Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Belinda Grace Gardner, Andrea Hilgenstock, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid, Bernhard Schulz und Claudia Steinberg

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 726 – Editorial

Informationsdienst KUNST 726

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  es ist bekannt, dass Berlins Kultursenator Klaus Lederer, Frontmann der Linken in der Hauptstadt, kein wirklicher Freund der bildenden Kunst ist. Mietendeckel und Enteignung, Soziokultur und Clubförderung – das sind seine Themen, zumal am 26. September die Doppelwahl Bund/ Land ansteht und die linke Klientel bedient werden will. Weniger bekannt ist, dass Berlins Regierender, Michael Müller, SPD, der im kommenden Bundestag sitzen wird und folglich das rote Rathaus verlassen möchte, in aller Stille dort unterwegs ist, wo man Lederer erwarten würde.

Klartext: Nicht Lederer, der tagelang angeblich keine Zeit hatte, sondern Müller war es, der sich in der zweiten April-Hälfte mit dem Duisburger Museumsdirektor und Bonner Stiftungschef Walter Smerling auf Tempelhof traf, wo der international agierende Impresario und Promoter die Großausstellung »Diversity United« einrichtete. Dabei flammte ein Gedanke auf, der schon seit Jahrzehnten in der Berliner Luft liegt, ohne von irgendjemandem mit Langzeitwirkung aufgegriffen worden zu sein. Smerling, der (unterstützt von einer stattlichen Sponsoren-Gemeinde) für sein einzigartiges Berlin-Moskau-Paris-Projekt im Hangar 2 und im Hangar 3 auf insgesamt rund 8 000 Quadratmetern Hallenfläche eine beeindruckende, stabile Ausstellungsarchitektur bauen ließ, gab den Impuls, dort dauerhaft eine Kunsthalle einzurichten.

Dass sich Michael Müller nicht abwehrend verhielt, sondern aufgeschlossen, war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass er selbst bald primär keine Landespolitik mehr macht. Müller kennt das Raum-Manko in Sachen Gegenwartskunst zur Genüge – zumal sich auf Bundesebene scheinbar nichts tut, gleichwohl seit langem bekannt ist, dass die Rieckhallen am Hamburger Bahnhof abgerissen und somit Tausende von Quadratmetern für das Zeitgenössische fehlen werden. Und: Müller weiß, dass die Hauptstadt mehr bieten muss, wenn sie nach Corona wieder für den weltweiten Tourismus interessant sein will. Dass Walter Smerling ausgerechnet den Begriff Kunsthalle wählte, um seinen Nutzungsvorschlag in die politische Debatte zu werfen, kommt nicht von ungefähr. Bekanntlich gab es von 1978 bis 1994 in Berlin die Staatliche Kunsthalle, die nach ihrer Schließung eine Reihe von Forderungen und temporären Initiativen auslöste, allesamt freilich weder mit Nachdruck noch mit Ausdauer versehen.

Dass »Diversity United«, diese bis Ende August vorgesehene und auch mit Unterstützung aus dem Auswärtigen Amt realisierte, überaus aktuelle Themen-Schau (mit 90 Künstlern aus 30 Ländern), einen großen Zulauf haben wird, ist jetzt schon klar. Allein die prominente Künstlerliste, versetzt mit noch zu entdeckenden Positionen, garantiert es, und der Hunger nach Kunst ist in diesen Pandemiezeiten ohnehin so ausgeprägt wie selten zuvor. Dass »Diversity United« und Walter Smerling zudem im absolut richtigen Moment eine Anregung geben, die sich Berlin nicht entgehen lassen darf, ist seit einem ersten Rundgang durch die beiden Hangars ebenfalls plausibel (zumal die solide gebaute Ausstellungsarchitektur gewiss übernommen werden könnte).

Denn die zuständige Tempelhof Projekt GmbH beschäftigt sich augenblicklich intensiv mit der künftigen Nutzung, ob als Technik- und Flugzeugmuseum, als Digital- und Kommunikationszentrum und/oder als Film- und Fernsehproduktionsstätte. Warum also nicht einen Teil als Kunsthalle nutzen, als Spielstätte für Gegenwartskunst? Warum sich nicht mit dem agilen »Diversity United«-Macher zusammentun – und sein Motto, »positive Signale in die Gesellschaft schicken, Zeichen von Hoffnung und Zuversicht«, kurzerhand umsetzen? Dass er was kann, dass er die besten Künstler und Kuratoren sowie die engagiertesten Beiräte und Sponsoren begeistern kann, obendrein für vielseitigen politischen Beistand zu sorgen versteht, das beweist er im Rahmen von »Diversity United«. Eine Chance für Berlin. Zugreifen!

In dieser Ausgabe: Wo Markus Lüpertz erstmals den Regisseur gibt (Seite 4). Wie sich Monika Grütters bei Parteifreunden unbeliebt macht (Seite 5). Was Cecilia Alemani in Venedig plant (Seite 8). Gallery Climate Coalition auch in Berlin (Seite 8). Serpentine Galleries ohne Sackler (Seite 10). Online-Kulturdialog mit Angela Merkel (Seite 11). Grandios: Neue Nationalgalerie (Seite 12). Einfallsreich: Bezahlmodelle der Museen (Seite 14). Ungeklärt: Kunstraub in Boston (Seite 16). Der Rausschmiss von Roland Nachtigäller (Seite 18). Der Duft von Rosemarie Trockel (Seite 20). Der Aufstieg von Lilli Hollein (Seite 21). Preis-Check: Oswald Oberhuber (Seite 21). »arte«-Doku: Ernst Ludwig Kirchner (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 725 – Editorial

Informationsdienst KUNST 725

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  darf ich die Anrede weiterhin so schreiben? Es geht bei dieser Frage natürlich nicht um die »Liebe«, davon kann man bekanntlich niemals genug bekommen. Es geht um den »Leser«, um das generische Maskulinum, mit dem man sich als alter, weißer Mann leicht in den Fettnapf setzen kann. Überall sehe ich mittlerweile Gendersternchen oder Sonderzeichen, jene Doppelpunkte und Schrägstriche, auch irritierende Unterstriche und befremdliche Pausen vor der »innen«-Nachsilbe (oder Binnen-I, mithin »LeserInnen«) – und wundere mich, dass bislang nicht eine einzige Leserin oder ein einziger Leser dieses Branchenbriefes Informationsdienst KUNST interveniert hat, weil ich konsequent, seit 30 Jahren, »Liebe Leser« schreibe.

Natürlich sind wir unter uns, und natürlich kenne ich viele Abonnentinnen persönlich, allesamt Frauen, die genau wissen, wer sie sind, was sie wollen, worauf es im Leben und in der Kunst ankommt. Vielleicht ist das die Erklärung, dass sich in diesen m/w/d-Zeiten niemand über meine vermeintliche Ignoranz aufregt, den Editorial-Einstieg schlank und konventionell zu halten. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg so, dass Sie alle ebenfalls jenen Sprach- und Schönheitssinn pflegen, der mich hindert, draufloszugendern und Worte zu verhunzen. Meines Erachtens ist es völlig absurd, per umständlicher Genderschreibweisen oder redundanter Doppelungen (»liebe Leserinnen, liebe Leser«) zu glauben, so könne eine gerechtere Welt entstehen.

Dass Gleichberechtigung von Männern und Frauen für alle, die für den Informationsdienst KUNST arbeiten, selbstverständlich ist, dokumentieren wir gemeinsam, Ausgabe für Ausgabe. Kollektives Anliegen von Chefredaktion, männlich, und Redaktion, überwiegend weiblich, vier zu eins. Ich habe gerade mal nachgezählt, dass wir 2020 wie üblich 25 Branchenbrief-Ausgaben verbreitet haben. Das bedeutet: 25 Titelfotos, auf denen insgesamt 29 Menschen zu sehen waren, nämlich 15 Frauen und 14 Männer. Ausgewogener kann’s doch kaum zugehen.

Auf Kosten der Sprache (inklusive sämtlicher grammatikalischer Verrenkungen) zu versuchen, die traditionsreiche Benachteiligung von Frauen im gesellschaftlichen Alltag wiedergutzumachen, ist nach meiner Einschätzung ein Irrtum, der von Feministinnen eigentlich angeprangert werden müsste. Denn ist es nicht so, dass die sogenannte gendergerechte Sprache ihre Schattenseiten zeigt, wenn man sie genau untersucht? Ergo: Wird Frau nicht auf ihr Geschlecht reduziert, wenn das übereifrige Sichtbarmachen des Weiblichen in der Sprache nun zu einer umstrittenen und für manche Verfechter:innen notwendigen, gar dominanten Identitätskategorie erhoben wird?

»Wer aus meinem ‚Schriftsteller‘ eine ‚Schriftstellerin‘ macht«, so hat sich die in Berlin geborene, jüdische Literatin Nele Rahel Pollatschek, Jahrgang 1988, kürzlich beklagt, »kann auch gleich ‚Vagina‘ rufen«: Sie wisse, was Diskriminierung sei, aber Gendern sei keine Lösung. Sexistisch empfinde sie es. In der bildenden Kunst gibt es hinlänglich Künstlerinnen, die sich nicht als fein ziselierende Sprachpolizistinnen aufspielen mögen, die nix auf die Goldwaage legen, sondern das Anliegen der Frauen lieber raumgreifend sichtbar machen. Ich denke zum Beispiel an Monica Bonvicini, 1965, Venedig, die den Macho Man permanent auf den Prüfstand stellt.

Summa summarum: Wenn sich jetzt Ihrerseits, liebe Leser, kein Widerstand regt, der mich in der Sache überzeugt und zur Umkehr verleitet, dann bleibt es bei »Liebe Leser« – und Sie wissen, dass ich damit Sie alle meine, ob weiblich, männlich oder divers, ob Feminist:in oder Chauvinist:in. Einer der renommiertesten Meister der Konkreten Poesie, Heinz Gappmayr, ist zwar tot, doch etliche der Sprachkünstler leben, darunter Robert Barry, Jochen Gerz, Eugen Gomringer, Jenny Holzer, Barbara Kruger, Franz Mon, Gerhard Rühm und Lawrence Weiner. Könnten sie nicht mal mit den Mitteln der Kunst zeigen, wie Gendersternchen tanzen und sich dann verdünnisieren? Ohne weitere Debatte.

In dieser Ausgabe: Das Wagnis Architektur-Biennale, Venedig (Seite 5). Das Problem Benin-Bronzen, Berlin (Seite 7). Humboldt Forum und Mikroaggressionen (Seite 8). Sotheby’s und Gebotsfehler (Seite 10). Antoine Vitkine und ein Finger in der Leonardo-Wunde (Seite 10). Ann Freeman und der Untergang der Knoedler Galerie (Seite 13). Relativ gut durch die Krise: Kunstvereine (Seite 13). Fair und nachvollziehbar: Leitlinie Ausstellungsvergütungen (Seite 15). Rosemarie Trockel und die neue Kollektion von Bottega Veneta (Seite 17). Sebastian Brünger und das Klima-Pilotprojekt der Bundes-Kulturstiftung (Seite 18). Lynn Goldsmith und der Copyright-Prozess wegen Andy Warhol (Seite 20). Preis-Check: Daniel Knorr (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 724 – Editorial

Informationsdienst KUNST 724

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ich habe Feierlaune, obgleich nicht gefeiert werden darf. Aber im Rückblick kommt dennoch festliche Stimmung auf, ein wenig. Als vor genau 30 Jahren, am 5. April 1991, die Nummer eins dieses Branchenbriefes erschien, als der Informationsdienst KUNST erstmals seine Abonnenten erreichte, jene hochkarätige Schar einflussreicher Multiplikatoren, war von Anfang an klar, dass es um kritischen Journalismus gehen wird. Schon in der Start-Ausgabe, damals noch von Hamburg aus verbreitet, und im Kontext der Ausstellungen zum Sechzigsten von Heinz Mack wurde berichtet, dass der ZERO-Mitgründer nach einem Atelier-Brand, 1984, ein zerstörtes Violinen-Objekt seines Kollegen Arman kurzerhand nach eigenen Vorstellungen »restauriert« und in den Handel gebracht hatte. Dubioses Zwielicht, wo es bislang um reines Licht ging.

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer wieder Auseinandersetzungen, die teils sogar vor Gericht beendet werden mussten. Mit einem gewissen Stolz lässt sich behaupten, dass sich der Dienstmann, seinen Lesern und der Wahrheit verpflichtet, nicht kleinkriegen ließ. Ein Beispiel: Als der Informationsdienst KUNST am 15. Juli 2010 in der Branchenbrief-Ausgabe 457 vor allen anderen Medien über die sogenannte »Sammlung Werner Jägers« berichtete und damit angeblich die ohnehin längst tätigen Ermittlungsbehörden zur unverzüglichen Festnahme der Beltracchi-Gang trieb, wurde der größte Kunstfälscher-Skandal der Nachkriegsgeschichte publik. Aber ein später zur Zahlung einer Geldstrafe verdonnerter, inzwischen ehemaliger Museumsdirektor, der Helene und Wolfgang Beltracchi geholfen hatte, reichte Klage ein – und musste schließlich, 2012, doch immerhin die gerichtlich bestätigte Kritik hinnehmen, dass er sein Haus tatsächlich zur »Drehscheibe für gefälschte Bilder« gemacht hatte,wie hier behauptet.

Der Informationsdienst KUNST erhielt seinerseits gewissermaßen einen presserechtlichen Denkzettel, weil er, um radikale Aufklärung der den ganzen Kunstbetrieb belastenden Straftaten bemüht, kurzerhand auch aus staatsanwaltlichen Ermittlungsakten sein Wissen bezog. Das aber, so das Landgericht Köln, hätte journalistisch nicht verwertet werden dürfen. Von einer »vorverurteilenden Verdachtsberichterstattung« war die Rede. Gleichwohl brachte auch dieser Prozess tüchtig Bewegung in die Aufklärung sämtlicher Vorgänge um Beltracchi & Co.

Einblicke in den Kunstbetrieb zu geben, den Markt und seine Affären zu analysieren, die Museumslandschaft aufmerksam zu scannen, selbstverständlich auch kulturpolitische Entwicklungen zu beurteilen, ist freilich eine Aufgabe, die heutzutage nur noch – dafür ein besonderes Danke – mit Hilfe eines überaus qualifizierten Mitarbeiter-Teams zu bewältigen ist. Die Nachrichtenflut hat schließlich in den vergangenen drei Jahrzehnten massiv zugenommen. Und den Bogen zur Kunst zu spannen, ist absolute Voraussetzung, um selbst zu verstehen und angemessen zu kommunizieren, was in der Branche vonstattengeht. Seit April 1991 hat sich viel verändert, so muss ich protokollieren. Damals befand sich Jean-Christophe Ammann, der exzessiv Leidenschaftliche, im Endspurt vor der Eröffnung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, und nicht weniger sinnlich ging es im Umfeld von Jan Hoet zu, inzwischen ebenfalls verstorben, der schnurstracks auf dem Weg zur documenta 9 war, die 1992 stattfand.

Hatte sein Vorgänger Manfred Schneckenburger, d 6 und d 8, einst vom Paradigmenwechsel gesprochen und geschrieben, fand der wahre Paradigmenwechsel erst zwischen der d 9 und der folgenden statt, von Catherine David verantwortet. Ihre überaus intellektuell infiltrierte Großausstellung führte die Gegenwartskunst vor knapp einem Vierteljahrhundert in eine neue Zeit, in der sich nicht mehr alles um die Identität des Künstlers und um das Kunstwerk selbst drehte. Es diente vielmehr, in Abgrenzung zur Nachkriegsavantgarde, als Filter der Erkenntnis in einer vielfach belasteten Welt. Risiko inklusive. Denn schon 1997 wurde in Kassel deutlich, dass die Hinwendung zur Auseinandersetzung mit der gesellschaftspolitischen Lage das Kunstwerk auch mutieren lassen kann – zur narrativen, illustrativen Arbeit.

Kolonialismus und Rassismus, Gender, Inklusion und Umwelt – Themen ohne Ende, die heutzutage in den Ateliers präsent sind oder allemal unterschwellig mitschwingen, wenn Künstler artikulieren, bildnerisch formulieren. Keine Chance mehr, pur und aus sich selbst heraus, nur innovativ orientiert, das Neue zu erfinden. Jede Verweigerung zeitgemäßer Statements ist bereits ein Statement. Ergo: Die künstlerische Freiheit endet, wo Künstler der Freiheit halber unter Druck stehen, die Dramen dieser Welt zu inszenieren. Ob von außen direkt aufgefordert, Erwartungsdruck also, oder durch innere, politisch korrekte Überzeugung ausgelöst, spielt dabei keine Rolle. Tatsache ist, dass die Kunst 2021 eine andere als jene von 1991 ist. Warum also wundern, wenn derzeit Distribution und Kommunikation in der Kunstbranche auf Ebenen stattfinden, die vor 30 Jahren nicht vorstellbar waren?

In dieser Ausgabe: Sechs auf einen Schlag – Smithsonian sucht neue Direktoren (Seite 7). Bis zur letzten Minute – Christie’s und Sotheby’s akquirieren ohne Deadline (Seite 9). Schwarzer Peter beim Land Berlin: Freiheits- und Einheitsdenkmal (Seite 10). Goldrausch im Kunstmarkt: Non Fungible Tokens (Seite 12). Witte de With in Rotterdam nun als Melly (Seite 13). Gewerkschaft FAU in München gegen Walther König (Seite 15). Knapp 18 Milliarden im Jahr 2020 nicht ausgegeben: Bundesregierung, Berlin (Seite 16). Rechnung mit 50 000 Besuchern pro Jahr: Privatmuseum Andrew Hall, Schloss Derneburg (Seite 19). Über 100 000 Server zerstört: Kulturdaten in Gefahr (Seite 22). Preis-Check: Gerwald Rockenschaub (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 723 – Editorial

Informationsdienst KUNST 723

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es gab Zeiten, in denen man sich nicht im Geringsten vorstellen konnte, dass die Überlegung, aus dem Katzentisch-Ministerium der BKM ein eigenständiges Ministerium zu machen, irgendeine Chance haben könnte. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien selbst, Monika Grütters, im Kanzleramt nur als Staatsministerin und somit in Abstimmung mit Angela Merkel tätig, hatte auf entsprechende Nachfragen immer wieder betont, wie vorteilhaft die Schreibtisch-Nähe zur Bundeskanzlerin für die Kultur sei. Es schien so, als wolle die BKM gar nicht erwachsen werden, als habe Muttis schützende Hand immerdar ihren Vorzug.

Das ist mittlerweile offenbar anders. Zumindest äußerte sich die Christdemokratin Grütters kürzlich, mehr nebenbei, in einem umfangreichen Interview mit der »Süddeutsche Zeitung«, dass das Kulturessort nach über zwei Jahrzehnten deutlich an Statur gewonnen habe, dass die Zeit reif sei, ein selbstständiges Bundesministerium entstehen zu lassen. Richtig, natürlich. Ein Thema wohl auch für den nun einsetzenden Bundestagswahlkampf. Indessen: Während sich die Grünen, die potentiellen Regierungspartner der CDU, durchaus vorstellen könnten, ein neues Doppelministerium aus Bildung/Wissenschaft und Kultur zu formen, plädiert Monika Grütters energisch für ein eigenständiges Haus.

Groß genug ist der Aufgabenbereich, keine Frage. Und die ungeheuren Anforderungen, die sich aus dem Beistand für die Kulturszene allein während der Pandemie und ihrer Lockdowns ergeben haben, lassen ohnehin keinen Zweifel aufkommen, dass nicht genug zu tun sein könnte. Zumal die angesagte Agenda der Kulturpolitik noch lange nicht komplett abgearbeitet ist, wäre es tatsächlich sinnvoll, das Ressort nun mit mehr Kompetenz auszustatten, es aufzuwerten. Dann könnten künftig auch kaum wiedergutzumachende Fehler der Regierung vermieden werden (zur Erinnerung: Merkel und ihr Amtsknappe Helge Braun verwechselten Kultur und Freizeit).

Der politische Rückhalt ist, quer durch die meisten Fraktionen im Deutschen Bundestag, beachtlich zu nennen. Während der Deutsche Kulturrat seit 1998 für ein richtiges Kulturministerium wirbt, taten sich die meisten Politiker mit dem Gedanken bislang schwer. In diesen Wochen scheint sich der Wind auf Bundesebene allerdings zu drehen. Von der FDP bis zur Fraktion Die Linke – allerlei Signale, dass die Kultur wie Wirtschaft, Justiz oder Außenpolitik ein eigenes Ministerium haben müsse.

Nur die Kulturministerinnen und Kulturminister der Länder haben sich, angestachelt wohl von Carsten Brosda, SPD, Hamburg, und Klaus Lederer, Die Linke, Berlin, am 19. März auf den Föderalismus berufen und sich zunächst quergestellt. Leider. Aber das Thema kann damit nicht beerdigt sein. Wiederaufnahme der Debatte erwünscht und durchaus möglich.

Bei dieser Gelegenheit wäre dann freilich darüber nachzudenken, ob sich Deutschland nach der Bundestagswahl 2021 kulturpolitisch weiterhin zweigleisig bewegen will, nämlich einmal über die BKM-Nachfolge, einmal über die Schiene Auswärtiges Amt. Das ist bislang nicht ernsthaft diskutiert worden, weil sich die beiden verantwortlichen Staatsministerinnen, Grütters, CDU, und Michelle Müntefering, SPD, öffentlich nicht ins Gehege kamen. Aber Überschneidungen gibt es. Vereinen, was zusammengehört, so muss jetzt die Empfehlung lauten.

In dieser Ausgabe: Über 100 Arbeiten von Gerhard Richter für Berlin (Seite 2). Neuer Gründungsdirektor für die Bundesstiftung Bauakademie (Seite 3). Archäologen als »Neustart«-Helfer für Monika Grütters (Seite 7). Auf und zu: Museen im Lockdown (Seite 8). Arroganz und Ignoranz: Städelschule (Seite 10). Pixel und Beepl: Rekordpreis (Seite 12). Alter Wein, neue Schläuche und der Fall Werner Haftmann (Seite 14). Essen, Düsseldorf und das Fotografie-Institut (Seite 15). Die Gier der Privatradio-Macher (Seite 16). Die Selbstzerlegung des Deutschen Künstlerbundes (Seite 17). Die AfD als Opfer im Deutschen Bundestag (Seite 21). Zwischen Hoffen und Bangen: Berliner Galeristen (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 722 – Editorial

Informationsdienst KUNST 722

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  spricht man vertraulich mit Mitarbeitern der Staatlichen Museen zu Berlin, dann spürt man in diesen Wochen einen gewissen Optimismus. Die vom Wissenschaftsrat geforderte Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll in den Museen zu mehr Eigenständigkeit führen, und es scheint im ersten Moment der Betrachtung so, als sei es durchaus möglich, dass sich die Direktoren nun mit ihren Vorstellungen einbringen können. Die unbeantwortete Frage lautet freilich, wie gründlich das geschieht, wie Wissenschaftler, die lange in einem hierarchisch strukturierten, letztlich preußischen Führungsmodell tätig waren, überhaupt noch in der Lage sind, radikal zu denken und zu agieren.

Klartext: Wenn die Berliner Museumsdirektoren Friederike Seyfried-Kampp, Ägyptisches Museum, und Andreas Scholl, Antikensammlung, im vergangenen Herbst mutig (oder unbedacht) eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihren Chef, den Generaldirektor Michael Eissenhauer, eingereicht haben und nun, wenige Monate später, darüber nicht mehr reden wollen, dann schwingt da immer noch eine gewisse Obrigkeitshörigkeit mit. Die lässt Zweifel aufkommen, ob Leute wie Seyfried-Kampp und Scholl wirklich geeignet sind, mit dem übermächtigen Stiftungspräsidenten Hermann Parzinger, dem Chef vom Chef, etwas Neues zu entwickeln.

Immerhin geht es für Parzinger auch um den Erhalt des eigenen Amtes, um die Stiftung, die er laut Wissenschaftsrat zerschlagen müsste, bevor er selbst in den Ruhestand wechselt. Dass die wegen der aktuellen Dysfunktionalität der Struktur geforderte Neuausrichtung bereits jetzt im Reformkommission-Nebel unterzugehen droht, wird anhand von manchen offiziellen Äußerungen deutlich. So hat Matthias Wemhoff, Vor- und Frühgeschichte, kürzlich gesagt, die Stiftung müsse nicht automatisch schwächer werden, wenn sich die Staatlichen Museen stärker machen. Klingt wie Wemhoff-Trost für die Verteidiger einer Struktur, die aus dem 19. Jahrhundert kommt.

Die Museumsdirektoren müssen jetzt aufpassen, dass sie im Zuge ihrer konzertierten Kompromissaktion nicht in die Abseitsfalle tappen. Wo ernstzunehmende Gegner fehlen, weil sich Eissenhauer beispielsweise längst in die innere Emigration verabschiedet hat, weil noch kein vom Wissenschaftsrat geforderter Generalintendant angetreten ist, da loben sie sich selbst (»unser Vorstoß in Richtung kollegiale Führung wäre eine Innovation«, so Seyfried-Kampp). Wo sie dagegen nach wie vor Präsenz spüren, vielleicht auch Widerstand, da loben sie plötzlich die vormals scharf Kritisierten (»der Präsident hat mit uns eine Vision entwickelt«, so Wemhoff).

Es keimt der Verdacht, dass eine »Reform light« in Vorbereitung ist, die am Ende zwar zwei durchaus verzichtbare Führungsetagen weniger bietet (Udo Kittelmann ist schon weg, Eissenhauer wird folgen), doch ansonsten könnte dieses Konstrukt immer noch viel zu weit von echter Erneuerung entfernt sein. Denn faktisch haben weder Kittelmann noch Eissenhauer etwas blockiert, aber sie konnten, aus unterschiedlichen Gründen, auch nichts beschleunigen. So läuft nun, leider, alles auf eine Lösung hinaus, die keine ist. Personal- und Etathoheit wohl weitgehend bei Parzinger, und die Direktoren spielen Demokratie, wählen »Sprecher auf Zeit«, wie es in einem internen Arbeitspapier heißt, und machen ihr Programm. Mit Verlaub: Das wird so nix. Zunächst tiefer bohren und es tüchtig eskalieren lassen.

In dieser Ausgabe: Neues Zusammenspiel zwischen Damien Hirst und Larry Gagosian (Seite 3). Bewährte Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Auslandsbeziehungen und dem Auswärtigen Amt (Seite 5). Heftiger Zusammenprall zwischen Cy-Twombly-Stiftung und Louvre (Seite 8). Bonn: Das Septett von Eva Kraus (Seite 10). Berlin: Der Kampf von Bénédicte Savoy (Seite 11). Shitstorm wegen »white« (Seite 13). Stress wegen Anonymität (Seite 14). Streit wegen Bronze-Nachguss (Seite 15). Muss mehr zahlen: Jeff Koons (Seite 15). Setzt aufs Kreuz: Gregor Schneider (Seite 18). Freut sich auf Hamburg: Lars Eidinger (Seite 18). Neue Nationalgalerie vor Wiedereröffnung (Seite 20).
Beuys-Atelier zum Verkauf (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 721 – Editorial

Informationsdienst KUNST 721

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, bis vor kurzem dachte man, dass Städtewettkämpfe heutzutage kein Thema mehr sein können. Hinlänglich bekannt, wie früher gefightet wurde, wie im Rheinland, von Köln aus, verächtlich nach Düsseldorf geschaut wurde, wie im Gegenzug in den Altbierkneipen der Landeshauptstadt gelästert wurde, ging es um Kölle und Kölsch. Auch die Akademie-Scharmützel im Osten, nämlich in Dresden und Leipzig, sind unvergessen, und in Baden-Württemberg gab es so manches Duell auf der Achse Karlsruhe/Stuttgart. Oder in Bayern, dank Nürnberg/München. Eigentlich Schnee von gestern.

Eigentlich. Denn derzeit flammt vielerorts etwas auf, was an jene teils Jahrzehnte zurückliegenden Geplänkel denken lässt. Das augenscheinlichste Beispiel stammt aus Frankfurt am Main, wie die Titelstory dieser Branchenbrief-Ausgabe kommuniziert. Dort schielt man nach Wien, nimmt Maß, wenn man die eigene Reputation aufwerten will, sich stärker ins Gespräch bringen will. Public Relation, Marketing, Masterplan, dieses Feeling oder jenes, immer in Abgrenzung zu echten und vermeintlichen Mitbewerbern, als ginge es primär nur darum, den Städte-Tourismus neu zu eigenen Gunsten anzukurbeln. Corona und die Folgen?

Womöglich. Denn Frankfurt hat an seinem Museumsufer viel zu bieten, muss sich wirklich nicht verstecken. Aber vielleicht geht es schlichtweg darum, dass die sogenannte Tourismusabgabe, die etliche Millionen in den Stadtsäckel schwemmt, verpulvert werden muss. »Werbung für alle«, wo einst dank Hilmar Hoffmann, dem legendärsten deutschen Kulturdezernenten einer Großstadt, »Kultur für alle« proklamiert wurde. Der jüngste Trend zur Image-Vermarktung der Kommunen passt freilich in die Zeit, weil auf der Bund-Länder-Schiene viel gewirbelt und auch verordnet wird, Beispiel Merkels sonderbares Krisen-Kabinett, was letztlich kommunal umgesetzt werden muss.

Zu Recht erinnerte Kulturrat-Chef Olaf Zimmermann vor kurzem an die exakt 50 Jahre zurückliegende Hauptversammlung des Deutschen Städtetags. Im Sog von Mitscherlichs »Unwirtlichkeit der Städte« wurde damals eine Rettungsaktion der Kommunen angezettelt, weil man allerorten Defizite ausmachte, darunter auch die unzureichende Finanzierung. Bedenkt man nun, dass sich im Moment überall, nicht nur in München, wie im ID 717, Seite 22, knapp berichtet, der Sparfuchs in die Rathäuser schleicht und den Rotstift für 2022 tanzen lässt, dann wird einem angst und bange, was das für die Kultur bedeutet. Dass sie im Streichkonzert der Kämmerer zuerst auf der Strecke bleiben könnte, das steht zu befürchten, das gilt es zu verhindern. Notfalls auch durch Umlenkung der Tourismusabgaben.

In dieser Ausgabe: Der Vatikan und die Abstandsregeln (Seite 4). Klaus Biesenbach in Los Angeles, MOCA (Seite 6). Der Deutsche Museumsbund und die Kontakt-Nachverfolgung (Seite 7). Maria Eichhorn in Venedig, Biennale (Seite 7). Neue Museen in Washington, Smithsonian (Seite 9). Sand im Getriebe: Kunsthandel in London (Seite 10). Moral im Spiel: Rechtsstreit mit den Hohenzollern (Seite 12). iPhone vonnöten: Clubhouse (Seite 13). Lockdown-Protest der Basler Museumsdirektoren (Seite 15). Auktionshaus-Attacke der Galerie Wilmsen (Seite 16). Personal-Karussell auf der Insel Hombroich (Seite 16). Konzertierte Aktion der Kulturzeitschriften-Verlage (Seite 19). Preis-Check: Gilbert & George (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 720 – Editorial

Informationsdienst KUNST 720

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wie zu Kaisers Zeiten: Im Auswärtigen Amt in Berlin, so hieß die Institution schon damals, wird Außenpolitik gemacht, und als vor drei Jahren unter den drei Staatsministern, die Heiko Maas als Außenminister behilflich sind, auch die mittlerweile 40-jährige Sozialdemokratin Michelle Müntefering auftauchte, war man geneigt, die Personalie zu begrüßen. Denn Müntefering, gelernte Kinderpflegerin, studierte Journalistin, seit über zehn Jahren mit dem ehemaligen Vizekanzler Franz Müntefering verheiratet, sollte sich speziell um auswärtige Kulturpolitik kümmern.

Freilich durfte man sich 2018 fragen, was die Bundesregierung plant, wenn sie, nun sauber von den zahlreichen inländischen (Grütters-)Aktivitäten getrennt und auch nach außen wirkungsvoll inszeniert, eine prominente Bundestagsabgeordnete zum Einsatz bringt. Spätestens 2020, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, hätte man eine Müntefering-Offensive vermutet. Indes: Allein die dürftige Rede vom 1. September 2020 zeigte, dass diese Staatsministerin völlig überfordert ist. Dass wir »für eine lebendige Demokratie die Kultur brauchen«, dass »Kulturpolitik Gesellschaftspolitik« sei – drei Seiten heiße Luft, mehr nicht.

So geht das nun Jahr für Jahr, ohne das letztlich klar würde, was die Staatsministerin, die immerhin über einen satten Milliarden-Etat verfügt, eigentlich unter auswärtiger Kulturpolitik versteht, was sie treibt, was in diesem Büro passiert (zumal sie von Andreas Görgen und der Abteilung 6 durchaus kompetente Unterstützung bekommen könnte). Das altbewährte Goethe-Institut-Programm lesen? Oder DAAD-Mittelbeschaffung? Gar »Friedensarbeit«, wie sich Müntefering Ende 2019 auf ihre Agenda schrieb? Reisevorbereitungen? Als sie einmal nach Moskau flog, um einen stellvertretenden Minister der Russischen Föderation zu treffen, erhielt sie nach eigenen Angaben »interessante Einblicke in einen vibrierenden und dynamischen Wachstumsbereich«; gemeint war die russische Kreativwirtschaft.

Das Mitleid packt den Beobachter, wenn man sich im Auswärtigen Amt (wo insgesamt und somit weltweit über 11 000 Mitarbeiter tätig sind) schlau macht, wer Michelle Müntefering ist, was sie leistet. Wohlwollend wissen Informanten, dass sie, die ministeriell geadelte Autorin, laufend Grußworte verfasse, dass sie zur Eröffnung des »Indian Design Summit« aktiv geworden sei, dass sie anlässlich der Preisverleihung »Europa im Film« cineastisch eingestimmt habe, dass sie auch für »Young People Remember« ein paar Sätze spendierte.

Mit Verlaub: Das reicht nicht. Eine Staatsministerin sollte in ihrem Zuständigkeitsbereich, also Internationale Kulturpolitik, einzigartige und innovativ geprägte Signale geben und entsprechende Weichen stellen. Viel Zeit, es besser zu machen, bleibt Müntefering nicht. Im September findet die Bundestagswahl statt – und dann gibt’s voraussichtlich eine neue Regierung, ohne Sozialdemokraten.

In dieser Ausgabe: Fortan ist Udo Kittelmann als künstlerischer Leiter im Museum Frieder Burda tätig (Seite 2). Sterberaum light – von Gregor Schneider im Staatstheater Darmstadt (Seite 4). Erfolg für Monika Grütters – eine weitere Neustart-Milliarde für die Kultur (Seite 5). Brexit und die Folgen (Seite 6). Museen und Impf-Privilegien (Seite 7). Nachlass-Chaos: Streit um Franz West entschieden (Seite 10). Wunsch-Erfüllung: Helga de Alvear hat ihr Museum erweitert (Seite 11). Krisen-Gespräche: Walter Smerling im Dauereinsatz (Seite 12). Die Galerie Gmurzynska wehrt sich (Seite 14). Gabi Czöppan vertut sich (Seite 15). Ludwig von Pufendorf meldet sich (Seite 20). Preis-Check: Joseph Beuys (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 719 – Editorial

Informationsdienst KUNST 719

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, einer meiner ehemaligen Professorenkollegen der Akademie in Nürnberg, Karlheinz Lüdeking, schrieb vor einigen Tagen in der »FAZ« über Adolf Loos, und sein Schlusssatz beschäftigt mich immer noch. »Systemrelevant wird die Kunst erst dann, wenn sie den Eindruck erweckt, nicht systemrelevant zu sein« – so der Kunsttheoretiker im Kontext seiner These, dass die Kunst eine bessere Welt verspreche und damit die Gewissheit lindere, »dass diese doch nie kommen wird«.

Einhundertfünfzig Jahre nach der Geburt von Loos haben solche Gedanken eine verblüffende Aktualität, weil alle, mehr aussichtslos als hoffnungsvoll, in der geistigen Corona-Tunke dümpeln, weitgehend anregungsfrei eher verblöden als erleuchtet aufsteigen. Schock-Starre, Schmalspur-Denken, Werk-Blockade – nix los, ob Loos oder Fest.

Apropos Fest, Joachim Fest, einst »FAZ«-Feuilleton-Chef, als ich dort meine ersten Kritiken veröffentlichen durfte: Der vor 15 Jahren gestorbene (Kunst-)Historiker, ein echter Schreibtisch-Täter, sprach gerne vom »Auftrittsvergnügen«. Das beobachtete er über ein Vierteljahrhundert lang beim exzentrischen Zeichner Horst Janssen, mit dem er freundschaftlich verbunden war; das galt aber auch für ihn selbst. Fest, der in jungen Jahren für den RIAS Berlin und den NDR gearbeitet hatte, trat zeitlebens gerne an die Rampe, um als konservativer Intellektueller mit einem Hang zur mentalen Ausschweifung (seine Gespräche mit Ulrike Meinhof!) sendungsbewusst zu kommunizieren.

Ich frage mich, was Janssen und Fest, aber auch andere, jüngere Helden der Kultur, ob Kippenberger oder Schlingensief, heute tun würden, wenn sie auf Rampen und Kneipen sowie auf Museen und Theater verzichten sollten, wenn sie ohne Nacht- und Kulturleben durch diese Pandemie-Zeit kommen müssten. Das Digitale, so behaupte ich, wäre kein Ersatz. Das Schmoren im eigenen Denkstuben- oder Werkstatt-Morast kein dauerhaftes Vergnügen.

Denn die Auftritte sind es doch, und das in allen Disziplinen, die das Echo liefern, um die eigene Arbeit voranzutreiben, fortzuführen. Im Gegenzug: Untergang, wo sich der Geist nicht über den Körper äußern kann, wo die Performance notgedrungen fehlen muss. Tausende von Künstlern und Vermittlern, sind wir doch mal ehrlich, zweifeln in diesen immer wieder neu einsetzenden Quarantäne-Phasen an ihrem Beruf, an ihrer Berufung, an sich selbst, letztlich am Leben. Ein Trauerspiel.

Wenig tröstend, wenn Lüdeking, gewiss gut gemeint, zwischen den Zeilen rät, Systemrelevanz in aller Stille anzustreben. Nein, liebe Leser: Allmählich reicht’s. Schluss mit unserer Geduld. Laut werden! »Öffnet die Museen« – haben Susanne Gaensheimer und Julia Stoschek unisono in der »Süddeutschen« (18. Januar) gefordert. Nicht ohne nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass Kunstorte Rettungsinseln sein können, die diese Gesellschaft gerade jetzt dringend braucht.

In dieser Ausgabe: Allein der Louvre beklagt für 2020 einen Verlust in Höhe von 90 Millionen Euro (Seite 2). Die Art Basel wird erneut verschoben (Seite 3). Das Städel Museum arbeitet an seiner Zukunftssicherung (Seite 5). »Niemals nie sagen«: Ernst-Christoph Stolper, Die Grünen, und die Kultur (Seite 7). »Mangel an Diversität«: Naomi Beckwith übernimmt Spector-Stelle am Guggenheim (Seite 8). Zaha Hadid, ein Rechtsstreit und ein Museumsplan (Seite 11). Sotheby’s und die Sammlung von Christo und Jeanne-Claude (Seite 11). Humboldt Forum, Benin-Bronzen und die Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 15). Markt-Situation Philip Guston (Seite 16). Bayreuth-Interesse Hermann Nitsch (Seite 18). Preis-Check Yayoi Kusama (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 718 – Editorial

Informationsdienst KUNST 718

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in Süddeutschland und vereinzelt auch andernorts wird die Geldbeutelwäsche gepflegt. Sie hat nichts mit Geldwäsche zu tun. Aus der schwäbisch-alemannischen Fastnacht kommend, angeblich seit dem 15. Jahrhundert eine Tradition, treffen sich aschermittwochs die Narren am Fluss oder am See, um in der Tat leere Geldbeutel zu reinigen – freilich in der Hoffnung, dass dann neues Geld in die Beutel gespült werde. Weil der Karnevalstrubel in diesem Jahr, pandemiebedingt, ausfallen muss, wird in vier Wochen zwar kaum damit zu rechnen sein, dass sich die Stadtspitzen mit den Bürgern zum Waschgang treffen, doch womöglich ist das auch gar nicht vonnöten.

Dachten wir vor Monaten noch, dass Corona 2020 den ganzen Kunstmarkt platt macht, dass eine komplette Branche auf der Strecke bleiben wird, zeigt sich nun im Rückblick, wie wenig die Voraussage vollumfänglich zutrifft. Natürlich haben einige Galerien nicht nur wegen Lockdown dichtmachen müssen, sondern für immer, weitere werden folgen, wenn jetzt die Insolvenz-Toleranz versiegt, doch alles in allem sieht die Lage nicht so schlecht aus, wie es zu erwarten war. Denn immerhin sind seit der abgebrochenen TEFAF 2020 in Maastricht nahezu alle nennenswerten Messen gestrichen worden, und eine Ungewissheit in Bezug auf 2021 lastet notgedrungen weiterhin auf der Szene.

Doch offenbar haben viele Galeristen in der Krise die Chance genutzt, ihre Vermittlungsarbeit zu intensivieren. Arbeit am Telefon. E-Mail-Austausch. Bestehende Sammler-Kontakte mündeten durch individuelle, direkte Ansprachen zielführend in Verkaufsabschlüssen, und per Aktivierung digitaler Möglichkeiten wurde der Kreis potenzieller Kunden wesentlich erweitert. Rundum erstaunlich viel Zufriedenheit seitens der Händler, die teils auch aus dem »Neustart«-Programm der Bundesregierung gefördert werden (siehe Seite 7).

Die positive Grundstimmung in den Galerien deckt sich mit den Zahlen, die man in den Auktionshäusern registrieren darf. 74 Millionen Dollar für Francis Bacon bei Sotheby’s, rund 41 Millionen für Roy Lichtenstein bei Christie’s, gut 35 für David Hockney bei Phillips – durchaus stattliche Ergebnisse auf internationaler Ebene. Im deutschen Auktionshandel, wo die Millionen-Erlöse bekanntlich die Ausnahme darstellen, sieht es ebenfalls gut aus. 2020 war beinahe ein Jahr der Verdoppelung angesetzter Schätzpreise. Beachtliche Zuschläge. Bei Ketterer in München, nur ein Beispiel, schossen die Preise für Ernst Ludwig Kirchner in die Höhe. Im Sommer brachte eine Dorfstraße mit Apfelbäumen 850 000 Euro, und ein Haus in der Landschaft und mit biographischem Hintergrund erzielte sogar 1,35 Millionen, obgleich es mit einer Taxe von 500 000/700 000 Euro versehen war.

Beutelwäsche hin oder her: Genug Geld also vorhanden, einigermaßen rosige Aussichten für 2021 zu attestieren. Obgleich die Galerienstudie 2020 des Instituts für Strategieentwicklung, Berlin, von 40 Prozent Verlust allein in den Galerien berichtet, fällt die Umsatz-Beurteilung, subjektiv betrachtet, deutlich besser aus. Das mag daran liegen, dass – wider alle Fakten – ein gewisser Optimismus in vielen Branchen-Gesprächen aufflammt, weil man weniger Kosten (etwa wegen ausgefallener Messen) verbucht, auch Nachsicht seitens der Vermieter oder staatliche Förderung erfahren hat. Es scheint außerdem so zu sein, dass zur Zeit die Privatsammler, die auf Urlaubsreisen, Restaurantbesuche und andere Ausgaben verzichten müssen, gerne mal ein Stück Kunst mehr als üblich erwerben (laut DZ Bank konnten deutsche Privathaushalte 2020 knapp 400 Milliarden zusätzlich sparen, verglichen mit 2019). Summa summarum: Auch wenn es den Realisten unter uns schwerfällt, versuchen wir, gemeinsam zuversichtlich zu sein, 2021 als ein Jahr des allmählich einsetzenden Auftriebs willkommen zu heißen.

In dieser Ausgabe: Kultur als Staatsziel – ein Fall fürs Grundgesetz (Seite 5). Biennale mit Vorlauf – Manifesta plant langfristig (Seite 6). Förderung der Galerien – dank BKM und Kunstfonds (Seite 7). Chemnitz als Kulturhauptstadt bestätigt (Seite 9). Kulturstaatsministerin als Kirchenanwältin aktiv (Seite 10). Christoph Büchels »Barca Nostra« als Streitobjekt im Gespräch (Seite 12). Leere Hülle: Humboldt Forum Berlin (Seite 15). Scharfe Regeln: Ausfuhr aus Großbritannien (Seite 15). Irritierender Deal: Beltracchi/Buchmann (Seite 19). »Monopol« ohne Verleger Christoph Schwennicke (Seite 21). Kunstvereine in Bayern mit Heimat-Auflage der Freistaat-Regierung (Seite 22). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 717 – Editorial

Informationsdienst KUNST 717

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, den Vorweihnachtstagen und der letzten Branchenbrief-Ausgabe 2020 geschuldet, drängt sich das Bedürfnis auf, Bilanz zu ziehen, das Kunstjahr nun Revue passieren zu lassen. Natürlich lässt sich räsonieren, dass Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft nicht wirklich genutzt hat, um für die Kultur etwas zu erreichen. Die Spur zieht sich vom unbearbeiteten Mehrwertsteuer-Problem bis zum lausigen Förderetat »Kreatives Europa«, trotz Erhöhung auf 2,2 Milliarden Euro nur auf dem Niveau des deutschen Kulturhaushalts für 2021 (siehe ID 716, Seite 12). Natürlich könnte man nörgeln, dass das von der Politik vollmundig als »Kulturort neuen Typs« angekündigte Humboldt Forum in Berlin letztlich nicht viel mehr als eine konventionelle Museumsstätte sein wird, wenn es denn endlich zugänglich sein darf. Und über die sich in Eigenregie umzuformende beziehungsweise aufzulösende Stiftung Preußischer Kulturbesitz erneut nachzudenken, verbietet sich, weil über diesen Irrsinn bereits reichlich berichtet wurde.

Was neben kurzfristig wohltuenden Nachrichten wie dem Aus für Trump oder der bevorstehenden Selbstzerschlagung der AfD bleibt, ist der Blick in die Ateliers, die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Arbeit, die heutzutage keinesfalls ohne den Kulturbetriebskontext gesehen werden kann. Aber es zeigt sich zunehmend, dass die einzelnen Ereignisse von der Branche durchaus gerne wahrgenommen werden, um sich nicht den Grundsatzfragen stellen zu müssen. Ergo: Bevor unsere Systemrelevanz erörtert wird, lieber ein Quäntchen Freude über diese oder jene (Online-)Ausstellung oder eben auch Trauer, wenn die Großen der Kunstfamilie versterben, darunter 2020 John Baldessari, Christo, Germano Celant, Luchita Hurtado oder Erich Marx. Individuelles Gedenken, Bedauern im Einzelfall.

Dabei fehlt, so scheint mir, der Kampfgeist früherer Jahre. Die Kunstszene verhält sich, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, irritierend ruhig, geduldig. Gewissermaßen komatös, passend zur Stimmung auf den Intensivstationen. Was muss man uns seitens der Politik noch antun, bis wir gemeinsam auf die Barrikaden gehen, um Tabula rasa zu machen? Ist es nicht eine atemberaubende Ungeheuerlichkeit, wie dreist in diesem Corona-Jahr, vom Bundeskanzleramt ausgehend, die gesamte Kultur, früher als Bildung verortet, unter entbehrlicher »Freizeitgestaltung« gelistet wurde? Wie kann eine Kulturstaatsministerin, mit ihrem Büro nur ein paar Meter von Angela Merkel entfernt, dieses alles entlarvende Missverständnis zulassen? Unverzeihlich.

Überhaupt: Tickt unsere Branche noch richtig, wenn sie in Dankbarkeit gegenüber Monika Grütters erstarrt, die aber nichts anderes tut, als ihren Job zu machen? Schließlich handelt es sich bei den Förderungen, wenn sie irgendwann tatsächlich fließen sollten, nicht um ihr privates Geld, sondern um Steuermittel, die wir alle reichlich in die Staatskasse gezahlt haben. Und mittlerweile weiß ich, dass die so oft gewürdigte »Neustart«-Milliarde vorn und hinten nicht reicht. Nur ein Fünftel (!) der Antragsteller kann berücksichtigt werden. Überwiegend Absagen unterwegs. So wird die Kultur 2020 und insbesondere 2021 plattgemacht, pekuniär, aber eben, schlimmer noch, auch mental. Ein Trauerspiel, eine grauenvolle Zeit. Ob der anstehende Regierungswechsel, 2021, zu einer besseren Situation führen wird, weiß niemand. Aber ich wünsche es uns.

P.S.: Der Informationsdienst KUNST 718, die kommende Ausgabe, erscheint am 14. Januar 2021. Gleichwohl werden wir auch im nächsten Jahr 25 Ausgaben veröffentlichen, eine mehr als vereinbart.

In dieser Ausgabe: Top Twenty des Rankings »ArtReview Power 100« (Seite 4). Joe Biden setzt in Sachen Kultur auf Robert L. Lynch (Seite 5). Sammler Hartmut Kraft beschenkt die Prinzhorn-Sammlung (Seite 7). Museumsforscherin Patricia Rahemipour erinnert an die gesellschaftliche Bedeutung der Museen (Seite 8). Corona-Hilfen und der Konflikt zwischen dem Bund und den Ländern (Seite 8). Besuchersicherheit im Museum und Fragen zu den Verweilanreizen (Seite 11). Die Neue im Goethe-Institut: Carola Lentz (Seite 11). Der Neuling der Art Basel: James Murdoch (Seite 13). Streit wegen Piet Mondrian (Seite 17). Empörung wegen Angela Merkel (Seite 19). Ärger wegen Bauunterhalt (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 716 – Editorial

Informationsdienst KUNST 716

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, »Störer im Hohen Haus«, »«Bestellte Provokateure«, »Pöbler im Bundestag« – so lauteten in den vergangenen Tagen die Headlines in den Medien, als die AfD einige rechte Aktivisten, darunter eine Rebecca Sommer (die Wirtschaftsminister Peter Altmaier kurzerhand bedrängte und als »Arschloch« beschimpfte), ins Parlament schleuste. Natürlich hat dieser Überfall ein Nachspiel, zumal es mit dem halbherzigen Schuldeingeständnis von Alexander Gauland für die Fraktion nicht getan ist. Immerhin besteht der begründete Verdacht, dass es sich um Nötigung von Mitgliedern eines Verfassungsorgans und somit um eine strafrechtlich relevante Tat handeln könnte.

Dass die »Herzkammer der Demokratie« per Tabubruch angegriffen wurde, wie es Claudia Roth als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages formulierte, mag derzeit manche Gemüter tüchtig und nachvollziehbar in Wallung bringen. Aber es drängt sich in diesen Tagen vor allem die Frage auf, ob die AfD, die mit ihrer permanenten Hanswursterei auch in politischen schwierigsten Zeiten das Parlament lahmzulegen versucht, nicht grundsätzlich als Gefahr für den Rechtsstaat gesehen werden muss.

Obgleich durchaus einige wenige eher besonnene Köpfe in ihren Reihen zu entdecken sind, etwa der jüngst auf dem Parteitag selbstkritisch auftrumpfende Bundessprecher Jörg Meuthen, der derzeitige Vorsitzende im Wirecard-Untersuchungsausschuss, Kay Gottschalk, oder der kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Marc Jongen: Manche Forderungen sind schlichtweg abstrus.

In der zweiten November-Hälfte kam beispielsweise die Bundestagsdrucksache 19/24394 in Umlauf. Die durch ihre reaktionäre Haltung gefürchtete Fraktion, die schon länger für eine Verherrlichung der deutschen Kolonialzeit plädiert, fordert in diesem Papier die Bundesregierung auf, ein Stopp für die Rückgabe von Sammlungsgütern aus kolonialen Kontexten zu erwirken. Jongen und seine Fraktionskollegen wollen verhindern, dass es »zu einer sukzessiven Ausdünnung des Sammlungsbestandes« in den Museen kommen könnte.

Während Politiker und Wissenschaftler – von Monika Grütters über Hermann Parzinger bis zu Bénédicte Savoy – seit langem alles dafür tun, dass die einst widerrechtlich nach Deutschland entführten Artefakte nach und nach in ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden, will es die AfD verhindern. Mit der fadenscheinigen Argumentation, dass die Objekte hierzulande kuratiert und konserviert worden seien. Längst obsolet, eine solche Debatte, wie jeder weiß. Längst geht es nur noch um die Umsetzung der von allen anderen Parteien gebilligten Maßnahmen.

Savoy hat in ihrem mit Felwine Saar verfassten »Zurückgeben«-Büchlein (»Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter«; Matthes & Seitz) brillant kommuniziert, worum es geht: Um den »doppelten Schmerz« nämlich. Erstens: Die identitätsstiftenden Gegenstände wurden zunächst entwendet. Zweitens: Der Beraubte und Besiegte wird obendrein dazu eingeladen, »der demütigenden Zurschaustellung der entführten Kriegsbeute mit Bewunderung beizuwohnen«. Wenn die AfD nun mit reichlich Verzögerung das konzeptionell bereits abgeschlossene Kapitel Restitution wieder aufmachen will, dann zeigt sie allenfalls ihren fehlenden Gegenwartsbezug. Alles jahrelang verschlafen. Wie Rebecca Sommer, die so gerne den Schlingensief geben würde. Doch merke: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder der Wähler. Hoffentlich. Im Bundestagswahljahr 2021.

In dieser Ausgabe: Museumsprojekt in Melbourne geplant (Seite 2). Museumsreform in Berlin eingeleitet (Seite 4). Museumseinbruch in Dresden vor Aufklärung (Seite 7). Fake-Einladungen zur documenta 15 (Seite 8). Beuys-Eichen-Pflanzungen in Bayern (Seite 10). Eintrittsgeld für Online-Ausstellung (Seite 10). Über zwei Milliarden: Rekord-Kulturhaushalt (Seite 12). Neuer Partner: Lüpertz-Großkeramik (Seite 13). Jüngster Hilferuf: Kunstverein-Sorge (Seite 15). Partei »Die Linke« ergreift Initiative für deutsch-polnisches Museum (Seite 17). Galeriegeschäft ohne Messe (Seite 19). Kulturbegriff dank Gesundheitsausschuss (Seite 19). Gottesdienst mit Performance (Seite 21). Preis-Check: Amelie von Wulffen (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 715 – Editorial

Informationsdienst KUNST 715

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, während unsere Freizeitstaatsministerin auf der Bundeskanzleramt-Terrasse steht und dort Krähen, Spatzen und Tauben füttert, auch ein paar Novemberhilfe-Krümel an die Künstler verteilen lässt, schreiben gottlob rundum alle Kollegen endlich Klartext. »In der Krise rangiert die Kultur nicht mehr, wie das Grundgesetz es vorsieht, bei Wissenschaft und Bildung, deren Betrieb weitgehend aufrechterhalten wird, sondern bei Freizeitaktivitäten«, so heißt es im »Spiegel«.

Es geht also derzeit in der Tat nicht nur ums Geld, um die »Neustart«-Milliarde, die irgendwo in den verstopften Behörden-Kanälen auf die überfällige Auszahlung wartet. Es geht um »eine Praxis des öffentlichen Vernunftgebrauchs«, wie es der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vor kurzem formuliert hat. Drei Tage zuvor, 6. November, hatte schon Stephan Berg, Kunstmuseum Bonn, ebenfalls in der »Welt« geklagt, man müsse vermuten, »dass hinter der Hartnäckigkeit, mit der die Politik sämtliche Kultur unter dem Freizeitbegriff subsumiert, System steckt«. Wohl wahr. Aber warum plötzlich diese fehlende Wertschätzung? »Keine Rede mehr vom ‚Lebensmittel‘ Kultur«, so das beherzte Statement aus der ehemaligen Bundeshauptstadt, »stattdessen werden wir nun eingereiht in eine Linie mit Wettbüros, Spielbanken, Fitnessstudios und Bordellen«.

Bedenkt man, dass die noch amtierende Staatsministerin, Monika Grütters, in der ersten Woche der neuen Lockdown-Phase sich tüchtig ins Zeug gelegt hat, um in Berlin-Reinickendorf für die bevorstehende 20. Bundestagswahl im »so erfolgreichen wie stolzen CDU-Kreisverband« als Kandidatin nominiert zu werden, dann ahnt man, warum die deutsche Kulturpolitik lahmt. Es ist zwar nicht so, dass nichts passieren würde, doch auffällig ist es schon, dass in Höchstgeschwindigkeit beinahe täglich Pressemitteilungen aus der Grütters-Pressestelle eintreffen, doch grundsätzliche Gedanken fehlen, jegliches Konzept. Keinerlei kulturpolitische Strategie in diesem Ressort. Ausschließlich Mittelvergabe nach Gutdünken.

Da wird auf Teufel komm raus brav jeder bewilligte Euro kommuniziert; indessen: Niemand in der Lage, Kultur zu verorten, Förderungen im Kontext ihrer gesellschaftlichen Aufgabe zu vermitteln. Wenn im Ansatz spürbar, dann halbherzig, als würde man sich nicht trauen, als habe man nicht wirklich die erforderlichen Branchen-Kenntnisse. Und so ist halt auch. Und weil 2021 ein Wahl-Jahr ist, hängt sich die in dieser Konstellation danach nicht mehr gemeinsam am Kabinetttisch sitzende Regierung sowieso längst andernorts rein, allemal gedanklich. Wahlkreis 77, Reinickendorf, oder so.

P.S.: Vor wenigen Stunden im Deutschen Bundestag ein weiterer Beweis für das fragwürdige Denken der beiden Regierungsfraktionen. CDU/CSU und SPD haben ihren »Entwurf eines dritten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite« eingebracht – und die Kultur wird dort nun unter Freizeitgestaltung gesetzlich festgeschrieben. Entlarvender geht’s nicht mehr.

In dieser Ausgabe: Die auffälligen »bis zu«-Formulierungen im Neustart-Förderprogramm (Seite 6). Die Nachsichtigkeit mancher Direktoren im Lockdown der Museen (Seite 8). Die vor Corona ins Steuerparadies Florida flüchtenden Privatsammler (Seite 11). Wie Künstler auf die US-Präsidentschaftswahl reagiert haben (Seite 12). Was von Joe Biden zu erwarten ist (Seite 13). Warum es zwischen Walter Gehlen, Düsseldorf, und Daniel Hug, Köln, kneift (Seite 16). Was Dagmar Schmidt, BBK, fordert (Seite 16). Weshalb Sabine Schormann zuversichtlich bleibt, dass die documenta 15 im Sommer 2022 stattfindet (Seite 18). Art Basel Hong Kong und Fine Art Asia (Seite 20). Anne Imhof und die Mode (Seite 21). Julius von Bismarck und die Preise (Seite 23). Impressum (Seite 25).