Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 670 – Editorial

Informationsdienst KUNST 670

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vor genau 50 Jahren zog der Verleger Axel Springer für ein knappes Jahrzehnt in eine Wohnung am Berliner Kurfürstendamm 213, und vor vier Jahren, große Ehre, durfte ein Aufsteiger im Machtrevier des heutigen Verlagschefs Mathias Döpfner dort seinen Schreibtisch beziehen. Ja, es geht um Cornelius Tittel, den 41-jährigen »Blau«-Chefredakteur, der zunächst als Selfmademan ohne Studium und über die Elektro-Musik- und Club-Kultur-Szene zum Journalismus kam, um dann vor rund zehn Jahren bei Springer ruck-zuck Karriere zu machen. Zwar hatte er vor seiner kurzen »Monopol«-Chefredakteur-Zeit schon einmal für die »Welt am Sonntag« gearbeitet, doch steil aufwärts ging es erst von 2010 an. Döpfner, wie Tittel aus dem Musik-Journalismus kommend, machte ihn zum Feuilleton-Chef der »Welt«, nahm ihn sogar in die Leitungsetage der »Welt«-Gruppe – und vertraute ihm 2015 das Magazin »Blau« an.

Diese Neugründung, zweifellos auch eine eigene Antwort auf einen gescheiterten »Monopol«-Kooperationsdeal mit Michael Ringier in der Schweiz, wurde von der Branche mit allergrößtem Interesse verfolgt, wohl auch wegen der vermuteten Reichweite der Publikation. Denn von Anfang an war klar, dass Tittels Blatt, ein Hochglanz-Produkt, einmal im Monat der Springer-Tageszeitung »Die Welt« beigelegt werden sollte. Das versprach reichlich Auflage, obwohl Medien-Profis natürlich von der Stunde null an wussten, dass »Blau« einen ungeheuren Streuverlust haben würde, weil nicht jeder »Welt«-Käufer zwangsläufig als »Blau«-Leser gewonnen werden kann. Doch im knallharten Anzeigen-Geschäft der bekannten Magazine, mithin »Art«, »Monopol« und »Weltkunst«, schien das zunächst niemanden zu beschäftigen. Die erste »Blau«-Ausgabe, vollmundig beworben, erschien mit knapp 120 Seiten (mittlerweile sind es nur noch 80 Seiten, wenn das Heft auftaucht).

Ja, eben, »wenn das Heft auftaucht«. Als am Samstag, 26. Januar, dem letzten Samstag im Monat, wieder kein »Blau« in der »Welt« lag, unverzüglich Anfrage bei Springer, beim Kundenservice. Automatische Antwort: Man wolle »umgehend bearbeiten«. Und: »Eine Rückmeldung erhalten Sie schnellstmöglich«. Darauf warten wir natürlich, nach wie vor. Gottlob kann man den Kollegen Tittel auch persönlich fragen, was denn los sei. Denn das letzte Heft war Ende November erschienen, vor zwei Monaten also. Cornelius Tittel, gerade aus New York zurückgekommen (wo er »Rudolf Stingel für unsere übernächste Ausgabe« besuchte), dankt prompt für den Hinweis, dass auf der »Blau«-Website noch die uralten Media-Daten aus dem vergangenen Jahr zu finden sind, keine neuen für 2019, aber die Frage nach der Erscheinungsweise von »Blau« lässt er offen.

Was soll er auch sagen? Längst flüstern es die Verlagskaufleute, längst beobachtet man den »Blau«-Schrumpfungsprozess selbst. Obgleich der Chefredakteur in seiner freundlichen E-Mail zu beschwichtigen versucht: Es ist offensichtlich, dass das Magazin in den Abgrund schlittert. Ende Februar, drei Monate nach Nummer 33, soll endlich, so Gott will, die 34 ausgeliefert werden. Und ja: Statt zwölf Mal pro Jahr, wie vor vier Jahren gestartet, sollen mittlerweile noch nicht mal mehr jene zuletzt üblichen acht Hefte produziert werden. Die Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH, in der »Blau« erscheint, genehmigt fortan nur noch sechs Produktionen pro Jahr. Eine Art Gnadenfrist. So wird es, wie man hört, im kommenden Sommer, wenn dank Venedig-Biennale & Co. viel los ist, voraussichtlich sogar eine Dreieinhalb-Monat-Pause geben. Da kann Cornelius Tittel in Springers Wohnung die Puppen tanzen lassen – oder sich dort in aller Stille überlegen, ob er nicht doch noch eines Tages in den Kunsthandel wechseln möchte. Immerhin wird ihm nachgesagt, dass er diesbezüglich Ambitionen entwickeln könnte.

Dabei ist der Springer-Chefredakteur, wenn es um die Zukunft seines Magazins geht, durchaus kein Einzelfall. Alle Mitbewerber müssen einräumen, dass sie – wie insbesondere »Art« – in den letzten Jahren reichlich Auflage verloren oder sich allemal nicht nennenswert gesteigert haben, dass sie wirtschaftlich massiv unter Druck stehen. In Sachen Abonnenten, in Sachen Anzeigen. Sowohl »Monopol« als auch »Art« kommen an die 40 000 verkauften Hefte nicht ran; von der »Weltkunst« (die 2019 zwölf Mal erscheint und sogar fünf Sonderhefte plant) weiß man, dass sie mit 25 000 Exemplaren (Druckauflage) zufrieden sein muss. Kein lohnendes Geschäft rundum, weil im Hochglanz-Magazin-Markt schlichtweg zu viele Mitbewerber unterwegs sind. So gibt es Probleme, enorme Probleme. Und der trotzige Cornelius Tittel (»Probleme gibt es keine«, 28. Januar) muss zittern, ob die Mediahouse-Gesellschafter angesichts der Gesamtkosten und der mittlerweile ohnehin nur noch 67 000 in der »Welt« gratis beigelegten Streuverlust-Exemplare weiterhin »Blau«-Lust verspüren.

In dieser Ausgabe: Italiens Kulturminister Alberto Bonisoli sucht Museumsdirektoren nur noch im eigenen Land (Seite 6). In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss mit personellen Konsequenzen gerechnet werden – nach dem Münz-Diebstahl im Bode-Museum (Seite 7). Chicago: Ermäßigtes Eintrittsgeld für Frauen (Seite 8). Basel: Der neue alte Picasso-Hype (Seite 9). Ungereimtheiten in der deutschen Kulturpolitik (Seite 10). Zeitplan-Dehnung in Berlin: Humboldt Forum (Seite 14). Dokumentation der documenta (Seite 15). Bonn: Frauenmuseum im Aufwind (Seite 17). Rüsselsheim: Opelvillen ohne Opel-Förderung (Seite 18). Mannheim: Wer nach Ulrike Lorenz kommen könnte (Seite 20). Preis-Check: Sylvie Fleury (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 669 – Editorial

Informationsdienst KUNST 669

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, seit Tagen läuft nun in Berlin der Prozess in Sachen »Big Maple Leaf«, jener 100 Kilo schweren und 3,75 Millionen wertvollen Goldmünze, die im März 2017 aus dem Bode-Museum gestohlen wurde. Sieben Jahre lang war sie als Leihgabe eines privaten Sammlers in der Obhut der Staatlichen Museen zu Berlin untergebracht, also letztlich in der Verantwortung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu finden. Nun konzentriert sich die Staatsanwaltschaft darauf, den vier jungen Angeklagten, darunter drei Familienmitglieder eines umstrittenen Clans und ein Wachmann, der als Informant tätig gewesen sein soll, faktenreich nachzuweisen, dass sie die nach wie vor verschwundene, wohl längst eingeschmolzene Münze nach tagelangen Vorbereitungen geklaut haben.

Ob die Beweislage am Ende für eine Verurteilung reichen wird oder nicht, ob »Big Maple Leaf« ein hässliches Ding ist, ob alles so dramatisch nicht ist, weil es davon vier weitere Exemplare mit dem 53-Zentimeter-Durchmesser gibt, sollte freilich sekundär sein. So nebensächlich wie die innenpolitische Aufregung um die Tatsache, dass es Berlin allzu lange versäumt hat, sich mit der immens zunehmenden organisierten Kriminalität wirkungsvoll auseinanderzusetzen. Das ist nun mal so. Außerhalb des Gerichtssaals ist es auch wurscht, wie nachlässig die Polizei gearbeitet haben mag, ob es und warum es Ermittlungspannen gegeben habe, wie es vermutlich dem Clan möglich war, nachträglich Spuren zu beseitigen und wer dabei geholfen hat. Was jetzt wirklich relevant ist, was in unserer Branche für Debatten sorgen muss, liegt zweifellos in der Frage der Sicherheit – und da stellen sich alle Haare auf. Folgenreich.

Denn wer soll den Staatlichen Museen zu Berlin künftig noch jemals etwas leihen (oder gar Geliehenes weiter überlassen), wenn es stimmt, was in den vergangenen Tagen während der Verhandlungen vor dem Landgericht bekannt wurde? So sagte am 14. Januar als Zeuge ein pensionsreifer, leitender Mitarbeiter der Museen aus – und musste einräumen, dass das Einstiegsfenster im Bode-Museum seit sage und schreibe drei Jahren immer wieder aus der Alarm-Sicherung genommen wurde, weil »ständig Störungen« auftraten. Selbst als am ungesicherten Fenster, Tage vor dem Diebstahl, deutliche Einbruchsspuren festgestellt worden waren, passierte nichts Angemessenes. Weder wurde die Polizei informiert, noch kümmerte sich jemand kompetent um die Alarmanlage. Der für Sicherheit in den Museen zuständige Zeuge informierte die »zuständige Fachabteilung« und will sich selbst, drei Tage später (!), die Beschädigung angesehen haben, nämlich gesplittertes Glas und einen gelockerten Bolzen. Das war’s.

Der schwerfällige Beamtenapparat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der durch diese Aussage vor Gericht aufs Peinlichste entlarvt wurde, muss dringend durchleuchtet werden, wie dieser Fall dokumentiert. Denn es kann nicht sein, dass ausgerechnet die Staatlichen Museen, die über die bedeutendste Schatzkammer verfügen, einen derart liederlichen Umgang mit eigenem und fremdem Besitz praktizieren. Allerhöchste Zeit, dass der seit einigen Wochen aktive Wissenschaftsrat mit Schwung seine Analysen zur Bestandsaufnahme vorantreibt, um eine Liste der dringend notwendigen Reform-Maßnahmen einzubringen. Was dann davon tatsächlich realisiert wird, steht ohnehin auf einem zweiten Blatt. Denn längst weiß die halbe Insider-Szene, dass die Berliner Laissez-faire-Haltung schnurstracks ins Abseits führt. Es ist nämlich so, dass man in den Staatlichen Museen aus der Not gerne die Tugend macht. So trösten sich manche Mitarbeiter, freilich hinter vorgehaltener Hand, mit der Beobachtung, dass im Bode-Museum seit dem Einbruch vor knapp zwei Jahren mehr Besucher gezählt werden. Das Museum als Tatort – wenn da mal kein Missverständnis vorliegt.

In dieser Ausgabe: Berlin und der Gratis-Eintritt im Humboldt Forum (Seite 5). Venedig und das Eintritt-Geld für Biennale-Besucher (Seite 6). Fatale Folgen für US-Museen: Trumps Haushaltssperre (Seite 7). Umstritten, aber nicht so wie in Berlin: In Paris startet heute das »DAU«-Projekt von Ilya Khrzhanovsky (Seite 11). Künstlerische Autonomie: Das Plädoyer von Shirin Neshat (Seite 11). Rehabilitiert: Beatrix Rufs Gastrollen am Stedelijk Museum in Amsterdam (Seite 14). Betrugsopfer: Der Sammler Andrew J. Hall und die gefälschten Leon-Golub-Bilder (Seite 14). Die neue Online-Plattform Artcrater (Seite 17). Singapur: Messemacher Lorenzo Rudolf gibt auf (Seite 21). Preis-Check: Asger Jorn (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 668 – Editorial

Informationsdienst KUNST 668

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, dann und wann eine Pause, wie in den vergangenen Tagen dank Weihnachten und Jahreswechsel, tut gut, muss sein, um im hektischen Tagesgeschäft nicht unterzugehen. Den Blick schärfen, die Infrastruktur porentief auf den Prüfstand zu stellen, das sollte immer wieder einmal möglich gemacht werden, weil erst in solchen Momenten der Besinnung klar wird, wie absurd so viele Abläufe sind, die sich in den zurückliegenden Monaten in die Branche geschlichen haben.

Ein paar Beispiele: Ist es nicht kurios, wenn ein Wissenschaftler plötzlich als Verkaufshelfer eines verurteilten Fälschers auftaucht, wenn dagegen ein kommerzielles Unternehmen eine Forschungsabteilung einrichtet, also wissenschaftliche Arbeit leistet? Ross und Reiter: Der ohnehin nicht unumstrittene Horst Bredekamp, der selbst schon über eine Fälschung stolperte und sich reichlich blamierte (»Galilei der Künstler«), taucht im »Du«-Heft »Ich, Beltracchi« als Interpret der Engel-Motiv-Bilder von Wolfgang Beltracchi auf, als müsse man den Ganoven wissenschaftlich adeln. Selten hat ein kluger Mann so viel Bullshit auf acht Seiten verbreitet. Naiver geht’s nimmer. Dagegen, verdrehte Welt, haben die Galeristen Manuela und Iwan Wirth, letztlich als gewinnorientierte Unternehmer tätig, ein Institut eröffnet, das Kosten verursachen, aber keine Einnahmen erzielen wird, weil es der seriösen kunsthistorischen Recherche gewidmet ist, öffentlicher Zugang inklusive.

Oder: Ist es nicht irritierend, wenn sich Kollege Jörg Heiser in der »Süddeutsche Zeitung«, Ausgabe vom 3. Januar, ausgerechnet den Retter in der Not am Haus der Kunst, Bernhard Spies, insofern vorknöpft, als der Eindruck erweckt wird, der kaufmännische Direktor wolle im Alleingang auch den Kurator und Enwezor-Nachfolger geben? Mitnichten. Spies weiß die Kunst und die sie möglich machenden Betriebsgeschäfte sehr wohl zu trennen, und es ist unbestritten, dass in diesem Halbjahr in München ein neuer künstlerischer Direktor berufen wird. Doch die Landtagswahl in Bayern und die folgende Umbesetzung im zuständigen Ministerium – von Marion Kiechle zu Bernd Sibler – haben das Verfahren verzögert. Spies jetzt vorzuwerfen, selbstherrlich Ausstellungen abzusagen, andere ins Programm zu hieven, gar den Kurator Ulrich Wilmes vergrault zu haben, geht völlig an den Wahrheiten vorbei, eben auch an den pekuniären.

Es ist freilich so, dass wir 2018 gelernt haben, mit Fake-News, Halbwahrheiten und Verlogenheiten zu leben. Ob es sich um Tricksereien auf dem Personalkarussell der Museen handelt (wir denken an den ominösen Wechsel Beil/Beitin in Wolfsburg, Kunstmuseum) oder um die fragwürdigen, allesamt dann falschen Termin-Ansagen auf den diversen Baustellen (beispielsweise Start Humboldt Forum oder Spatenstich auf dem Gelände Museum für das 20. Jahrhundert): Überall, so scheint es, wird man schamlos verschaukelt. Und so darf sich niemand wundern, dass so viel Frustration in den Gesprächen steckt, die man in unserer Branche führt.

Vielleicht also gar nicht abwegig, wenn derzeit in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über einen »Raum der Stille« im Humboldt Forum nachgedacht wird, wo es eigentlich um eine konfliktreiche Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und dem Umgang mit den geraubten Kulturgütern gehen sollte. Ein bisschen Andacht und Buße kann gewiss nicht schaden, wo alles in allem noch zu wenig Bereitschaft herrscht, bedingungslos zurückzugeben, was nach Afrika gehört. Die beiden Staatsministerinnen Monika Grütters (innen) und Michelle Müntefering (außen) haben zwar in der »FAZ« am 15. Dezember erstaunlicherweise gemeinsam ein schuldbewusstes Statement veröffentlicht und wiederholt auf die Identitätsproblematik in beraubten Ländern hingewiesen, doch in diesem Beitrag räumen sie auch selbst ein, dass es hierzulande Widerstände gibt, die Rückführung der Objekte beschleunigt zu realisieren. Zuweilen, so heißt es, würde unterstellt, dass die Kulturgüter in den Herkunftsländern nicht den notwendigen Schutz erfahren würden. Auch ein Argument aus der Trickkiste, um die Restitution zu verhindern.

Will sagen: Ärmel hoch, es gibt viel zu tun. Ein arbeitsreiches Jahr liegt vor uns. Packen wir zu. Erzeugen wir Transparenz und Bewegung.

In dieser Ausgabe: In der Bundeskunsthalle setzt Rein Wolfs demnächst auf Michael Jackson (Seite 2). Ärger für den Sammler Bernard Arnault wegen Ausnutzung von Steuernachlässen (Seite 7). Gero Dimter als neuer Vize-Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 8). Hamburg: Dirk Luckow bereitet das 30-Jährige der Deichtorhallen vor (Seite 9). Der Machtkampf geht weiter: Museum Schloss Moyland (Seite 10). Thomas Köhler, Berlinische Galerie, auf Betteltour (Seite 12). Späte und dünne Reaktion: Monika Grütters (Seite 15). Philipp Demandt und Vincent van Gogh (Seite 17). Ariane Grigoteit und das Kirchner Museum Davos (Seite 18). Konflikt-Stoff: Markus Lüpertz (Seite 19). Preis-Check: Bernar Venet (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 667 – Editorial

Informationsdienst KUNST 667

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Museen verbreiten zunehmend ihre Jahresberichte. Derweil verlegen die Auktionshäuser, neben den dicken Katalogen, seit längerem eigene Magazine (das beste stammte zweifellos von Florian Illies, der Grisebach allerdings verlassen hat). Und natürlich haben die Global Player unter den Galerien mittlerweile auch Hauszeitschriften gegründet, um ihre Künstler und Aktivitäten zu promoten, um Kundenpflege zu betreiben. Larry Gagosian vertreibt ein Heft, das an die großen Mode-Zeitschriften erinnert. Bevor der Leser zum Inhalt kommt, muss er sich durch unzählige Doppelseiten Werbung der bekannten Mode-Marken blättern. So gesehen, ist »König«, die soeben unter den Weihnachtsbaum gelegte Edition Nummer drei, herausgegeben von Lena und Johann König, ein echtes Fachblatt. Denn es startet nur mit einer Doppelseite Gucci, bevor es in die bunt gemischte Happelmann-Zone geht. Ja, von Katharina Grosse über Alicja Kwade bis zu Erwin Wurm bietet das 80-Seiten-Magazin viel Galerie-PR, und dagegen gibt’s auch keinen Einwand.

Über das Thema Selbstdarstellung der Galerien zu sinnieren, fällt einem erst ein, wenn man »Ursula« zur Hand nimmt, die vor Tagen eingetroffene neue 128-Seiten-Zeitschrift von Hauser & Wirth. Manuela und Iwan Wirth haben (nach dem Vornamen von Manuelas Mutter benannt) eine Drucksache entwickeln lassen (Chefredakteur: Randy Kennedy), die eine Art Spagat vollbringen muss. Einerseits soll sie wie ein Life-Style-Magazin gefallen, andererseits muss sie aber auch – passend zum soeben gegründeten kunsthistorischen Forschungsinstitut – wie eine seriöse Museumsschrift funktionieren. Dass das gelingt, überrascht sehr. Denn wer das Konzept kannte, hätte es sich in der Umsetzung nicht vorstellen können. Kurzum: »Ursula« kann sich sehen lassen – und lesen lassen, Akris hin, Paul Smith her. Ein grandioser Auftakt.

Zum Jahreswechsel einmal darüber nachzudenken, wie sich Galerien heutzutage darstellen müssen, um sich in einem Markt zu behaupten, der längst nicht mehr überschaubar wirkt, kommt nicht von ungefähr. In den zurückliegenden Monaten gab es schließlich immer wieder vertrauliche Gespräche mit Galeristen, die meist mit Klagen begannen. Unabhängig vom zunehmenden Druck, der sich aufgrund allerlei Steuer- und Gesetzesbenachteiligungen gerade für den deutschen Kunsthandel abzeichnet, wurde häufig auf die stetig wachsende Schar der Mitbewerber hingewiesen, die es notwendig werden lassen, unverwechselbare Galerie-Programme und Promotion-Ideen zu entwickeln. Schon länger ist es nicht mehr damit getan, Vernissagen-Wein auszuschenken, ausgewählte Sammler anschließend zum Essen und Saufen einzuladen. Sie, die echten Sammler und die anderen, die eigentlich Rendite-Jäger sind, wollen umgarnt sein, müssen zuvor aber erst im Dickicht der Messen und sonstiger Kontaktbörsen ausfindig gemacht werden.

Natürlich helfen Anzeigen in der Fach- oder Tagespresse, auffällige Messestand-Gestaltungen, auch Hauszeitschriften wie »König« oder »Ursula«, die zahlende Klientel in die Galerie zu holen. Mehr noch ist es aber das unverwechselbare Galerie-Profil, das klare Signale sendet, die Botschaft versprüht, hier sei der Sammler richtig. In zahlreichen Gesprächen mit Galeristen fällt aber auf, dass genau in diesem konzeptionellen Bereich die Crux liegt. Viele der Alleinunternehmer scheuen den Konflikt, wollen nicht an den Künstler-Listen arbeiten, was teils verständlich ist. Aber in Jahren und häufig sogar in Jahrzehnten gewachsene Freundschaften zwischen Produzenten und Vermittlern sind die eine Seite der Problem-Betrachtung; die andere ergibt sich aus der Notwendigkeit, dass sich sowohl die bildnerische Arbeit als auch der Zeitgeist ändern, dass immer wieder einmal verifiziert werden muss, ob die Galerie noch den eigenen Ansprüchen genügt. Grob geschätzt, so scheint es, handelt es sich rund um ein gutes Drittel der bekannten Galerien, wo man als Insider diesen oder jenen oder sogar allerlei Zweifel anmelden kann, weil einzelne Positionen das gesamte Engagement infrage stellen. Zum Jahresende ehrlich Revision zu machen, Entscheidungen zu treffen, das ist in diesen Tagen ansagt. Mehr als jemals zuvor.

In dieser Ausgabe: Attacke gegen Kasper König (Seite 4). Ärger mit Nobuyoshi Araki (Seite 5). Plattform für Marc Jongen (Seite 7). Manifesta: Kuratoren-Quartett für die 13. Ausgabe der Biennale in Marseille (Seite 9). Rückblick auf die Art Basel Miami Beach (Seite 10). Fragwürdiges »Capital«-Ranking der Biennalen (Seite 11). Verkauf und Schenkung: Fotobestand der Galerie Kicken nach Düsseldorf, Museum Kunstpalast (Seite 12). Bad Homburg: Skulpturenbiennale Blickachsen für Mai 2019 in Vorbereitung (Seite 12). Berlin: Schlüsselübergabe der James-Simon-Galerie (Seite 16). Frankfurt: Wandtexte in der Schirn geändert (Seite 18). Preis-Check: Mel Ramos (Seite 21). »Welt«-Ausgabe mit Christopher Wool überzeugt nicht (Seite 22). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 666 – Editorial

Informationsdienst KUNST 666

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Advent, das Jahresende vor Augen, allmählich Zeit, mit dem Rückblick auf 2018 zu beginnen. Was war da los, wie ist der Stand der Dinge, wo trägt uns die Kunst hin, was macht der sie kommunizierende Betrieb? Fragen zuhauf, präzise zu formulieren, doch mit den Antworten sieht es derzeit eigenartig mau aus. Da will sich niemand festlegen, egal, wen man ins grundsätzliche Gespräch zieht. Es scheint so, als seien alle überaus froh, dass es eine Reihe von Personalien gibt, die erörtert werden können, die Raum für Spekulationen geben.

Wer wird Nachfolger/in von Ulrike Lorenz in Mannheim, Kunsthalle, wenn sie nun als Präsidentin nach Weimar wechselt? Wer übernimmt die künstlerische Leitung in der Hamburger Kunsthalle, wenn Christoph Martin Vogtherr, kaum dort angekommen, schon wieder weiterzieht und 2019 den Schlösser-Stiftungsposten in Potsdam besetzt? Und was, bitte, soll aus dem Haus der Kunst in München werden, wo sich die mittlerweile von Markus Söder verabschiedete (Ex-)Ministerin Marion Kiechle vor der Bayern-Wahl nicht festlegen wollte, wer zum Enwezor-Nachfolger berufen werden soll? Bewegung auf dem Personalkarussell, real oder vorgetäuscht, das werden wir bald wissen.

Dass sich die Kuratorin für den deutschen Pavillon in Venedig, Franciska Zólyom, endlich festgelegt und mit Frau Hampelmann (man darf das sagen, weil die Namensspielerin Natascha Sadr Haghighian selbst Identitäten wie Blusen wechselt) einen Söder-Süder-Süden-Trumpf ausgespielt hat, sorgt für Verunsicherung. Das gilt auch für die anstehende Nominierung in Sachen documenta, wo sich die Findungskommission in wenigen Wochen zusammensetzen wird, um den nächsten Kurator oder die Kuratorin zu finden. Wenn’s gut geht, werden alle zehn Eingeladenen eine Grobskizze liefern, wie sie sich die d 15 im Jahr 2022 vorstellen. Die übliche Aufgabe im Bewerbungsverfahren hat diesmal ihren besonderen Reiz, weil alle, die darüber nachdenken, im Moment an der Frage nagen, was in vier Jahren sein wird, wie dann die kulturelle Großwetterlage zu beurteilen ist, welche Kontext-Brände gelöscht werden müssen.

Ist es nicht irre, wie wir derzeit im Sauseschritt von Hardcore-Thema zu Hardcore-Thema eilen, immer bemüht, alles richtig zu machen, politisch korrekt zu sein, wie das früh hieß? Haben wir nicht gerade noch laufend über Restitution gesprochen, dabei gerne festgestellt, dass sich manche Museen immer noch sträuben, porentief zu recherchieren, was sich in ihren Depots befindet, woher es kommt? Schon geht es um den nächsten Zündstoff, Stichwort Kolonialismus; schon können wir ähnliche Phänomene attestieren. Freiwillig und flott nach Afrika zurückzugeben, was dort einst auch von den Deutschen geklaut wurde, ist durchaus Debattenstoff, aber bis zur Tat bleibt dann, für manche Kulturgut-Hüter tröstlich, doch noch viel Zeit. Behördenbedenkzeit, Juristenberatungsphasen, Genehmigungsverfahren – das komplette Verzögerungsprogramm.

Weichgespült so manche Vorgänge in der Kulturpolitik und in der Kulturverwaltung, und im privaten Kunstbetrieb, wo immer mehr Galeristen im Schatten der Branchenriesen in London und New York nach Luft japsen, sieht es kaum besser aus. Manchmal wirkt es so, als sei die Konfusion im Kunstbetrieb größer als der Selbstzweifel im Künstleratelier. Wohin man blickt: Allerorten die Tatsache, dass eine Nachricht die andere aushebelt, eben infrage stellt. Kürzlich noch hier in diesem Branchenbrief die Meldung, dass sogar Baselitz, Kiefer und Richter auf Auktionen zurückgezogen oder, später, zurückgegangen sind, und schon, zwei Ausgaben danach, ID 665, der Kommentar zum 90-Millionen-Dollar-Rekord für David Hockney. Wer soll sich da noch auskennen, eine verbindliche Einschätzung wagen? Auf ungesichertem, gefährlichem Terrain zu gehen, so die aktuelle Prognose, wird die Schwierigkeit sein, die es 2019 zu bewältigen gilt. Mehr als jemals zuvor.

In dieser Ausgabe: Foto-Buch-Sammler Manfred Heiting, Kalifornien, lässt sich nach Großbrand nicht entmutigen (Seite 4). Das documenta-14-Minus fällt noch viel größer aus (Seite 5). Gegenwind für Klaus Biesenbach in Los Angeles (Seite 8). Jeff Koons und die Arglosigkeit im Umgang mit dem Urheberrecht (Seite 9). Nach Renoir-Diebstahl in Wien: Thema Sicherheit im Auktionshaus (Seite 10). Die Cologne Fine Art wehrt sich gegen Kritik (Seite 12). Düsseldorf: Julia Stoschek lässt kuratieren – von Lisa Long (Seite 12). Viel Licht, ein paar wenige Buhs: Olafur Eliasson an der Berliner Staatsoper (Seite 17). Österreichs Biennale-Kuratoren werden fortan per Ausschreibung gesucht (Seite 20). Preis-Check: Annegret Soltau (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 665 – Editorial

Informationsdienst KUNST 665

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, selbstkritisch befrage ich mich, ob meine Beobachtung, dass es ein wiedererwachtes Interesse für die Konkrete Kunst gibt, womöglich durch das Studium der Malerei und Kunsttheorie begünstigt sein könnte. In den Siebzigern hatte ich bei Raimer Jochims, dem mittlerweile 83-jährigen Altmeister der Identitätslehre, alles inhaliert, was zur konzeptionellen Kunst führte und dazugehörte. So nahm mich der Philosoph damals auch nach Italien mit, als er einen Assistenten brauchte, um seinen Film über Antonio Calderara zu drehen, der vor 40 Jahren starb. Eine unvergessliche Begegnung.

Insofern auch prägend, als am Beispiel dieser reduzierten, vielschichtigen Malerei deutlich wurde, wie fließend die Übergänge zwischen den beiden großen Kunst-Bewegungen der Moderne ausfallen. Aller Trennschärfe zum Trotz. Abstrakte Kunst und Konkrete Kunst – wie oft wirbeln selbst langjährig tätige Händler, Sammler, Kritiker und sogar Wissenschaftler die Begriffe durcheinander. Wie oft höre oder lese ich, dass jemand von Abstraktion berichtet – und es sich gar nicht um eine abstrakte Darstellung des Gegenstandes handelt, sondern schlichtweg um das Gegenteil, um eine Kunst, die unabhängig vom Naturerlebnis entsteht.

Konkrete Kunst, wie sie 1930 von Theo van Doesburg per Manifest definiert wurde, meint eine Gestaltung aus den Mitteln der Gestaltung, aus einfachsten Formen, klaren Konzepten, konsequent angewendeter Technik. Aufgeladen mit dem Geist einer Haltung, die an der Erkenntnisfunktion der Kunst forscht, dient sie der Freiheit des Sehens und des Denkens. Und Calderara war es, der von etwa 1960 an in seinem Werk erkennen lässt, wie unter dem Verzicht aufs Gegenständliche der Aufbruch in eine neue Dimension von Wahrhaftigkeit möglich wird. Ein kausales Phänomen.

Unabhängig von persönlichen biographischen Stationen: Wenn ich derzeit vielerorts auf Konkrete Kunst stoße, einen Trend attestieren mag, dann scheint im Zeitalter der flüchtigen (Digital-)Bilder auch so etwas wie Sehnsucht nach dem stehenden Bild und der verantwortlichen Setzung angesagt zu sein. Wie kommt es, dass jahrzehntelang jeder die Nase rümpfte, wenn Victor Vasarely erwähnt wurde, dass plötzlich aber, 2018, renommierte Museen seine Bilder ausstellen und Werke erwerben? Und was ist los, wenn plötzlich die Auktionskataloge, ob von Christie’s oder Sotheby’s, voller Abbildungen stecken, die zweifellos der Konkreten Kunst zuzuordnen sind? In der vergangenen Woche wurde in New York, Sotheby’s, so viel Konkretes hintereinander aufgerufen, dass die Bieter am Ende allesamt nur noch rechte und linke Winkel vor Augen hatten, dass ihnen beinahe schwindelig wurde. Josef Albers, Carl Andre, Dan Flavin, Donald Judd, Sol LeWitt, Agnes Martin, Kenneth Noland, Ad Reinhardt, Robert Ryman, Frank Stella, Victor Vasarely – beeindruckend, das alles.

Wenn viel eingeliefert wird, so darf man ableiten, wird auch viel erwartet. Eben Höchstpreise. Seit Jahren gibt es diese Entwicklung insbesondere für die ZERO-Künstler, etwa für Günther Uecker. Über eine halbe Million Euro für einen Quadratmeter – längst keine Seltenheit. Auch andere, noch erschwinglichere Werke aus der konkreten Fraktion, beispielsweise die Bilder des 1982 gestorbenen Günter Fruhtrunk, erfreuen sich einer großen Nachfrage. Dass das so ist, schwant mir, hat kurz vor dem Bauhaus-Jahr 2019 nicht zuletzt mit der zunehmenden Bedeutung solider Werte zu tun. Ein Max-Bill-Zitat, das mir kürzlich in die Hände fiel, bleibt in diesem Zusammenhang tief im Gedächtnis haften: »Das Ziel der Konkreten Kunst ist es, Gegenstände für den geistigen Gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der Mensch sich Gegenstände schafft für den materiellen Gebrauch«.

In dieser Ausgabe: Kurzzeit-Ministerin Marion Kiechle, München, muss Söders Kabinett schon wieder verlassen (Seite 4). Von Platz fünf auf Platz eins: David Zwirner an der »Power 100«-Spitze (Seite 5). Preis-Rekord für David Hockney (Seite 7). Für Chillida-Nachlass im Einsatz: Hauser & Wirth (Seite 7). Pressestimmen zur Art Düsseldorf (Seite 11). Kassel: Chancen für documenta Institut (Seite 11). Berlin: Wie die AfD vergeblich versucht, die Freiheits- und Einheitswippe zu kippen (Seite 14). Düsseldorf: Karnevalsorden von Katharina Sieverding (Seite 14). Die TEFAF und unabhängige Gutachter (Seite 16). Marion Ackermann lotst Schenkungen in die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Seite 16). Preis-Check: Hermann Nitsch (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 664 – Editorial

Informationsdienst KUNST 664

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn ich früher mit Museumskuratoren sprach, ging es stets um eine Entwicklung, die alle als unerträglich und gefährlich einstuften. Es sei keine Zeit mehr zum Forschen vorhanden, so hieß es; man werde mehr oder weniger rund um die Uhr genötigt, im Schau-Geschäft zu wirken, Blockbuster zu planen und zu inszenieren. Heutzutage ergeben sich solche Gespräche selten, was freilich keinesfalls bedeutet, dass die Situation eine andere ist. Anders ist allenfalls die Haltung der Museumsmitarbeiter: Im Laufe der Jahre haben sie sich daran gewöhnt, dass ihr Aufgabenfeld im Wesentlichen den Wechselausstellungen gewidmet ist, dass sie Quote machen sollen. Kaum mehr ein Murren zu vernehmen, als sei es nicht weiter schlimm, dass eine der zentralen Pflichten im Museum vernachlässigt oder gar völlig gestrichen wurde.

Dass es aber gottlob noch Hoffnung gibt, dass auch im Zeitalter digitaler Geschwindigkeiten und merkantiler Ziele eine offenbar vom Aussterben bedrohte Wissenschaft überleben könnte, wurde mir soeben klar, als in Berlin, drei Tage lang, die erste internationale Konferenz von Forschungsmuseen stattfand. Diskutiert wurde bei dieser Tagung über die Rolle der Museen, natürlich im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen. Erfreulich: Der Fokus der Betrachtung wurde in die Zukunft gerichtet. Von der Verantwortung für die Welt von morgen war also die Rede, als über 130 Museumsdirektoren aus rund zwei Dutzend Ländern tagten. Indessen drängte sich mir, bei aller Zuversicht, weil das Thema eben auf die Tagesordnung kam, die naheliegende Frage auf, ob »Global Summit of Research Museums – das Gestaltungspotenzial der Forschung« (wie das Motto der Leibniz-Gemeinschaft-Initiative heißt) wirklich zu einer Korrektur der Museumslandschaft führen kann.

Hätten nicht auch reichlich Politiker dabei sein müssen, die letztlich über die öffentlichen Etats die Voraussetzungen schaffen können, dass in den wissenschaftlichen Einrichtungen auch Zeit und Raum zur Forschung verfügbar sind? Zwar durfte sich die Initiative auf zahlreiche Kooperationspartner verlassen, darunter die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, die Smithsonian Institution, Washington, und das British Museum, London, doch war man nicht mehr oder weniger unter sich? Jammern auf akademischem Niveau im Saurier-Saal an der Invalidenstraße? Obgleich das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie immerhin sechs deutsche Landesregierungen als Förderer der Veranstaltung im Boot saßen, schwappte nur das Wasser der Betroffenen auf die Mühlen einer Entwicklung, die schon länger Sorgen macht. Vor allem auch deshalb, weil in den Museen selbst eine nachrückende Kunsthistoriker-Generation gar nicht mehr wahrnehmen mag, dass Forschung wichtig und unverzichtbar ist.

In dieser Ausgabe: Rekordpreis für die Malerin Jenny Saville (Seite 4). Gegen den Druck der Straße: Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann (Seite 7). Überraschung: Thomas Campbell als Nachfolger von Max Hollein in San Francisco (Seite 8). Bazon Brocks Denkerei auf Raumsuche (Seite 9). Monika Grütters blickt auf 20 Jahre BKM zurück (Seite 9). MCH-Messe-Bosse auf Rückzug (Seite 10). Großzügige Sammler: Ehepaar Essl verschenkt restliche Kollektion (Seite 11). Krach wegen Twombly-Biographie (Seite 13). Mannheim: Ulrike Lorenz wechselt nach Weimar (Seite 14). Düsseldorf: Florian Waldvogel verzichtet auf Künstlerinnen (Seite 17). Markt-Check: Christine Streuli (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 663 – Editorial

Informationsdienst KUNST 663

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als ich kürzlich in der Schweiz zu tun hatte und zwangsläufig wieder genauer hinter die Kulissen des eidgenössischen Kunstmarktes schauen konnte, dachte ich, dass es ein Wunder ist, wie viele Galeristen immer noch in Deutschland tätig sind. Zwar haben einige längst ihre Dependancen im Nachbarland etabliert, aber der Großteil der Branche bleibt dem Standort vollumfänglich treu. Das ist insofern bemerkenswert, auch verwunderlich, als wir hierzulande seitens der Politik alles getan haben, um die Kunsthändler zu vergraulen. Wenn der Senior unter den Händlern in der Schweiz, Eberhard W. Kornfeld, Bern, und sein Team stolz jede Gelegenheit nutzen, um darauf hinzuweisen, dass ihr Handelsplatz nur mit einer Mehrwertsteuer in Höhe von 7,7 Prozent belegt ist, dass weder Folgerecht noch Künstlersozialkasse die Geschäfte belasten, dann ist einmal mehr der Moment gekommen, der jeden Verfechter deutscher Politik in Argumentationsnot bringt.

Allein aus diesem Grund ist man geneigt, den Blick bevorzugt ins Ausland zu richten, zu schauen, wie dort Kunsthandel betrieben wird, welche Ergebnisse erzielt werden. Als ich in der vergangenen Woche mit dem Sammler Paul Maenz auf die großen Oktober-Auktionen in London zurückschaute, waren wir schnell einig: Durchwachsen, die Situation. Nicht grundsätzlich gut, bei den internationalen Häusern einzuliefern. Zwar konnte Maenz bei Christie’s einen Riesen-Erfolg (nämlich »world record price«) mit einem von ihm eingelieferten Albert-Oehlen-Bild, »Stier mit Loch«, aus der Aufbruch-Zeit des Künstlers erzielen, und sein neun Quadratmeter großes Keith-Haring-Bild aus dem Jahr 1984 brachte ebenfalls mehr als drei Millionen Pfund (in New York wäre wohl noch mehr möglich gewesen), doch im Gegenzug ging Anselm Kiefers »Midgard« zurück. Die Gründe? Kein deutsches Drama als Motiv? Zu kühl, zu wenig Kiefer, dieser Kiefer? Auf jeden Fall ging’s bei Christie’s professionell zu, Paul Maenz ist dank Haring und Oehlen zufrieden, und »Midgard«, ein erstklassiges Werk, wird unverkauft nicht schlechter.

Nach dem Maenz-Kontakt, der Betrachtung am konkreten Beispiel, stellten sich freilich allerlei Gedanken ein, an denen man derzeit nicht wirklich vorbeikommt, mögen manche Millionen noch so leicht hin- und hergeschoben werden. Da verkauft ein ehemaliger deutscher Star-Galerist und Sammler aus nachvollziehbaren Gründen (im Neuen Museum in Weimar machte Maenz einst als Leihgeber und Stifter keine guten Erfahrungen) ein Bild eines deutschen Malers, Oehlen eben, in Großbritannien zum Spitzenpreis (in London wurde gemunkelt, Max Hetzler sei der Käufer gewesen – im Auftrag seines Kumpels Benedikt Taschen). Und ein anderer deutscher Erfolgskünstler, Gerhard Richter nämlich, muss akzeptieren, dass sein drei Jahre früher gemalter »Schädel«, ein marktfrisches Bild, unter dem Schätzpreis blieb und zu den Rückgängen rutschte. Dabei hatte Christie’s wirklich alles getan, dass gerade dieses Gemälde weit mehr als zwölf Millionen Pfund hätte bringen können.

Das prominente Richter-Beispiel passt zur Nachricht, dass kurz vor dem Londoner Hochamt der Sammler und Spekulanten eine umfangreiche Werkgruppe von Georg Baselitz vom Einlieferer zurückgezogen wurde. Sorge, dass die gemalten »Füße« unter der Taxe bleiben könnten? Angst vor einer Blamage? Oder ein verlockendes (Garantie-)Angebot eines Christie’s-Mitbewerbers, so dass die elf Arbeiten bald irgendwo anders im Auktionskatalog auftauchen werden? Man weiß es nicht. Aber die Meldungen, ob in Bezug auf Baselitz, Kiefer und Richter, dienen mir zur Bestätigung eines allmählich wachsenden Verdachts: Der Millionen-Poker mit Gegenwartskunst könnte jetzt nach und nach ins Stocken geraten. Da helfen dann auch mehrwertsteuerliche und sonstige Vorteile nicht. Die von London aus arbeitenden »ArtTactic«-Analysten haben in diesem Monat behauptet, dass im ersten Halbjahr 2018 das Vertrauen der Sammler in Gegenwartskunst um knapp 25 Prozent gesunken sei. Eine ernüchternde, auch irritierende Zahl, bedenkt man, wie viele Rekordpreise nach wie vor erreicht werden. Doch wer genau recherchiert, der beobachtet in den großen Auktionshäusern, dass die Verkaufsraten insgesamt leicht fallen. Rund ein Fünftel der Ware geht inzwischen zurück. Ein erstes Alarmzeichen, wie mir scheint.

In dieser Ausgabe: Positive FIAC-Bilanz in Paris (Seite 4). Nan Goldin und die Porno-Industrie in New York (Seite 6). Istanbul: Der Khashoggi-Mord und die Folgen in der US-Kunstszene (Seite 7). Frankfurt: Susanne Pfeffer und ihr TOWER (Seite 9). Dmitri Rybolovlev verklagt Sotheby’s (Seite 11). München: Highlights vor allem für Besucher aus dem deutschsprachigen Raum (Seite 11). Jean-Michel Basquiat als Musical-Stoff auf dem Broadway (Seite 14). Berlin: Museum des 20. Jahrhunderts verzögert sich (Seite 14). Vor der Hessen-Wahl: Die SPD und die Weltkulturen (Seite 16). Warum Portos Museumsdirektor João Ribas zurückgetreten ist (Seite 17). Wie Bernd Schultz das geplante ExilMuseum finanzieren will (Seite 20). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 662 – Editorial

Informationsdienst KUNST 662

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in zwei Monaten, wenn der erste aller Kulturstaatsminister, Michael Naumann, seinen 77. Geburtstag feiern kann, wird sie bereits fünf Jahre lang auf diesem Posten im Amt sein. Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), wie es offiziell heißt, kann zuvor, nämlich in diesem Monat, das Zwanzigjährige der einst von Gerhard Schröder als Bundeskanzler eingerichteten Institution begehen. Dabei wird in wenigen Tagen zu bedenken sein, wie sich aus der heiklen Startphase (auch wegen Naumann selbst, der kein Mitglied des Deutschen Bundestages war; »Lex Naumann«) ein mächtiges Ressort entwickelt hat, das im Bundeskanzleramt und in direkter Feinabstimmung mit Angela Merkel den Spagat schafft. Einerseits muss Grütters als Kulturstaatsministerin die Kulturhoheit der Länder berücksichtigen, andererseits geht es aber auch darum, von Berlin aus Signale zu geben und Prozesse zu steuern, die sämtliche Bundesländer gleichermaßen betreffen.

Mit knapp 300 Mitarbeitern in Berlin und teils, durchaus fragwürdig, immer noch in Bonn sowie mit einem inzwischen rund 1,7 Milliarden Euro großen Etat hat Monika Grütters, auch dank ihrer unermüdlichen Aktivitäten auf allen Ebenen, reichlich Einfluss, wenngleich kein Stimmrecht am Kabinetttisch. Doch ihre beratende Stimme zählt, zweifellos auch eine Folge einer hervorragenden Vernetzung innerhalb der CDU, ihrer Partei (dass ihr Vertrauter Volker Kauder seit kurzem nicht mehr die ganz große Rolle in der Fraktion spielt, scheint unerheblich zu sein).

Dass die Parteizugehörigkeit und die interne, hintergründige Kontaktarbeit nicht unwesentlich sind, soll für die Kultur etwas bewegt werden, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten im BKM-Ressort laufend gezeigt. Im negativen Sinne dort, wo die Kurzzeit-Staatsminister aus der SPD oder ihrem Umfeld tätig waren. Man denkt an den Sozialdemokraten Julian Nida-Rümelin, der 2001 antrat, um schon 2002 zu gehen. Man denkt an die parteilose, aber auf SPD-Ticket ins Amt gekommene Nida-Rümelin-Nachfolgerin Christina Weiss, der letztlich ebenfalls die Rückendeckung der Genossen fehlte.

Im Rückblick auf 20 Jahre deutscher Kulturstaatsminister-Tätigkeit (dazu erscheint in der kommenden Woche der Kulturrat-Band »Wachgeküsst – Wie die Kulturpolitik des Bundes erwachsen wurde«) lässt sich festhalten, dass es die ersten drei Amtsträger (Naumann, Nida-Rümelin und Weiss) zwar geschafft haben, ein intellektuelles Klima im Bundeskanzleramt zu erzeugen. Doch erst seit 2005, seit der Christdemokrat und Grütters-Vorgänger Bernd Neumann (bis 2013) berufen war, steht die Bundeskulturpolitik auf stabilen Füßen, wie schließlich auch der seitdem stetig wachsende Haushalt dokumentiert (er liegt aber immer noch weit unter einem Prozent am Gesamthaushalt). Sowohl Neumann als auch Grütters gehören zu den Pragmatikern, und in der Bilanz haben diese Politiker in der Kultur die Nase deutlich vorn. Vielleicht war es schlichtweg eine Überforderung, vom Philosophen Nida-Rümelin oder der Kunst- und Literaturwissenschaftlerin Weiss zu erwarten, dass sie den profanen Bundeskabinett-Alltag bewältigen.

Im Blick nach vorn gibt es freilich nicht zwangsläufig Gründe, uneingeschränkt zu frohlocken. Unabhängig von der Frage, wie die kommende Bundestagswahl, spätestens im Jahr 2021, ausgehen und die neue Regierung dann zusammengestellt sein wird: Schon heute ist klar, dass die nächste Bundeskanzlerin oder der nächste Bundeskanzler sehr wohl darüber nachdenken muss, ob es wirklich Sinn macht, die Kulturpolitik teils übers Bundeskanzleramt, teils übers Auswärtige Amt (AA) laufen zu lassen. Seitdem für die SPD Michelle Müntefering als Staatsministerin im AA sitzt und sich dort tüchtig zu profilieren versucht, gibt es am laufenden Band allerlei Überschneidungen in Bezug auf Zuständigkeiten und manche sonderbaren Klimmzüge von ihr und Grütters. So weilte Monika Grütters Mitte September dienstlich in Neu Delhi, um dort den indischen Amtskollegen Mahesh Sharma zu treffen. Insider im politischen Berlin wollen wissen, dass sie solche Ausflüge vor allem deshalb macht, um Müntefering das Feld der außenpolitischen Kulturarbeit nicht komplett zu überlassen. Von Michelle »wachgeküsst«, lästert jemand.

In dieser Ausgabe: Der Direktor der Hamburger Kunsthalle, erst seit zwei Jahren im Amt, nämlich Christoph Martin Vogtherr, will die Hansestadt verlassen, so das Gerücht (Seite 2). Der Oligarch und Sammler Roman Abramowitsch stößt auf Widerstand – auch in der Schweiz (Seite 7). Wie Maurizio Cattelan in Mailand für Gucci und Schanghai zugleich wirbt (Seite 8). Brexit und Frauen als Themen auf den Frieze-Messen in London (Seite 8). New Yorks Händler Anatole Shagalov im Gespräch und vor Gericht (Seite 10). Kassel: Heimliche Demontage von Olu Oguibes documenta-Obelisk (Seite 13). Frankfurt: Auch Kunstbücher haben es schwer, heißt es auf der Buchmesse (Seite 16). Preis-Check: John Chamberlain (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 661 – Editorial

Informationsdienst KUNST 661

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kein Missverständnis: Ich habe lange genug in Hamburg gelebt, fühle also immer noch ein wenig hanseatisch – und kann folglich nur zu gut verstehen, warum die Bürger dieser Stadt und auch die Hanseaten in Bremen keine Bundesverdienstkreuze annehmen mögen. Einst haben Günter Grass, Hans-Ulrich Klose, Siegfried Lenz, Jan Philipp Reemtsma und Helmut Schmidt dankend abgelehnt. Natürlich könnte ich hier schreiben, diese Art von Verweigerung sei keine große Leistung, weil mittlerweile in knapp sieben Jahrzehnten sage und schreibe rund 260 000 solcher Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland durch die jeweils amtierenden Bundespräsidenten vergeben wurden. Doch nicht wenige der Ausgezeichneten tragen diese Anstecker und Anhänger mit stolz geschwellter Brust und werten damit vermeintlich ihre Biografien auf. Als sei der Ordensrummel im Schloss Bellevue tatsächlich etwas wert. So stutzt man dann doch, wenn wieder eine solche Nachricht aus dem Bundespräsidialamt eintrifft.

Am 2. Oktober, 11 Uhr, kaum dass der Art-Week-Kater in Berlin bewältigt ist, werden erneut 29 Bürger jeweils mit einem Verdienstorden in acht verschiedenen Stufen ausgezeichnet, und selbstverständlich gönne ich jedem, der’s braucht, jenes zu erwartende Klimbim mit Steinmeier-Händedruck. Nur zu. Doch es muss diesmal wohl die Frage erlaubt sein, was die Vorschlagenden und, letztlich verantwortlich, Frank-Walter Steinmeier bewogen hat, beispielsweise Neo Rauch und Wolfgang Tillmans auf die Liste der Bundesverdienstkreuz-Empfänger zu setzen. Reicht es in diesem Land, ein Lohengrin-Bühnenbild zu pinseln, um sich für »besondere Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland« ehren zu lassen? Oder geht’s darum, dass ein Künstler weltweit Erfolge verzeichnet, in Millionen baden kann, um die »höchste Anerkennung« des Staates zu kassieren? Sollten wir jetzt nicht schleunigst mal über die Definition von »Gemeinwohl« sprechen, Herr Bundespräsident?

Wenn schon Bundesverdienstkreuze, dann gerne für Michael Naumann, den ehemaligen Kulturstaatsminister, oder für die Anwältin Ellen Lorenz, die langjährige Vorsitzende des Kunstvereins Hannover, deren Leistungen am 2. Oktober ebenfalls gewürdigt werden sollen, nicht aber für Rauch, Tillmans und andere Großverdiener unter den Künstlern, mehr um sich selbst als um diese Gesellschaft besorgt (dafür gibt’s Kunstpreise zuhauf, etwa am 29. September den Goslarer Kaiserring für Tillmans). Zur Erinnerung: Auch Tony Cragg (2012) und Anselm Kiefer (2005) wurden bereits mit dem Ordensschnickschnack aus Lüdenscheid versorgt, wo diese blinkenden Dinger gleich in Tausender-Auflage produziert werden.

Dass mich Steinmeiers bevorstehende Feierstunde in der kommenden Woche diesmal besonders ärgert, hat zweifellos damit zu tun, dass man die Strategie so leicht durchschauen kann. Weil der eine oder andere Synchronsprecher, diese oder jene Übersetzerin oder der ehrenamtlich tätige Chemiker aus Jena eben wenig hermachen, aber ein glanzvolles Gruppenbild mit Präsident entstehen soll, werden schnell noch ein paar Promis aus der Kunstszene ins Schloss Bellevue geladen. Ja, mit Rauch, Tillmans und Jim Rakete, der aber noch nicht mal den Lohengrin gemalt hat, kann Steinmeier punkten. Schräges Foto garantiert. Blöd nur, saublöd, dass die gerne so gescheiten Künstler das nicht durchschauen wollen und für ein bisschen Orden ihre sonst so kostbare Visage hinhalten.

In dieser Ausgabe: Besitzerwechsel in London, beim Auktionshaus Bonhams (Seite 4). Auf Erfolgskurs in Düsseldorf: Susanne Gaensheimer, Kunstsammlung NRW (Seite 6). Antwerpen: Jan Fabre im Zwielicht schwerer Vorwürfe (Seite 7). Wuppertal: Gerhard Finckh verabschiedet sich im Von der Heydt-Museum (Seite 7). Angeblich ohne Streit: Andreas Lohaus hat die Art Düsseldorf verlassen (Seite 9). Die Art Basel und ihre neuen Standmieten (Seite 11). Max Hollein und die muslimische Mode (Seite 15). Wie im Zoo: Österreichs Museen und die Kunst-Patenschaften (Seite 15). Berlin: Eröffnung im »PalaisPopulaire« der Deutschen Bank (Seite 16). Katastrophale Zustände an der Kunsthochschule Kassel (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 660 – Editorial

Informationsdienst KUNST 660

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, schenkt man dem Wirtschaftsmagazin »Bilanz« Glauben, dann sind wir alle in einer Branche tätig, die im Überfluss schwimmt. Unter den tausend reichsten Deutschen, so zeigt die Auswertung der September-Ausgabe, sind allein elf Milliardäre auf den ersten einhundert Plätzen zu finden, die wir allesamt aus dem Kunstbetrieb kennen. Von Susanne Klatten und ihrem Bruder Stefan Quandt über Hasso Plattner bis zu den Familien Michael Otto, Jacobs und Würth, von Walter Droege und Hedda im Brahm-Droege über Hubert Burda und Alexander Otto bis zu Hans Georg Näder und zur Familie Stoschek. Zwischen 19 Milliarden Euro und 2,25 Milliarden schwer allein jeder dieser prominenten Privatsammler. Die aufschlussreiche Liste, die Jahr für Jahr in Billionen denken lässt, addiert man die großen Vermögen, verzeichnet unzählige bekannte Namen, darunter Flick, Goetz, Grothe, Metzler, Oetker, Olbricht, Ströher, Thurn und Taxis sowie Viehof, die wir vor dem Hintergrund ihrer Biographien sehen, auch unter dem Aspekt ihres gemeinnützigen Engagements einordnen und bewerten.

Schnell ist da viel Phantasie im Gedankenspiel, was andererseits kaum oder meist nicht zutrifft, wenn Künstler im Ranking auftauchen, auf Platz 336 beispielsweise Gerhard Richter (Vermögen: 550 Millionen). Oder Imi Knoebel überraschenderweise auf Platz 679 (250 Millionen, also angeblich 50 Millionen mehr als David Zwirner, der deutsche Erfolgsgalerist in den USA). Klar, auch ein Georg Baselitz (150 Millionen, Platz 964) verschenkt schon mal großzügig eines seiner Bilder an ein ihm dienendes Museum, aber bewegen die wohlhabenden Künstler in Sachen Gemeinwohl wirklich was, leisten sie irgendeinen gesellschaftlich relevanten Beitrag? Kein Missverständnis, bitte: Natürlich kann jeder mit seinem Geld tun und lassen, was er will; aber es drängt sich die Idee auf, dass alle, die in einem ungeheuer prosperierenden Markt vom Wahnsinn der Kapitalanlage Kunst profitiert haben, etwas zurückgeben.

In der Tat sind Kunstfreunde wie Brigitte und Arend Oetker großartige Vorbilder. Sie haben, wie viele andere Unternehmer, ihr Vermögen in der Wirtschaft erworben und wissen, wie unumgänglich Investitionen sind. Auch in der Kultur. In aller Stille, ohne jemals selbst die eigene Großzügigkeit feiern zu lassen, geben und ermöglichen sie manches, ob in Berlin, Leipzig oder Florenz. Mäzene wie aus dem Bilderbuch. Freilich sind auch jene Milliardäre und Millionäre, die mit eigenen Museen und Kunsthallen ihre Beiträge leisten (etwa Jacobs, Plattner, Ritter, Stoschek, Weishaupt und Würth), überaus lobenswert. Ebenso wie andere, die durch Förderung von staatlichen oder kommunalen Institutionen oft zuvor Unmögliches möglich machen (Friedrich und Sylvia von Metzler fürs Städel, Alexander Otto für die Hamburger Kunsthalle oder Sylvia und Ulrich Ströher für die Küppersmühle, Duisburg).

Kooperationsmodelle gibt es bekanntlich viele, jeder Fall liegt ein wenig anders, obgleich alle Sammler und Förderer verbindet, die eigene Kunst-Liebe auf die Öffentlichkeit übertragen zu wollen. Friedrich Christian Flick und der Hamburger Bahnhof in Berlin, Ingvild Goetz und das Haus der Kunst in München, Harald Falckenberg und die Deichtorhallen in Hamburg – einzigartige Partnerschaften, die von der Chance zeugen, »Kultur zwar nicht von der Politik abzukoppeln, sie jedoch aus dem Tagesgeschäft herauszunehmen, um ihr wieder Spielräume zu öffnen«, wie es Jean-Christophe Ammann vorausschauend schon in den Neunzigern in Frankfurt formulierte.

Er sprach damals vom Psychoterror des Sparens, er ärgerte sich über die damit einhergehende Verhinderung von innovativem Denken, und er brachte sein ganzes Charisma als Missionar der Kultur ein, um die Wohlhabenden in den Taunus-Villen zu überzeugen, bürgerliches Engagement zu zeigen, Kunst zu fördern. Es wäre ihm, dem heute (am 13. September) vor drei Jahren verstorbenen ehemaligen MMK-Direktor, nun eine große Freude, könnte er beobachten, wie freigebig die deutschen Millionäre sind, wie viele von ihnen tatkräftig Gutes für die Kunst tun. Die von Beuys proklamierte »Soziale Plastik« steht, wie auch zahlreiche Freundeskreise der Museen dokumentieren.

Was jetzt allerdings ins Visier genommen werden muss, sind Entwicklungen auf dem politischen Parkett, die sich nicht zuletzt aus eben diesen freiwilligen Leistungen ableiten. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, so scheint es, wird mittlerweile immer wieder, ob auf Bundes-, Landes- oder Gemeindeebene, von Abgeordneten gefordert, dass Drittmittel eingeworben werden müssen. Unabhängig von der Tatsache, dass Museumsleute von Haus aus keine Akquisiteure sind, besteht die Gefahr, dass sich die öffentliche Hand irgendwann zurückziehen könnte, wenn sie merkt, dass sich die private überall bereitwillig öffnet, von Jahr zu Jahr mehr. Das zu verhindern, muss unsere Aufgabe sein.

In dieser Ausgabe: Von Köln nach Kassel – Moritz Wesseler übernimmt die Leitung des Fridericianums (Seite 2). Unruhe in Basel: MCH-Boss René Kamm ist aus dem Messe-Geschäft ausgestiegen (Seite 5). Wien: Monica Bonvicini verabschiedet sich mit schwerer Kost (Seite 7). Geheimnis gelüftet: Christoph Büchel steckte hinter der Erdogan-Statue in Wiesbaden (Seite 8). Internationale Sammler fehlten im Rheinland: Bilanz der DC Open (Seite 10). Kinofilm »Werk ohne Autor« – eine Enttäuschung (Seite 12). Noch nicht festgezurrt: Die Übernahme der Essl-Sammlung durch die Albertina in Wien (Seite 15). Kleiner, später, teurer: Probleme mit dem geplanten Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin (Seite 18). Preis-Check: Mike Kelley (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 659 – Editorial

Informationsdienst KUNST 659

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wäre ich 20 Jahre jünger und aus tiefster Überzeugung in der Lage, mich bei einer der bürgerlichen Parteien als Mitglied zu engagieren, dann müsste ich jetzt in die Kulturpolitik wechseln und Ihnen nun, zum Saisonauftakt, die traurige Mitteilung machen, dass ich nicht länger Ihr Dienstmann sein kann. So aber, wohl zum Glück für uns alle, für Sie und mich, bleibe ich Ihnen hoffentlich noch lange erhalten, um zusammen mit meinem Redaktionsteam den Kunstbetrieb kritisch zu beleuchten. Dass ich Ihnen diesen in den vergangenen Monaten heimlich immer wieder aufflammenden Gedanken heute ungeschützt serviere, hat schlichtweg damit zu tun, dass ich mich mittlerweile beinahe täglich mindestens einmal über die Usancen in einer Branche aufregen muss, die völlig aus dem Lot gekommen ist und doch unsere Familie darstellt, aus der wir so leicht nicht ausbrechen können oder wollen.

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die mir auffallen, aber unter dem Strich ist es dann doch so viel, dass ich manchmal nachts traurig oder, wohltuender, richtiggehend empört ins Bett gehe, weil dieser Betrieb vor Dummheit und Dreistigkeit strotzt. Zum Heulen. Nur mal ein klitzekleines Beispiel aus dem Blätterwald. Vor gut zwei Wochen gab es unter der Headline »Bitte freimachen« im Berliner »Tagesspiegel« einen Bericht mit Foto über einen Künstler namens Mischa Badasyan. Dass der 30-jährige Russe, der nackte Menschen in Gruppen und im öffentlichen Raum fotografiert, keine Ahnung hat, was er da eigentlich tut, ist das geringste Übel.

Schlimmer, dass eine Autorin, eine Eva Tepest, einen großen, vierspaltigen Text schreibt, ohne Badasyans Vorbild, Spencer Tunick, auch nur einmal zu erwähnen. Dabei ist der Ideenklau wirklich offensichtlich. Schmerzhaft ist er. Am schlimmsten freilich, dass die »Tagesspiegel«-Redaktion, die sonst so tut, als habe sie Ahnung, einen solchen Text-Müll veröffentlicht und ihn den Lesern zumutet.

Die Veralberung des Publikums findet freilich dort ihren Nährboden, wo es um die kulturpolitischen Rahmenbedingungen für die Kunst geht. Gar nicht vonnöten, die hinlänglich angeprangerten, vorauseilenden Unzulänglichkeiten von Mehrwertsteuer bis Kulturgutschutzgesetz erneut ins Gespräch zu bringen. Manchmal sind es nur Details und vermeintlich harmlose Personalien, die uns die Haare raufen lassen. Vielleicht haben Sie, mitten im Sommerloch, davon erfahren, dass der Christdemokrat Armin Laschet fortan als Bevollmächtigter der Bundesregierung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit verantwortlich sein soll. Ja, geht’s noch? Alles okay in Berlin? Kein Missverständnis jetzt: Nix gegen Laschet persönlich; aber hat da jemand auch nur eine Minute lang darüber nachgedacht, ob dieses Amt noch sinnvoll ist, Bedeutung hat? Bekanntlich hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen hervorragenden Draht zu ihrer französischen Kollegin Françoise Nyssen, die beiden stehen eng im Kontakt, und dann haben wir ja noch Michelle Müntefering, die ebenfalls für Kultur verantwortliche Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Grütters. Laschet, Müntefering – Leute, merkt denn niemand, dass das Chaos programmiert ist, dass wir auf der deutsch-französischen Kulturschiene idiotisch überbesetzt sind?

Zur Erinnerung: Dass Laschet Mitte August nominiert wurde, hat damit zu tun, dass Hamburgs Regierender Peter Tschentscher den Kultur-Platz in der Ministerpräsidenten-Konferenz frei gemacht hat, Nordrhein-Westfalen zuletzt vor Jahrzehnten an der Reihe war. Indes: Hätten denkende Politiker nicht erkennen müssen, dass nun der optimale Zeitpunkt gekommen ist, um den Posten zu streichen? Immerhin hatte einst Gerhard Schröder das Kulturstaatsminister-Amt in der Bundesregierung eingeführt und damit doch auch einen Ansprechpartner für die französische Seite installiert. Haben denn alle vergessen, dass die Basis der neuen Laschet-Außenpolitik, für die Jahre 2019 bis 2022 vorgesehen, ein uralter Vertrag ist, ein 55 Jahre alter? Damals haben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle einen Freundschaftsvertrag unterschrieben, der mittlerweile natürlich in wesentlichen Teilen obsolet ist. Aber in Berlin merkt das keiner. Stattdessen wird weiter stoisch Politik gemacht, derart uninspiriert, dass mir täglich mehr graue Haare wachsen.

In dieser Ausgabe: Womöglich wird Nora Gomringer als neue Direktorin der Villa Massimo nach Rom ziehen (Seite 4). Wie Okwui Enwezor mit München und dem bayrischen Staat abrechnet (Seite 5). Vier Spiegeleier und eine Hochzeit: Johannes Kahrs (Seite 7). Was hinter dem Ausschwärmen der MCH Group nach Singapur steckt (Seite 8). Johanna Penz und die Art Salzburg (Seite 8). Weiter Stillschweigen in Sachen Deutscher Pavillon in Venedig (Seite 12). Rechtsstaatliche Prinzipien verletzt? Der Fall Gurlitt, neu wahrgenommen (Seite 16). Susanne Klatten und die Stiftung Nantesbuch (Seite 17). Köln: Personalmangel in den Museen (Seite 19). Erfolgreich im Kunstbetrieb: Architekturbüro Kuehn Malvezzi (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 658 – Editorial

Informationsdienst KUNST 658

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, bisweilen vergeht ein ganzes Jahrzehnt und mehr Zeit, bis man offene Fragen überzeugend beantworten kann. Nicht alle Recherchen führen immer gleich zu Antworten, mit denen ich Sie konfrontieren mag. So legen wir in der Redaktion manche halbgaren, nicht hundertprozentig zu verifizierende Informationen, die in der Hitze der Ereignisse zusammengetragen werden, notgedrungen auf Eis. Zur Sache: Als der Kunstmäzen Karl Gerhard Schmidt, ein Privatbankier der alten Schule (der vor Tagen 83 Jahre alt wurde), Anfang des Jahrtausends mit seiner SchmidtBank in pekuniäre Schwierigkeiten geriet und das Unternehmen, das fünf Generationen lang in Familienhand war, in eine Auffanggesellschaft verschiedener Banken gelenkt wurde (später bekam die Commerzbank den Zugriff), hatte ich das Gefühl, dass dem Mann reichlich Unrecht geschieht.

Ich hatte sein Engagement jahrelang aus der Nähe beobachtet und gesehen, wie er, überaus gutherzig, insbesondere dem bayrischen Mittelstand mit Krediten half (später auch in Sachsen und Thüringen), wie er in Nürnberg und Bayreuth die Vereine, Hochschulen und Festspiele förderte, wie er, ob in Regensburg oder Roding, selbstverständlich auch am Standort Hof an der Saale, seine Bank-Filialen mit hochkarätiger Gegenwartskunst ausstattete und zugleich die Künstler der Region unterstützte. Einzigartig. Voller Respekt und Begeisterung waren Mitarbeiter und Kunden, ebenso die Mitbewerber und die Presse (unvergessen eine Bürger-Demonstration zur Rettung der SchmidtBank, 2001). Denn Karl Gerhard Schmidt, der promovierte Betriebswirt, der auch den Verlag für Moderne Kunst in Nürnberg gegründet hatte, gehörte knapp vier Jahrzehnte lang als Bankier und Mäzen zu den Künstler- und Kunstfreunden, auf die man sich immer verlassen konnte.
Während der Verhandlung vor dem Landgericht Hof, wo Schmidt 2007, nach knapp einem Jahr eines überaus nervenaufreibenden Wirtschaftsprozesses, zu einer niedrigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, stellte sich uns die Frage, ob wir die Kunst-Öffentlichkeit überhaupt mit diesem Fall beschäftigen müssen, schien es doch ausschließlich um eine Lawine von SchmidtBank-Problemen zu gehen, die mit der offenbar allzu großzügigen Kreditvergabe zu tun hatten. Obendrein war Ende 1999 Christian Karl Schmidt, ein Sohn des Bankiers, im Alter von 35 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Als Mitgesellschafter hatte er Monate zuvor die Verantwortung für Tochtergesellschaften und neue Projekte übernommen, und so kam zwangsläufig reichlich Verunsicherung in den Familienbetrieb. Wer hätte das nicht nachvollziehen können. Gewundert hatten wir uns damals schon, dass die bayrische Staatsregierung und auch die Bundesregierung (die der Commerzbank half) nichts taten, um die Zerschlagung der SchmidtBank zu verhindern, aber niemand in unserer Redaktion mochte sich in dieser Situation vorstellen, dass es gar üble Schikanen gegen die Familie Schmidt geben könnte, letztlich unter der Regie des Krisenmanagers Paul Wieandt inszeniert oder zugelassen.

Karl Gerhard Schmidt, diskret wie Banker sein sollten, beklagte sich nicht. Erst seit kurzem, seit dem Erscheinen seines Buches »Das letzte Kapitel« (Edition Gontard; Vertrieb: Verlag für moderne Kunst, Wien), weiß ich, was sich zugetragen hat. Nicht nur, dass Schmidt und sein zweiter, ebenfalls in der Bank tätiger Sohn, Karl Matthäus, rüde vor die Tür gesetzt wurden und noch nicht einmal persönliche Dinge wie Familienfotos und andere Erinnerungsobjekte mitnehmen durften. Es verschwanden auf dubiosen Wegen auch privat erworbene Kunstwerke. Vor knapp zehn Jahren, so schreibt der Sammler jetzt (Seite 173), »schlugen Künstlerfreunde aus München und Chemnitz Alarm: Sie berichteten, dass Arbeiten, die mir gehörten und teilweise mir gewidmet waren, im Kunsthandel aufgetaucht seien, in der Regel zu Schleuderpreisen«. Bei Ketterer in München, so heißt es weiter, seien Werke aus seinem Besitz entdeckt worden. Karl Gerhard Schmidt: »Meine persönlichen Sammlerstempel hatte man geschwärzt«.

Ich frage mich, und dieses krasse Beispiel mag im Moment als Aufhänger und zur Aufregung genügen, was mit dieser Gesellschaft los ist, wie wir miteinander umgehen. Natürlich ist dieses achtlose, auch verwerfliche Gebaren kein reines Kunst-Branchenproblem, aber schmerzt es in unserer Großfamilie nicht besonders, wenn Sorglosigkeit und mitunter auch vorsätzliche Rüpelhaftigkeit zu den üblichen Usancen gehören? Sollten wir nicht da, wo es ums Ganze geht, erwarten dürfen, dass die Menschen wenigstens sensibel reagieren, wenn sie sich schon nicht lieben wollen? Dabei hätte einer wie Schmidt unsere Liebe wahrlich verdient.

In dieser Ausgabe: Pressestimmen zum »Lohengrin«-Bühnenbild von Neo Rauch und Rosa Loy in Bayreuth (Seite 6). Klaus Biesenbach als Nachfolger von Phillipe Vergne in Los Angeles (Seite 9). Krach zwischen den Kulturhauptstädten Leeuwarden und Valletta (Seite 10). Christoph Tannert und die »Berlinzulage« (Seite 12). Mika Rottenberg und ihre Erfolge (Seite 13). Gerücht: Joachim Blüher auf Job-Suche (Seite 14). Münchens Problem mit Gunter Demnigs Stolpersteinen und die Erinnerungszeichen von Kilian Stauss (Seite 16). Hermann Nitsch wird 80 und plant offenbar noch einmal sein Sechs-Tage-Spiel (Seite 17). Zum Einschlafen: »Art of Crime« des Spartensenders ZDFneo (Seite 21). Reichlich Porno: Biennale in Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 657 – Editorial

Informationsdienst KUNST 657

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, »make it easy on yourself«, so hörte ich vor Tagen in Berlin, als der 90-jährige Burt Bacharach (»Raindrops Keep Falling on My Head«) das einzige Deutschland-Konzert seiner Europa-Tournee gab. Der schon zu Lebzeiten legendäre Komponist, der mit Marlene Dietrich, Aretha Franklin, Barbara Streisand, Tom Jones, Dionne Warwick, Elvis Costello und vielen anderen Musikern gearbeitet hat, wurde im Admiralspalast bereits mit Standing Ovations begrüßt und verströmte einen Abend lang eine derart berührende Atmosphäre, dass es letztlich egal war, wie sehr seine Stimme angegriffen wirkte. Es war der Respekt vor einer ungeheuren Lebensleistung, der dem Publikum, darunter, ein paar Sitze weiter, der Schauspieler Ulrich Matthes, die Tränen ins Auge trieb. Zugegeben: Vor Jahren noch, musikalisch für Easy Listening und Lounge Pop wirklich nicht zu begeistern, hätte ich kein Konzert besuchen mögen, in dem es um Fahrstuhl- und Supermarkt-Soundtracks geht, um diese kalifornische Unbekümmertheit. Aber nun die Chance, Bacharach noch einmal live erleben zu dürfen, ja, die wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Dass ich mir erlaube, Sie heute mit einer solchen Ohrwurm-Notiz aus meinem Privatleben zu konfrontieren, hat einen Hintergrund. In jüngster Zeit beobachte ich am laufenden Band, wie sich Künstler der vorangehenden Generation, eben die nun gut Achtzigjährigen oder die schon auf die Hundert zusteuernden Senioren, im hohen Alter durch schöpferisches Tun wachhalten. Beispiele gibt es zuhauf. Aber vielleicht mag Pierre Soulages, der Ende des nächsten Jahres (am 24. Dezember) seinen hundertsten Geburtstag feiern kann, einmal stellvertretend genannt sein. Der ungegenständliche Maler, den die Franzosen nicht erst seit der von ihm möglich gemachten Museumseröffnung in seiner Geburtstagsstadt Rodez wie einen Nationalheiligen verehren, wie Picasso, hat ein Verfahren entwickelt, das von ihm gerne und reichlich eingesetzte Schwarz zum Leuchten zu bringen, das einfallende Licht zum Komplizen bildnerischer Arbeit zu machen. Folglich bleiben seine Bilder offen, lebendig, scheinen sich zu verweigern, als kunsthistorisch relevante Inkunabeln ins Museumsdepot zu wandern. Sie drängen ins Licht, in die Öffentlichkeit, bleiben tief in Erinnerung, wie zuletzt jene umfangreiche Retrospektive zeigte, die ich vor Jahren zunächst in Paris und dann in Berlin sah.

Soulages hat sich mit seinem »Überschwarz«, wie er selbst seine Erfindung aus dem Jahr 1979 bezeichnet, in die Kunstgeschichte gemalt. Er spricht von der »Kraft der Präsenz«, er schwärmt von den Licht-Reflexen auf den tiefschwarzen, gefurchten Flächen und den sich ergebenden neuen Räumen der Vibration. Und natürlich ahnt man, dass künftige Ausstellungen, die wohl schon zum großen Geburtstag geplant sind, »outrenoir« (das »Überschwarz«) feiern werden. Zugleich frage ich mich, hier nun der mentale Bacharach-Rückgriff, kann ein Spätwerk der Innovation entstehen, wenn jemand, wie Pierre Soulages, erst im Alter von exakt 60 Jahren sein Heureka findet? Nimmt die Kraft der Präsenz nicht im Alter automatisch ab? Haben nicht auch Künstler wie Karl Otto Götz oder Emil Schumacher in den letzten Lebensjahren nachgelassen? Als Burt Bacharach, der King of Easy-und-Nebenher-Musik (am Piano allerdings hart wie ein Jazzer), viele seiner teils Jahrzehnte alten Erfolgssongs im Medley-Schmuseprogramm mitreißend vorgetragen hatte, folgten unbekanntere Songs, etwa »Mexican Divorce«. Indessen mochte auch der unausgesprochene Seitenhieb gegen Trump (und die geplante Mauer) nicht ausgleichen, dass das Neue ans Alte nicht herankommen kann.

Wie in der Malerei: Ist man nicht offen genug für das Gegenwärtige, wenn das Bewährte, das mittlerweile historisch Sanktionierte, so stark prägt und anspricht? Zielt jenes Urteil, unfair, gegen den Autor, ob Musiker oder Maler, weil man verwöhnt wurde und ein treuer Mensch ist, nicht abtrünnig werden mag? Angst vor dem Verrat, wenn die Lieblingsmusik oder das Lieblingsbild zur Seite gelegt oder gehängt würde, um neue Wahrnehmungen zuzulassen? Schnell bin ich, kaum ist das Zweieinhalb-Stunden-Konzert im Admiralspalast vorbei, gedanklich dort angelangt, wo ich seit rund drei Jahrzehnten am Problem nage: Brauchen wir nicht endlich wieder Kriterien, um die Künste zu bewerten? Haben wir nicht einst, im Rausch einer vermeintlichen Befreiung, voreilig alles über Bord geworfen, gemeinsam das Lied vom Scheitern als Chance gesungen, auf Teufel komm raus zitiert und natürlich in Toleranz gebadet, um in politisch korrekten Zeiten nicht unangenehm aufzufallen, gar reaktionär zu wirken?

Ich gestehe: Ich wäre dankbar, wenn es heute legitim wäre, Maßstäbe einzusetzen, Regeln anzuwenden, um Kunstwerke zu beurteilen. Dann gäbe es endlich auch wieder eine Kunstkritik, eine echte Auseinandersetzung mit Kunstwerken, die jetzt immer häufiger eingefordert wird, ohne dass jemand sehen mag, wo es tatsächlich kneift. Es sind einerseits die fehlenden Qualitätskriterien, richtig, aber es geht halt zudem um eine unglaublich zunehmende Verwilderung der guten Sitten. Kein Kunstmagazin mehr, das nicht jenen wirtschaftlichen Druck spüren würde. Sie wissen schon: Ich meine die dubiosen Gegengeschäfte, die unabhängigen, kritischen Journalismus verhindern. Klartext: Anzeigen-Schaltung nur, wenn zugleich wohlwollende redaktionelle Berichterstattung garantiert wird. Unmöglich, unsäglich. Nix da mit »make it easy«. 

In dieser Ausgabe: Frankreichs Kulturministerin, Françoise Nyssen, im Macron-Visier (Seite 3). Pussy Riot in Moskau auf Abwegen (Seite 3). Neue Dotierung für den Rubenspreis in Siegen (Seite 7). Alte Bekannte in der documenta-Findungskommission in Kassel (Seite 8). Jubel bei Christie’s: Bestes Ergebnis bislang (Seite 9). Von Stockholm nach London: Daniel Birnbaum (Seite 11). Wie Susanne Gaensheimer Düsseldorf aufmischt (Seite 13). Warum Cecil Beaton nun auch im Kino überzeugt (Seite 17). Was Martin Rögener mit der Sammlung Vogel macht (Seite 17). Helge Achenbach und kein Ende: Nun hat er das Biographie-Projekt platzen lassen (Seite 21). Köln und Düsseldorf wieder im Städtewettkampf (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 656 – Editorial

Informationsdienst KUNST 656

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, während der hausbackene, allenfalls vorübergehend befriedete Seehofer-Merkel-Unionsstreit die Regierungsarbeit in Berlin beinahe lahmlegt, ist unsere Branche nach wie vor damit beschäftigt, die auf internationalem Parkett spürbaren Nachteile aufzufangen, die uns die Bundesregierung eingebrockt hat. In ihrem vorauseilenden, überzogenen Gehorsam, mit fragwürdigen europäischen Notwendigkeiten begründet, hat sie vor Jahren für eine 19-prozentige Mehrwertsteuer in Sachen Kunst gesorgt, die den Handel nicht mehr wettbewerbsfähig agieren lässt. Zwar steht in der jüngsten Koalitionsvereinbarung, dass man sich bemühen möchte, eine Anpassung vorzunehmen, also diese Steuer zu reduzieren, aber niemand glaubt daran, dass dieser Einsatz jemals wieder zum Froschschenkel-Niveau führen könnte (die Schenkelchen werden in der Tat nur mit sieben Prozent belegt). Obendrein mehren sich die Stimmen in der Branche, die das Koalitionspapier nicht wirklich ernstnehmen, sondern es als reine Guttat ohne Handlungsdruck bewerten, als tiefgekühltes Wahlversprechen für 2021, wenn der 20. Deutsche Bundestag zusammengestellt werden muss.

Diese politische Situation vorausgestellt, ist es völlig nachvollziehbar, dass nun seitens der Galeristen, der Leidtragenden in diesem Mehrwertsteuer-Drama, allerlei Überlegungen hochkochen, die zur Umgehung des wirtschaftlichen Handikaps führen könnten. Vielleicht hat der »Handelsblatt«-Steuerpolitik-Artikel von Christiane Fricke (Ausgabe vom 29. Juni, Seite 59) die schon einmal angedachte Debatte neu entfacht: Sie berichtete über den auch in diesem Branchenbrief angekündigten »Praxistag für Galerien«, den der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und die IHK Köln veranstaltet haben, wo der Rechtsanwalt und Steuerberater Florian Greiner das Plädoyer für eine radikale Alternative zum derzeitigen Berufsbild des Galeristen hielt. Greiner sprach sich für ein sogenanntes »Agenturmodell« aus, das den Galeristen tatsächlich zum Agenten macht.

Dabei hat der Experte, clever, auf die aktuelle Lage reagiert und den Finger in die Wundstelle gelegt. Wie bekannt: Der Kunst-Einkauf im Atelier, also direkt beim Künstler, wird mit sieben Prozent Mehrwertsteuer versehen, dagegen sind 19 Prozent fällig, kommt der Sammler in die Galerie oder auf den Messestand und kauft ein. Das Geschäftsmodell zu drehen, bedeutet freilich, aus dem Galeristen einen Handelsvertreter zu machen, wie es Paragraf 84 HGB regelt. Der Kaufvertrag wird also nicht zwischen Galerist und Sammler vereinbart, sondern zwischen dem Produzenten, Handelsherr oder -frau genannt, und dem Einkäufer – und der Galerist als Vermittler erhält für seine Dienstleistung vom Künstler eine Provision.

Natürlich birgt dieses Modell im Einzelfall den Vorteil, dass der Galerist »in eine gewisse rechtliche Distanz zum Käufer tritt«, wie es BVDG-Geschäftsführerin Birgit Maria Sturm auf Anfrage erläutert. Er sei dem Kunden gegenüber nicht mehr haftungspflichtig. Diese Aufgabe habe der Künstler als Handelsherr zu übernehmen. Doch die Nachteile sind offensichtlich, weil nicht nur die bislang klare Rollen-Verteilung verunklärt wird, weil die Weisungsbefugnis beim Künstler liegt, weil vom Galeristen gleichwohl allerlei Leistungen erwartet werden. Konflikte sind also programmiert, wenn nicht genaue vertragliche Regelungen getroffen werden. Sturm: »Es gibt einige Galeristen, die das Agenturmodell bereits nutzen – mit Künstlern, zu denen ein intensives Vertrauensverhältnis besteht. Dies ist wichtig, da der Galerist als Agent durchaus einen Teil seines Zepters aus der Hand gibt.«

Manfred P. Herrmann, Geschäftsführer der Berliner Steuerberatungsgesellschaft HPTP, hat kurz nach der Mehrwertsteuer-Korrektur in Sachen Kunst, 2014, für seine Mandaten beispielhaft Zahlen geliefert, die das »In the Name of the Artist Modell« als rechnerisch überaus interessant darstellen. Aber das mitunter auch als »Tankstellenmodell« (dort wird der Sprit im Namen und für Rechnung der entsprechenden Mineralölgesellschaften verkauft) bezeichnete Verfahren ist rechtlich zwar korrekt, doch es enthält ein immenses Abstimmungs-, Verwaltungs- und Konfliktpotenzial. Wenn der Galerist, unter dem Strich, mehr Aufwand als zuvor hat, dann rechnet sich die mögliche Umstellung nicht. Zeit ist Geld, wusste schon Benjamin Franklin. 

In dieser Ausgabe: Die Fondation Beyeler will Anfang 2019 eine sensationelle Picasso-Ausstellung eröffnen (Seite 2). Der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs gibt den Bremser in Sachen Einheitsdenkmal (Seite 3). Raus aus der Kunst: Annette Kulenkampff und der Stadtbau (Seite 4). Im Visier der AfD: Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann protestiert (Seite 7). Wien, Leopold Museum: Vuitton-Leihgabe aus Klimt-Schau entfernt (Seite 7). München, Bayerische Staatsoper: Bühnenbild von Georg Baselitz ausgebuht (Seite 8). Berliner Senat winkt fragwürdiges Mauer-Projekt in Mitte durch (Seite 9). Insel Hombroich und Graubner-Museum (Seite 12). Warum das Düsseldorfer Museum Kunstpalast ein DDR-Projekt plant (Seite 16). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 655 – Editorial

Informationsdienst KUNST 655

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Oder, leutseliger, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder heraus. Fakt ist, dass Philipp Demandt, der Direktor des Städel Museums, unterstützt von seinen Stellvertretern Jochen Sander (Kunst) und Heinz-Jürgen Bokler (Kohle), auch vom Administrationschef Nikolaus Schweickart, tüchtig Geld in die Hand nimmt, um am Ende mit einem Jahresüberschuss hoffnungsvoll in die nächste Bilanzphase zu schauen. Dank der eingebundenen Rücklagen stehen nun für 2017 knapp 600 000 Euro Bilanzgewinn und für 2016 rund 560 000 Euro in den Büchern. Diese Zahlen können sich sehen lassen – zumal sowohl im Städel selbst als auch im Liebieghaus allerlei Sanierungsmaßnahmen fällig waren, viele Ausstellungen und Projekte für insgesamt 430 000 Besucher (2017) realisiert wurden. Obendrein: Im vergangenen Jahr konnten sage und schreibe 129 Kunstwerke erworben oder als Schenkung entgegengenommen werden.

Erfährt man aus Frankfurt außerdem, schmunzelnd, dass 2017 exakt 2 483 selbstgebackene Kuchen im Liebieghaus-Café zur Verköstigung kamen, scheint das Bürger-Wunder komplett, weiß man doch, wie schwierig dieses Jahr fürs Museumsmanagement war. Immerhin musste im Liebieghaus, der Baustelle, aus nachvollziehbaren Gründen ein deutlicher Besucher-Schwund verkraftet werden. Nur noch rund 40 000 Leute wurden registriert (2016 waren es über 30 000 mehr). Gleichwohl haben Demandt und sein Team insgesamt etwa 50 000 Besucher mehr in die beiden Häuser geholt als im Übergangsjahr Hollein/Demandt, 2016 also, wo genau 383 942 gezählt wurden. Das ist ebenso überraschend wie sensationell, hat man einst am Main schon Max Hollein gefeiert, als sei er der Heilsbringer schlechthin. Sollte Demandt ihn toppen können?

Bei genauer Betrachtung der Quoten-Ergebnisse im Millionen-Tanker Städel mit seinem Liebieghaus-Beiboot zeigt sich freilich, dass Kapitän Demandt den Besucher-Erfolg 2017 vor allem seinem damaligen Steuermann Felix Krämer zu verdanken hat, der anschließend von Bord und nach Düsseldorf, Museum Kunstpalast, gegangen ist. Krämer konnte als Kurator der weithin bejubelten »Matisse – Bonnard«-Ausstellung (»das Highlight des Jahres«, so der Hessische Rundfunk) über 200 000 Besucher ins Traditionshaus holen. Solche herausragenden Resultate führen mehr oder weniger automatisch zu weiteren Großtaten, etwa seitens der Sponsoren und Mäzene, auf die sich das Städel schon zu Holleins Zeiten sehr verlassen konnte. Zudem hat die spezielle Städel-DNA, wie Demandt die privilegierte Situation beschreibt, international Resonanz gefunden, wie Leihgaben aus London, Paris oder New York dokumentieren.

Während viele Museen in Deutschland ehrfurchtsvoll zu den drei großen Generaldirektionen in Berlin, Dresden und/oder München schauen, spielen Frankfurt und sein untadelig diplomatisch agierender Städel-Direktor längst in einer anderen Liga, Champions League nämlich. Bundesliga war gestern, gar vorgestern, vor Hollein mithin. Damit ist die vor Jahrzehnten noch vom damaligen, kürzlich verstorbenen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann aufgestellte Rechnung wirklich aufgegangen. Die Basis sehen und einbinden, aber bereit sein zum Aufbruch, zum Flug über den hessischen Tellerrand. Folglich und bewusst kühn, ein wenig provokativ formuliert: Von Adorno über Hoffmann zu Demandt, um die Zivilgesellschaft zu aktivieren, um Kunst als geistiges Lebensmittel zu kommunizieren. Chapeau und Glückwünsche nach Frankfurt.

In dieser Ausgabe: Neun Millionen Euro aus Saudi-Arabien für das Museum für Islamische Kunst in Berlin (Seite 2). Neuer Minister in Italien: Alberto Bonisoli (Seite 5). Für Fortgeschrittene: Manifesta 12 (Seite 7). Für Cineasten: Shirin Neshats Film (Seite 9). Ethikpapier der Art Basel wegen Mathias Rastorfer schon im Visier (Seite 11). Preis-Check: Frank Auerbach (Seite 16). Hannovers Kulturdezernent, Harald Härke, vom Dienst suspendiert (Seite 16). Düsseldorfs Akademie-Rektor Karl-Heinz Petzinka gibt Gas (Seite 19). Kölner Verlegerin Marlene Taschen tritt auf die Bremse (Seite 19). Schweizer Künstlerin Manon macht sich älter (Seite 21). Sorge um das Künstlerhaus Wiepersdorf (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 654 – Editorial

Informationsdienst KUNST 654

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, derzeit viel los, bevor es in die Sommerpause geht. Art Basel (siehe nebenstehenden Kommentar), Berlin Biennale (Seite 5), Manifesta in Palermo – das ganze Spektrum mithin, von der Messe bis zur Großausstellung, die sich bewusst von jeglichen Markt-Beziehungen absetzt. Dass die Kunstwelt mittlerweile gespalten ist, weiß die Branche – und dennoch sind wir überrascht, prallen die Gegensätze gerade in diesen Tagen so gnadenlos aufeinander wie schon länger nicht mehr. Man kommt nicht umhin, einerseits die Welt des Handels zu betrachten, ob in Galerien, Messen oder Auktionssälen, wie man andererseits wahrnehmen muss, dass es neben diesem hochtourigen Objekt- und Anlagegeschäft eine eigene Szene gibt, die erst gar nicht versucht, in der Liga der Preis- und Provisionsakrobaten mitzuspielen. Es sind Künstler und Vermittler, die sich für den Marktwert der Ware Kunst gar nicht interessieren, sondern lieber alles tun, um gesellschaftlich zu wirken, Prozesse auszulösen, die im sozialen und politischen Umfeld verortet werden. Manifesta und Berlin Biennale bieten Beispiele zuhauf.

Diese Künstler, keine Förmchen-Bäcker, sondern eher Teig-Forscher, stehen weder im Rampenlicht, noch gehören sie zu den Großverdienern. Man fragt sich sogar oft, wie sie das Lebensnotwendige verdienen, wenn ihre Arbeit weitgehend unverkäuflich ist. Die Künstler-Listen in Berlin und in Palermo dokumentieren zahlreiche Namen, die man zuvor nicht kannte, die auch Insider nur schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Das muss nicht irritieren; vielmehr kann diese Entwicklung als Chance begriffen werden, tatsächlich auf die Inhalte zu schauen. Immerhin haben die prominenten Namen der Künstler und Kuratoren in der Vergangenheit oft genug den Blick verstellt, die echte Auseinandersetzung mit dem Werk vernebelt. Geblendet vom Bekanntheitsgrad einer Person oder eines Renditeobjekts, spielte die implizierte Botschaft häufig keine Rolle. Vielleicht also gut, wenn die Branche jetzt erst überlegen muss, wer eigentlich zu den Mediatoren (!) in Palermo gehört, wer zum Kuratoren-Team in Berlin. Und unbekannte Künstlernamen bringen den Vorteil, dass in Gesprächen immer auch versucht werden muss, die dazugehörige Arbeit zu beschreiben. Das verändert die Branchenkommunikation, positiv natürlich.

Was obendrein in diesen Wochen auffällt, ist die laufend weiter zunehmende Auseinandersetzung mit einem Begriff, der erst seit kurzer Zeit im Fokus steht: Kolonialismus. Noch in der Planungsphase des Humboldt Forums war dazu nichts zu hören und zu lesen. Mittlerweile treffen beinahe täglich die Nachrichten ein. Mal gibt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz neun Objekte nach Alaska zurück, allesamt Grab-Beigaben, die aus nicht genehmigten archäologischen Grabungen in Berlin landeten (Ethnologisches Museum); mal trumpft die Kulturstaatsministerin im Rahmen der Bundespressekonferenz mit einem Museumsbund-Leitfaden auf, der den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten regelt (siehe Seite 18).

Hochbetrieb in der Kulturpolitik und auch bei den Juristen, weil die Restitution so einfach nicht ist. Es geht teils um fragwürdige Ansprüche der Herkunftsstaaten, aber teils auch um fehlende Grundlagen einer Rückgabe von sich aus, wie es manche Museen praktizieren oder derzeit erörtern. Eine Experten-Konferenz in Hamburg, im vergangenen Monat vom Auswärtigen Amt veranstaltet, öffnete vielen Teilnehmern die Augen, dass schlechtes Gewissen und gute Absichten allein nicht genügen, das Kolonialzeit-Problem verantwortlich zu lösen.

Im Kunstbetrieb gibt es seit langem Anzeichen, dass auch dieses Thema konsequent behandelt werden müsse, wenn man allerorten dank staatlicher Förderung erfolgreich bemüht ist, Provenienzen zu ermitteln und gegebenenfalls Wiedergutmachung zu betreiben, um beispielsweise, überfällig, entzogenen jüdischen Besitz an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzuführen. Dabei drängt sich freilich immer die Frage auf, was koloniale Raubkunst genau ist, wie sie definiert wird. Überhaupt: Wo beginnt Kolonialismus? Greift die Diktion schon, wenn ein amerikanischer Großgalerist weltweit operiert, also mit Dependancen nach und nach sämtliche Länder besetzt? Zeugt es von kolonialem Denken, wenn der Kurator einer mit öffentlichen Mitteln veranstalteten Ausstellung einen zweiten Spielplatz in einem anderen Land erobert und dort, keck und munter, überall riesige documenta-Fahnen vor die Museen pflanzt, selbst dann noch, wenn in den Häusern nur ein winziges (documenta-)Objekt aufgestellt wird?

Mitten in der zunächst verschleppten Kolonialismus-Debatte: Wie wirkt sich das neue Bewusstsein auf die bildnerische Arbeit in den Ateliers aus, wie reagieren die Teig-Forscher unter den Künstlern? Können sie gar der Politik die erforderlichen Impulse geben, beherzt aufzuräumen? Immerhin, so kursiert die Information, sollen hierzulande rund 50 000 afrikanische Objekte im musealen Zwielicht ungeklärter Provenienz liegen. Obendrein gibt es auch seitens der Herkunftsländer nicht nur Rückgabe-Wünsche, sondern auch Vorschläge, Ideen des Teilens zu realisieren, um nachhaltig Kommunikation und Austausch zwischen den Kulturkreisen zu ermöglichen. Mithin: Viel los derzeit; packen wir es an.

In dieser Ausgabe: Nun rückt Hartmut Dorgerloh an die Spitze des Humboldt Forums, doch dem Generalintendanten fehlt die globale Perspektive (Seite 4). 10. Berlin Biennale: Kunst zum Anfassen (Seite 5). Deutsche Bank positioniert sich neu: Am 27. September wird in Berlin das »PalaisPopulaire« eröffnet – ein Ort für den Dialog mit Kunst, Kultur und Sport (Seite 11). Architektur-Biennale Venedig: Mit ihren »Goldenen Löwen« liegt die Jury daneben (Seite 13). Zurück in die Steinzeit: Brigitte Franzen, Kuratorin der 14. Triennale Kleinplastik Fellbach, plant 2019 ein »Museum der Neugier« (Seite 16). Brisant: Der Deutsche Museumsbund hat einen Leitfaden zum Umgang mit Kunst aus kolonialem Kontext herausgegeben (Seite 18). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 653 – Editorial

Informationsdienst KUNST 653

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als kürzlich in Berlin auf dem weiträumigen, oft schlichtweg nur leer und unwirtlich wirkenden Kulturforum und im anliegenden, ebenfalls öde aussehenden Gemäldegalerie-Foyer endlich mal wieder Leben aufkam, weil die »Süddeutsche Zeitung« dort zur Freude der Kulturstaatsministerin zu Gast war, brachte die Schauspielerin Maren Kroymann ein Phänomen auf den Punkt, das viel über die Zeit sagt, in der wir leben. »Man begrüßt sich mit Küsschen, ist aber mit den Augen schon immer weiter – weil es da ja Leute gibt, die noch wichtiger sind«, so kommentierte sie die »Judasküsse«, die in der Hauptstadt ganz normal seien. »Da wird man ständig verraten, aber merkt es gar nicht.«

Was Kroymann auf der Verlagsparty beobachtet und kritisiert hatte, ist indes nichts Neues, auch keine spezielle Berliner Unart. Aber diese wirklich unangenehme Gewohnheit nimmt immens zu, wie wir gestehen müssen, nicht zuletzt auf die laufend größer werdende Branche zurückzuführen. Egal, wo man sich aufhält, wo man sich durchschlängelt oder, Kehrseite, doch noch erkannt und lautstark, überschwänglich begrüßt wird: Überall, ob auf den internationalen Kunstmessen oder während der Eröffnungsstunden der Großausstellungen, ein irres Getue, die Demonstration von vermeintlichen Freundschaften, die aber letztlich allenfalls bescheidene Geschäfts- oder Interessensverbindungen sind. Berechnend, bis zur Schmerzgrenze.

Natürlich freut man sich bisweilen wirklich, plötzlich diesen oder jenen Bekannten zu treffen, gelegentlich auch mal einen Freund; nichts einzuwenden gegen die folgende Umarmung. Aber ist es nicht befremdlich, dass man, bei ehrlicher Betrachtung des Sozialverhaltens, von gefühlten 95 Prozent Chichi-Gesten ausgehen muss? Denn der entlarvende Blick über die Schulter, hin zum nächsten Bussi-Kandidaten, ja, der hat so beträchtlich zugenommen, dass es Tage und Abende gibt, die enorm nachdenklich werden lassen. Angesichts der offensichtlichen Verlogenheit steigt dann ein ganz eigenes Gefühl auf, das häufig dazu führt, angewidert Vernissagen und Empfänge möglichst schnell zu verlassen. Von der Kunst selbst sieht man oft ohnehin nichts, weil vor jedem Bild fünf Leute mit Schampus-Glas stehen, freilich mit dem Rücken zum Werk.

Diese flüchtige, fragwürdige Umgangsform, leider in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens auszumachen, wäre hier nicht weiter ein Thema, hätten wir nicht einst gerade in der Kunst um Wahrhaftigkeit gerungen. Dieser Widerspruch ist kaum mehr zu überbrücken. Zu erklären ist er freilich mit der Tatsache, dass die Kluft zwischen Produzenten und Konsumenten größer als jemals zuvor zu sein scheint. Vorbei die Jahrzehnte, als Künstler die Stars waren, als sie umschwärmt und höchstpersönlich geachtet wurden. Heute geht es, die Art Basel wird es in wenigen Tagen erneut beweisen, vorrangig um renditeversprechende Ware, um eine (Marken-)Kunst, mit der man zunächst angeben und später knallhart abkassieren kann.

Wie immer: Es gibt Ausnahmen, etwa Sammler, die die Kunst lieben, oder Galeristen, die ihre Vermittler-Aufgabe ernst nehmen und sich von Spekulanten nicht zum Handlanger berechenbarer Kapital-Vermehrung machen lassen. Doch der Trend zur Oberflächlichkeit in der Distribution ist wohl unaufhaltsam, wo Zeit knapp bemessen und Kunst nicht selten wie industriell gefertigt erscheint. Chance zum Gegensteuern? Geschwindigkeit drosseln? Auseinandersetzung erhöhen? Ja, bitte!

In dieser Ausgabe: Unruhe am MOCA in Los Angeles – nun muss auch Philippe Vergne gehen (Seite 2). Gerhard Richter als Wohltäter zugunsten Obdachloser (Seite 5). Venedig, Biennale 2019: Künstlerinnen bevorzugt (Seite 6). Zehn Episoden »Rheingold«: Klischeefalle für Helge Achenbach (Seite 7). Strapaziös: Umsetzung der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung (Seite 8). Dubios: Verweigerung der documenta-Geschäftsleitung (Seite 11). Wie Franz Erhard Walther ein Treffen mit Marcel Duchamp vermasselte (Seite 13). Was aus Andy Warhols »Interview Magazine« geworden ist (Seite 15). Reine Museumspromotion: Kinofilm »Schatzkammer Berlin« (Seite 17). Krach ohne Ende: Museum Schloss Moyland (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 652 – Editorial

Informationsdienst KUNST 652

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wir alle in dieser Branche kennen das Problem und beobachten die ungeheure Zunahme von Stiftungen. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile über 20 000 (im Vergleich: Frankreich zählt nur rund 5 000). Weltweit, so zeigt eine von der UBS in Auftrag gegebene Studie (»Global Philanthropy Report«), sind mittlerweile mindestens 260 000 Stiftungen tätig, und knapp drei Viertel wollen als junge Institutionen gesehen werden, weil sie erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten gegründet wurden. Natürlich geht es dabei nicht immer nur um Gönnerschaft, um gesellschaftliches Engagement zugunsten des Allgemeinwohls. Oft spielen auch handfeste steuerliche Vorteile eine Rolle, Regelungen, die im Kontext familiärer Überlegungen gesehen werden wollen.

Fernab von hintergründigen Motiven dieser Art: Stiftungen stellen unbestritten eine herausragende Option dar, obgleich die Erträge aus dem Stiftungskapital heutzutage längst nicht mehr jene Aktivitäten gestatten, wie das einst der Fall war. In der Folge können bekanntlich auch Museen und andere geförderte Einrichtungen nicht mehr mit jenen Zuschüssen rechnen, die früher gewährt wurden. Zudem: Nicht zwangsläufig ist die traditionelle Stiftung die richtige Rechtsform für Philanthropen und jene Zeitgenossen, die unter diesem Deckmantel bevorzugt eigene Vorteile im Visier haben. Von der Möglichkeit der sogenannten Zustiftung über die Verbrauchsstiftung bis zur Stiftungsgesellschaft mit beschränkter Haftung und gemeinnütziger Ausrichtung gibt es etliche Modifikationen.

Vielleicht ist es auch diese Vielfalt, die jetzt dazu führt, dass im kommenden Monat ein Entwurf zur Korrektur des Stiftungsrechts vorgelegt werden soll. Ziel ist es offenbar, Einfluss auf die Mobilität der Stiftung als Institution zu nehmen, somit Voraussetzungen zu schaffen, dass gegebenenfalls, ganz nach aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, schneller Anpassungen vorgenommen werden können. Das bedeutet: Es soll beispielsweise leichter möglich werden, Fusionen herzustellen, Stiftungen notfalls auch aufzulösen. Denn laut einer Statistik des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ist es Tatsache, dass rund 75 Prozent aller deutschen Stiftungen mit einem Jahresetat operieren, der unter 100 000 Euro liegt. Die Betriebskosten der Selbstverwaltung eingepreist, bleibt mithin kaum etwas übrig, um effektiv in der Öffentlichkeit zu wirken, um zugunsten der Kultur mehr oder weniger Gutes zu tun. Eine ernüchternde Erkenntnis, die nun, höchste Zeit, zum Umdenken treibt.

Dass Stiftungen ein ernstzunehmendes Thema im Kulturbetrieb sind, kommt nicht von ungefähr: Obgleich gerade auch in diesen Wochen wieder erneut die teils bereits bekannten Bundeskulturetat-Zahlen für 2018 und 2019 in die Öffentlichkeit gebracht und als Riesen-Erfolg bewertet werden – der Staat ist nach wie vor ein Winzling, wenn es um Kultur-Förderung geht. Die Fakten: Der Bundeshaushalt 2018 sieht Ausgaben in Höhe von 341 Milliarden Euro vor, und die Kulturstaatsministerin lässt sich, auf der Basis des 2017-Etats, aus dem eigenen Team für die »erneute Steigerung des Kultur- und Medienhaushalts« beklatschen. Mit Verlaub: Es handelt sich, bei erweiterten Aufgaben und Zuständigkeiten, letztlich aber nur um 1,67 Milliarden für Kultur und Medien im Jahr 2018. Dieses Budget macht, lausig, lausig, ein knappes halbes (!) Prozent des deutschen Gesamtetats aus. Da gibt es also wirklich nichts, was gefeiert werden müsste.

Selbstverständlich wird die Bundeskultur angesichts sämtlicher staatlicher Verpflichtungen nicht in die Lage versetzt werden können, irgendwann eine zweistellige Prozentzahl aus dem Gesamtetat beanspruchen zu können, wie das vor Jahrzehnten der legendäre Hilmar Hoffmann in Frankfurt auf kommunaler Ebene schaffte, aber als Nahziel müssen 3,4 Milliarden festgeschrieben werden, eben wenigstens ein Prozent. Der Staat sollte, vorbildlich, selbst ein angemessenes Zeichen setzen, wenn er andererseits versucht, private Stifter per gesetzlicher Erleichterungen zu animieren, dem Gemeinwohl zu dienen.

In dieser Ausgabe: Auseinandersetzung in Bielefeld, Kunsthalle, wegen Kritik an Direktor Friedrich Meschede (Seite 2). Erfolg in Berlin, Hamburger Bahnhof, dank der Großausstellung »Hello World« (Seite 6). Armin Zweite und die Ernst von Siemens Kunststiftung (Seite 9). Ai Weiwei und sein Umzug in Richtung Sonne (Seite 10). Am Gipfel: Ariane Grigoteit wechselt nach Davos (Seite 12). Wegen Ideenraub: Helmut Schober empört sich (Seite 12). Rumoren in Kapstadt: Museumsgründer Jochen Zeitz im Fokus (Seite 15). Streitbereit: Rudolf Zwirner (Seite 18). Der Volkswagen Konzern und die Kultur (Seite 19). Preis-Check: James Turrell (Seite 23). Sammler Hans Georg Näder macht Schlagzeilen (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 651 – Editorial

Informationsdienst KUNST 651

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ob es eine Erklärung für das Phänomen gibt, dass Künstler-Kinder es besonders schwer haben, sich in der Branche zu etablieren? Es gibt Beispiele zuhauf, die anschaulich dokumentieren, dass der Nachwuchs renommierter Maler, Bildhauer, Performer und Fotoartisten (trotz mancher eigener Erfolge, sogar in Auktionshäusern) an den Eltern nicht vorbeikommt, schaut man auf die Karriere-Leiter. Der 1958 geborene Sohn von Günther Uecker, der ebenfalls im Rheinland lebende Marcel, ist einst mit dem Nachnamen Hardung angetreten, um nicht begünstigt zu erscheinen, und scheint weit davon entfernt zu sein, in Vaters Fußstapfen zu treten. Georg Polke, Jahrgang 1960, Sigmars Sohn, setzte dagegen voll und forsch, wie es seine Art ist, auf den bekannten Familiennamen – und spielt im Kunstbetrieb dennoch keine große Rolle. Auch Pola Sieverding, Jahrgang 1981, Tochter von Katharina Sieverding, kann sich nicht auf den Namensbonus verlassen, sondern muss eigene Leistung bringen, um sich als Künstlerin zu behaupten. Vielleicht traut man ihr momentan noch am ehesten zu, eines Tages an die Reputation ihrer Mutter heranzureichen, doch derzeit hat die Mama im Generationen-Wettkampf die Nase immer noch vorn.

Im Lager der Kunstvermittler, ob Kuratoren oder Galeristen, sieht die Situation anders aus. Im Umfeld der diesjährigen Art Cologne (siehe Pressestimmen auf Seite 6) wurde das einmal mehr deutlich. Dachte man vor Jahrzehnten, am legendären Mitgründer des Kölner Kunstmarktes, Rudolf Zwirner, käme niemand vorbei, schon gar kein Familienmitglied, muss auch der Patriarch rheinischer Händler-Dynastien, heute in Berlin zu Hause, längst selbst einräumen, dass sein Sohn David, New York, mit Karacho an ihm vorbeigezogen ist. Dabei galt Papa Zwirner in seinen Peter-Ludwig-Beratungsjahren hierzulande als der umsatzstärkste Gegenwartskunst-Verkäufer. Indes: David Zwirner, der bereits weltweit Dependancen betreibt und sein Unternehmen demnächst um weitere 5 000 Quadratmeter Arbeitsfläche erweitert, hat am 22. April in einem »Welt am Sonntag«-Interview jene seit einiger Zeit kolportierten 500 Millionen Jahresumsatz mit den Worten »Vielleicht auch mehr« zweifelsfrei bestätigt.

An diesem Tag blieb man als Zeitungsleser an einem weiteren Interview hängen, das Johann König dem »Tagesspiegel« gab. König, mittlerweile so häufig in den Medien vertreten wie vor Jahren der Liebling der Ost-Wunder-Presse, Judy Lybke, ist bekanntlich einer der Söhne von Kasper König. Und auch in diesem Fall gilt, dass man es früher nicht für möglich hielt, dass ausgerechnet Johann, der als Kind einen schweren (Augen-)Unfall hatte, jemals mehr Aufmerksamkeit finden könnte als sein mächtiger Vater, der Star-Kurator. Mit seinem Stamm aus drei Dutzend Ranking-Künstlern und mit seiner alles einschließenden Service-Haltung agiert er von seiner Zentrale aus, einer ehemaligen Berliner Kirche, St. Agnes, als sei er immer noch Papas Sorgenkind. Vielleicht ist es dieser Buben-Charme, der die Milliardärinnen zu ihm treibt, der die nicht weniger wohlhabenden Männer unter den Sammlern reihenweise in die Überlegung führt, bei Johann einzukaufen oder ihn gar zu adoptieren.

Klartext: Galeristen wie Johann König oder David Zwirner, mögen sie noch so sympathisch und unverdächtig auftreten, sind knallharte Strategen ihres Erfolgs. Sie überlassen nicht wirklich etwas dem Zufall, wie das wohl meist bei den Künstler-Kindern zutrifft. Sie wissen genau, was sie tun, was sie tun müssen – und arbeiten eben auch anders als viele Galeristen, die sich gerade in Messe-Zeiten wundern, warum es bei ihnen nicht so gut läuft, warum sie keine Millionen-Umsätze machen. Der junge König erwähnte im »Tagesspiegel«-Interview, eher nebenbei, dass die »ganz großen Sammler nicht mehr auf die Messen gehen«. Er setzt zudem »auf die neuen Technologien, die es uns erlauben, bereits im Vorfeld Kunstwerke zu verkaufen«. Was Wunder also, dass vielerorts schon Minuten nach Messe-Eröffnung rot gepunktet wird – zum Neid mancher Kollegen an den umliegenden Ständen. Die teuren Quadratmeter rechnen sich dennoch: Denn natürlich geht es immer auch um das Image, um den Ruf.

Dass solcher und auch der große merkantile Erfolg nicht automatisch glücklich machen, kann man sich nicht wirklich vorstellen, trifft man die großen Dealer auf einer der Messen oder andernorts. Leider hat Kollege Adriano Sack in der »Welt am Sonntag« nicht nachgefragt, aber die meisten Leser hätte vermutlich interessiert, was mit dem 500-Millionen-Dollar-Mann David Zwirner los ist, wenn er plötzlich sagt: »Leider Gottes bin ich Kunsthändler geworden«. Jammern auf sehr hohem Niveau, so scheint es. Dass die Verantwortung für ein Imperium dieser Dimension immens ausfällt, lässt sich leicht nachvollziehen, aber ist es nicht ein Glück, von dieser Basis aus so viel für die Kunst selbst tun zu dürfen? Ob Junior Zwirner sich mit seinem Bedauern womöglich auf eine Erkenntnis bezog, die er gegen Ende des Gesprächs preisgab? »Man kann nicht wachsen, ohne den einen oder anderen gegen sich aufzubringen«, so sagte er, freimütig. Und dieser Bandagen-Kampf in einem zunehmend aggressiveren Markt-Umfeld ist es dann auch, der letztlich die zuerst erwähnten Künstler besser aussehen lässt. Viele von ihnen, in karrieristischen und kommerziellen Dingen naiv wie Judy Lybke vor der Wende, reiben sich an den eigenen Eltern oder an der Schwierigkeit, ein wirklich gutes Bild zu malen, aber das war’s dann auch. Jeder ist seines Glückes Schmied.

In dieser Ausgabe: Erinnerung an Günther Förg in Amsterdam, Stedelijk Museum (Seite 2). Konzertierte Aktion der RuhrKunstMuseen: Projektleiter Ferdinand Ullrich über »Kunst & Kohle« (Seite 4). Christian Boltanski und sein Zwangsarbeiter-Denkmal im Weltkulturerbe Völklinger Hütte (Seite 9). Künstler-Liste der kommenden Berlin Biennale (Seite 10). Neuer AfD-Anlauf in Sachen Kulturpolitik (Seite 11). Schwäbisch gründlich: Kunstwerk von herman de vries in Stuttgart gerodet (Seite 13). Paris: Nudisten-Treffen im Palais de Tokyo (Seite 14). Markt-Check: Jeff Wall (Seite 16). Tagebuch: Frühstück mit Max Hollein (Seite 16). Offenbach soll eine Kunsthalle bekommen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 650 – Editorial

Informationsdienst KUNST 650

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Eiserne geht. Die Eiserne – so wurde Annette Schönholzer genannt, einst Führungskraft der Art Basel, erst seit 14 Monaten (!) als kaufmännische Direktorin am Kunstmuseum Basel tätig. Dort, wo es seit langem tüchtig rumort, scheint die erfahrene Managerin zwar alles versucht zu haben, um die 2016 mit einem Erweiterungsbau (laut »FAZ« eine »Luxus-Fleischerei«) neu ins Gespräch gebrachte Institution zu retten, doch letztlich waren die Widerstände personeller und finanzieller Art wohl zu groß. Laufend Kündigungen, Krankschreibungen ohnehin, obendrein ein finanzielles Desaster.

Obgleich der künstlerische Direktor, Josef Helfenstein, am 6. April offiziell für großes Engagement und fachliche Kompetenz dankte, obgleich seitens der Politik vom »Dream-Team« Helfenstein/Schönholzer geschwärmt wurde: Das Kunstmuseum Basel wirkte zuletzt, von außen betrachtet, wie eine ins Schlingern geratene Einrichtung, die ihr Ziel nicht findet. Im Branchengespräch häufiger Erinnerungen an große Direktoren der Vergangenheit, etwa an die Ära Franz Meyer oder die Ära Katharina Schmidt, als Lob für Helfenstein, der seit anderthalb Jahren im Wesentlichen nur jammern kann. Es kursiert die unbestätigte Schreckensnachricht, dass das Museum mehr oder weniger pleite sei. Von knapp drei Millionen Franken ist die Rede, die für den Betrieb fehlen. Stündlich wird derzeit mit dem weiter ernüchternden Präsidialdepartement-Bericht zur Lage des Hauses gerechnet.

Szenenwechsel. Von der pekuniären Situation zur programmatischen. Max Hollein, der frühere Städel-Chef (siehe Seite 5), berichtet aus Amerika, dass dort das Museum of Ice Cream zu den populärsten zählt. Auf Instagram gehöre es zu den zehn am meisten veröffentlichen Institutionen. Vermutlich wird bald auch das soeben in New York eröffnete Eier-Museum innerhalb kürzester Zeit in der Liga der hochfrequentierten Häuser mitspielen, weil die Generation Instagram laufend auf der Suche nach neuen Motiven ist. Und Eis- und Eier-Inszenierungen sind, wenn sie denn fotografiert werden dürfen, meist ohnehin ergiebiger, strömt das Selfie-Publikum voller Erlebnis- und Selbstdarstellungshunger in die Museen, wo oft Kamera-Verbot herrscht.

Klartext: In einer Welt der Sozialen Medien, die sozial nicht immer sind, wandelt sich auch die Bedeutung des Traditionsortes Museum. Was gut klingt, das Teilen eben, ist nicht selten mit einem kulturellen Niedergang verbunden, mit Funhouse-Charakter, weit entfernt von Forschungs- und Bildungsaufgaben. Andererseits kneift es dort, wo klassische Museumsarbeit geleistet wird, nicht selten personell, etatmäßig und/oder räumlich. Basel, Kunstmuseum, dient nur als ein Beispiel. Denn Basel ist gewissermaßen überall, allemal vielerorts. In der allgemeinen Verzweiflung nehmen Rückgriffe zu, wehmütige Erinnerungen auch an Harmlosigkeiten. Stephanie Rosenthal, die Neue im Gropius-Bau in Berlin, schwärmt von ihrer vorletzten Tätigkeit am Haus der Kunst in München, von damals, als sie noch mit ihrem Chef, Christoph Vitali, Lebensmittel schnippelte, um die Eröffnungsgäste zu bewirten. Im Palais de Tokyo, Paris, werden Anfang Mai rund 150 Nudisten hüllenlos durch die Ausstellung marschieren. Nackt-Besichtigung, angeblich Dernier Cri, als habe es diese rührend voyeuristische Chose nicht längst in Wien gegeben.

Mehr Konfusion als Konzept, mehr Kampf als Kunst – in dieser Lage tut es gut, wenn nun der Deutsche Museumsbund seine Jahrestagung (vom 6. bis 9. Mai in Bremen) unter ein Motto stellt, das die überfällige Denksport-Aufgabe ankündigt: »Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen?« Der Präsident, Eckart Köhne, zugleich Direktor des Badischen Landesmuseums, und 14 seiner Kollegen haben ein Programm konzipiert, das viel verspricht, weil allein die Titel der Vorträge und Diskussionen von porentiefer Analyse zeugen. Freilich, wie immer, zählt letztlich, was am Ende rauskommt, was die einzelnen Museumsleiter zu Hause im Spannungsfeld unterschiedlichster Interessen und Begehrlichkeiten durchsetzen können, wie sie ihre Institute positionieren. Aber so viel Hoffnung war nie. Immerhin geht es jetzt endlich wieder um Haltung. Und »die beginnt im eigenen Haus«, wie »Panel 2« am 7. Mai lautet.

 

In dieser Ausgabe: Das Max Ernst Museum Brühl als surreale Wunderkammer von Robert Wilson (Seite 2). Niederlage per Bürgerentscheid in Mainz: Aus für den Turm am Gutenberg-Museum (Seite 5). Sozialarbeit: Helge Achenbach will Künstlern in Not helfen (Seite 7). Abgang und Einstieg: Chris Dercon und Kassel, eine Spekulation (Seite 10). Chefkuratorin Helen Molesworth, Los Angeles, mochte nicht kuschen (Seite 10). Musical-Mann Wolfgang Orthmayr als documenta-Geschäftsführer im Einsatz (Seite 12). Krach am Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg (Seite 13). Berlin: Einheitswippe und Grundstücksdeal (Seite 16). Preis-Check: Gert & Uwe Tobias (Seite 17). Neue EU-Regelung zur Einfuhr von Kulturgütern (Seite 21). Impressum (Seite 25).