Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Belinda Grace Gardner, Andrea Hilgenstock, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid, Bernhard Schulz und Claudia Steinberg

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 729 – Editorial

Informationsdienst KUNST 729

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  es liegt was in der Luft. Aber was? Tasten wir uns behutsam heran. Auf der Titelseite der Kulturrat-Zeitung »Politik & Kultur«, Juni-Ausgabe, steht die Headline »Bsss, bsss – Die kulturelle Welt der Insekten«, und dann folgen sage und schreibe 16 Seiten über Ameisen, Bienen, Libellen und Schmetterlinge. Während Mitherausgeber Theo Geißler zunächst durchaus Bedenken gegen das artfremde Schwerpunkt-Thema angemeldet hatte (»in einer langen lautstarken Diskussionsnacht«), legte Olaf Zimmermann am 4. Juni in seinem Newsletter beherzt nach. »Wie schafft es die Wespe, ihr Opfer, eine Käferlarve, mit einem Stich zu lähmen, aber nicht zu töten«, so fragte sich der Kulturrat-Geschäftsführer offenbar schon in seiner Kindheit, wie im »Kulturpolitischen Wochenreport« zu lesen.

Natürlich ist man geneigt, seine Naturkunde im Kontext kulturpolitischer Entwicklungen sehen zu wollen. Doch wer, bsss, bsss, die Dolchwespe sein könnte, wer die Käferlarve, das bleibt offen; es wird gar nicht erörtert. Hobby-Entomologe und Kulturpolitik-Chefredakteur Zimmermann schwelgt in der Bewunderung und zugleich in der Sorge um den schrumpfenden Bestand der von ihm in jeder freien Minute fotografierten Tiere. Das Ausschwärmen in andere Gefilde, gleichwohl einer wie er, der Olaf, wirklich reichlich Stoff im angestammten Metier finden müsste, lässt eine Ahnung keimen. Sollten die zurückliegenden, ungeheuer belastenden Pandemie-Monate selbst bei den Profis der Branche zu einer Neuorientierung geführt haben? Ist der vielzitierte Neustart ohne weiteres gar nicht möglich, weil der Lockdown in der Kulturszene eine nachhaltige Blockade verursachte?

Im noch spärlich vorhandenen Licht am Ende des Tunnels, jener holprigen Wegstrecke überforderter Politiker ohne echte Risk-Manager-Fähigkeiten, erblickt man mehr schwankende, zweifelnde Gestalten als hoffnungsvoll zupackende. Alle eigenartig unsicher, teils hilflos. Alles wattiert, luftgepolstert, als müsse nach dem Sommer 2021 auch noch mit einem vierten Lockdown gerechnet werden. Schon hört man von Planungen, die um ein weiteres Jahr verschoben werden, sicher ist sicher. Schon sieht man Kreative und Vermittler in den ohnehin längst überfüllten Praxen der Psychotherapeuten sitzen, um professionelle Hilfe bittend. Im Jahr 2020, so bilanzierte kürzlich die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung, seien 40 Prozent mehr Anfragen registriert worden als im Vorjahr. Ein Wunder, wenn beispielsweise Künstler kriminalisiert werden, weil sie korrekt sein wollten und zu viel kassierte staatliche Hilfen zurückzahlten (siehe Seite 13)?

Summa summarum: Auch wenn man inzwischen mal wieder ein Bierchen mit Freunden aus mehreren Haushalten trinken kann, sich gemeinsam einen hinter die Maske gießen darf, ist die Laune in der Kunstszene nicht wirklich gut. Eine Art Katerstimmung, ohne zuvor den kollektiven Exzess erlebt zu haben. Gedämpfte Atmosphäre. Vom Lockdown zum Slowdown. Fraglich, ob alle und alles wieder auf die Schiene kommen, ob der Kunstbetrieb irgendwann wieder wie geschmiert läuft. Oder, das wäre ja eine attraktive Alternative: Ob sich die weitläufige Familie zwar verkleinert, weil manche Mitglieder umsatteln, doch der sogenannte harte Kern in eine neue Zeit aufbricht, in die Post-Pandemie-Ära. Diese Variante, so scheint es, wird sich freilich nur behaupten, wenn der Branche mehr einfällt als Tag für Tag den ohnehin schon überbordenden Online-Wahnsinn zu steigern.

In dieser medial bedingten Flüchtigkeit ist das, was Kunst bislang ausmachte, sowieso nicht wirklich wahrzunehmen. Wenn Digitalangebote ergänzend eingesetzt werden, mögen sie sinnvoll sein. Wenn aber die direkte Konfrontation mit Mensch und Werk sowie eben die sinnliche, auch haptische Erfahrung verloren gehen, wird die bereits reduzierte Generation von Sammlern alter Schule bald komplett abgetaucht sein. Etliche Galeristen klagten ja schon vor Corona, dass der vertraute Sammler-Kreis gesättigt sei, dass es auch an überzeugender Ware fehle. Nun gilt es, die Millennials für die Kunst zu begeistern. Doch was jenen Menschen vermitteln, die in den Achtzigern und Neunzigern aufgewachsen sind, die in den Lagern und Lofts ihrer Eltern das finden, was früher angesagt war – von Baselitz über Knoebel bis Richter? Suchen die Youngster, Stichwort Paradigmenwechsel, jetzt tatsächlich Blendwerke wie jene NFTs, Datensätze, die bis zu atemberaubenden 70 Millionen Dollar bringen können? Geht’s ihnen überhaupt noch um Kunst? Wollen sie wirklich an Computerspielen teilnehmen, sich als Avatar geben und dabei echtes Geld investieren, womöglich am Finanzamt vorbei? Kryptosammler, Kryptokollektionen. Oder warten sie, bsss, bsss, zunächst mal darauf, von Zimmermanns Dolchwespen gestochen zu werden? Wenigstens ein reales Erlebnis.

In dieser Ausgabe: Note 1 für Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 2). Bekenntnis zum analogen Katalog: Robert Ketterer, Auktionator in München (Seite 3). Förderung per »Pass Culture«: Emmanuel Macron, Paris (Seite 4). Warum Wladimir Putin ausgeladen werden sollte (Seite 6). Wie Mathias Döpfner bei den Frauen punkten will (Seite 7). Samsung und die Kunst (Seite 8). Seoul und der Kunstmarkt (Seite 9). Louvre und Internet (Seite 10). Luft nach oben: Galerieplattform_DE (Seite 12). Druck von oben: Betrugsvorwurf gegen Künstler (Seite 13). Neubau für die Kunstakademie Düsseldorf (Seite 17). Strategie für die Kunst im öffentlichen Leipziger Raum (Seite 20). Preis-Check: Pia Fries (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 728 – Editorial

Informationsdienst KUNST 728

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  »zuerst die Inhalte«, so tönen allenthalben Politiker aller Couleur, fragt man sie nach Personalien. Posten-Schacher angeblich später. Das war schon immer so. Dabei sind beispielsweise die Regierenden in spe oder die potentiellen Verantwortungsträger der kommenden Legislaturperiode längst damit beschäftigt, in den Hinterzimmern auszuklügeln, welche Abgeordneten für welche Position infrage kommen könnten, wer gar das Zeug mitbringt, ein Ministeramt zu übernehmen.

Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Grünen geht es auch in der Christen-Union um die Frage, welche Strategie im Bundestagswahlkampf zum Erfolg führen könnte, wie man die Klientel von CDU und CSU überzeugt, wie man neue Stimmen akquiriert. Hört man sich in CDU-Kreisen um, dann tauchen immer wieder die Stichworte Verjüngung und Frauenquote auf. Kanzlerkandidat Armin Laschet, kürzlich 60 Jahre alt geworden, setze gedanklich sehr auf jüngere, weibliche Parteimitglieder, heißt es. Sollte er, vor allem im Schulterschluss mit Friedrich Merz, die nächste Bundesregierung bilden dürfen, dann kämen Politikerinnen wie Silvia Breher (Jahrgang 1973), Tanja Gönner (1969), Serap Güler (1980) und Nadine Schön (1983) in Betracht, ein Ministerinnenamt zu übernehmen.

Das Quartett, teils schon mit Regierungserfahrung auf Länderebene unterwegs, kann vielseitig punkten. Voraussichtlich allemal in Laschets Wahlkampf-Team, das der CDU-Chef demnächst vollmundig als »Zukunftsteam« präsentieren wird. Die Bundestagsabgeordnete Schön könnte beispielsweise als Digitalisierungsgenie vorgestellt werden, und die fähige NRW-Staatssekretärin Güler wäre auch auf Bundesebene für Themen wie Integration und Familie denkbar. Keine der hinter vorgehaltener Hand genannten Favoritinnen bringt allerdings Kultur-Kompetenz mit. Aber das Ressort, ob ans Kanzleramt angedockt wie bislang oder als eigenständiges Ministerium geführt, könnte schließlich durchaus auch wieder einmal von einem Mann geführt werden. Indes: Fehlanzeige in der CDU, niemand zu sehen.

Aber es kursieren seit wenigen Tagen in der Partei die Namen von zwei Frauen, denen man die Aufgabe zutraut, über die übliche Mittelvergabe hinaus auch kulturpolitische Perspektiven zu entwickeln und sie im parlamentarischen Alltag umzusetzen. Es handelt sich um Melanie Bernstein, Jahrgang 1976, die von Mitte der Neunziger bis 2001 an der Leuphana Universität in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaften studierte. Die CDU-Bundestagsabgeordnete mit Magister-Abschluss sitzt im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft und agiert unter anderem als stellvertretende Vorsitzende der AG Kultur und Medien in der CDU/CSU-Fraktion.

Auch ihre Kollegin Yvonne Magwas, Jahrgang 1979, schon eine Legislaturperiode länger im Bundestag vertreten, hält sich als mögliche Kulturministerin oder als Beauftragte mit Staatsministerinnen-Rang in der Gerüchteküche. Ihr Lebenspartner, Marco Wanderwitz, derzeit Staatssekretär bei Peter Altmaier, gehört selbst zu den Christdemokraten, die im Team Laschet eine Rolle spielen könnten, auch wegen seiner Verbindungen in den sogenannten neuen Bundesländern. Yvonne Magwas, Diplom-Soziologin, bringt Erfahrungen aus dem Kultur- und Medienausschuss des Deutschen Bundestages mit.

Ob schließlich Bernstein oder Magwas oder gar Laschets parteilose Aachen-Verbündete Isabel Pfeiffer-Poensgen (siehe ID 726, Seite 5, und Seite 5 dieser Ausgabe) zum Zuge kommen könnte, ist so offen wie die Haltung der Grünen in Sachen Kulturpolitik. Die Branchenbrief-Anfrage vom 9. Mai ist zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe immer noch unbeantwortet. Während die Aufsteiger-Partei in ihrem jüngsten Parteiprogramm kurz das Vorhersehbare publizierte, darunter Erinnerungskultur und Geschlechtergerechtigkeit, als hätte man von der CDU abgeschrieben, müssen sich die Christdemokraten dringend mehr einfallen lassen. Zuerst die Inhalte, siehe oben. Eine zeitgemäße Verortung der Kultur in einem sich stetig wandelnden gesellschaftlichen Kontext ist vonnöten. Kultur bietet mehr Chancen für die Politik, als gönnerhaft sich selbst und einen wohlfahrtsorientierten Stil zu inszenieren, wie das aktuell praktiziert wird.

In dieser Ausgabe: Fünf Millionen für Einbruchs- und Diebstahlschutz in Museen (Seite 2). Ein schwacher deutscher Auftritt auf der Architekturbiennale Venedig (Seite 4). Berlin: Christina Haak und fehlende finanzielle Polster (Seite 7). New York: David Zwirner als »Wolf im Schafspelz« (Seite 8). Paris: Laurence des Cars als erste Louvre-Direktorin (Seite 10). Sotheby’s trumpft in Köln auf (Seite 10). Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss sich »grobe Verletzung der Anzeigepflicht« in Berlin vorwerfen lassen (Seite 15). Städelschule in Frankfurt verabschiedet die Architekturklasse (Seite 17). Plauderei im Humboldt Forum: Comedy und Rassismus (Seite 18). Konzertierte Aktion in Bremen: Geruch und Kunst (Seite 20). Preis-Check: Manfred Pernice (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 727 – Editorial

Informationsdienst KUNST 727

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  der Deutsche Kulturrat war es, der früh davon erfuhr, der unverzüglich Öffentlichkeit herstellte. Dachte man einst, vor Corona, dass es sich um bedauerliche Einzelfälle handelt, wenn ein Künstler aus der Künstlersozialkasse flog (weil er nicht genug verdiente), dass das soziale Auffangnetz immer noch allzu große Löcher hat, war man zuletzt nur empört – über einen dilettantisch regierten Staat, der in dieser Krisenzeit ungeheuer viel falsch macht. Das vormalige, knapp vier Jahrzehnte alte Erfolgsmodell Künstlersozialkasse (KSK) schrumpfte nämlich zu einer achtlos geführten, stupid-bürokratischen Einrichtung, die es den ohnehin benachteiligten Kulturschaffenden unnötig schwer macht.

Fakt ist: Künstler, die Eigen-Initiative ergreifen, irgendwo einen Job annehmen, ob bei der Kontaktnachverfolgung, im Lieferservice oder im Impfdienst, werden bestraft. Sie verlieren ihren Versicherungsanspruch, wenn sie auf diese Weise mehr als 450 Euro (!) im Monat einnehmen. Das ist grotesk, lächerlich, wie manche andere Entwicklung im Zuge der Pandemie (denken wir nur an die aktuelle, unverschämte Stellen-Aufrüstung in etlichen Bundesministerien, Abschiedsgeschenke an verdiente Mitarbeiter, kurz vor der Wahl im September).

Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte vor Tagen, als er die 75. Ruhrfestspiele vom Schloss Bellevue aus digital eröffnete, keinerlei Verständnis für diese politisch rückengedeckte Regelung der KSK in Wilhelmshaven. Es sei doch verdienstvoll, wenn Kreative versuchen würden, ihr Überleben auch durch nichtkünstlerische Tätigkeit zu sichern, so Steinmeier. Auf den Punkt gebracht.

In dieser Situation unternimmt zum Glück ein anderer Sozialdemokrat einen Versuch, in letzter Minute zu retten, was dringend der Korrektur bedarf. Arbeitsminister Hubertus Heil ist es, der sich eingeschaltet hat und den Versicherungsschutz der Künstler jetzt verbessern will, der aktuellen Krise geschuldet. Bis Ende 2021, so hört man, soll es den in der Künstlersozialkasse Versicherten nun erlaubt sein, außerhalb ihrer üblichen künstlerischen Tätigkeit bis zu 1 300 Euro (brutto) pro Monat zu verdienen. Ohne vom Rauswurf aus der KSK bedroht zu werden. Endlich mal eine gute Nachricht. Eine halbwegs gute. Bis Ende 2022 wäre angemessen.

In dieser Ausgabe: Der Sammler Uli Sigg muss in Hongkong mit Zensur rechnen (Seite 2). Der Sammler François Pinault darf in Paris auch Pädagoge sein (Seite 3). Der Galerist David Zwirner glänzte auf der Frieze in New York (Seite 5). Kostenpflichtiger COVID-19-Testnachweis als Todesstoß für niederländische Museen (Seite 7). Fünf Künstlerkollektive als Kritiker für britische Turner-Prize-Politik (Seite 8). Sotheby’s und die Frauen (Seite 10). Museumsinsel und ein Flussbad (Seite 11). documenta und der Humor (Seite 14). Nebulös: Kulturbranche-Sonderfonds (Seite 14). DZ BANK als Sammler und Stifter (Seite 18). Berliner Kunstvereine als Finanzierungsfälle (Seite 21). Preis-Check: Sofia Hultén (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 726 – Editorial

Informationsdienst KUNST 726

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  es ist bekannt, dass Berlins Kultursenator Klaus Lederer, Frontmann der Linken in der Hauptstadt, kein wirklicher Freund der bildenden Kunst ist. Mietendeckel und Enteignung, Soziokultur und Clubförderung – das sind seine Themen, zumal am 26. September die Doppelwahl Bund/ Land ansteht und die linke Klientel bedient werden will. Weniger bekannt ist, dass Berlins Regierender, Michael Müller, SPD, der im kommenden Bundestag sitzen wird und folglich das rote Rathaus verlassen möchte, in aller Stille dort unterwegs ist, wo man Lederer erwarten würde.

Klartext: Nicht Lederer, der tagelang angeblich keine Zeit hatte, sondern Müller war es, der sich in der zweiten April-Hälfte mit dem Duisburger Museumsdirektor und Bonner Stiftungschef Walter Smerling auf Tempelhof traf, wo der international agierende Impresario und Promoter die Großausstellung »Diversity United« einrichtete. Dabei flammte ein Gedanke auf, der schon seit Jahrzehnten in der Berliner Luft liegt, ohne von irgendjemandem mit Langzeitwirkung aufgegriffen worden zu sein. Smerling, der (unterstützt von einer stattlichen Sponsoren-Gemeinde) für sein einzigartiges Berlin-Moskau-Paris-Projekt im Hangar 2 und im Hangar 3 auf insgesamt rund 8 000 Quadratmetern Hallenfläche eine beeindruckende, stabile Ausstellungsarchitektur bauen ließ, gab den Impuls, dort dauerhaft eine Kunsthalle einzurichten.

Dass sich Michael Müller nicht abwehrend verhielt, sondern aufgeschlossen, war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass er selbst bald primär keine Landespolitik mehr macht. Müller kennt das Raum-Manko in Sachen Gegenwartskunst zur Genüge – zumal sich auf Bundesebene scheinbar nichts tut, gleichwohl seit langem bekannt ist, dass die Rieckhallen am Hamburger Bahnhof abgerissen und somit Tausende von Quadratmetern für das Zeitgenössische fehlen werden. Und: Müller weiß, dass die Hauptstadt mehr bieten muss, wenn sie nach Corona wieder für den weltweiten Tourismus interessant sein will. Dass Walter Smerling ausgerechnet den Begriff Kunsthalle wählte, um seinen Nutzungsvorschlag in die politische Debatte zu werfen, kommt nicht von ungefähr. Bekanntlich gab es von 1978 bis 1994 in Berlin die Staatliche Kunsthalle, die nach ihrer Schließung eine Reihe von Forderungen und temporären Initiativen auslöste, allesamt freilich weder mit Nachdruck noch mit Ausdauer versehen.

Dass »Diversity United«, diese bis Ende August vorgesehene und auch mit Unterstützung aus dem Auswärtigen Amt realisierte, überaus aktuelle Themen-Schau (mit 90 Künstlern aus 30 Ländern), einen großen Zulauf haben wird, ist jetzt schon klar. Allein die prominente Künstlerliste, versetzt mit noch zu entdeckenden Positionen, garantiert es, und der Hunger nach Kunst ist in diesen Pandemiezeiten ohnehin so ausgeprägt wie selten zuvor. Dass »Diversity United« und Walter Smerling zudem im absolut richtigen Moment eine Anregung geben, die sich Berlin nicht entgehen lassen darf, ist seit einem ersten Rundgang durch die beiden Hangars ebenfalls plausibel (zumal die solide gebaute Ausstellungsarchitektur gewiss übernommen werden könnte).

Denn die zuständige Tempelhof Projekt GmbH beschäftigt sich augenblicklich intensiv mit der künftigen Nutzung, ob als Technik- und Flugzeugmuseum, als Digital- und Kommunikationszentrum und/oder als Film- und Fernsehproduktionsstätte. Warum also nicht einen Teil als Kunsthalle nutzen, als Spielstätte für Gegenwartskunst? Warum sich nicht mit dem agilen »Diversity United«-Macher zusammentun – und sein Motto, »positive Signale in die Gesellschaft schicken, Zeichen von Hoffnung und Zuversicht«, kurzerhand umsetzen? Dass er was kann, dass er die besten Künstler und Kuratoren sowie die engagiertesten Beiräte und Sponsoren begeistern kann, obendrein für vielseitigen politischen Beistand zu sorgen versteht, das beweist er im Rahmen von »Diversity United«. Eine Chance für Berlin. Zugreifen!

In dieser Ausgabe: Wo Markus Lüpertz erstmals den Regisseur gibt (Seite 4). Wie sich Monika Grütters bei Parteifreunden unbeliebt macht (Seite 5). Was Cecilia Alemani in Venedig plant (Seite 8). Gallery Climate Coalition auch in Berlin (Seite 8). Serpentine Galleries ohne Sackler (Seite 10). Online-Kulturdialog mit Angela Merkel (Seite 11). Grandios: Neue Nationalgalerie (Seite 12). Einfallsreich: Bezahlmodelle der Museen (Seite 14). Ungeklärt: Kunstraub in Boston (Seite 16). Der Rausschmiss von Roland Nachtigäller (Seite 18). Der Duft von Rosemarie Trockel (Seite 20). Der Aufstieg von Lilli Hollein (Seite 21). Preis-Check: Oswald Oberhuber (Seite 21). »arte«-Doku: Ernst Ludwig Kirchner (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 725 – Editorial

Informationsdienst KUNST 725

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  darf ich die Anrede weiterhin so schreiben? Es geht bei dieser Frage natürlich nicht um die »Liebe«, davon kann man bekanntlich niemals genug bekommen. Es geht um den »Leser«, um das generische Maskulinum, mit dem man sich als alter, weißer Mann leicht in den Fettnapf setzen kann. Überall sehe ich mittlerweile Gendersternchen oder Sonderzeichen, jene Doppelpunkte und Schrägstriche, auch irritierende Unterstriche und befremdliche Pausen vor der »innen«-Nachsilbe (oder Binnen-I, mithin »LeserInnen«) – und wundere mich, dass bislang nicht eine einzige Leserin oder ein einziger Leser dieses Branchenbriefes Informationsdienst KUNST interveniert hat, weil ich konsequent, seit 30 Jahren, »Liebe Leser« schreibe.

Natürlich sind wir unter uns, und natürlich kenne ich viele Abonnentinnen persönlich, allesamt Frauen, die genau wissen, wer sie sind, was sie wollen, worauf es im Leben und in der Kunst ankommt. Vielleicht ist das die Erklärung, dass sich in diesen m/w/d-Zeiten niemand über meine vermeintliche Ignoranz aufregt, den Editorial-Einstieg schlank und konventionell zu halten. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg so, dass Sie alle ebenfalls jenen Sprach- und Schönheitssinn pflegen, der mich hindert, draufloszugendern und Worte zu verhunzen. Meines Erachtens ist es völlig absurd, per umständlicher Genderschreibweisen oder redundanter Doppelungen (»liebe Leserinnen, liebe Leser«) zu glauben, so könne eine gerechtere Welt entstehen.

Dass Gleichberechtigung von Männern und Frauen für alle, die für den Informationsdienst KUNST arbeiten, selbstverständlich ist, dokumentieren wir gemeinsam, Ausgabe für Ausgabe. Kollektives Anliegen von Chefredaktion, männlich, und Redaktion, überwiegend weiblich, vier zu eins. Ich habe gerade mal nachgezählt, dass wir 2020 wie üblich 25 Branchenbrief-Ausgaben verbreitet haben. Das bedeutet: 25 Titelfotos, auf denen insgesamt 29 Menschen zu sehen waren, nämlich 15 Frauen und 14 Männer. Ausgewogener kann’s doch kaum zugehen.

Auf Kosten der Sprache (inklusive sämtlicher grammatikalischer Verrenkungen) zu versuchen, die traditionsreiche Benachteiligung von Frauen im gesellschaftlichen Alltag wiedergutzumachen, ist nach meiner Einschätzung ein Irrtum, der von Feministinnen eigentlich angeprangert werden müsste. Denn ist es nicht so, dass die sogenannte gendergerechte Sprache ihre Schattenseiten zeigt, wenn man sie genau untersucht? Ergo: Wird Frau nicht auf ihr Geschlecht reduziert, wenn das übereifrige Sichtbarmachen des Weiblichen in der Sprache nun zu einer umstrittenen und für manche Verfechter:innen notwendigen, gar dominanten Identitätskategorie erhoben wird?

»Wer aus meinem ‚Schriftsteller‘ eine ‚Schriftstellerin‘ macht«, so hat sich die in Berlin geborene, jüdische Literatin Nele Rahel Pollatschek, Jahrgang 1988, kürzlich beklagt, »kann auch gleich ‚Vagina‘ rufen«: Sie wisse, was Diskriminierung sei, aber Gendern sei keine Lösung. Sexistisch empfinde sie es. In der bildenden Kunst gibt es hinlänglich Künstlerinnen, die sich nicht als fein ziselierende Sprachpolizistinnen aufspielen mögen, die nix auf die Goldwaage legen, sondern das Anliegen der Frauen lieber raumgreifend sichtbar machen. Ich denke zum Beispiel an Monica Bonvicini, 1965, Venedig, die den Macho Man permanent auf den Prüfstand stellt.

Summa summarum: Wenn sich jetzt Ihrerseits, liebe Leser, kein Widerstand regt, der mich in der Sache überzeugt und zur Umkehr verleitet, dann bleibt es bei »Liebe Leser« – und Sie wissen, dass ich damit Sie alle meine, ob weiblich, männlich oder divers, ob Feminist:in oder Chauvinist:in. Einer der renommiertesten Meister der Konkreten Poesie, Heinz Gappmayr, ist zwar tot, doch etliche der Sprachkünstler leben, darunter Robert Barry, Jochen Gerz, Eugen Gomringer, Jenny Holzer, Barbara Kruger, Franz Mon, Gerhard Rühm und Lawrence Weiner. Könnten sie nicht mal mit den Mitteln der Kunst zeigen, wie Gendersternchen tanzen und sich dann verdünnisieren? Ohne weitere Debatte.

In dieser Ausgabe: Das Wagnis Architektur-Biennale, Venedig (Seite 5). Das Problem Benin-Bronzen, Berlin (Seite 7). Humboldt Forum und Mikroaggressionen (Seite 8). Sotheby’s und Gebotsfehler (Seite 10). Antoine Vitkine und ein Finger in der Leonardo-Wunde (Seite 10). Ann Freeman und der Untergang der Knoedler Galerie (Seite 13). Relativ gut durch die Krise: Kunstvereine (Seite 13). Fair und nachvollziehbar: Leitlinie Ausstellungsvergütungen (Seite 15). Rosemarie Trockel und die neue Kollektion von Bottega Veneta (Seite 17). Sebastian Brünger und das Klima-Pilotprojekt der Bundes-Kulturstiftung (Seite 18). Lynn Goldsmith und der Copyright-Prozess wegen Andy Warhol (Seite 20). Preis-Check: Daniel Knorr (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 724 – Editorial

Informationsdienst KUNST 724

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ich habe Feierlaune, obgleich nicht gefeiert werden darf. Aber im Rückblick kommt dennoch festliche Stimmung auf, ein wenig. Als vor genau 30 Jahren, am 5. April 1991, die Nummer eins dieses Branchenbriefes erschien, als der Informationsdienst KUNST erstmals seine Abonnenten erreichte, jene hochkarätige Schar einflussreicher Multiplikatoren, war von Anfang an klar, dass es um kritischen Journalismus gehen wird. Schon in der Start-Ausgabe, damals noch von Hamburg aus verbreitet, und im Kontext der Ausstellungen zum Sechzigsten von Heinz Mack wurde berichtet, dass der ZERO-Mitgründer nach einem Atelier-Brand, 1984, ein zerstörtes Violinen-Objekt seines Kollegen Arman kurzerhand nach eigenen Vorstellungen »restauriert« und in den Handel gebracht hatte. Dubioses Zwielicht, wo es bislang um reines Licht ging.

Im Laufe der folgenden Jahrzehnte immer wieder Auseinandersetzungen, die teils sogar vor Gericht beendet werden mussten. Mit einem gewissen Stolz lässt sich behaupten, dass sich der Dienstmann, seinen Lesern und der Wahrheit verpflichtet, nicht kleinkriegen ließ. Ein Beispiel: Als der Informationsdienst KUNST am 15. Juli 2010 in der Branchenbrief-Ausgabe 457 vor allen anderen Medien über die sogenannte »Sammlung Werner Jägers« berichtete und damit angeblich die ohnehin längst tätigen Ermittlungsbehörden zur unverzüglichen Festnahme der Beltracchi-Gang trieb, wurde der größte Kunstfälscher-Skandal der Nachkriegsgeschichte publik. Aber ein später zur Zahlung einer Geldstrafe verdonnerter, inzwischen ehemaliger Museumsdirektor, der Helene und Wolfgang Beltracchi geholfen hatte, reichte Klage ein – und musste schließlich, 2012, doch immerhin die gerichtlich bestätigte Kritik hinnehmen, dass er sein Haus tatsächlich zur »Drehscheibe für gefälschte Bilder« gemacht hatte,wie hier behauptet.

Der Informationsdienst KUNST erhielt seinerseits gewissermaßen einen presserechtlichen Denkzettel, weil er, um radikale Aufklärung der den ganzen Kunstbetrieb belastenden Straftaten bemüht, kurzerhand auch aus staatsanwaltlichen Ermittlungsakten sein Wissen bezog. Das aber, so das Landgericht Köln, hätte journalistisch nicht verwertet werden dürfen. Von einer »vorverurteilenden Verdachtsberichterstattung« war die Rede. Gleichwohl brachte auch dieser Prozess tüchtig Bewegung in die Aufklärung sämtlicher Vorgänge um Beltracchi & Co.

Einblicke in den Kunstbetrieb zu geben, den Markt und seine Affären zu analysieren, die Museumslandschaft aufmerksam zu scannen, selbstverständlich auch kulturpolitische Entwicklungen zu beurteilen, ist freilich eine Aufgabe, die heutzutage nur noch – dafür ein besonderes Danke – mit Hilfe eines überaus qualifizierten Mitarbeiter-Teams zu bewältigen ist. Die Nachrichtenflut hat schließlich in den vergangenen drei Jahrzehnten massiv zugenommen. Und den Bogen zur Kunst zu spannen, ist absolute Voraussetzung, um selbst zu verstehen und angemessen zu kommunizieren, was in der Branche vonstattengeht. Seit April 1991 hat sich viel verändert, so muss ich protokollieren. Damals befand sich Jean-Christophe Ammann, der exzessiv Leidenschaftliche, im Endspurt vor der Eröffnung des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt, und nicht weniger sinnlich ging es im Umfeld von Jan Hoet zu, inzwischen ebenfalls verstorben, der schnurstracks auf dem Weg zur documenta 9 war, die 1992 stattfand.

Hatte sein Vorgänger Manfred Schneckenburger, d 6 und d 8, einst vom Paradigmenwechsel gesprochen und geschrieben, fand der wahre Paradigmenwechsel erst zwischen der d 9 und der folgenden statt, von Catherine David verantwortet. Ihre überaus intellektuell infiltrierte Großausstellung führte die Gegenwartskunst vor knapp einem Vierteljahrhundert in eine neue Zeit, in der sich nicht mehr alles um die Identität des Künstlers und um das Kunstwerk selbst drehte. Es diente vielmehr, in Abgrenzung zur Nachkriegsavantgarde, als Filter der Erkenntnis in einer vielfach belasteten Welt. Risiko inklusive. Denn schon 1997 wurde in Kassel deutlich, dass die Hinwendung zur Auseinandersetzung mit der gesellschaftspolitischen Lage das Kunstwerk auch mutieren lassen kann – zur narrativen, illustrativen Arbeit.

Kolonialismus und Rassismus, Gender, Inklusion und Umwelt – Themen ohne Ende, die heutzutage in den Ateliers präsent sind oder allemal unterschwellig mitschwingen, wenn Künstler artikulieren, bildnerisch formulieren. Keine Chance mehr, pur und aus sich selbst heraus, nur innovativ orientiert, das Neue zu erfinden. Jede Verweigerung zeitgemäßer Statements ist bereits ein Statement. Ergo: Die künstlerische Freiheit endet, wo Künstler der Freiheit halber unter Druck stehen, die Dramen dieser Welt zu inszenieren. Ob von außen direkt aufgefordert, Erwartungsdruck also, oder durch innere, politisch korrekte Überzeugung ausgelöst, spielt dabei keine Rolle. Tatsache ist, dass die Kunst 2021 eine andere als jene von 1991 ist. Warum also wundern, wenn derzeit Distribution und Kommunikation in der Kunstbranche auf Ebenen stattfinden, die vor 30 Jahren nicht vorstellbar waren?

In dieser Ausgabe: Sechs auf einen Schlag – Smithsonian sucht neue Direktoren (Seite 7). Bis zur letzten Minute – Christie’s und Sotheby’s akquirieren ohne Deadline (Seite 9). Schwarzer Peter beim Land Berlin: Freiheits- und Einheitsdenkmal (Seite 10). Goldrausch im Kunstmarkt: Non Fungible Tokens (Seite 12). Witte de With in Rotterdam nun als Melly (Seite 13). Gewerkschaft FAU in München gegen Walther König (Seite 15). Knapp 18 Milliarden im Jahr 2020 nicht ausgegeben: Bundesregierung, Berlin (Seite 16). Rechnung mit 50 000 Besuchern pro Jahr: Privatmuseum Andrew Hall, Schloss Derneburg (Seite 19). Über 100 000 Server zerstört: Kulturdaten in Gefahr (Seite 22). Preis-Check: Gerwald Rockenschaub (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 723 – Editorial

Informationsdienst KUNST 723

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es gab Zeiten, in denen man sich nicht im Geringsten vorstellen konnte, dass die Überlegung, aus dem Katzentisch-Ministerium der BKM ein eigenständiges Ministerium zu machen, irgendeine Chance haben könnte. Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien selbst, Monika Grütters, im Kanzleramt nur als Staatsministerin und somit in Abstimmung mit Angela Merkel tätig, hatte auf entsprechende Nachfragen immer wieder betont, wie vorteilhaft die Schreibtisch-Nähe zur Bundeskanzlerin für die Kultur sei. Es schien so, als wolle die BKM gar nicht erwachsen werden, als habe Muttis schützende Hand immerdar ihren Vorzug.

Das ist mittlerweile offenbar anders. Zumindest äußerte sich die Christdemokratin Grütters kürzlich, mehr nebenbei, in einem umfangreichen Interview mit der »Süddeutsche Zeitung«, dass das Kulturessort nach über zwei Jahrzehnten deutlich an Statur gewonnen habe, dass die Zeit reif sei, ein selbstständiges Bundesministerium entstehen zu lassen. Richtig, natürlich. Ein Thema wohl auch für den nun einsetzenden Bundestagswahlkampf. Indessen: Während sich die Grünen, die potentiellen Regierungspartner der CDU, durchaus vorstellen könnten, ein neues Doppelministerium aus Bildung/Wissenschaft und Kultur zu formen, plädiert Monika Grütters energisch für ein eigenständiges Haus.

Groß genug ist der Aufgabenbereich, keine Frage. Und die ungeheuren Anforderungen, die sich aus dem Beistand für die Kulturszene allein während der Pandemie und ihrer Lockdowns ergeben haben, lassen ohnehin keinen Zweifel aufkommen, dass nicht genug zu tun sein könnte. Zumal die angesagte Agenda der Kulturpolitik noch lange nicht komplett abgearbeitet ist, wäre es tatsächlich sinnvoll, das Ressort nun mit mehr Kompetenz auszustatten, es aufzuwerten. Dann könnten künftig auch kaum wiedergutzumachende Fehler der Regierung vermieden werden (zur Erinnerung: Merkel und ihr Amtsknappe Helge Braun verwechselten Kultur und Freizeit).

Der politische Rückhalt ist, quer durch die meisten Fraktionen im Deutschen Bundestag, beachtlich zu nennen. Während der Deutsche Kulturrat seit 1998 für ein richtiges Kulturministerium wirbt, taten sich die meisten Politiker mit dem Gedanken bislang schwer. In diesen Wochen scheint sich der Wind auf Bundesebene allerdings zu drehen. Von der FDP bis zur Fraktion Die Linke – allerlei Signale, dass die Kultur wie Wirtschaft, Justiz oder Außenpolitik ein eigenes Ministerium haben müsse.

Nur die Kulturministerinnen und Kulturminister der Länder haben sich, angestachelt wohl von Carsten Brosda, SPD, Hamburg, und Klaus Lederer, Die Linke, Berlin, am 19. März auf den Föderalismus berufen und sich zunächst quergestellt. Leider. Aber das Thema kann damit nicht beerdigt sein. Wiederaufnahme der Debatte erwünscht und durchaus möglich.

Bei dieser Gelegenheit wäre dann freilich darüber nachzudenken, ob sich Deutschland nach der Bundestagswahl 2021 kulturpolitisch weiterhin zweigleisig bewegen will, nämlich einmal über die BKM-Nachfolge, einmal über die Schiene Auswärtiges Amt. Das ist bislang nicht ernsthaft diskutiert worden, weil sich die beiden verantwortlichen Staatsministerinnen, Grütters, CDU, und Michelle Müntefering, SPD, öffentlich nicht ins Gehege kamen. Aber Überschneidungen gibt es. Vereinen, was zusammengehört, so muss jetzt die Empfehlung lauten.

In dieser Ausgabe: Über 100 Arbeiten von Gerhard Richter für Berlin (Seite 2). Neuer Gründungsdirektor für die Bundesstiftung Bauakademie (Seite 3). Archäologen als »Neustart«-Helfer für Monika Grütters (Seite 7). Auf und zu: Museen im Lockdown (Seite 8). Arroganz und Ignoranz: Städelschule (Seite 10). Pixel und Beepl: Rekordpreis (Seite 12). Alter Wein, neue Schläuche und der Fall Werner Haftmann (Seite 14). Essen, Düsseldorf und das Fotografie-Institut (Seite 15). Die Gier der Privatradio-Macher (Seite 16). Die Selbstzerlegung des Deutschen Künstlerbundes (Seite 17). Die AfD als Opfer im Deutschen Bundestag (Seite 21). Zwischen Hoffen und Bangen: Berliner Galeristen (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 722 – Editorial

Informationsdienst KUNST 722

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  spricht man vertraulich mit Mitarbeitern der Staatlichen Museen zu Berlin, dann spürt man in diesen Wochen einen gewissen Optimismus. Die vom Wissenschaftsrat geforderte Reform der Stiftung Preußischer Kulturbesitz soll in den Museen zu mehr Eigenständigkeit führen, und es scheint im ersten Moment der Betrachtung so, als sei es durchaus möglich, dass sich die Direktoren nun mit ihren Vorstellungen einbringen können. Die unbeantwortete Frage lautet freilich, wie gründlich das geschieht, wie Wissenschaftler, die lange in einem hierarchisch strukturierten, letztlich preußischen Führungsmodell tätig waren, überhaupt noch in der Lage sind, radikal zu denken und zu agieren.

Klartext: Wenn die Berliner Museumsdirektoren Friederike Seyfried-Kampp, Ägyptisches Museum, und Andreas Scholl, Antikensammlung, im vergangenen Herbst mutig (oder unbedacht) eine Dienstaufsichtsbeschwerde gegen ihren Chef, den Generaldirektor Michael Eissenhauer, eingereicht haben und nun, wenige Monate später, darüber nicht mehr reden wollen, dann schwingt da immer noch eine gewisse Obrigkeitshörigkeit mit. Die lässt Zweifel aufkommen, ob Leute wie Seyfried-Kampp und Scholl wirklich geeignet sind, mit dem übermächtigen Stiftungspräsidenten Hermann Parzinger, dem Chef vom Chef, etwas Neues zu entwickeln.

Immerhin geht es für Parzinger auch um den Erhalt des eigenen Amtes, um die Stiftung, die er laut Wissenschaftsrat zerschlagen müsste, bevor er selbst in den Ruhestand wechselt. Dass die wegen der aktuellen Dysfunktionalität der Struktur geforderte Neuausrichtung bereits jetzt im Reformkommission-Nebel unterzugehen droht, wird anhand von manchen offiziellen Äußerungen deutlich. So hat Matthias Wemhoff, Vor- und Frühgeschichte, kürzlich gesagt, die Stiftung müsse nicht automatisch schwächer werden, wenn sich die Staatlichen Museen stärker machen. Klingt wie Wemhoff-Trost für die Verteidiger einer Struktur, die aus dem 19. Jahrhundert kommt.

Die Museumsdirektoren müssen jetzt aufpassen, dass sie im Zuge ihrer konzertierten Kompromissaktion nicht in die Abseitsfalle tappen. Wo ernstzunehmende Gegner fehlen, weil sich Eissenhauer beispielsweise längst in die innere Emigration verabschiedet hat, weil noch kein vom Wissenschaftsrat geforderter Generalintendant angetreten ist, da loben sie sich selbst (»unser Vorstoß in Richtung kollegiale Führung wäre eine Innovation«, so Seyfried-Kampp). Wo sie dagegen nach wie vor Präsenz spüren, vielleicht auch Widerstand, da loben sie plötzlich die vormals scharf Kritisierten (»der Präsident hat mit uns eine Vision entwickelt«, so Wemhoff).

Es keimt der Verdacht, dass eine »Reform light« in Vorbereitung ist, die am Ende zwar zwei durchaus verzichtbare Führungsetagen weniger bietet (Udo Kittelmann ist schon weg, Eissenhauer wird folgen), doch ansonsten könnte dieses Konstrukt immer noch viel zu weit von echter Erneuerung entfernt sein. Denn faktisch haben weder Kittelmann noch Eissenhauer etwas blockiert, aber sie konnten, aus unterschiedlichen Gründen, auch nichts beschleunigen. So läuft nun, leider, alles auf eine Lösung hinaus, die keine ist. Personal- und Etathoheit wohl weitgehend bei Parzinger, und die Direktoren spielen Demokratie, wählen »Sprecher auf Zeit«, wie es in einem internen Arbeitspapier heißt, und machen ihr Programm. Mit Verlaub: Das wird so nix. Zunächst tiefer bohren und es tüchtig eskalieren lassen.

In dieser Ausgabe: Neues Zusammenspiel zwischen Damien Hirst und Larry Gagosian (Seite 3). Bewährte Zusammenarbeit zwischen dem Institut für Auslandsbeziehungen und dem Auswärtigen Amt (Seite 5). Heftiger Zusammenprall zwischen Cy-Twombly-Stiftung und Louvre (Seite 8). Bonn: Das Septett von Eva Kraus (Seite 10). Berlin: Der Kampf von Bénédicte Savoy (Seite 11). Shitstorm wegen »white« (Seite 13). Stress wegen Anonymität (Seite 14). Streit wegen Bronze-Nachguss (Seite 15). Muss mehr zahlen: Jeff Koons (Seite 15). Setzt aufs Kreuz: Gregor Schneider (Seite 18). Freut sich auf Hamburg: Lars Eidinger (Seite 18). Neue Nationalgalerie vor Wiedereröffnung (Seite 20).
Beuys-Atelier zum Verkauf (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 721 – Editorial

Informationsdienst KUNST 721

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, bis vor kurzem dachte man, dass Städtewettkämpfe heutzutage kein Thema mehr sein können. Hinlänglich bekannt, wie früher gefightet wurde, wie im Rheinland, von Köln aus, verächtlich nach Düsseldorf geschaut wurde, wie im Gegenzug in den Altbierkneipen der Landeshauptstadt gelästert wurde, ging es um Kölle und Kölsch. Auch die Akademie-Scharmützel im Osten, nämlich in Dresden und Leipzig, sind unvergessen, und in Baden-Württemberg gab es so manches Duell auf der Achse Karlsruhe/Stuttgart. Oder in Bayern, dank Nürnberg/München. Eigentlich Schnee von gestern.

Eigentlich. Denn derzeit flammt vielerorts etwas auf, was an jene teils Jahrzehnte zurückliegenden Geplänkel denken lässt. Das augenscheinlichste Beispiel stammt aus Frankfurt am Main, wie die Titelstory dieser Branchenbrief-Ausgabe kommuniziert. Dort schielt man nach Wien, nimmt Maß, wenn man die eigene Reputation aufwerten will, sich stärker ins Gespräch bringen will. Public Relation, Marketing, Masterplan, dieses Feeling oder jenes, immer in Abgrenzung zu echten und vermeintlichen Mitbewerbern, als ginge es primär nur darum, den Städte-Tourismus neu zu eigenen Gunsten anzukurbeln. Corona und die Folgen?

Womöglich. Denn Frankfurt hat an seinem Museumsufer viel zu bieten, muss sich wirklich nicht verstecken. Aber vielleicht geht es schlichtweg darum, dass die sogenannte Tourismusabgabe, die etliche Millionen in den Stadtsäckel schwemmt, verpulvert werden muss. »Werbung für alle«, wo einst dank Hilmar Hoffmann, dem legendärsten deutschen Kulturdezernenten einer Großstadt, »Kultur für alle« proklamiert wurde. Der jüngste Trend zur Image-Vermarktung der Kommunen passt freilich in die Zeit, weil auf der Bund-Länder-Schiene viel gewirbelt und auch verordnet wird, Beispiel Merkels sonderbares Krisen-Kabinett, was letztlich kommunal umgesetzt werden muss.

Zu Recht erinnerte Kulturrat-Chef Olaf Zimmermann vor kurzem an die exakt 50 Jahre zurückliegende Hauptversammlung des Deutschen Städtetags. Im Sog von Mitscherlichs »Unwirtlichkeit der Städte« wurde damals eine Rettungsaktion der Kommunen angezettelt, weil man allerorten Defizite ausmachte, darunter auch die unzureichende Finanzierung. Bedenkt man nun, dass sich im Moment überall, nicht nur in München, wie im ID 717, Seite 22, knapp berichtet, der Sparfuchs in die Rathäuser schleicht und den Rotstift für 2022 tanzen lässt, dann wird einem angst und bange, was das für die Kultur bedeutet. Dass sie im Streichkonzert der Kämmerer zuerst auf der Strecke bleiben könnte, das steht zu befürchten, das gilt es zu verhindern. Notfalls auch durch Umlenkung der Tourismusabgaben.

In dieser Ausgabe: Der Vatikan und die Abstandsregeln (Seite 4). Klaus Biesenbach in Los Angeles, MOCA (Seite 6). Der Deutsche Museumsbund und die Kontakt-Nachverfolgung (Seite 7). Maria Eichhorn in Venedig, Biennale (Seite 7). Neue Museen in Washington, Smithsonian (Seite 9). Sand im Getriebe: Kunsthandel in London (Seite 10). Moral im Spiel: Rechtsstreit mit den Hohenzollern (Seite 12). iPhone vonnöten: Clubhouse (Seite 13). Lockdown-Protest der Basler Museumsdirektoren (Seite 15). Auktionshaus-Attacke der Galerie Wilmsen (Seite 16). Personal-Karussell auf der Insel Hombroich (Seite 16). Konzertierte Aktion der Kulturzeitschriften-Verlage (Seite 19). Preis-Check: Gilbert & George (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 720 – Editorial

Informationsdienst KUNST 720

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wie zu Kaisers Zeiten: Im Auswärtigen Amt in Berlin, so hieß die Institution schon damals, wird Außenpolitik gemacht, und als vor drei Jahren unter den drei Staatsministern, die Heiko Maas als Außenminister behilflich sind, auch die mittlerweile 40-jährige Sozialdemokratin Michelle Müntefering auftauchte, war man geneigt, die Personalie zu begrüßen. Denn Müntefering, gelernte Kinderpflegerin, studierte Journalistin, seit über zehn Jahren mit dem ehemaligen Vizekanzler Franz Müntefering verheiratet, sollte sich speziell um auswärtige Kulturpolitik kümmern.

Freilich durfte man sich 2018 fragen, was die Bundesregierung plant, wenn sie, nun sauber von den zahlreichen inländischen (Grütters-)Aktivitäten getrennt und auch nach außen wirkungsvoll inszeniert, eine prominente Bundestagsabgeordnete zum Einsatz bringt. Spätestens 2020, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, hätte man eine Müntefering-Offensive vermutet. Indes: Allein die dürftige Rede vom 1. September 2020 zeigte, dass diese Staatsministerin völlig überfordert ist. Dass wir »für eine lebendige Demokratie die Kultur brauchen«, dass »Kulturpolitik Gesellschaftspolitik« sei – drei Seiten heiße Luft, mehr nicht.

So geht das nun Jahr für Jahr, ohne das letztlich klar würde, was die Staatsministerin, die immerhin über einen satten Milliarden-Etat verfügt, eigentlich unter auswärtiger Kulturpolitik versteht, was sie treibt, was in diesem Büro passiert (zumal sie von Andreas Görgen und der Abteilung 6 durchaus kompetente Unterstützung bekommen könnte). Das altbewährte Goethe-Institut-Programm lesen? Oder DAAD-Mittelbeschaffung? Gar »Friedensarbeit«, wie sich Müntefering Ende 2019 auf ihre Agenda schrieb? Reisevorbereitungen? Als sie einmal nach Moskau flog, um einen stellvertretenden Minister der Russischen Föderation zu treffen, erhielt sie nach eigenen Angaben »interessante Einblicke in einen vibrierenden und dynamischen Wachstumsbereich«; gemeint war die russische Kreativwirtschaft.

Das Mitleid packt den Beobachter, wenn man sich im Auswärtigen Amt (wo insgesamt und somit weltweit über 11 000 Mitarbeiter tätig sind) schlau macht, wer Michelle Müntefering ist, was sie leistet. Wohlwollend wissen Informanten, dass sie, die ministeriell geadelte Autorin, laufend Grußworte verfasse, dass sie zur Eröffnung des »Indian Design Summit« aktiv geworden sei, dass sie anlässlich der Preisverleihung »Europa im Film« cineastisch eingestimmt habe, dass sie auch für »Young People Remember« ein paar Sätze spendierte.

Mit Verlaub: Das reicht nicht. Eine Staatsministerin sollte in ihrem Zuständigkeitsbereich, also Internationale Kulturpolitik, einzigartige und innovativ geprägte Signale geben und entsprechende Weichen stellen. Viel Zeit, es besser zu machen, bleibt Müntefering nicht. Im September findet die Bundestagswahl statt – und dann gibt’s voraussichtlich eine neue Regierung, ohne Sozialdemokraten.

In dieser Ausgabe: Fortan ist Udo Kittelmann als künstlerischer Leiter im Museum Frieder Burda tätig (Seite 2). Sterberaum light – von Gregor Schneider im Staatstheater Darmstadt (Seite 4). Erfolg für Monika Grütters – eine weitere Neustart-Milliarde für die Kultur (Seite 5). Brexit und die Folgen (Seite 6). Museen und Impf-Privilegien (Seite 7). Nachlass-Chaos: Streit um Franz West entschieden (Seite 10). Wunsch-Erfüllung: Helga de Alvear hat ihr Museum erweitert (Seite 11). Krisen-Gespräche: Walter Smerling im Dauereinsatz (Seite 12). Die Galerie Gmurzynska wehrt sich (Seite 14). Gabi Czöppan vertut sich (Seite 15). Ludwig von Pufendorf meldet sich (Seite 20). Preis-Check: Joseph Beuys (Seite 23). Impressum (Seite 25).