? Gerade in einer Zeit, in der die Menschen bekanntlich immer älter werden, in der dann und wann die 116 oder 117 Jahre erreicht werden (vor 20 Jahren starb in Arles eine Französin, die 122 Jahre alt wurde), in der kürzlich der israelische Wissenschaftler Chaim Cohen sogar die 140 in Aussicht stellte, ist man doch mit 65 noch ein Jüngling, oder?

Im zurückliegenden Jahr waren nur wenige der verstorbenen Künstler unter 80. Eher die Ausnahme, dass Werner Berges mit 75, Edgar Gutbub mit 77, Arno Rink mit 76 und Johannes Grützke mit 79 Jahren starben. Die Nachrufe 2017 zeigen, dass die meisten mindestens 80 Jahre alt wurden, darunter Hans Baschang (80), Stanley Brouwn (81), Trisha Brown (80), Howard Hodgkin (84), Jannis Kounellis (80) und Joe Stefanelli (96). Und Karl Otto Götz schaffte sogar die 103. Vielleicht ist all das kein Wunder, weil sich im Laufe der Jahrzehnte auf allen Ebenen die Versorgung des Menschen wesentlich verbessert hat – von der Ernährung bis zur Medizin.

Lebte der erste, vor genau 50 Jahren vom legendären Christiaan Bernard operierte Mann nur 18 Tage lang mit dem Herz einer Frau, kann man heute dank einer solchen Organspende, mit ein bisschen Glück und etwas Disziplin, durchaus drei Jahrzehnte lang unbeschwert weitermachen, wie ich weiß (seit meiner eigenen Transplantation in München, 2007, durch den einstigen Bernard-Nachfolger in Kapstadt, Bruno Reichart). »Die Kraft des Alters«, so der Titel der bis Mitte März laufenden Ausstellung in Wien, Unteres Belvedere, ist längst ein Thema, das nicht nur die Soziologen intensiv beschäftigt, denn die zunehmende Lebenserwartung prägt sich tief ins gesellschaftliche Koordinatensystem.

In der Kunst ist es so, dass das Alter zwar zweifellos eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, weil spät Entdeckte (wie Louise Bourgeois) selten Welt-Karriere machen, doch Galeristen und andere Vermittler achten nach wie vor mehr noch auf das bildnerische Potenzial, das in einer Arbeit steckt. Wer als Künstler erfolgreich sein will, braucht auch heute die klare Botschaft, die unverwechselbare Handschrift. Zugleich reicht es aber nicht, alles zu benageln oder zu verhüllen, Jahr für Jahr, von Ausstellung zu Ausstellung. Gerade Markenzeichen-Stars wie Christo oder Günther Uecker haben zeitlebens dokumentiert, dass sie sich künstlerisch entwickeln können, dass sie die immer wieder neuen Herausforderungen der Zeit anzunehmen verstehen.
Als ich kürzlich in der Bibliothek nach einem Buch suchte, stieß ich zufällig auf einen DuMont-Band, den ich mir 1970, damals Schüler auf einem musischen Gymnasium, von meinem Taschengeld gekauft hatte: »Deutsche Kunst: eine neue Generation«. Rolf-Gunter Dienst, mittlerweile verstorben, hatte den Band zusammengestellt, und mein Kunstlehrer, ein begeisterter ZERO-Anhänger, ließ keinen Zweifel aufkommen, dass ich richtig investiert hatte. Er hielt mir prompt die Uecker-Seite entgegen: Er, 1930 geboren, konnte schon damals so viele Ausstellungen vorweisen, dass Dienst ihm als einzigen Künstler seiner richtungsweisenden Dokumentation (unter anderem mit Asmus, Beuys, Brüning, Buthe, Claus, Darboven, Geiger, Girke, Graubner, Haacke, Hajek, Hoehme, Klapheck, Koberling, Mack, Mields, Palermo, Pfahler, Piene, Richter, Ruthenbeck, Schult, Schultze, Ulrichs und Vostell) eine ganze Anhang-Seite widmete.

Dass etwa die Hälfte der damals vorgestellten 122 Künstler immer noch tätig ist beziehungsweise mit ihrem Werk kunstgeschichtlich Spuren hinterlassen hat, ist sensationell. Möchte man zum Jahreswechsel 2017/2018 einen solchen Versuch wagen und die aktuell umschwärmten 122 Künstler in einem solchen Buch listen, dann würden in knapp 50 Jahren, um 2065, meine ungeschützte Prognose freilich, vielleicht noch 22 bekannt sein. Der Kunstbetrieb ist längst zum Durchlauferhitzer mutiert, wo immer mehr Künstler gepusht werden, um bereits wenig später gnadenlos aussortiert und vergessen zu sein. Oft auch ein menschliches Drama, das so gar nicht zu den vollmundigen Kuratoren-Sprüchen passen will, zu einem aufgeblasenen, anspruchsvollen Weltbild, das in der Praxis schon im kleinen Rahmen der Kunst-Familie keinerlei Bestand hat. Leider.

In dieser Ausgabe: Großzügige Spende von Neo Rauch (Seite 4). Rückzug aus der Gratiskultur im Internet: »Art«-Chefredakteur Tim Sommer erläutert die Entscheidung (Seite 4). Pressestimmen zur Art Basel Miami Beach (Seite 6). Stuttgart: Ehrenmitgliedschaft für Annette Kulenkampff (Seite 7). Kein Museumsposten für Adam Szymczyk in Athen (Seite 8). Streit um den Nachlass von Franz West in Wien beendet (Seite 11). So könnte es sein: »The Square«, der Kinofilm aus dem Kunstmilieu (Seite 12). Preis-Check: Rebecca Horn (Seite 13). Hombroich: Verhandlungen um Graubner-Museum festgefahren (Seite 15). Neues vom Giacometti-Fälscher Robert J.C. Driessen (Seite 19). Muss ins Gefängnis: Bernardo Paz (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 641 – Editorial

Informationsdienst KUNST 641

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man seit Jahrzehnten als Kunstjournalist tätig ist, für die meisten bedeutenden Publikationen geschrieben hat, ob »FAZ«, »Spiegel« oder »Zeit«, dann mag das flüchtige Internet noch so viele Kurznachrichten und Dauergerüchte verbreiten – man neigt dazu, Print zu bevorzugen. Eine Wohltat, Seite für Seite blättern zu können, es rascheln zu hören, die Haptik des Papiers zu spüren, Druckerschwärze inklusive. Schwarz auf Weiß lesen zu können, was die Kollegen veröffentlichen, gehört zu den angenehmsten täglichen Pflichten. Und dabei ist es so, dass jene Beiträge, die aufgrund ihrer Machart oder ihres Inhalts den Pegel der Erregung steigen lassen, in der Tat etwas auslösen, bewirken, während der gleiche Text, vollumfänglich oder als Kurzfassung auf dem Bildschirm zu sehen, weitaus weniger Empörung verursacht. Warum das so ist? Wenn man das genau wüsste. Allenfalls Ahnungen keimen auf, frei nach dem Löschmotto, »klick und weg«, bevor man nicht weiter überlegt und sich lustvoll in die nächste Print-Lektüre stürzt.

Dass die Kunst, für die man vor Jahrzehnten als Redakteur oder Autor hart kämpfen musste, um sie als Thema in den »Spiegel« oder in andere Viel-Ressort-Periodika zu hieven, mittlerweile zu den beliebtesten Stoffen gehört, verwundert nicht. Mussten früher noch aktuelle Aufhänger gefunden werden, am besten exklusiver Natur, um den Mitbewerbern anderer Verlage zu zeigen, wer den besten Investigativ-Journalismus macht, schaffen sich die Redaktionen heute ihre Ereignisse selbst. Manchmal gleich im Doppeltakt.

Bestes Beispiel aus den vergangenen Tagen: Am 17. November erschien das »Süddeutsche Zeitung Magazin«, Nummer 46, mit einem Cover, das Sophie Calle zeigt und einen Foto-Text-Zyklus der Künstlerin ankündigt. Nach der Calle-Editorial-Seite 7 gibt es auf sage und schreibe 57 Seiten die vorn angekündigte Künstler-Strecke sowie ein allerdings durch einige Anzeigen unterbrochenes Interview, das mit einem kleingedruckten, völlig unsinnigen Nachspann endet. Calle habe dem Autor, Tobias Haberl, die Übernachtung in ihrem Haus angeboten; dieser sei aber lieber, zu dumm, nach Cassis an die Küste gefahren, wo er anderthalb Stunden nach einem Parkplatz suchte, um dann 20 Minuten am Meer zu sitzen, bis es dunkel wurde.

Als sei das alles nicht schon genug (zumal auch Martin Eder und ein Rezept für Rote Bete aus dem Salz-Teig geboten werden), gab es in dieser Woche eine weitere, eine obendrein größere »Süddeutsche Zeitung Magazin«-Ausgabe, um »20 Jahre Edition 46« zu feiern. Die Redaktion rief auf 74 Seiten ins Gedächtnis, dass sie schon immer (Ausnahme: 2000 bis 2006) Künstler eingeladen habe, ein Heft zu gestalten. Von Jenny Holzer (1993) über Anselm Kiefer (1990) bis Erwin Wurm (2016) reicht die Künstlerliste. Auch Jeff Koons war vertreten, damals, 1992. Und im Jubel-Heft darf der Schriftsteller Maxim Biller daran erinnern, dass er mal »nachts um zwei oder drei« im Schumann’s in München plötzlich neben dem Künstler gesessen habe, der »so betrunken« gewesen sei, dass »ihm immer wieder der Ellbogen von der Tischplatte rutschte«. Der Biller-Bullshit spült sich schließlich unvermittelt mit der Überlegung weg, »wer sagt eigentlich, dass ein großer Künstler nicht auch ein großes Arschloch sein darf«.

Tags zuvor war bereits »Die Welt« als »Sammlerstück« in den Vertrieb gekommen. »Einer der berühmtesten Künstler der Gegenwart«, damit war das »Arschloch« Koons gemeint, habe eine ganze Ausgabe der Springer-Tageszeitung gestaltet. Und Kunst-Boss Cornelius Tittel, zugleich »Blau«-Chefredakteur, der schon am 12. November in der »Welt am Sonntag« für die Koons-Nummer getrommelt hatte, verführte Branchenkenner spontan, noch einmal nachzulesen, was er in der »Welt«-Beilage »Blau«, November-Nummer, verbreitet hatte. Vor sechs Jahren durfte er erstmals mit Koons telefonieren; dann habe er ihn in New York getroffen (»mit einem Diktiergerät zwischen uns«), wo sich der Künstler »immer wieder zu mir herüber beugte, seine Hand auf meinen Unterarm legte und ‚It’s all about acceptance, Cornelius‘ zu mir sagte« (Tittel). Und dann noch einmal, im Konjunktiv, »wenn er bei mir säße – und mir tief in die Augen schauen würde«.

Der unerträgliche Schmus ist womöglich der hohe Preis, den Zeitungen wie »Die Welt« oder, in diesem Fall vergleichbar, das »Süddeutsche Zeitung Magazin« zahlen müssen, wenn sie für ihr großes Leser-Publikum, das bekanntlich nur zum kleinsten Teil aus Kunstfreunden besteht, in die Sphären der Kultur vordringen wollen. Dass guter Journalismus anschaulich sein muss, ist klar, aber dabei muss man halt aufpassen, nicht in allzu leichte Gefilde abzugleiten, wo Ellbogen von der Tischplatte rutschen oder Hände auf Unterarme gelegt werden. Entbehrlich, wirklich entbehrlich.

In dieser Ausgabe: Der Berliner Senat lässt sich allzu viel Zeit, das Startsignal für den Baubeginn des Museums des 20. Jahrhunderts zu geben (Seite 5). Unruhe am Rhein: Sprecher der Kölner Galerien zurückgetreten (Seite 9). Kassel: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff scheidet vorzeitig aus (Seite 11). Duisburg: Großartiger Auftritt von Bernd Koberling im Museum Küppersmühle (Seite 11). Nachlass-Affäre: Fritz Koenigs Vermächtnis in Gefahr (Seite 15). Weitere Sammler-Reaktion: Marisol Corboud will Werke aus dem Wallraf-Richartz-Museum holen (Seite 20). Der »Tatort« aus Münster mit Christian Jankowski enttäuschte (Seite 21). Fragwürdige Absage der Max Stern-Schau in Düsseldorf (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 640 – Editorial

Informationsdienst KUNST 640

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesem Jahrzehnt läuft’s nicht rund. Spätestens seit den Verurteilungen von Beltracchi und Achenbach wissen wir, dass unsere Branche aus nachvollziehbaren Gründen in Verruf geraten ist. Statt über hehre Kunst zu sinnieren, wie das in unserer Jugend üblich war, nehmen wir alle den versauten Betrieb ins Visier – und finden laufend jede Menge Gründe, uns tüchtig zu empören. In diesem Klima des Argwohns gedeihen mittlerweile Formulierungen und Regelungen, die nichts verhindern können, aber zumindest geeignet erscheinen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Transparenz herzustellen. Hatte die Art Cologne bislang in ihren Richtlinien für die Zulassung zur Messe selbstverständliche Grundsätze unauffällig versammelt, die etwa kommunizierten, dass Aussteller, die »gefälschte oder zweifelhafte oder fehlerhaft beziehungsweise unvollständig deklarierte Kunstwerke« anbieten oder gar verkaufen, ausgeschlossen werden, legt die Art Basel nun noch einen drauf, selbstbewusst und lautstark. Sie will erstmals zur Messe in Miami, 2018, »Art Market Principles and Best Practices« präsentieren, ein Papier, das eine neue Ära einleiten soll, aber schon jetzt im Kulissengespräch für Unruhe sorgt.

Die Basler Messemacher, womöglich unter Druck, weil ihre Messe in Hongkong häufiger als hierzulande mit Usancen konfrontiert, die fragwürdig sind, wollen dabei ihre Kunden, die Galeristen, tüchtig in die Zange nehmen. Freilich müssen sie damit rechnen, dass diese Planung auf Widerstand stoßen wird, kann sie doch auch als Misstrauensäußerung gegenüber den Kunden gelesen werden. Compliance-Regeln, in der Wirtschaft durchaus üblich, wirken im Kunstbetrieb fremd, weil halt hier immer noch viele Geschäfte »wie im Pferdehandel« gemacht werden (wie der Galerist Winfried Reckermann einmal sagte), also per Handschlag. Nicht wenige der renommierten Aussteller, so darf prognostiziert werden, könnten im kommenden Jahr rüde reagieren, wenn sie sich plötzlich ins kriminelle Zwielicht gezogen sehen, wenn sie unterschreiben sollen, keine Fälschungen an ihren Messeständen zu verkaufen, keine unsauberen Deals zu machen. Und natürlich werden manche von ihnen einen Schrei-Anfall bekommen, wenn ihnen Messe-Boss Marc Spiegler einen weiteren Passus serviert, in dem fixiert ist, dass Künstler für ihre Arbeiten einen adäquaten Preis zu erhalten haben.

Dass die Art Basel diesen Vorstoß wagt, egal, ob er nun zum Konflikt führt oder nicht, dass Ethik 2018 im Kunstmarkt zwangsläufig ein großes Thema wird, ist grundsätzlich gut. Denn zuletzt haben wir alle allzu oft die Augen zugemacht, viele Vorfälle und Entwicklungen ignoriert oder irgendwie schöngeredet. Oft, weil wir glaubten, dies oder das diene ja letztlich der Kunst, es ermögliche etwas, was sonst nicht machbar ist. Ein Beispiel der besonderen Art führt nach Mannheim, in die Reiss-Engelhorn-Museen. Dort werden 1,2 Millionen Objekte verwahrt, dort stehen an vier Ausstellungsorten rund 13 000 Quadratmeter Schaufläche zur Verfügung, und diese Museen gehören zu den wenigen, die sich das Thema Forschung wirklich groß aufs Panier schreiben dürfen.

Dass das so ist, hat mit einer guten finanziellen Ausstattung zu tun, beispielsweise auch mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum für Kunst- und Kulturgeschichte. Der Mäzen und 25-Millionen-Stifter, der vor einem Jahr starb, der mit seinen 90 Jahren bis zuletzt hellwach war, hatte Mannheim und die Kulturszene in eine überaus komfortable Situation versetzt, und im Kunstbetrieb wurde denn auch, irgendwie peinlich berührt, aber ohne Aufhebens, mehr oder weniger totgeschwiegen, dass am 8. Oktober 2013 die Steuerfahnder bei dem Milliardär und seinen beiden dann vorübergehend inhaftierten Töchtern Carolin und Elisabeth auftauchten – und emsig Daten und Akten beschlagnahmten. Es ging um Steuerhinterziehung in Höhe von sage und schreibe 440 Millionen Euro, also mehr als der zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Uli Hoeneß verursachte (vor dem Amtsgericht Augsburg wurde später ein Engelhorn-Steuerschaden in Höhe von rund 145 Millionen Euro dokumentiert). Es kam schließlich zu einem Deal zwischen der Staatsanwaltschaft und der Familie: Die beiden Schwestern zahlten nach, obendrein Bewährungsstrafe und eine Geldauflage in Höhe von zwei lausigen Milliönchen.

In Mannheim atmete man erleichtert auf, dass der Name Engelhorn, der im Namen der Museen steckt, durch die Steueraffäre nicht allzu sehr beschädigt wurde, weil rundum alle abfederten, polsterten, flüsterten (während Hoeneß auch in den Medien tüchtig vorgeführt wurde). Niemand in der Kulturszene hatte ein Interesse daran, dass sich das Wohlwollen der Familie in eine Abkehr von den Reiss-Engelhorn-Museen verwandeln könnte. Ob diese Diskretion auch fortan gilt, muss man sehen, denn seit wenigen Tagen liegen nun die »Paradise Papers« auf den Schreibtischen – und vor allem die Politiker geraten tüchtig in Erklärungsnot. Denn unter den 13 Millionen Dokumenten aus Steuerparadiesen, die das Netzwerk investigativer Journalisten auswertete, taucht die vielzitierte Kanzlei Appleby auch im Engelhorn-Mandanten-Kontext auf – und es scheint, dass die Ermittler vor wenigen Jahren nur etwa 20 Prozent der wirtschaftlichen Verbindungen der Kultur-Familie Engelhorn erfasst haben. Das Offshore-Konstrukt aus Trusts, allerlei Stiftungen sowie Briefkastenfirmen soll einen solchen Umfang haben, dass die Behörden jahrelang zu tun haben werden, sollten sie jetzt anhand der Unterlagen einen erneuten Ermittlungsanlauf nehmen.

Derweil sagte Wolfgang Schäuble, der scheidende Finanzminister, kapitulierend in die Fernsehkameras, dass die Steuer-Schlupflöcher der Globalisierung geschuldet seien. Das klang wie ein Freispruch vor dem Prozess – und es war, zu dumm, wohl auch so gemeint. Bleibt die Frage in unserer Branche, ob wir den steuerhinterziehenden Super-Reichen tatsächlich weiterhin die Absolution geben wollen, indem wir ihre fragwürdigen Geschenke annehmen und so tun, als sei nichts passiert. Wenn Sie mich fragen: Ich meine, Engelhorn sollte aus dem Namenskonstrukt Reiss-Engelhorn-Museen entfernt werden. »Ziel ist«, sagte Marc Spiegler kürzlich, »den Ruf zu schützen.« Das kann nicht nur für die Art Basel gelten.

In dieser Ausgabe: Erfolg für »Deutschland 8« in China (Seite 2). Chemnitz: Schenkung von Heiner Bastian und Familie (Seite 4). Fragwürdiger »Power 100«-Platz für Adam Szymczyk (Seite 7). Hansjörg Wyss und eine neue Hoffnung für das Kunstmuseum Bern (Seite 9). Die Gurlitt-Zwischenbilanz in Bonn (Seite 9) und in Bern (Seite 11). Berlin: Preis der Nationalgalerie in der Kritik der vier beteiligten Künstlerinnen (Seite 12). Kulturpolitik: Sondierungsgespräche in Berlin (Seite 13). Erfolgreich geklagt: Jörg Sassen und die Mehrwertsteuer (Seite 14). Unerwünschte Annäherungen: Armory-Direktor Benjamin Genocchio verliert seinen Job (Seite 17). Preis-Check: Katharina Fritsch (Seite 18). Krach hinter den Kulissen der ZERO Foundation (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 639 – Editorial

Informationsdienst KUNST 639

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich will niemand was Offizielles verlauten lassen. Natürlich verschanzen sich alle, die derzeit in Berlin über Jamaika nachdenken, verhandeln und ebenso vollmundig wie nichtssagend über die immer wieder zitierten »Themen« schwadronieren, hinter der überstrapazierten Kanon-Zeile »Zuerst die Inhalte«. Personalien später, so heißt es, fragt man quer durch die regierungsbildenden Fraktionen des neuen Deutschen Bundestages, in dem nun über 700 Abgeordnete herumschleichen. Auch für die kulturlose Truppe vom äußerst rechten Rand, die AfD, die die Regierung nach eigenen Angaben »jagen« will, gibt es noch nicht wirklich was zu tun, weil das CDU/CSU/FDP/Grüne-Bündnis erst im kommenden oder gar im übernächsten Monat geschmiedet sein wird. Also womöglich Jägermeister trinken und abwarten.

In der Zwischenzeit bewegt sich freilich viel – und zwar dort, wo die parlamentarischen Neulinge keinerlei Ahnung haben. Einige Fakten sind bekanntlich geschaffen. Wenn Wolfgang Schäuble, CDU, fortan den Bundestag dirigiert, wirkt er nicht mehr als Finanzminister. Wenn der FDP-Mann Wolfgang Kubicki, ein Jurist, als einer der Bundestag-Präsidenten-Stellvertreter agieren soll, wird er nicht das zuletzt von der SPD geprägte Justizministerium übernehmen. Über diese bereits geschaffenen Tatsachen hinaus kann zur Zeit nur spekuliert werden, wie die Regierungsbildung in der Folge verlaufen könnte. Werden die Grünen ihren Cem Özdemir, Jahrgang 1965, als Außenminister durchsetzen wollen, oder hat die FDP allerbeste Karten, das wichtige Ministerium zu bekommen, weil sie mit dem Europa-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, Jahrgang 1966, den international überzeugenderen Kandidaten ins Gespräch bringen wird?

Auf dem Personalkarussell der nächsten Regierung, das bestätigen rundum alle, freilich wieder hinter vorgehaltener Hand, wird Johanna Wanka, Jahrgang 1951, nicht mehr sitzen. Die zuletzt (seit 2013) als Bundesministerin für Bildung und Forschung amtierende Christdemokratin, die sich zuvor auch schon als Kultur- und Wissenschaftsministerin in Niedersachsen und dann in Brandenburg bewährt hatte, macht ihren Stuhl frei, den sie kurzfristig von Vorgängerin Annette Schavan übernahm. Und weil solche Personalwechsel nicht selten auch mit der Schaffung neuer Territorien verbunden sind, gibt es im Moment, natürlich ganz im Stillen, ein paar Politiker, die darüber nachdenken, dass dieses Ministerium, das BMBF, unter bestimmten politischen Umständen mit einem Bundeskanzleramt-Anhängsel zusammengespannt werden könnte.

Kultur und Bildung unter einem Dach, die Kultur aus Merkels direkter Hausmacht-Einflussnahme ausgegliedert? Der FDP, beispielweise, könnte das taugen, will sie doch auch verhindern, dass der künftige Finanzminister wieder aus der CDU kommt. Der wichtige Posten, lässt Christian Lindner verbreiten, dürfe nicht so hautnah bei der Kanzlerin angesiedelt sein; der künftige Finanzminister müsse aus einer anderen Partei kommen, egal, ob Grüne oder Freidemokraten. In der Ableitung solcher Thesen drängt sich der Verdacht auf, dass an der früher schon einmal andiskutierten Fusion von Kultur und Bildung was dran sein könnte. Reine Spekulation zur Stunde noch, aber ein Informant aus dem Umfeld des Bundeskanzleramts bestätigt das aus verschiedenen Quellen stammende Gerücht.

Ja, Monika Grütters als Kulturstaatsministerin (oder eine andere Persönlichkeit) könnte demnächst in die Situation geraten, diese Herausforderung annehmen oder ablehnen zu müssen. Ob sie (oder ihr/e Nachfolger/in) daran interessiert sein könnte, wird man in einigen Wochen genau wissen. Grütters selbst hat sich bislang immer gegen ein eigenständiges Kultur-Ministerium ausgesprochen. Ihr Argument: Die persönliche und räumliche Nähe zur Kanzlerin hilft der Kultur; da könne sie mehr für ihr Aufgabengebiet tun. Wahr ist: Würde Grütters rund 1000 weitere Mitarbeiter aus dem Bildungs- und Forschungsministerium haben sowie rund weitere 17 Milliarden Etat, dann dürfte sie künftig nicht mehr viel Zeit für den ihr so wichtigen Kultur-Bereich einbringen können, wo sie aktuell mit 290 Leuten (Frauen-Quote: 55 Prozent) einen 1,7-Millionen-Etat betreut. Fazit: Unwahrscheinlich, dass Grütters 2018 noch zusätzlich die Wanka gibt.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die BKM, wie der exakte Titel lautet, wird wohl eher Kulturstaatsministerin und im Bundeskanzleramt bleiben, wenn nicht in letzter Minute im Schachern um die Posten für die neue schwarz-grün-gelbe Regierung eine Fraktion, also FDP oder Grüne, explizit Ansprüche formuliert, ein solches Dreier-Ministerium einzurichten. Dass die Kultur dann im Trio mit Bildung und Forschung untergehen würde, muss befürchtet werden. Manche Korrekturen sind richtig (beispielsweise wurde das BMBF 1955 als Ministerium für Atomfragen gegründet), andere machen keinen Sinn. Klartext: Lieber mit Grütters als Kulturstaatsministerin weiter, als ohne sie im Ellbogenkampf zwischen Bildung und Forschung untergehen.

In dieser Ausgabe:  Gauner-Verehrung im Burda-Magazin »Focus« (Seite 4). Weitere Raubkunst-Entdeckung im Gurlitt-Konvolut (Seite 5). Claudia Perren über die Vorbereitungen zum Bauhaus-Jubiläum (Seite 7). Amsterdam: Causa Beatrix Ruf als Stedelijk-Affäre (Seite 8). London: Kritik am geplanten Holocaust Memorial (Seite 10). Wien: Peter Weibel und der Medien-Vorlass (Seite 14). Neues Kunstmagazin »A«: Das »Handelsblatt« betreibt Kunsthandel (Seite 15). Florian Illies und sein jüngstes Buch »Gerade war der Himmel noch blau« (Seite 15). Marion Eichmann und ihr Hang zum Gesamtkunstwerk (Seite 17). Fortsetzung der Debatte: Einheitsdenkmal, Berlin (Seite 17). Streik an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 638 – Editorial

Informationsdienst KUNST 638

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als hätte die Branche in den vergangenen zwei Jahren nicht schon genug Stress in Sachen Kulturgutschutzgesetz bewältigen müssen. Jetzt trumpft zu allem Übermaß auch noch die Europäische Union mit einer geplanten Verordnung auf, die 2018 dazu führen soll, Terror-Finanzierung durch illegale Kulturgüter-Einfuhr zu verhindern. Fakt ist, dass dem gesamten Kunsthandel einmal mehr die Daumenschrauben angelegt werden. Ein Drama.

Denn schon Monika Grütters und ihre Gesetzestext-Verfasser haben meines Erachtens zu wenig bedacht, welcher immense, teils gar nicht zu bewältigende Verwaltungsaufwand auf die Branche zurollt. Anlässlich einer Diskussionsrunde im Märkischen Museum in Berlin, kurz vor der Bundestagswahl, kamen neue Beispiele ans Tageslicht, wie absurd im Einzelfall das Procedere ausfallen kann, wie der ohnehin schon vielfach geplagte Handel weiter in die Zange genommen wird – ohne dass der Staat dabei profitieren und die Kulturgutschutz-Liste nennenswert erweitern würde.

Im Gegenteil: Die Länder-Behörden und auch der auf Bundesebene angesiedelte Zoll erscheinen ebenfalls überfordert. Wenn im Sommer 2018 die Evaluierung des Gesetzes auf der Tagesordnung des Deutschen Bundestages stehen wird, dann sollte endlich der Widerspruch aufgelöst werden, einerseits überall an der Verschlankung der Verfahren arbeiten zu wollen, andererseits aber im speziellen Fall ein Brimborium zu veranstalten, das in keiner Relation zum unerheblichen Ergebnis steht.

Auf EU-Ebene laufen wir nun Gefahr, uns in eine ähnliche Abseitsfalle zu begeben, wie ich meine. Denn ohne eine eindeutige Definition von »Kulturgut« wird’s nicht gehen, und jedes EU-Mitglied bringt naturgemäß eigene Vorstellungen ein, obgleich schließlich ein gemeinsames Genehmigungsverfahren erforderlich ist, das in allen Staaten gleichermaßen Anwendung finden muss. Die Schieflage steckt also von Anfang an in diesem Vorhaben, und niemand kann sich wirklich damit trösten, dass das angestrebte Genehmigungsverfahren nur für Güter gilt, die zum Zeitpunkt der Einfuhr mindestens 250 Jahre alt sind.

Was aus Brüssel zu hören ist, klingt nach einem Hardliner-Kurs. So sollen Zollbehörden künftig das Recht haben, Kunstwerke zu beschlagnahmen und auch einzubehalten, wenn ihre Herkunft nicht lückenlos nachgewiesen werden kann. In einem EU-Papier heißt es dazu wörtlich, dass die Händler dokumentieren müssen, »dass die zu importierenden Kulturgüter legal exportiert worden sind«. Und: »Angemessene Strafen mit abschreckender Wirkung« werden für Importeure oder Käufer angestrebt, wenn unzureichende oder gar unwahre Erklärungen abgegeben werden. Dabei dürften im Einzelfall hohe Hürden zu bewältigen sein, die entsprechenden Unterlagen in den Ursprungsländern zu besorgen.

Die EU-Verordnung »zur Beschränkung der illegalen Einfuhr von Kulturgütern zum Zwecke der Terrorismusfinanzierung«, wie das neue Ungetüm heißt, ist ein weiteres Beispiel von politisch gut gemeinten, dagegen praxisfernen Maßnahmen. Reicht der Zollkodex der Union nicht aus? Gibt es nicht bereits spezielle Rechtsvorschriften für Kulturgüter aus Ländern wie dem Irak oder Syrien? Muss tatsächlich ein weiteres Konstrukt diskutiert werden? Ich bin skeptisch, sehe aber den Hintergrund: 2018 soll als Europäisches Jahr des Kulturerbes gefeiert werden. Da wollen die EU-Politiker als Saubermänner und Sauberfrauen glänzen, die dem internationalen Terrorismus beherzt entgegentreten. Die Schattenseite: Das wird einmal mehr auf Kosten des Kunsthandels geschehen.

In dieser Ausgabe:  Als »Macaronovic« verhöhnt – Marina Abramovic (Seite 4). Als Symbolpolitiker unterwegs – Donald Trump (Seite 5). Milchmädchenrechnung in Kassel: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff rechtfertigt sich (Seite 7). Kritiker-Vereinigung AICA in Paris: Der 50. Kongress drückt sich vor der Auseinandersetzung mit der Krise (Seite 7). Wien: Kritik an der Ausschreibepraxis am Weltmuseum des Kunsthistorischen Museums (Seite 10). Landgericht Kleve: Helge Achenbach beantragt Haftentlassung (Seite 10). Händchenhalten in Katar: Angela Merkel und die »Deutsche Saison« (Seite 11). Preis-Check: Wolfgang Tillmans (Seite 12). Die R+V Versicherung setzt nun aufs Kunstversicherer-Geschäft (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 637 – Editorial

Informationsdienst KUNST 637

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, natürlich geht’s nach dieser Bundestagswahl zuerst um die Frage, ob sich Jamaika realisieren lässt, ob sich diese vier Fraktionen, darunter höchst unterschiedliche wie die CSU und die Grünen, überhaupt unter einen Hut oder in ein gemeinsames Boot bringen lassen. Für Angela Merkel und die CDU, die den Auftrag haben, eine neue Regierung zu bilden, eine überaus schwierige Aufgabe – zumal die Konstellation CDU/CSU, FDP und Grüne alternativlos ist, nachdem die SPD, klipp und klar, sich noch am Wahlabend in die Opposition verabschiedet hat. Das freilich, nämlich das Ende der Großen Koalition, ist gut, sehr gut. Eine von den Sozialdemokraten geführte Opposition im Bundestag muss uns allen, Menschen der Kultur, des freiheitlichen Denkens, tausendmal lieber sein als eine, die andernfalls zwangsläufig von der erstmals einziehenden AfD dirigiert werden könnte, immerhin drittstärkste Partei.

Die AfD und ihre fragwürdige Gesinnung sind es denn auch, die in diesen Tagen Hunderte von Künstlern und Vermittlern sorgenvoll in die Zukunft schauen lassen. »Wir werden die direkte und harte Auseinandersetzung mit dieser Partei, die die Kunstfreiheit einschränken will und die kulturelle Vielfalt als Bedrohung sieht, suchen – und wir werden alles uns Mögliche unternehmen, dass das schleichende populistische Gift der AfD nicht noch weiter unsere Gesellschaft beschädigt«, kommentiert Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Im Internet kursiert bereits ein Offener Brief, den schon zahlreiche Politiker und Kulturverantwortliche unterzeichnet haben, darunter Diether Dehm, Klaus-Dieter Lehmann, Jeanine Meerapfel, Michelle Müntefering, Thomas Oberender, Hermann Parzinger, Oliver Scheytt und Klaus Staeck. Sie fordern insbesondere den Ältestenrat des Bundestages dazu auf, alles zu tun, um den Vorsitz des neuen Ausschusses für Kultur und Medien (zuletzt von einem Sprecher der SPD geleitet) nicht in AfD-Hände zu geben.

Das wäre in der Tat eine Katastrophe. Und dass die Warnung jetzt schon, bevor im Zuge der Koalitionsgespräche überhaupt eine Personaldiskussion stattfinden kann, ausgesprochen wird, kommt nicht von ungefähr. Denn man weiß, dass die Kultur meist zuletzt besetzt wird, wenn alle anderen Posten vergeben sind. Und weil zuvor mächtige Ausschüsse wie der Haushaltsausschuss oder der Innenausschuss gewiss nicht von der AfD geleitet werden, besteht durchaus die Gefahr, dass einer dieser Abgeordneten schließlich das Sagen ausgerechnet für die Kultur haben könnte. Eine grausige Vision.

In der Kultur-Branche stellt sich zudem die Frage, ob Monika Grütters, CDU, als Kulturstaatsministerin nach einer Amtszeit weitermachen kann oder den Platz räumen muss. Die Frage will durchaus auch im Kontext der diversen Anregungen und Überlegungen gesehen werden (auch seitens des Deutschen Kulturrates), das wachsende Ressort von Angela Merkel abzukoppeln und in ein eigenes Ministerium überzuführen, das dann auch kaum mehr im Bundeskanzleramt untergebracht wäre. Dass Grütters von einer solchen Ausgliederung wenig hält, konnten wir in diesem Branchenbrief schon vor längerer Zeit berichten.

Sie hatte bislang Gründe genannt, die sich aus dem kurzen Dienstweg zu Merkel erklären. Da könne sie mehr für die Kultur tun. Jetzt, in einer Zeit, in der sie von der potenziellen Mitregierungspartei FDP attackiert wird (Kampagne gegen das Kulturgutschutzgesetz), kommt womöglich der Gedanke hinzu, dass die FDP selbst auf ein solches Kultur- und Medien-Ministerium schielen könnte. Dann wäre Grütters draußen. Solange das Ressort aber im Bundeskanzleramt angesiedelt ist, das wissen Insider im politischen Berlin, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Bundeskanzlerin mit ihr weiter arbeiten mag – zumal es für niemanden vorstellbar ist, dass sich Merkel eine FDP-Frau oder einen FDP-Mann ins Haus holt. Das Bundeskanzleramt bleibt traditionsgemäß komplett in der Verfügung der führenden Regierungspartei.

In der Kunstszene, wo sich Grütters trotz ihres Schmusekurses unbeliebt gemacht hat, scheint momentan kaum jemand ernsthaft damit zu rechnen, dass die Kulturstaatsministerin verabschiedet werden könnte, zumal sich in der CDU in den vergangenen Jahren niemand entsprechend profiliert hat. Sollte Angela Merkel freilich aus persönlichen oder strategischen Gründen die Kultur künftig von einer anderen Persönlichkeit betreuen und vorantreiben lassen wollen, dann könnte sie ihrer Partei-Freundin ein Argument servieren, das plausibel erscheint. Denn auch diese Bundestagswahl hat gezeigt, dass die Christdemokraten in Berlin nichts oder nur wenig zu melden haben. Eine abgehalfterte Partei, die Grütters während ihrer Amtszeit als Kulturstaatsminister in Bezug auf den Parteivorsitz übernommen hatte, ohne das Ruder bisher wirklich herumreißen zu können. Merkel könnte also sagen, »Moni, die Berliner CDU braucht die ganze Frau.« Dann wäre sie zwar als Staatsministerin weg, doch selbst ihre Kritiker und Feinde kommen ins Rotieren, wenn sie sagen sollen, wer statt Grütters kommen könnte. In einigen Wochen wissen wir mehr.

In dieser Ausgabe:  Freude in Frankfurt, weil der Städelsche Museums-Verein soeben sein 8000. Mitglied begrüßen konnte (Seite 2). Wunder in Berlin: Heiner Bastian und seine Familie verschenken ihr Chipperfield-Haus jetzt doch (Seite 5). Chris Dercon hat endlich alles richtig gemacht: Er ließ die Volksbühne polizeilich räumen (Seite 7). Kritik am Sponsor Rheinmetall: Ausstellung »Deutschland 8« in China löste Künstlerprotest aus (Seite 10). Wie Annette Kulenkampff auf documenta-Berichterstattungen reagieren konnte (Seite 11). Von der Assistentin in Frankfurt zum MMK-»Star«: Susanne Pfeffer, überaus erfolgreich (Seite 15). Von der Art.Fair zur ART DÜSSELDORF: Gehlen und Lohaus drehen auf (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 636 – Editorial

Informationsdienst KUNST 636

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, der Anfang fiel vielversprechend aus. Als der Kirchner-Experte schlechthin, Wolfgang Henze aus der Schweiz, Jahrgang 1944, vor drei Jahren in Berlin seinen 70. Geburtstag feierte, überraschte er die Gäste mit seinem Wunsch, in der deutschen Hauptstadt ein Haus des Expressionismus gründen zu wollen oder dazu beizutragen. Von der anspruchsvollen Idee, neben dem Brücke-Museum einen weiteren Ort der Forschung und Begegnung zu etablieren, blieb zunächst zwar nur eine Vereinsgründung im April 2016 und das mit einer Lüpertz-Rede glanzvoll eröffnete Büro Kirchner am Schöneberger Ufer, doch angesichts der prominenten Initiatoren und der später hinzugekommenen Unterstützer schien sich alles bestens zu entwickeln. Als geschäftsführender Vorstand war Raimund Stecker tätig, der öffentlich kund tat, dass es ihm eine große Ehre sei, nach Jahren der Museumsleitung für Hans Arp und Wilhelm Lehmbruck nun die Ernst Ludwig Kirchner Gesellschaft in Berlin dirigieren zu dürfen. Wolfgang Henze und seine Frau, Ingeborg Henze-Ketterer, aber auch ihr Bruder, der Roman Norbert Ketterer-Sohn Günther Ketterer, sowie seine Frau Carola Ertle Ketterer hatten ihm ihr Vertrauen geschenkt.

Doch von einer echten Offensive zugunsten des Expressionisten, also von einer engagierten Haltung im Vorstand, war nichts zu sehen und zu hören. Das Büro Kirchner, offiziell getragen auch von den Vorständen Ralf Oehmke und Lothar Pues, wie ein Vereinsregister-Auszug vom 6. September dokumentiert, schien zu ruhen, bevor dort jemand müde sein konnte. Kein Raimund Stecker im Einsatz. Obgleich er nach Berlin ziehen wollte, blieb er im Rheinland, und in Essen nimmt er seine Aufgabe als Teilzeit-Professor wahr. Pues dagegen, als kunstsinniger Steuerberater (mit Niederlassungen etwa in Düsseldorf und Zürich) seit Jahren im Kulturbetrieb aktiv (so per Salon Kufsteiner Straße in Berlin), beschäftigte die Henze-Ketterer-Familie am laufenden Band – mit einer Flut von Anfragen und Forderungen, und er ist es nun auch, der Begriffe wie »Insolvenz« und »Selbstanzeige« in die Öffentlichkeit führt, der kühne Formulierungen im Dunst dubioser Machenschaften in den Umlauf bringt. Ein zweiseitiger Pues-Brief, Anfang September an einen ausgewählten Mitgliederkreis versendet, enthält zum Beispiel allerlei Hinweise, die an Steuerflucht und Zollvergehen denken und beim besten Willen nicht erkennen lassen, dass hier jemand mit den Ketterer-Erben am gemeinsamen Strang der Kunstvermittlung ziehen will. Es riecht nach großer Kontroverse – und Recherchen bestätigen den Verdacht, zumal mittlerweile auf beiden Seiten die Anwälte im Einsatz sind.

Wie einer vom 5. September datierten E-Mail von Thorsten Sadowsky, Direktor des Kirchner Museums in Davos und zugleich neuer Geschäftsführer der Kirchner Gesellschaft und somit des Büros in Berlin, zu entnehmen ist, gibt es inzwischen ein Hausverbot für Lothar Pues, und Raimund Stecker sei auf einer außerordentlichen Mitglieder-Versammlung ebenfalls abberufen worden. In diesem Schreiben wird auch von missbräuchlicher Verwendung von Briefpapier und von Fake News berichtet, und auf Nachfrage bemüht sich Pues unermüdlich, die Vorwürfe zu entkräften. Ein Beispiel: Ein Hausverbot könne seitens der Gesellschaft in Berlin gegen ihn gar nicht verhängt werden, weil Mieter der Immobilie eine Stiftung in Liechtenstein sei. Sadowsky über Pues: »Sein irrlichterndes Handeln stellt einen untauglichen Versuch dar, die Schweizer Kirchner-Welt mit einer Mischung aus Halbwissen und haltlosen Verdächtigungen in Misskredit zu bringen.« Ingeborg Henze-Ketterer und Günther Ketterer, mit Sadowsky im neuen, aber zum Redaktionsschluss noch nicht im Vereinsregister eingetragenen Vorstand aktiv, wissen weder etwas von einer Selbstanzeige noch von einer Insolvenz des Vereins: »Es gibt keine offenen Rechnungen«, sagt die Tochter des legendären Kunsthändlers Roman Norbert Ketterer.

Was von der Affäre bleibt, ist eine nüchterne Bilanz: Der Modus Vivendi, die eigentlich gar nicht so komplizierte Form der Verständigung und des Zusammenarbeitens, fällt schwer, wenn ungleiche Partner zusammenkommen. Womöglich dient ein umfangreiches Bekenntnis, das Lothar Pues am 12. September, 12 Uhr, in einem aufschlussreichen Telefonat machte, der überfälligen Erhellung. In seiner Funktion als Steuerberater (»Ich habe viel Geld mit Selbstanzeigen meiner Mandaten verdient«) sei er immer wieder auf Kunstbesitz auch der Klassischen Moderne gestoßen, insbesondere auf Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, die überall im Rheinland hingen. So habe er es gewissermaßen als große Ehre empfunden, plötzlich Wolfgang Henze und seine Familie kennenlernen und in der Gesellschaft tätig werden zu dürfen. Lothar Pues: »Ja, ich habe aus Eitelkeit mitgemacht.« Zur Entfaltung von Eitelkeiten dürften fortan aber weder Zeit noch Raum sein. Denn knapp anderthalb Jahre sind bereits verloren. Das Büro Kirchner braucht nun tatkräftige Mitwirkende, meint Wolfgang Henze. Seinen Doktorgrad erlangte er einst mit einer Arbeit über Schlachten-Darstellungen.

In dieser Ausgabe:  Moralismus, Kommerz und Adam Szymczyk – das Foksal-Interview mit Gregor Schneider (Seite 5). Wie der geplante Trump-Kultur-Kahlschlag vorerst gescheitert ist (Seite 8). Chemnitz, Kunstsammlungen: Ingrid Mössinger tritt ab (Seite 10). art berlin: Guter Auftakt der neuen Messe (Seite 11). Zoff in Düsseldorf – wegen Photo Weekend (Seite 11). Schweiz: Das Bundesamt für Kultur ändert die Förderpraxis (Seite 14). Gabriele Henkels Erinnerungen (Seite 14). Olaf Metzels Türkei-Statements (Seite 15). Unerwartet politisch: Contemporary Istanbul (Seite 16). Museumsdirektorinnen im »Aufbruch Stuttgart« (Seite 17). Der neue Louvre Abu Dhabi wird nun eröffnet (Seite 19). Strippenzieherin: Bettina Böhm (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 635 – Editorial

Informationsdienst KUNST 635

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, Sommerpause vorbei, Saisonstart allerorten. Nun sitzen alle wieder am Schreibtisch, sortieren die Gedanken, allemal die mittlerweile eingetroffene Post – und müssen sich überlegen, wo sie in den kommenden Tagen hingehen, was sie wahrnehmen wollen, was nicht. Entscheidung auf Entscheidung, denn dieser September steckt voller Termine. Der angespannte Blick in den Kalender zeigt, dass sich an etlichen Tagen die Einladungen überschneiden. Schwer fällt es, hier abzusagen, dort zuzusagen. Man macht das ja nicht einfach so, man hat Gründe, und häufig versucht man auch, sie ehrlich zu kommunizieren, sie allemal diplomatisch zu verpacken. Denn das Zusammenrücken ist ja grundsätzlich was Feines, was Positives, verdienstvoll auf Seiten der Veranstalter.

Auf uns aufpassen müssen wir selbst, denn schon der alte Schopenhauer hat uns gelehrt, dass es unvermeidlich ist, den richtigen Abstand zu finden. Er machte das anno dazumal an einer Gesellschaft von Stachelschweinen im Winter fest, die fror, wenn sich die Tiere nicht nah genug aneinander stellten, die aber auch schmerzvoll schrie, wenn die Stacheln (wegen allzu großer Berührung) tief in das nachbarschaftliche Fleisch drangen. Die Kunst der Annäherung will in unserer Branche beherrscht werden, weil schnell ganze Existenzen auf dem Spiel stehen, wenn Unvernunft oder auch nur ein paar Unverschämtheiten, wie man sie früher ständig erlebte, von den tonangebenden Kreisen registriert werden – und dann hinterrücks Mobbing stattfindet. Bis die Betroffenen vom mehr oder weniger deutlich geraunten Rufmord erfahren, kann es zu spät sein.

Beispiele zuhauf: Laufend fragen sich Galeristen, warum sie auf dieser oder jener Messe plötzlich nicht mehr zugelassen werden, obwohl sie dort jahrelang willkommen waren. Oder: Wenn sich das Personalkarussell in den Museen dreht und sich mancher Bewerber als Kandidat einer Endrunde beim Vorsingen zwangsläufig ausliefert, kapiert auch nicht jeder, warum sich die ihm vermeintlich wohlgesonnene Findungskommission letztlich für einen Mitbewerber entschieden hat. Dabei geht es oft um die Kultur im Miteinander, aber auch schlichtweg um Politik, um strategische Fehler, und es kommt die Frage auf, warum viele der Einflussreichen offensichtlich auf jede Art von Beratung verzichten – oder auf die falschen Flüsterer setzen.

Wer die Medien-Szene genau beobachtet, wer auch die Nuancen in Interviews oder Statements registriert, der braucht sich über Ablehnungen und sogar über Feindschaften nicht wundern. Im derzeit hochtourig laufenden Bundestagswahlkampf kann man allerlei Beobachtungen machen, die zeigen, wie ungeschickt mitunter auch politisch Versierte in den Fettnapf stolpern. Es spritzte beispielsweise, als Monika Grütters, CDU, übermütig, in einem »FAZ«-Interview (22. August) im Kulturgutschutzgesetz-Kontext vom »Milieu« sprach – und den deutschen Kunsthandel meinte (»Am Ende dominierte der Eindruck, dass es vielen Kunsthandelsvertretern mehr um den Preis als um den Wert eines Kunstwerks geht«). Quasi Öl ins Feuer. Und so durfte sie sich nicht wundern, dass vom Elder Statesman unter den einst erfolgreichsten deutschen Galeristen, Paul Maenz, eine volle Breitseite abgefeuert wurde, dass Rudolf Zwirner, einer der schon zu Lebzeiten überaus legendären Händler, eine Kampagne startete, die der FDP dient und unterschiedlichste Leute aus dem Kunstbetrieb eint, die man bislang eher verschiedenen Parteien zugeordnet hätte – von Harald Falckenberg über Georg Nothelfer bis zu Peter Raue.

So sympathisch die offene, manchmal eben unbekümmert wirkende Art der Kulturstaatsministerin auch sein mag, es gibt hinter den politischen Kulissen etliche Kräfte, die die Bundeskulturpolitik nach dem 24. September gerne in anderen Händen sehen möchten, wenn die CDU, wie zu erwarten, wieder die Regierungsbildung übernimmt. Angela Merkel kann sich zwar auf die allzeit zupackende Monika Grütters verlassen, doch im Übereifer unterlaufen ihrer Kanzleramtsgefährtin immer wieder Schludrigkeiten, die folgenreich sind – vom Parteiaustritt von Brigitte Oetker (durch das fahrlässig schnell verabschiedete und in vielen Punkten unausgereifte Kulturgutschutzgesetz) bis zum ebenfalls überall diskutierten Nachruf für den am Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorbenen Martin Roth (Grütters: »Er war ein glänzender Verkäufer seiner selbst«; Roth hatte in einem Interview gesagt, er könne den besseren Kulturstaatsminister geben). Monika Grütters, so wispert es im politischen Berlin, sei keinesfalls garantiert gesetzt, noch einmal die Kulturstaatsministerin zu geben – zumal die erfahrene Politikerin auf Landesebene sehr gebraucht wird (die dümpelnde Berliner CDU erholt sich nur allmählich).

Rückenwind auf Bundesebene gibt es aktuell eher wenig. Selbst Museumsdirektoren, die in den zurückliegenden Jahren mit Grütters gerne auf Reisen gingen, die dank der »allgemeinen offenen Genehmigung« in Sachen Kulturgutschutzgesetz im Gegensatz zum Kunsthandel keine Probleme haben, tauchen eigenartigerweise ab, fragt man sie nach Flankenschutz für die Staatsministerin. So darf sich Monika Grütters, kurz vor der Bundestagswahl und im Saft eigener Amtszeit-Bilanz-Versuche, im Wesentlichen damit trösten, dass es in der CDU kaum jemanden gibt, der ihr den Sitz am Kabinett-Tisch streitig machen könnte.

Es ist ja in unserer Republik mittlerweile leider so, quer durch alle Parteien, dass man kaum noch Personal findet, das bereit und fähig ist, Politik zu machen. Ein Drama. Da haben dann sogar Leute eine Chance, die vor allem ihre eigene Konfusion öffentlich machen, Wolfgang Tillmans zum Beispiel, der hinter einer missratenen Anzeigen-Kampagne steckt. Der bekannte Fotoartist durfte obendrein in der »Welt am Sonntag«, Ausgabe vom 20. August, ein vierseitiges Interview mit dem SPD-Kandidaten Martin Schulz veröffentlichen, ohne jeglichen journalistischen Sachverstand. Letztlich SPD-Wahlwerbung, aber ohne Hinweis, dass diese Seiten reine Promotion sind. Erschreckend. Verrohung guter Sitten. Warum also über Grütters und unbedachte Äußerungen aufregen, könnte man fragen, wenn längst rundum geschwächelt wird.

Wählen Sie richtig. Vor allem: Wählen Sie!

In dieser Ausgabe:  Der Choreograph William Forsythe als Bildhauer unter den Künstlern des Galeristen Larry Gagosian (Seite 4). Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann als Gründer eines Frauen-Projektbüros (Seite 7). Ranking: Deutschlands Museen abgeschlagen (Seite 8). Gastkuratorin: Sammlerin Ingvild Goetz präsentiert die Arte Povera bei Hauser & Wirth (Seite 8). Italienische Reaktionen auf die Ankündigung von Eike Schmidt, die Uffizien verlassen zu wollen (Seite 11). Manifesta zwischen Masterplan und Mafia (Seite 14). Berlin: Klaus Lederer knöpft sich das Humboldt Forum vor (Seite 17). Düsseldorf: Was Susanne Gaensheimer in der Kunstsammlung NRW plant (Seite 20). Klaus Staeck macht Wahlkampf (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 634 – Editorial

Informationsdienst KUNST 634

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, wie so oft: Kasper König, den wir alle schätzen, der aber auch dafür bekannt ist, dass er Münster, wo ein Teil seiner Familie reichlich Steuern zahlt, gerne zum Spielplatz seiner Macht-Interessen macht, gibt mal wieder den Strippenzieher. Er soll hinter einer neuen Initiative stecken, die unter dem Namen »No!Logo« derzeit die Westfalen- Metropole aufmischt. Im Sog dieser Bewegung entstehen dabei allerlei Verirrungen, die bis zu einer verhüllenden Nacht- und Nebel-Aktion an der Fassade des kurz LWL genannten Museums für Kunst und Kultur reichen.

Es geht dabei um eben jenes Logo, das der 2014 verstorbene Zero-Mitgründer Otto Piene in eine Wandgestaltung nach Vorlage einer älteren Kunst-am-Bau-Arbeit eingefügt hat. Anlässlich des Skulptur- Projekte-Auftriebs flammte die ein wenig zur Ruhe gekommene Debatte erneut auf. Und wieder waren sich alle, die sehen können, durchaus einig: Eine künstlerische Arbeit, eben eine strenge, eine serielle, wie sie Piene einst für die Außenwand des Museums in Alu herstellte, im Edelstahl-Nachbau mit dem Logo des Museums und somit des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu versehen, lässt die Kunst zum blanken Werbeträger mutieren. Das hätte verhindert werden müssen.

Nun ist es aber so, recherchiert man den ganzen Vorgang auch in seiner chronologischen Entwicklung, dass es der Künstler selbst war, der die 1970/1971 entstandene »Silberne Frequenz« in ihrer durch den Um- und Neubau des Museums erforderlich gewordenen Neu-Inszenierung ins harmlose Angewandte trieb. »Es kam der Vorschlag von Otto Piene, das LWL-Logo zu integrieren «, bestätigt Museumsdirektor Hermann Arnhold. Und LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger erläutert auf Nachfrage, dass die alten Kugeln aus technischen Gründen nicht mehr ein satzfähig waren, dass zudem andere Proportionen und Funktionen zu einer Erweiterung des Kugel- Feldes führen mussten. In der Planungsphase 2008/2009 sei auch überlegt worden, eine neue Piene-Arbeit in den Innenhof des Hauses zu bringen, quasi zum fairen Ausgleich, doch letztlich sei dem Künstler sehr daran gelegen gewesen, den prominenten Platz an der Außenfassade weiterhin besetzen zu dürfen.

Das bedeutet, dass Piene, damals 80 Jahre alt und bei glasklarem Verstand, keinesfalls gezwungen wurde, die Großbuchstaben LWL in seine Neugestaltung aufzunehmen (wiederholt wurde in Münster geraunt, man habe den Künstler genötigt). Er selbst hat – wie Arnhold sagt – den Impuls gegeben, und es liegen mir mittlerweile Skizzen vor, die zeigen, dass der Künstler, der 2009 ausdrücklich schrieb, keinen Kompromiss realisiert zu haben, sogar über eine enorme Größe der LWL-Buchstaben nachdachte. Per »Größe 8« hätte die Schrift, unten rechts platziert, eine Höhe eingenommen, die zwei Drittel der Gesamthöhe belegt hätte, schlichtweg grauenvoll. Ein Glück, dass Barbara Rüschoff- Parzinger und andere damals Beteiligte, darunter Erich Franz auf Museumsseite, wenigstens das verhindern konnten.

Doch es bleibt, alles in allem, eine halbherzige Fassaden- Gestaltung, ein Zwitter, teils Kunst, teils profanes Firmenlogo. Die Buchstaben nun herauszunehmen und sie durch weitere Edelstahlkugeln zu ersetzen, wie es sich in Münster manche Kritiker vorstellen, ist freilich keine Option, nicht die geringste. Denn eine solche Tat wäre ein Eingriff ins Urheberrecht. Allein aus Kostengründen ist es dem mit Steuergeld arbeitenden Landschaftsverband sowie dem beteiligten Land Nordrhein-Westfalen (noch) nicht zumutbar, die erst seit drei Jahren am Museum hängende Arbeit abnehmen zu lassen, einzulagern oder gar völlig zu zerstören (was rechtlich erlaubt wäre). Man wird wenigstens, so denke ich, eine gewisse Schamfrist vergehen lassen müssen, bis ein solcher Schritt folgt. Immerhin hat Otto Piene am 2. Juli 2014, zwei Wochen vor seinem überraschenden Tod in Berlin, an Arnhold geschrieben, dass er die (damals schon aufflammende) Kritik an seiner Arbeit verstehen könne, aber die Integration des Logos nach wie vor gut findet.

P.S.: Wie alle Jahre im August – wir machen jetzt eine kleine Pause, bleiben aber für Sie am Ball der Ereignisse. Der nächste Informationsdienst KUNST erscheint am Donnerstag, 7. September.

In dieser Ausgabe:  Neue Direktorin der Kunsthalle Tübingen ist vom 1. Januar an Nicole Fritz, derzeit in Ravensburg tätig (Seite 2). Nicolas Perren und Ulrich Schulte planen Deutschlands erstes Zollfreilager in Thüringen (Seite 5). Laut TEFAF-Report wächst der Online-Auktionshandel (Seite 8). Peter Weibel gegen U-Bahn-Kunst von Markus Lüpertz (Seite 8). Von Köln nach Kerpen: Studio für elektronische Musik (Seite 10). Was Ivanka Trump und Jared Kushner sammeln (Seite 11). Mit Spezialeinheit FIU unter Leitung von Michael Dewald gegen die Geldwäsche (Seite 14). Die Cologne Fine Art setzt jetzt auf Oldtimer (Seite 18). Verwirrung um das Europäische Kulturerbe-Jahr (Seite 20). Weiterer Ärger für Richard Prince (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 633 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 633

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in Athen eine Begegnung der anderen Art: Eine Stunde zu früh kamen meine Frau und ich ins Archäologische Museum in Piräus, wo eine nicht weiter erwähnenswerte Performance von Pierre Bal-Blanc (Kurator) und Kostas Tsioukas (Choreographie) stattfand, Motive von d 14-Künstlern wie Anna Halprin, Maria Hassabi und Artur Zmijewski aufgreifend. Es entwickelte sich im ansonsten menschenleeren Haus ein Gespräch mit einer älteren Mitarbeiterin, die nach eigenen Angaben für Kasse, Aufsicht, Führungen und Toilettenreinigung zuständig ist, ein Gespräch, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging, das mich mehr berührte als diese halbgare documenta selbst.

Denn die weißhaarige Allzweckkraft, der man ansah, dass sie sich große Mühe gab, kultiviert aufzutreten, mehr Dame als Magd, schien mit ihren Nerven am Ende zu sein. Seit sage und schreibe drei Monaten wartet sie auf ihr Gehalt, und das liegt ohnehin so niedrig, dass die Mädels, die später im documenta-Auftrag auftauchten, im Vergleich fürstlich honoriert wurden: 5,62 Euro, brutto. Zwar wusste ich, dass es hinter den documenta-Kulissen einen Riesenkrach um die Bezahlung der 200 Aufsichtskräfte in Griechenland gegeben hatte (die documenta soll neun Euro versprochen haben, aber die zwischengeschaltete Leiharbeitsfirma mochte nur jene knapp sechs Euro genehmigen), doch dass in Athen eine Museumsfrau nur die Hälfte davon verdienen könnte, nein, das war nicht zu erwarten.

Was sie mit jenem Drei-Euro-Stundenlohn alles zu finanzieren habe, von der Miete bis zu den Medikamenten, rechnete sie uns vor, und ich spürte in diesem Moment, wie in mir eine unbändige Wut hochkochte – über eine documenta, die sich gerade auch in Athen so anspruchsvoll gibt, so sozial, so politisch korrekt, über eine documenta, die letztlich im Vakuum ihrer Theorie-Geburten vertrocknet. Wie kann man in ein Land gehen, auch noch »von Athen lernen« wollen – und dann jede Gelegenheit nutzen, Finanzkapitalismus anzuprangern, wenn man es in der Praxis selbst nicht schafft, im direkten Umfeld der vorübergehend genutzten Spielstätten für reine Verhältnisse zu sorgen, diese Widersprüche wenigstens zu thematisieren?

Ist es nicht empörend, dass all das, was documenta-Chef Adam Szymczyk global kritisiert, wo seine Künstler als Illustratoren herhalten müssen, nun im verkleinerten Maßstab auf der Institutionsebene documenta selbst stattfindet? Ein Beispiel: Als wir in den letzten Tagen der am 16. Juli dichtgemachten Ausstellung durch Athen fuhren, um noch möglichst viele der insgesamt 47 Orte zu sehen, hatten wir den Eindruck, dass manche Häuser in einer Art Eroberungswahn auf die Liste genommen wurden, um möglichst noch mehr Museen und andere Institutionen mit dem d 14-Logo markieren zu können als in Kassel, wo es 32 Stationen sind.

Mein Kolonialismus-Vorwurf kommt nicht von ungefähr: Etliche der angegebenen Orte waren nicht mehr in Betrieb, manche von Anfang an mit »by appointment« ausgewiesen, und dann gab es kuriose Ein-Vitrinen-Beiträge, wo man aufgrund der Größe der Museen von der documenta etwas Bedeutsames erwartet hätte. Hauptsache offenbar: documenta-Fahne aufpflanzen. Eine Besetzungsstrategie, so schien mir. Man könnte leicht weitermachen mit jenem Verriss, weil Athen – wie schon Kassel – voller Inszenierungsfehler steckt (oftmals sind die störenden Wanduhren, Gebotsschilder und Alarmleuchten besser platziert als die Kunstwerke). Aber man kann es sich sparen, weil Szymczyk womöglich längst selbst kapiert hat, dass er diese documenta an beiden Orten nachhaltig vergeigt hat.

Nach dem Motto »Von Athen lernen« sah ich den zusätzlichen Aufkleber »Arbeitstitel«, später dann auch noch im »Reader« den aufschlussreichen, von Rücknahme zeugenden Modifizierungstitel »Von Athen aus lernen«. Das ist natürlich etwas völlig anderes – und gibt berechtigte Hoffnung, dass die nächsten Findungskommissare, von Athen, Kassel oder sonst wo aus, mehr Gespür zeigen, wenn sie den Leiter oder die Leiterin der d 15, 2022, auswählen dürfen. Auf Szymczyk-Niveau wird man keine 34 Millionen mehr in den Sand setzen können.

In dieser Ausgabe:  Keine politischen Parolen auf der Sinopale, der Biennale in der Türkei (Seite 5). Keine Angst vor dem Kommerz: Julia Peyton-Jones nun für Thaddaeus Ropac tätig (Seite 7). Rosemarie Trockel als Raumgestalterin (Seite 8). Er will die Villa Massimo in Rom verschlanken: Joachim Blüher (Seite 9). Bewegung in Kassel – unter anderem dank erneuter Kulturhauptstadt-Bewerbung (Seite 11). Wahlkampf à la Monika Grütters (Seite 17). Markt-Check: Miriam Cahn (Seite 18). Im Sog der G20-Randale betrachtet: Anne Imhof und Susanne Pfeffer (Seite 20). Neues Domizil für das Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin gesucht (Seite 21). Würth sei Dank – ein neues Forum in Künzelsau (Seite 24). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 632 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 632

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die zurückliegenden Wochen haben uns alle enorm gefordert. Die ganze Branche war unterwegs, im Stress, weil es so viele Großausstellungen und andere Ereignisse gab, die wahrgenommen werden mussten. Pflichtprogramm eben. Dieser Kunstsommer, überbordend mit Terminen gefüllt, hat freilich auch seine guten Seiten. Durch die vielen notwendigen Reisen kann man wieder einmal tief inhalieren, wie streng der Kunstbetrieb riecht. Ja, ich will es nicht verschweigen: Aus meiner Sicht liegt mittlerweile ein gewisser Hautgout in der Luft, weil die Kunstfamilie im Laufe der Jahre immer größer und leider auch immer feindseliger wurde. Tagtäglich landen Informationen auf meinem Bildschirm, oft vertraulicher Art, die davon zeugen, dass sich die Protagonisten nicht grün sind, dass teils mit harten Bandagen gekämpft wird. Auch der Anteil der perfiden Aktionen nimmt meines Erachtens tüchtig zu. Was da hinterrücks alles kolportiert wird – erschreckend.

Natürlich gab es auch vor Jahrzehnten manche Animositäten unter Kollegen, wo beispielsweise Händler um Privatsammler oder Museumsdirektoren wetteiferten. Doch schnell waren die Konflikte erkannt und dann auch ausgeräumt, weil alle bemüht waren, letztlich einträchtig für die gemeinsame Sache, die Kunst eben, tätig zu sein. Von dieser verbindenden Leidenschaft ist so viel nicht mehr zu spüren. Mir kommt es mitunter vor, als sei eine Horde halbseidener Autoverkäufer auf der documenta, der Biennale oder dieser oder jener Messe im Akquise-Einsatz. In der Unübersichtlichkeit der Szene, die zunehmend von forsch aufgesprungenen Trittbrettfahrern beherrscht wird, geht die einst mühsam erarbeitete Transparenz völlig verloren – und damit notgedrungen auch ein wesentlicher Teil der Branchen-Usancen. Kleines Beispiel: Auf Messen war es mal üblich, dass alle ausgestellten Werke mit Preisschildern versehen wurden. Heute wird gerne darauf verzichtet, und jeder weiß, warum das so ist.

Im Sog einer dubiosen Preis- und Rabattpolitik, die nach Gutdünken oder Sammlernase entsteht, sind Verstimmungen und knallharte Auseinandersetzungen programmiert, und ich frage mich, ob die Berufs- und Interessensverbände nicht allesamt endlich einmal an einem Tisch sitzen müssten, um gemeinsam neue Ziele einer Branchen-Ethik zu formulieren und durchzusetzen. Andrea Hilgenstock, eine der Redakteurinnen dieses Branchenbriefes, die sich seit vielen Jahren um den Markt-Check einzelner Künstler kümmert, berichtet immer wieder, wie schwer es ihr seitens der Galerien gemacht wird, Auskünfte zur Preisbildung zu erhalten. Mehr noch: Regelmäßig werden ihr sogar Informationen verweigert, die sich auf die Verkaufspreise ausgestellter Werke beziehen. Kollegin Rose-Maria Gropp, »FAZ«, klagte kürzlich ebenfalls: »Die simple Frage nach dem Preis, an sich die Ratio jeder Verkaufsmesse, wird immer unbeliebter«. Für ein bezauberndes Spielzeug von Alexander Calder sei auf der Art Basel »noch nicht einmal eine ungefähre Preisvorstellung erfahrbar«.

Dass ernsthafte Sammler unter den Einsteigern dem Kunstmarkt mit größter Skepsis begegnen, wenn sie derlei Gepflogenheiten beobachten, womöglich bald wieder abtauchen, mag nachvollziehbar sein. Denn seriös wirkt es eben nicht, wenn sich mitunter arrogant gebende Aussteller sogar gegenüber Branchenkennern verschlossen zeigen. Schnell schleicht sich Misstrauen in die Kommunikation, und mühsam aufgebaute geschäftliche Kontakte zerstäuben sich, bevor sie wirklich Früchte zeigen. Der Lauf der Dinge eben. Gegensteuern unumgänglich, will man Stammkunden binden, neue Sammler langfristig bei Laune halten. Sollte demnächst wieder einmal einer jener Galeristen vor mir stehen, die mit dem Umsatz auf irgendeiner Messe unzufrieden sind, werde ich ihn fragen, ob er auch tatsächlich alles richtig gemacht habe. Sie wissen schon: Namensschilder reichen nicht, Preisschilder sollen es sein.

In dieser Ausgabe:  Der Kunsthändler Simon de Pury fühlt sich beim Gauguin-Megadeal Katars über den Tisch gezogen (Seite 5). Zweifelsfreie Identifikation ist Pflicht: Was das neue Geldwäschegesetz für den Kunsthandel bedeutet (Seite 8). Wiedereröffnung im November: Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums befreit sich von Altlasten (Seite 8). »Künstlerscheiße« in guten Händen: Fortan betreut die Galerie Hauser & Wirth auch noch den Nachlass von Piero Manzoni (Seite 9). Brisante Hinterlassenschaft: Die Franz West Privatstiftung verliert auf ganzer Linie (Seite 10). Konfliktstoff Privatkopiegelder: Der Verteilungsplan der VG Bild-Kunst sorgt für Unmut (Seite 14). Markt: Mary Bauermeister im Aufwind (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 631 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 631

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, mancherorts wäre man gewiss froh, sich über unaufhörlich fließende Besucherströme beklagen zu können. Im Museum Bad Arolsen (siehe Seite 21), nur ein paar Kilometer von Kassel entfernt, öffnet man aus nachvollziehbaren Gründen erst mittags um zwei, und am Montag und am Dienstag bleiben die Ausstellungsräume personalsparend dicht. In vielen Kunstvereinen und natürlich in den Galerien, die sich im Laufe der Jahrzehnte zu Hause entbehrlich gemacht haben, weil sie auf den internationalen Kunstmessen vertreten sind, sieht es kaum besser aus. Schiebt man sich derzeit durch die Orte der Großausstellungen, ob auf der Biennale oder der documenta, wo das Gedränge teils groteske Züge annimmt, kommt man nicht auf die Idee, dass es irgendwo noch leere Kunst-Räume geben könnte. Aber es gibt sie, reichlich sogar.

In Italien brodelt derweil eine Debatte, die teils surreal wirkt. Zwar haben auch wir anlässlich der Biennale-Preview-Tage in Venedig einmal mehr beobachtet, wie diese Stadt von Touristen völlig überflutet wird, wie insbesondere Asiaten zu Tausenden für ein paar Stunden ins Zentrum strömen und jeden Quadratmeter besetzen, doch dass man jene rund 50 000 Einwohner schützen muss, nein, das hätte kein Außenstehender vermutet. Immerhin lebt die Biennale-Metropole just von diesen Besuchern, von den Umsätzen in der Gastronomie, im Hotelgewerbe und in den diversen Shops. Exakt hier liegt denn auch der wunde Punkt einer aktuell umstrittenen Kampagne, die sich gegen weitere Eröffnungen von Hotels und Pizzabuden in der Altstadt richtet, die sogar den Vorschlag enthält, Eintritt zu verlangen, wenn jemand die Piazza San Marco betreten will. Allein Zwei-Euro-Tickets würden jährlich circa 60 bis 70 Millionen in die Stadtkasse spülen. Reduzieren würde diese Maßnahme die Besucher freilich nicht.

In Florenz setzt die Stadtverwaltung auf rigoroses Vorgehen. Wasser marsch, so heißt es dort, und dann werden, kaum zu glauben, Hochdruckreiniger eingesetzt, um Picknick-Touristen wie lästige Tauben zu vertreiben. In Rom, Spanische Treppe, richtet sich der Strahl der Sauberkeit dagegen bislang nur gegen die klebrigen Hinterlassenschaften der überall campierenden Fastfood-Reisenden. Bemerkenswert auch, dass die Italiener auf den weiter zunehmenden Massentourismus im Einzelfall mit empfindlichen Strafen reagieren: Ein Russe, der seine Initialen ins alte Gemäuer ritzte und erwischt wurde, musste 20 000 Euro zahlen. Doch abschreckend wirkt all das nicht.

Dass die normalerweise entspannten Italiener in diesem Sommer so aufgebracht ihre Stadt-Kerne verteidigen, könnte auch damit zu tun haben, dass es längst nicht mehr um ein paar eklige Kaugummis auf Treppenanlagen oder Touristen-Kritzeleien am Kolosseum geht. Es geht stattdessen ums Ganze, um den guten Ruf, um die Zukunft. Die UNESCO hat zwar soeben noch mal Aufschub beschlossen (um anderthalb Jahre), doch eigentlich sollte in diesen Tagen eine weitreichende Entscheidung getroffen werden. Man wollte Venedig den Weltkulturerbe-Status wegnehmen, weil von der vereinbarten Investition zur Rettung der von Kreuzfahrtschiffen überforderten Biennale-Stadt nichts zu sehen ist.

Nun darf davon ausgegangen werden, dass Venedig auch ohne diesen Titel unter den Auswüchsen weltweiter Gruppen-Reise-Lust leiden würde. Aber das Beispiel steht für ein Dilemma, in dem sich der gesamte Kulturbetrieb befindet. Einerseits lechzen wir nach Publikum, andererseits überfordert es die Branche, vorhandenes Interesse angemessen zu kanalisieren. In diesem Kunstsommer kann man zum Beispiel überall Warteschlangen beobachten, vor einzelnen Installationen, vor den kleinen dunklen Filmkabinen, an den zunehmenden Vitrinen mit Archivalien. Auf jedem Rummelplatz macht man sich Gedanken, wie verhindert werden kann, dass Unzufriedenheit hochkocht. In der Kunst, so die Einschätzung, führt dagegen Kuratoren-Hochmut dazu, dass manche Besucher wegbleiben. Es sei ihm schlichtweg zu blöde, sagte kürzlich ein Freund, sich in die Schlangen vor den Pavillons in Venedig einzureihen und dort kostbare Lebenszeit zu vertrödeln.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur Art Basel (Seite 5). Hinten dran: Deutschland im Museumsranking abgeschlagen (Seite 6). Salzburg: Wie Museumschefin Sabine Breitwieser abgesägt wird (Seite 8). Großartige Performance: »Kreatur« von Sasha Waltz (Seite 8). Von Essen nach Lugano: Tobia Bezzola kehrt in die Schweiz zurück (Seite 13). Langatmig: SAVVY Funk, das Radioprogramm der documenta (Seite 13). Beendet: Die Zusammenarbeit der Galerie Michael Schultz mit dem Künstler-Paar Römer + Römer (Seite 17). Neues Museum afrikanischer Kunst in Kapstadt – dank Jochen Zeitz (Seite 20). Erholsame Stille: Das Museum Bad Arolsen (Seite 21). Kulturgutschutzgesetz und Bundestagswahlhilfe: Ein Appell von Rudolf Zwirner (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 630 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 630

 

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, ohne Umschweife: Diese documenta ist misslungen. Was nach einer irrsinnig überdehnten, knapp dreistündigen Pressekonferenz im Kasseler Kongress-Palast allerorten zu sehen war, bestätigte den Kuratoren-Irrtum, der sich bereits während dieser fatalen Performance erkennen ließ. Schon die beiden ersten Referenten aus dem Szymczyk-Kuratoren-Team, nämlich Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Paul B. Preciado, spannten den Kontext-Bogen so weit, ob es um die weltpolitische Lage oder die Transgender-Problematik ging, dass sie es am Ende völlig versäumten, die Kunst selbst einzubinden. Um die sollte es aber gehen, weil die documenta immer noch eine Kunstausstellung ist.

Indessen spürt man in Kassel nach ausgiebigen Rundgängen durch nahezu sämtliche Ausstellungsorte (immerhin über 30) eine eigenartige Leere, allenfalls einen aufkeimenden Ärger über eine Kuratoren-Arroganz, die sich über alles hinwegsetzt, was in den vergangenen Jahrzehnten von der Branche hart erarbeitet wurde. Zugestanden: Es gab immer irgendwo Kritik anzumelden, wenn in Kassel documenta war; aber haben wir seit der d 5 im Jahr 1972, als mit Harry Szeemann die neue documenta-Ära anbrach, jemals eine derart verkäste Ausstellung gesehen? Wie eine abgestorbene Masse ziehen sich überwiegend mäßige Werke in meist unsäglicher Inszenierung durch die Räume.

Vorhandene Architekturen, künstlerische Nachbarschaften und zu erwartende Besucherströme wurden völlig missachtet. Kaum zu glauben, dass Adam Szymczyk einst die Appel-Kuratoren-Schule in Amsterdam besucht haben soll. Das kleine Einmaleins der Platzierung, das jeder Ausstellungsmacher beherrschen sollte (Szeemann: »Inszenieren heißt Lieben«) – es wurde sträflich vernachlässigt. Und so gehen die hohen Ansprüche kurzerhand in den Beobachtungen unter, wie hier am laufenden Band der Kunst geschadet wird.

Fragt man die Künstler selbst, ob sie mit ihren Beiträgen wirklich zufrieden sind, räumen sie ein, dass dieser oder jener Ort oder die Umsetzung des Konzepts nicht optimal sei. Aber es habe keine echte Alternative gegeben. Also Kopf einziehen, dankbar sein, dass man von Szymczyk selbst oder einem der anderen Schlaumeier-Kuratoren überhaupt ausgewählt wurde, dass man dabei sein darf. Mit Verlaub: Da macht sich Übelkeit breit. Das gilt auch angesichts der herumschleichenden Findungskommissare, die vor vier Jahren diesen künstlerischen Leiter nominiert haben, obwohl sie wussten, dass er’s nicht kann, dass er zu den Leuten im Kunstbetrieb gehört, die Kunst allenfalls zur Illustration ihren verkopften Theorien missbrauchen.

Zwar gibt es ein paar herausragende Künstler und Werke auf dieser d 14 (etwa Maria Eichhorn, Romuald Karmakar oder Artur Zmijewski), doch alles in allem ist man froh, wenn man Kassel wieder verlassen darf. Allein die Präsentation der lausigen, obendrein miserabel ausgeleuchteten EMST-Sammlung im Fridericianum ist eine Zumutung. Und dann das Wahrzeichen dieser documenta, mitten auf dem Friedrichsplatz: Was Marta Minujin dort als »Parthenon der Bücher« aufgebaut hat, dieses in Plastik geschweißte Wissen, ist grauenvoll; es ist schlichtweg Kunsterzieher-Kunst.

Dieses Ungetüm passt bestens ins Szymczyk-Universum politischer Korrektheit, und es fällt manchem Kritiker-Kollegen folglich schwer, sein Unbehagen zu formulieren. Denn natürlich sind wir alle gegen das Verbot von Büchern. Aber müssen wir deshalb für dieses rund 35 000 Kubikmeter große Missverständnis sein, das Kunst sein will – und noch nicht mal Agitprop darstellt? Von Joseph Beuys bis Walter de Maria – auf dem Friedrichsplatz und in ganz Kassel haben wir schon viel gute Kunst gesehen. Diesmal, zu dumm, ist’s nicht mehr als Dekor. Oder: Wie sich Intellektuelle vorstellen, dass Kunst auszusehen habe.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur documenta (Seite 4). Galerist Michael Schultz trennt sich von Römer + Römer (Seite 7). Italien: Ärger für ausländische Museumsdirektoren (Seite 7). Dänemark: Protest gegen Katharina Grosse (Seite 10). Unruhe im Verein der Freunde der Nationalgalerie (Seite 11). Hat Phil Collins bei Rudolf Herz abgekupfert (Seite 13)? Warum sucht Cristina Steingräber »neue Herausforderungen« und verlässt Hatje Cantz (Seite 13)? Bern: Gurlitts Grundstücke und das Kunstmuseum (Seite 14). Lüneburg: Promovieren im Museum (Seite 17). Düsseldorf und die Kunst im öffentlichen Raum (Seite 20). Markt-Check: Abraham David Christian (Seite 22). Susanne Klatten und die Stiftung Nantesbuch (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 629 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 629

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, war’s ein Zufall? Ja, aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall: Morgens las ich in der »Süddeutschen«, Wirtschaftsteil, dass sich die Deutsche Bank, die jüngst per Kapitalerhöhung weitere acht Milliarden eingespielt hatte, »mühsam aus den Skandalen früherer Jahre kämpft«. Im »Tagesspiegel« legten die Kollegen des dortigen Wirtschaftsressorts, die schon am Vortag »Bereit zum Neuanfang« berichtet hatten, tüchtig nach und erläuterten im Detail, wie das Unternehmen sein »schlechtes Image mit einer Markenkampagne und neuen Managern abschütteln« möchte. Hashtag für die Bank, Dividende für die Anleger. Kurz zuvor hatte John Cryan, der oberste Banker, der fortan das Deutsche in der Deutschen stärken möchte, im Rahmen der Hauptversammlung gesagt, dass man das Schlimmste hinter sich habe und zuversichtlich sei.

Und nun, nachmittags, saß ich mit einem hochkarätigen Mitarbeiter-Quartett, darunter Direktor Friedhelm Hütte, Global Senior Art Advisor, sowie dem aus München telefonisch zugeschalteten Managing Director und Global Head of Art, Culture and Sports, Thorsten Strauss, in Berlin an einem Erdbeerkuchen-Tisch und hörte von einem Projekt, das wohl alles überstrahlen wird, was die Deutsche Bank bislang in Sachen Kultur gemacht hat. Es geht um den Plan, vom Mai oder Juni 2018 an im sogenannten Prinzessinnenpalais, 1730 erbaut, heute an der Adresse Unter den Linden 5 leicht zu finden, ein neues Kulturforum der Deutschen Bank zu betreiben.

Dort, wo in diesem Jahr eigentlich 20 Jahre Kunsthalle zu feiern wären, ein paar Häuser weiter, will man ausziehen – und mit einem stark erweiterten Konzept in die Nähe des Humboldt Forums rücken (als Mieter; das Gebäude gehört Springer-Chef Matthias Döpfner). Immerhin knapp 3000 Quadratmeter Nutzfläche werden für Wechselausstellungen und Sammlungspräsentationen sowie für interdisziplinäre Vorhaben zur Verfügung stehen. Obendrein sollen allerlei Veranstaltungsformate erprobt werden, die sich auch aus der kühnen Vision ergeben, Kultur und Sport unter einem Dach zu fördern.

Dass das nicht einfach wird, weil diese Allianz keine natürliche ist, weiß die Frau-/Mannschaft um Strauss, und es macht den Top-Manager glaubwürdig und sympathisch, wenn er unverzüglich interveniert, spricht jemand aus der Runde von einer »wasserdichten Lösung«, die man später präsentieren möchte. Nein, tönt es aus München, alles dürfe porös sein, bereit zur Korrektur, zur Reaktion auf eine sich lebendig entwickelnde Gesellschaft, ihre Kultur, Sport inklusive, und selbstverständlich müsse man auch selbst aus den Anfängen am neuen Standort lernen, gegebenenfalls bereit zum Neuanfang.

Anschaulich wurde es Minuten später. Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr, natürlich. Über eine wunderbare Terrasse (wo auch Gastronomie möglich sein wird) ins geräumte, bereits nach Funktionsbereichen aufgeteilte Haus. Zwei Etagen für Foyer, Shop und multifunktionaler Forumszone sowie Ausstellungsbereich auf musealem Niveau, überdies unter dem Dach der »Atelier«-Bereich für zielgruppenorientierte (Workshop-)Angebote. Kaum zu glauben, denke ich, dass nun hier, wo einst, 120 Jahre lang (bis 1931), die preußische Herrscherfamilie wohnte, mitten im Zentrum Berlins, eine Vervielfachung der bisherigen Ausstellungsfläche der Deutschen Bank möglich wird, dass hier ein Freiraum dieser besonderen Art entsteht.

Wenn es gelingt, das Konzept auch im Detail zu schärfen, zu präzisieren, kein Zweifel, dann wird Berlin in einem Jahr einen besonderen Kommunikationsort haben. Und Friedhelm Hütte, der die Deutsche Bank bereits wiederholt mitgenommen oder in die richtige Richtung gebracht hat, wenn ein Paradigmenwechsel in der Gegenwartskunst anstand, wird als künstlerischer Leiter des neuen Forums (das noch einen Namen sucht) alsbald Furore machen. Denn klar ist doch jetzt schon: Ortswechsel sind die beste Voraussetzung für neues Denken, für den Neuanfang.

In dieser Ausgabe:  Wie sich Yusaku Maezawa, Milliardär, ins Gespräch bringt (Seite 4). Pressestimmen zur Skulpturen-Schau »Blickachsen« (Seite 6). Das Kreuz mit dem Kreuz auf dem Humboldt Forum (Seite 8). Buenos Aires als erste »Art Basel City« (Seite 9). Freiheit im Zellentrakt: »Luther und die Avantgarde« (Seite 10). Berlin: Chris Dercon setzt auch auf Tino Sehgal (Seite 11). Karlsruhe: Markus Lüpertz hat Ärger mit den Grünen (Seite 14). Preis-Check Brigitte Kowanz (Seite 17). München, Kunsthalle: Kritiker zahlen die Hälfte (Seite 17). Zum 40-jährigen Jubiläum der Stiftung Arp kommt wieder alles ins Lot (Seite 20). Thema Provenienz: Sammlung Rudolf-August Oetker im Fokus der Forschung (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 628 – Editorial

 

 

 

Informationsdienst KUNST 628

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Verdienste hin, Verdienste her. Aber vielleicht ging es ohnehin immer mehr um den eigenen Verdienst, um den schnöden Mammon oder um das Mammut im Gewand des Intellektuellen, der von der großen Öffentlichkeit geliebt und hofiert werden wollte – zumal er im kleinen Insiderkreis eher argwöhnisch beäugt wurde. Seit Jahrzehnten schon, seit jenem Zeitpunkt, als die Branche kapierte, dass da jemand das Zusammenspiel mit den Museen sucht, um möglichst unverdächtig kommerzielle Ambitionen auszuleben. Der Händler, getarnt als Sammler. Macht-Poker unter dem Deckmantel der Freundschaft mit den Künstlern – von Beuys über Kiefer bis zu Twombly.

Ja, es geht um Heiner Bastian, den aalglatten Strippenzieher im Kunstbetrieb, der sich zuletzt, 2016, per Zwei-Stufen-Plan ins Gespräch brachte. Zuerst wollte er sein von David Chipperfield gebautes Galeriehaus am Berliner Kupfergraben ohne Gewinnabsicht an die Staatlichen Museen weiterreichen. Ein anderer Sammler, Reinhold Würth, so war es verabredet, hätte ihm und seiner Familie den Baupreis erstattet, und so war, naheliegend, auch vorgesehen, dass der wahre Mäzen, Würth, im Titel eines dort geplanten neuen Bildungszentrums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz namentlich auftauchen würde.

Doch quasi über Nacht, Stufe zwei, als bereits alles kommuniziert war, gingen die Bastians aufs Ganze – und kündigten großzügig ihrerseits die Schenkung des ganzes Hauses an, um unangefochten in der Rolle des Allein-Mäzens agieren zu können. Reinhold Würth, völlig überrascht vom Gesinnungswechsel im Hause Bastian, war ausgeladen, übel vorgeführt wie die verhandelnde Stiftung, die nun mitteilen musste, dass alles ganz anders kommt, dass man jetzt ausschließlich Heiner, Céline und Aeneas Bastian dankbar sei. Stiftungspräsident Hermann Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, beide um Ausgleich bemüht, machten gute Miene zum Bastian-Spiel und setzten diplomatisches Geschick ein, um Reinhold Würth für eine andere mäzenatische Großtat zu gewinnen, etwa im Humboldt Forum.

Am 1. Mai, Tag der Arbeit, muss nun, kaum zu glauben, quasi Stufe drei, am Kupfergraben die nächste Erkenntnis eingesetzt haben. Denn am folgenden Tag erreichte die Stiftung (die bereits mit Drittmittelgebern wegen der Finanzierung des Bildungszentrums verhandelte hatte) ein Brief, in dem Heiner Bastian die Schenkung kurzerhand zurücknahm. Mir nichts, dir nichts. Der Grund: Seine emotionale Bindung ans Haus, als sei die nicht schon vorher vorhanden gewesen. Beispielsweise im vergangenen Jahr, als er an Reinhold Würth zugunsten der Museen zu Berlin verkaufen wollte, als er, kurz danach, das Gebäude plötzlich lieber als Geschenk deklarierte.

Gelinde, souverän hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz reagiert; sie berichtete Anfang des Monats von »großem Unverständnis und Bedauern«. Dabei ist sie von Heiner Bastian mittlerweile in der gleichen Angelegenheit zweimal veräppelt worden. Parzinger und seine Leute, die gewiss anderes zu tun haben, als ihre Zeit für Verhandlungen mit einem Wirrkopf zu opfern, werden die Idee des Bildungszentrums in direkter Nähe zur Museumsinsel sicherlich andernorts realisieren. Aber es stellt sich die Frage, ob Heiner Bastian noch jemals an irgendeinem Verhandlungstisch sitzen wird. Auf sein Wort ist offensichtlich kein Verlass.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur Biennale in Venedig (Seite 5). Kunst für Fortgeschrittene: Udo Kittelmanns Projekt für die Fondazione Prada (Seite 8). Im kommenden Jahr zieht Thomas W. Gaehtgens, Getty Research Institute, nach Berlin (Seite 8). New York: Acquavella und Pace und ihr Coup mit Calder und Miró (Seite 9). Martin Roth im Zwielicht (Seite 12). Aus für die »Lichtsicht«-Biennale (Seite 12). Verlagspleite: Was aus Seemann Henschel wird (Seite 15). Monika Grütters zur Strafrechtskonvention des Europarats (Seite 15). Volker Rattemeyer über die Situation im Rhein-Main-Gebiet (Seite 17). Markt-Check: Robert Kusmirowski (Seite 22). Flop: Die jüngste Schau von Shirin Neshat (Seite 23). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 627 – Editorial

 

 

 

Informationsdienst KUNST 627

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Sie selbst kennen gewiss dieses Gefühl der Übersättigung, das Bedürfnis, vorübergehend auszubrechen, wenn der Branchen-Talk überhandnimmt, wenn man auf der Suche nach wirklich guter Kunst laufend in eher unerheblichen Gesprächen hängenbleibt. So wichtig der Austausch in unserer Familie erscheint, so zeitraubend ist er eben auch, weil man oft lange braucht, bis die Small-Talk-Ebene verlassen und ein ehrlicher, intensiver Dialog erreicht werden kann, anregend für alle Beteiligten. Hallöchen hier, hallöchen dort; in diesen Tagen tobt der nichtssagende rhetorische Wahnsinn – zumal Berlin und Köln, auf Freiersfüßen, aber eben noch nicht vertraglich vermählt, tatsächlich meinten, gleichzeitig und somit gegeneinander antreten zu müssen. Art Cologne und Gallery Weekend bewältigt; Biennale in Venedig und documenta in Kassel, aber auch Skulpturen-Offensiven in Münster, Bad Homburg und Rhein-Main-Region sowie in Bingen im Visier, zudem die konzertierte »Made in Germany«-Aktion in Hannover oder die von zwei Satelliten begleitete Schau »Luther und die Avantgarde« in Wittenberg – ja, in diesen Wochen gibt’s kein Pardon. Es geht hoch her, ein Termin jagt den anderen. Keine Zeit also für Vor- oder Nachbereitungen. Die allgemeine Sorge greift um sich, etwas Wesentliches zu verpassen.

In einem solchen Moment das aktuell Naheliegende ein paar Tage lang sausen zu lassen und sich aus dem pausenlos drängenden Ereignis-Strom herauszukatapultieren, das erschien mir richtig. Abflug nach London, ohne auch nur einen einzigen Gesprächstermin zu vereinbaren. Inkognito sein, das Gesehene nicht flüchtig, sondern abends in Ruhe im Hotel verarbeiten zu können, das war das Ziel. Also Brexit beiseite, Theresa Mays Neuwahlen-Strategie ebenfalls, keinen Gedanken verschwenden, warum das seit 2013 wirtschaftlich ungeheuer aufsteigende Vereinigte Königreich jetzt schon, im ersten Quartal 2017, einen tüchtigen Umsatz-Rückgang-Dämpfer verkraften musste – und mitten hinein in die »wundervolle Stadt«, wie »Der Spiegel« vor fünf Wochen titelte. Der erste Eindruck nach längerer Abwesenheit: In London herrscht eine großartige Stimmung, freundliche Menschen, emsiges Treiben, tolle Geschäfte, vermutlich die höchste Gastronomie-Dichte seit ewigen Zeiten. Natürlich: Dann und wann die eher beiläufige Klage eines Taxifahrers oder eines Kellners, dass London enorm teuer sei, aber das war’s dann schon. Der zweite Eindruck: Das sich ständig auf die Schenkel und die Schulter klopfende Berlin, selbstgefällig bis zur Schmerzgrenze, könnte sich so manches Scheibchen abschneiden. »Wollen wir nicht noch mal umziehen«, fragt mich meine Frau am zweiten Tag der Stippvisite.

In den Galerien und Museen sieht’s ebenfalls lebendig aus. Ein Kommen und Gehen in der Großgalerie Hauser & Wirth, wo sich halb London für Maria Lassnig interessiert; eine gelungene »The Critical Edge«-Schau von Richard Tuttle bei Pace. Natürlich ein Gang durch die National Gallery, selbstverständlich ein Besuch im Victoria and Albert Museum, wo wir uns wieder einmal fragen, wie es nur passieren konnte, dass Martin Roth dieses einzigartige Haus verlassen mochte. Eine offene Frage auch in der Tate Modern, die insgesamt (und trotz ihrer sage und schreibe fünf Shops) eigenartig vernachlässigt wirkt: Wird das Werk von Wolfgang Tillmans nicht maßlos überschätzt? Und dann schon wieder, zu komisch, der aufkeimende Wunsch, trotz aller spontanen Berlin-Flucht-Gedanken nun am liebsten mit Udo Kittelmann reden zu wollen, warum es die Staatlichen Museen zu Berlin nicht schaffen, eine derart phantastische Retrospektive wie die von David Hockney (zum 80. Geburtstag im Juli) nach Deutschland zu holen. Was die Tate Britain bis zum 29. Mai zeigt, was danach in Paris, Centre Pompidou, und in New York, Metropolitan Museum, präsentiert wird, ist eine herausragende, eine sensationell gelungene Ausstellung, ein Blockbuster allererster Güte. Auf dem Rückflug nach Berlin erörtern wir die Frage, was Museen machen sollten, ob sie ein Programm haben müssen, das von einer Konzeption zeugt, oder ob es genügt, Ausstellung an Ausstellung und Projekt an Projekt zu reihen. Zündstoff fürs nächste Treffen mit Udo Kittelmann, der nun in Venedig für Frau Prada kuratiert.

In dieser Ausgabe: In Frankreich kursiert unter Künstlern und Museumsleuten reichlich Angst vor der Präsidentschaftswahl (Seite 5). An der Kunstakademie Düsseldorf heißt der neue Rektor Karl-Heinz Petzinka (Seite 8). Art Cologne: Skeptischer Aussteller-Blick auf die Allianz mit Berlin (Seite 8). »Handreichung für die Praxis«: Nachhilfe in Sachen Kulturgutschutzgesetz (Seite 11). Tübingen: Holger Kube Ventura hat in der Kunsthalle gekündigt (Seite 12). Markt-Check John Bock (Seite 14). Mega-Flop der Museumspolitik: Sammlung Essl (Seite 15). Widerstand gegen Hermann Nitsch in Australien (Seite 16). NRW-Wahlen ohne Thema Kulturpolitik (Seite 17). Wien, Belvedere: Die neue Direktorin, Stella Rollig, schweigt viel (Seite 20). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 626 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 626

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kurz vor Ostern kursierte die Nachricht, dass das so zügig in die Planung und dann zur Entscheidung gekommene Bauprojekt am Berliner Kulturforum, das von Herzog & de Meuron konzipierte Museum des 20. Jahrhunderts, noch einmal grundlegend in die Entwurfsphase zurückgetrieben werden soll. Dabei sind die Architekten längst mit dem Feinschliff ihrer Planung beschäftigt (minimale Verkleinerung, um Grundstückssituationen besser zu berücksichtigen), und Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Weichen gestellt, dass nicht erneut das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung als steuernden Behörde zum Einsatz kommt, gefürchtet nicht zuletzt wegen des Debakels in Sachen Pergamonmuseum.

Gleichwohl wurde auch Petra Wesseler, die umstrittene Präsidentin des Bundesamtes, in den Verteiler genommen – und gemeinsam mit Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sowie seinen leitenden Museumsdirektoren Michael Eissenhauer und Udo Kittelmann und den Berliner Senatoren Klaus Lederer (Kultur) und Katrin Lompscher (Stadtentwicklung) über den Einspruch informiert. Die Intervention kommt von einer durchaus geschätzten Stiftung bürgerlichen Rechts unter dem Vorsitz von Volker Hassemer: Die Stiftung Zukunft Berlin, die sich quasi als außerparlamentarisches Forum vielerorts in die Stadtpolitik einschaltet, hat vier Forderungen für den öffentlichen Raum des Kulturforums verbreitet und damit gewissermaßen den Planungsstopp in Sachen Museumsneubau verlangt.

Freilich muss man sich fragen, warum dieser Einwand erst jetzt kommt, und Recherchen zeigen schnell, dass es dafür eine plausible Erklärung geben könnte. Dass die niemand bestätigen würde, versteht sich. Denn welches unabhängige Gremium möchte in der Öffentlichkeit schon als ferngesteuert dastehen? Aber viele der Forderungen, die jetzt in dem Papier auftauchen, klingen eigenartig vertraut. Die im zweiten Einspruch angedachte Neuausrichtung des Baukörpers, zum Beispiel, war bald und vergeblich kurz nach der Wettbewerbsentscheidung formuliert wurden. Nun, was Wunder, taucht der Kritiker, nämlich der streitlustige Architekt Stephan Braunfels, im Kreis der 13 Persönlichkeiten auf, die unter dem Schirm der Stiftung Zukunft Berlin die Bremse treten wollen.

Dass betagte Sammler wie Ulla und Heiner Pietzsch sowie Erich Marx, die die Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts gerne noch selbst erleben möchten, angesichts einer solchen Intervention mehr als verärgert sein dürfen, ist bestens nachvollziehbar – zumal sich der Forderungskatalog der Stiftung, unterstützt von der Sektion Baukunst der Akademie der Künste und der Hermann Henselmann Stiftung, in großen Teilen so arrogant liest, als wären Herzog & de Meuron dumme Buben, denen man noch erklären muss, was Architektur zu leisten hat. Bei aller Wertschätzung von Bürger-Engagement: So geht’s nicht.

In dieser Ausgabe:
Angeblich lässt Helge Achenbach einen Roman über sein Leben schreiben (Seite 3). Pressestimmen zur documenta 14 in Athen (Seite 4). Neue Messe in der Hauptstadt: Daniel Hug und Maike Cruse planen die Art Berlin (Seite 7). Streit um die Internationale Bauakademie (Seite 9). Rhein-Main-Region: Museumsdirektoren gesucht (Seite 10). Schweiz: Raubkunst der anderen Art (Seite 11). Wehmütiger Rückblick: 50 Jahre Kunsthalle Düsseldorf (Seite 14). Wie Galeristen auf den Messe-Rummel reagieren (Seite 17). Kuratorisch aufgesattelt: Hans Haackes »Gift Horse« in München (Seite 19). Bonn: Konflikt um ein geplantes Denkmal für August Macke (Seite 21). Berlin: Stolze Bilanz der Freunde der Nationalgalerie (Seite 22). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 625 – Editorial

 

Informationsdienst KUNST 625

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, endlich, wirklich überfällig. Am Freitag, 24. März, mittags, zwei Wochen vor Eröffnung der documenta in Athen (8. April bis 16. Juli), trafen die ersten verwertbaren Informationen aus Kassel ein. Die documenta-Geschäftsleitung, die sich vermutlich mächtig ins Zeug legen musste, um am Öffentlichkeitsarbeit verweigernden künstlerischen Leiter vorbei die Presse informieren zu können, stellte immerhin eine 18 Din-A-4-Seiten umfassende Liste der griechischen Ausstellungsorte zur Verfügung (siehe auch Seite 4, Randspalte). Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann sind es sage und schreibe 46 Orte, die von Adam Szymczyk und einem Tross von documenta-Mitarbeitern bespielt werden.

Vom Athener Konservatorium übers Benaki-Museum bis zum Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst, von der Hochschule der Bildenden Künste über die Konzerthalle Megaron bis zum Ersten Friedhof von 1837 oder dem Kino Stella – überall taucht die documenta auf und will ihre Duftmarken setzen. Schon vor Wochen hatte mir jemand aus der nordhessischen Insider-Szene geflüstert, in Athen habe eine neue Kolonialzeit begonnen: Die documenta-Pfadfinder seien in der ganzen Stadt unterwegs, um Partner und Orte für ihre Kunst-Offensive zu finden. Szymczyks Herzblut gelte Althen. Dagegen werde sich die Geburtsstätte der documenta in Kassel wohl eher karg darstellen (im Fridericianum soll beispielsweise die EMST-Sammlung gezeigt werden).

Dass documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff kürzlich, für alle überraschend, nachdrücklich signalisiert hat, dass der 34-Millionen-Etat nicht ausreichend sei, wird angesichts dieser ungeheuer aufwendigen, kostenintensiven Logistik, die das Gastspiel in Griechenland erfordert, natürlich unverzüglich nachvollziehbar (zumal Kulenkampff unter dem Druck steht, die Hälfte der Summe selbst erwirtschaften zu müssen, die anderen 17 Millionen kommen vom Land Hessen, der Stadt Kassel und der Kulturstiftung des Bundes). »Learning from Athens« – vielleicht hat es seinen guten Grund, dass diese zunächst für die d 14 ausgegebene Devise offiziell plötzlich nur noch als Arbeitstitel kursiert.

Schaut man sich die 18 Seiten lange Informationsschrift aus dem Kommunikationszentrum (Leiterin: Henriette Gallus) genau an, dann fällt auf, dass zwar viel über die einzelnen Orte sowie ihre meist traditionsreichen Geschichten und die ursprünglichen Funktionen verraten wird, doch was weitgehend fehlt, sind jene Erläuterungen, die sich auf Künstler und Projekte beziehen. Die Ausnahme, wenn es zum Beispiel heißt, dass Daniel Knorr die Skulptur »Knabe mit Hund« aus der Sammlung des Archäologischen Museums für die Dauer der documenta vergraben wollte, das Vorhaben indes scheiterte. Was tatsächlich zu sehen und zu erfahren ist, ob sich meine geplante Reise nach Athen lohnen wird, das vermittelt sich leider nicht oder bestenfalls nur im Ansatz.

Den Stadtplan vor Augen, kann ich freilich erahnen, dass gutes Schuhwerk vonnöten sein wird, um die documenta in Athen wahrzunehmen. 46 Stationen – ich plane also einige Tage ein, ohne zu wissen, ob die wenigen Künstler (und ihre Arbeiten), die nun kurz erwähnt wurden, eine derartige Reise rechtfertigen werden. Es sind gut zwei Dutzend Musiker, Tänzer, Filmemacher, Lyriker, Textilfärber, Bildhauer, Architekten, Gastwirte und Performer, darunter wenige bekannte wie Douglas Gordon, Maria Eichhorn und der vor Monaten gestorbene Ben Patterson (siehe Seite 16), die namentlich vorkommen. Gewiss werden in der documenta-Stadt Athen viele weitere vertreten sein, sollen insgesamt doch rund 160 Künstler mitmachen.

So hat vor zwei Wochen der Künstler Sokol Beqiri – Joseph Beuys und Ben Wagin lassen grüßen – einen Baum auf dem Campus der technischen Universität gepflanzt, angeblich Teil einer Arbeit, die wiederum nach einer Idee von einem Lulzim Zeqiri entstanden sein soll. Angeblich vermählt sich jetzt eine griechische Eiche mit den Zweigen einer deutschen Eiche. Vielsagend wohl auch ein anderes Kooperationsprojekt im Umfeld der Landwirtschaftlichen Universität: Stellvertretend für jedes der 54 afrikanischen Länder werden 54 Lämmer komplett eingefärbt und in einen Obstgarten getrieben. Ein Projekt von einem mir bislang nicht aufgefallenen Aboubakar Fofana.

Drittes Beispiel: Für Ross Birrell, einen weiteren Teilnehmer, erwarb die documenta mehrere Pferde, mit denen sich am 9. April insgesamt vier Reiter zum 3000-Kilometer-Ritt nach Kassel aufmachen wollen. Womöglich auf einer Flüchtlingsroute. Diese Reise hoch zu Ross ist laut der d 14-Presseabteilung von einem ähnlichen Projekt inspiriert, das vor etwa 90 Jahren von einem schweizerisch-argentinischen Reiter zwischen Buenos Aires und New York bewältigt wurde. Bäume, Lämmer, Pferde, aber auch Musikinstrumente, bestickte Zelte, eine Seifenproduktion, eine Großküche auf dem Kotzia-Platz – die Herausforderungen ans documenta-Equipment sind immens.

Weil zur Eröffnung in Athen weder der documenta Reader noch das documenta Daybuch (beide bei Prestel) ausgeliefert werden können, wie der Verlag nach anderen Ankündigungen nun kleinlaut einräumen muss, werde ich voraussichtlich erst im Mai nachlesen können, was Adam Szymczyk zu sagen hat, warum er meinte, Eulen nach Athen tragen zu müssen. Nach allem, was man zur Zeit weiß, ist größte Skepsis angebracht. Gut möglich, dass er, der schlanke Schweiger, am Ende den Eulenspiegel gibt und wir alle die Lackierten sind.

In dieser Ausgabe:
Berlins Generaldirektor Michael Eissenhauer lässt die Sicherheitssysteme in den Museen überprüfen (Seite 5). In der Hamburger Kunsthalle wurde ein Bild von Zwelethu Mthethwa abgehängt – weil der Künstler ein Mörder ist (Seite 9). Konzept-Artistin und documenta-Teilnehmerin Maria Eichhorn will in Athen Grundstücksspekulationen verhindern (Seite 10). London: Brexit hin oder her – Thaddaeus Ropac eröffnet eine weitere Galerie (Seite 11). Markt-Check: Timm Ulrichs, soeben 77 geworden (Seite 13). Weniger Widerstand der Kunstvereine gegen die Forderung in Sachen Ausstellungsvergütung: BBK-Chef Werner Schaub äußert sich (Seite 15). Museales Forschungszentrum in Berlin-Dahlem geplant (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 624 – Editorial

Informationsdienst KUNST 624

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wie Sie wissen, wie berichtet: Es gibt nicht nur die vom Deutschen Kulturrat herausgegebene Dokumentation »Frauen in Kultur und Medien«, gefördert aus dem Etat-Topf von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sondern mittlerweile auch einen von Grütters einberufenen Runden Tisch zum Thema. Ziel: Geschlechtergerechtigkeit. Ich räume selbstkritisch gerne ein, dass es mein verengter männlicher Blick sein mag, der verhindert, dass ich mich persönlich für »mehr Präsenz von Frauen in Führungsetagen von Kultureinrichtungen« einsetze, wie der Kulturrat fordert.

Vielleicht hat diese Verweigerung aber auch damit zu tun, dass ich, erstens, grundsätzlich ohnehin nichts von Quoten-Debatten halte. Und, zweitens: Ich kann reichlich Beispiele geben, wo Frauen erfolgreich in Führungspositionen wirken. Ob in Chemnitz (Ingrid Mössinger), Dresden (Marion Ackermann), Frankfurt/Düsseldorf (Susanne Gaensheimer), Kiel (Anette Hüsch), Mainz (Annette Ludwig), Mannheim (Ulrike Lorenz), Nürnberg (Eva Kraus), Siegen (Eva Schmidt) oder Stuttgart (Christiane Lange, Ulrike Groos) – zehn Direktorinnen fallen mir auf Anhieb ein.

Als ich vor Tagen die jüngste Pressemitteilung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie auf meinem Bildschirm sah, konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Für den Preis der Nationalgalerie 2017 sind sage und schreibe vier Künstlerinnen nominiert: Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska (Ausstellung im Hamburger Bahnhof vom 29. September an; die Gewinnerin wird am 20. Oktober gekürt). Vier junge, ebenso sympathisch wie tatkräftig wirkende Frauen, kein Mann. Ist man da nicht versucht, freilich mit besten Grüßen an Monika Grütters, die Männer-Quote zu fordern? Ist keiner meiner jüngeren Geschlechtsgenossen als Künstler überzeugend genug, um in einem solchen Hoffnungsträgerinnenkreis zu bestehen?

Wie der Verein der Nationalgalerie-Freunde und BMW als Sponsor, vertreten durch Thomas Girst, auf die Idee kommen, ein reines Frauen-Quartett in den Wettkampf zu schicken? Die Erklärung könnte einfach sein: In der Jury, die Calero, Issa, Manna und Polska ausgewählt hat, sitzen – mit einer Ausnahme (der Schauspieler Alexander Beyer) – ausschließlich Frauen, nämlich Meret Becker, Natasha Ginwala, Alice Motard und Alya Sebti.

Vielleicht greift mittlerweile aber auch ein anderes Phänomen, das sich so leicht nicht vermitteln lässt. Könnte es nicht sein, dass wir alle, vom schlechten Gewissen geplagt, sofort nach Frauen Ausschau halten, wenn irgendwo eine Stelle oder eine Liste besetzt werden muss? Einzige Entschuldigung, die man gelten lassen kann: Geschlechter-Erkennung fällt leichter als die Ortung von Qualität. Ergo: Wie wäre es mit einem Runden Tisch zur Frage der Maßstäbe in der Kultur?

In dieser Ausgabe:
Von 2018 an leitet Stephanie Rosenthal in Berlin den Martin-Gropius-Bau (Seite 2). In München bereitet Heinz Peter Schwerfel das Festival »Kino der Kunst« vor (Seite 6). In Amerika geht’s unter Donald Trump der Kultur an den Kragen. Förderprogramme sollen eingestellt werden (Seite 6). Düsseldorf: Susanne Gaensheimer als neue Direktorin in der Kunstsammlung NRW (Seite 8). Werbung und Kunst: Zweierlei Persönlichkeitsrecht? Klage gegen Ida Ekblad und das Kunsthaus Hamburg (Seite 11). Warum der Bund auf eine Millionen-Spende für das Humboldt Forum verzichtet (Seite 15). UNESCO-Fonds zum Schutz bedrohter Kulturgüter geplant (Seite 18). Universität Osnabrück will Kunsthistorisches Institut schließen (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 623 – Editorial

Informationsdienst KUNST 623

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ob es die eigene Kuratoren-Einsicht war oder die Überredungskunst der documenta-Geschäftsführerin, Annette Kulenkampff, vielleicht gar Druck aus den Büros der Geldgeber aus Politik und Wirtschaft, das bleibt letztlich egal. Tatsache ist, dass in Kassel kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen wurde, wo Anfang dieser Woche der künstlerische Leiter, Adam Szymczyk, über die Kooperation mit dem Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen und seiner Direktorin Katerina Koskina berichten wollte. Freilich zurückhaltend, wie es seine Art ist. Denn nach wie vor weiß niemand, was die documenta 14 insgesamt ausmachen wird, welche Künstler an der rund 30 Millionen teuren Schau beteiligt sind.

Eine vorausgegangene Projekt-Präsentation in Berlin, Ende Februar, machte einige der Anwesenden wütend; nachvollziehbar. »Eine Zuhörerdemütigung«, urteilte Swantje Karich in der »Welt«, sei es gewesen. »Der künstlerische Leiter der documenta sitzt einfach da. Reagiert nicht auf die Ansprache.« Ob es schlicht Arroganz sei, fragte die Kollegin, die ein Desinteresse am Publikum attestierte. Auf jeden Fall: Kein gutes Zeichen für Athen und Kassel.

Die wichtigtuerische Geheimniskrämerei, allenfalls mal unterbrochen, wenn die Geschäftsführerin im Kulturausschuss der Stadt die logistischen Schwierigkeiten in Athen einräumt, muss allen Kommunikationsstrategen auf die Nerven gehen. Zwar ist mittlerweile ein Tross von Kuratoren und Assistenten und Assistenten von Assistenten für die kommende documenta im Einsatz, doch wenn absolutes Stillschweigen angeordnet ist, müssen Journalisten jede Anfrage ans Pressebüro als reine Zeitverschwendung sehen – und verlieren dann eben auch ihr Interesse (Headline der »Welt«: »Kein Bock auf documenta«). Was die documenta 14 sein soll, sein wird, das will sich immer noch nicht vermitteln, weil ihr Vordenker, Szymczyk, keinerlei Notwendigkeit sieht, sich verständlich zu machen. Man muss sich, leider, an die von ihm kuratierte Berlin Biennale erinnern, 2008, als es Verrisse am laufenden Band in der Tagespresse gab (unvergessen beispielsweise Samuel Herzog in der »Neue Zürcher Zeitung«, 9. April 2008). Die documenta-Findungskommission ließ sich 2013 nicht abschrecken – und setzte für 2017 erneut auf den Stillschweiger.

Nun geht die documenta bereits im kommenden Monat los, in exakt vier Wochen, zunächst in Athen, und man hat nicht den Eindruck, dass Szymczyk ernsthaft daran interessiert ist, das Publikum mitzunehmen. Fragen über Fragen, allesamt unbeantwortet. Wird’s etwa ein Hörspiel, wie einer der Co-Kuratoren kürzlich andeutete (siehe »Das Zitat«, Seite 25 dieser Ausgabe)? Wird es eine politische documenta, weil in Kassel jemand vertraulich flüstert, auch Altmeister Hans Haacke sei dabei?

Wie auch immer: Die d 14 hat ihren ersten großen Fehler bereits gemacht. Wie kann Szymczyk von einer »Tyrannei der Transparenz« sprechen, der er sich nicht beugen wolle, wenn er letztlich Millionen öffentlichen Geldes ausgeben darf, wenn er, noch gravierender, die Verantwortung trägt, diesmal die Bilanz-Chance wahrnehmen zu dürfen? Nach fünfjähriger documenta-Pause berichten zu können, was die Kunst macht, das ist eine Aufgabe, die keine fahrlässigen Star-Allüren zulässt.

Dass es anders geht, zeigen im Moment rundum alle anderen Veranstalter, die diesen Kunstsommer beleben werden, ob Christine Macel für die Biennale in Venedig oder Kasper König und seine Co-Kuratorinnen für die Skulpturen Projekte in Münster. Für die Drei-Städte-Schau »Luther und die Avantgarde« ist die Künstlerliste ebenso publiziert wie für die Skulpturen-Triennale in Bingen, »Nah und fern« (siehe Seite 3). Namen sind schließlich auch Programm. Und es macht nicht wirklich Sinn, verquaste Theorien zu verbreiten, weil man sich gezwungen sieht, irgendwas zu verkünden, ohne in einer solchen Vorschau auch Ross und Reiter nennen zu wollen.

Dabei muss längst klar sein, wer wo was macht, welche Künstler im kommenden Monat in Athen und danach in Kassel den Ton und das Bild vorgeben werden. Es ist eine einzigartige Chance, angesichts der seit Jahrzehnten gewachsenen Bedeutung der documenta und der weltweiten Wahrnehmung der Schau frühzeitig kommunizieren zu lassen, worauf sich die Menschen freuen dürfen, was sie erwarten wird, wie sie sich vorbereiten können. Dass ein gutes, ein wirklich gelungenes Projekt ein Vor- und ein Nachspiel haben muss, hätte Adam Szymczyk von Christoph Schlingensief lernen können. Aber vielleicht setzt er lieber auf dessen legendäre Devise »Scheitern als Chance«. Dann, so scheint es, befindet er sich auf dem Weg.

PS.: Sage und schreibe 15 Seiten bietet das »Süddeutsche Zeitung Magazin«, Ausgabe vom 3. März, um angeblich über die documenta 14 zu berichten. »Wie die documenta 2017 entsteht«, so heißt es vollmundig auf der Titelseite. Indes: Der Branchenkenner erfährt nichts, was er nicht schon weiß. Dabei ist Autor Peter-Matthias Gaede insgesamt 16 Mal nach Kassel, Berlin und Athen gereist, um Gespräche zu führen und Veranstaltungen zu besuchen. 50 insgesamt. Und dann gab es noch 100 E-Mail-Kontakte mit der documenta-Zentrale.

In dieser Ausgabe:
Opfer digitaler Übermacht – »Parkett« verabschiedet sich (Seite 4). Die Geschichte der documenta wird nun in Peking präsentiert (Seite 7). Geeinigt, sich nicht zu einigen: Chris Dercon und Klaus Lederer, Berlin (Seite 9). Styling bewältigt: Christian Boros führt »Die Dame« aus (Seite 9). Südamerikanisch: Bilanz der ARCO Madrid (Seite 13). Südamerika auch im Fokus der Biennale UrbanArt, Weltkulturerbe Völklinger Hütte (Seite 15). Staatsgalerie Stuttgart: Christiane Lange räumt auf – mit Rückendeckung aus dem Ministerium (Seite 16). Markt-Check: Katharina Sieverding (Seite 19). Baum-Pate Ben Wagin und zwei fehlende Schwarzkiefern an der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 622 – Editorial

Informationsdienst KUNST 622

 

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, kann man sich vorstellen, dass Gerhard Richter (geschätztes Vermögen: 500 Millionen Euro) ein gesetzlich vorgeschriebenes Ausstellungshonorar kassieren darf, wenn er seine Bilder zeigt? Hatte man nicht vor Jahrzehnten sogar schon im Bundestag damit argumentiert, dass solche Vergütungen fragwürdig seien, weil sie einerseits womöglich den falschen Empfängern zugutekommen, weil sie andererseits aber den gesamten Kunstbetrieb belasten würden, dass sich die Zahl der Präsentationsorte womöglich verringern könnte?

 

Als im vergangenen Jahr, wesentlich durch den BBK-Bundesvorsitzenden Werner Schaub angestoßen, die uralte Debatte wiederbelebt wurde (etwa im Rahmen eines von Manfred Eichel moderierten Symposions in Berlin), reagierten die überregionalen Medien verhalten. Vielleicht auch wegen der Tatsache, dass es zwar beispielsweise in den Kommunalen Galerien der Hauptstadt üblich ist, ein paar Euro aus einem lächerlich knapp bemessenen Etat-Topf auszuschütten (circa 30 000 Euro für gut 150 Ausstellungen pro Jahr), doch allgemein geregelt ist nichts, auch in der Honorar-Vorreiter-City Berlin nicht. Ausstellungshonorare für Künstler – das Thema scheint der Rest der Republik bislang allenfalls als eine Marotte des neuen rot-rot-grünen Senats wahrgenommen zu haben.

 

Ansporn und Grund genug, dass der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, seit kurzem in einer konzertierten Aktion mit dem Deutschen Künstlerbund, der GEDOK, verdi und der VG Bild-Kunst vereint, jetzt bundesweit Dampf machen und unter dem Slogan »Überfällig« die strapazierte Forderung neu vortragen will. Die von den genannten Institutionen gegründete Initiative Ausstellungsvergütung (Sprecher: Werner Schaub und Frank Michael Zeidler; info@initiativeausstellungsverguetung.de) wird am 7. März in Berlin (19.30 Uhr; Paula-Thiede-Ufer 10) erstmals groß auftrumpfen und unter anderem in einer gut gemischten Fraktionsrunde vier Kulturpolitiker des Deutschen Bundestages zu Wort kommen lassen.

 

Es ist zu vermuten, dass im Verbands- und Gewerkschaftsumfeld reichlich Lippenbekenntnisse sämtlicher Parteien zu hören sein werden. Ja, natürlich sei es sinnvoll und sozial, die Künstler zu honorieren, wenn sie ihre Werke öffentlich zeigen, egal, ob dabei Verkäufe zustande kommen oder nicht. So wird man sagen. Indessen: Die Politik, das lässt sich jetzt schon behaupten, wird es letztlich nicht versäumen, auch auf andere Lobby-Interessen zu hören.

 

In der 2016 von Manfred Eichel geleiteten BBK-Diskussion machte der Christdemokrat Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, ohne vorherige Abstimmung mit Angela Merkel und Monika Grütters (die einst für die CDU ein klares Nein zugunsten des Handels und der Museen formuliert hatte), unmissverständlich klar, dass eine gesetzliche Vergütungsregelung durchaus kontraproduktiv wirken könnte. Steigende Kosten könnten auf Veranstalter-Seite schließlich zu längeren Laufzeiten und zu weniger Ausstellungen führen. Grosse-Brockhoff: »Und ich habe, offen gestanden, Schwierigkeiten damit, wenn es gar über das neue Urheberrecht Gesetzeslage werden sollte, dass ich mit einem Herrn Gursky oder einem Herrn Richter bei einer Ausstellung über eine Vergütung rede.«

 

Die Millionäre unter den Künstlern und, im Gegenzug, die unzähligen Ausstellungsorte wie Galerien und Kunstvereine, die unter ohnehin dürftigen Etats und Umsätzen leiden, sind es denn, die als Argumente in den kommenden Monaten die neu entfachte Debatte begleiten werden. Ob der Zeitpunkt, diese längst schon geführte, kulturpolitische Diskussion ausgerechnet jetzt noch einmal zu eröffnen, richtig ist, wird sich zeigen. Zweifel sind auf jeden Fall angebracht. Denn die bevorstehende Bundestagswahl dürfte zwar allerorten zu Zugeständnissen und allerlei Versprechungen führen, doch wäre der BBK nicht gut beraten gewesen, die Politik erst dann ins Vergütungsboot zu holen, wenn wirklich klar ist, wer fortan für die Gesetzgebung verantwortlich ist? Könnte gut sein, dass wieder einmal alles für die Katz ist.

 

In dieser Ausgabe:
Fortan leitet Ralph Gleis in Berlin die Alte Nationalgalerie (Seite 6). Streit um den Nachlass von August Sander (Seite 8). In diesem Jahr mehr Etat, immerhin 40 Millionen zusätzlich: Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 11). Wien: Essl-Sammlung als Dauerleihgabe für die Albertina (Seite 12). Drei Dutzend Künstler und 7,5 Millionen Euro Budget: Skulptur Projekte Münster (Seite 14). Abschied: Uwe M. Schneede verlässt das Zentrum Kulturgutverluste (Seite 17). Imagepflege per documenta 14: Wie sich Volkswagen als Hauptsponsor einbringt (Seite 18). Nach wie vor hängt der Haussegen im Museum Moyland schief (Seite 19). Nur neun Zeichnungen im 107-minütigen Beuys-Film von Andres Veiel zu sehen (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 621 – Editorial

Informationsdienst KUNST 621

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Wahlkampf-Spiel hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er nicht aufhören mag. Und so gibt sich Donald Trump nun in der Präsidenten-Rolle abwechselnd als Handelskrieger, Folterknecht, Mauerbauer, Subventionskiller oder Pressefresser, ganz nach Lust und Laune. Uns kann das nicht egal sein, obgleich alle recht haben, die daran erinnern, dass »America first!« jetzt bekommt, was es gewählt hat. Gute demokratische Tradition, denke ich. Dabei gilt es durchaus Momente zu bewältigen, in denen man versucht ist, Trump in einem Atemzug mit Erdogan, Putin und den anderen Machthabern dieser Welt zu nennen, die uns nach und nach ins letzte und vorletzte Jahrhundert beamen. Kurzum: Die politische Lage wirkt rückschrittlich, bedrohlich, freiheitsberaubend.

In dieser Situation muss die Kulturszene hellwach reagieren – und gottlob werden es täglich mehr Kreative und ihre Vermittler, die sich zu Wort melden und den Alarmknopf drücken. Allein das dubiose Einreiseverbot, das Trump gegen Bürger aus dem Irak und dem Iran sowie aus Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und dem Sudan ausgesprochen hat, würde den internationalen Kulturaustausch ungeheuer einschränken. Der Deutsche Kulturrat hat die Bundesregierung in der vergangenen Woche, kurz vor der richterlichen Anordnung zur Aufhebung, bereits zur Gegenwehr aufgerufen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann: »Es reicht nicht aus, das von der amerikanischen Regierung verhängte Einreiseverbot nur zu bedauern«.

Auf unserer Branchenseite muss man freilich aufpassen, dass der Protest jetzt nicht die falsche Form findet. Natürlich großartig, wenn sich von Richard Serra über Cindy Sherman bis Richard Prince viele Künstler engagieren und zum Nachdenken anregen wollen. Aber die kursierenden Streik-Ideen machen keinen Sinn, weil es Trump, mit Verlaub, scheißegal ist, ob Christo sein seit ewigen Zeiten geplantes »Over the River«-Projekt in Colorado (siehe Seite 1) realisiert oder nicht. Und es ist ihm, so meine ich, völlig wurscht, ob ein Museum oder eine Galerie vorübergehend schließt oder in den Ateliers der Stillstand herrscht.

Als einst Martin Roth aus London tönte, er hätte, wäre Pegida schon zu seinen Amtszeiten in Dresden unterwegs gewesen, kurzerhand die Staatlichen Kunstsammlungen dichtgemacht, hielt ich sofort dagegen. Denn es ist schlichtweg ein Fehler, die Verweigerungshaltung einzunehmen. Das Gegenteil ist vonnöten: Wir müssen in solchen Zeiten meines Erachtens doppelte Geschwindigkeiten einlegen und den Inhalten und ihrer Vermittlung noch mehr Kraft geben als üblich. Zeigen, was die Kunst beisteuern kann, das hat auf atemberaubend überzeugende Weise im Januar die Schauspielerin Meryl Streep getan. Als ich nachts den Fernseher einschaltete und zufällig ihre Golden-Globe-Rede hörte und sah, wie sie Trumps üblen Angriff gegen einen behinderten Journalisten in Erinnerung rief, kamen mir die Tränen. Es waren Tränen der Empörung, der Wut, wie herzlos dieser Kerl seinen Job macht.

Dass er vor ewigen Zeiten schon negativ auffiel, weil er, der Banause, sich über Gegenwartskunst lustig machte und zu Hause überwiegend kopierte Impressionisten an die Wände dübeln ließ, weiß man. Aber dass Trump den ganzen Stuss, den er im Wahlkampf verbreitete, nun tatsächlich, Dekret für Dekret, in die Welt wirft, hätte man nicht glauben wollen. Aber, leider, wir müssen uns jetzt darauf einstellen, dass »America first!« fortan kein verlässlicher Freiheitspartner mehr ist. Das werden wir nach und nach auch in Europa spüren. In dieser Schieflage müsste die Kunst selbst an Bedeutung zunehmen, hoffe ich. Wenigstens eine gute Nachricht.

In dieser Ausgabe:
Zum 85. Geburtstag eine Ausstellung im Museum Ludwig, Köln – Gerhard Richter feiert standesgemäß (Seite 2). Olafur Eliasson und Christian Jankowksi als Berlinale-Juroren (Seite 4). Hinter verschlossenen Türen: Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages irritiert (Seite 5). Münster: Engagierter Kunstvereinsprotest gegen AfD-Feier (Seite 8). Zürich: Streit um Heidi Webers Centre Le Corbusier (Seite 9). Erinnerung an Hanne Darboven: Neues Dokumentationszentrum (Seite 12). Staatsrat Carsten Brosda als Kultursenator in Hamburg (Seite 13). Markt-Check Juergen Teller (Seite 15). Neo Rauch im Kino (Seite 17). Schlichtweg zu alt? 3sat-Magazin »Kulturzeit« feuert Moderatorinnen (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 620 – Editorial

Informationsdienst KUNST 620

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, mit der Kunst im öffentlichen Raum haben wir seit langem ein Problem, das ungeheuer heikel erscheint, politisch kaum zu bewältigen sein dürfte. Denn jeder weiß, was Sache ist, aber kaum jemand traut sich, das Thema anzusprechen, weil die Gefahr groß ist, in den Verdacht der Bilderstürmerei zu geraten. Genauer: Was irgendwann, in den Sechzigern, Siebzigern oder frühen Achtzigern, damals als progressive Öffnung und sogenannte Kunst am Bau, in den öffentlichen Raum gerückt wurde, wirkt heute oft obsolet, völlig dekorativ und neben den brennenden Fragen der Gegenwart platziert, also schlichtweg deplatziert.

Man möchte es am liebsten abräumen und entsorgen, aus dem gesellschaftlich längst anderweitig entwickelten Kontext holen. Zumal viele dieser Kunstwerke aus tonnenschwerem Stahl oder Stein geformt sind, große Flächen belegen, raumgreifend wirken, hätte man größte Lust, endlich Entscheidungen zu treffen: Diese oder jene Skulptur ins nächste Museum geben oder in den Kunsthandel; vielleicht auch das eine oder andere Stück zerlegen, das Material dem Kreislauf der Dinge zuführen. Doch stopp: Das wäre letztlich Zerstörung, oder? Wer sollte da mitmachen, obgleich der Besitzer eines Kunstwerks, rein juristisch, sein Eigentum durchaus vernichten darf; Urheberrecht hin oder Moral her? Das ist nicht vermittelbar, das provoziert Widerstand. Unvergessen eine Frankfurter Debatte, vor langer Zeit schon.

Also wird weiter ängstlich hin- und hergeschoben, wenn eine Skulptur im Weg steht, wenn ein Relief an einer Hauswand stört, ob formal oder längst auch inhaltlich. Dabei hat sich inzwischen die Gegenwartskunst selbst klein und beweglich gemacht. Temporäre Interventionen, wo früher was möglichst hoch stand oder beharrlich in die Breite zielte und Pflege erforderte; Kampf gegen den Vandalismus. Mitunter heute auch Performatives, ein paar Stunden oder Wochen lang: Eingriffe ins Stadtbild, in den Alltag, kollektives Einwirken in die öffentliche Wahrnehmung – und schnell wieder weg, raus. Nur eine Dokumentation hinterlassend oder, besser noch, ein paar Erinnerungen an das, was Kunst zu leisten imstande ist. Überwiegend der richtige Schritt in die richtige Richtung.

Eine spezielle Sparte der Kunst im öffentlichen Raum, die Erinnerungskultur, verzichtet freilich hartnäckig auf sinnvolle Schrumpfungsprozesse und auf zeitlich begrenzte bildnerische Maßnahmen. Erinnerungskultur, so wollen es vor allem die Politiker und die Architekten des Stadtraums, soll Gedenk- oder Mahnmal-Charakter haben, sich langfristig behaupten, also stabil gebaut sein, und sie darf, natürlich, kostenintensiv ausfallen. Da stehen auch kurzfristig ein paar Milliönchen zur Verfügung, weil die deutsche Seele glaubt, für die Schandtaten vorausgegangener Generationen ewig zahlen zu müssen, weil man für jede Minderheit und jedes Großereignis ein Kunstwerk errichten möchte – und dabei den kostbaren städtischen Raum auf Jahrzehnte hinaus blockiert. Ein Drama.

Dass das alles anders geht, zeigt ein echt gewachsenes, ein aus der Bürgerschaft und der gemeinsamen Trauer heraus entwickeltes Gedenkfeld in Berlin, Breitscheidplatz, wo kurz vor Weihnachten ein Attentäter, ein »Soldat des Islamischen Staates«, elf Weihnachtsmarkt-Besucher und einen Lkw-Fahrer tötete sowie Dutzende Berliner und Touristen teils schwer verletzte. Mit Blumen, unglaublich vielen Kerzen, Fotos, Schildern und mit persönlichen Gegenständen haben die Menschen eine Installation entstehen lassen, die stärker und authentischer als jedes noch so gute, klassische Kunstwerk wirkt, die aber auch im Laufe der Zeit ihre Vergänglichkeit demonstrieren wird, während die Erinnerung bleibt. Kunst im öffentlichen Raum – wie sie überzeugender kaum ausfallen kann.

In dieser Ausgabe:
Die Serota-Nachfolgerin in Londons Tate, Maria Balshaw, kommt aus der Provinz (Seite 5). Berlin: Monika Grütters, BKM, strebt kein eigenes Ministerium an (Seite 7). documenta-Kommunikationschefin Henriette Gallus empfiehlt Geduld (Seite 8). Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner möchte Kulturausschuss-Vorsitzender des Deutschen Bundestages werden (Seite 10). Gerücht am Rhein: Der in Düsseldorf geborene Udo Kittelmann könne sich für die Leitung der Kunstsammlung NRW interessieren (Seite 11). Auctionata-Chef Thomas Hesse kämpft gegen den drohenden Untergang (Seite 12). Hamburgs genialer Kaufmann Stefan Brandt verlässt die Kunsthalle (Seite 14). Markt-Check Raimund Kummer (Seite 20). Impressum (Seite 25).