Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 685 – Editorial

Informationsdienst KUNST 685

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Ergebnisse der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen vor Augen, könnte einem Angst und Bange werden, wenn es um die Presse-, Kunst- und Gedankenfreiheit geht. Wenn in manchen Ortschaften mittlerweile um 50 Prozent der Wähler jene Partei bevorzugen, die angetreten ist, »die Entsiffung des Kulturbetriebs in Angriff zu nehmen« (Marc Jongen, AfD-Vordenker), die gegen »Auswüchse in der Kunst- und Kulturszene« vorgehen will (Gordon Engler, AfD-Stadtrat, Dresden), dann droht der Bundesrepublik eine Zukunft, die keine ist, die verhindert werden muss. Jeder kann an seinem Platz in der Branche kleine Beiträge leisten, dass die Neue Rechte nicht Zug um Zug plattmacht, was hier in jahrzehntelangem Bemühen um Weltoffenheit und Toleranz aufgebaut wurde. Der »taz«-Autor Michael Bartsch schrieb vor Tagen von der »besonderen Chuzpe«, die in der AfD beispielsweise in Sachsen zum Ausgleich für fehlende Kompetenz zu beobachten sei.

Dass es im Kunstbetrieb am laufenden Band allerlei Ungereimtheiten, teils auch widerliche Machenschaften gibt, wie übrigens in jeder anderen Branche ebenfalls, das lesen Sie Ausgabe für Ausgabe in diesem Branchenbrief. Ich frage mich jetzt freilich, ob wir unserer Aufgabe als Kunstbetriebskritiker weiter gerecht werden können und dürfen, wenn wir durch die Veröffentlichung von Fakten und Meinungen eben auch Gefahr laufen, den zwar demokratisch legitimierten, zugleich aber an den Fundamenten der Demokratie rüttelnden »Heimat«-Verteidigern weitere Argumente zu liefern. Ein Glück, dass der Informationsdienst KUNST keine Publikumszeitschrift ist, so denke ich, sondern ein vertraulicher Dienst für eine weitgehend überschaubare Abonnenten-Familie. Wir sind quasi unter uns, egal, ob wir rot, anders rot, grün, schwarz oder gelb wählen. Und das ist gut so.

Gut ist es auch, wenn ein bekannter TV-Journalist, wie er mir schrieb, seine Recherchen in einer dubiosen Personalsache aus deutschen Museen unterbricht, um zunächst für einen anderen geplanten Beitrag hinter die AfD-Kulissen zu schauen. Denn machen wir uns nichts vor: Letztlich werden in der Politik die Weichen für die Kultur gestellt – und dort keimt jetzt das Unheil. »Die Neue Rechte«, so der Kollege Bartsch, »probt den Durchgriff auf einen Bereich, von dem sie mit sehr wenigen Ausnahmen nicht einmal eine Ahnung hat.« Wenn Jörg Urban, Sachsens AfD-Kopf, vermeintlich generös einräumt, dass man »die Kultur nicht abschaffen« wolle, dann klingelt bei mir der Alarm. Höchststufe. Was geht in diesen Wirrköpfen vor, wenn sie solche Statements geben?

Ich hoffe, Sie haben Verständnis: Eigentlich wollte ich dieses Editorial der bis zum 15. September dauernden Berlin Art Week und den vielen weiteren Initiativen in anderen Großstädten widmen. Ich hatte mir zudem vorgenommen, über das in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden sowie später in Hamburg geplante Großprojekt »Jetzt! Junge Malerei in Deutschland« zu berichten, über die immer wieder totgesagte und dann doch stets auferstandene Disziplin zu sinnieren, doch seit dem Wahlsonntag in Brandenburg und Sachsen quält mich der Gedanke, in welcher Welt wir leben, ob dieser jahrzehntelange, auch leidenschaftliche Einsatz für die Kunst überhaupt noch zu verantworten ist, wenn rundum ein politisches Klima gedeiht, in dem die künstlerische Freiheit auf dem Spiel steht. Müssten wir unsere Fähigkeiten, Kenntnisse und insbesondere unsere Zeit nicht anders nutzen? Sollten wir nicht besser das Schlimmste verhindern, nämlich den weiteren Zulauf zu einer Partei, die nicht zu wissen scheint, was sie tut?

In dieser Ausgabe: 150 Jahre Hamburger Kunsthalle und ein neuer Direktor (Seite 5). Zunächst elf Millionen mehr für die Kunst in Berlin (Seite 8). Neuausrichtung im MoMA, New York (Seite 8). Trotz eigener Sicherheitsmängel: Stiftung Preußischer Kulturbesitz klagt gegen Versicherung (Seite 10). Uta Grosenick will die Edition Cantz voranbringen (Seite 12). Ellen Blumenstein als HafenCity-Kuratorin in Hamburg (Seite 13). Heike Kropff als Bildungszentrum-Chefin im Haus Bastian (Seite13). Drei Kunstvereine im Rheinland zum Thema »Maskulinitäten« (Seite 14). Fragwürdiges Engagement: Kunstforum Wien adelt den Fälscher Wolfgang Beltracchi (Seite 17). Unterm Hammer: Der Kaufhof veräußert über Lempertz seine Kunstsammlung (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 684 – Editorial

Informationsdienst KUNST 684

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, diesmal will ich Ihnen eine Recherche nicht vorenthalten, die allerlei sonderbare Wendungen nimmt – und auch in den kommenden Monaten und Jahren noch für Überraschungen sorgen wird, wie ich es einschätze. Ein spezieller Fall von grundsätzlicher Bedeutung, im Kontext von Politik und Museen sowie von Staat und Steuern verortet. Die Story beginnt dort, wo wir im Informationsdienst KUNST 683, datiert vom 8. August, über Gerhard Richter und seine nicht vorhandene Begeisterung für ein Richter-Museum in Köln berichtet hatten, wo wir aber obendrein einen befremdlich erscheinenden Alleingang von Kulturstaatsministerin Monika Grütters kommentierten. Sie war am Donnerstag, 15. August, ohne den Berliner Nationalgalerie-Direktor, Udo Kittelmann, zu Richter nach Köln gefahren, um dort über eine Ladung Richter-Gemälde für das geplante Museum des 20. Jahrhunderts zu verhandeln.

Weil ich mir nicht vorstellen konnte, dass sich die deutsche Bundesregierung höchstpersönlich um kuratorische Angelegenheiten einzelner Museen kümmert, gar Direktoren-Aufgaben wahrnimmt, konnte ich nichts Anderes vermuten: Hier überschreitet die Staatsministerin ihre Kompetenzen, mischt sich in Aufgaben ein, die gewiss nicht ihre sein können. Obendrein, so hatte ich geschrieben und vor Tagen auch dank eines Telefonats mit dem Sammler Egidio Marzona in Italien bestätigt erhalten, wurden die Sammler Pietzsch, Marx und Marzona von niemandem in Kenntnis gesetzt, dass das bislang für ihre Sammlungen vorgesehene neue Museum nun zusätzlich für Gerhard Richter geöffnet werden soll. Weil Kittelmann zu den drei Herren einen ausgezeichneten persönlichen Kontakt pflegt, konnte das nur bedeuten: Monika Grütters agiert, warum auch immer, an der geschäftsführenden Spitze der Stiftung Preußischer Kulturbesitz vorbei, ohne Präsident Parzinger, Generaldirektor Eissenhauer und Nationalgalerie-Chef Kittelmann zu informieren.

Nun stellt sich aber überraschend heraus, dass Grütters »auf Bitten von Udo Kittelmann« mit Richter gesprochen habe, wie es ihr Sprecher Hagen Philipp Wolf in einer Verteidigungsemail an mich erläutert. Dass Kittelmann in Köln nicht dabei gewesen sei, habe mit einem Termin des Museumsmannes in Berlin zu tun, nichts sonst. Als wäre kein anderer Atelierbesuch-Termin möglich gewesen, wo Grütters und Kittelmann gemeinsam den seltsamen Richter-Schulterschluss hätten praktizieren können. So drängt sich der Verdacht auf, dass Kittelmanns Nationalgalerie-Preisträger-Auftritt an diesem Tag recht gelegen kam. Denn klar und unbestritten ist mittlerweile, dass eigentlich der Künstler die Staatsministerin antanzen ließ, dass sich Monika Grütters »diesem Gesprächswunsch von Gerhard Richter nicht entziehen konnte« (Wolf).

Der Maler, den Wirtschaftsmagazine auf 500 Millionen Vermögen schätzen, mittlerweile 87 Jahre alt, muss sich Gedanken machen, wie er seine Familie in Sachen Schenkungs- und Erbschaftssteuer entlasten kann, obgleich nahezu alle, die mit dem Vorgang zu tun haben, in diesen Tagen die Nebelmaschine anwerfen. Aber Beispiele gibt es in Deutschland zuhauf, wie die unter Fachleuten genannte »große Kunstbefreiung« zum steuerfreien Vermögensübertrag an die folgende Generation führen kann. Der Erwerb der renommierten Sammlung Ackermans (mit 142 Arbeiten) durch das Land Nordrhein-Westfalen, 2005 und zugunsten der Kunstsammlung NRW, zeigte der Öffentlichkeit aufs Deutlichste, dass Schenkungssteuer mit Kunstwerken beglichen werden kann.

Warum also sollte der gewiefte Gerhard Richter, der schon in den Sechzigern kurzerhand einen Anwalt einschaltete, als ihm der Galerist Heiner Friedrich ein paar Mark schuldete, nicht die Idee verfolgen, auf der Basis der Bundesfinanzhof-Grundsatzentscheidung vom 12. Mai 2016 (II R 56/14, NJW 2016, 2765) das für ihn und seine Ehefrau Sabine nun Vorteilhafte in Anspruch zu nehmen? Das ist legitim und hat nichts mit einem »Vertrauensbeweis« des Malers zu tun, wie Grütters pathetisch verbreiten lässt. Nur weil die Staatsministerin zum Auftakt der offiziellen Gespräche noch keinen Hinweis auf einen ihrerseits zu vermittelnden Steuer-Deal gehört haben will, bedeutet es nicht, dass das Thema vom Tisch ist. Richter, so meine Prognose, wartet auf den richtigen Moment, bis er, aus der Tiefe des Ateliers, unterstützt von einem Geschwader von Anwälten und Steuerexperten, seine Forderungen anmelden wird, wie eine solche »Überlassung« von Kunstwerken für ihn ausfallen soll.

Dann werden sich Grütters und die Museumsleute in Berlin fragen müssen, ob es lohnt, wegen eines solchen Richter-Geschäfts, das das bisherige Museumskonzept irritierend sprengt, sämtliche anderen Partner vor den Kopf zu stoßen. Ich denke an das Ehepaar Pietzsch, an Erich Marx, auch an Egidio Marzona. Und mir fallen etliche Sammler ein, die mit ihren Werken inzwischen andernorts oder anderweitig angedockt haben, weil sich die Stiftung Preußischer Kulturbesitz nicht wirklich für sie interessierte, darunter Erika Hoffmann, Paul Maenz, Alexander Schröder und Michael Werner. Auf den Punkt gebracht: Der ohnehin miserabel eingeleitete und kommunizierte Vorgang sagt viel über Kultur- und Steuerpolitik in Deutschland, auch über einen Hang zur Intransparenz, obgleich dieser Staat doch laufend so tut, als gehe es ihm vor allem um Durchsichtigkeit. Mit Verlaub: Wenn die Bundesregierung im Jahr weit über 300 Millionen Euro für externe Beratungsfirmen ausgibt, dann könnte sie sich endlich auch mal den notwendigen Sachverstand leisten, um Licht in solche Transaktionen zu bringen.

In dieser Ausgabe: Weltkongress der Kunstkritiker-Vereinigung AICA in Köln und in Berlin (Seite 4). Von Florenz nach Wien: Uffizien-Chef Eike Schmidt zieht Bilanz (Seite 6). Abrechnung mit Ai Weiwei (Seite 7). Kompromiss mit Fürstenhaus Hohenzollern (Seite 9). Italienische Machtspiele: Rauswurf für Cecilie Hollberg (Seite 9). Amerikanische Arroganz: Guggenheim-Chef Richard Armstrong gegen Gewerkschaft (Seite 11). Albertina-Dependance womöglich in Köln (Seite 12). Hessens Kunstministerin Angela Dorn und die documenta (Seite 14). »Cicero« und die AfD (Seite 14). Erfolg in Südkorea: ZERO foundation auf Tournee (Seite 16). Schwächeln in Sachen Internationalität: art berlin (Seite 18). Nun auch noch ein Flohmarkt: Kunsthalle Rostock (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 683 – Editorial

Informationsdienst KUNST 683

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man über ein Jahrzehnt lang in Hamburg gelebt hat, dann weiß man, wie die Hanseaten ticken. Sie können vornehm und zurückhaltend sein, ihre Diskretion bis an die Schmerzgrenze des Zumutbaren treiben – und dabei doch einen ausgeprägten Hang zum Gerücht hinter selbstverständlich fein vorgehaltener Hand entwickeln. Was da so alles kolportiert wird. Wer da was gesagt oder wenigstens gedacht haben soll. Und wo und wie und warum. Einfach irre. Allein jene Munkeleien, die mir in den vergangenen Wochen laufend zugetragen wurden: Absurder geht’s nimmer.

Mal heißt es, Tim Sommer, der »Art«-Chefredakteur, würde von 2021 oder 2022 an, wenn Gruner + Jahr das neue, von Caruso St. John entworfene Verlagsgebäude im Lohsepark und somit in der Hafencity bezieht, als Kurator eine rund 1 500 Quadratmeter große Kunsthallenfläche bespielen (Sommer auf Anfrage: »Ein lustiges Gerücht; aber den Ausstellungsbereich wird die Stadt Hamburg betreiben«). Mal will jemand wissen, dass die Hansestadt, kaum zu glauben, die Sammlung Falckenberg erwerben würde, die bis 2023 (bis zum 80. Geburtstag des Leihgebers), aber gegebenenfalls auch darüber hinaus vertraglich festgezurrt ist, was den in Sachen Kunst mächtigsten Hamburger, Jurist von Haus aus, aber nicht hindert, auch mal was in Auktionen zu geben.

Mitten im Thema: Als kürzlich bekannt wurde, dass Harald Falckenberg zwei seiner etwa knapp 2 500 Arbeiten versteigern ließ, einen Albert Oehlen, einen Richard Prince, und dabei Millionen-Erlöse erzielte, dürften die rein rechnerisch hellwachen Hanseaten kapiert haben, dass sie sich die in den Deichtorhallen, in den Phoenix-Hallen in Harburg sowie in einem Depot in Flughafen-Nähe untergebrachte Sammlung niemals leisten können. Wer in der Branche weiß, was Falckenberg, der Unternehmer, in den vergangenen 25 Jahren zusammengetragen hat, wer ihn, wie ich selbst, von Anfang an in seiner Leidenschaft für die Kunst begleitet hat, der ahnt, dass dieser Schatz insgesamt 300 bis 450 Millionen wert sein dürfte.

Sollte zudem, was seitens der Kulturbehörde wohl erörtert wird (obgleich man dort diesbezüglich mehr oder weniger nichts Konkretes sagt, eher auf Indiskretionen setzt, die dann das »Abendblatt« gerne veröffentlicht), in Harburg tatsächlich baulich investiert werden müssen, dann käme, alles in allem, rasch eine knappe halbe Milliarde Euro zusammen. Bedenkt man, dass der komplette Kultur-Etat des zuständigen Senators Carsten Brosda, SPD, zugleich per Vorsitz der Kulturminister-Konferenz bundespolitisch ambitioniert, für 2018 gerade mal nur 326 Millionen betragen hat, dann ahnt man, dass von einem Erwerb wirklich nicht die Rede sein kann, allenfalls von einem Teilerwerb. Aber was und wie? Und würde Falckenberg selbst denn dabei mitmachen, zumal er seine vier Kinder und die auch in Sachen Sammlung überaus engagierte Lebensgefährtin zu seinen Erben zählt?

Von mir nach dem Stand der Dinge befragt, bleibt der Harald, der sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, obwohl er in Hamburg geboren wurde, eigenartig einsilbig, eben hanseatisch. Vielleicht wegen des vereinbarten Stillschweigens der Vertragspartner. Dabei räumt auf offizielle Anfrage an die Kulturbehörde sogar Pressereferentin Anja Bornhöft ein, dass »auf Wunsch von Harald Falckenberg die Gespräche wieder aufgenommen wurden«. Die Behörde sei daran interessiert, »die bedeutende Kunstsammlung für Hamburg zu sichern«. Ergo: Sollte der Sammler einen Teil an Hamburg verkaufen, wie groß wäre er dann? Und würde es zudem eine Schenkung geben, wie sie Falckenberg früher schon gemacht hat, etwa an die Kunsthalle? Was passiert mit dem Rest? Wie Oehlen und Prince in eines der großen Auktionshäuser, um die späteren Erben schon vorzeitig zu erfreuen? Alles in allem bleibt der Verdacht, dass diese einzigartige Sammlung vor ihrer Zerschlagung steht.

Zur Erinnerung: Eng und vertraglich verbunden sind die Hansestadt und der Privatmann Falckenberg seit dem August 2010, als sie miteinander den nun laufenden Kooperationsvertrag zur Dauerleihgabe der Sammlung zugunsten der Deichtorhallen und der Öffentlichkeit schlossen. Für Hamburg bedeutet er, dass die Stadt jährlich 570 000 Euro beisteuern muss, im Notfall eher etwas mehr, dafür im Gegenzug aber über eine der besten Kollektionen von Gegenwartskunst verfügen kann. Ob Werke der Sammlung künftig auch in der neuen »Kunsthalle« im Hause Gruner + Jahr gezeigt werden dürften, ob das sinnvoll wäre, lässt sich zwar zur Stunde nicht ermitteln, doch in Bewegung ist viel, sehr viel, vor der nächsten Bürgerschaftswahl im Februar 2020. Das zeigt ein Interview, das »Art« in seiner Juli-Ausgabe dreiseitig veröffentlicht hat. Carsten Brosda, der fünfte Kultursenator, seitdem Harald Falckenberg auch für Hamburg sammelt, setzt dort auf das uralte, mittlerweile staubige SPD-Motto einer »Kultur für alle« – und erwähnt mit keinem einzigen Wort die Sammlung Falckenberg, obwohl sie es ist, die Hamburg in Sachen Kunst international macht.

P.S.: Der Informationsdienst KUNST macht alljährlich im August einen Drei-Wochen-Sprung. Die kommende Branchenbrief-Ausgabe erscheint denn am Donnerstag, 29. August.

In dieser Ausgabe: Neue Aufmerksamkeit für die DDR-Kunst in Leipzig und Düsseldorf (Seite 2). Weimar: Der scheidende Klassik-Stiftungschef Hellmut Seemann warnt vor der AfD (Seite 3). Rücktritt von Warren Kanders nach Künstlerprotest in New York (Seite 4). Klagenfurt: Klaus Littmann bereitet Großprojekt »For Forest« vor (Seite 7). Prag: Voreilige Solidarität für Nationalgalerie-Chef Jirí Fajt (Seite 8). Ronald S. Lauder und die Militaria (Seite 10). Neo Rauch und sein »Anbräuner« (Seite 10). Die Empfehlung: Ein »Oberauge« für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 14). Thomas Schütte plant nächsten Spatenstich (Seite 15). Aus aktuellem Anlass: Brandschutz im Museum (Seite 18). Preis-Check: Cindy Sherman (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 682 – Editorial

Informationsdienst KUNST 682

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vor vielen Jahren lieferten wir uns einen Wettbewerb im Hinblick auf die Nominierung als Kulturhauptstadt Europas, 2010. Oliver Scheytt, der Personal- und Strategieberater in Sachen Kultur, trommelte erfolgreich für Essen und das Ruhrgebiet; ich gehörte um 2004/2005 zum Berater- und Manager-Quintett der Stadt Regensburg. Freilich kannte ich Scheytt schon lange zuvor – und wunderte mich, warum er, der Sozialdemokrat, langjähriger Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft, während der SPD-Kulturstaatsminister-Phase nicht zum Zuge kam und erst 2013, ein paar Monate lang, von Peer Steinbrück als Fachmann im Schattenkabinett präsentiert wurde.

Wie kann es sein, dachte ich damals, dass einer wie er, kulturell und politisch außerordentlich kompetent, bestens vernetzt, nicht ins Kanzleramt geholt wird? Gehörte er nicht zur sogenannten Grappa-Connection, die einst, von Gerhard Schröder mit Manfred Bissinger im Kehdinger Moor dirigiert, den Kulturstaatsminister-Posten gründete? Michael Neumann, Julian Nida-Rümelin, später sogar meine Freundin Christina Weiss, die gar nicht Parteimitglied war, sondern nur auf SPD-Ticket zur Staatsministerin gemacht wurde – aber eben nicht der Scheytt, das soll einer verstehen, sagte ich oft. Ihm selbst, so schien mir, war es wurscht, obgleich er, Jahrgang 1958, ehrgeizig bis zum heutigen Tag, die verantwortungsvolle Aufgabe meines Erachtens zweifellos mit viel Sachverstand, Umsicht und Durchsetzungskraft bewältigt hätte.

Seiner Leidenschaft für Kunst und Betrieb zum Trotz, schwante dem promovierten Juristen wohl, heute als Geschäftsführer seiner effektvoll in Versalien geschriebenen Firmen »KULTUREXPERTEN« und »KULTURPERSONAL« tätig, dass es sowohl in der Politik als auch in der Kultur nichts zu verdienen gibt. Schlechte Vergütung selbst dort, wo höchste Verantwortung zu tragen ist. So halten Museumsdirektoren im öffentlichen Dienst gerne nach Nebenverdiensten rundum Ausschau, wenn es die Verträge zulassen. Und das scheint oft der Fall zu sein. Halb Berlin staunt beispielsweise, dass der Direktor der Nationalgalerie, Udo Kittelmann, in der Hauptstadt für mehrere Häuser und Programme zuständig, nahezu ununterbrochen auswärts kuratiert, bei Beyeler in der Schweiz, bei Burda in Süddeutschland oder bei Prada in Italien, ganz so, als hätte er zu Hause nichts zu tun.

Unabhängig von Berlin und den Staatlichen Museen: Die kursierenden Zahlen in Sachen Brutto-Einkommen sind in der Kultur-Branche insgesamt ernüchternd. Die Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover, ein Beispiel aus dem statistischen Material zum Thema, hat jahrelang Stellenanzeigen ausgewertet und kam zu einem fast sprachlos machenden Ergebnis: Über die Hälfte aller auf Network veröffentlichten Kulturmanagement-Stellen waren mit Gehaltsangaben versehen, »die unter der Grenze für geringfügig Beschäftigte von 17 500 Euro pro Jahr liegen«.

Bei genauer Betrachtung, so zeigt sich im Kontakt mit Oliver Scheytt, hat das lausige Resultat zwar nicht zuletzt damit zu tun, dass Stellen für Volontäre einbezogen waren. Doch alles in allem, so dokumentiert auch eine »KULTURPERSONAL«-Studie, die Scheytt zusammen mit seiner Professoren-Kollegin Julia Frohne, Gelsenkirchen, zum Arbeitsmarkt Kultur gemacht hat, ist die Situation beschämend. Selbst Spezialisten mit Masterstudium erhalten im Öffentlichen Dienst keine 3 000 Euro zum Einstieg. Eigene Recherchen zeigen: In zwölf Bundesländern liegt das erste Gehalt für Museumsdirektoren zwischen 2 080 Euro (Sachsen) und maximal 2 900 Euro (beispielsweise Bayern, Berlin, Bremen und Hessen).

In der Folge bedeutet es: Ist die »Abenteuerlust der Generation Y« (Frohne/Scheytt) erst einmal aufgebraucht, fällt die Motivation gering aus, am Arbeitsplatz zu bleiben und sich dort engagiert einzubringen. Aus einer Umfrage, die die beiden Professoren unter 133 jungen Fachkräften gemacht haben, geht hervor, dass »das Gehalt für über 80 Prozent der Befragten eine wichtige bis sehr wichtige Rolle spielt«.

So gesehen, denke ich, hat es Oliver Scheytt in seinem Arbeitsfeld als bekanntester Headhunter in der Kulturszene überaus schwer, Bewerber für staatliche oder kommunale Museen zu finden, wo teils nur hart an der Mindestlohn-Bestimmung vorbeigeschrammt wird. Höchste Zeit, darüber gründlich zu verhandeln, was heutzutage gezahlt werden muss, wenn man die dröge Stimmung in vielen Chefetagen unserer Forschungs- und Ausstellungsstätten nicht länger still hinnehmen will.

In dieser Ausgabe: Wie es bei der Eröffnung der James-Simon-Galerie in Berlin durch Angela Merkel war (Seite 3). Warum sich Nicholas Cullinan in London, National Portrait Gallery, immer noch ziert, auf den Sponsor BP zu verzichten (Seite 6). Was aus der Sammlung Flick wird, wenn die Rieck-Halle nicht mehr zur Verfügung steht (Seite 9). Hoffen auf ein gutes Ende: Der Sammler Uli Sigg in China (Seite 11). Hoffen auf Klarheit: Boris Johnson und die Zollfreilager (Seite 14). Sammlerin Heidi Horten gründet eigenes Museum (Seite 16). Messemacherin Johanna Penz im Insolvenzverfahren (Seite 16). Wochenblatt »Die Zeit« beerdigt seine Kunstmarkt-Seiten (Seite 18). Preis-Check: Tomás Saraceno (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 681 – Editorial

Informationsdienst KUNST 681

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vor drei oder vier Jahren, so wissen Insider im politischen Berlin zu berichten, wurde auf dem kleinen Dienstweg innerhalb der Bundesregierung ein Buch herumgereicht, das als Bestätigung für eine Mutmaßung diente, die ursprünglich im (Schäuble-)Finanzministerium hochkochte. Die Schweizer Juristin Monika Roth hatte im Zürcher Dike Verlag »Wir betreten den Kunstmarkt« veröffentlicht, einen Band, der schon auf dem Titel von Geldwäsche berichtete. Seitdem kursiert in der deutschen Politik, die es dem Kunsthandel ohnehin außerordentlich schwer macht, die absurde Meinung, dass Galeristen vor allem als Handlanger von Geldwäschern zu sehen sind.

In der vergangenen Woche wurde dieser Schwachsinn parlamentarisch dokumentiert, indem die Fraktion Die Linke in einem an die Bundesregierung gerichteten Antrag, Nummer 19/11098, mit größter Selbstverständlichkeit einen »Masterplan zur Geldwäschebekämpfung« forderte. Deutschland, so heißt es in der Vorbemerkung dieser unausgegorenen Drucksache, sei ein »Paradies für Geldwäsche«, und man habe mit mindestens 100 Milliarden Euro pro Jahr zu rechnen. Die Linke zitiert obendrein Roberto Scarpinato, Palermo, den Anti-Mafia-Staatsanwalt, der gesagt haben soll, wäre er ein Mafioso, würde er in Deutschland investieren.

Der fragwürdige Antrag der Fraktion Die Linke, der auch gleich die Forderung enthält, sogenannten Whistleblowern bei Meldungen über mögliche Verstöße gegen das Geldwäsche-Gesetz »einen umfassenden Schutz zu gewähren«, empört nicht nur, weil er offenbar eine Spitzel-Kultur etablieren will. Er zeigt obendrein, dass Die Linke ihre Hausaufgaben nicht gemacht hat. Denn mittlerweile liegen die Abschlussberichte der sogenannten ILLICID-Studie vor. Deren Tenor ist eindeutig: »Sie enthalten keine Hinweise auf Raubgrabungen, Terrorfinanzierung oder Geldwäsche«, so lautet das Resümee der Hamburger Anwältin Christina Berking, Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel.

Drei Jahre lang wurde seitens der beauftragten Technischen Universität in Hannover geforscht (Kosten: 1,2 Millionen Euro), und von der ursprünglichen These, dass viel kriminelles Tun im Kunstbetrieb stecke, ist nun nicht mehr die Rede. Die aufwendige Studie, veranlasst vor allem wegen angeblich weitreichender Raubgrabungen und Plünderungen archäologischer Stätten, bietet »dünne Ergebnisse« (Berking) – und lässt folglich die Frage nach der Berechtigung der massiven Regulierung des Kunsthandels erneut aufflammen. Denn es scheint so, dass sowohl die EU-Einfuhrverordnung als auch das Kulturgutschutzgesetz auf äußerst wackeligen Beinen stehen. Die ILLICID-Papiere enthalten kaum nennenswerte Zahlen: Allein der illegale Kunsthandel in Deutschland bringt es noch nicht einmal auf eine Million pro Jahr; dabei war von Milliarden phantasiert worden.

Schlusswort also für Christina Berking und die Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel: »Konkrete Hinweise auf Akteure, Netzwerke und Handlungsroutinen sowie Gewinn- und Geldwäschepotential, die die Pilotstudie aufdecken wollte, sucht man in den Berichten vergebens. Dazu hat man nichts gefunden. Ein Freispruch für den Handel.« Klartext: Die Linke sollte ihren Stasi-Manier-Antrag schleunigst zurückziehen.

In dieser Ausgabe: Von Leipzig nach Linz – Alfred Weidinger hat gekündigt (Seite 4). Von Olaf Scholz zu Monika Grütters: Kunstbesitz des Bundes (Seite 5). Recherchen in Krefeld – wegen Herausgabe-Anspruch in Sachen Mondrian-Bilder (Seite 8). Münchens Kulturreferent, Hans-Georg Küppers, hat seinen Schreibtisch geräumt (Seite 9). Gaskonzern-Chef Leonid Mikhelson plant neues Museum in Moskau (Seite 10). Nantesbuch-Geschäftsführerin Andrea Firmenich wechselt zur Kunststiftung NRW (Seite 14). Mit David Chipperfield durch die neue James-Simon-Galerie in Berlin (Seite 15). Aus für Liebermann-Villa-Direktor Daniel Spanke (Seite 17). Neo Rauch gegen Wolfgang Ullrich (Seite 17). Jugendstil-Schenkung für Hessen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 680 – Editorial

Informationsdienst KUNST 680

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Sie erinnern sich womöglich: Julian Schnabel hatte auch den nicht restlos geklärten, immer noch von widersprüchlichen Erkenntnissen begleiteten Vorgang vom 27. Juli 1890 in seinem kürzlich in die Kinos gekommenen Film »An der Schwelle zur Ewigkeit« aufgegriffen (siehe ID 676, Seite 7). Vincent van Gogh, so zeigt Schnabel, könnte im Gerangel mit zwei Jugendlichen erschossen worden sein, aber es gilt natürlich nach wie vor auch die hinlänglich festgeschriebene Suizid-Version, die der schwer verwundete Künstler selbst vor seinem Tod, zwei Tage später, polizeilich zu Protokoll gegeben haben soll.

Ungewiss freilich zudem, ob die angeblich 1960 von einem Landwirt auf einem Acker bei Auvers-sur-Oise gefundene Waffe tatsächlich jener Revolver ist, der die Schussverletzung herbeigeführt haben soll. Auf jeden Fall erzielte das verrostete Ding jetzt bei einer Versteigerung sage und schreibe 162 500 Euro (Schätzpreis: 40 000 bis 60 000 Euro). Das ist viel – und zugleich wenig (die Knarre, mit der ein legendärer Gangster, Jesse James, acht Jahre vor Van Gogh ums Leben kam, sollte sogar über anderthalb Millionen Dollar bringen).

Was allerdings mehr beschäftigt, ist die Frage, wie es kommt, dass Devotionalien dieser Art eine solche Rolle spielen. Natürlich: Wer kann sich schon einen Van Gogh leisten; wer gibt heutzutage hohe zweistellige Millionen-Beträge für Kunst aus? Letztlich eine Minderheit, obgleich die täglich eintreffenden News aus den Auktionshäusern einen anderen Anschein erwecken. Der Großteil der kunstinteressierten Öffentlichkeit begnügt sich mit Museums-, Messe- und Galeriebesuchen oder gar mit der Lektüre von Katalogen.

Es scheint zudem einen Trend zu geben, in einer Welt vielfacher Bedrohung die Flucht in die Kunst über die Aneignung von Relikten zu vollziehen. Auf etlichen Schreibtischen liegen immer noch jene kleinen Stoffstücke, die einst Christo und Jeanne-Claude in Berlin verteilten, als sie den Reichstag verhüllten. Wer einst bei einer Nitsch-Aktion dabei war und sich dort die eigenen Klamotten mit Blut versaute, hat Hose oder Hemd, sorgsam in einer transparenten Plastikhülle verpackt, selbstverständlich aufgehoben.

Und nicht selten kommt es vor, dass ein Sammler beim Hausbesuch plötzlich einen farbverkrusteten Pinsel hervorholt und von seiner Begegnung mit dem Maler Soundso berichtet. Sogar ein kleines getigertes Hemdchen, sehr sexy, das eine bekannte Performerin nach einer privaten Übernachtung vergessen haben soll, wird nach ein paar Gläsern Wein wie ein Fetisch präsentiert. Heißa, so denkt man da, was ist da los – zumal derzeit überall T-Shirts, Pullover, Badetücher und sonstiger Krimskrams von renommierten Artisten zu finden sind. Das Souvenir-Geschäft läuft, in der König Galerie in Berlin und London ebenso wie bei »art« in Hamburg.

Es drängt sich der Verdacht auf, dass der seit vier Jahrzehnten immens zunehmende Star-Kult in der Kunst, ganz nach dem Muster Musik-Business, aus dem Bedürfnis nach Nähe resultiert. Vielleicht geht es mittlerweile sogar um das Bild hinter dem Bild, um etwas, was noch intimer als ein klassisches Kunstwerk ist. Zu kühn gedacht, wenn man mutmaßt, dass die Gesellschaft (der aktuellen Hitze zum Trotz) zunächst ganz eng zusammenrückt, wie bei Schopenhauer, um dann allmählich den richtigen Abstand zu erkunden?

Oder ist alles schlichtweg ein Hinweis auf die Entwicklung der Gegenwartskunst beziehungsweise ihrer Auflösung? Immerhin haben viele Avantgardisten bereits vor Jahrzehnten vorausgesagt, dass Kunst und Leben eines Tages völlig verschmelzen werden. Dann geht’s nicht mehr um Höchstpreise, sondern primär um Tiefe in der Auseinandersetzung. Macht das nicht Hoffnung?

In dieser Ausgabe: Das Kulturprogramm »30 Jahre friedliche Revolution« wird im falschen Regierungsressort gestaltet (Seite 3). Erst ein Goldener Löwe, jetzt ein Finanzproblem: Biennale-Teilnehmer Litauen in Venedig unter Druck (Seite 8). Mehr Kultur-Etat für Senator Klaus Lederer, Berlin (Seite 9). New York: Pace Gallery im Aufwind (Seite 13). Wie Bénédicte Savoy, die Wissenschaftlerin, noch mehr Politik macht (Seite 15). Neue Ära in Karlsruhe: Fortan leitet Jan Boelen die Staatliche Hochschule für Gestaltung (Seite 17). Museen und Freundeskreise: Beispiele aus Düsseldorf (Seite 18). Johann König und zwei Frauen in Nebenrollen (Seite 19). Peter Raue über den Purrmann-Prozess (Seite 20). Preis-Check: Alexandra Bircken (Seite 22). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 679 – Editorial

Informationsdienst KUNST 679

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, egal, ob Art Basel oder Art Cologne, ob die Messen in Berlin, Düsseldorf, Karlsruhe oder anderorts: Ohne diese Märkte geht’s nicht mehr. Die Szene ist in den vergangenen Jahren derart gewachsen, dass Überblick und Umsatz nur noch möglich sind, wenn man an den Kunstmessen teilnimmt. Dass dort folglich zunehmend ein harter Bandagen-Kampf um Standplätze, Nachbarschaften, Alleinstellungsmerkmale und vor allem die Sammler zu attestieren ist, verwundert nicht. Erschwert wird die Situation durch die Tatsache, dass vor langer Zeit, als die Branche noch nicht so groß war, die damals sinnvolle Maßnahme realisiert wurde, die Zulassungsgremien mit Galeristen zu besetzen. Wer einen Messe-Stand mieten wollte, musste mit seiner Bewerbung durch den Beirat kommen, und zunächst waren alle Marktteilnehmer froh, dass eben kompetente Kollegen entscheiden konnten, nicht etwa die Messegesellschaften, wer teilnehmen darf.

Was einst unumstritten und richtig war, macht heutzutage laufend Probleme. Denn immer offensichtlicher wird es, dass in vielen Zulassungsgremien auch Überlegungen eine Rolle spielen, die natürlich offiziell bestritten werden, aber längst gang und gäbe sind. Führende Aussteller, im Beirat tätig, achten immer häufiger darauf, dass der Kreis der direkten Mitbewerber nicht überhandnimmt. Ergo: Wer selbst den Künstler A vertritt, hat wenig Interesse, dass allzu viele Galeristen zugelassen werden, die ebenfalls mit A handeln. Nachdem vor Jahren schon etliche juristische Auseinandersetzungen um die Entscheidungen der Messe-Zulassungsausschüsse nicht die gewünschten Erfolge beschert hatten, nahm der Papierkrieg dieser Art zuletzt zwar ab, doch es scheint, dass im Umgang miteinander nun eine neue Eskalationsstufe erreicht wurde, die von einer vergifteten Atmosphäre unter Galeristen zeugt.

Auch das Galeristen-Paar Elisabeth und Klaus Thoman hat die vornehme Zurückhaltung aufgegeben und vor kurzem unter dem Motto »Das Maß ist voll!« einen Angriff gestartet, der nachdenklich stimmt. Namentlich greifen die Innsbrucker Galeristen mit Spielstätte in Wien sechs Kollegen an, die im Zulassungskomitee der viennacontemporary tätig sind und angeblich wiederholt (»das dritte Jahr in Folge«) versucht hätten, »unsere Teilnahme einzuschränken beziehungsweise zu verhindern«. Persönliches Konkurrenzdenken, so meinen die Thomans, hätten anerkannte Galeristen wie Ursula Krinzinger und Nikolaus Oberhuber dazu getrieben, »potente österreichische Galerien von der Teilnahme an der viennacontemporary auszuschließen« (in diesem Jahr vom 26. bis 29. September). Die Abweisung, angeblich wegen »Platzmangel« (Galerie Thoman), beschädige die gesamte Szene. Elisabeth und Klaus Thoman: »Wir arbeiten seit 1977 mit einigen der wichtigsten österreichischen Künstlerinnen und Künstlern. Es ist eine Beleidung für sie, ihre vertretende Galerie abzuweisen.« Die Thoman-Künstlerliste verzeichnet renommierte Namen wie Gunter Damisch, Bruno Gironcoli, Hermann Nitsch, Walter Pichler, Arnulf Rainer, Erwin Wurm und Oswald Oberhuber.

Apropos Oberhuber: Sein Sohn, Nikolaus Oberhuber, Miteigentümer von KOW, Berlin und Madrid, zeigt seit wenigen Tagen in Spanien eine Einzelausstellung mit Werken seines Vaters (bis Ende Juli), und allzu gerne hätte man ihn gefragt, ob die Thomans mit ihrem Vorwurf womöglich ins Schwarze getroffen haben. Doch trotz vorübergehender Hoffnung, mit dem Sohnemann telefonieren zu können, kein Rückruf, kein Statement per E-Mail. Auch die Grand Old Lady Krinzinger schweigt. Keine Antwort auf die Anfrage. Einzig der Geschäftsführer der viennacontemporary, Renger van den Heuvel, gibt ein Feedback, ein äußerst mageres. »Das Reglement der Messe sieht vor, dass ein Komitee über die Zulassung der Galerien entscheidet.« Und dann dankt er noch für das (gar nicht vorhandene) Verständnis, dass einzelne Fälle von ihm nicht kommentiert werden. In der Tat geht es ohnehin um Grundsätzliches: Auch der jüngste Konflikt in Wien dokumentiert nämlich, dass es Zeit wird, die Regularien allerorten zu überprüfen. Das Ziel: Reine Galeristen-Zulassungsgremien sollten abgeschafft werden. In die Beiräte gehören unabhängige Museumsleute, Privatsammler, Kunstkritiker, nicht so viele Aussteller, die nach Gutdünken über Mitbewerber urteilen dürfen.

In dieser Ausgabe: Bundeskunsthalle Bonn ade – Rein Wolfs übernimmt die Direktion des Stedelijk Museums in Amsterdam (Seite 3). New York: Die Dia Art Foundation erweitert ihre Ausstellungsfläche in Chelsea (Seite 9). Urheberrechtsschutz dank Blockchain-Technologie: Die Firma Concensum verspricht ein weltumspannendes Register für Fotografien im Netz (Seite 12). Chronist der Szene: Benjamin Katz feiert seinen 80. Geburtstag und wird im Kölner Museum Ludwig geehrt (Seite 14). »Top & Flop«: Wie die »Bild«-Zeitung bei ihrer Biennale-Berichterstattung wesentliche Fakten unterschlägt (Seite 18). Gegen das Imageproblem: In Bonn widmet sich eine neue Forschungsstelle der Informellen Kunst (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 678 – Editorial

Informationsdienst KUNST 678

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es scheint, da läuft was schief. Tage vor der Art Basel, kurz nach den großen Mai-Auktionen in New York und zugleich zwei Wochen nach dem Start der Biennale in Venedig stellt sich zum bevorstehenden Saison-Ende die alljährliche Bilanz-Frage. Rechenschaftsbericht vor der Sommerpause. Kunst und Kunstbetrieb wollen erneut auf den Prüfstand genommen werden, und es sieht ganz so aus, als würden die Fakten diesmal nicht so recht zusammenpassen wollen – und folglich eine Debatte auslösen müssen, die immer wieder einmal aufkeimen will, aber sich bislang niemals lange halten konnte.

Tatsache ist, dass nicht nur die Kunst-Branche über die jüngsten Auktionsrekorde staunt, etwa jene 91 Millionen Dollar für einen spiegelnden Hasen von Jeff Koons oder jene 111 Millionen für Claude Monets Heuhaufen im Sonnenlicht, sondern dass derzeit die ganze Welt auf den Kunstmarkt schaut und sich kopfschüttelnd wundert, wie es sein kann, dass solche Erlöse erzielt werden. »Monetäre Obszönität«, so kommentierte vor Tagen die Kritikerin Ingeborg Ruthe. Zahlte vor 33 Jahren jemand zweieinhalb Millionen Dollar fürs Heu, das jetzt auf immerhin 55 Millionen geschätzt wurde, musste am Ende, nach acht Minuten Bietergefecht, das Doppelte bewilligt werden, obgleich dieses impressionistische Bild so einzigartig nicht ist, wie man angesichts des Preises glauben möchte.

Und dass sich ein lebender Künstler, Koons eben, mit einem seiner glatten Kunstfabrik-Produkte jemals ins 90-Millionen-Firmament aufschwingen könnte, das hatten selbst die zuversichtlichsten unter den Christie’s-Experten nicht vermutet. Ihre Taxe lag bei 50 bis 70 Millionen. Nun lässt sich zwar munkeln, dass der über 30 Jahre alte »Rabbit« ein Stützungskauf aus einem seiner Investorenkreise war, weil die Reputation des Künstlers und damit sein Marktwert zuletzt angeschlagen waren (gerichtliche Auseinandersetzungen wegen Plagiatsvorwurf, aber auch wegen nicht gelieferter Ware, obendrein Konflikte mit Mitarbeitern).

Doch letztlich signalisiert dieses verblüffende Auktionsergebnis etwas wirklich Erschreckendes, bedenkt man, dass gleichzeitig in New York für herausragende Werke von Cézanne, Picasso und Mark Rothko »nur« zwischen 50 und 60 Millionen fällig waren. Ja, Bling-Bling heißt die neue Devise in der Kunst. Alles Hip-Hop quasi, wie Grillz für den Mund, Ringe für die Finger, Accessoires für die anderen Extremitäten. Hauptsache, es macht was her, es funkelt und glänzt, Dekadenz pur, so dass niemand auf die Idee kommt, über den Reichtum hinweg und unter die ablenkende Oberfläche zu schauen.

Der »Rabbit« mag also für ein näherkommendes Drama stehen, das in den Produktionsstätten der Künstler und in den Denkstuben der Kuratoren keimt, aber in wenigen Jahren dann auch den Kunstmarkt mit voller Härte treffen wird. Denn der Widerspruch zwischen kommerziellen Erfolgen von Gegenwartskunst und dieser selbst vergrößert sich, von Saison zu Saison. Während die Gesellschaft auf Millionen-Werte auch für jüngste Werke eingeschworen wird, sind diese – Ausnahmen dienen der Bestätigung – einem künstlerischen Zeitgeist verpflichtet, der sich nach und nach auflöst, entbehrlich macht. In Venedig, Biennale, gibt es Beispiele zuhauf, wo man sehen kann, in welche Sackgasse die Künstler geraten, wenn sie sich, vermeintlich politisch korrekt, nur noch der Gewalt und dem Elend in dieser Welt widmen. Irgendwann werden sie einsehen, dass nichts zu verhindern ist. Noch nicht einmal das süßliche Zeug von Jeff Koons.

In dieser Ausgabe: Wie die Biennale in Venedig darauf setzt, dass insbesondere Galerien die Kosten tragen (Seite 6). Warum die Berliner Expressionismus-Tagung auch die Sicht auf Emil Nolde korrigierte (Seite 8). Was Mönchengladbach tut, um an Johannes Cladders zu erinnern (Seite 9). Großer Wurf: Neuer Hochschulbau in Offenbach (Seite 10). Großer Flop: Germano Celants Kounellis-Schau (Seite 11). Große Korrektur: Daniel Hugs COFA-Umbau in Köln (Seite 13). Neuer Beirat zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte in Hamburg (Seite 16). Messemacherin Johanna Penz will trotz finanzieller Probleme expandieren (Seite 19). Stippvisite in München: Überzeugende Galerie-Arbeit (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 677 – Editorial

Informationsdienst KUNST 677

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die gute Nachricht zuerst: Es lohnt, nach Venedig zu reisen – und sich die 58. Biennale anzusehen (bis zum 24. November). Was Ralph Rugoff, London, dieser sympathisch unaufgeregt agierende Ausstellungsmacher, in seiner zweiteiligen Gesamtschau inszeniert hat, wie er das Arsenale und den Zentralpavillon zum Klingen gebracht hat, das überzeugt, alles in allem. Natürlich gibt es ein paar Einwände, eben dort, wo sein Minimal-Konzept seine Schwächen in der Umsetzung zeigt. Rugoff hat sich, im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger, von der üblichen, überdrehten Kuratoren-Diktion verabschiedet – und schlichtweg dafür gesorgt, dass der Kunst selbst jegliche Interpretationshoheit eingeräumt wird. Weder die Künstler noch die Werke dienen irgendeinem Motto, einem einprägsamen Slogan, an dem jedes Bild, jede Skulptur und jeder Film gemessen werden können. Freiheit herrscht, eine Wohltat in der so oft theorieschweren Diskursluft.

Ralph Rugoff, der für seine Biennale einen Goldenen Löwen verdient hätte (neben den »Sun & Sea«-Frauen aus Litauen sowie Arthur Jafa als bester Künstler, siehe Seite 6), tat gut daran, nur noch knapp 80 Teilnehmer einzuladen. Seine Idee: Jeder Künstler liefert zwei Beiträge, einen fürs Arsenale, einen für den Zentralpavillon. Und: Die Werke sollen so unterschiedlich wie möglich ausfallen. Das ist aber eben nur dort gelungen, wo einzelne Maler und Bildhauer sowie Fotografen und Filmemacher in verschiedenen Medien oder Themen unterwegs sind. Nicole Eisenman (siehe Seite 22) beispielsweise als Malerin (Zentralpavillon) und als Bildhauerin (Arsenale) oder Ad Atkins mit Video und Zeichnung oder Jafa, der Löwe, mit Video und Skulptur. Wo das bildnerische Spektrum dagegen nicht weit genug angelegt ist, beispielsweise bei den Schwestern Christine und Margaret Wertheim oder bei Carol Bove, geht die Rugoff-Rechnung nicht auf. A wie B, Arsenale wie Zentralpavillon. Das hätte er wissen müssen.

Gleichwohl: Diese Biennale, wo Künstlerinnen erstmals wirklich stark vertreten sind, atmet aus dem Geist der Kunst; sie muss nichts illustrieren, noch nicht mal die favorisierten Motive der Auseinandersetzung, ob Migration oder Umwelt. Sie überrascht mit vielen Positionen, die noch kaum oder gar nicht vertraut oder bekannt sind, darunter Mari Katayama, Liu Wie, Nabuqi, Handiwirman Saputra und Kaari Upson sowie die chinesischen Mal-Roboter-Artisten Sun Yuan und Peng Yu. Die Großausstellung bringt zudem von Stan Douglas, Jimmie Durham, Cyprien Gaillard, Dominique Gonzalez-Foerster und Lee Bul bis zu Christian Marclay, Teresa Margolles, Julie Mehretu, Jon Rafman und Hito Steyerl etliche bestens im Kunstbetrieb vernetzte Handschriften, die im Dialog mit den Entdeckungen ein sinnliches und mentales Feuerwerk entzünden, das auch beim zweiten Rundgang fasziniert.

Apropos zweiter Rundgang, obendrein die schlechte Nachricht: Der deutsche Pavillon löst eine Riesen-Enttäuschung aus. Im Vorfeld der Biennale wurde mit viel anspruchsvoller Geheimniskrämerei und ein paar durchaus auch heiter stimmenden Aktionen der Blick ins Identitätsthema gelenkt, das zweifellos genug Herausforderung geboten hätte. Doch nach und nach haben die als Süder Happelmann agierende Natascha Sadr Haghighian sowie ihre Kuratorin Franciska Zólyom alles geweitet, gedehnt, überdehnt, so dass eine unsäglich zusammengebraute Melange entstanden ist, die allenfalls verärgert und vertreibt. Formal ohnehin fragwürdig, weil auf allen Seiten rund um die aufwendig in den Pavillon gesetzte Spritzbeton-Konstruktion die Details nicht stimmen (allein die aufgeklebte Pfützen-Deko – eine Zumutung), landet der Rezipient schnell beim überbordend beladenen Konzept, das keiner Befragung standhält.

Was ist hier eigentlich los, um was geht es? Identitätsthemen, Algorithmenübermacht, Wassermangel, Trillerpfeifenmucke, Politikverdrossenheit, Flüchtlingsschicksale, Kapitalismuskritik, Rosa-Luxemburg-Verehrung? Sollte der Pappkopf Süder Happel- oder Hampelmann am Ende nur ein Wirrkopf sein, auf den Zólyom reingefallen ist?

Dass man den großen Themen der Gegenwart nicht mit wichtigtuerischen, nur vermeintlich intellektuellen Gesten näherkommen kann, ist in Venedig außerhalb des deutschen Pavillons bestens zu beobachten. Christoph Büchel hat das 2015 mit Hunderten von Flüchtlingen untergegangene Boot wie ein Mahnmal aufstellen lassen. Kein weiterer Kommentar vonnöten. Und wer sehen kann, der sieht auch die vielen afrikanischen Biennale-Helfer, die mit Schaufel und Besen, dankbar für den Job, den Dreck der Leute wegmachen, die das Unheil der Welt, hirnrissig, mit Kunst beseitigen wollen.

In dieser Ausgabe: Was die Presse zur Biennale schreibt (Seite 4). Wo man Länder-Pavillons seitlich oder von hinten betritt (Seite 5). Warum diesmal in Venedig häufig getanzt wird (Seite 9). Auf Neukundenfang: Umbruch bei Sotheby’s, New York (Seite 9). Auf der Anklagebank: Anna Delvey (Seite 10). Auf dem Prüfstand: Die Mehrwertsteuer (Seite 11). Eintrittsgeld-Verteilung: Metropolitan Museum (Seite 13). Richtfest-Gedanken: Pergamonmuseum (Seite 14). MeToo-Debatte: Kunstakademie Düsseldorf (Seite 16). Böse Überraschung für Robert Schad (Seite 19). Ungewöhnliche Stellenausschreibung für die Bundesstiftung Bauakademie (Seite 21). Markt-Check: Nicole Eisenman (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 676 – Editorial

Informationsdienst KUNST 676

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, dank der Oster-Feiertage ließ der permanent hochtourig laufende Nachrichten-Strom aus dem Kunstbetrieb nach, und endlich gab es wieder einmal Zeit, über die Kunst selbst nachzudenken. Es ist ja mittlerweile leider so, dass in der Branche niemand mehr so richtig Muße findet, sich auf die Energien einzulassen, die vom Kunstwerk ausgehen, die zur grundsätzlichen Frage nach seiner Bedeutung führen. Überall eine ungeheure Hektik, eine Geschäftigkeit, dass einem ganz schwindelig werden könnte – zumal die Großfamilie längst so groß ist, dass keiner mehr die Verwandten allesamt kennt.

Ständig neue Namen; eine Armada von Künstlern und Galeristen sowie von privaten und öffentlichen Sammlern, die rund um den Erdball ihr jeweils eigenes Spiel durchsetzen. Usancen, wie es sie früher in dieser Branche gab, dienen allenfalls als Verweise, dass sich die Zeiten geändert hätten. Die international bestens vernetzte Produzenten- und Konsumenten-Schar einer jungen, nachrückenden Generation diktiert eigene Regeln, nur der wechselnden Tagesverfassung, dem effektvollen Instagram-Auftritt oder der aktuellen Liquidität verpflichtet. In Digitalgeschwindigkeit wird an- und verkauft, als ginge es – wie auf irgendeinem Großmarkt – um verderbliche Ware. Da kommt, schon vor dem Einsetzen von Fäulnis, weil in der Flüchtigkeit der Deals keine Zeit bleibt, die Kunst zu begreifen, eine latente Übelkeit auf, nicht schlimm, aber eben doch belastend.

Was ist denn Kunst heute, was zeichnet ein überzeugendes Werk aus? Und trifft man die richtige Wahl, wenn täglich Neues auf den Markt kommt? Wie herausfinden, was man sucht, wo kann sich die eigene (Sammler-)Identität entwickeln? Muss es schön und wahr sein, das Kunstwerk, so wie früher? Oder geht es heutzutage um die angesagten Themen gesellschaftlicher Art, um politische Relevanz? Und welche Künstler liefern in diesem Kontext die Instrumente oder, nach dem Einsatz, die Relikte einer Auseinandersetzung, die zeitgemäß erscheint? Ad Atkins, Christoph Büchel, Cyprien Gaillard, Teresa Margolles, Jon Rafman, Slavs and Tatars, Hito Steyerl – sind das die Namen, die 2019 im Fokus stehen?

Die Beispiele stammen aus der Künstlerliste der in wenigen Tagen in Venedig startenden 58. Biennale, und schon heute weiß man, dass die Teilnehmer der Rugoff-Hauptausstellung durch diese nicht mehr geadelt werden müssen. Die meisten jener rund 80 Künstler, darunter zeitgenössische Klassiker wie Stan Douglas, Jimmie Durham, Dominique Gonzalez-Foerster, Christian Marclay und Rosemarie Trockel, sind längst durchgesetzt und in den diversen Rankings vorn zu finden. Die Kunst von morgen also doch andernorts entdecken, sich auf Qualitätskriterien verlassen, die man sich selbst erarbeitet, weil die alten Begriffe wie Innovation oder Materialgerechtigkeit nicht mehr greifen?

Aber ist die eigene Erfahrung in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer wieder ins Zwielicht gezogen worden, weil das Sehen und Denken aus den Sechzigern und Siebzigern schon in den wilden Achtzigern nicht mehr taugte, weil danach die Kontext-Kunst-Ansager den Paradigmen-Wechsel forderten? Wie nun weitergehen? Wie wissen, was 2019 ein gutes, ein herausragendes Kunstwerk ist? Dass Rekordpreise allein nichts über das Werk selbst aussagen, haben inzwischen auch die renditebesoffenen Amerikaner und Asiaten erkannt. Wenn man liest oder hört, was sie von sich geben, dann spürt man eine immense Ratlosigkeit. Immer mehr Kunst auf den Messen und Großausstellungen dieser Welt – und leider immer weniger Wissen, was Kunst wirklich ist.

In dieser Ausgabe: Neues Kulturzentrum in New York, »The Shed« (Seite 4). Neuer Film von Julian Schnabel, gewidmet Vincent van Gogh (Seite 7). Neuer Direktor für die Hamburger Kunsthalle: Aus Wiesbaden kommt Alexander Klar (Seite 8). Alte Rechnungen in Tschechien? Museumsdirektoren entlassen (Seite 11). Altbackener Jahresbericht aus München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte (Seite 12). Alte Debatte um die Limbach-Kommission (Seite 13). Robert Wilson dreht in Baden-Baden auf (Seite 13). Thomas Rusche lässt in Köln versteigern (Seite 18). Karl-Heinz Petzinka will Düsseldorf verändern (Seite 20). Zweifel, ob Alte Meister ins ZKM gehören (Seite 22). Preis-Check: Annette Kelm (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 675 – Editorial

Informationsdienst KUNST 675

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in der vergangenen Woche fand in Berlin eine erhellende Pressekonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz statt, der SPK. Hermann Parzinger, der Präsident, sowie Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, und seine vier Ressort-Kollegen Thomas Ertelt (Musikforschung), Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut), Ulrike Höroldt (Geheimes Staatsarchiv) und Barbara Schneider-Kempf (Staatsbibliothek) berichteten von ihrem Bemühen, fortan mehr Besucher-Service bieten zu wollen. Vom kostenlosen WLAN über LED-Wände bis zu erweiterten Öffnungszeiten tut sich viel, weil man das Besucher- und Nutzerverhalten genau analysiert habe, wie Parzinger betonte. Von Kultur-Institutionen werde heutzutage mehr gefordert; es sei ein Paradigmenwechsel zu registrieren. Es gehe nun auch um identitätsstiftende Erfahrungen.

Dass diese in der Tat zeitgemäße Offensive ausgerechnet jetzt einsetzt, kommt freilich nicht von ungefähr. Denn es war am 3. Juli 2018, als Kulturstaatsministerin Monika Grütters, in diesem Fall angedockt an das Bundesministerium für Bildung und Forschung, beim Wissenschaftsrat anklopfte, um dort eine Struktur-Evaluation der Preußen-Stiftung, der mächtigsten deutschen Kultur-Einrichtung, in Auftrag zu geben.

Eine solche Bewertung von außen ist schon lange überfällig, natürlich, weil jeder Konzern sich dann und wann von Unternehmensberatern hart auf den Prüfstand stellen lässt, um die künftige Kommunikations- und Markt-Richtung zu bestimmen. Weil aber gerüchteweise in der Hauptstadt verbreitet wurde, dass Grütters, die das dann dementieren musste, gar über eine Zerschlagung der schon im Titel altbacken wirkenden Preußen-Besitz-Stiftung nachdenke, war das Vorhaben von Anfang an in die Schieflage geraten. Hermann Parzinger schien wenig Begeisterung für die Grütters-Reform-Bestrebungen entwickeln zu wollen.

Wer recherchiert, wo es kneift, warum der Wissenschaftsrat zwar offiziell willkommen, inoffiziell aber eher gefürchtet ist, der stößt auf zwei Problemfelder. Einerseits ist die bis zum Sommer 2020 zu lösende Aufgabe derart umfangreich ausgefallen, dass man schon jetzt ahnt, wie halbherzig die Analyse erscheinen wird. Zu umfangreich, der Grütters-Themenkatalog an das höchste wissenschaftliche Beratungsgremium in Deutschland, das bereits 1957 gegründet wurde. 24 Wissenschaftler und acht Repräsentanten des öffentlichen Lebens sollen im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft sowie Bund und Ländern die Regierungen in inhaltlichen und strukturellen Fragen mit Argumenten versorgen. Und das mag mitunter auch sinnvoll und erfolgreich sein, wie derzeit in Bezug auf das Großprojekt zur Förderung von Spitzenforschung an den Universitäten.

Doch was Monika Grütters auf den SPK-Auftragszettel geschrieben hat, wirft schnell Fragen auf, ob das seitens der Kölner Institution überhaupt zu leisten ist. Struktur-Untersuchungen, Finanz-Modalitäten, Doppel-Verwaltungen, (De-)Zentralisierung, Service-Angebote, Umsetzung des Stiftungsauftrags, Forschungsaktivitäten, Campus Dahlem, Digitalisierungsstrategien – es scheint kein Ende zu nehmen, mögen die einzelnen Punkte noch so richtig und nachvollziehbar sein. Vor allem: Es keimt die Frage auf, ob ein derart von gewachsenen Altstrukturen überwuchertes, teils auch verkrustetes Unternehmen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ausgerechnet vom Wissenschaftsrat unter die Lupe genommen werden muss.

Hat sich in der Bundesregierung noch nicht herumgesprochen, dass dieser Rat und sein Evaluationsausschuss letztlich nur eine kleine, völlig überforderte Arbeitsgruppe zum Einsatz bringen können, die der Größe der Untersuchungsaufgabe nicht im Geringsten gewachsen ist? Hat im Bundeskanzleramt noch niemand registriert, dass die Vorsitzende der SPK-Prüfungsgruppe, Martina Brockmeier, mithin die oberste Wissenschaftsrätin selbst, eine Agrarwissenschaftlerin ist, die von dem, was Parzinger und seine Leute tun müssen, nichts versteht?

»Externe Sachverständige«, so erläutert Christiane Kling-Mathey, die Kommunikationschefin des Rates, auf Informationsdienst-KUNST-Nachfrage, sollen aber hinzugezogen werden. Wer? Da kann sie leider »keine Angaben« machen. Eine Hebammen-Wissenschaftlerin, ein Aero-Dynamik-Professor, ein Zoologe, ein Kardiologe, ein Molekülphysiker und ein Stoffwechsel-Spezialist sitzen im Wissenschaftsrat; vielleicht findet sich also schließlich auch noch preußischer Kultursachverstand, damit das ganze Gutachten nicht ruck-zuck im Papierkorb landet.

In dieser Ausgabe: Abschied in Salzburg – Walter Smerling beendet sein Engagement im öffentlichen Raum (Seite 3). Aufstieg in Venedig – Jimmie Durham wird für sein Lebenswerk geehrt (Seite 5). Weiter in Potsdam – Hasso Plattner plant wieder (Seite 7). Tanzt nach Mannheim, Kunsthalle: Johan Holten (Seite 9). Zieht sich notgedrungen zurück: Familie Sackler (Seite 10). Christo und »Walking on Water« im Kino (Seite 13). Rückblick auf die geschrumpfte Art Cologne (Seite 14). Vorschau auf die weitere Debatte zur EU-Reform des Urheberrechts (Seite 17). Franz Erhard Walther und die Lehre (Seite 17). Händler und Sammler vereint – gegen das staatliche Kontrollsystem (Seite 20). Preis-Check: Rosemarie Trockel (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 674 – Editorial

Informationsdienst KUNST 674

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ursprünglich geplant, in dieser Ausgabe über den Kampf gegen den illegalen Kulturhandel zu berichten, drängte sich während des Studiums der Recherche-Unterlagen plötzlich ein soeben eingetroffener Katalog aus einem Kunsthaus in die Wahrnehmung und in die Gedanken. Doch vorab: Natürlich ist es fatal, wenn man bedenkt, wie hierzulande jahrelang seitens der Politik damit argumentiert wurde, man müsse die Terrorismus-Finanzierung verhindern, man müsse sich auf EU-Standards gesetzlich einlassen, wenn sich nun herausstellt, dass die Zahlen, ob aus der Weltzollorganisation oder dem UN-Sicherheitsrat, eindeutig dokumentieren, dass der illegale Kunsthandel völlig überschätzt wird.

Es sind in Sachen Kulturgut, kaum zu glauben, nur 0,2 Prozent (!), weltweit. 99,8 Prozent also Drogen, Waffen, nachgeahmte Markenartikel und so weiter. Was Wunder, dass selbst Interpol mittlerweile seine Website geändert hat. Höchste Zeit mithin, dass die deutsche Politik reagiert, wie vor Tagen die Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel überzeugend gefordert hat. Die Anwältin Christina Berking: »EU-Einfuhrverordnung und Kulturgutschutzgesetz bedürfen dringend der Überarbeitung«. Wohl wahr.

Freilich kann man das Thema kaum mehr hören, es nervt; aber es muss dennoch beharrlich weiter kommuniziert werden, weil es den Kunsthandel unverhältnismäßig belastet. Und jetzt kommt eben hinzu, dass die Faktenlage und somit das Zahlenmaterial zeigen, wie unsolide politisch gearbeitet wurde. In der aktuellen Jahresstatistik der deutschen Generalzolldirektion taucht der illegale Kulturguthandel gar nicht auf, er spielt keinerlei Rolle.

Logisch, dass man geneigt ist, sich aus dem Archivalien-Wust in dieser Sache zurückzuziehen – und dankbar eine 150-Seiten-Publikation in die Hand nimmt, die die Artes-Macher aus Hannover veröffentlicht haben. Viel Kunst, für jeden Sammler-Etat das Passende. Indes: Der jüngste Katalog des Unternehmens konfrontiert auf Seite 139 mit einem kleinmütig eingeräumten Hinweis, der denken lässt, dass die Schlitzohren nicht nur in der Politik zu finden sind. Was man schon lange wusste, weil es im Branchengeflüster kursiert, steht hier nun Schwarz auf Weiß, beispielhaft. Die Bestätigung einer Datierung zum Werk »Verweißung Beutel« von Herbert Zangs, angeblich 1954, könne nicht gegeben werden, weil der Künstler »häufig Rückdatierungen in die 50er Jahre vorgenommen hat und diese Angaben heute kaum zu überprüfen sind«.

Der im Jahr 2003 verstorbene Maler, dessen umstrittene Arbeiten in etlichen Galerien auftauchen, teils im konfliktreichen Kollegen-Wettbewerb, lieferte also selbst die Vorgaben, dass dem Werk heute mit größter Vorsicht zu begegnen ist. Von Frankreich aus kümmert sich zwar die Wissenschaftlerin Emmy de Martelaere um das Werkverzeichnis, doch man fragt sich, wie die Aufgabe korrekt zu lösen ist, wenn der in der Szene als Krefelder Rabauke verschriene Herbert Zangs alles tat, um Nebel zu erzeugen.

Er, der so gerne schon vor Mack, Piene und Uecker die ZERO-Kunst erfunden hätte, ging mit seinen Bildern ungeheuer nachlässig um, wie er selbst gestand. Weil er einst in Paris gegen Polizisten handgreiflich und ausgewiesen wurde, ließ er Ende der Siebziger in Frankreich »alle Bilder zurück« (Zangs im Gespräch mit Gerhard Klüsener, Wienand Verlag, 2018). Ob auf Nimmerwiedersehen oder vorübergehend – das weiß wohl niemand genau. Umso verwunderlicher, wenn heute von Galeristen, wie vor Wochen zu hören, Gerüchte gestreut werden, dieses oder jenes Zangs-Werk sei eine Fälschung. Der Künstler als Fälscher seiner Selbst? Vielleicht. Um die Kurve zum illegalen Kulturhandel zu nehmen: Dürfen wir uns wirklich wundern, dass Politiker glauben, in unserer Branche gehe es kriminell zu? Solche Zangs-Geschichten sind Mosaiksteine für die Erbsenzähler im Bundesfinanzministerium, die dann eben auch Druck aufs Kultur- und Medien-Ressort machen.

In dieser Ausgabe: Eröffnung des Quartiers Weimarer Moderne (Seite 2). Übernahme der Biennale de Lyon (Seite 4). Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Berliner Landespolitik (Seite 6). Phantasie-Museumsgründer Lothar-Günther Buchheim und die wahre U-Boot-Story (Seite 9). Bad Homburg: Vorbereitungen für die »Blickachsen 12« (Seite 11). Stuttgart: Das Afrika-Thema im Linden-Museum (Seite 13). Sammlungen und Nachfolgeregelungen (Seite 13). Deutscher Kunsthistorikertag im Rückblick (Seite 17). Wo Lee Bul gefeiert und Panamarenko vergessen wird (Seite 19). Warum in Paris, Musée d’Orsay, Bilder umgetauft werden (Seite 20). Markt-Check: Cady Noland (Seite 21). Wulf Herzogenraths Familientreffen (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 673 – Editorial

Informationsdienst KUNST 673

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vorab: Journalisten haben eine Verantwortung, und deshalb empfiehlt es sich in der Berichterstattung, den Ball flach zu halten, wenn Hoffnung besteht, dass sich noch alles zum Guten wendet. Im speziellen Fall ist allein deshalb Bodennähe angesagt, weil bereits ein Anwalt als Mediator im Einsatz war, nämlich Peter Raue, weil die Kontrahenten jetzt wieder miteinander sprechen und die grundsätzliche Bereitschaft signalisieren, gemeinsam zugunsten des Museums das Beste erreichen zu wollen. Jedenfalls klingt es so, wenn man sich in Berlin umhört, bei den Beteiligten, aber auch im direkten Umfeld. Gleichwohl bleibt das Thema ein Thema, weil dabei Grundsätzliches tangiert wird.

Es geht um das etwas abseits am Bussardsteig gelegene Brücke-Museum der Hauptstadt, einst von Werner Düttmann geplant und 1967 eröffnet, wo seit 50 Jahren ein inzwischen etwa 650 Mitglieder starker Fördererkreis bislang konfliktfrei Flankenschutz für die jeweilige Direktion gibt. Unter dem Vorsitz des ehemaligen Kultur-Staatssekretärs Ludwig von Pufendorf hat der Verein seit kurzem indes ein Problem zu bewältigen, das sich auch intern nicht ohne weiteres vermitteln lässt. Mal, so hört man, soll die neue Direktorin, Lisa Marei Schmidt, seit anderthalb Jahren tätig, das laut Satzung vorgesehene Veranstaltungsprogramm blockieren, mal soll sie, die Nachfolgerin der nicht unumstrittenen Magdalena Möller, den Ankauf von bereits privat finanzierten Blättern von Karl Schmidt-Rottluff verhindert haben.

Recherchiert man beispielsweise allein diesen Vorgang, wird nachvollziehbar, dass beide Seiten reichlich Fehler machen. Ein knappes halbes Jahr, so hört man, soll sich die Direktorin Zeit gelassen haben, den Museumsfreunden eine Antwort auf die Frage zu geben, ob sie das vorgesehene Geschenk, immerhin drei Arbeiten, für die Sammlung haben möchte oder nicht. Andererseits erzeugte der Fördererkreis, der den alles günstig anbietenden Galeristen nicht länger warten lassen konnte, einen massiven Druck, als er die Werke eines Tages kurzerhand wie einen bereits festgezurrten Deal vorstellte – und damit den lauten Einspruch von Lisa Marei Schmidt provozierte.

Das Verhältnis zwischen ihr, Jahrgang 1978, und von Pufendorf, Jahrgang 1942, bestätigen mehrere Informanten unabhängig voneinander, soll von Anfang an kein gutes gewesen sein. Er, von Hause aus Rechtsanwalt und hochverdienter Rechercheur in Sachen voreiliger Kirchner-Bild-Restitution, monierte offenbar hinter vorgehaltener Hand, dass sie keine ausgewiesene Expressionismus-Spezialistin sei und auch keine Promotion vorzuweisen habe. Sie, die kluge und eloquente Frau, bis Herbst 2017 ohne Leitungserfahrung, empfand manche zum Einstieg gegebenen Pufendorf-Ratschläge schlichtweg als übergriffig.

So soll sich Ludwig von Pufendorf, kulturpolitisch erfahren wie nur wenige Insider in Berlin, altväterlich und belehrend (»so was tut man nicht« – oder so ähnlich) über eine öffentliche Attacke von Lisa Marei Schmidt gegen ihre Vorgängerin Moeller empört haben (im Berliner Abgeordnetenhaus, Kulturausschuss, zog sie am 16. April 2018 tüchtig vom Leder, wie das Wortprotokoll belegt). Stichwort »Dornröschenschlaf«. Danach Eiszeit wohl.

Alles in allem: Der Altersunterschied, 36 Jahre und exakt einen Monat, ist es wohl, der hier Einvernehmen erschwert. Unterschiedliche Sichtweisen, andere Sprache, auch Umgangsformen, letztlich der übliche Generationskonflikt. Dabei hat er, einer der weisen Männer, zwei Söhne im Alter von Schmidt, nämlich die Brüder Thomas und Max. Aber wenn’s um die Kunst geht, dann hört der Spaß ja bekanntlich vielerorts auf. Dass sich eine Museumsleitung nicht vom Förderverein reinreden lassen mag, ist verständlich – wie es umgekehrt verwunderlich erscheint, wenn eine noch unerfahrene Direktorin auf Unterstützung verzichtet und stattdessen versucht, mit der Kontroverse zu leben. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Die Künstlergemeinschaft Brücke löste sich 1913, zehn Tage vor ihrem achten Geburtstag, kurzerhand auf. Wegen einer Meinungsverschiedenheit. Dass von Pufendorf als Fördererkreis-Vorsitzender nach einem jüngeren Nachfolger sucht, soll ein Gerücht sein.

In dieser Ausgabe: Pressestimmen zur TEFAF Maastricht (Seite 3). Künstlerliste der Biennale-Hauptausstellung (Seite 5). Großbritannien: Kunstbetrieb und Brexit (Seite 8). China: Thomas Eller und die Residenzprogramme (Seite 8). Belgien: Afrikamuseum in Tervuren (Seite 10). Drei Kuratorinnen aus Kroatien für die Kunsthalle Wien (Seite 12). Haus Bastian für die Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 13). New York: Alicja Kwade auf dem Metropolitan Museum (Seite 15). Im Kino: Julian Schnabels Film über Vincent van Gogh (Seite 16). Den Haag: Neuer Schiedsgerichtshof (Seite 17). Frankfurt: mak-Ausstellung mit Kopftuchzwang erregt Protest (Seite 19). Wien: Klaus Albrecht Schröder will Direktor der Albertina bleiben (Seite 20). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 672 – Editorial

Informationsdienst KUNST 672

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Ding hat im speziellen Fall nur Schuhschachtel-Format, ist als Motiv unzählige Male in diversen Varianten unter die Leute gebracht worden und soll jetzt noch einmal insgesamt 21 620 000 Euro in die Kasse spülen. Ja, über 21 Millionen. Es geht um Jeff Koons und seine »Balloon Dog«-Edition, die zum Beispiel eine Kunsthandelsgesellschaft in Hannover vermarktet (siehe »Editionen«, Seite 16 dieser Ausgabe). Ergo: Es ist Zeit, über die uralte Auflagen-Problematik nachzudenken, wenn allein 2 300 Exemplare aus dieser einen Koons-Pudel-Form gegossen und vermarktet werden.

Tausende von Multiples und Druckgrafiken, einst eher als unattraktiv im prosperierenden Unikat-Betrieb einer neureichen Sammlerschaft vernachlässigt, tauchen plötzlich wieder allerorten selbstbewusst auf und scheinen mächtig angesagt zu sein. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Rückkehr zum »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, wie es Walter Benjamin formulierte, im Kontext einer Entwicklung zu bewerten ist, die sich durch eine Übersättigung durch die immer magerer werdenden Botschaften der Digitalkultur auszeichnen. Die Haptik des Papiers, auch plastischer Materialien, der Geruch von Farbe, die Struktur der Oberfläche – offenbar neue alte Sinnlichkeiten, die allemal einer nachrückenden Generation gefallen.

Aber man muss, freilich mit einer gewissen Sorge, wie das Koons-Beispiel zeigt, wie sich auch dank des Studiums der Gegenwartskunst-Auktionskataloge bestätigt, einen Trend attestieren, der davon profitiert, dass vor Jahrzehnten einige basisdemokratisch veranlagte Sozialplastiker unter den Künstlern auf weite Verbreitung und somit hohe Auflagen setzten, bisweilen sogar völlig auf Limitierungen verzichteten. Freilich wirkte sich das damals preislich aus. Doch davon ist heutzutage nichts mehr zu sehen, wenn einzelne Exemplare von Tausender-Auflagen immer noch mit rund 10 000 Euro gehandelt werden. Die Gier auf der nach oben völlig offenen Euro- und Dollar-Skala scheint jegliche bisherigen Usancen zu missachten.

War es früher, beispielsweise in den Siebzigern, als man selbst bei Thomas Bayrle in Frankfurt die Drucktechniken lernte, völlig selbstverständlich, dass von einer Radierung nur wenige Exemplare gedruckt werden, dass auch der drucktechnisch viel mehr Abzüge zulassende Siebdruck zu limitieren ist, wird nun auf Teufel komm raus und somit in allen Farbvarianten und Formatgrößen das immer gleiche Zeug produziert. Noch ist’s nicht ganz so dramatisch wie vorübergehend im vergangenen Jahrhundert, als die Arzt-Praxen landauf und landab mit Blättern aus den 10 000er Auflagen von Hundertwasser vollgehängt wurden, als jeder Steuerberater irgendwo eine erregte Fingerübung aus der Erotik-Guss-Zentrale von Bruno Bruni stehen hatte. Doch 2 300 Dogs in Magenta sind ein Anfang und eine Warnung – schnurstracks auf dem Weg in eine neue Inflation der Kunst.

Es kam nicht von ungefähr, dass Benjamin in den dreißiger Jahren, als er den oft zitierten Aufsatz zur Vervielfältigung schrieb, unmissverständlich auf die Gefahr des Aura-Verlusts beziehungsweise allemal einer gewissen Verkümmerung hinwies, die naturgemäß mit steigenden Auflagen zunimmt. Den Klassiker, der vor knapp 80 Jahren auf der Flucht vor der Gestapo ums Leben kam, nun in die Überlegungen einzubeziehen, greift zugegebenermaßen aber nur bedingt. Aura, so werden die jüngsten unter den Lesern dieses Branchenbriefes fragen, was, bitte, ist das. Und wir, die älteren, werden womöglich nach Luft ringen – und dann empfehlen, zunächst einmal das Handy wegzulegen. Denn Aura muss man spüren, nicht bei Google suchen.

In dieser Ausgabe: Museen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden kooperieren – zugunsten der jungen Malerei in Deutschland (Seite 2). Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann trommelt weiter für ein Bundeskulturministerium (Seite 4). Viel Lob: Pressestimmen zur art KARLSRUHE (Seite 5). Berlin lässt sich von Mantegna und Bellini helfen (Seite 7). München kann nun die Pinakothek der Moderne erweitern (Seite 10). Henrik Hanstein über die EU-Verordnung zur Einfuhr von Kunst (Seite 10). Gute Stimmung: Bilanz der ARCO in Madrid (Seite 12). Neues Haus für Würth: Diesmal plant David Chipperfield (Seite 13). Auf hoher See unterwegs: Francesca von Habsburg (Seite 15). Preis-Check: Olaf Metzel (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 671 – Editorial

Informationsdienst KUNST 671

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Zeitschriften, Rundfunk, Fernsehen, Internet, aber auch Bücher, Möbel, Salzstreuer, Geschenkpapier – eine Flut von Bauhaus-Artikeln jeder Art und Preiskategorie überschwemmt uns. Kein Entkommen mehr. Wohin wir schauen: Das 100-jährige Bauhaus dient als Thema von Ausstellungen, Auktionen, Performances, Führungen und Symposien; es wird auf Teufel komm raus geforscht und referiert, diskutiert und antichambriert. Gefühlt 1 000 Veranstaltungen in Deutschland, vielleicht sogar mehr. Marketing total. Weit vor Luther und Leonardo.

Im Rausch dieser Großoffensive drängen sich Fragen auf, die über das Jubiläum und den Einsatz für Gropius & Co. hinausreichen. Warum ausgerechnet das Bauhaus; wie kommt es, dass just diese Bewegung zu einer konzertierten Aktion unvergleichlicher Art führt? Korrektur eines Irrtums, dass das Bauhaus ein Stil sei? Späte Wiedergutmachung, weil einst die Nazis alles getan haben, um diese legendäre Reformschule zu vertreiben? Und/oder gilt das Bauhaus heute als willkommenes Ventil, um die ohnehin vorhandene Ablehnung von Preußentum und Militarismus in den aktuellen Diskurs zu schleusen? Schließlich: Was löst diese allgemeine Vereinnahmung aus; welchen Auftrieb nimmt eine tendenziell unpolitische Gesellschaft, wenn sie sich dem politischen Bauhaus widmet?

Ja, das Bauhaus war stets politisch, obgleich in Dessau vor einiger Zeit dümmlich und trotzig das Gegenteil behauptet wurde, als die Konzert-Absage für »Feine Sahne Fischfilet« einen völlig misslungenen Auftakt zum Jubeljahr darstellte. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ließ in seiner Eröffnungsfestival-Rede keinen Zweifel aufkommen: Das Zusammenspiel von Kunst und Handwerk will zwar im Rückblick gefeiert werden, doch das Vermächtnis des Bauhauses ist eindeutig nach vorn gerichtet, in Gegenwart und Zukunft. Es geht darum, sagte Steinmeier, »eine neue Moderne zu gestalten, mit neuen Erkenntnissen, mit den Erfahrungen, die wir seither gemacht haben, mit den Bedürfnissen und Träumen der Menschen von heute«.

Dieser Ansatz ist dem Überschuss-Staat viel wert (2018 sind es 11,2 Milliarden!). Allein für das Bauhaus-Veranstaltungsprogramm 2019 hat Bundeskulturchefin Monika Grütters sämtliche Etat-Schleusen öffnen und 21 Millionen Euro in die Institutionen fließen lassen. Unzählige weitere Millionen kommen aus den Haushaltstöpfen der Kommunen und Länder, und mancher Museumsetat dient in diesem Jahr größtenteils den Bauhaus-Aktivitäten. Freilich weiß man, dass in vielen Häusern selbst fünfstellige Zuwendungsbeträge überschwänglich gefeiert werden, dass die Kultur bei genauer Betrachtung und im Vergleich keine wirkliche Rolle im Reich der Kämmerer spielt. Peanuts eher. Oder eine »Rundungsgröße«, wie Stephan Berg, Kunstmuseum Bonn, vor einiger Zeit einen lokalen Finanzpolitiker zitierte. Umso mehr volles Verständnis für alle, die 2019 aufs Bauhaus im eigenen Programm und leicht zu erobernde zusätzliche Subventionsmittel setzen.

Doch es will auch bedacht werden, dass es, bitte, nicht immer nur ums Geld gehen kann. Bei aller Feierlaune, die man niemandem nehmen möchte, muss unbedingt daran erinnert werden, dass solche Jubiläen auch die Chance bieten, Geschichte zu korrigieren, Wahrheit zu kommunizieren. Leider scheint das Bauhaus derzeit aber vielerorts zu verführen, eben Verklärungen vorzunehmen, offenbar dem aktuellen Zeitgeist und der heutigen Position von Künstlerinnen geschuldet. Nur ein Beispiel: Mit einigen Kunsthistorikern gehen gewissermaßen die Gäule durch, wenn sie jetzt zunehmend Ausstellungen und Publikationen konzipieren und realisieren, die von vermeintlich starken Bauhaus-Frauen künden. Mit Verlaub: Das Bauhaus war vor allem eine Männer-Gesellschaft, wo Frauen schnell mal als Webmädchen verharmlost oder gar verspottet wurden. Diese und andere Tatsachen ins Visier genommen, könnte in den kommenden Monaten aus der überdrehten Party vor dem Hochaltar der Kunstgeschichte noch eine passable Andacht werden.

In dieser Ausgabe: Von Amsterdam nach London – Axel Rüger wechselt zur Royal Academy (Seite 2). Wegen Steuerhinterziehung verurteilt: Galeristin Mary Boone muss für zweieinhalb Jahre in den Knast (Seite 8). New York: Das MoMA schließt, um glanzvoll wiederzueröffnen (Seite 8). Aachen: Andreas Beitin, der scheidende Museumsdirektor, wurde ins Zwielicht gesetzt (Seite 11). Chemnitz: Kunstsammlungen unter Quoten-Druck, Frédéric Bußmann hebt Foto-Verbot auf (Seite 11). Offene Fragen zum Spätwerk von Robert Indiana (Seite 14). Offensive von Jonathan Meese in Lübeck (Seite 17). Das Auswärtige Amt und die Museen (Seite 18). Fehlende Antworten: Die Berlinale-Bilanz (Seite 18). Preis-Check: Heinz Mack (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 670 – Editorial

Informationsdienst KUNST 670

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vor genau 50 Jahren zog der Verleger Axel Springer für ein knappes Jahrzehnt in eine Wohnung am Berliner Kurfürstendamm 213, und vor vier Jahren, große Ehre, durfte ein Aufsteiger im Machtrevier des heutigen Verlagschefs Mathias Döpfner dort seinen Schreibtisch beziehen. Ja, es geht um Cornelius Tittel, den 41-jährigen »Blau«-Chefredakteur, der zunächst als Selfmademan ohne Studium und über die Elektro-Musik- und Club-Kultur-Szene zum Journalismus kam, um dann vor rund zehn Jahren bei Springer ruck-zuck Karriere zu machen. Zwar hatte er vor seiner kurzen »Monopol«-Chefredakteur-Zeit schon einmal für die »Welt am Sonntag« gearbeitet, doch steil aufwärts ging es erst von 2010 an. Döpfner, wie Tittel aus dem Musik-Journalismus kommend, machte ihn zum Feuilleton-Chef der »Welt«, nahm ihn sogar in die Leitungsetage der »Welt«-Gruppe – und vertraute ihm 2015 das Magazin »Blau« an.

Diese Neugründung, zweifellos auch eine eigene Antwort auf einen gescheiterten »Monopol«-Kooperationsdeal mit Michael Ringier in der Schweiz, wurde von der Branche mit allergrößtem Interesse verfolgt, wohl auch wegen der vermuteten Reichweite der Publikation. Denn von Anfang an war klar, dass Tittels Blatt, ein Hochglanz-Produkt, einmal im Monat der Springer-Tageszeitung »Die Welt« beigelegt werden sollte. Das versprach reichlich Auflage, obwohl Medien-Profis natürlich von der Stunde null an wussten, dass »Blau« einen ungeheuren Streuverlust haben würde, weil nicht jeder »Welt«-Käufer zwangsläufig als »Blau«-Leser gewonnen werden kann. Doch im knallharten Anzeigen-Geschäft der bekannten Magazine, mithin »Art«, »Monopol« und »Weltkunst«, schien das zunächst niemanden zu beschäftigen. Die erste »Blau«-Ausgabe, vollmundig beworben, erschien mit knapp 120 Seiten (mittlerweile sind es nur noch 80 Seiten, wenn das Heft auftaucht).

Ja, eben, »wenn das Heft auftaucht«. Als am Samstag, 26. Januar, dem letzten Samstag im Monat, wieder kein »Blau« in der »Welt« lag, unverzüglich Anfrage bei Springer, beim Kundenservice. Automatische Antwort: Man wolle »umgehend bearbeiten«. Und: »Eine Rückmeldung erhalten Sie schnellstmöglich«. Darauf warten wir natürlich, nach wie vor. Gottlob kann man den Kollegen Tittel auch persönlich fragen, was denn los sei. Denn das letzte Heft war Ende November erschienen, vor zwei Monaten also. Cornelius Tittel, gerade aus New York zurückgekommen (wo er »Rudolf Stingel für unsere übernächste Ausgabe« besuchte), dankt prompt für den Hinweis, dass auf der »Blau«-Website noch die uralten Media-Daten aus dem vergangenen Jahr zu finden sind, keine neuen für 2019, aber die Frage nach der Erscheinungsweise von »Blau« lässt er offen.

Was soll er auch sagen? Längst flüstern es die Verlagskaufleute, längst beobachtet man den »Blau«-Schrumpfungsprozess selbst. Obgleich der Chefredakteur in seiner freundlichen E-Mail zu beschwichtigen versucht: Es ist offensichtlich, dass das Magazin in den Abgrund schlittert. Ende Februar, drei Monate nach Nummer 33, soll endlich, so Gott will, die 34 ausgeliefert werden. Und ja: Statt zwölf Mal pro Jahr, wie vor vier Jahren gestartet, sollen mittlerweile noch nicht mal mehr jene zuletzt üblichen acht Hefte produziert werden. Die Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH, in der »Blau« erscheint, genehmigt fortan nur noch sechs Produktionen pro Jahr. Eine Art Gnadenfrist. So wird es, wie man hört, im kommenden Sommer, wenn dank Venedig-Biennale & Co. viel los ist, voraussichtlich sogar eine Dreieinhalb-Monat-Pause geben. Da kann Cornelius Tittel in Springers Wohnung die Puppen tanzen lassen – oder sich dort in aller Stille überlegen, ob er nicht doch noch eines Tages in den Kunsthandel wechseln möchte. Immerhin wird ihm nachgesagt, dass er diesbezüglich Ambitionen entwickeln könnte.

Dabei ist der Springer-Chefredakteur, wenn es um die Zukunft seines Magazins geht, durchaus kein Einzelfall. Alle Mitbewerber müssen einräumen, dass sie – wie insbesondere »Art« – in den letzten Jahren reichlich Auflage verloren oder sich allemal nicht nennenswert gesteigert haben, dass sie wirtschaftlich massiv unter Druck stehen. In Sachen Abonnenten, in Sachen Anzeigen. Sowohl »Monopol« als auch »Art« kommen an die 40 000 verkauften Hefte nicht ran; von der »Weltkunst« (die 2019 zwölf Mal erscheint und sogar fünf Sonderhefte plant) weiß man, dass sie mit 25 000 Exemplaren (Druckauflage) zufrieden sein muss. Kein lohnendes Geschäft rundum, weil im Hochglanz-Magazin-Markt schlichtweg zu viele Mitbewerber unterwegs sind. So gibt es Probleme, enorme Probleme. Und der trotzige Cornelius Tittel (»Probleme gibt es keine«, 28. Januar) muss zittern, ob die Mediahouse-Gesellschafter angesichts der Gesamtkosten und der mittlerweile ohnehin nur noch 67 000 in der »Welt« gratis beigelegten Streuverlust-Exemplare weiterhin »Blau«-Lust verspüren.

In dieser Ausgabe: Italiens Kulturminister Alberto Bonisoli sucht Museumsdirektoren nur noch im eigenen Land (Seite 6). In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss mit personellen Konsequenzen gerechnet werden – nach dem Münz-Diebstahl im Bode-Museum (Seite 7). Chicago: Ermäßigtes Eintrittsgeld für Frauen (Seite 8). Basel: Der neue alte Picasso-Hype (Seite 9). Ungereimtheiten in der deutschen Kulturpolitik (Seite 10). Zeitplan-Dehnung in Berlin: Humboldt Forum (Seite 14). Dokumentation der documenta (Seite 15). Bonn: Frauenmuseum im Aufwind (Seite 17). Rüsselsheim: Opelvillen ohne Opel-Förderung (Seite 18). Mannheim: Wer nach Ulrike Lorenz kommen könnte (Seite 20). Preis-Check: Sylvie Fleury (Seite 23). Impressum (Seite 25).