Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Belinda Grace Gardner, Andrea Hilgenstock, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid, Bernhard Schulz und Claudia Steinberg

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 716 – Editorial

Informationsdienst KUNST 716

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, »Störer im Hohen Haus«, »«Bestellte Provokateure«, »Pöbler im Bundestag« – so lauteten in den vergangenen Tagen die Headlines in den Medien, als die AfD einige rechte Aktivisten, darunter eine Rebecca Sommer (die Wirtschaftsminister Peter Altmaier kurzerhand bedrängte und als »Arschloch« beschimpfte), ins Parlament schleuste. Natürlich hat dieser Überfall ein Nachspiel, zumal es mit dem halbherzigen Schuldeingeständnis von Alexander Gauland für die Fraktion nicht getan ist. Immerhin besteht der begründete Verdacht, dass es sich um Nötigung von Mitgliedern eines Verfassungsorgans und somit um eine strafrechtlich relevante Tat handeln könnte.

Dass die »Herzkammer der Demokratie« per Tabubruch angegriffen wurde, wie es Claudia Roth als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages formulierte, mag derzeit manche Gemüter tüchtig und nachvollziehbar in Wallung bringen. Aber es drängt sich in diesen Tagen vor allem die Frage auf, ob die AfD, die mit ihrer permanenten Hanswursterei auch in politischen schwierigsten Zeiten das Parlament lahmzulegen versucht, nicht grundsätzlich als Gefahr für den Rechtsstaat gesehen werden muss.

Obgleich durchaus einige wenige eher besonnene Köpfe in ihren Reihen zu entdecken sind, etwa der jüngst auf dem Parteitag selbstkritisch auftrumpfende Bundessprecher Jörg Meuthen, der derzeitige Vorsitzende im Wirecard-Untersuchungsausschuss, Kay Gottschalk, oder der kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Marc Jongen: Manche Forderungen sind schlichtweg abstrus.

In der zweiten November-Hälfte kam beispielsweise die Bundestagsdrucksache 19/24394 in Umlauf. Die durch ihre reaktionäre Haltung gefürchtete Fraktion, die schon länger für eine Verherrlichung der deutschen Kolonialzeit plädiert, fordert in diesem Papier die Bundesregierung auf, ein Stopp für die Rückgabe von Sammlungsgütern aus kolonialen Kontexten zu erwirken. Jongen und seine Fraktionskollegen wollen verhindern, dass es »zu einer sukzessiven Ausdünnung des Sammlungsbestandes« in den Museen kommen könnte.

Während Politiker und Wissenschaftler – von Monika Grütters über Hermann Parzinger bis zu Bénédicte Savoy – seit langem alles dafür tun, dass die einst widerrechtlich nach Deutschland entführten Artefakte nach und nach in ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden, will es die AfD verhindern. Mit der fadenscheinigen Argumentation, dass die Objekte hierzulande kuratiert und konserviert worden seien. Längst obsolet, eine solche Debatte, wie jeder weiß. Längst geht es nur noch um die Umsetzung der von allen anderen Parteien gebilligten Maßnahmen.

Savoy hat in ihrem mit Felwine Saar verfassten »Zurückgeben«-Büchlein (»Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter«; Matthes & Seitz) brillant kommuniziert, worum es geht: Um den »doppelten Schmerz« nämlich. Erstens: Die identitätsstiftenden Gegenstände wurden zunächst entwendet. Zweitens: Der Beraubte und Besiegte wird obendrein dazu eingeladen, »der demütigenden Zurschaustellung der entführten Kriegsbeute mit Bewunderung beizuwohnen«. Wenn die AfD nun mit reichlich Verzögerung das konzeptionell bereits abgeschlossene Kapitel Restitution wieder aufmachen will, dann zeigt sie allenfalls ihren fehlenden Gegenwartsbezug. Alles jahrelang verschlafen. Wie Rebecca Sommer, die so gerne den Schlingensief geben würde. Doch merke: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder der Wähler. Hoffentlich. Im Bundestagswahljahr 2021.

In dieser Ausgabe: Museumsprojekt in Melbourne geplant (Seite 2). Museumsreform in Berlin eingeleitet (Seite 4). Museumseinbruch in Dresden vor Aufklärung (Seite 7). Fake-Einladungen zur documenta 15 (Seite 8). Beuys-Eichen-Pflanzungen in Bayern (Seite 10). Eintrittsgeld für Online-Ausstellung (Seite 10). Über zwei Milliarden: Rekord-Kulturhaushalt (Seite 12). Neuer Partner: Lüpertz-Großkeramik (Seite 13). Jüngster Hilferuf: Kunstverein-Sorge (Seite 15). Partei »Die Linke« ergreift Initiative für deutsch-polnisches Museum (Seite 17). Galeriegeschäft ohne Messe (Seite 19). Kulturbegriff dank Gesundheitsausschuss (Seite 19). Gottesdienst mit Performance (Seite 21). Preis-Check: Amelie von Wulffen (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 715 – Editorial

Informationsdienst KUNST 715

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, während unsere Freizeitstaatsministerin auf der Bundeskanzleramt-Terrasse steht und dort Krähen, Spatzen und Tauben füttert, auch ein paar Novemberhilfe-Krümel an die Künstler verteilen lässt, schreiben gottlob rundum alle Kollegen endlich Klartext. »In der Krise rangiert die Kultur nicht mehr, wie das Grundgesetz es vorsieht, bei Wissenschaft und Bildung, deren Betrieb weitgehend aufrechterhalten wird, sondern bei Freizeitaktivitäten«, so heißt es im »Spiegel«.

Es geht also derzeit in der Tat nicht nur ums Geld, um die »Neustart«-Milliarde, die irgendwo in den verstopften Behörden-Kanälen auf die überfällige Auszahlung wartet. Es geht um »eine Praxis des öffentlichen Vernunftgebrauchs«, wie es der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vor kurzem formuliert hat. Drei Tage zuvor, 6. November, hatte schon Stephan Berg, Kunstmuseum Bonn, ebenfalls in der »Welt« geklagt, man müsse vermuten, »dass hinter der Hartnäckigkeit, mit der die Politik sämtliche Kultur unter dem Freizeitbegriff subsumiert, System steckt«. Wohl wahr. Aber warum plötzlich diese fehlende Wertschätzung? »Keine Rede mehr vom ‚Lebensmittel‘ Kultur«, so das beherzte Statement aus der ehemaligen Bundeshauptstadt, »stattdessen werden wir nun eingereiht in eine Linie mit Wettbüros, Spielbanken, Fitnessstudios und Bordellen«.

Bedenkt man, dass die noch amtierende Staatsministerin, Monika Grütters, in der ersten Woche der neuen Lockdown-Phase sich tüchtig ins Zeug gelegt hat, um in Berlin-Reinickendorf für die bevorstehende 20. Bundestagswahl im »so erfolgreichen wie stolzen CDU-Kreisverband« als Kandidatin nominiert zu werden, dann ahnt man, warum die deutsche Kulturpolitik lahmt. Es ist zwar nicht so, dass nichts passieren würde, doch auffällig ist es schon, dass in Höchstgeschwindigkeit beinahe täglich Pressemitteilungen aus der Grütters-Pressestelle eintreffen, doch grundsätzliche Gedanken fehlen, jegliches Konzept. Keinerlei kulturpolitische Strategie in diesem Ressort. Ausschließlich Mittelvergabe nach Gutdünken.

Da wird auf Teufel komm raus brav jeder bewilligte Euro kommuniziert; indessen: Niemand in der Lage, Kultur zu verorten, Förderungen im Kontext ihrer gesellschaftlichen Aufgabe zu vermitteln. Wenn im Ansatz spürbar, dann halbherzig, als würde man sich nicht trauen, als habe man nicht wirklich die erforderlichen Branchen-Kenntnisse. Und so ist halt auch. Und weil 2021 ein Wahl-Jahr ist, hängt sich die in dieser Konstellation danach nicht mehr gemeinsam am Kabinetttisch sitzende Regierung sowieso längst andernorts rein, allemal gedanklich. Wahlkreis 77, Reinickendorf, oder so.

P.S.: Vor wenigen Stunden im Deutschen Bundestag ein weiterer Beweis für das fragwürdige Denken der beiden Regierungsfraktionen. CDU/CSU und SPD haben ihren »Entwurf eines dritten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite« eingebracht – und die Kultur wird dort nun unter Freizeitgestaltung gesetzlich festgeschrieben. Entlarvender geht’s nicht mehr.

In dieser Ausgabe: Die auffälligen »bis zu«-Formulierungen im Neustart-Förderprogramm (Seite 6). Die Nachsichtigkeit mancher Direktoren im Lockdown der Museen (Seite 8). Die vor Corona ins Steuerparadies Florida flüchtenden Privatsammler (Seite 11). Wie Künstler auf die US-Präsidentschaftswahl reagiert haben (Seite 12). Was von Joe Biden zu erwarten ist (Seite 13). Warum es zwischen Walter Gehlen, Düsseldorf, und Daniel Hug, Köln, kneift (Seite 16). Was Dagmar Schmidt, BBK, fordert (Seite 16). Weshalb Sabine Schormann zuversichtlich bleibt, dass die documenta 15 im Sommer 2022 stattfindet (Seite 18). Art Basel Hong Kong und Fine Art Asia (Seite 20). Anne Imhof und die Mode (Seite 21). Julius von Bismarck und die Preise (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 714 – Editorial

Informationsdienst KUNST 714

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, was haben sich die Kulturminister der Länder in ihrer Konferenzschaltung am 29. Oktober gedacht? Ja, haben Sie überhaupt gedacht? Und warum konnte Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die sich doch sonst so gerne einmischt, diesmal nicht verhindern, dass die Museen schon wieder geschlossen werden, den ganzen Totenmonat November lang? Unsäglich das alles, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Grütters viel Geld in die Museen fließen ließ, um dort für Sicherheit zu sorgen, dass die Häuser selbst alles getan haben, um die weitere Verbreitung der Pandemie zu verhindern.

Dass in der Politik mittlerweile viel schiefläuft, wenn es um die Corona-Bekämpfung geht, ist nicht mehr zu übersehen. Gedankenlosigkeit statt strukturellen, zielgerichteten Denkens. Allein das vierseitige Lockdown-light-Arbeitspapier, das Angela Merkel und ihr mittlerweile vierter Kanzleramtsminister, Helge Braun, am Abend des 27. Oktober für die Verhandlung mit den Ministerpräsidenten am folgenden Tag verabschiedeten – eine Ungeheuerlichkeit. Hätte Grütters hier nicht korrigierend eingreifen können und müssen?

Museen wurden nämlich gar nicht erwähnt, nur die Einrichtungen der bestuhlten Art, mithin Theater, Konzertsäle sowie Kinos. Zwangsläufig herrschte nach der Merkel-Konferenz mit den Regierungschefs der Länder einen ganzen Tag lang in allen Amtsstuben tüchtig Verwirrung. Hatte man zunächst noch Hoffnung, dass die Museen unter Bildung eingeordnet werden und wie Schulen geöffnet bleiben dürfen, folgte dann doch das Aus. Dabei weiß jeder, dass Museumssäle groß genug sind, um den notwendigen Abstand zu gewähren.

Was die erneute Schließung sämtlicher Häuser in Deutschland bedeutet, wird sich bald zeigen. Ohnehin längst in der Quotenkrise, haben Museen nun keine Planungssicherheit mehr, weil eben viele Ausstellungen und andere Aktivitäten direkt über die Eintrittsgelder finanziert werden. Wenn die völlig ausbleiben oder nur noch in kaum nennenswerter Höhe eingespielt werden können, entsteht jene Verunsicherung, die jetzt schon erkennbar ist, sieht man die Jahresplanungen 2021. Egal, wo man hinschaut: Nicht berauschend, was da geboten wird. Die besten Ideen und Konzepte werden tiefgefroren – für die Post-Pandemie-Zeit.

Überall viel Hausgemachtes, Kostengünstiges. Überbrückung als Strategie. Hauptsache, man bleibt als Institution irgendwie und einigermaßen im Gespräch, in der Erinnerung des Publikums. Vorerst also Schaumschlagen, auch digitale Nichtsnutzigkeiten, weil die wirklich mental gewinnbringende Kunstbetrachtung nur analog möglich erscheint. Dabei wäre es so wichtig, jetzt alles zu tun, um die Menschen in einer Phase allgemeiner und täglich zunehmender Verunsicherung in die Museen zu holen.

Da haperte es freilich schon vor Corona. Ernüchternde Zahlen aufgrund mancher Untersuchungen. Ein Beispiel: Laut einer mit Kultursenator Klaus Lederer in Auftrag gegebenen Erhebung des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung wurde ermittelt, dass 2019 in Berlin sage und schreibe 52 Prozent der Befragten kein einziges Mal eine Ausstellung besucht haben. Warum das so war, wurde unter anderem mit den Eintrittspreisen begründet. Auf Platz drei der Gründe stand (mit 55 Prozent) das Argument, es gebe nicht genug attraktive Angebote. Das stimmt nachdenklich.

Was die Analyse nicht leistet, ist die Erforschung jener ungestillten Wünsche. Was empfinden die Menschen als attraktiv? Was möchten sie sehen? Was erwarten sie vom Museumsbesuch? Fragen über Fragen. Und ein Schelm oder Sarkast, wer nun meint, während der Lockdown-Phase sei Zeit, Antworten zu finden. Jetzt geht’s ums Ganze, ums Überleben der Institution Museum, und unsere Politiker müssen sich allesamt vorwerfen lassen, den Ernst dieser systemrelevanten Lage nicht erfasst zu haben.

In dieser Ausgabe: Der Museumsverband Thüringen fordert schnellstmögliche Wiedereröffnung der Museen (Seite 2). Große Ehre für Anselm Kiefer dank Emmanuel Macron (Seite 4). Peter Weibel entlarvt Donald Trump (Seite 6). Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas (Seite 8). Schwachstelle Kunst im »Neustart«-Förderprogramm (Seite 9). Vandalismus-Aktion auf der Museumsinsel in Berlin (Seite 10). Zumutung: Eröffnungszeitplan im Humboldt Forum (Seite 12). Provokation: »Frankfurter Hauptschule« (Seite 13). Rückzug: Christina Berking verlässt Sammlerverein-Vorstand (Seite 17). Volltreffer: Katharina Grosse als Zeitungsmacherin (Seite 20). Der WDR würdigt Christoph Schlingensief (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 713 – Editorial

Informationsdienst KUNST 713

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es geht ums Geld. Immer schon, aber in diesen Pandemie-Zeiten besonders, weil überall freiwillig gespart wird oder gespart werden muss. Auf staatlicher Ebene müssen die schnell und teils voreilig, unbedacht als Kleingeld nachhaltigkeitslos verteilten Milliarden irgendwann wieder eingespielt werden. Im privatwirtschaftlichen Umfeld, wo es jetzt oft ums blanke Überleben geht, keimt zudem das Phänomen der Entwöhnung, was freilich ebenfalls pekuniäre Auswirkungen hat. Wer monatelang keine Museen, Theater, Konzertsäle, Kinos oder Restaurants besucht, kommt nämlich ins Grübeln, ob er all das braucht, ob nicht auch die eigene Glotze, die Musikanlage und das gut gefüllte Tiefkühlfach genügen. Ernüchterung, wenn um 23 Uhr der Alkoholausschank geschlossen wird. Einigelung, wenn das öffentliche Leben verkümmert.

Einer Bundesregierung, die in einem Jahr in dieser Zusammensetzung ohnehin nicht mehr tätig sein wird, mag es zwar wurscht sein, was ihre Nachfolger auf dem Teller haben, doch die laufenden Haushaltsberatungen in Berlin signalisieren, dass der Rotstift längst munter tanzt, dass die nächste Regierung auf Diät gesetzt wird. Ein Trost: Im Zuge der sogenannten Bereinigungssitzung am 26. November dürfte sich beispielsweise die Kulturstaatsministerin wieder erfolgreich durchsetzen, ihren Bundeshaushalt 2021 ein wenig aufpolstern, doch klar ist, dass im Dezember, wenn vom 8. bis 12. des Monats die zweite und die dritte Lesung stattfinden, der Gürtel grundsätzlich enger geschnallt wird.

Von den insgesamt rund 413 Milliarden Ausgaben (Neuverschuldung: knapp 100 Milliarden) soll nur noch ein Etat in Höhe von 1,747 Milliarden Euro bei Monika Grütters landen. Das ist wenig. Genauer: 1,045 Milliarden weniger als 2020, weil in diesem Jahr eben die Neustart-Milliarde hinzukam (ursprünglich war ein 1,8-Milliarden-Kulturetat vorgesehen). Wie erwähnt: Die fehlenden 50 Millionen werden schon noch aus den Rechen-Maschinen der mächtigen Haushaltsausschuss-Mitglieder geleiert werden und Grütters in den Schoß fallen, aber der Kulturbetrieb darf sich dennoch keine großen Hoffnungen machen, dass der Bund ausgleicht, was die Länder nicht leisten. Schließlich will auch das Bundeskanzleramt selbst eine Milliarde einsparen und 2021 mit 3,3 Milliarden auskommen, wie es im Einzelplan 04 des Regierungsentwurfs für den nächsten Haushalt steht (Drucksache 19/22600).

Auf diese Entwicklung hinzuweisen, macht Sinn, weil man landauf und landab beobachten kann, dass die Bundesrepublik zwar gerne ihren Föderalismus betont, vor allem in Reden kultureller Prägung, doch allmählich und insbesondere in den beiden Amtszeiten von Monika Grütters lässt sich eine Kompetenz-Verschiebung erkennen. Freundliche Übernahme und Einmischung, wie sie in der Ära Grütters gang und gäbe sind, insbesondere in der Hauptstadt. Durchaus alles gut gemeint. Gerne leitet sie monetäre Unterstützung hierhin oder dorthin, und stets ist ihr großer Dank sicher. Aber untergräbt sie damit nicht auch die Verantwortlichkeit in den Ländern? Könnte es nicht sein, dass man irgendwann dort irrtümlich glaubt, Kultur sei Bundessache; da könne man selbst sparen, den eigenen Landeshaushalt entlasten? Mit 1,7 Bundes-Milliarden (oder einem knappen halben Prozent des Gesamtetats) würde sich in Deutschland freilich nicht viel stemmen lassen. Das müssen sich die Ministerpräsidenten allzeit vor Augen führen.

In dieser Ausgabe: Von Moskau nach Berlin – Walter Smerlings »Diversity United«-Start notgedrungen auf 2021 verschoben (Seite 3). Erst Sabbatical, dann Kündigung: Nancy Spectors Rückzug am Guggenheim Museum (Seite 5). Was die Deutsche Bank nun in den Verkauf bringt (Seite 8). Warum François Pinault in Paris trotz Corona reichlich Termindruck macht (Seite 9). Wie Phoebe Saatchi in London mit väterlicher Hilfe als Galeristin loslegt (Seite 10). Vera Munro und Rosemarie Trockel beschenken das Museum Ludwig in Köln (Seite 16). Ausschließlich schwarzes Personal für eine weitere Galerie-Filiale von David Zwirner in New York (Seite 16). Unbekannte Beuys-Fotos dank Franz van der Grinten (Seite 18). Preis-Check: Banksy (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 712 – Editorial

Informationsdienst KUNST 712

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als Agnes Martin im Sterben lag, bat sie ihren Galeristen Arne Glimcher, ins Atelier zu eilen und drei ihrer Bilder zu zerstören, die sie ihm genau beschrieben hatte. Die Malerin, 2004 gestorben, wollte sichergehen, erinnert sich Tate-Direktorin Frances Morris, nur jene Werke zu hinterlassen, mit denen sie gänzlich zufrieden war. Das erhellende Interview, in dem dieses Präzisionsstatement zu finden ist, wurde im »Let’s talk abstract«-Band der Sammlerin Carolin Scharpff-Striebich veröffentlicht, und in Zeiten, in denen man notgedrungen weniger unterwegs ist, sondern mehr am eigenen Schreibtisch sitzt, lohnt es, solche Bücher wieder aus dem Regal zu holen – und sich unabhängig vom pandemischen oder kulturpolitischen Tagesgeschehen auf die Basis unserer Arbeit zu konzentrieren. Denn klar ist, ohne die künstlerische Produktion würde die Auseinandersetzung um den Distributionskontext gar keinen Sinn machen.

Also zum Stöbern nach nebenan gehen, in die eigene Bibliothek und in das umfangreiche Archiv, wo selbstgemachte Interviews lagern, aber auch jene von Kollegen. Nimmt man ältere Gesprächsprotokolle und/oder Publikationen von Autoren und Herausgebern wie Philipp Demandt/Franziska Leuthäußer, Peter Iden, Edelbert Köb, Adam Lindemann, Gerald Matt oder Hans Ulrich Obrist in die Hand, dann verdichtet sich, was man seit Monaten anhand der Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen beobachtet. Es gibt nämlich heute, rund sechs oder sieben Jahrzehnte nach dem Aufbruch der Nachkriegsavantgarde, ein völlig anderes Selbstverständnis der Künstler, eine Grundlage bildnerischen Tuns, die nichts mehr mit jener Aufgabenstellung verbindet, die in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts allgemein verbindlich war. Von Ausnahmen abgesehen.

Vor langer Zeit hat beispielsweise Tony Cragg (in einem Dialog mit Peter Iden) prognostiziert, dass »irgendwann Nicht-Kunst und Kunst deckungsgleich sein werden«. Die vorausschauende Einschätzung ist mittlerweile gut nachvollziehbar. Immerhin hat beispielsweise Jochen Gerz jahrzehntelang an der Auflösung des traditionellen Kunstbegriffs gearbeitet. Jürgen Klauke sagte (in einem Interview mit Franziska Leuthäußer): »Kunst, wie ich sie verstehe, ist der Gegenspieler der Institutionen und Systeme, die auf zweckorientiertes und effizientes Handeln sowie schnelle Verständigung zielen«. Und Peter Weibel outete sich (im Gespräch mit Wolfgang Fetz) sogar als Kämpfer gegen die Kunst selbst, wenn sie zum »System der Repräsentation und der Macht« gehöre. Die holde Kunst, ergänzte andernorts (bei Leuthäuser) der politischste aller politischen Künstler, Hans Haacke, habe eine besondere Aura, die es zu nutzen gelte. Systemrelevantes Einschleichen quasi. Oder im doppelten Salto über Erinnerungen von Attersee (»Kunst war in den Sechzigern noch ein Wettlauf um das Neue«) oder Thomas Bayrle (»Ich wusste nicht einmal, ob das Kunst sein kann«).

Liest man sich durch gehaltvollere Künstler-Interviews vergangener Monate, dann scheinen früher dominante Kriterien wie Innovation (siehe Attersee) oder Identität (siehe Bayrle) kaum mehr eine Rolle zu spielen. Die Brücke über die Jahrzehnte hinweg bauen dagegen Politkünstler wie Gerz, Haacke oder Weibel, die für den bildnerischen Nachwuchs durchaus als Vorbilder dienen. Während die Älteren inzwischen ein wenig altersmilde wirken, sind die Jungen indes von Haus aus milde, selbst dann, wenn sie in die Fußstapfen gesellschaftspolitisch engagierter Vordenker treten. Die kluge Hito Steyerl sagt es gewissermaßen durch die Blume, ob es um die Verblödung durch nicht immer soziale Netzwerke geht oder den Krieg der Türken gegen die Kurden. Der kaum weniger gescheite Olafur Eliasson räumt zwar mal kurz ein, dass sein wirklich missratenes Flüchtlingsbeschäftigungsprogramm in Venedig, Biennale, 2017, mit Recht kritisiert worden sei (»da war ich nicht sensibel genug«), doch schon landet er wieder bei seinem jüngsten Sieben-Millionen-Euro-Digitalprojekt für die EU in Brüssel und für die Hauptstädte der Mitgliedsstaaten. Business as usual. Oder Kunstbetrieb 2020. Mit Verlaub: Darf eine Prise Wehmut erlaubt sein, der Rückblick auf 1970 und die folgenden Jahre, eben auf Jahrzehnte radikalen Denkens und Handelns?

In dieser Ausgabe: Finanznot und Michelangelo-Verkauf in London (Seite 4). Steuergeld für zu lange geschlossene Staatliche Museen zu Berlin (Seite 7). Köln: Fünf Millionen Erlös für Objekte der Sammlung Olbricht (Seite 8). Washington: Überängstlichkeit in Sachen Philip Guston (Seite 9). Paris: Die Kunstmessen räumen auf (Seite 12). Julia Stoschek wegen Familiengeschichte im Gespräch (Seite 13). Banksy soll laut EU seine Identität offenbaren (Seite 14). Gmurzynska im Konflikt mit dem Museum Ludwig (Seite 15). Rafael Jablonka und die Albertina in Wien (Seite 16). Bauhaus-Archiv und ein Baustopp in Berlin (Seite 19). Evelyn Schels und ihr Film-Flop »Body of Truth« (Seite 21). Preis-Check: Stephan Balkenhol (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 711 – Editorial

Informationsdienst KUNST 711

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in den vergangenen Tagen standen die Galerien im Fokus, und das ist gut so. Denn sie haben zuletzt tüchtig leiden müssen, Corona geschuldet. Aber auch schon zuvor, weil die Standort-Nachteile in Deutschland aufgrund einer dem Kunsthandel schadenden Kultur- und Finanzpolitik unübersehbar sind und längst manche der engagierten Vermittler ins Ausland getrieben haben, wo die Branche reichlich Vorteile genießt, insbesondere steuerliche. Dank des Saisonstarts in allen Großstädten, ob Berlin, Hamburg oder München, ob Frankfurt und Stuttgart oder Köln und Düsseldorf, teils auch aufgrund der 16-Millionen-Förderung aus dem »Neustart«-Programm der zuständigen Staatsministerin (siehe ID 710, Editorial), wurde überall fleißig debattiert, wie es nun weitergehen kann, was sich ändern muss.

Dabei fiel auf, dass viele der Galeristen, die sich früher mitunter arrogant nur auf internationalem Niveau vielfliegend von Messe zu Messe bewegten, plötzlich einem Trend nacheifern, den man aus der Gastronomie kennt. »Brutal-lokal«, so lobt beispielsweise einer der Vordenker der neuen Küche, Billy Wagner vom »Nobelhart & Schmutzig« in Berlin, seine regionalen Zutaten-Lieferanten und das eigene Konzept, das auf die Teller bringen zu lassen, was das direkte Umland hergibt. »Den Standort stärken«, so heißt es plötzlich kongruent bei einigen Berliner Händlern, die vor Covid-19 für den Hauptstadt-Marktplatz nichts, gar nichts übrig hatten, allenfalls verächtliche Statements. Berlin – das war ihre logistische Basis, die Hausarzt-Station, der Waschsalon; Kofferwechsel eben, aber mehr nicht. Die Sammler trafen sie in Miami, Hongkong, Basel, New York, London, Paris oder Madrid, aber doch um Gottes willen, igittigitt, nicht in Berlin.

Von Armut war die Rede, von fehlenden Umsätzen, von ignoranten Landes- und Bundespolitikern. Bisweilen fragte man sich nach solchen Gesprächen, warum diese Galeristen nicht längst komplett umgesiedelt seien, nach Amerika oder nach Asien, wenn dort die Wertschätzung für Gegenwartskunst so viel größer sei. Dass sich das alles nun, innerhalb von sechs oder sieben Corona-Monaten, vollständig gedreht haben könnte, dass Berlin plötzlich der auch wirtschaftlich relevante Kunst-Ort schlechthin sein soll, will man nicht glauben. Was ist da los? Es kann doch nicht sein, dass etwa der Galerist Thomas Schulte, der noch 2019 nicht auf die Idee gekommen wäre, an einer eher zweitrangigen Messe teilzunehmen, zu bezirzen ist, dass ihn jene zehn Gratis-Quadratmeter, die auch ihm vom Berliner Kultursenator solidarisch zur Verfügung gestellt wurden, zum Sinneswandel bewegt haben? Ist es also schlichtweg die Tatsache, dass ihm die weltweiten Messe-Teilnahmen weggebrochen sind, wenn er 2020 das hohe Lied auf Berlin singt?

Dass Misstrauen im Einzelfall gerechtfertigt ist, zeigt sich auch anhand der Tatsache, dass von der deutschen Politik jahrelang geschundene Galeristen nun wie PR-Mitarbeiter der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auftreten, wie man es während des Gallery Weekends in der Hauptstadt erleben durfte. Kuriose Situationen zuhauf, weil sich der eine oder der andere Galerist plötzlich ein paar Tropfen aus dem warmen 16-Millionen-Strahl der Staatsministerin erhofft – oder weil er gerade ein Bild an sie verkaufen durfte. Leute, Leute: Haltung zeigen! Ist man ein Ewiggestriger und verloren, wenn man das fordert? Vermutlich.

In dieser Ausgabe: Der New Yorker Galerist David Zwirner engagiert sich für Joe Biden (Seite 4). Der Berliner Künstler Christian Jankowski probt die mediale Machtübernahme im ZDF (Seite 6). Neue Studie zur Situation der Galerien (Seite 7). Neuer Schwung für Italiens Museen (Seite 9). Das legendäre Berghain als Ausstellungsort (Seite 9). Die Messe Positions als Ort der Hoffnung (Seite 12). New York: Whitney Museum unter Druck (Seite 12). Brüssel: Versteigerer-Präsident Henrik Hanstein analysiert die Marktlage (Seite 15). Berlin: Martin-Roth-Symposium in der Kritik (Seite 17). Frankfurt: »Close Up« im Städel (Seite 19). Ein Roboter als Kurator der Bukarest-Biennale 2022 (Seite 20). Markt-Check: Bridget Riley (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 710 – Editorial

Informationsdienst KUNST 710

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, na also. Geht doch. Seit Monaten muss man sich tüchtig wundern, warum die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien beinahe täglich aus ihrem Milliarden-Etat für den Neustart der Kulturszene großzügig die Milliönchen verteilt (siehe Kommentar in der Randspalte) – und dabei befremdlich stiefmütterlich reagiert, wo die Förderung der bildenden Kunst erwartet wird. Ein bisschen AHA-Equipment für die Museen oder ein wenig Taschengeld für Künstler und Galeristen, freilich gegen Ware für die Bundeskunstsammlung, das schien es gewesen zu sein, während rundum alle anderen Disziplinen, ob Zirkusse, Buchmessen oder Hörfunk-Anbieter, tüchtig kassieren.

Weil die offensichtliche Vernachlässigung der Kunst-Branche mancherorts kritisch protokolliert wurde, dreht sich nun der Wind, und warme Subventionsluft soll demnächst auch in Richtung der Galerien strömen. Überfällig. Obwohl weder seitens der Galerien-Verbände noch seitens des beteiligten Kunstfonds etwas publik wurde, wissen Insider im Umfeld des Bundeskanzleramtes, dass Staatsministerin Monika Grütters jetzt Millionen bereithalten lässt, um die unter der Pandemie besonders leidenden Galerien zu fördern. Immerhin haben alleine die ausgefallenen Kunstmessen erhebliche Umsatzeinbußen verursacht, und ein Ende der desolaten Lage ist nicht in Sicht.

Grütters will nun aus dem »Neustart«-Etat insgesamt 16 Millionen für die Stärkung der Vermittlungsarbeit in den Galerien spendieren. Endlich werden Galeristen als Partner der Künstler wahrgenommen, als ihre Karrieremacher, die viel investieren, bevor sie Gewinne machen können. Wie man im Deutschen Kulturrat schon weiß, sollen rund elf Millionen für Ausstellungen ausgegeben werden, koordiniert über ein Antragsverfahren, das wohl derzeit die Stiftung Kunstfonds vorbereitet, bevor alles öffentlich gemacht wird. Fünf Millionen, so heißt es, sollen zudem im Rahmen eines zweiten Förderpakets den Digitalisierungsprozessen in den Galerien dienen, beispielsweise zur Anschaffung von Hard- und Software oder zur Neugestaltung von Homepages.

Bei der Bewertung des 16-Millionen-Coups sind Beckmesser-Reaktionen fehl am Platz. Natürlich hätten es auch ein paar Milliönchen mehr sein können, sieht man das Grütters-Gesamtpaket, das zur Verteilung kommt und mittlerweile täglich für Schlagzeilen sorgt. Aber zunächst gilt, dass die bildende Kunst endlich wieder ins Visier der zuständigen Politikerin gekommen ist. Lange Zeit schien es so, als müsse man einen Protest-Auftrieb am Kanzleramt organisieren, um die Staatsministerin auf die bildende Disziplin aufmerksam zu machen. In wirklich heiklen Situationen, ob Gurlitt und die Taskforce oder Merkel und die Nolde-Bilder, hat sie bekanntlich keine Glanzleistungen geboten. Vielleicht kommt die Kunst auch deshalb erst gegen Ende der »Neustart«-Mittel-Verteilung dran.

In dieser Ausgabe: Anregende Fortsetzung der Berlin Biennale (Seite 6). Gute Nachrichten aus den Uffizien in Florenz (Seite 6). Im Fokus: Thema Geldwäsche (Seite 9). Gelöst: Das Rätsel Neustart-Million (Seite 10). Neuer Film von Evelyn Schels über vier prominente Künstlerinnen, darunter Shirin Neshat und Katharina Sieverding (Seite 11). Zwei Kino-Stunden mit Christoph Schlingensief – dank Bettina Böhler (Seite 13). Die Schweiz und die Corona-Krise (Seite 14). Maria Callas und Marina Abramovic (Seite 15). Hamburg: Alexander Klar will die Kunsthalle erweitern (Seite 17). München: Anne Imhof trifft Matthias Lilienthal (Seite 17). Berlin: Werner Tammen als Galeriensprecher (Seite 20). Preis-Check: Isa Genzken (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 709 – Editorial

Informationsdienst KUNST 709

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Lähmungserscheinungen im gesamten Kunstbetrieb lassen auch Optimisten unter den Kritikern zweifeln, ob es derzeit verantwortlich ist, von Aufbruch und Neustart zu berichten. Wo auch immer man in Gesprächen die Lage sondiert, selbst bei den Großmeistern des Kunsthandels: Dramatisch klingende Schilderungen aus den Buchhaltungen der Unternehmen. Keine oder kaum Umsätze, Kredite, Schulden, Kurzarbeit, Entlassungen – das sind die Stichworte.

Die geringere Mehrwertsteuer, vorübergehend von 19 auf 16 Prozent reduziert, scheint in den Galerien nicht dazu zu führen, dass mehr gekauft wird. Ja, es ist so, dass die Stimmung unter den Sammlern, die früher so gerne von Messe zu Messe reisten, momentan äußerst verhalten wirkt. Die zunehmende Online-Kommunikation begünstigt keinesfalls den Verkauf. Einzelfälle, wenn irgendwo ein Deal gemacht wird – und der Händler ihn anschließend unter Freunden stolz kundtut, als hätte er gerade seine von der Corona-Krise gebeutelte Firma gerettet.

Obgleich wir in diesem Branchenbrief schon Insolvenzen oder vorauseilende Schließungen melden mussten, hält sich die Zahl der dichtgemachten Galerien bislang in gut überschaubaren Grenzen. Zum Glück. Aber der Herbst wird kommen, und so ist mit einer Pleitewelle zu rechnen, wenn nicht greift, was im Hause der Bundesjustizministerin ersonnen wurde. Christine Lambrecht setzt darauf, die ohnehin schon bis Ende September verschobene Frist zur Insolvenz-Anmeldung noch einmal zu dehnen, so dass pandemiebedingt überschuldete Firmen weitere Monate Zeit hätten, sich selbst zu sanieren.

Indessen: In vielen Fällen, so ist zu befürchten, würde das wirtschaftliche Aus (dank dieser gut gemeinten Maßnahme) nur verschleppt werden, weil Galerien, die keine Umsätze machen, eben später nicht zwangsläufig nachholen können, was jetzt nicht zu erwirtschaften ist. Ausgesetzte Insolvenzantragspflichten, bereitgestellte KfW-Kreditmittel oder auch jene von Kulturstaatsministerin Monika Grütters bereitgestellten Zuschüsse aus ihrem Milliarden-Etat-Topf helfen zwar vorübergehend, aktuelle Engpässe zu überwinden, doch sie halten die spürbar auf die Branche zukommende Katastrophe nicht auf. Die lässt sich beispielsweise am deutlich gestiegenen Zahlungsverzug in Deutschland ablesen.

Im Übrigen muss man genau hinschauen, wenn allerorten Corona-Hilfen gewährt werden. Beispiel: 2,5 Millionen der Grütters-Corona-Milliarde sollen dem Ankauf von Gegenwartskunst für die Bundeskunstsammlung dienen. Überall Frohlocken, freudige Stimmung, Hoffnung, dass die Ankaufskommission ausgerechnet in der eigenen Galerie oder im eigenen Atelier vorbeikommt. Großes Antichambrieren bei in der Kommission vertretenen Museumsleuten wie Ulrike Groos, Stuttgart, oder Roland Nachtigäller, Herford, wenn man sie persönlich kennt. Zwar kann sich niemand bewerben, doch bestehende Kontakte gerade jetzt neu zu aktivieren, denken manche Galeristen und Künstler, kann ja nicht schaden. Immerhin sollen allemal 150 Werke für jeweils maximal 20 000 Euro angekauft werden.

Klingt erst mal gut, ist aber letztlich ein lausiger Beitrag für die Szene der bildenden Kunst, bedenkt man, dass Monika Grütters fünf Millionen für den Verein Deutscher Übersetzerfonds bereitgestellt hat, dass sie vier Millionen zur Frankfurter Buchmesse leitet, fünf Millionen zum Zirkus, dass eine Künstlerförderung der Initiative Musik zehn Millionen bekommt, und der Film, Lieblingsdisziplin im Kanzleramt, allein für das »Zukunftsprogramm Kino II« weitere 40 Milliönchen kassiert. Und dann magere 2,5 für die Kunst, aber ohnehin im Gegengeschäft für Ware, die dann in den Ministerien hängt. Heiland, ist das ein Elend!

Nichtsdestotrotz: Bitte nicht unterkriegen lassen, bleiben Sie gesundheitlich und wirtschaftlich an Bord

In dieser Ausgabe: Trotz Auktion will Thomas Olbricht weiterhin sammeln (Seite 3). Trotz Trauma gute Zahlen von Marion Ackermann (Seite 5). Trotz Preußen eine Meuterei in den Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 7). Venedig: Harald Szeemann als Biennale-Kurator vergessen (Seite 9). Querelen im International Council of Museums (Seite 13). Auftrieb im KINDL, Berlin (Seite 16). Fragen zur Zukunft eines Ministeriums für Kultur und Medien (Seite 17). Antworten auf die Lage in Amerika von Tim Sommer, »Art« (Seite 19). Hintergrund zum Rückzug von Sean Scully in Karlsruhe (Seite 20). Restaurant-Betrieb im Hamburger Bahnhof geht weiter (Seite 20). Neuer Skulpturengarten in Hamburg (Seite 22). Preis-Check: Birgit Brenner (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 708 – Editorial

Informationsdienst KUNST 708

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es ist ja nicht so, dass die 1948 gegründete FDP, die mal dank Politikern wie Baum, Genscher oder Scheel viel dazu beigetragen hat, dass die Bundesrepublik erwachsen wurde, eine Kultur-Partei wäre. Das sind die anderen Parteien leider auch nicht. Aber die Liberalen taten zuletzt so, als seien sie um das Wohl der Kulturszene besonders besorgt. Da ging es freilich um die vergangene Bundestagswahl, und Monika Grütters hatte als Staatsministerin im Schulterschluss mit der Kanzlerin ihr erstes Gesetz eingereicht, das Kulturgutschutzgesetz, und viel Widerstand erfahren müssen. Leichtes Spiel also für die FDP, in der Oppositionsrolle aufzublühen und so zu tun, als könne man immer noch, wie früher schon, Verantwortung übernehmen. Die Partei, die zwischen 2013 und 2017 gar nicht im Bundestag vertreten war, wollte sich neu profilieren – und machte dann, im Lindner-Sog-Kanal, gewissermaßen den doppelten Salto nach hinten, um nicht in die Regierungsverantwortung zu gleiten. Unvergessen, dieser jämmerliche Rückzug.

Nun bäumt sich die FDP erneut auf, was freilich in der Oppositionsrolle ganz einfach ist, wie am laufenden Band auch die AfD mit ihren oft von Marc Jongen gesteuerten Anfragen an die Bundesregierung zeigt. Am 23. Juli kursierte im Bundestag beispielsweise eine Kleine Anfrage, Nummer 19/21068, die aus dem Ausschuss für Kultur und Medien stammte, die die FDP-Fraktion formuliert hatte. Man wolle über das »Programm zur Milderung der Auswirkungen der Corona-Pandemie im Kulturbereich« informiert werden, so hieß es. Man möchte erfahren, nach welchen Kriterien jene Milliarde verteilt wird, auf welche Daten sich die Bundesregierung dabei stütze. Und: »Zudem möchte die FDP wissen, wie sichergestellt wird, dass die Gelder schnell und unbürokratisch bei den Adressaten ankommen und wann die konkreten Richtlinien zur Vergabe der Gelder veröffentlicht werden«.

Fragen über Fragen, die ins Mark der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zielen, die aber von ihrem Amtschef, Ministerialdirektor Günter Winands, gewiss wieder diplomatisch abgefedert werden. Denn die Kunst, Nebel in den Kulturbetrieb zu pusten, beherrscht er, der Staatssekretär a.D., wie nur wenige seiner Kollegen aus der obersten Chefetage der Verwalter. Ein ebenso eloquenter wie gewiefter Stratege, der Winands, kein Zweifel. Was natürlich zu einer weiteren Frage führt. Warum hat der Mann, Grütters’ Vor- und Nachdenker in Personalunion, nicht längst formuliert, was die FDP nun zu Recht einfordert?

Wie kann es sein, dass die Kulturstaatsministerin beinahe täglich Milliönchen verteilt, laufend mit ihren pekuniären Schmiermitteln vor allem ihre Freunde vom Film verwöhnt und für prestigeträchtige Pressemitteilungen sorgt, wenn nicht endlich einmal klipp und klar und eben grundsätzlich kommuniziert wird, auf welcher konzeptionellen Basis all das realisiert wird? Wer hat Anspruch, wer nicht – und warum? Das muss doch für alle nachvollziehbar werden. Mit Verlaub: Wenn das nicht unverzüglich geschieht, keimt der Mauschelei-Verdacht, dass Monika Grütters nur jene Kulturschaffenden berücksichtigt, die ihr persönlich gewogen sind. Ein Drama wär’s, ein Skandal mit personellen Folgen, und das mag man sich so wenig vorstellen wollen wie die Möglichkeit, dass ausgerechnet die FDP aus gutem (Verdachts-)Grund diese Kleine Anfrage in Umlauf gebracht hat.

In dieser Ausgabe: Die Art Basel, ihr Spirit und die Murdochs (Seite 4). Der britische Kunstmarkt und die Anti-Geldwäsche-App (Seite 7). Neuer Chef für die Kestner Gesellschaft in Hannover: Adam Budak (Seite 7). Sex und Karriere: Jon Rafman (Seite 9). Raubkunst und Restitution: Bernardo Bellotto (Seite 11). Später und viel teurer: Deutsches Museum, München (Seite 12). Geschichtsfälschung in Sachen Beltracchi (Seite 13). Der Kunstfonds verteilt neun Millionen Euro (Seite 14). Gero von Boehm plant Film über Johann König (Seite 17). Corona-Krise und Kunst-Reiseveranstalter (Seite 17). Kunstverein in Bremen zählt 10 000 Mitglieder (Seite 18). Attacke gegen Balkenhol-Giraffe (Seite 21). Preis-Check: Marion Eichmann (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 707 – Editorial

Informationsdienst KUNST 707

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zu beschönigen gibt es nichts. Wer die in der vergangenen Woche offiziell präsentierten Erkenntnisse aus der zweijährigen Evaluierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) genau zur Kenntnis nimmt, der kommt nicht um die Feststellung, dass der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Einsatz gebrachte Wissenschaftsrat ein vernichtendes Urteil gesprochen hat. Unmissverständlich die Empfehlung: Die Politik möge die SPK auflösen und somit Deutschlands größte Kultureinrichtung aus ihrer dysfunktionalen Situation befreien. Das Großunternehmen, das mit rund 2 000 Mitarbeitern und einem Jahresetat zwischen 350 und 400 Millionen Euro rund fünf Millionen Kunstobjekte verwaltet, sei nicht wirklich handlungsfähig, letztlich ein Opfer eigener Tatenlosigkeit.

Im internationalen Vergleich habe die SPK nichts zu bieten, weil es ihr nicht gelingt, mit den vorhandenen Pfunden zu wuchern. Die Kritik, die von der auch schon wiederholt vom Bundesrechnungshof monierten Gebäude-Vernachlässigung bis zur völlig veralteten Verwaltungsführung reicht, Digitaldefizite inklusive, richtet sich erwartungsgemäß im Wesentlichen gegen die Staatlichen Museen, das größte der fünf SPK-Ressorts. Auch in diesem Branchenbrief mussten wir in den vergangenen Jahren zunehmend protokollieren, wie Versäumnisse und Unfähigkeiten den Betrieb der Häuser belasten, wie glanzvolle Ereignisse fehlen, die weltweit ausstrahlen und Berlin ins angemessene Licht setzen.

Wenn nun die rund 280 Seiten starke Schrift der Untersuchungskommission (unter dem Arbeitsgruppen-Vorsitz von Marina Münkler, Dresden) tatsächlich zur Strukturreform der Stiftung führen würde, dann müssten die finanziell bislang nur schwach engagierten Bundesländer auf Einfluss verzichten, was die Uraltdebatte Föderalismus erneut aufkochen lassen wird. Dann wird sich vor allem aber die Frage stellen, wie fortan der Bund im engen Zusammenspiel mit dem Land Berlin, das bei der Neuorganisation der Staatlichen Museen laut Expertise stärker eingebunden werden soll, die heikle Aufgabe lösen will.

Schon jetzt kommen reichlich Zweifel auf, ob Berlin mit seinem Musik- und Club-Senator Klaus Lederer nicht völlig überfordert ist, wenn es um bildende Kunst geht. Schon heute merkt man allerorten in der Hauptstadt, wie sich im Gegenzug der Bund, durch Grütters’ sendungsbewusste, terrainerobernde Haltung vertreten, übermächtig auf Berliner Zuständigkeiten legt. Könnte also ein partnerschaftliches Zuspiel in einer gemeinsamen Museumseinrichtung gutgehen? Ist da das Scheitern nicht schon vor der Gründung programmiert?

Aus solchen Überlegungen wächst die Befürchtung, dass der Wissenschaftsrat das Reform-Projekt womöglich falsch kanalisiert hat. Kurzum: Ist die nun anstehende SPK-Zerschlagung, die sowohl Monika Grütters als auch Stiftungspräsident Hermann Parzinger als Möglichkeit früher schon ablehnten, 2020 plötzlich doch eine Option, das Preußen-Debakel zu beenden? Skepsis ist angesagt, denn es könnte durchaus sein, dass Marina Münkler und die anderen Wissenschaftler im Zuge ihrer Bestandsaufnahme und anschließenden Diagnose einen Fehler gemacht und nur die naheliegende Therapie gewählt haben. Klartext: Muss man gleich die Stiftungsstruktur sprengen, wenn Personalprobleme gelöst werden können? Warum nicht den Präsidenten und den ebenfalls seit 2008 enttäuschenden Generaldirektor der Museen nach Hause schicken und neues Führungspersonal berufen?

In dieser Ausgabe: In New York macht Max Hollein gegen Rassismus mobil (Seite 3). In Kassel geht’s nun um die documenta 15. Das Kuratoren-Kollektiv ruangrupa setzt auf Reis (Seite 6). In Karlsruhe verabschiedet sich Christiane Riedel als geschäftsführendes Vorstandsmitglied im ZKM (Seite 8). Aus für die Frieze-Messen im Oktober (Seite 8). Takashi Murakami ist pleite (Seite 9). Gilbert & George über Royal Academy of Art verärgert (Seite 9). Schweige-Kartell in München: Nebel in Sachen Hödicke-Deal (Seite 11). Kontakt-Aufnahme in Berlin: Monika Grütters trifft Galeristen (Seite 14). Unsichere Zukunft für das Haus Bastian (Seite 15). Betrugsverdacht gegen die Händlerin Angela Gulbenkian (Seite 17). Preis-Check: Xenia Hausner (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 706 – Editorial

Informationsdienst KUNST 706

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vielleicht muss man es nicht so drastisch formulieren wie die »Monopol«-Autorin Despina Stokou. Sie ließ ihren Corona-Essay, Juni-Ausgabe, mit einem Blick auf die wirtschaftliche Situation ausklingen: »Der Kunstmarkt hat schneller dichtgemacht als eine Vagina unter einer unerwünschten Schultermassage«. Die Künstlerin ließ sich auf den schlüpfrigen Vergleich wohl ein, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass es in der Kunstwelt am wenigsten um das Kunstwerk selbst geht. Der Lifestyle sei es, mithin die Privatparty in Privatsammlungen und auf Privatinseln, der durch die Pandemie abgenommen habe. Stokou: »Online gibt es nicht viel Exklusivität«.

Damit sind wir mitten im Thema: Obgleich viele Protagonisten des Kunstbetriebs beteuern, wie die Bedeutung digitaler Kommunikation zugelegt habe, welche Erfolge sie erzielen, räumen letztlich auf Nachfrage doch alle ein, dass die direkte Begegnung mit Mensch und Werk nicht wirklich zu ersetzen sei. Und so ist es kein Wunder, dass – von einigen wenigen (und überwiegend schon vor Covid-19 eingeleiteten) Verkaufserfolgen auf Online-Viewing-Room-Basis abgesehen – merkantil nichts Nennenswertes passiert. Fehlende Kunstmessen, erschwerte Galeriegeschäfte – zum Wehklagen, zum Davonlaufen, zum Dichtmachen, das alles.

Die verzweifelten Hilferufe der Branche, ob offiziell auf Verbandsebene oder per konzertierter Kollegenaktion oder einzelner Aktivitäten (siehe dazu auch ID 705), scheinen seitens der Regierenden nicht gehört zu werden. Allein die hundertfach wiederholte Argumentation in Sachen Mehrwertsteuer und Wettbewerbsnachteil für den deutschen Kunsthandel – alles verpufft, nichts bewirkt. Häufig nichtssagendes Feedback, wenn überhaupt. Was sollen, was können wir noch tun, um gehört und gesehen zu werden, um die gebührende Aufmerksamkeit für die Galerien zu erhalten, die in der Wahrnehmung der Politik erst ganz am Schluss kommen? In Berlin sind jetzt beispielsweise die Clubs als Kulturorte relevant, gar systemrelevant.

Dass mittlerweile in Deutschland das in diesem Branchenbrief schon vor vielen Wochen befürchtete Galerie-Sterben einsetzt, scheint weder im Kanzleramt noch im Kulturausschuss des Bundestages irgendjemanden zu interessieren. Von Conzen, Düsseldorf, über Kronsbein, München, bis Schönfelder, Berlin, vermutlich kennt man diese Namen gar nicht, tröstet sich gegebenenfalls damit, dass es ja zur Zeit insgesamt nicht gut aussieht, dass weltweit Kunsthändler ins Trudeln kommen, ob Blain/Southern oder Marlborough. Doch Tatsache ist, dass sich in den Köpfen deutscher Politiker ein besonders übles Virus eingenistet hat. Es vermehrt sich dort im Irrglauben, dass Galeristen dämliche Luden sind, die ihre Künstler zum Anschaffen schicken und selbst, schmarotzend, auf der faulen Haut liegen. Mit Verlaub, siehe erster Absatz, Despina Stokou: Manchmal muss man’s wohl doch drastisch formulieren.

In dieser Ausgabe: Rund 40 Millionen Verlust im Louvre in Paris (Seite 2). Stuttgart: Nagel Auktionen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten (Seite 5). Kampf um die Art Basel: Offenbar haben die Murdochs die Nase vorn (Seite 7). In den Museen geht es jetzt vor allem auch um die Luftströme (Seite 9). Nicole Eisenman und ihr Brunnen für Münster (Seite 10). Katharina Grosse und ihre Fleißarbeit in Berlin (Seite 12). London: Die Tate und der Klimaschutz (Seite 14). Frankfurt: Die Geisteswissenschaften und Ai Weiwei (Seite 16). Kulturrat-Studie über Frauen und Männer im Kulturmarkt (Seite 16). Weichenstellung im Institut für Auslandsbeziehungen (Seite 19). Rückblick auf den Fall Beltracchi (Seite 22). Preis-Check: Michael Schmidt (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 705 – Editorial

Informationsdienst KUNST 705

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es ist ein Kreuz mit der Kunst am Bau oder der Kunst im öffentlichen Raum, seit Jahrzehnten schon. Zuerst wird gerungen, ob überhaupt etwas und was appliziert oder installiert werden darf, dann stehen oder hängen diese Werke lieblos und unvermittelt herum, oft von Korrosion befallen, von Schmierereien übersät. Und die häufig verantwortliche öffentliche Hand rührt sich nicht, lässt die Kunst schlichtweg verrotten. Andere Standorte zu prüfen oder Werke abzuräumen, traut man sich in den Behörden nicht, weil gerade in Deutschland die Angst der Politik ausgeprägt ist, in den Ruch übler Bilderstürmerei zu geraten.

Das vorausgesetzt, kann gleichwohl im Einzelfall oft nicht nachvollzogen werden, was in den Köpfen der Politiker und Verwalter vorgeht, wenn manche Kunstwerke im Außenraum von Jahr zu Jahr mehr dem Verfall preisgegeben werden. Der seit 75 Jahren in Berlin lebende Bildhauer Joachim Schmettau, einst Professor an der UdK, auch Gründungsmitglied der Kritischen Realisten, darf sich beispielsweise seit Jahren wundern oder empören; völlig gleich, was er tut, es geschieht nichts an seinem mittlerweile maroden Erd- oder Weltkugelbrunnen auf dem Breitscheidplatz der Hauptstadt, 1984 fertiggestellt.

Vorübergehend durfte man zwar Hoffnung schöpfen, dass sich etwas ändern könnte, dass der Brunnen irgendwann wieder Wasser bekommt, zumal die städtischen Wasserbetriebe eingeschaltet wurden, doch der Senat, der die Berliner Bezirke zwang, die Wartungsverträge mit Privatfirmen zu kündigen, versagte kläglich. Heute, knapp anderthalb Jahre nach der Verstaatlichung der Brunnenpflege, sind mehr Anlagen defekt als jemals zuvor. Insider wollen wissen, dass knapp 70 (!) solcher künstlerischer Arbeiten im öffentlichen Raum teils erhebliche Mängel aufweisen oder völlig kaputt sind.

Unbefriedigend auch, wie es bisweilen im Wettbewerbskontext läuft. Umfangreiche Ausschreibungen, gekrönt von Bedingungen, die Künstler teils gar nicht umsetzen können, praxisferne Formulierungen, wohin man schaut. Und wenn dann die Preisgerichte getagt und ihre Empfehlungen abgegeben haben, darf man sich nicht selten wundern, wie dann das weitere Procedere läuft. Exempel Humboldt Forum: Die Stiftung als Bauherrin ermöglichte ein vielteiliges Wettbewerbsverfahren, bezogen auf unterschiedlichste architektonische Herausforderungen, und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung koordinierte die jahrelange Planungs- und Umsetzungsarbeit. Hochkarätig auch die Jury, bestehend aus Fach- und Sachpreistrichtern. So weit, so gut.

Doch wie kann es sein, dass im Protokoll einer solchen Sitzung der Hinweis zu finden ist, dass »der Nutzer gegen den 1. Preis gestimmt hat«? Die Stiftung, damals durch den Bau-Vorstand Hans-Dieter Hegner stimmberechtigt vertreten, lehnte den nun realisierten und in den Medien bereits gefeierten Entwurf von Kang Sunkoo ab, »Statue of Limitations«, die halbierte Bronze-Flagge. Ob sie in Erfahrung gebracht hat, was mittlerweile halb Berlin flüstert? Ai Weiwei, der undankbare Deutschland-Kritiker, soll im April 2018 plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sein und Kang Sunkoo eine Art Flankenschutz gegeben haben. Was Wunder, handelt es sich doch um einen Mitarbeiter im Team von Ai Weiwei. Ein Schelm, wer denkt, es sei nicht korrekt zugegangen.

Recherchiert man den Vorgang um den 300 000-Euro-Auftrag, dann stellt sich heraus, dass Hegner und wohl auch die ganze Stiftung lieber den 2. Preis dieses Wettbewerbs verwirklicht hätten. Er stammt von Horst Gläsker, Düsseldorf: Mit »KOSMOS« hatte er eine beeindruckende Decken-Malerei für die große Treppenhalle entworfen, die obendrein direkt auf Alexander von Humboldt und die »Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose« Bezug nimmt. Diese Kunst am Bau hätte vom Werden und vom Vergehen berichtet, Tag und Nacht thematisiert, den Kulturort und seine Namensgeber, natürlich Wissenschaft und Kunst – kurzum alles, was auf der Basis eines NASA-Weltraumbildes künstlerisch möglich ist.

»KOSMOS« – ein Gläsker-Bravurstück, bis ins Detail von Brandschutz-Vorschriften und Montage-Anleitungen ausgeklügelt. Ein Blick in die Zukunft, historisch basiert. Ein Versäumnis, diese Idee nicht zu verwirklichen. Aber ein gutes Beispiel, wie viel schiefläuft, wo viele Menschen, Interessen und Leitfäden eingebunden werden, um die Demokratie auch in der Kunst gedeihen zu lassen. Dass dabei nicht automatisch Gutes entsteht, das mag nachdenklich stimmen.

In dieser Ausgabe: Ex-documenta-Leiter Adam Szymczyk fortan als Kurator in Amsterdam tätig (Seite 2). Kunsthändler Inigo Philbrick vom FBI verhaftet (Seite 4). Traditionsgalerie Marlborough in New York macht dicht (Seite 7). Wo das Bundesinstitut für Fotografie entstehen soll (Seite 7). Johann König und der Mäusebunker (Seite 8). Rassismus und der Kunstbetrieb (Seite 9). Marseille: Manifesta 13 in Vorbereitung (Seite 11). Düsseldorf: Susanne Gaensheimer hält an den Plänen fest (Seite 12). Hamburg: Carsten Brosda bleibt als Senator (Seite 14). New York: Attacke gegen Ronald Lauder (Seite 15). Nationalgalerie in Berlin mit oder ohne Direktor (Seite 17). Heiraten im Museum Wiesbaden (Seite 19). Preis-Check: Jo Baer (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 704 – Editorial

Informationsdienst KUNST 704

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vier Wochen lang, vom 4. Mai bis zum 4. Juni, durfte man sich wundern, warum es in Berlin nicht möglich ist, den Hamburger Bahnhof, das Gegenwartskunst-Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), endlich wiederzueröffnen. Wie der Großteil der Staatlichen Museen blieb die Institution trotz Freizeichen des Landes geschlossen, während der Präsident der Stiftung ein wenig tröstende Öffentlichkeitsarbeit machte: »Wir werden diese Zeit überstehen«. Dabei ist es doch gerade der Hamburger Bahnhof, so dachte, wer die Räumlichkeiten kennt, der als Museum reichlich Auslauf und Freigang gewährt, der eben tausende von Quadratmetern Ausstellungsfläche bietet und somit die Einhaltung der Abstandsregeln einzigartig möglich machen würde. Aber die Beobachtung passte zur allgemeinen Irritation, weil rundum viel dicht blieb, was die Staatlichen Museen zu Berlin verantworten, darunter das Bode-Museum oder die Sammlung Scharf-Gerstenberg oder gegenüber das Museum Berggruen. Wer zu Pfingsten einen Spaziergang machte, dort vorbeischauen wollte, erfuhr per Zettelbotschaft am Eingang, dass »bis auf weiteres« geschlossen ist.

Mit Verlaub: Man wird den Eindruck nicht los, dass die staatliche, in diesem Fall gewissermaßen die preußische Obhut den Einrichtungen nicht guttut. Auch wenn am 4. Juni, endlich, per Pressemitteilung die erlösende Botschaft kam, dass der Hamburger Bahnhof am 14. Juni wiedereröffnet werden soll, stellt sich die Frage, warum es sechs Wochen und in Bezug auf andere Museen noch viel länger dauern muss, bis die Verantwortlichen die seit Mitte März dichten Türen öffnen lassen. Was ist da schiefgelaufen? Hätten die Museumsleute im Home-Office nicht längst ihre Hausaufgaben machen können, um alles für den Neustart und die Hygienemaßnahmen vorzubereiten? Warum jetzt erst der Hinweis auf Ticketsysteme und Trennscheiben? Zum Haare-Raufen, das alles, dieses unsägliche lethargische Gebaren, als ginge es um nix, um gar nix.

Freilich wissen Insider, was da los ist. Die SPK, die mittlerweile über einen satten 400-Millionen-Etat verfügt, wie der soeben publizierte jüngste Jahresbericht dokumentiert, verlässt sich auf den heißen Draht zum Kanzleramt, zur Kulturstaatsministerin, die qua Amt sehr mit der Stiftung verbunden ist – und folglich im Bedarfsfall dafür sorgt, dass ein paar Extra-Milliönchen in die Von-der-Heydt-Straße kanalisiert werden, wo der allmächtige Präsident, Hermann Parzinger, auch den Gesamtetat hoheitlich verwaltet. Und im Notfall müssen halt die ohnehin mager gehaltenen Museumsleiter ihre Gürtel noch enger schnallen. Das heißt: Mehr brav Hausgemachtes aus dem eigenen Depot, wenig Glanzvolles, das Quote bringen dürfte. Ein Ausstellungsprogramm, das einer Weltstadt unwürdig ist. Schließlich wird obendrein gespart, wenn man ganze Häuser »bis auf weiteres« dicht lässt.

Ein Jammer, der besonders schwer wiegt, weil es in der SPK durchaus Kräfte gibt, die das Debakel sehen. »Nach ersten Hochrechnungen gehen wir von Mindereinnahmen von bis zu zwei Millionen Euro pro Schließungsmonat aus«, hat Christina Haak, die stellvertretende Generaldirektorin der Museen, kürzlich erläutert. Zwei Millionen pro Monat – ja, geht’s noch? Und da spielt Parzinger auf Zeit?

Geduld ist mittlerweile fehl am Platze, wenn es um die SPK geht. Es wird höchste Zeit, dass dort der Alarm ausgelöst wird, um die logistische Lahmheit in Preußen-Aspik zu vertreiben. An der Spitze dieser größten deutschen Kultureinrichtung braucht man, bitte, keinen qualifizierten, international geschätzten Wissenschaftler, sondern einen begeisterten Generalmanager, der die Ärmel hochrollt und dort für neue zukunftsfähige Strukturen sorgt (selbst der SPK bislang artig dienende Redaktionen wie »Der Tagesspiegel« oder die »Welt am Sonntag« fordern inzwischen Korrekturen; siehe Seite 5). Leider steht zu befürchten, dass der von der Bundesregierung eingesetzte Wissenschaftsrat, der demnächst sein kostengünstiges Evaluierungsdossier vorlegen soll, völlig überfordert ist, weil er selbst nicht weiß, was Management in der Kultur bedeutet (eine Agrarwissenschaftlerin als Vorsitzende). Monika Grütters hätte, gerne im Verbund mit der zuständigen Bildungs- und Forschungsministerin, einen anderen Weg gehen müssen. Sie hätte eine knallhart analysierende Unternehmensberatung einsetzen sollen, die schonungslos den Finger in die Preußen-Wunde legt und eine neue Ära einleitet, die Ära Stiftung Deutscher Kulturbesitz. Dem Bund ist doch sonst auch nix zu teuer: Sage und schreibe 35,5 Millionen Euro Honorare wurden in dieser Legislaturperiode bereits allein für Anwaltskanzleien ausgegeben, die Gutachten erstellen. So sollte dem Staat die Beratung zur überfälligen SPK/SDK-Transformation ein paar hunderttausend Euro wert sein.

In dieser Ausgabe: Überraschender Abgang von Corinna Thierolf aus der Pinakothek der Moderne, München (Seite 2). Am Branchen-Bedarf vorbei: Vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer (Seite 4). Spatenstich für das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin (Seite 7). Gießkannenprinzip in London: Turner-Preis (Seite 9). Nach Ausstellerprotest: Art Basel 2020 abgesagt (Seite 10). Kritik am Kreuz auf dem Humboldt Forum (Seite 13). Chance für den Kulturinfrastrukturfonds (Seite 14). Scheitern mit László Moholy-Nagy (Seite 16). Bewegung in den Kunst-Werken / KW Institute for Contemporay Art, Berlin (Seite 17). Konflikt um den »Erinnerungsort für LSBT«, Düsseldorf (Seite 20). Preis-Check: Thomas Ruff (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 703 – Editorial

Informationsdienst KUNST 703

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn nicht jetzt, wann dann? 2014 als Problem erkannt, 2018 per To-Do-Liste von SPD und CDU/CSU auf die Agenda genommen, tut sich nach wie vor nix. Immer noch gilt die völlig überzogene, den Kunsthandel malträtierende 19-Prozent-Mehrwertsteuer, wenn ein Galerist ein Bild oder eine Skulptur verkauft (ob in der Schweiz oder in Österreich, ob in England oder in New York: Überall weniger Steuer). Die Politiker stellen hierzulande ihre Ohren auf Durchzug; egal, wie der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) oder andere Lobby-Institutionen argumentieren. Aktueller Höhepunkt der jahrelangen Ignoranz in diesen Tagen: In der vom Corona-Virus vorübergehend völlig ausgeknockten Gastronomie wird nun, ohne großes Trara, die ermäßigte Umsatzsteuer eingeführt, obwohl sie dort – im Gegensatz zur Kunst-Branche – über keinerlei Grundlage aus dem politischen Alltag verfügt.

Dagegen wird seitens der Bundesregierung seit zwei Jahren der Vorsatz mitgeführt, den Kunstverkauf zu erleichtern, Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen. Ist das alles letzten Endes nur Makulatur? Auf Seite 170, Zeile 8114, Koalitionsvertrag, heißt es: »Wir setzen uns für die Anwendung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes bei gewerblich gehandelten Kunstgegenständen ein«. Und in der Zeile 8116 geht es ergänzend weiter: »Wir wirken darauf hin, dass der ursprüngliche gesetzgeberische Wille für den Kunsthandel aus dem Jahr 2014 verwirklicht wird.« Schon vergessen, Monika Grütters, Olaf Scholz? Weder die Kulturstaatsministerin noch der Bundesfinanzminister »lassen einen Willen zum Handeln erkennen«, erklären der Vorstand und die Geschäftsführung des BVDG in einem Brief vom 7. Mai, an Grütters, Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier gerichtet.

Kein Zweifel: Der Druck auf die lahmarschige Koalitionspolitik muss jetzt massiv erhöht werden. Die Branche darf es nicht länger hinnehmen, dass das brisante Thema noch nicht einmal auf die Tagesordnung kommt. Denn von Monat zu Monat zeichnet sich deutlicher ab, dass Galerien zu den sterbenden Unternehmen in diesem Land zählen. Seit Mitte des zurückliegenden Jahrzehnts kaum mehr Neugründungen, nur Schließungen, inklusive aller Konsequenzen, eben auch der fehlenden Kulturförderung, der abhandenkommenden Existenzsicherung für Künstler.

Weit über die Hälfte der deutschen Galerien bringt nicht mehr als einen Jahresumsatz von rund 70 000 Euro zusammen: 70 000 pro Unternehmen – das reicht nach Abzug aller Kosten zum Überleben nicht. Wenn dann zudem, wie in Corona-Zeiten, Messen ausfallen, gar die eigenen Räume geschlossen werden müssen, rutscht das matte, bedrohliche Ergebnis noch mehr in den Bilanz-Graben, und man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Galerien demnächst Insolvenz anmelden müssen. Ein Fiasko, das nicht aufzufangen ist, wenn Cineastin Monika Grütters beinahe täglich mitteilt, wen sie wieder fördert (soeben rund anderthalb Millionen Euro für Kinderfilme, fünf Millionen für Programmkinos, drei Millionen Filmpreisgelder). Kein Trost, wenn Peter Altmeier an Kristian Jarmuschek und Birgit Maria Sturm, BVDG, schreiben lässt, dass er »den Ernst der Lage und die damit verbundene, existenzielle Krise vieler Menschen« erkannt habe. Schluss mit dieser nichtigen Wortemacherei! Taten statt Heißluft! Runter mit der Mehrwertsteuer! Jetzt!

In dieser Ausgabe: Irritierende Notiz im Sotheby’s-Jahresbericht (Seite 3). Überraschende Erklärung der EU-Kulturminister (Seite 4). Üble Attacken gegen Marina Abramovic (Seite 6). Venedig: Biennale verschoben (Seite 7). Berlin: Rieckhallen im Fokus (Seite 11). Thomas Olbricht und der dichtgemachte Me Collectors Room (Seite 12). Monika Grütters und weitere zehn »Neustart«-Millionen (Seite 12). Susanne Pfeffer und die MMK-Tristesse (Seite 14). Corona und die Folgen: Finanzmisere der Museen (Seite 15). Andrea Mayer als neue Kulturstaatssekretärin in Österreich (Seite 19). Debatte wegen Kicken-Ankauf in Düsseldorf (Seite 21). Harry’s Bar in Venedig macht nicht wieder auf (Seite 21). Preis-Check: Adrian Schiess (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 702 – Editorial

Informationsdienst KUNST 702

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vielleicht haben Sie kürzlich das notgedrungen nur virtuell veranstaltete Berliner Theatertreffen ebenfalls auf dem Bildschirm gesehen. Der »Hamlet«, den ich von Jugend an in immer wieder anderen Inszenierungen wahrgenommen hatte, stammte diesmal aus dem Schauspielhaus Bochum (Regie: Johan Simons), wo er monatelang gespielt wurde – bis zum Aus durch Corona. Mit der großartigen Sandra Hüller als Hamlet und mit Kollegen wie Gina Haller und Stefan Hunstein war ein Ensemble im Einsatz, das die legendäre, 1602 fertiggestellte Shakespeare-Tragödie (auch dank Heiner Müller) mit allen Kräften in die Gegenwart holte – und dennoch: Sämtliche Regietricks im publikumsleeren Theater anerkennend, wollte der bildschirmflache Zwei-Stunden-Wahnsinn nicht wirklich zum Ereignis werden. »Hamlet« gehört auf die Bühne, nicht ins Fernsehen; basta.

Ich erwähne das Beispiel aus der durch die Krise besonders angeschlagenen Theaterszene, weil es in der Kultur stets um sinnliche Erlebnisse geht, um Berührung, Nähe, Konfrontation. Digital gefiltert, so scheint es, ist alles nur halb so intensiv. Mitten im Thema, im Thema unserer Branche: Was haben die Onliner in der Museen zuletzt initiiert, um ihre Institutionen im Gespräch zu halten; was wurde nicht alles ins Netz gestellt, wie haben sie alle fleißig gestreamt und gepostet, mehr oder weniger um die Wette antichambriert, als gelte es, dem Publikum künftig den Weg ins Museum zu sparen. Und auch hier eben die Erkenntnis: Ein Bild ist ein Bild, kein Abbild, das letztlich nur die Gefahr steigert, dass die nachrückende Generation nicht mehr zum echten Sehen bereit ist, sondern irgendwann irrtümlich das Instagram-Format als einzig wahres Kunst-Werk akzeptiert.

Ein Glück also, dass in der vergangenen Woche wieder vielerorts die Museen öffneten, freilich den Abstands- und Hygieneregeln verpflichtet. Und auch dort, wo die Einrichtungen, irritierend, immer noch zögern, weil sie sich angeblich jetzt erst Gedanken zur Sicherheit machen müssen (als hätte man in den langen Homeoffice-Wochen keine Zeit dafür gefunden), kommt Hoffnung auf. Während die Theater- und Konzertsäle sowie die Kinos weiterhin dicht sind, lässt es die bildende Kunst zu, in großen Räumen erneut ungefilterte Auseinandersetzung zu suchen, Intensität eben. So haben wir allen Grund, uns glücklich zu schätzen, die durch die übliche Kunst-Rezeption mögliche frühere Wiedereröffnung der Häuser zu feiern, mit Anstand und Abstand.

Aber ich frage mich nun, was hat die vorübergehende Schließung von Galerien, Kunstvereinen und Museen ausgelöst. Neben wirtschaftlichen Einbußen, teils von folgenreicher Bedeutung: Gibt es jetzt einen Neuanfang, einen anderen Zugang zur Kunst, eine überarbeitete Vermittlungsstrategie? Ja, wird die Branche womöglich eine Wende vollziehen, andere Ausstellungen machen, folglich frisch kommunizieren, vielleicht auch neue Distributionskonzepte umsetzen? Und welche? Oder bleibt schlichtweg alles beim Alten, weil Kunsthändlern und Museumsleuten nichts ein- oder aufgefallen ist? »Digitale Revolution« als Novum – das kann’s kaum sein. Zur »kulturellen Grundversorgung«, wie Monika Grütters es formuliert, gehört meines Erachtens mehr als die Überlegung, wie man in diesen Tagen aus dem Zehn-Millionen-Neustart-Etat der Staatsministerin ein paar Fördermittel beantragt, um Trennscheiben an der Museumskasse zu installieren.

In dieser Ausgabe: Der deutsche Biennale-Pavillon in Venedig, 2021, von Yilmaz Dziewior kuratiert (Seite 7). Wolfgang Tillmans im »Solidarity2020«-Einsatz gegen das Sterben der Subkultur (Seite 9). Grütters-Gegenspieler Johannes Kahrs verabschiedet sich (Seite 11). Raphael Gross und ein Kuratoren-Team forschen in Sachen documenta (Seite 12). Larry Gagosian als Picasso-Händler (Seite 13). Problem-Stätte Bossard (Seite 14). Krisen-Fall Kunstakademien (Seite 15). Corona und die Kunstzeitschriften (Seite 16). Weitere Öffnung durch Julia Draganovic in der Villa Massimo (Seite 18). Bonner Schlagabtausch wegen Erwin Wurms »Walking Bag« (Seite 20). Post von Günther Uecker (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 701 – Editorial

Informationsdienst KUNST 701

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, der Balanceakt der Politiker, zwischen Sorge um die Gesundheit für die Bevölkerung und Verantwortung für das wirtschaftliche Wohl des Landes den richtigen Weg zu finden, ist ein überaus komplizierter – und die Zeiten sind nicht dazu angetan, Parteiengezänk zu inszenieren. Zu schmal der Grat, in die Gefahr zu gleiten, Versäumnisse zu begehen oder im Übereifer der Maßnahmen das Falsche zu veranlassen. Allein die Tatsache, dass sich die beratenden Virologen in dieser Krise nicht immer einig sind, ja, dass sie selbst einräumen, die Erkenntnisse von gestern bisweilen morgen schon revidieren zu müssen, zeigt zweifelsfrei, auf welchem schwankenden Boden das alles stattfindet. Keine Gewissheit, keine Erfahrung, täglich von Neuem die Lage beurteilen zu müssen, Empirie, das ist jetzt Alltag der politischen Kaste.

Kaste – der Begriff mag erlaubt sein, weil er signalisiert, dass bei aller in Talk Shows erkennbaren Offenheit, letztlich doch in einer gewissen Abgeschiedenheit weitreichende Entscheidungen des Bundes und der Länder getroffen werden, die im Einzelfall die Zukunft der Unternehmen und ganzer Branchen prägen. Wenn die deutsche Gastronomie und natürlich auch die Hotellerie damit rechnen, dass in den kommenden Monaten rund 70 000 Firmen pleite machen und aufgeben müssen, dann verschwindet etwa ein Drittel dieser über Jahrzehnte gewachsenen Infrastruktur. Und es ist nur zu verständlich, dass die Regierenden im Zuge der zahlreichen Maßnahmen, die Corona-Folgen wenigstens teils aufzufangen und abzufedern, auch die Insolvenzordnung vorübergehend korrigiert haben.

Denn klar ist schon in diesen Tagen, zum Monatswechsel April/Mai, dass 2020 auch als Jahr der Insolvenzen in die Annalen eingehen wird. Waren es zuletzt, mithin 2019, noch knapp 19 000 Unternehmen, die in Deutschland aufgeben mussten, darf man in diesem Jahr und gewiss 2021 mit einer weitaus höheren Zahl rechnen, weil die Pandemie beinahe allerorten zur finanziellen Katastrophe führt.

So hat der Gesetzgeber die Insolvenz-Antragspflicht bis zum 30. September ausgesetzt, wenn nachweislich Corona eine Firma ins Schlingern gebracht hat (freilich bleibt das Antragsrecht bestehen, und wo die vorteilhafte frühe Anmeldung sinnvoll und alternativlos ist, sollte sie praktiziert werden). Das ist eine begrüßenswerte Maßnahme, die vermutlich auch einige der angeschlagenen Galerien über den Sommer und mit Hautabschürfungen doch noch ins nächste Jahr bringen könnte.

Aber alles in allem ist es leider nicht so, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Kulturszene liege der Bundesregierung sehr am Herzen. Die Signale, die aus dem Kanzleramt kommen müssten und dann folglich auch die Ministerpräsidenten der Bundesländer mitreißen könnten, fehlen weitgehend. Mit Bekenntnissen, wie wichtig die Kultur in dieser Gesellschaft sei, ist es nicht getan. Konkrete Hilfe wird benötigt, die über die Kleingeld-Verteilung hinausreicht. Doch Fehlanzeige sogar dort, wo es leicht wäre, mutig voranzugehen, etwa in Bezug auf die anstehende Wiedereröffnung der Museen, freilich unter Einhaltung der längst vorhandenen Sicherheitsstandards. Warum keine Äußerung seitens der Kulturstaatsministerin, wann die Bundesmuseen, darunter das Deutsche Historische Museum oder die Bundeskunsthalle, unter welchen Bedingungen wieder zugänglich sein werden? Warum kein Statement, wann die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, deren Rechtsaufsicht sie ist, geöffnet werden?

Auf explizite Nachfrage nur die unverbindliche Antwort aus der Pressestelle, dass »in Abhängigkeit vom Fortgang des Infektionsgeschehens und der Belastungssituation im Gesundheitssystem zu entscheiden sein wird, wann auch die Museen und Ausstellungshäuser sowie weitere Kultureinrichtungen wieder öffnen können – unter Einhaltung der strengen Abstandsgebote und Hygieneregeln«.

Prompt drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet meist weiträumige Ausstellungsräume nicht betreten werden sollen, wenn zugleich Läden geöffnet haben, die voller Regale stehen, die nur wenig Freifläche bieten. Sollte die Kultur doch nicht so wichtig sein, wie gerne vollmundig proklamiert?

Oder ist alles ganz profan und leicht zu erläutern? Hält sich der Bund zurück, weil die Länder im Föderalismusstaat das Sagen haben sollen, ergo auch gegebenenfalls die Kritik einstecken müssen, sollten Museen, Kunsthallen und Kunstvereine zu früh öffnen – und die Infektionszahlen wieder nach oben schießen? Politisches Ränkespiel?

In dieser Ausgabe: Kritik von Gerhart Baum an der deutschen Kulturpolitik (Seite 4). Händewaschung und Maskenschau in der Galerie Schlichtenmaier (Seite 4). Corona-Solidaritätsaktion von Hauser & Wirth (Seite 6). Wenn Kunstkritiker an ihre Grenzen stoßen (Seite 10). Wie das Humboldt Forum zur Hängepartie wird (Seite 11). Wen der Sammler Reinhold Würth als CDU-Kanzlerkandidat sehen will (Seite 12). Gero von Boehms Film über Helmut Newton (Seite 12). Andreas Ammers Film über Klaus Staeck (Seite 14). Künstler und Grundrente (Seite 14). Start der Nick and Vera Munro Foundation (Seite 16). Galerien und Mindestabstand (Seite 17). Hamburgs Plan für ein Haus der digitalen Welt (Seite 21). Preis-Check: Ulrich Meister (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 700 – Editorial

Informationsdienst KUNST 700

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zugegeben: Bislang wusste ich nicht, wer Christoph Backes ist, auch Sylvia Hustsedt, Julia Köhn und Johannes Tomm kannte ich nicht. Ganz im Stillen arbeiten sie und ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen als Berater der Bundesregierung. Bereits vor gut zehn Jahren gegründet, ist in Berlin ein Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, das offenbar reichlich Einfluss auf allerlei Entscheidungen des Bundes nimmt, ohne die Öffentlichkeit wirklich einzubinden.

Von fehlender Transparenz zu berichten, mag denn erlaubt sein, weil diese Initiative, angedockt an das Bundeswirtschaftsministerium und an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), offenbar gerne Zahlenmaterial in die politischen Prozesse schleust, das nicht ohne weiteres nachvollziehbar ist. Beispiele: Von knapp 30 Milliarden Kultur-Umsatz-Ausfall durch Corona wird aktuell schwadroniert; von Umsatz-Ausfällen bei Künstlern und Galeristen, die in diesem Jahr auf sage und schreibe 75 Prozent kommen sollen, wollen Backes und die anderen Analysten wissen.

Das klingt nach einer größeren Katastrophe, als ohnehin von Branchenkennern vermutet. Ich frage mich freilich, wie es sein kann, dass diese Quasi-Kahlschlag-Prognose aus dem Kompetenzzentrum zu einem von Bundesland zu Bundesland anderem Zuschussprogramm führt, dass auch die BKM, Monika Grütters also, die vor gut vier Wochen reichlich Hilfe des Bundes zugesagt hat, für den einzelnen Empfänger letztlich nur Kleingeld in den Galerien und Ateliers verteilen lässt.

Bei genauer Betrachtung sind es, so gut es gemeint war, nur Almosen. Sie selbst mag zwar generös dastehen, bekommt im Moment teils auch überschwängliches Lob, doch kurz wie »Danke« ist die Wirkung. Auf rasche Verpuffung angelegt, null Nachhaltigkeit. Galeristen können, wenn sie tatsächlich in den Genuss eines Zuschusses kommen, einmal die Miete begleichen, vielleicht noch die Leasing-Gebühr für den Lieferwagen oder das Fotokopiergerät. Und Künstler, noch weniger gefördert, wenn überhaupt, dürfen ein paar Mal unbeschwert im Supermarkt einkaufen, doch dann kommt das eiskalte Händchen. Wie allerorten zu hören, werden sie von den Behörden auf die Grundsicherung hingewiesen, auf den Hartz-IV-Weg also. Mit Verlaub: Maler und Bildhauer sind nicht arbeitslos; sie sind keine Arbeitssuchenden. Ein staatliches Missverständnis in Bezug auf diese Freiberufler, und genau hier würde man erwarten, dass Grütters ihrem CDU-Parteigenossen Peter Altmaier eine Kopfnuss gibt. Flankierend könnten Backes und Kompanie vielleicht wieder ein paar ernüchternde Zahlen spendieren.

In dieser Ausgabe: Statements zur Krise – von Bazon Brock bis Peter Weibel (Seite 5). Gedanken zur 700. Ausgabe Informationsdienst KUNST (Seite 7). Der Deutsche Museumsbund hofft auf Rückkehr zur Normalität (Seite 10). Warteschleife: Museum Morsbroich, Leverkusen (Seite 10). Ziellinie: ZADIK, Köln (Seite 14). Durchschuss: Karola Kraus, Wien (Seite 15). Julia Draganovic plant den internationalen Kuratoren-Kongress der IKT in Deutschland (Seite 16). Rainer Haubrich will eine Schnapsidee in Berlin, Humboldt Forum, umgesetzt sehen (Seite 18). Das ethnologische Museum der Zukunft (Seite 18). Der 102-jährige Frank Popper (Seite 20). Hamburg und die Corona-Krise (Seite 21). Impressum (Seite 25).