Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt“

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 617 – Editorial

Informationsdienst KUNST 617

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, immer dann, wenn das Jahresende naht, geht’s ans Eingemachte, ums Ganze. Manche Institutionen haben alles ausgegeben, überbrücken die letzten Wochen mehr oder weniger ohne Etat, andere jammern, dass das kommende Jahr nur ein Sparprogramm erwarten lässt, weil die Haushaltslage dramatisch sei. Man kennt das, man weiß, dass Ängste und Unsicherheiten in den Museen oft beinahe zum Stillstand führen, allemal planerisch, und nach Monaten der Lähmung in den Amtsstuben folgt nicht selten die nächste Ernüchterung, weil Kaufleute und Kuratoren erkennen müssen, dass Ausstellungen und andere Projekte nicht im Schnellgang zu realisieren sind, wenn dann endlich die Etats freigegeben sind. Und mancherorts, auch das noch, muss man sich gleichwohl schon wieder tüchtig beeilen, weil bis zum Jahresende nicht ausgegebenes Geld verlorenes Geld ist und beispielsweise in den Stadtsäckel zurückfließen muss. Die vermaledeite Kunst der Kameralistik.

In dieser Situation und weil die Zuwendungen der öffentlichen Hand für ihre Museen ohnehin nicht reichen, ist es unumgänglich, dass sich Museumsdirektoren und ihre Partner in der Geschäftsführung, die Betriebswirte, auf die Wirtschaft verlassen können, auf kunstsinnige Unternehmen, die unter dem Deckmantel des Sponsoring viel für die Kunst und ihre Statthalter tun, die eigentlich Mäzene sind. Dass diese Engagements seit Jahren auf hohem Niveau stattfinden, erklärt sich zweifelsfrei aus der Tatsache, wer in diesen Firmen die Weichen in Sachen Kulturförderung stellt.

Es handelt sich durchweg um überaus qualifizierte Persönlichkeiten, Fachleute, die Kunstgeschichte oder Kulturwirtschaft studiert haben und international gut vernetzt sind. Friedhelm Hütte, Deutsche Bank, gehört dazu, aber auch Thomas Girst, BMW, selbstverständlich Benita von Maltzahn, VW, und Dorothee von Posadowsky, E.ON.

Dieses agile Quartett hat, wie sich auf Nachfrage herausstellt, für 2017 längst alle Entscheidungen getroffen. Im kommenden Jahr, in dem die Branche dank documenta und Biennale in Venedig und unzähligen anderen Großausstellungen laufend unterwegs sein wird, gibt es beispielsweise eine Förderung für die Skulpturen-Projekte-Schau in Münster (Deutsche Bank), eine weitere Unterstützung für den Preis der Nationalgalerie in Berlin (BMW), eine Bildungsprogramm-Kooperation (VW) und eine Beteiligung zugunsten der Balthasar-Burkhard-Retrospektive in Essen (E.ON). Natürlich kommen die üblichen Aktivitäten in eigenen Räumen und Programmen hinzu – von den Art Cars bei BMW (etwa mit John Baldessari) bis zur Wanderschau des Künstlers des Jahres (die Deutsche Bank setzt im kommenden Jahr auf Kemang Wa Lehulere, Südafrika).

Bedenkt man, wie umsichtig und diplomatisch diese Unternehmen ihre Kulturförderung kommunizieren, dann erscheint mancher Auftritt in der Politik schlichtweg peinlich – zumal es sich um öffentliche Mittel handelt, die verteilt werden. Skandalöses Beispiel aus der vergangenen Woche: Der aus Hamburg kommende (CDU-)Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, Mitglied im Haushaltsausschuss, lässt sich von Geldempfängern und Journalisten feiern, als hätte er 8,2 Millionen Euro Fördergeld für die Rock-, Pop- und Jazz-Förderung 2017 persönlich aufgebracht, aus seinem Privatvermögen. Was ist da los, wie kommt Kruse auf die Schnapsidee, an die Öffentlichkeit zu drängen, wenn es um Kulturpolitik geht? Profilneurose? Verwegene Ambitionen?

Dass der Bund einmal mehr mustergültig Zeichen für Kommunen und Länder setzt und seinen jüngsten Kulturetat in der vergangenen Woche um sage und schreibe 17 Prozent für 2017 (im Vergleich zum laufenden Jahr) erhöht hat, ist sensationell und zeigt zugleich, welchen Stellenwert die Kultur mittlerweile einnimmt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die über einen neuen Gesamtetat in Höhe von rund 1,63 Milliarden Euro verfügt, hat seit ihrem Amtsantritt, 2013, über 350 Millionen zusätzlich eingeworben. Knapp 28 Prozent Etat-Steigerung in vier Jahren – welches Land, welche Stadt kann da mithalten?

Kein Wunder, dass zunehmend Stimmen laut werden, das Kultur-Ressort nicht mehr als Abteilung im Bundeskanzleramt zu führen, sondern daraus ein eigenständiges Ministerium zu bilden. Die richtige Antwort dürfte freilich auch im Kontext von Etat-Fragen zu finden sein. Ob ein reines Kultur-Ministerium im übermächtigen Finanz-Ministerium genug Unterstützung finden würde? Immerhin hat der Kultur-Haushalt quasi als Kanzlerinnen-Anhängsel seit 2005, seit der Ära von Angela Merkel, um satte 55 Prozent zugelegt, um mehr als die Hälfte. Erstaunlich, dass Rüdiger Kruse noch nicht eingeladen hat, diese beeindruckende Zahl zum Besten zu geben.

In dieser Ausgabe:
Berlins designierter Kultursenator Klaus Lederer sorgt für Unruhe – wegen der Personalie Chris Dercon (Seite 4). In Dresden fragt man sich, ob Diebesgut durch den Kunsthandel legalisiert werden kann (Seite 5). Kritik iranischer Künstler an der geplanten Teheran-Sammlung-Schau in Berlin (Seite 8). Essen, Folkwang: Tobia Bezzola kann wieder einkaufen (Seite 9). Vom Darling zur Domina: Monika Grütters (Seite 11). Kiefer-Ausstellung: Wer hinter dem Bell Art Center steckt (Seite 13). Galerien-Bundesverband wehrt sich gegen Beltracchi-Reinwaschung (Seite 14). Düsseldorfer Kulturpolitik – ein umfangreiches Thema (Seite 17). Finanzierung gesichert, Konzept offen: Schinkels Bauakademie, Berlin (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 616 – Editorial

Informationsdienst KUNST 616

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, nun haben wir den Salat! Amerika als Trumpistan, die Welt ein noch größeres Pulverfass, von einem Heißsporn dirigiert, der keine Kultur hat und auch gar nicht wissen will, was das ist. Der ungehobelte Kerl, der im Wahlkampf jedem intelligenten Menschen zeigte, aus welchem Holz er grob gehauen ist (siehe auch Seite 5), hat den Amerikanern nichts vorgemacht: Sie wissen, was nun auf sie zurollt. Und in der Folge werden wir nach und nach in Europa spüren, dass sich alles verändert, leider nicht zum Guten hin. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, gesellschaftlich, wirtschaftlich, militärisch.

In dieser Situation, die in der vergangenen Woche letztlich doch überraschend kam, weil alle freiheitlich Denkenden auf die demokratische Mitbewerberin setzten, muss man sich um die Zukunft der Kultur sorgen. Und in einem solchen Moment liegt das goldene »Seeking Beauty«-Heft der Vienna Art Week 2016 (bis 20. November) eigenartig antiquiert in der Hand. Kann es jetzt um Schönheit gehen, fragen wir uns, Donald Trump auf allen Bildschirmen und in allen Printsachen vor Augen. Als das Magazin und diese Woche der konzertierten Aktion in Wien geplant wurden, dachte wohl kaum jemand an Politik, schon gar nicht an die Möglichkeit, dass die Suche nach dem Schönen in diesen Tagen weltfremd wirken könnte. Verständlich und zugleich eine Lektion, die uns allen einmal mehr zeigt, dass der ästhetische Faktor nicht unabhängig beleuchtet werden kann.

Schönheit kommt aus der Wahrheit, die alte Lehre; sie entspringt eben nicht dem schönen Schein – all das wird wieder virulent, also relevant, wenn ungeheuer viele prominente Österreicher mit ihren Statements im aktuellen »Art Cluster Vienna«-Magazin aufs dünne Theorie-Eis steigen. »Das Schöne entspricht stets dem Geschmack der Zeit«, so der Kommentar von Agnes Husslein-Arco, noch im Belvedere tätig. »Schönheit in der Kunst war immer auch die Suche nach dem Idealzustand des Körpers und der Seele«, so belehrt Sabine Haag vom Kunsthistorischen Museum. Und »in Zeiten der kühlen digitalen Vermessung aller Lebensbereiche«, so Christoph Thun-Hohenstein, MAK-Direktor, »erwarten wir von der Kunst den Mut, der Schönheit eine neue Chance zu geben.«

Die Beispiele zeigen, wie sehr der Begriff verführt, ihn in einer Parallelwelt zu verorten, die nichts mit Realpolitik zu tun hat, sich in einem solchen Wettkampf auch kaum behaupten könnte. Gottlob hat Nicolaus Schafhausen, Kunsthalle Wien, im Rahmen der Magazin-Umfrage die tagespolitische Kurve gefunden und darauf hingewiesen, dass man derzeit, abgeleitet aus einem entlarvenden Trump-Zitat, »The beauty of me is that I am very rich«, zur Fehleinschätzung kommen könnte, »Geld sei die zeitgenössische Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Schönheit«.

Im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann hat Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder in »Seeking Beauty« nebenbei die Frage gestellt, was es Schöneres gäbe als »einen geschundenen Leib von Grünewald«. Eine solche Überlegung passt natürlich ins Land der schönen Leichen und Neurosen, die Österreicher haben dafür bekanntlich eine Schwäche, doch zugleich richtet sich auf dem dialektischen Bogen des Schönen und Hässlichen die Wahrnehmung automatisch nach Amerika und zu Trump. Sollte es in wenigen Jahren so sein, dass wir dessen Geschmacklosigkeiten zum neuen Maßstab einer Werte-Kette nehmen, die sich seit Generationen immer wieder verfärbt? Müssen wir fürchten, dass der neue Ton zwischen Rostrot und Blutrot liegen wird? Nicht auszuschließen, wirklich nicht.

In dieser Ausgabe:
US-Künstler bereuen nach Trump-Triumph die Vernachlässigung der Provinz (Seite 5). Luxemburg: Aus für Museumsdirektor Enrico Lunghi nach TV-Skandal (Seite 7). Schweiz: Winterthur verliert Sammlung Hahnloser/Jaeggli an Bern (Seite 9). Die ehemalige Limbach-Kommission formiert sich neu (Seite 9). Nun doch verschoben: Ausstellung »Teheran Sammlung« in Berlin (Seite 11). Francesca von Habsburg und ihre Planungen (Seite 13). Wegen Türkei: Appell der Kulturszene an Angela Merkel (Seite 14). Kunst-Buch des Jahres: Es stammt von Marina Abramovic (Seite 15). Berlin: Opernhaus-Etat fürs Humboldt Forum (Seite 17). Markt-Check Ulay (Seite 18). In den Kinos: Der Film über Robert Mapplethorpe (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 615 – Editorial

Informationsdienst KUNST 615

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als Stadtmenschen wissen Sie es: Im Rampenlicht und in den Schlagzeilen sind Referenten und Dezernenten laufend zu finden. Außerhalb der Kommunen, auf Länderebene, machen sich die Staatssekretäre und Kultusminister bemerkbar. Nicht zuletzt wirbelt vom Bundeskanzleramt aus die Kulturstaatsministerin den Kulturbetrieb auf, so dass es bisweilen so scheint, als sei Kultur in Deutschland ausschließlich Politiker-Sache. Dabei wäre dieser kulturpolitische Einsatz nicht machbar oder vonnöten, würden nicht Tausende von Künstlern und ihre direkten Vermittler, nämlich Galeristen, Kunstvereinsleiter, Kritiker, Museumsleute, auch Privatsammler, tagein und tagaus an Produktion, Rezeption und Distribution arbeiten. Das wird leicht vergessen.

Im Geflecht dieser Bemühungen und meist im publizitätsscheuen Hintergrund wirken unzählige Lobbyisten, die im Allgemeinen den Vorteil genießen, im Gegensatz zu den amtierenden Politikern schnell abtauchen zu können, wenn es unangenehm wird. Lassen sich dagegen Lobbying-Erfolge verbuchen, dann knallen die Champagner-Korken in den jeweiligen Verbänden. Im Moment jedoch, so hört man aus verschiedenen Vereinsheimen der Kultur, gibt’s keinen Grund zum Feiern, gar zum gemeinsamen. Denn es herrscht dicke Luft dort, wo eigentlich Eintracht zugunsten kollektiver Kulturförderungsbestrebungen herrschen sollte.

Als vor kurzem der Deutsche Kunstrat in Berlin tagte, der vor über 60 Jahren gegründete Verein, der zunächst direkt durch das Auswärtige Amt finanziert wurde, der inzwischen unter der Obhut des Instituts für Auslandsbeziehungen steht, wurden teils ernüchternde Statements vorgetragen. So erklärte die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Galerien und Editionen, Birgit Maria Sturm, dass sie mittlerweile ihrem eigenen Verband gegenüber die Mitgliedschaft im Kunstrat rechtfertigen müsse, weil dort »keine freie Diskussion möglich sei«, wie es im Protokoll heißt.

Die harsche Sturm-Kritik bezog sich offenbar auf die Tatsache, dass Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des 1981 als »Dachverband der Dachverbände« gegründeten Deutschen Kulturrates (zu dem auch die Sektion Deutscher Kunstrat gehört), wiederholt Beamte aus dem Umfeld der Kulturstaatsministerin eingeladen habe, als es um das umstrittene Kulturgutschutzgesetz (KGSG) ging. Und Zimmermanns Pressemitteilungen nach der KGSG-Verabschiedung seien, so wörtlich, niederträchtig gewesen. Die Breitseite gegen den im kommenden Jahr bereits seit 20 Jahren in dieser Funktion tätigen Olaf Zimmermann erreichte zweifellos ihren Höhepunkt, als ihm im Zusammenhang mit Überlegungen zur Zukunft des Gremiums unterstellt wurde, nicht glaubwürdig zu sein, weil er »auf der pay-roll der Kulturstaatsministerin« stehe.

Olaf Zimmermann, so flüstern Kunstrat-Mitglieder, soll die ihm zugetragene Attacke sanft abgeschmettert und seine persönliche Teilnahme an der nächsten Kunstrat-Mitgliederversammlung angekündigt haben. Dort, so hört man, will er kommunizieren, dass er die Geschäftsstelle des Kulturrates gar nicht führen könne, wäre er auf die Mitgliederbeiträge angewiesen. Er müsse stets Projektmittel beim Bund beantragen, etwa für Politikberatung. Er selbst und auch sämtliche Mitarbeiter des Deutschen Kulturrates würden ihre Gehälter vom Verein Deutscher Kulturrat beziehen.

Unabhängig von dieser Haarspalterei, ob das Geld direkt oder nur indirekt aus dem Bundeskanzleramt kommt, stellt sich die Frage, ob der aktuelle Sturm-Zimmermann-Konflikt nicht ein warnendes Beispiel für eine sich immer mehr verselbstständigende Verbandspolitik ist, die von zunehmender, gegenseitiger Lähmung geprägt erscheint (im Deutschen Kulturrat sind mittlerweile rund 250 Organisationen vertreten). Natürlich ist’s demokratisch, politisch korrekt, wenn viele Kulturleute im besten Fall an einem gemeinsamen Strang ziehen, aber ist er, der einsame Lobbyist, im Berliner Politalltag nicht wirkungsvoller als die eingetragene Vereinskultur? Im Hickhack auf Geschäftsführer-Ebene ist man geneigt, das zu glauben.

In dieser Ausgabe:
Der künstlerische documenta-Leiter, Adam Szymczyk, auf Platz zwei der »Power 100«-Liste (Seite 4). Berlin: Teheran-Ausstellung trotz des Rücktritts des iranischen Kulturministers, Ali Jannati, nicht gefährdet (Seite 6). Herzog & de Meuron bauen das »Museum des 20. Jahrhunderts«, Kollege Braunfels stänkert (Seite 7). Sensation am Rhein: Aus der Art.Fair wird die Art Düsseldorf (Seite 9). Kunstschmuggel: Der Fall Urs E. Schwarzenbach (Seite 11). Isabel Pfeiffer-Poensgen und die Ankäufe der Kulturstiftung der Länder (Seite 12). Was Philipp Kaiser im Schweizer Pavillon der Venedig-Biennale plant (Seite 13). Markt-Check George Condo (Seite 18). Der Sammler Reinhard Ernst und Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 614 – Editorial

Informationsdienst KUNST 614

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wann gab es jemals so viel Konfusion, ein solches Hin und Her, wenn ein Projekt dieser Größenordnung kommuniziert werden wollte? Am Ende, so scheint es, sind drei Reputationsbeschädigungen zu beklagen, auch die Gefahr, dass den Staatlichen Museen zu Berlin ein Spitzen-Mäzen für immer verloren geht. Die gute Nachricht dagegen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, stets um die strukturelle Verbesserung ihrer Museumslandschaft bemüht, darf sich über einen Gebäude-Zuwachs freuen, der ihr am Berliner Kupfergraben ein Bildungszentrum beschert, quasi zum Null-Tarif.

Denn der Sammler und Händler Heiner Bastian sowie seine Frau Céline und sein Sohn Aeneas haben das vor zehn Jahren für sie von David Chipperfield gebaute, knapp 2000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bietende Galerien-Haus bedingungslos verschenkt, und es soll nun spätestens Anfang 2018 als eine Art Schulungszentrum für das Vor- und Nachbereiten von Museumsbesuchen zur Verfügung stehen. Eine außerordentlich großzügige Geste, die Herman Parzinger, den Stiftungspräsidenten, zu besonderer Dankbarkeit veranlasste: »Eine Liebeserklärung an die Museumsinsel, die uns von Herzen freut; ein großer Tag für die Stiftung und die Staatlichen Museen.«

Vorausgegangen waren längere Verhandlungen zwischen Bastian und Parzinger, aber auch mit dem Unternehmer und Sammler Reinhold Würth, der noch eine Woche vor dem 6. Oktober, als plötzlich diese Schenkung publik wurde, als Hauptdarsteller in einem mäzenatischen Schauspiel höchster Kategorie gefeiert wurde. Doch über Nacht und womöglich auch wegen der zahlreichen Presse-Reaktionen, die vor allem Würth ehrten, entschied Familie Bastian, den zuvor ausgeklügelten Deal für nichtig zu erklären und mit dem Verzicht auf das angekündigte Zusammenspiel mit Würth erneut an die Öffentlichkeit treten zu wollen.

Zunächst war nämlich, wie im Informationsdienst KUNST 613 berichtet (Seite 8, Seite 18), zwischen den drei Partnern vereinbart worden, dass Würth das Haus zu etwa knapp der Hälfte eines gutachterlich geschätztes Betrages in Höhe von rund 15 Millionen Euro erwirbt, ein paar Milliönchen für Umbau- und Umnutzungsmaßnahmen dazu packt, auch für den Betriebsstart des »Reinhold Würth Zentrum für kulturelle Bildung und Vermittlung im Haus Bastian«. Und Familie Bastian, so war es formuliert, sollte »im Verzicht auf jeden Gewinn« letztlich nur den Baupreis erstattet bekommen. Nach unbestätigten Hintergrund-Informationen wären das weniger als sieben Millionen gewesen.

Auf diesen Betrag verzichten die Bastians nun, weil sie ihr Haus eben nicht mehr verkaufen wollen, wie zunächst vereinbart. Ob sie freilich jetzt, wo das Verwirrspiel ganz Berlin beschäftigt und kolportiert wird, Heiner Bastians Eitelkeit habe es nicht ertragen, dass das von Chipperfield und ihm mit viel Herzblut geplante Gebäude künftig den Namen Würth tragen sollte, noch jene öffentliche Anerkennung erfahren, die sie wohl suchen, bleibt fraglich. Auch die Stiftung selbst steht blamiert dar, weil sie innerhalb von sechs Tagen zwei völlig unterschiedliche Pressemitteilungen zu einer Schenkungssache verbreiten musste und in der zweiten Drucksache bewusst oder arglos vergaß, unmissverständlich zu erläutern, warum Reinhold Würth, der rund zwölf Millionen Euro für Berlin spendieren wollte, kurzerhand ausgeladen wurde.

In der Würth-Zentrale gibt man sich souverän, aber ob man’s wirklich ist? »Wir wurden überrascht«, sagt Unternehmenskommunikationschefin Maria Theresia Heitlinger, und es klingt so, als sei der Vorgang noch nicht abgeschlossen. Darauf hoffen, aus Sicht der Preußen-Stiftung, natürlich auch Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die jetzt zusammen den doppelten Salto versuchen müssen. Einerseits Bastian danken, andererseits den nun aus nachvollziehbaren Gründen reichlich verschnupften Würth bei mäzenatischer Laune halten. Ob es gelingt, ihn, den nicht vorsätzlich, aber eben doch Düpierten, für ein anderes Engagement zu gewinnen, etwa im Humboldt Forum? Zu wünschen ist es. Und ein starkes Argument haben Grütters und Parzinger zudem: Dort wäre künftig noch mehr Aufmerksamkeit garantiert als am Kupfergraben.

In dieser Ausgabe
Aufwärtstrend für die Beirut Art Fair (Seite 6). Zufriedenstellende Bilanz der Londoner Frieze Fairs (Seite 7). Hermann Parzinger plädiert für Architekturmuseum in Berlin (Seite 7). Michael Schultz verwandelt denkmalgeschützte Kant-Garagen in ein Kunsthaus (Seite 8). Die Galerie Hauser & Wirth betreut nun auch den Nachlass Arshile Gorky (Seite 8). Alexander von Berswordt und die Ausstellung »artige Kunst« (Seite 10). Großer Auftritt von Tino Sehgal in Paris (Seite 12). Das Centre Pompidou expandiert (Seite 15). Walter Smerling bereitet »Luther und die Avantgarde« für 2017 vor (Seite 18). Bad Homburg: Christian K. Scheffel plant, den Gustavsgarten zum Skulpturenpark zu machen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 613 – Editorial

Informationsdienst KUNST 613

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Berliner 17-Prozent-CDU, zusätzlich angeschlagen durch eine Sexismus-Debatte und einen früher schon festzustellenden Hang, eine Männer-Domäne sein zu wollen, muss nun, händeringend, auf eine Frau setzen, auf Kulturstaatsministerin Monika Grütters, weil weder der ins Zwielicht geratene Frank Henkel noch andere Herren aus der Herrenwitz-Fraktion geeignet erscheinen, den Landesverband in die Zukunft zu führen. Grütters, im Bundeskanzleramt zwar reichlich beschäftigt, doch loyal fürs zusätzliche Partei-Ehrenamt bereit, hatte sich im vergangenen Jahr nicht locken lassen, die CDU-Spitzenkandidatur fürs Bürgermeister-Amt zu übernehmen.

Nun tröstet sie sich mit jenen 23 Jahren, die einst ihr Vorgänger Bernd Neumann als Landesvorsitzender der CDU in Bremen bewältigte, und glaubt durchaus, beide Aufgaben stemmen zu können. Doch Skeptiker fürchten, dass die schwierige Henkel-Nachfolge die ganze Frau erfordert, zumal 2017 die Bundestagswahl ansteht und Monika Grütters gewiss wieder auf Listenplatz 1 der Berliner CDU landen wird, wie schon dreimal zuvor.

Noch hat Angela Merkel nicht signalisiert, ob sie erneut als Bundeskanzlerin zur Verfügung stehen will, noch weiß also niemand, ob die Grütters-Rechnung, als Kulturstaatsministerin weiter agieren zu können, tatsächlich aufgeht. Ergo könnte es 2017 durchaus so kommen, dass sie ihr jetzt gespaltenes Engagement Bund/Land auf Berlin konzentrieren kann, sollte sie im nächsten Regierungskabinett nicht mehr vertreten sein, weil die CDU und/oder Merkel fehlen. Sie, die Christdemokratin, würde sich dann, voraussichtlich, nicht mit Kulturstaatssekretär Tim Renner, SPD, auseinandersetzen müssen, sondern mit einem Linken, mit Klaus Lederer, Jahrgang 1974, promovierter Jurist mit starker Kultur-Neigung, unter anderem als Tenor. Denn Lederer, so zeigen die ersten Gespräche im Hinblick auf die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen der rot-rot-grünen Art, würde Renner, der nach eigenem Bekunden gerne als Bürgermeister-Kulturzuarbeiter weitermachen möchte, zweifellos verabschieden wollen und selbst einen richtigen Kultursenatoren-Stuhl besetzen. Mit Ressorts wie Medien, Kreativwirtschaft und allem Pipapo. Dass Lederer qualifiziert wäre, die Berliner Kultur voranzutreiben, bezweifelt in der Stadt kaum jemand, zumal Renner in seiner kurzen Amtszeit an der Seite von Michael Müller nicht glänzen konnte.

Die Linke hat bekanntlich Erfahrung in Sachen Kultur. Schon einmal, nämlich in den Jahren 2002 bis 2006, war einer von ihnen in Berlin als Senator tätig. Thomas Flierl, Jahrgang 1957, vorher und anschließend bis 2011 Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, hatte zwar in der Causa »Berliner Straßenszene« voreilig reagiert (Rückgabe des legendären Kirchner-Bildes aus dem Jahr 1913) und im Rahmen einer Stasi-Thema-Debatte schlafmützig reagiert (was zu Rücktrittsforderungen führte), doch ansonsten ist die Flierl-Ära in guter Erinnerung. Als promovierter Ästhetik-Fachmann, freilich aus marxistisch-leninistischer Perspektive, machte er eine überzeugende Figur.

In der Berliner Politszene geht man im Moment davon aus, dass Michael Müller und die SPD loslassen und die Kultur in die Hände der Linken geben werden; von den Grünen im neuen Trio ist kein Widerspruch zu erwarten, weil ihnen andere Ressorts wichtiger erscheinen. In den vergangenen Tagen wurde gemunkelt, dass sie in den Verhandlungen vor allem auf Bildung, Verkehr und Inneres großen Wert legen wollen.

Klaus Lederer, seit knapp zehn Jahren als Landesvorsitzender seiner Partei tätig, wird demnächst, sollte er tatsächlich den neuen Berliner Kultursenator geben können, seine erste Bewährungsprobe am Verhandlungstisch mit Monika Grütters bestehen müssen. High Noon Linke/CDU. Denn vor der Wahl in Berlin wurde der nächste Vertrag zwischen Bund und Land zur Finanzierung der Hauptstadtkultur zwar besprochen, doch nicht mehr unterschrieben. Angesichts der geänderten politischen Lage könnte nun, wie von Grütters angedroht, neu verhandelt werden müssen. Da geht’s um viel, um immerhin rund 600 Millionen Euro.

In dieser Ausgabe
Im Kasseler documenta Archiv wird die Digitalisierung vorangetrieben (Seite 4). Von Sotheby’s zu Phillips: Cheyenne Westphal (Seite 7). Der Kunstverein in Hamburg plant seinen 200. Geburtstag (Seite 9). Die Deutsche Bank – Krise hin oder her – setzt ihr Kunst-Engagement fort (Seite 10). Berlin im Kirchner-Rausch: Neue Ausstellung, neue Gesellschaft (Seite 12). Im Clinch: Kunstsammlung NRW und Konrad Fischer Galerie (Seite 14). Hamburg: Siegfried Sander über die kleine Galerie als Auslaufmodell (Seite 15). Jüngste Aktivitäten von Reinhold Würth (Seite 18). Comeback für das Freiheits- und Einheitsdenkmal (Seite 20). Fernsehen: Eigener Kunst-Sender Sky Arts HD von 2017 an (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 612 – Editorial

Informationsdienst KUNST 612

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, verrückte Welt: In den vergangenen Tagen fand allerorten der übliche Auftrieb zum Saison-Beginn statt, und in den meisten Gesprächen ging es wieder einmal nicht um Kunst, sondern um das Drumherum. Dazu zählt zunehmend das Thema Kapital, und Joseph Beuys, der Unvergessene, hätte seine Freude daran, wenn er beobachten könnte, wie sich halb Deutschland windet und dreht, wenn in der Szene über Geld und die damit verbundenen Möglichkeiten geredet wird. Mitunter entstehen dabei groteske Momente, wie man sie etwa auf der Berliner Art Week erleben durfte. Da reden Galeristen über Milliarden-Vermögen der Sammler (allein der deutsche Geld-Adel soll weit über 900 Milliarden Euro zur Verfügung haben) und zittern oder kokettieren im gleichen Moment, ob sie die paar Quadratmeter ihrer Messe-Stände bezahlen können.

Die Kaufkraft sei lausig, so heißt es oft, und tatsächlich haben gerade in jüngster Zeit, wie zum Beweis, etliche Galerien in Berlin dichtgemacht. Zugleich stehen zahlreiche wohlhabende Sammler herum, umschwirrt von antichambrierenden Händlern, die die Gunst der passenden Minute abwarten, um dann diesen oder jenen Deal einzufädeln. Heimlich versteht sich, damit die Mitbewerber nicht neidisch werden. In aller Stille und gewiss auch dank Neo Rauch soll sich beispielsweise Judy Lybke, Eigen + Art, ein Vermögen in Höhe von immerhin 200 Millionen Euro zur Seite gelegt haben. Damit ist er, der bescheiden agierende Ossi-Charmeur, wohlhabender als der Erotik-Sammler und Springer-Boss Mathias Döpfner, der mit 150 Millionen klarkommen muss.

Kurzum: Das ganze Gejammer über schlechte Geschäfte, die Standort-Nachteile und die vermaledeiten Auflagen der gesetzgebenden Politik – im Einzelfall vielleicht berechtigt, doch alles in allem eher absurd, heuchlerisch. Denn der Kunstbetrieb ist auf Goldkurs, das zeigen allein die nach wie vor sagenhaften Auktionsergebnisse für Gegenwartskunst, die sich natürlich schnurstracks auf die Preis-Bildung in den Galerien auswirken. Während manche der mit Youngster-Ware agierenden Vermittler in der Tat hart rechnen und auf die erste Million noch etwas warten müssen, sind die etablierten Galerien nahezu ausnahmslos in der komfortablen Situation, dank gewachsener Beziehungen zu den renommierten Sammler-Familien stattliche Umsätze machen zu dürfen.

Einfach unglaubwürdig, wenn vom Niedergang der angeblich gebeutelten Branche berichtet wird. Bei genauer Betrachtung zeigt sich in diesen Monaten auch, dass Galerien, die schließen, nicht zwangsläufig aus pekuniären Gründen den Rückzug antreten. Beispiel Berlin: Lehmann, Werner und Zink – drei Unternehmen, die zwar ihre Schauräume in der Hauptstadt schlossen, aber keinesfalls abtauchen, gar finanziell in Problemen stecken. Normale unternehmerische Entscheidungen, in jedem einzelnen Fall bestens nachvollziehbar. In Dresden, Märkisch Wilmersdorf (beziehungsweise London und New York) sowie in Waldkirchen/Oberpfalz und natürlich von dort aus geht’s für diese drei Galerien weiter. Schließlich muss niemand mehr Tausende von Quadratmetern Schaufläche bespielen, um dieses oder jenes Milliönchen Umsatz zu machen.

Schaut man sich die jüngste »Bilanz«-Veröffentlichung aus dem Verlagshaus Springer an, dann zeigt sich, dass Deutschland im Geld badet. Billionen-Sause. Reichtum, wohin man blickt, und die wohlsituierten, besonders vermögenden Familien scheinen allesamt auch bevorzugt in Kunst zu investieren, in die eigene Sammlung, teils aber auch vorbildlich in gemeinnützige Projekte, denkt man zum Beispiel an Susanne Klatten. Zusammen mit ihrem Bruder, Stefan Quandt, der zu den »Blickachsen«-Förderern in Hessen gehört, steht sie auf der »Bilanz«-Liste der 750 reichsten Deutschen weit vorn (über 17 Milliarden). Es folgen schon bald Reinhold Würth (über zwölf Milliarden), Hasso Plattner (neun Milliarden) und Michael Otto (siebeneinhalb Milliarden).

Dann Oetker (rund sieben) und Jacobs (knapp sieben), bevor unzählige Sammler-Familien im Bereich zwischen zwei und drei Milliarden Vermögen unbeschwert einkaufen können, darunter Hubert Burda (2,8), Martin Viessmann (2,6), Familie Jahr (2,5), Familie Stoschek (2,4), Walter Droege und Hedda im Brahm-Droege (2,3). Auch auf den Ranking-Plätzen 100 bis 200 etliche bekannte Sammler, allesamt im Besitz von etwas mehr oder etwas weniger als einer Milliarde Euro (Ströher, Metzler, Freiberger, Olbricht, Stefan von Holtzbrinck, Frieder Burda, Viehof-Brüder, Familie Sander). Natürlich bringt nicht jeder Maler ein Vermögen in Höhe von einer halben Milliarde Euro zusammen, wie es Gerhard Richter verbuchen darf, doch die Kunstfreunde unter den Reichen sorgen schon dafür, dass auch weniger betuchte Galeristen und Künstler ein ordentliches Stück von der Milliarden-Torte abbekommen. Wir haben es geschafft, so könnte man Bilanz ziehen, freilich nicht frei von Platons legendärer Kritik an Geld und Reichtum. Seine Warnung war unmissverständlich: Wo viel Kapital fließt, strömt zudem moralischer Verfall. Apropos: Helge Achenbach, nach rund einem Drittel verbüßter Haftstrafe mittlerweile stundenweise als Freigänger unterwegs, soll demnächst Flüchtlingen beibringen, wie hierzulande der Kunstbetrieb funktioniert. Schlimmer geht’s nimmer. Aber irgendwie auch passend zur NDS, zur Neuen Deutschen Scheinheiligkeit.

In dieser Ausgabe
Überraschung im US-Wahlkampf – Larry Gagosian engagiert sich für Hillary Clinton (Seite 3). Düsseldorf: Andreas Gursky als Findungskommissar (Seite 4). Werner Tammen, Landesverband Berliner Galerien, appelliert an die Politik (Seite 6). Geschenke für Frankreichs Museen (Seite 9). Zollfreilager-Betreiber Yves Bouvier in Paris auf dem Rückzug (Seite 10). Spiel mit dem Risiko: Berlin bereitet Ausstellung der Teheran-Sammlung vor (Seite 12). Köln: Schwaches Interesse für »Richters Patterns« (Seite 13). Ohne Biennalen: Türkische »Säuberungen« (Seite 15). Nicolaus Schafhausens Vertrag in Wien verlängert (Seite 18). Berlin: Drei Messen – oder künftig besser nur eine (Seite 19). Markt-Check: Maria Lassnig (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 611 – Editorial

Informationsdienst KUNST 611

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in London wird kolportiert, dass Neil MacGregor, neben Hermann Parzinger und Horst Bredekamp einer der drei Vordenker in Sachen Humboldt Forum, in privater Runde vor allem verwundert sei, wenn er nach seinen Erfahrungen in Berlin gefragt wird. Im 15-köpfigen Stiftungsrat, so soll der Weichensteller berichten, freilich britisch vornehm, seien nicht wenige Mitglieder aus dem politischen Umfeld anzutreffen, die sich nicht allein mit organisatorischen Steuerungsprozessen begnügen wollen. Er, MacGregor, müsse immer wieder deutlich machen, dass die inhaltliche Arbeit durchaus von den im Rat vertretenen Fachleuten geleistet werden könne.

Zu den besonders ambitionierten Diskutanten gehört in Vertretung des Staatssekretärs Stephan Steinlein, Auswärtiges Amt, ein Ministerialdirektor namens Andreas Görgen. Der Mann, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation und somit Chef von neun Referaten, die Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zuarbeiten, hat in den vergangenen zwei Amtsjahren eine Betriebsamkeit entwickelt, die von einem gewissen Eroberungsdrang zeugt. Kolonialismus der besonderen Art. Ganz so, als wolle er sich für noch höhere Aufgaben im Kulturstaat empfehlen, auf SPD-Ticket, versteht sich.

Kaum war Görgen im Amt und die Humboldt-Baustelle einigermaßen begehbar, mithin im Sommer 2014, schleuste er beispielsweise 200 hochrangige Staatsgäste durch, als wäre er der Hausherr. Keine Scheu hat der frankophile, ehemalige Siemens-Mitarbeiter auch davor, in Berlin nebenbei den Künstler-Herbergsvater zu geben: Auf dem Dach des Auswärtigen Amtes meinte er eine Atelier-Galerie einrichten zu müssen. Logisch, dass hinter dem Café »Europa« der Leipziger Buchmesse nur einer steckte, nämlich Andreas Görgen, der selbstverständlich auch dafür sorgt, dass die Ressort-Zuständigkeit für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig unmissverständlich kommuniziert wird. Was Wunder also, dass er auf der Zwölfer-Liste des Aufsichtsrates der KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH) bereits auf Platz drei thront, hinter Kulturstaatsministerin Monika Grütters und ihrem wichtigsten Mitarbeiter, Günter Winands.

Neuerdings, so flüstert man in Regierungskreisen, sei Andreas Görgen mit einem Ankaufsprojekt beschäftigt, das seine Machtposition im Auswärtigen Amt und darüber hinaus weiter stabilisieren soll. Offenbar geht es um die 1942 erbaute und zehn Jahre lang von Thomas Mann genutzte Villa in Pacific Palisades (im Großraum Los Angeles), die von der amerikanischen Maklerin Joyce Rey für rund 15 Millionen Dollar angeboten wird. Der literaturaffine Görgen, so das Gerücht, überlege ernsthaft, das Fünf-Zimmer-Gebäude für den Bund zu erwerben und dort ein kulturelles Stipendiaten-Zentrum einzurichten. Und Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat mittlerweile signalisiert, aus ihrem Etat einen Beitrag beisteuern zu wollen.

Was im ersten Moment sinnvoll erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung freilich als fragwürdig. Denn nicht weit entfernt, ebenfalls in Pacific Palisades, gibt es die Villa Aurora, in der einst Marta und Lion Feuchtwanger wohnten – und die heute dank eines eingetragenen Vereins als Ort des deutsch-amerikanischen Kulturaustausches intensiv genutzt wird. Obgleich Mittel aus dem Steinmeier-Etat und jenem von Grütters zur Verfügung stehen, klagt der rührige Villa Aurora e.V., dass die Künstlerresidenz dringend Spenden benötige, um die Stipendiaten angemessen arbeiten zu lassen.

Macht es also wirklich Sinn, eine weitere Spielstätte in L.A. einzurichten, die dann womöglich wieder klamm ist, wenn der alltägliche Betrieb ansteht? Müssen wir nicht endlich aufhören, laufend neue Institutionen zu schaffen und einige zweifellos obsolete Häuser verkrampft zu erhalten, wenn überall die wirtschaftliche Basis fehlt? Wie in der Kunst selbst: Es geht um Qualität, nicht um Quantität. Lieber weniger Institutionen gut ausstatten, als viele schlecht versorgen. Das sollte auch ein an der Ausdehnung seines Einflussbereiches wirkender Ministerialdirektor verstehen.

In dieser Ausgabe
Genug von London. Martin Roth verlässt das Victoria and Albert Museum (Seite 2). Nach dem Erdbeben in Italien: Gemeinnütziges Spaghetti-Essen (Seite 4). Berlin: Gabriele Knapstein als Nachfolgerin von Eugen Blume im Hamburger Bahnhof (Seite 7). Düsseldorf: Kunstsammlung NRW muss Ausstellung von Christoph Büchel absagen (Seite 8). Neustart in der Villa Massimo in Rom (Seite 8). Erbschaftsteuerrecht: Was die Reform für Sammler bedeutet (Seite 12). Kunstmessen: Wien glänzt mit Überangebot (Seite 13). Markt-Check: Kader Attia (Seite 15). Künstlersozialkasse: Attacke aus dem Arbeitgeberverband in Hessen (Seite 18). Großartige »Buddha«-Schau in der Völklinger Hütte (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 610 – Editorial

Informationsdienst KUNST 610

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, aufpassen, empfehle ich, wenn Sie fortan irgendwo »FIU« lesen oder hören. Denken Sie dann am besten nicht mehr zuerst an die Free International University, an die 1973 als Verein »FIU« von Joseph Beuys, Klaus Staeck und anderen Künstlern und Vermittlern gegründete Kreativitätshochschule, sondern an Wolfgang Schäuble, den deutschen Finanzminister. In den vergangenen zwei Jahren nahmen in Berlin die Gerüchte zu, dass er etwas plane, um seiner alten Leidenschaft ein neues Spielfeld zu geben – und nun ist es soweit.

Schäuble, der bereits in seiner Amtszeit als Innenminister (2005 bis 2009) energisch gegen das Phänomen der Geldwäsche vorging, holt diesen Zuständigkeitsbereich aus dem Bundeskriminalamt heraus – und ordnet ihn dem Zoll und somit seinem Ministerium zu. Mit einer speziellen »FIU«-Truppe (»Financial Intelligence Unit«), die von zunächst 25 auf bis über 150 Beamte erweitert werden soll, will der Bund massiv gegen Geldwäscher vorgehen. Es ist in Regierungskreisen unbestritten, dass das geplante Daten-Sammeln im Verdachtsfall und die gezielte Weitergabe an die zuständigen Staatsanwaltschaften auch gegen die im Zwielicht stehende Kunst-Branche gerichtet ist.

Dabei hat die Branche selbst, Stichwort Geheimniskrämerei, vieles getan, um gegenüber Politik und Behörden den Eindruck zu erwecken, dass es häufig nicht mit rechten Dingen zugeht. Von Transparenz kaum eine Spur, unter dem großzügig ausgebreiteten Deckmantel Datenschutz werden meist weder Preise noch Käufer genannt. Ich habe manche Abfuhr kassiert, dann eben andere Quellen anzapfen müssen. Man gibt sich angeblich »diskret« – und diese seriös wirkende Image-Pflege dient mancherorts eben vor allem dazu, das Schwarzgeld der Ärzte und anderer Selbstständiger für alle Beteiligten gewinnträchtig in Kunst zu transformieren. Renommierte Fachleute haben das immer und immer wieder bestätigt.

Das Geschäft sei schmutzig geworden, »richtig schmutzig«, so der Museumsdirektor Martin Roth vor zwei Jahren in der »Süddeutschen Zeitung«. Das Wirtschaftsgeld, das im Kunsthandel auftauche, sei »in den seltensten Fällen sauber«, legte Swantje Karich in diesem Frühjahr in der »Welt« nach. Kunst mithin als »Schattenwährung bei Cash-Transaktionen« (Christian Herchenröder, »Handelsblatt«). Was Wunder, dass Schäuble hier Handlungsbedarf sieht.

Neu ist das Thema nicht. Seitdem der Kunstmarkt phasenweise atemberaubend boomt, seit den Achtzigern also, weiß man, wie die Schlupflöcher im zunehmend unübersichtlich werdenden internationalen Handel optimal zu nutzen sind. Die Kunstszene, das ist bekannt, steht auch im Fokus jener professionellen Geldwäscher, die sich in anderen Bereichen zurückziehen. Bestes Beispiel: Die inzwischen nahezu lückenlose Überwachung des Finanzmarktes. Allein für 2014, so heißt es offiziell, sollen über 24 000 Verdachtsmeldungen nach dem Geldwäschegesetz zu Ermittlungen geführt haben. Logisch, dass sich einige Schlawiner aus den Anlageschäften dieser Art verabschieden und jetzt lieber auf Kunst setzen. Im Moment noch. Denn »FIU« kommt.

Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« hatte bereits Ende der achtziger Jahre per dreiteiliger Artikel-Serie verwundert festgestellt, wie es denn möglich sei, dass die Mafia ihr (Drogen-)Geld mit Kunst wasche. Schon damals klang die Kritik durch, dass der Staat zu wenig oder gar nichts vom Geschäft mit der Kunst verstehe, um wirkungsvoll eingreifen zu können. Jetzt, drei Jahrzehnte danach, soll sich das nach und nach ändern. Wolfgang Schäuble, der über den Zoll und auf der Basis des neuen, seit Tagen gültigen Kulturgutschutzgesetzes bereits einen guten Einblick ins hochpreisige Kunst-Ausfuhr-Geschäft erhält, wird sich eine »FIU«-Fahndungstruppe zusammenstellen lassen, der man nichts mehr vormachen kann. Das ist sicher.

Aus mit der Zeit, als »in der Kunst immer was möglich war«, wie mir kürzlich, nachts, angeblich nach einer Rotwein-Sause, ein ehemaliger Museumsdirektor schrieb, der heute als Autor, Berater und Kurator agiert und in den großen Galerien der Welt zu Hause ist, auch an einigen Deals mitwirkt. Unter der Hand ging da immer was, von Jackett zu Jackett. Über die von Kritikern stetig ausgesprochene Warnung, dass der Staat eines Tages aktiv werde, wenn die Branche nicht zur Selbstregulierung finde, wurde mal geschmunzelt, mal geschimpft. Jetzt, so könnte man sagen, haben wir den Salat, nämlich Schäubles Rohkost.

P.S.: Erfreulich, dass die häufig geäußerte Kritik an der fehlenden Transparenz in Sachen Limbach-Kommission (siehe auch ID 599, Seite 1) nun dazu geführt hat, dass eine Reform des ehrenamtlichen Experten-Gremiums auf den Weg gebracht ist. Dazu gehört eine neue Geschäftsordnung, die Mitglieder nicht mehr lebenslang tätig vorsieht. Neben der Festlegung von Amtszeiten geht es auch um die Zusammensetzung der Kommission, die im Streitfall um die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter eingeschaltet werden kann. Allemal eine Persönlichkeit des jüdischen Lebens, zweifelsfrei überfällig, soll fortan im Gremium vertreten sein. Alles in allem keine leichte Aufgabe: Immerhin sind Bund, Länder und Kommunen gefragt und zur Einigung aufgerufen.

In dieser Ausgabe
Erinnerungskultur am Beispiel Einheitsdenkmal (Seite 4). Schwierige Namenssuche in Berlin: »nationalgalerie20« (Seite 7). Streichkonzert in Karlsruhe, Finanzprobleme am ZKM (Seite 9). Was Harald Falckenberg an den Bundespräsidenten schrieb (Seite 9). Wie Julian Heynen sich in Düsseldorf sang- und klanglos verabschiedet (Seite 12). Die »Welt am Sonntag« und ein fragwürdiger Zündhölzer-Wunsch (Seite 14). Wiederholungstat: Larry Gagosian muss Steuern nachzahlen (Seite 15). Abnabelung: Daniel von Schacky hat die Villa Grisebach verlassen (Seite 17). Florian Henckel von Donnersmarck dreht einen Film, der mit Gerhard Richter zu tun hat (Seite 18). Von Apple verbannt: Die »magnusapp« (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 609 – Editorial

Informationsdienst KUNST 609

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, links hängt ein über zwei Meter breites Flughafen-Foto von Fischli/Weiss, rechts daneben, nur im Abstand von 80 Zentimeter, »Das Riesengebirge« von Caspar David Friedrich. Was die Bilder verbindet, wie sie im aufgedrängten Dialog gesehen und interpretiert werden wollen – das fragt sich wohl auch der in der Nähe stehende Aufseher, seit Tagen schon, aber auf Nachfrage wehrt er ab: »Bitte fragen Sie mich nicht zur Kunst«. Sein Kollege, ein paar Meter zuvor postiert, zieht die Schultern nach oben und meint, es habe wohl alles seinen Wert, es gehe schließlich ums Kapital. Unter diesem Titel, ergänzt um die Begriffe Schuld, Territorium und Utopie, läuft bis zum 6. November im Hamburger Bahnhof in Berlin die überbordend gefüllte Abschiedsausstellung von Eugen Blume, unterstützt von Catherine Nichols, und man fragt sich, was uns der legendäre Kurator und Beuys-Archiv-Hüter mit dieser eigenartig lieblos zusammengeschobenen Wunderkammer sagen will.

Konzept und Inszenierung verweigern, Museum und Beuys verraten – was ist da los? Man kann es nämlich drehen und wenden, wie man will, aber »Das Kapital«, diese irritierende Kraut-und-Rüben-Schau, wirkt so anspruchsvoll und unverständlich wie misslungen. Welche Erkenntnisse sollen sich einstellen, wenn aus unterschiedlichsten Jahrhunderten gegensätzlichste Kostbarkeiten gezeigt werden – und das Publikum, zu dumm, mit einem großen Heft durch die Schau laufen muss, um den an den Objekten zu findenden Nummern eine Beschreibung zuordnen zu können? Alles hat seinen Preis? So simpel kann’s ja wohl kaum gemeint sein. Eine flämische Kreuzigung, um 1640 entstanden, das Apfel-Birnen-Objekt von Urs Fischer, die Schaufenster-Wachsbüste der Gebrüder Weber, ein elektrischer Stuhl von Andy Warhol, in den Sechzigern auf Leinwand gebracht, die Eierschalenkörbe von Marcel Broodthaers, eine Festschrift zu Ehren von Karl Marx, das Puppenhaus mit Zubehör, der Hitler-Film von Syberberg, die Grabfigur aus dem Kongo – wie soll das alles verstanden und in den Kontext gebracht werden?

Liegt der Schlüssel tatsächlich bei Joseph Beuys, in dem vor einiger Zeit von Erich Marx für Berlin teuer erworbenen Environment »Das Kapital Raum 1970–1977« aus dem Jahr 1980? Gar in der Tatsache, dass Eugen Blume fortan, nach seiner Pensionierung, den Privatkurator von Marx geben wird? Das kunsthistorisch bedeutende, vielteilige Werk (unter anderem mit Konzertflügel, Schultafeln und Filmprojektoren) darf sich großzügig im hintersten Bereich dieser fragwürdigen Ausstellung ausbreiten – und es entsteht, einen Moment lang, der Eindruck, dass die zuvor krude abgestellten Werke nur einem Ziel dienen: Beuys zu verehren. Quasi das Vorprogramm. Indes: Auch sein Werk, dieser Lehrraum allumfassender Kreativität, hilft nicht, Bob Dylan, die Zeit 600 vor Christus oder Larry Clark besser zu verstehen. Es bleiben verstörte Ausstellungsbesucher zurück, Menschen, die glauben, im Museum wieder einmal nichts zu kapieren, völlig überfordert zu sein. Kann das im Sinne des Museums sein, im Dienst der Kunst?

Mit Verlaub: Eugen Blume, der 1951 in Bitterfeld geborene, zunächst als Marxist aktive Kunsthistoriker, hat viele Ausstellungen gemacht, dem Kuratoren-Nachwuchs jahrzehntelang gezeigt, wie man die Kunst zum Publikum bringt. Aber diese Schau verärgert und vergrault es, weil sie Grundregeln des Ausstellungsmachens missachtet. So bleiben, leider, letztlich nur zwei Aspekte, die wohlwollend betrachtet werden können: Der empörte Besucher wird im besten Falle zur Frage getrieben, was er erwartet hat, was eine gute Ausstellung leisten muss. Und: Der strapazierte Beuys-Spruch, dass jeder Mensch ein Künstler sei, gewinnt hier (auf die kuratorische Tätigkeit bezogen) neue Bedeutung. Ergo: Blumes Abschiedsbotschaft als Dilettantismus-Plädoyer? Scheitern als Chance? Der erweiterte Kunstbegriff als Vorlage fürs Kabarett? Zum Lachen in den Hamburger Bahnhof gehen? Sich zwischen Erich und Karl Marx einen eigenen Reim machen, weil auch der begleitende »Kapital«-Katalog mehr philosophisch infiltrierte Fundgrube als echtes Hilfsmittel ist?

Die Schau, die so viele Fragen stellt und kaum Antworten gibt, wirkt enorm widerborstig. Bei aller Kritik an ihr selbst macht sie, auf anderer Ebene, dort ihre Pluspunkte, wo sie einen Nerv aktueller Debatten zur Zukunft des Museums trifft. Wer wissen will, wie es um die seit Jahrzehnten immer wieder neu verhandelte Krise der Präsentation derzeit steht, der muss diese Ausstellung sehen. Als abschreckendes Beispiel, als Ausdruck kuratorischer Ratlosigkeit oder womöglich als Nonplusultra künftiger Vermittlungsarbeit. Sollte das zuletzt Erwähnte zutreffen, werden wir uns später in die Asche schmeißen – und Eugen Blume hochleben lassen.

In dieser Ausgabe
Auf dem Zürichsee soll der Manifesta-11-Pavillon erhalten bleiben (Seite 4). Nike Bätzner hofft, dass die verschobene Biennale Sinopale in der Türkei doch noch stattfindet (Seite 7). Einfuhr westlicher Kunst verweigert: Tadeusz-Gemälde dürfen in China nicht einreisen (Seite 9). Berlin, Humboldt Forum: Eröffnung 2019 – trotz juristischer Auseinandersetzungen (Seite 9). Roger Bundschuh hat für den Sammler Rolf Ricke gebaut (Seite 11). Dani Karavan wehrt sich gegen Israels Regierung (Seite 12). Kunstvereine und ihr Engagement für Flüchtlinge (Seite 13). Sensationsmache mit Todeswaffe von Van Gogh (Seite 15). Nur noch 62 Galerien beteiligt: abc art berlin contemporary (Seite 17). Streit zwischen ART Innsbruck und ART Stuttgart (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 608 – Editorial

Informationsdienst KUNST 608

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, denken wir derzeit an Dresden, dann fallen uns gemeinhin nicht die Staatlichen Kunstsammlungen ein, sondern jene bedrohlichen Bewegungen, die am politisch rechten Rand kaum an Kultur glauben lassen, diese aber in dieser Zeit und an diesem Ort besonders bedeutsam machen. Natürlich wechselt kein Kunsthistoriker nach Dresden, um dort das fremdenfeindliche Klima auflösen zu wollen, aber eine Beobachtung erzeugt reichlich Hoffnung, dass die Kunstsammlungen, dieser Verbund aus 15 Museen und Institutionen, nebenbei einen Beitrag leisten könnten, das reaktionäre Sachsen wieder weltoffener werden zu lassen.

Unter der Regie von Marion Ackermann, Düsseldorf, die – wie bekannt – am 1. November die Nachfolge von Hartwig Fischer antritt, könnte dank weiblicher Intuition aus den Museen heraus ein Geist strömen, der die Stadt endlich wieder in die gesellschaftliche Balance bringt. Ackermann, Jahrgang 1965, wird nämlich auf fünf ebenfalls neu in Dresden tätige Frauen im Führungsteam setzen können, wenn in wenigen Tagen auch noch Julia Weber aus München die Direktorinnen-Stelle der Porzellan-Sammlung übernimmt. Weber, bislang am Bayerischen Nationalmuseum für Keramik verantwortlich, gehört zum Jahrgang 1979 und wird folglich die jüngste Leiterin im Ackermann-Stab sein.

Dort warten auf die neue Generaldirektorin bereits Tulga Beyerle (Kunstgewerbe), Stephanie Buck (Kupferstich), Nanette Snoep (Völkerkunde) und Hilke Wagner (Neue Meister), alle zwischen 44 und 52 Jahre alt. Nun hat auch Dresden sein Frauenmuseum, könnte man sagen, denn Stephan Koja (seit April für die Alten Meister und die Skulpturensammlung zuständig) will als Quoten-Mann gesehen werden. Freilich ist der Experte fürs 19. Jahrhundert, in der Tat der einzige männliche Neuzugang in Dresden, dank seiner Jahre in Wien auf das harmonische Zusammenspiel mit seinen Kolleginnen bestens vorbereitet. Immerhin ging Koja an der Österreichischen Galerie Belvedere durch eine harte Schule: Agnes Husslein-Arco hieß seine Chefin (siehe Seite 4).

In der Statistik zum »Frauenanteil an der Leitung von Kunst- und Fachmuseen« (wie in der jüngsten Schrift des Deutschen Kulturrates veröffentlicht, »Frauen in Kultur und Medien«, Seite 100), die insgesamt nur von allmählich wachsender Zunahme berichtet (von circa 20 auf rund 35 Prozent innerhalb von 20 Jahren), nehmen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nun einen Sonder-Platz ein. Avantgarde quasi – und das ausgerechnet in Dresden, der Pegida-Hochburg. Mit den Möglichkeiten der Kunst und des Museums, so hat es Marion Ackermann vor Wochen formuliert, für die freiheitliche Gesellschaft eintreten: Das wird nun im Wesentlichen Frauen-Sache sein, Amazonen-Kampf.

In dieser Ausgabe
Nun langfristig abgesichert – Rein Wolfs, Bundeskunsthalle (Seite 5). Karriere-Schritt in Amerika: Katharina Grosse darf mit Larry Gagosian rechnen (Seite 5). Rettungsplan Museum Morsbroich gefährdet (Seite 8). Bundeshaushalt 2017: Monika Grütters soll weitere 70 Millionen für die Kultur ausgeben dürfen (Seite 10). Die Kunstmesse München gibt auf (Seite 13). Aus fürs UCCA in Peking: Die Sammler Myriam und Guy Ullens leiten den Ausverkauf ein (Seite 14). Düsseldorf: Fabrice Hergott im Gespräch als möglicher Ackermann-Nachfolger in der Kunstsammlung NRW (Seite 15). Streit-Fortsetzung in Sachen Franz West (Seite 17). Berlin: Probleme mit »El Siglo de Oro«, dem Gemäldegalerie-Blockbuster (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 607 – Editorial

Informationsdienst KUNST 607

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Sachlage hin oder her. Am Ende war es eine politische Entscheidung, also auch eine Zeitfrage, kurz vor der Sommerpause. Gewissermaßen in einer Nacht- und Nebelaktion verständigten sich die Fraktionssprecher der Regierungsparteien, den Mehrheitsvorsprung im Kulturausschuss zu nutzen, um – an den Grünen und Linken vorbei – das neue Kulturgutschutzgesetz (KGSG) im Deutschen Bundestag durchzuwinken, bevor es nun noch vom Bundesrat genehmigt werden muss.

Im Rückblick: Ein Jahr lang wurde hart verhandelt. Immer und immer wieder feilten Monika Grütters und ihre Mitarbeiter geduldig an den diversen Fassungen zum neuen Kulturgutschutzgesetz, um die zahlreichen Bedenken und nachvollziehbaren Einwände der Branche, teils von Händlern und Sammlern vehement und nicht immer sachlich vorgetragen, gebührend zu berücksichtigen.

Im Zuge der Auseinandersetzung, die im Wesentlichen der Ausfuhr gewidmet war, gingen manche positiven Aspekte der KGSG-Initiative der Kulturstaatsministerin unter. Schließlich dient das vom Bundestag einstimmig beschlossene Gesetz (Grüne und Linke, verschnupft nach der CDU/CSU- und SPD-Absprache, enthielten sich) auch der Eindämmung des Raubkunst-Geschäfts. Oder: Dass Grütters, vorbildlich, drei Gesetze zum Kunsthandel zusammenführte, war nach Monaten der öffentlich geführten Kontroverse vergessen.

Ohnehin – und darum ging es im Kern des Konflikts – unterstellte ihr die Branche, dass sie gar nicht wirklich an Verschlankung interessiert sei. Im Gegenteil: Der zu erwartende Bürokratie-Aufwand sei immens, die Kosten für alle Beteiligten unüberschaubar (Sammler-Vereinschef Harald Falckenberg hatte allein 43 Millionen für Bund und Länder errechnet), was der Gesetzgeber nun letztlich selbst einräumt, indem er das KGSG quasi in letzter Minute in die Evaluierung getrieben hat. Schon in zwei Jahren muss Monika Grütters sowohl dem Bundestag als auch dem Bundesrat verraten, wie groß der Erfüllungsaufwand tatsächlich ausfällt.

Zieht man Bilanz, dann lässt sich sagen, dass die KGSG-Debatte einerseits gezeigt hat, wie wach die von der Mehrwertsteuer-Problematik und anderen Abgabe-Gesetzen geplagte Branche mittlerweile reagiert, wenn kulturpolitische Korrekturen in diesem Land anstehen. Andererseits bleiben zwei grundlegende Themen weiter in der Diskussion, weil sie längst nicht hinreichend erörtert wurden.

Erstens: Im Trubel der immer wieder vorgetragenen Sorge, Deutschland könne als Kulturstandort weiter benachteiligt werden, wenn das KGSG ratifiziert ist, wurde eine Frage allzu leichtfertig beantwortet, wenn überhaupt. Was, bitte, ist »nationales Kulturgut«? Im Gesetz steht, dass wertvoll sei, was »einen wesentlichen Verlust für den deutschen Kulturbesitz bedeuten würde«. Mit Verlaub: Äußerst dehnbar, völlig unbrauchbar, diese Formulierung (alles in allem eine Fortschreibung des KGSG aus dem Jahr 1955, wo ebenfalls nichts definiert wurde). Jedes Bundesland wird also anders entscheiden.

Zweitens: In der Folge geht es aber auch um Grundsätzliches, weil wir in globalen Zeiten leben, uns weltweit bewegen, Museen in allen Kontinenten besuchen. Kurzum: Warum soll ein Bild, hierzulande national bedeutsam, nicht in der Tate oder im MoMA hängen, warum wollen wir seine Ausfuhr verhindern? Es kann doch nicht sein, dass dieser Staat von identitätsstiftenden Werken spricht, den internationalen Kunsthandel per KGSG einschränkt – und letztlich, absurd, dazu beiträgt, dass ein bedeutendes Kunstwerk im Kartoffelkeller eines privaten Sammlers steht, statt in London oder New York einer großen Öffentlichkeit gezeigt zu werden. Nationales Kulturgut, kein Zweifel, sollte allgemein zugänglich sein.

Fazit: Wenn das KGSG im Jahr 2021, wie geplant, wie im Gesetz verankert, noch einmal auf der Agenda von Bundestag und Bundesrat stehen wird, dann wissen wir alle mehr, viel mehr. Dann wird hart argumentiert und, so die Prognose, mancher Paragraf neu verfasst werden müssen. Demokratisches Prinzip: Gesetze sind auch dazu da, sie infrage zu stellen.

In dieser Ausgabe
Im Kölner Museum Ludwig kann in diesem Jahr laufend gefeiert werden (Seite 2). Pressestimmen: Die Berliner Blockbuster-Schau zur Ära Velázquez (Seite 4). Das Duisburger Lehmbruck Museum meldet sich zurück (Seite 6). Was der Brexit für den Kunstbetrieb bedeutet (Seite 8). Matthias Brandt spielt Helge Achenbach (Seite 8). Gilbert & George planen in London ein Zentrum (Seite 9). Urteil mit Folgen: Keine Kunst für alle – wegen der Reiss-Engelhorn-Museen (Seite 9). Neue Drucksachen von Bazon Brock (Seite 11). Georgia Sagri gegen die Manifesta (Seite 13). Berlin: Tempelhof als Dachgalerie, 1200 Meter lang (Seite 17). Amsterdam: Thomas Borgmann beschenkt das Stedelijk Museum (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 606 – Editorial

Informationsdienst KUNST 606

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, im Rückblick: Was haben wir nicht alles beobachtet, wie mussten wir uns aus nachvollziehbaren Gründen in den vergangenen Jahren immer wieder besorgt empören?! Der Kunstbetrieb hat sich in diesem jungen Jahrtausend radikal verändert – und mit ihm natürlich auch die Kunst selbst. Früher, noch in den Achtzigern, hatten wir entspannt festgestellt, dass die Kunst eine Korrektur des Betriebs erfordert. Nun scheint es andersherum zu laufen: Die Gegenwartskunst, vorsichtig tastend, behutsam sich auf jede gesellschaftliche Veränderung einstellend, ist es, die sich anpasst. Harte, radikale Setzungen sind die Ausnahme. Diese Entwicklung fügt sich harmonisch zur Beobachtung, dass die einst gefürchteten Kuratoren ihre Vormachtstellung allmählich wieder aufgeben müssen, oft schon durch Künstler als Ausstellungsmacher und Weichensteller ersetzt werden, wie derzeit die Berlin Biennale oder die Manifesta dokumentieren. Und auch die weiter zunehmende Gemeinde der privaten Sammler, häufig versehentlich mit Spekulanten in eine Branchengruppe sortiert, kann ihren Einfluss nicht mehr vollumfänglich ausüben, wie vor Jahren möglich, weil sich Museumsdirektoren längst weigern, komplette Konvolute ins Haus zu nehmen. Sie wollen lieber Rosinen picken, eigene Visionen illustrieren als Sammlungen sammeln, wie das zu Schusters Zeiten in Berlin auffällig war.

Längst haben die echten Sammler, ob Boros, Falckenberg oder Olbricht, ob Goetz oder Stoschek, ihre eigenen Domizile gefunden, um Privates öffentlich zugänglich zu machen. In Karlsruhe, ZKM, rudert man, sinnvoll, in Sachen Sammler-Museum kräftig zurück; in Bremen wird, wider mancher Vernunft, tüchtig gestrampelt, um die Weserburg irgendwie am Leben zu erhalten. Dabei ist die Lage heute, 25 Jahre nach der Gründung des Museums, eine völlig andere als einst, als dort Thomas Deecke den Direktor gab und dank seiner herausragenden Kontakte ein Modellprojekt auf die Schiene setzte, das international beachtet wurde. Nun gibt’s dort Jazz-Plakate aus Montreux und anderes Entbehrliches zu sehen – und keiner in der Kunstszene traut sich, den klammen Hanseaten reinen Wein einzuschenken und energisch die Umwidmung der sanierungsbedürftigen Schau-Stelle zu empfehlen (das von Helmut Friedel vorgelegte Gutachten ging am weitesten – und setzte doch nur auf die Verringerung der Ausstellungsfläche). Museen zu schließen, nein, das gilt als nicht schicklich, wie im Allgemeinen auch der Verkauf aus Museumsbestand grundsätzlich abgelehnt wird oder das Aufräumen im öffentlichen Raum, wo so ungeheuer viel vernachlässigte Sechziger- und Siebziger-Jahre-Schrott-Skulpturen herumstehen, die dringend einer Revision unterzogen werden müssten. Angst vor dem Bilderstürmer-Vorwurf? Oder fehlen schlichtweg der scharfe Blick und das Urteilsvermögen?

Mit Verlaub: Der Kunstbetrieb leidet unter der von ihm selbst verursachten Situation, keine Kriterien zu haben, mithin auch nicht verhandeln zu können, was geht, was nicht. Gut also, sehr gut, wenn die Bundeskulturstiftung beispielsweise Mittel freisetzt, um Museen in Berlin und in Düsseldorf in die Lage zu versetzen, über das Museum von morgen nachzudenken (was bislang nur per »Museum Global« im ZKM stattfand). Wichtig, sehr wichtig, dass Humboldt-Stiftung und -Universität sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ein paar andere Institutionen derzeit ein Forschungsprojekt ermöglichen, das sich um aktuelle soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklungen kümmert und sie im Kontext des Museums der Zukunft beleuchtet. Die britische Museumshistorikerin Sharon Macdonald, Preisträgerin der Alexander von Humboldt-Professur, leistet in Berlin eine Anschub-Arbeit, die der Branche und zugleich der Politik den Weg weisen wird. Denn mittlerweile sollte sich zwar herumgesprochen haben, dass es im Museum nicht nur ums Bewahren der Vergangenheit geht, doch Gegenwart und Zukunft kommen in der Betrachtung immer noch viel zu kurz. Da will gegengesteuert werden. »Marktplatz Museum? – Eine Institution im Wandel« – so lautet die Fragestellung einer Zeugenbefragung, die am 28. Juni im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München stattfinden wird und Hoffnung macht, dass in unzähligen der grauenvoll verstaubten Bilderdepots endlich gelüftet und das Museum als Forum der Kommunikation neu erdacht wird.

In dieser Ausgabe
Pressestimmen zur Manifesta in Zürich (Seite 4). Fünf Jahre nach der geplanten Eröffnung wird weiter getrödelt: Guggenheim Abu Dhabi (Seite 6). Der Geburtstagswunsch in Frankfurt: Die Schirn als weitere MMK-Spielstätte (Seite 7)? Pressestimmen zur Art Basel (Seite 9). Martin Roth, London, verändert sich – von 2017 an gibt er den Präsidenten im Institut für Auslandsbeziehungen (Seite 9). Irritation: Egidio Marzona beschenkt Dresden (Seite 10). Helge Achenbach als Maler (Seite 12). Düsseldorf: Widerstand gegen die Tour de France (Seite 12). Markt-Check: Ryan Gander (Seite 15). Berlin: Gegenwind für Chris Dercon an der Volksbühne (Seite 20). Thomas Hirschhorn als Müll-Künstler in Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 605 – Editorial

Informationsdienst KUNST 605

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesen Berlin-Biennale- und Manifesta-Zürich-Tagen ist es so augenscheinlich wie selten zuvor: Der Kunstbetrieb hat sich mittlerweile gespalten, die Branche besteht aus zwei Szenen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Was wir nämlich in Berlin und in Zürich beobachten können, ist nicht nur die Abkehr vom allmächtigen Kurator als Trendmacher und die damit einhergehende Hinwendung zum erweiterten Aufgabenfeld der Künstler, die nun selbst inszenieren und Ausstellungen im Kontext auch weniger bildnerischer Disziplinen verorten. Es geht in dieser nachrückenden Bewegung offensichtlich auch darum, an der Auflösung des klassischen Kunstbegriffs zu arbeiten.

Lauren Boyle vom in Berlin tätigen Künstler-Kollektiv DIS räumt ein, dass diese neunte Biennale beispielsweise Situationen bietet, wo der Besucher nicht weiß, ob er Kunst sieht oder die VIP-Lounge eines Immobilien-Hedgefonds. Von der Verunsicherung zur Abschaffung ist es nicht weit, zumal der Nachwuchs längst auf den Spuren von Jochen Gerz unterwegs ist, der bereits vor Jahrzehnten, damals noch einsam, in Interviews signalisierte, wohin der Weg führt: Schnurstracks weg vom Kunstwerk, das sich durch seinen Warenwert auszeichnet.

Gerz war es auch, der immer davor warnte, dass die früher gerne Aura genannte Werk-Qualität ins Abseits steuert. »Man will vor einem großen Bild stehen und sich klein fühlen«, so der Konzept-Artist, der Altmeister einer politischen Kunst im öffentlichen Raum: »In der Kunst findet ein verlässliches Maß an Repression statt«. Überträgt man den Ansatz auf die Art Basel, wo nun, in der kommenden Woche, wieder hemmungslos im großen Stil eingekauft wird, dann wird deutlich, dass dieser Messe-Markt nichts, aber auch gar nichts mit jener Entwicklung zu tun hat, die wir, forciert durch jüngere Künstler, unterstützt vor allem in den kommerziell weitgehend unverdorbenen Kunstvereinen, allerorten wahrnehmen können.

Keine Frage: Diese Welten verbindet nichts mehr. Hier die laute Warenwelt, der hochpreisige Auktionsmarkt, die Kunstmessen der Superlative, wo nur noch Umsätze zählen; dort die stille Atmosphäre auf Forschungsstätten-Niveau, wo Erkenntnis vor Erfolg steht, wo radikal infrage zu stellen ist, was andernorts dank immer neuer Preisrekorde bestätigt und weiter gesteigert wird. Ein Bruch, wie er tiefer nicht durch die Kunst-Familie gehen kann.

Dass man gleichwohl nicht bemüht sein muss, die Kluft zu überbrücken, die beiden Lager gar zu versöhnen, erklärt sich leicht: Die Branche ist in der Vergangenheit, etwa seit der Jahrtausendwende, derart gewachsen, so groß geworden, dass es zunächst und zu Gunsten eines besseren Überblicks sogar hilfreich ist, wenn jeweils eigene Wege eingeschlagen werden. Sollte es einer der beiden Gruppen (oder auch beiden) irgendwann zu langweilig werden, Jahr um Jahr im eigenen Saft zu schmoren, dann empfiehlt sich freilich die Kontakt-Aufnahme mit dem anderen Lager.

Es könnte dabei zu Überraschungen kommen. Während die gut gesättigte Markt-Fraktion, so die Prognose, merken könnte, dass ein Leben auf merkantiler Diät-Basis keinesfalls sinnlos ist, müssten die Künstler und Vermittler der Non-Profit-Abteilung spüren, dass die Vermarktung von Ideen nicht automatisch ihren Verrat bedeutet. Ergo: Nach dem Auseinandergehen folgt die Annäherung, Resultat eines Prozesses, der Zeit erfordert, viel Zeit. Denn noch tobt ein Teil der Verwandtschaft lustvoll über die Messen und durch die Auktionssäle, während der andere diese Orte bewusst meidet, um nach und nach auf unleugbare Schwächen des Systems mit alternativen Konzepten zu reagieren. Das stimmt hoffnungsvoll.

In dieser Ausgabe
Weiterer Erfolg für David Zwirner, New York, im Duell mit Larry Gagosian, weil William Egglestone die Galerie wechselt (Seite 7). Stuttgart: Neue Staatssekretärin in Baden-Württemberg ist Petra von Olschowski (Seite 8). Großartiger Dependance-Start in Berlin: Julia Stoschek (Seite 8). Barcelona: Videomesse LOOP nur noch mit einem Aussteller aus Deutschland (Seite 10). Nachfrage in Zürich, bei Victor Gisler: Wie entwickeln sich die Preise von John Baldessari (Seite 12)? Dauerleihgaben von Erich Marx für die Fondation Beyeler (Seite 12). Paris: Michel Houellebecq als bildender Künstler (Seite 13). Urban Contemporary Art: Ein neues Museum in Berlin (Seite 15). Müssen Galerien an der Digitalisierung teilnehmen (Seite 18)? Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 604 – Editorial

Informationsdienst KUNST 604

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, habe ich schon jemals einen Rücktritt gefordert? Wie auch immer: Jetzt ist es soweit. Sie werden mich gewiss sofort verstehen, wenn Sie wissen, was mich empört. Fakt ist: Ausgerechnet der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, zudem Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe, meint der Öffentlichkeit mitteilen zu müssen, wie grauenvoll das Museum der Zukunft aussehen sollte. Ja, was Köhne, Jahrgang 1966, unbekümmert unter dem Deckmantel »gesellschaftlicher Akzeptanz« (in der »FAZ«, 19. Mai, Seite 11) proklamiert, ist nichts anderes als übelster Populismus, der ins Abseits gleitet.

Ich mochte es kaum glauben, aber der Museumsbund-Chef, der doch letztlich die Interessen der Kunst, der Kollegen und der in den Museen tätigen Wissenschaftler vertreten sollte, betreibt offenbar einen Ausverkauf des Museums, wie er schlimmer nicht kommen könnte. »Warum soll es nicht möglich sein, vielleicht zum siebzigsten Geburtstag mit den Gästen zusammen eine kleine Ausstellung zu kuratieren«, fragt der verspannt nach der Quote schielende Archäologe, »zum Beispiel könnte jedes Lebensjahr durch ein Objekt repräsentiert werden.« Hinz und Kunz also als Museumskuratoren, die ohnehin vom notwendigen Eventgeschäft geplagten Orte der Forschung und der Kunstpflege letztlich als Ringelpiez-Veranstaltungsplätze für die ganze Familie, für jedermann, der sich als Kurator einkaufen möchte, um hinterher zu behaupten, er habe im Museum Soundso die Ausstellung »Ludwig 70« konzipiert und realisiert?

Mit Verlaub: Das ist Verrat an der Kunst, an der Institution Museum, das ist skandalös und gehört geahndet. Meines Erachtens sollten die im Deutschen Museumsbund organisierten Museumsdirektoren schleunigst dafür sorgen, dass Köhne, bislang im Wesentlichen ein Schweiger, fortan keine Chance mehr bekommt, in offizieller Mission einen solchen ungeheuer naiv wirkenden Blödsinn zu verbreiten. Es kann doch nicht angehen, dass die ganze Gilde bemüht ist, den zunehmenden wirtschaftlichen Druck abzuwehren, die öffentliche Hand immer wieder an die ureigenen Aufgaben des Museums zu erinnern, während dieser Offizielle solchen Gedankenmüll von sich gibt – und auf »FAZ«-Nachfrage (von Julia Voss) die prekäre Lage noch nicht mal erkennt, in die er sich gerade ohne Not katapultiert hatte. Es ginge nur darum, eindeutig klarzumachen, welche Ausstellungen im Haus von den Profis und welche von den Bürgern oder Schulklassen inszeniert seien, legte Köhne nach.

Um Gottes willen: Schickt diesen Traumtänzer nach Hause! So schnell wie möglich. Allein wie er wiederholt davon faselt, dass Museumsbesucher als »Nutzer« zu sehen seien und ihnen Objekte »in die Hände« gegeben werden sollten – selten hat sich ein Branchen-Insider auf fünf Zeitungsspalten derart entlarvt. Echte Visionen hat Köhne leider keine, obgleich er das Amt bereits seit zwei Jahren wahrnimmt, aber im Gegenzug so viele atemberaubend dämliche Vorschläge für die museale Praxis, dass selbst bei Laien im Kunstbetrieb sofort der Alarm schrillt, wenn sie dieses Interview lesen. Einzig der allererste Satz überzeugt: »Museen müssen sich ernsthaft damit beschäftigen, wie sie sich neu erfinden«. Wohl wahr, aber eben gewiss nicht auf Köhnes Schmalspur. Die führt schnurstracks zum Tod der Institution.

In dieser Ausgabe
Das Museum als Kloster? Carolyn Christov-Bakargiev denkt nach (Seite 4). Kulturgutschutzgesetz: Antworten auf Harald Falckenbergs Berechnungen (Seite 5). Aus für die Biennale Prag (Seite 8). Elmgreen & Dragset träumen vom Umzug der Istanbul-Biennale nach Berlin-Neukölln (Seite 9). Anhaltende Unruhe: Personeller Umbruch an der Kunstakademie Düsseldorf (Seite 11). Goldenes Klo von Maurizio Cattelan fürs New Yorker Guggenheim Museum (Seite 12). Warum Christo sein jüngstes Projekt in Italien realisiert (Seite 15). Georg Kargl und seine Familiengeschichte (Seite 15). Generalprobe der Venedig-Biennale-Kuratorin Christine Macel in München (Seite 18). Auf dem Vormarsch: Die Google Art Camera (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 603 – Editorial

Informationsdienst KUNST 603

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich geht es nicht um 25 000 Quadratmeter Farbanstrich, um 4000 Quadratmeter Depotschiebewände oder um 160 Bauschutt-Container, die abgefahren wurden, wenn sich die Hamburger Kunsthalle nach knapp zweijähriger Sanierungszeit selbst feiert. Die radikale Verjüngungskur, zweifelsfrei überfällig, will vor allem unter einem Aspekt betrachtet werden, der meines Erachtens in der überwiegend begeisterten Tagespresse viel zu kurz kam. Es geht im Zuge dieser gelungenen Modernisierung (deutlichstes Zeichen: der nach 100 Jahren wieder geöffnete Haupteingang am Gründungsbau) vor allem um die Frage der Finanzierung und damit um die Haltung des Staates zu seinen Museen.

Keinesfalls soll das Engagement der Familie Otto geschmälert werden, ihr gehört höchste Anerkennung, gab sie doch immerhin über die von Dorit und Alexander Otto eingerichtete Stiftung sage und schreibe 15 Millionen Euro als Sachspende für Planung und Bau-Leistung aus, und ihr Unternehmen ECE ermöglicht bis Ende des Monats für alle Besucher den kostenfreien Zugang zur Kunsthalle, die auch in Bezug auf ihre Sammlungspräsentation tüchtig auf Vordermann gebracht wurde. Doch es bleibt ein Unbehagen, wenn man sich verdeutlicht, dass die öffentliche Hand nur noch ein Drittel der Gesamtkosten trägt, zwei Drittel also aus privater Quelle kommen. Amerikanische Verhältnisse quasi.

Als ich während der offiziellen Eröffnung die drei Redner hörte, nämlich den künstlerischen Direktor der Kunsthalle, den Ersten Bürgermeister und eben Alexander Otto, den Unternehmer, kam es mir vorübergehend so vor, als habe der Mäzen oder Sponsor längst die Regie übernommen. Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn ein Veranstaltungssaal in der umgebauten Kunsthalle nun nach dem 2011 gestorbenen Familien-Oberhaupt Werner Otto benannt wird; natürlich kann es keinen Einwand geben, wenn Alexander Otto, dynamisch, ans Rednerpult tritt und sich den durchaus verdienten Beifall der hanseatischen VIPs und zahlreich vertretener Museumsdirektoren aus ganz Deutschland abholt. Doch, wie immer, die Atmosphäre macht’s, die Zwischentöne sind es, die nachdenklich stimmen.

Lassen wir uns nicht von geräuchertem Eichen-Parkett und von freigelegten historischen Terrazzo-Böden sowie von frisch gestrichenen Wänden und einem lichtdurchfluteten Foyer blenden: Die neue »Lichtwark-Galerie«, so heißt nun die Zusammenlegung von Alt- und Erweiterungsbau offiziell, das Gegenüber der Galerie der Galerie, ist zugleich ein Problemfall, weil das geschätzte Bürger-Engagement ein Ausmaß angenommen hat, das gefährlich ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Hamburg, norddeutsch trocken, bereits von der »Otto-Galerie« gesprochen wird. Caspar David Friedrich und Philipp Otto (sic!) Runge in der Otto-Galerie – das klingt nicht nur befremdlich, unromantisch, das ist es letztlich auch. Können wir bitte, aus Sicherheitsgründen, die Verhältnisse wieder umdrehen? Zwei Drittel Einsatz des Staates, maximal ein Drittel aus privater Hand, wenn es um die Zukunft unserer Museen geht.

In dieser Ausgabe
Abschied mit Beuys – Eugen Blume wechselt in den Ruhestand (Seite 6). »Say no to TTIP« – Protest der Kulturszene (Seite 8). Bundestagsabgeordneter Rüdiger Kruse, Hamburg, Kulturförderer, muss zu Hause ums Mandat kämpfen (Seite 8). Paul Klee: Kein Meister der Farbe (Seite 9)? François Pinault plant ein Museum in Paris (Seite 10). Frankfurt: Ina Hartwig als neue Kulturdezernentin (Seite 11). Der Kunstbetrieb und die »Panama Papers« (Seite 13). Schau der Superlative: Raymond Pettibon in Hamburg (Seite 15). Millionenschaden: Brand im Haus von Rosemarie Trockel, Köln (Seite 17). Noch unterbewertet: Johannes Grützke (Seite 19). Gutachten in Sachen Museum Morsbroich im Zwielicht (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 602 – Editorial

Informationsdienst KUNST 602

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zugegeben: Ich hatte vor Tagen um ein kurzes Statement gebeten. Dass dieses Feedback aus der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt allerdings so knapp ausfallen könnte, damit war nicht zu rechnen. Womöglich musste Frank Hartmann, der Pressemann, einmal darüber schlafen oder sich mit dem Vorstand abstimmen, aber nach 24 Stunden hieß es kurz und bündig: »Die Deutsche Bank finanziert Kunstkäufe nicht über Kredite«. Erstaunlich also, dass der TEFAF-»Art Market Report« (siehe ID 600) von 500 000 Erwerbungen berichtet, die kreditfinanziert stattfinden sollen. Ein offenbar zunehmendes Phänomen, wie sich auch in zahlreichen Hintergrund-Gesprächen herausstellt, das freilich erste Alarmzeichen gibt. Denn die Pump-Käufe verweisen – wie an jeder Börse – auf eine wachsende Spekulationsblase.

Sie passt durchaus zur Beobachtung, dass im zweiten Halbjahr 2015 in Amerikas Auktionshäusern bereits gedämpfte Stimmung herrschte. Sie wurde nicht zuletzt durch die Chinesen ausgelöst, deren Wirtschaftszahlen bekanntlich mit Vorsicht zu rezipieren sind. Sie haben im vergangenen Jahr den Rückgang der Umsatzzahlen im weltweiten Kunsthandel um fast zehn Prozent verursacht, weil es im Reich der Mitte längst nicht mehr so gut läuft, wie man dort, quasi auf Befehl von oben, gerne vorgibt. Der 70-Milliarden-Dollar-Markt Kunst wird schließlich nicht von wahren Kunstfreunden möglich gemacht, sondern vorrangig von Investoren, die andere Anlage-Bereiche längst erobert und teils schon wieder abgeschrieben haben.

Diese Investoren oder, sagen wir es ruhig unfein, diese Spekulanten sichern der Branche zwar ein gutes Einkommen, allemal das Überleben, doch letztlich, volkswirtschaftlich gesehen, entziehen sie dem Markt die solide Geschäftsbasis, die Zukunft. »Mit Krediten finanziert man Investitionen. Kauft man Kunst mit einem Darlehen, dann kauft man sie, um sie zu verkaufen«, sagt Christian Boros auf Anfrage dazu, »das ist für mich als Sammler sehr abwegig, denn ich will ja behalten.« Und zu den Banken meint Boros: »Als die Kunstszene bis vor zehn Jahren noch von Sammlern bestimmt war, die nicht verkauft haben, sondern ansammelten, waren die Banken nicht interessiert. Heute sind im Kunstmarkt viele Investoren und Spekulanten vertreten. Da sind dann auch sofort die Banken in der Nähe, die was verstehen vom An- und Verkauf.«

In der Tat: Mag auch das offizielle Statement der seit langem angeschlagenen Deutschen Bank verkünden, dass man Kunstkäufe nicht über Kredite finanziere, die Praxis der Filialen sieht völlig anders aus. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und meinen persönlichen Sachbearbeiter des Unternehmens gefragt, ob er mir, für einen angeblich angedachten Kunstkauf auf der Art Cologne im Wert von 500 000 bis 800 000 Euro, einen Kredit mit kurzfristiger Laufzeit (»halbes Jahr, maximal ein Jahr«) einräumen könne. Seine Antwort: »Wir stehen Ihnen natürlich sehr gerne für eine Finanzierung zur Verfügung, allerdings können wir leider Kunst nicht als Sicherheit hereinnehmen.«

In diesem Sinne antwortete ebenfalls mein Commerzbank-Berater: »Natürlich finanzieren wir auch Ankäufe von Kunst«, aber trotz meiner Kompetenz in der Sache, so seine Antwort, »wird das Kunstwerk allein als Sicherheit nicht akzeptiert«. Meine Geschäftskunden-Betreuerin bei der HypoVereinsbank zögerte nicht lange und fügte in der E-Mail-Anlage gleich zwei Antragsformulare bei: Kreditvergabe ja, aber Sicherungsübereignung des Kunstgegenstandes nein. Ergo: Zwar Rückgriff auf Ersatzsicherheiten in allen drei angesprochenen Geldhäusern, doch Kreditvergabe für Kunst (wider das offizielle Presse-Statement der Deutschen Bank) durchaus gerne. Fazit: Die Banken machen Kunst-Kreditgeschäfte, aber der Währung Kunst vertrauen sie nach wie vor nicht, kein bisschen. Das muss man wissen, wenn sie sich als Sponsoren feiern lassen.

P.S.: Weil ich in den vergangenen Tagen so oft nach meiner Meinung in Bezug auf die Affäre Böhmermann gefragt wurde, möchte ich dazu gerne zwei Sätzchen öffentlich machen. Natürlich sollte man als aufrechter Demokrat für die Kunstfreiheit kämpfen und folglich mit dem TV-Satiriker solidarisch sein. Aber es ärgert mich, dass dieser unumgängliche Einsatz auf dem unsäglich niedrigen »Ziegenficker«-Niveau stattfinden muss, als hätte die Welt keine anderen Probleme zu bewältigen.

In dieser Ausgabe
Das geplante Ausstellungsprojekt Cornelius Gurlitt wurde in Bern und in Bonn auf Eis gelegt (Seite 2). Michel Houllebecq als bildender Künstler auf der Manifesta vertreten (Seite 5). Handtuch geworfen: Art Brussels fortan ohne Katerina Gregos (Seite 8). Weiteres Trauerspiel in NRW, diesmal in Neuss: Schenkung abgelehnt (Seite 10). Linde Rohr-Bongards »Kunstkompass« wieder heimatlos (Seite 12). Frankfurt: Hollein-Nachfolger dringend gesucht (Seite 14). Begräbnis zweiter Klasse: Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin (Seite 17). Viennafair: Betreiber Wolfgang Pelz gibt auf (Seite 18). Mannheim entsorgt ein Werk von Otto Herbert Hajek (Seite 21). Miserabel inszeniert: Genzken-Schau in Berlin (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 601 – Editorial

Informationsdienst KUNST 601

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es mögen die überraschend in den Umlauf gekommenen Panama Papers gewesen sein, die mich in der vergangenen Woche erneut für ein Thema sensibilisierten, das ich seit Monaten beobachte, weil es zunehmend in vertraulichen Gesprächen aufkommt – und mittlerweile längst auch die Öffentlichkeit und vor allem die Politik erreicht hat. Es ist noch nicht lange her, als mich eine bekannte Persönlichkeit in kleiner Runde in den Zeugenstand nahm: Ich möge doch als Branchen-Intimkenner bitte mal sagen, wie sehr der Kunstmarkt aus Schwarzgeld-Quellen gespeist wird.

Natürlich ist es auf Bundes- und Länderebenen kein Geheimnis, dass Millionen-Umsätze mit Bildern gemacht werden, die die Ateliers verlassen, in keiner Buchhaltung auftauchen und unzähligen Sammlern oder Spekulanten die Chance geben, unversteuertes Geld unterzubringen. Dass das dem Staat, allen voran den Finanzministerien, aber eben auch den Kultur- und Justiz-Ressorts, reichlich Kopfzerbrechen bereiten muss, leuchtet ein, weil es im Panama-Sog von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Riesen-Löchern im Fiskalsystem zeugt. Eher rührend die aktuellen Versuche der Europäischen Zentralbank, die Einziehung von 600 Millionen 500-Euro-Scheinen zu planen, um den Geldwäschern das Handwerk zu legen.

Dass das Grauzonen-Thema derzeit keimt und sich dazu eine größere Debatte anbahnt, wie mir scheint, dürfte nicht zuletzt mit einer Buch-Veröffentlichung der Schweizer Anwältin Monika Roth zu tun haben, die längst auch zur Lektüre durch deutsche Ministerien und Amtsstuben wandert: In »Wir betreten den Kunstmarkt« (Dike Verlag, Zürich) geht’s um Korruptionsgeld und Steuerflucht, und Monika Roth wird demnächst in England eine weitere Publikation veröffentlichen, in der sie sage und schreibe knapp 50 Faktoren nennen möchte, warum sich besonders der Kunstmarkt für die Geldwäscherei eignet. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht nur auf die auch durch die zehn Zollfreilager begünstigte Situation in der Schweiz, sondern sieht den internationalen Kontext.

Hinweise dieser Art, früher eher hinter vorgehaltener Hand gegeben, werden mittlerweile in der Szene offen ausgesprochen und in den Medien mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit kommuniziert. »Das Wirtschaftsgeld, das in die Kunst gesteckt wird«, schrieb Swantje Karich am 6. April in der »Welt«, »ist in den seltensten Fällen sauber.« Überall adäquate Anmerkungen, seit Jahren schon, jetzt aber neu in Erinnerung gerufen: Im Herbst 1990, als der Kunstmarkt wieder einmal einen vorübergehenden Einbruch erlebte, sei aufgedeckt worden, wie dieser überhitzte Markt »als Bank für schwarze Konten, als Schattenwährung bei Cash-Transaktionen, als Medium der Geldwäsche, als transportables Zweitvermögen missbraucht werden kann«, so Christian Herchenröder.

Wer bei Wikipedia den Begriff Kunstmarkt eingibt, erfährt unter anderem: »Steuerflucht und Geldwäsche sind häufig«, und auch die Autoritäten unserer Branche, Max Hollein etwa, der dazu einst in seiner Magister-Arbeit »Zeitgenössische Kunst und Kunstmarktboom« Stellung nahm, lassen keinen Zweifel aufkommen: Schwarzgeld unterschiedlicher Herkunft, so heißt es auf Seite 30, wird durch den Ankauf von Kunstgegenständen reingewaschen. »Eine Soziologie des Kunsthandels«, meinte schon vor knapp 25 Jahren der kurz danach gestorbene Wolfgang Max Faust, »kann nur jemand schreiben, der sich im Steuer- und im Strafrecht auskennt.«

Alles in allem: Wenn das früher diskret behandelte Schwarzgeld-Geschäft im Kunstmarkt mittlerweile allerorten aufgegriffen wird, wenn es eine derart rasante Geschwindigkeit in der öffentlichen Diskussion einnimmt, dann darf sich meines Erachtens niemand wundern, dass die Politik darüber brütet, wie sie das dem Staat bislang entweichende Geld kassieren kann. Von der Abschaffung des 500-Euro-Scheins bis zur bereits geforderten Obergrenze für Bargeldzahlungen gibt es erste Anzeichen einer aufkommenden Korrektur, noch eher unsicher, hilflos wirkend, doch das wird sich gewiss bald ändern – zumal in Berlin längst kolportiert wird, dass der Bundesfinanzminister, der geniale Rechenmeister der Nation, jetzt den Kunstbetrieb im Visier hat.

Nach den oft zitierten Hürden für den Handel, etwa Folgerecht, Künstlersozialkasse, Mehrwertsteuer und Kulturgutschutzgesetz, nun also noch eine enger gefasste Lex Geldwäsche. Nachvollziehbar, dass so mancher Galerist über Abwanderung und/oder Firmenaufgabe nachdenkt. Seiner ins Familien-Unternehmen einsteigenden Tochter habe er empfohlen, sich beruflich doch besser anders zu orientieren, sagte mir kürzlich ein prominenter Händler. Es bleibe keine Luft mehr zum Atmen.

In dieser Ausgabe
Kein Ende der Prozesslawine in Sachen Helge Achenbach (Seite 4). Kulturgutschutzgesetz: Negativtest in der Diskussion (Seite 5). Lust am Ausverkauf: Der WDR lässt seine Kunst im Ausland verhökern (Seite 8). Österreich tritt in Venedig, Biennale 2017, mit bewährten Kräften an (Seite 9). Freundschaftsdienste auf YouTube zur Eröffnung des erweiterten Kunstmuseums Basel (Seite 10). Mehr Stiftungen, mehr Kontrollen durch die Aufsichtsbehörden (Seite 12). Das Aus fürs Essl Museum (Seite 13). Skepsis in Athen: documenta 14 (Seite 15). Düsseldorf: Rückzug von E.ON aus dem Museum Kunstpalast (Seite 17). Köln: Art Cologne mit Nudisten-Führungen (Seite 20). Den Haag: Diesmal kein Vincent Award (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 600 – Editorial

Informationsdienst KUNST 600

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, eine Hängepartie, nach wie vor. Vor über einem Jahr wurde von Alan Philipp und Gerald G. Stiebel, beide Verwandte von Kunsthändlern, in Washington D.C. eine Zivilklage gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und die Bundesrepublik Deutschland eingereicht, weil sich die Anspruchsteller als Erben einiger Firmen sehen, die einst zu jenem Konsortium gehörten, das 1935 den Welfenschatz verkaufte. Über vier Millionen Reichsmark wurden damals gezahlt, und der mittelalterliche Kirchen-Schatz, bestehend aus knapp 50 Werken (ursprünglich waren es 82), befindet sich heute im Besitz der SPK, die ihn im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin verwahrt. Unberechtigt, wie Philipp und Stiebel meinen. Von Raubkunst ist in ihrer Klage die Rede, obgleich die Beratende Kommission unter Leitung der ehemaligen Verfassungsrichterin Jutta Limbach 2014 unmissverständlich feststellte, dass es sich in diesem Fall um keinen Zwangsverkauf handelt, wie behauptet wird.

Deutschland hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, wie verantwortungsvoll in Fragen der Restitution reagiert wird, wie ernst man hierzulande die Washingtoner Erklärung nimmt. Nachgewiesener verfolgungsbedingter Entzug von Eigentum durch die Nazis wurde stets mit der Rückgabe der Kunstwerke beantwortet, mitunter war sogar vorauseilender Gehorsam im Restitutionsprocedere auszumachen. So stehen die amerikanischen Kläger und Anwälte auf dünnem Eis, wenn sie – wie auch im Kontext der aktuellen Juan Gris-Auseinandersetzung (siehe ID 599, Seite 1) – den Eindruck erwecken wollen, die Bundesrepublik versuche über ihre Limbach-Kommission (und die dort bislang fehlende jüdische Persönlichkeit) Unrecht zu decken.

Die anhaltende und nun dank Philipp und Stiebel erneut aufflammende Welfenschatz-Debatte will freilich zudem vor politischem und juristischem Hintergrund gesehen werden. Erstens: Die Amerikaner haben im Zuge ihrer Außenpolitik immer wieder darauf hingewiesen, dass interne Restitutionsprozesse zu befürworten seien. Das bedeutet: Die Staaten mögen Konflikte wegen Eigentumsverlusten in der NS-Zeit innerhalb ihrer Ländergrenzen lösen. Zweitens: Amerikanisches Recht sieht vor, dass Klagen abgewiesen werden, wenn sie andernorts sachgerechter und preisgünstiger geführt werden können, wenn obendrein das öffentliche Interesse dort stärker wirkt. All das trifft zu – zumal sämtliche Unterlagen und Beweismittel zum Verfahren in deutscher Sprache vorliegen und sich in der Bundesrepublik befinden.

Vorausgesetzt, die von der SPK beantragte Klageabweisung greift in Washington, was dann? Wie wird ein deutsches Gericht mit der Rückgabe-Forderung umgehen, wie die Argumente beider Parteien bewerten? Es könnte durchaus sein, dass die Bundesrepublik Deutschland und ihre Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwar in Amerika einen Procedere-Erfolg verbuchen, doch im eigentlichen Verfahren die schlechteren Karten haben und am Ende in die Situation gebracht werden, den Welfenschatz quasi ein zweites Mal zu erwerben. Denn es ist keinesfalls gesagt, dass die Limbach-Einschätzung vom ordentlichen Gericht geteilt wird.

Ein wesentlicher Aspekt ist dabei voraussichtlich die Tatsache, dass jene 1935 gezahlten vier Millionen weit von den 23 Millionen Reichsmark entfernt sind, die sich anhand der historischen Dokumente als Schätzpreis ausmachen lassen. Und noch etwas könnte sich nachteilig für die SPK auswirken: Der Welfenschatz wurde erst am 6. Februar 2015, mithin im Monat der Klage-Einreichung durch Philipp und Stiebel, als national wertvolles Kulturgut eingetragen. Zufall oder nicht? Auf jeden Fall ist somit jegliche Ausfuhr aus Deutschland, auch eine vorübergehende zu Ausstellungszwecken, nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung durch die Kulturstaatsministerin möglich. Ergo: Das Welfen-Geschäftliche findet gegebenenfalls hierzulande statt, zu deutschen Preisen.

In dieser Ausgabe
Wie aus dem Führungstrio ein Intendanten-Quartett am Berliner Humboldt-Forum wurde (Seite 4). Mit Vorsicht zu genießen: Der »Art Market Report« aus Maastricht, im Auftrag der TEFAF (Seite 6). Großeinsatz für Anselm Kiefer: Die Sammler Christine und Andrew Hall (Seite 7). Rehabilitiert: Frankfurts Weltkulturen-Museumsdirektorin Clémentine Deliss (Seite 10). Das Land Hessen übernimmt die Städelschule vollständig (Seite 11). Mehr Transparenz: Der neue Verband Kunstmarkt Schweiz (Seite 14). International tut sich der Wiener Aktionismus schwer (Seite 15). Kulturgutschutzgesetz: Wie rechnen, wo sind die Zahlen (Seite 19)? Deutschlands Museen öffnen ihr WLAN (Seite 20). Markt-Preise für Jimmie Durham (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 599 – Editorial

Informationsdienst KUNST 599

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, endlich. Vor wenigen Tagen wurde in Berlin die überfällige Sammler-Vereinigung gegründet; am 29. April, wenn in Berlin das Gallery Weekend startet und abends in Hamburg die Kunsthalle wiedereröffnet wird, soll mittags die konstituierende Mitgliederversammlung stattfinden. Dass alles zügig vonstattengehen wird, ist gewiss, denn mit Regularien wollen sich jene Individualisten, die aus innerer Überzeugung bislang auf jegliche Vereinsmeierei verzichtet haben, wirklich nicht aufhalten. Während alle anderen Branchengruppen längst ihre Interessensvereinigungen gegründet haben, mochten die Privatsammler bislang keine offizielle Lobby bilden. Doch im Zuge der Debatten über das geplante Kulturgutschutzgesetz (KGSG, siehe auch Seite 8) rückten sie zusammen (wie berichtet) und erkannten, dass ein gemeinsamer Auftritt unumgänglich ist, soll politisch Einfluss genommen werden.

Dass der Verein, der von Fragen des Beirats bis zum Jahresbeitrag noch etliche Abstimmungen im Detail vornehmen muss, personell stark aufgestellt ist, zeigt sich anhand der Vorstandswahlen vom 23. Februar. Wie zu erwarten, wurde der Mann, der seit Monaten das aktuelle Gesetzgebungsverfahren ungeheuer engagiert und kritisch begleitet, nämlich Harald Falckenberg, Hamburg, zum Vorsitzenden gewählt. Als sein Stellvertreter wird Tilman Kriesel aktiv, Vorstand der Stiftung Sprengel aus Hannover.

Auf dieser Position war in Insiderkreisen zunächst mit Hartmut Fromm, Berlin, gerechnet worden. Doch der weithin bekannte Anwalt, der Prominente wie Erich Marx oder Thomas Middelhoff vertritt, geriet in jüngster Vergangenheit wiederholt in die Medien (»Der Spiegel«, 6.2.; »Süddeutsche Zeitung«, 27.2.), weil er als »Gehirn hinter dem verschachtelten Firmenkonstrukt um Thomas Middelhoff« (»SZ«) auszumachen ist: »Fromm, immer wieder Fromm«.

Es sei nicht trennscharf erkennbar, in wessen Auftrag und Interessen er gerade handelt, schreiben die »SZ«-Wirtschaftsjournalisten Leo Klimm und Uwe Ritzer: »Als Middelhoffs Freund, als sein Anwalt oder aber für sich selbst«. Obgleich juristisch alles wasserdicht zu sein scheint, gegen Hartmut Fromm kein wirklich relevanter Vorwurf erhoben werden kann, ist durch die Darstellung des Anwalts als gewiefter Geschäftsmann ein gewisser Hautgout aufgekommen. Und bevor auch nur ein Hauch atmosphärischer Verstimmung etwa die KGSG-Verhandlungen belasten könnte, so dürfte überlegt worden sein, soll Fromm, noch kürzlich im Aktionsbündnis-KGSG-Zusammenhang erwähnt (siehe ID 598, Seite 11), von der zweiten Vorstandsreihe aus den neuen Verein »Kunstsammler e.V.« unterstützen. Er wird den Schatzmeister geben, und das ist gewiss gut so, denn von Finanzen versteht er schließlich viel.

Vorgesehen ist obendrein, die promovierte Kommunikationsmanagerin Astrid Lilja am Vereinssitz Berlin (Kunstsammler e.V., Koenigsallee 37 A, D-14193 Berlin, kontakt@kunstsammlerverein.de) als Geschäftsführerin einzusetzen. Auch im Vorstand sind die Frauen bestens vertreten: Elizabeth Herzogin in Bayern, München, Christina Berking, Hamburg, und Carolin Scharpff-Striebich, Stuttgart, gehören dazu. Unter den Gründungsmitgliedern zudem bekannte Sammler wie Ingvild Goetz, Egidio Marzona und Thomas Olbricht. Eingebunden außerdem Peter Raue, dessen Anwaltskanzlei vor vier Wochen für das Aktionsbündnis Kulturgutschutz (kulturgut@t-online.de) einen dreiseitigen, sinnvollen Forderungskatalog erstellt und verbreitet hat (Aussendung an Bundestagsabgeordnete und Mitglieder des Bundesrat-Kulturausschusses). Von der zeitlichen Komponente im Kontext des national wertvollen Kulturgutes (Forderung: Objekte müssen vor der Eintragung länger als 50 Jahre in Deutschland gewesen sein) bis zur Aufbewahrungsverpflichtung begleitender Dokumente (Forderung: Paragraph 45 des Regierungsentwurfs ändern, um den Handel nicht zur 30-jährigen Aufbewahrungspflicht zu zwingen, sondern die Zehn-Jahres-Frist beizubehalten) – insgesamt acht Punkte, die berücksichtigt werden sollten, um das neue Gesetz erträglich und praxistauglich zu machen.

Allein diese Auseinandersetzungen, die nun den Anstoß zur Vereinsgründung gegeben haben, zeigen aufs Deutlichste, wie wichtig es ist, dass sich die Kunstsammler organisieren. Dank dieser Vereinsgründung wird im Gegenzug fortan auch auf den verschiedenen politischen und behördlichen Ebenen eine sichere Basis gegeben sein, Gespräche zu führen. Denn zuletzt stellte sich automatisch die Frage, ob denn beispielsweise Harald Falckenberg, von Haus aus Jurist, überhaupt legitimiert sei, für die deutschen Sammler zu sprechen, wenn er, uneigennützig, in Berlin oder in Hamburg mit juristisch versierten Mitarbeitern von Kulturstaatsministerin Monika Grütters verhandelte. Dass der Verein kein harmloser Stammtisch sein kann, sondern innerhalb kürzester Zeit reichlich Gewicht in der Kulturszene haben wird, dokumentiert seine Satzung, Paragraf zwei. Der Zweck des Sammler-Vereins liegt unmissverständlich in der Interessensvertretung der Mitglieder, der Ansprechpartner-Funktion und in der internen Beratung und Unterstützung der Mitglieder. Versierte Juristen, so scheint es, gibt es in dieser neuen Lobby genug, um notfalls auch die Politik aus den Angeln zu heben.

In dieser Ausgabe
Im Weltkulturerbe Völklinger Hütte setzt Meinrad Maria Grewenig nun auf »Buddha« (Seite 4). Pressestimmen zur TEFAF, Maastricht (Seite 6). Wie es nach dem frühen Tod der Franz-West-Witwe im Nachlass-Streit weitergeht (Seite 8). Wie sich der Zeitplan in Sachen Kulturgutschutzgesetz darstellt (Seite 8). Architekturbiennale Venedig: Der Deutsche Pavillon mutiert zur Flüchtlingsunterkunft (Seite 10). Die 9. Berlin Biennale rückt näher (Seite 11). Dresden, tatsächlich eine Kulturhauptstadt Europas (Seite 13)? Bundeskulturstiftung: Über 16 Millionen Euro für das Bauhaus-Jubiläum im Jahr 2019 (Seite 15). Franz Wilhelm Kaiser, der Neue im Bucerius Kunst Forum, Hamburg (Seite 18). Deutschlandjahr in Mexiko (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 598 – Editorial

Informationsdienst KUNST 598

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, dass der Schweizer Sammler und Verleger Michael Ringier, der vor zehn Jahren (über den Juno Kunstverlag in Berlin) die Zeitschrift »Monopol« übernahm, schon seit längerem keinen Spaß mehr am wirtschaftlich bedrohlich dümpelnden Blatt hatte, war bekannt – spätestens seit seinen allerdings gescheiterten Verhandlungen mit dem Verlag Axel Springer. Immerhin soll Ringier, so wird kolportiert, rund zehn Millionen Euro versenkt haben, weil sich »Cicero« und insbesondere »Monopol« nicht profitabel betreiben ließen. Allein das in der Kunstszene durchaus beliebte und zuletzt vom nun (zusammen mit Anzeigenleiterin Anne Sasse) geschassten Holger Liebs dirigierte »Monopol«-Heft soll es lediglich auf 35 000 verkaufte Exemplare pro Ausgabe gebracht haben, wobei ohnehin 10 000 Magazine in schwer steuerbare Lufthansa-Distributionskanäle geleitet wurden. Unter dem Strich nicht genug, um rentabel zu sein – zumal das Anzeigengeschäft bekanntlich unter allerlei fragwürdigen Dumping-Deals litt, die zu wenig Geld in die Kasse brachten. Nachvollziehbar also, dass Ringier jetzt endlich die Notbremse zog und sich von den beiden defizitären Titeln, »Cicero« und eben »Monopol«, trennen musste.

»Monopol«, das es nicht schaffte, von der Insiderschrift zum Publikumsblatt aufzusteigen, wird vom 1. Mai an in neuen Eigentümer-Händen sein, nämlich unter der Regie der beiden bisherigen »Cicero«-Chefs Christoph Schwennicke und Alexander Marquier weitergeführt. Michael Ringier, großzügig, hat dem Duo besondere Konditionen eingeräumt, auch Unterstützung für den Übergang gewährt, so dass sie in ihrem eigenen neuen Res Publica Verlag in Berlin einen allerletzten Versuch wagen können, doch noch die richtige Kurve zu nehmen, um eines Tages in die Gewinnzone zu kommen.

Indessen: Skepsis ist angesagt, große Skepsis. Denn wenn es einem Haudegen vom Kaliber Michael Ringier nicht gelingt, Zeitschriften erfolgreich darzustellen (»Cicero« und »Monopol« machten zuletzt etwa anderthalb Millionen Verlust pro Jahr), obgleich ein gutes Jahrzehnt Investitionszeit zur Verfügung stand, wie sollen dann zwei Greenhorn-Verleger brillieren?

Obendrein weiß man in der Branche, dass weder Schwennicke noch der erzkonservative Marguier irgendetwas von Kunst verstehen. Zwei wirklich hochqualifizierte Politik-Journalisten mit »FAZ«-, »Süddeutsche«- und »Spiegel«-Vergangenheit, aber keine Fachleute in Sachen Kunst. Dass Liebs (den man gerade in dieser Phase bräuchte) ausgerechnet jetzt gehen muss, dass Ringier in Absprache mit den neuen Verlegern quasi den Kehraus macht und per Kündigung beziehungsweise Auflösungsvertrag den bösen Buben gibt, spricht Bände: Kein Zweifel – »Monopol« wird vom Mai an nicht mehr »Monopol« sein, sondern neu ausgerichtet.

Aber wohin? Was soll daraus werden? Und wer soll den Chefredakteur geben? Fragen über Fragen, zur Stunde noch unbeantwortet. Im Zuge der Überlegungen von Schwennicke und seinem Partner wird zu bedenken sein, dass das direkte Markt-Umfeld eng gestrickt ist. Da gibt es nach wie vor Tim Sommers »Art«, weiterhin mit höherer Auflage als »Monopol« im Wettbewerb, außerdem dank Gruner + Jahr bestens gebettet. Dann darf man die »Weltkunst« unter der Chefredaktion von Lisa Zeitz und unter den Fittichen der »Zeit« keinesfalls unterschätzen.

Schließlich: Springers Antwort auf das nicht zustande gekommene Zusammenspiel mit Ringier, »Blau«, das »Welt«-Beilagen-Magazin von Cornelius Tittel, will allein schon vor dem finanzstarken Verlagshintergrund im Kreis der wichtigsten Monatsmagazine ernst genommen werden. Schwer vorstellbar, dass in dieser solventen Liga auf Dauer noch ein Platz für den kleinen Res Publica Verlag bleibt, der »Cicero« und »Monopol« fortan nur mit der Hälfte des bisherigen Personals produzieren will.

»Ein echter Balanceakt auf dem Hochseil«, schrieb Schwennicke kürzlich mal in einem »Cicero«-Editorial. Was auf die als »Blonde Hoffnung« promotete CDU-Frau Julia Klöckner bezogen war, gilt nun für ihn selbst. Die Prophezeiung liegt nahe, dass die neuen »Monopol«-Eigentümer abstürzen werden – trotz der Starthilfe von Michael Ringier. Die Weissagung kommt nicht von ungefähr: Denn die Einstellung des Magazins, so heißt es, wäre die kostengünstigste Lösung gewesen, und es gibt wenig Grund zur Annahme, dass die versauten Sitten im »Monopol«-Anzeigengeschäft zu beseitigen sind oder jemand kommt, der die Zeitschrift redaktionell besser macht, so dass sie mehr Leser findet. In diesem Sinne: Ade, »Monopol«, schon vor dem letzten Aufbäumen.

In dieser Ausgabe
In Wien scheinen die Mitarbeiter aus dem Museum Belvedere zu flüchten (Seite 2). Durchweg Lob für die von Verkaufserfolgen gekrönte art KARLSRUHE (Seite 4). Zwei Kunstmessen in Los Angeles annulliert, Paris Photo und FIAC (Seite 6). Neue Sachlichkeit: Das Aktionsbündnis in Sachen Kulturgutschutzgesetz (Seite 9). Warum Max Hollein die Sammlung Fara Dibas nicht in Frankfurt zeigt (Seite 9). Bundesweite Empörung: Museum Morsbroich angezählt (Seite 13). Berlin: Generaldirektor Michael Eissenhauer als Museumschef der Gemäldegalerie (Seite 15). Madrid: Starke ARCO (Seite 19). Vertrag bei Marlborough: Auftrieb für Werner Büttner (Seite 22). Planungspleite an der Bauhaus-Universität in Weimar (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 597 – Editorial

Informationsdienst KUNST 597

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ganz nach Wohnort, Lebensmittelpunkt, Perspektive oder Profession: Für manche Zeitgenossen ist Berlin, die Metropole im deutschen Sprachraum schlechthin, zugleich die Hauptstadt der Kultur; andere halten die Flughafen- und Staatsoper-Katastrophen-City schlichtweg für überschätzt. Manche Rheinländer, nach kurzen Etablierungsversuchen in Berlin reumütig nach Köln oder Düsseldorf zurückgekehrt, rümpfen die Nase, wenn es um das mächtige Berlin geht. Einige Hanseaten fahren morgens nach Berlin – und abends oder nachts, wenn das Notwendige erledigt ist, schnell zurück an die geliebte Elbchaussee. Ein bisschen Lokalpatriotismus schwingt eben immer mit, wenn man mit Hessen, Bayern, Niedersachsen oder Kulturfreunden aus anderen Bundesländern über Berlin spricht.

Dabei wird freilich schnell klar, dass die Stadt als Bundeshauptstadt unter besonderer Beobachtung steht – und dabei nicht immer gut abschneidet. Denn die hohen Ansprüche des sendungsbewussten Bundes werden auf Landesebene Berlin nicht ausreichend umgesetzt. Da liegt vieles im Argen, und genau an diesem Punkt setzt die Arbeit eines wenig bekannten, gleichwohl hinter den kulturpolitischen Kulissen überaus aktiven »Forum Zukunft Kultur« ein, einer Arbeitsgruppe der vom Vorstandsvorsitzenden Volker Hassemer dirigierten Stiftung Zukunft Berlin. Insgesamt sollen es rund 300 Berliner sein, die im Hintergrund und in unzähligen Initiativgruppen ehrenamtlich tätig sind, allesamt Fachleute, die das Mitarbeiter-Team der gemeinnützigen, operativ vitalen Stiftung unterstützen. Ein bescheidener, gleichwohl mächtiger Geheimbund.

Die Kultur-Arbeitsgruppe (Projektmanagement: Anett Szabó), der Experten wie Wibke Behrens, Manfred Eichel, Andreas Richter, Jochen Sandig, Alice Ströver und Anemone Vostell angehören, hat in den vergangenen zweieinhalb Jahren ein detailliertes Positionspapier erarbeitet, das zum Monatsende im Rahmen einer Pressekonferenz vorgestellt werden soll – und letztlich wie eine Handlungsempfehlung zu lesen ist. Die sorgsam formulierte Schrift, als Analyse der acht Sparten des Berliner Kulturlebens zu werten, Stärken und Schwächen inklusive, Chancen und Risiken nicht weniger genau beleuchtet, bietet rund 30 Din-A-4-Seiten Umfang und zeugt von einem kulturpolitischen Weitblick, wie man ihn gerne einmal aus dem Büro des Berliner Kulturstaatssekretärs sehen möchte. Aber vielleicht sind unabhängige Bürger ohnehin grundsätzlich die schärfer wahrnehmenden Beobachter und Kritiker der staatlich verantworteten Lage.

Auf jeden Fall: Diese Publikation, die am 25. Februar (11 Uhr, Hotel »Das Stue«, Drakestraße, Berlin) als Drucksache vorliegen soll, enthält so viele Anregungen, dass niemand an ihr vorbeikommen wird, der sich für die Kultur in Berlin interessiert und manche Entwicklungen besorgt zur Kenntnis nimmt. Die Verfasser haben vom Musikleben über das Geschehen auf der Bühne oder in der Literatur bis zur Freien Szene sämtliche Bereiche untersucht und präzisiert, wo es in der Berliner Kultur tüchtig kneift, wo Handlungsbedarf vonnöten ist.

Das Spektrum der anstehenden Aufgaben reicht von Steuerungsprozessen auf der Kommunikationsebene Bund/Land über Maßnahmen zur Förderung der Kultur-Teilnahme von Bürgern mit Migrationshintergrund bis zur Weiterentwicklung in Sachen Raum-Management für Kulturschaffende. Fast alles gut nachvollziehbar (sieht man von dem obsoleten Ruf nach Ausstellungshonoraren ab) und sehr hilfreich. Kulturstaatssekretär Tim Renner wird sich damit auseinandersetzen müssen. Denn letztlich hat das »Forum Zukunft Kultur« für ihn die Hausaufgaben gemacht, übrigens auch sachverständig im Bereich Kunst, wo unter anderem empfohlen wird, den geschwächten Marktplatz Berlin durch die erneute Einrichtung einer international wirkenden Messe zu stärken. In der Vergangenheit war in Szene-Gesprächen oft genug daran erinnert worden, dass das einst dichtgemachte Art Forum eine zweite Chance bekommen müsste, wenn Berlin als Umsatz-Ort nicht untergehen will.

In dieser Ausgabe
Noch fehlt der Mut zum Neuen im Wettbewerb für das Museum des 20. Jahrhunderts (M 20) in Berlin (Seite 4). New York: Umbau-Pläne im MoMA geraten ins Stocken (Seite 8). Aufatmen im Atelier von Markus Lüpertz: Gestohlene Bilder zurück, mit einer Ausnahme (Seite 8). »Vorreiterrolle«: Die Hamburger Kunsthalle stellt 15 000 Werke des Kupferstichkabinetts ins Internet (Seite 10). London: Zum Auftakt der Auktionssaison wird über deutsche Kulturpolitik geredet (Seite 11). Sammlerin Christiane zu Salm jetzt auch als Verlegerin tätig (Seite 14). Zur Jubiläumsmesse in Köln geht der Art-Cologne-Preis an den Münchner Galeristen Raimund Thomas, Mitgründer des Kölner Kunstmarkts (Seite 14). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 596 – Editorial

Informationsdienst KUNST 596

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich hat der Hausherr einer Institution dieser Größenordnung anderes zu tun, als sich selbst um die Gestaltung seiner Räume zu kümmern. Doch letztlich verströmen Amtssitze aller Art ein besonderes Fluidum, so dass eine Wirkung entsteht, die viel über Macht-Menschen aussagt. Wüsste man nicht, dass Hermann Parzinger, der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, ein durchaus umgänglicher und weltoffener Chef seiner Generaldirektoren und Abteilungsverantwortlichen ist, könnte man prompt meinen, der Mann sei unnahbar, letztlich 19. Jahrhundert wie die von ihm und seinem engsten Mitarbeiter-Stab genutzte Villa von der Heydt im Tiergartenviertel in Berlin. Ein repräsentatives Gebäude, seit 1980 von der Stiftung und ihrer Hauptverwaltung bespielt.

»Bespielt« – das klingt leicht, dynamisch, das suggeriert sogar, dass Bewegung möglich ist. Doch beim Betreten der großen Eingangshalle, die als Wartezone für angemeldete Besucher dient (ich hatte vor Tagen ein Hintergrund-Gespräch mit Parzinger und seinem Kommunikationsdirektor Ingolf Kern vereinbart), kam es mir so vor, als sei die Zeit stehen geblieben. Mit Ausnahme der Gauck-Porträtfotografie und eines altbackenen dreidimensionalen Tourismus-Innovationspreises aus dem Jahr 2009, kurz nach Parzingers Amtsantritt, alles hier seit Jahrzehnten unverändert? Ein paar gemalte Preußen-Könige an der Wand, zwei Marmortische, unglücklich im Raum platziert, ein schwerer Schrank aus dem Möbel-Lager der Stiftung, ein geschichtsträchtiger Teppich im XXL-Format – ebenso eindrucksvoll wie einschüchternd, dieses Ambiente.

Wer hier zum Bewerbungsgespräch antreten muss (die Personalabteilung ist über die Ehrfurcht gebietende Treppe erreichbar), der wird vermutlich, vom nervösen Darm geplagt, unverzüglich nach den Toiletten fragen. Und wer als Mitarbeiter ins Allerheiligste gerufen wird, ins Zimmer des Präsidenten, der dürfte sich kleiner fühlen, als er es sollte, wenn er eine gute Arbeit machen will. Was aber ist eine gute Arbeit, wenn in einer verkrusteten, vielfach verankerten, langfristig unbeweglich gemachten Personalstruktur selbst ein Autoritätskaliber wie Parzinger eher kleinlaut einräumt, dass manche durchaus sinnvollen Korrekturen und Verschlankungen nicht möglich sind, allenfalls langfristig? Wo die eine oder die andere Stelle des knapp 1800 Mitarbeiter zählenden Personals umgewidmet oder aufgehoben wird, lässt sich nicht wirklich sparen (obwohl das vonnöten wäre, siehe ID 594, Editorial), weil andernorts gestiegene Personalkosten das Eingesparte sofort aufzehren (der Generaldirektor der Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, übernimmt nach der Sommerpause zusätzlich und ohne Extra-Salär die Leitung der Gemäldegalerie und des Bode-Museums, so dass eine Direktorenstelle entfällt). Eigentlich Donquichotterie, würde der Präsident diese Crux nicht selbst durchschauen.

Einen modernen Dienstleistungsbetrieb aus einer bald 60 Jahre alten Stiftung zu formen, die von den Bundesländern ohnehin eher widerwillig, allemal nur halbherzig mitfinanziert wird, ist zugegebenermaßen nicht leicht. Aber es gibt bekanntlich Möglichkeiten, und die beginnen dort, wo rein räumlich Zeichen gesetzt werden. In der Eingangshalle der Stiftung zum Beispiel. Weg mit dem hochwertigen, aber sinnlos gewordenen Plunder, so möchte man raten; her mit einer zeitgemäßen, wirklich nutzbaren Möblierung (über Museumsräume verfügt die Stiftung schließlich reichlich), so dass schon beim Betreten des Hauses augenscheinlich wird, dass sich die Ära Parzinger deutlich von jener seines Vorgängers und dessen Vorgänger abhebt.

Man kann doch nicht einerseits überlegen lassen, wie die Museen am vernachlässigten Kulturforum attraktiver gestaltet und beworben werden könnten (der zuletzt als Gurlitt-Taskforce-Sprecher tätige Matthias Henkel ist zusammen mit Ingolf Kern im Spezialeinsatz), wenn man, andererseits, keinen Wert darauf legt, die eigene Stiftungsvilla auf Vordermann zu bringen, denke ich. Jeder Galerist weiß, dass die Glaubwürdigkeit seiner Vermittlungsarbeit nicht nur mit ihm selbst und den ausgestellten Bildern zu tun hat. Immer auch geht es um Räume, um die richtige Form für den richtigen Inhalt. Und Parzingers nach vorn gerichtete Botschaft ist unmissverständlich: Entstaubung, Entschlackung, Entschlusskraft.

In dieser Ausgabe
Das Garantien-Spiel im Auktionsgeschäft hat die Schmerzgrenze erreicht (Seite 4). Wie sich ein documenta-Kritiker blamiert (Seite 6). Biennale, Venedig: Christine Macel als Jeanne d’Arc (Seite 7). Jetzt sucht auch David Zwirner Galerieräume in Hongkong (Seite 10). Wien: Streit zwischen der Israelitischen Kultusgemeinde und dem Leopold Museum spitzt sich zu (Seite 12). Im rechten Abgrund unterwegs: Peter Sloterdijk outet sich (Seite 14). Branchengespräch: Fragwürdige Aussteller-Zulassungen auf der TEFAF, Maastricht (Seite 15). Politiker-Porträt mit Einschussloch: Günther Oettinger, gemalt von Anke Doberauer (Seite 18). Hype oder Tschüss: Christian Rosa (Seite 20)? Kritik: Kasper König im Fernsehen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 595 – Editorial

Informationsdienst KUNST 595

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich haben wir genug andere Probleme, die gemeistert werden wollen, die vordringlich erscheinen. Ich denke an die weltpolitische Lage, an die Krisenherde der hausgemachten, gleichwohl globalen Art, weil im Zuge internationaler Vernetzung jeder Konflikt zwischen zwei Ländern weit ausstrahlt und die Staaten-Gemeinschaft belastet. Ich denke an den Terrorismus, an die Flüchtlingsdebatte. Aber eben auch an wirtschaftliche Verflechtungen. Wenn in China ein Spaten umfällt, dann juckt das eben mittlerweile auch die Börse in Frankfurt. Mitten im Branchen-Thema. Wenn man in Aktien nicht mehr investieren mag, wenn man genug Immobilien besitzt oder keine renditeträchtigen mehr findet oder bauen kann, was dann? Kapitalanlage Kunst, Mehrwertsteuer hin, Kulturgutschutzgesetz her?

Interessant, dass im Bereich der Klassischen Moderne das Beste weitgehend abgeschöpft und in den privaten oder öffentlichen Museen gelandet ist? Bedeutsam, dass so manche Investition in die Gegenwartskunst voller Risiken steckt, weil niemand garantieren kann, ob der Marktwert einzelner Künstler weiter steigt (oder plötzlich wieder fällt)? Rundum und zwangsläufig auch aus den Aktionshäusern zu hören, dass man sich mit mehr oder weniger frischer Ware heutzutage leichter tut als mit den Bildern der Vergangenheit – zumal allerlei Verunsicherungen durch die erwähnten gesetzlichen Neuregelungen spürbar werden.

Wohin mit den Bildern, mit dem eigenen Besitz, ihn weiter mehren, ihn lieber reduzieren, gar ins Ausland schleusen? Öffentlich ausstellen, steuerlich günstige Zehn-Jahres-Fristen im Visier, dabei die eigene Reputation aufwerten, weil man irgendwann die ganze Sammlung gewinnbringend in den Markt zurückführen will? Oder diskret bleiben, ganz diskret, allenfalls wohldosiert den eigenen Besitz zeigen (in der zweiten Jahreshälfte wird es eine solche Überraschung in Hamburg geben, zeitgleich in den Deichtorhallen und in Harburg bei Falckenberg, wo die Sammlung Viehof auftauchen soll)?

Auch mit dem öffentlichen Kunstbesitz ist es so eine Sache; die Depots bersten aus allen Nähten, zumal die Heute-Kunst raumgreifender wirkt als jene Flachware, die früher zu archivieren war. Und Politiker beschaffen ungern Etatmittel für schmucklose, funktionale Lagerräume; lieber sorgen sie dafür, dass wieder irgendwo ein Neubau oder, wenigstens, ein schicker Museumsanbau entsteht, um sich im Scheinwerferlicht inszenieren zu können. Immer das Gleiche. Was also raten, was tun, wenn dank einer von Jahr zu Jahr zunehmenden künstlerischen Produktion der ohnehin gigantische Bilderberg weiter wächst, kein Pardon gibt – und allmählich ein volkswirtschaftliches Problem entsteht? Kurzerhand, wie ich es vor vielen Jahren schon einmal vorgeschlagen hatte, jede zweite Akademie dichtmachen? Brauchen wir zwei in Bayern, gar zwei gleich in einer Stadt, in Karlsruhe nämlich? Würde nicht ein gutes Dutzend in Deutschland genügen?

Dazu, natürlich, fehlt die Lobby, der politische Durchsetzungswille ohnehin. Denn populär sind nicht Schließungen, sondern alle Maßnahmen, die Gegenteiliges implizieren. So dreht sich die Spirale der Hoffnung (unzähliger Studierender) immer weiter ins Eingemachte, und dabei fallen Späne, die mir manchmal den Atem nehmen, wenn ich meinen Post-Eingang und den gemailten Dilettantismus sehe. Man sollte Umschulung empfehlen und tut es, zu dumm, dann doch nicht, weil man niemand verletzen möchte, weil in einer freiheitlichen Gesellschaft gottlob auch jeder das Recht hat, das zu machen, was ihm beliebt, solange er andere Rechte nicht einschränkt. Also Löschtaste. Und weiter im Tagesgeschäft.

Dass man derzeit in Rotterdam und zwar immerhin und ausgerechnet im Boijmans Van Beuningen, dem anerkannten Haus, darüber nachdenkt, die Qualitätsfrage hintan zu stellen und ein öffentlich zugängliches Schaudepot einzurichten, wo man für etwa 400 Euro Miete pro Quadratmeter und Jahr seinen privaten Bilderberg vorführen und letztlich museal adeln kann, vermittelt die Brisanz des Themas. Derart zugespitzt hat bislang noch kein Museum auf die überall angespannte Finanzlage und zugleich die unaufhaltsam fließende Bilderflut reagiert, und ich weiß nicht so recht, ob ich nicht doch, aller Bedenken zum Trotz, laut applaudieren soll.

Denn schließlich ist dieses Denkmodell, das in den Niederlanden ernsthaft diskutiert wird, auch ein Zeichen einer verfallenden Museumskultur, eines Werteverlusts. Ein Aufhänger für grundsätzliche Debatten. Die öffentlichen Institute müssen immer mehr Geld selbst einspielen (in Rotterdam rund die Hälfte des Gesamtetats) – und geraten dadurch zwangsläufig auf die schiefe, die korrupte Bahn. Es zeigt sich, einmal mehr, die Verdorbenheit eines Kunstbetriebs, der in allen Bereichen dringend auf den Prüfstand gehört.

In dieser Ausgabe
Wie in anderen europäischen Ländern die Kulturgut-Ausfuhr geregelt ist (Seite 4). Warum der »Stern« in Sachen Kunst nicht mehr informiert sein will (Seite 8). Frankfurt: Max Hollein gegen Besuchermaximierung als oberstes Ziel (Seite 8). Larry Gagosian und die Königsfamilie von Katar im Clinch um Picasso-Büste (Seite 9). Stress in Berlin: Schloss-Bauherr Manfred Rettig tritt überraschend ab (Seite 11). London: Die Dercon-Nachfolgerin an der Tate Modern heißt Frances Morris (Seite 12). Feigheit im Auktionshaus: Artcurial, Paris (Seite 13). Dürftige Bilanz der Taskforce Schwabinger Kunstfund (Seite 14). Geburtstagsfeiern: 100 Jahre Dada (Seite 17). Wie sich die Markt-Preise von Daniel Richter entwickeln (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 594 – Editorial

Informationsdienst KUNST 594

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zum Jahreswechsel sind die Buchhalter in den öffentlichen Einrichtungen und in den privaten Unternehmen gefordert. Etats nicht überziehen, aber auch keine bewilligten Mittel verschenken, weil man sie aus diesem oder jenem Grund im zurückliegenden Jahr nicht beanspruchte. Der Politik keine Zahlen und somit Argumente liefern, die jährliche Förderung in ohnehin angespannten Zeiten zu reduzieren – wohin man schaut: Die Rechenkünstler sind jetzt im Einsatz und ziehen Bilanz und manchmal auch Strippen, um letztlich alles doch noch ins Kameralistik-Lot zu bringen. Im Zuge solcher unumgänglicher Finanz-Akrobatik wabern überall, ob in den Kommunen, den Ländern oder auf Bundesebene, allerlei Gerüchte durch die Szene, die an die traditionsreiche Geldbeutelwäsche denken lassen, wie man sie etwa aus der bayerischen oder der schwäbischen Fastnacht kennt. Dabei ist der »Geldbeitl« meist leer, und je lauter seitens der schwarz gekleideten Narren geklagt und gejammert wird, desto wohlhabender sind sie, lästern Brauchtum-Kenner. Auf die Kulturszene übertragen: Nix glauben, auch das Gegenteil von Ebbe in der Kasse nicht.

Ein Beispiel: Im Dezember wurde in Berlin hinter vorgehaltener Hand kolportiert, dass die mächtigste aller Stiftungen, die aus Länder- und Bundesmitteln gespeiste Stiftung Preußischer Kulturbesitz, im Jahr 2016 weitere sieben Millionen Zuschuss bekommt, dass ihr Haushalt erneut aufgebessert würde, dass sie quasi im Geld schwimme. Zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Museumsdirektoren in Erinnerung, wo es stets um enger zu schnallende Gürtel, diverse Sparprogramme und den legendären Investitionstau ging, lag die Frage in der Luft, wie es pekuniär tatsächlich um die Preußen-Stiftung bestellt ist. Die Antwort kam prompt und präzise, garniert mit einem Dankeschön an Bund und Land Berlin. Indes: Jene 7,2 Millionen Euro, die 2016 als Zuwachs zur Verfügung stehen, liegen weit unter dem tatsächlich vorhandenen, bestens nachvollziehbaren Mittel-Bedarf in Höhe von 12,7 Millionen (allein rund 4,5 Millionen werden für gestiegene Personalkosten veranschlagt). Dabei will bedacht werden, dass es für die Stiftung Preußischer Kulturbesitz in den Jahren 2000 bis 2009 keinerlei Etaterhöhungen gab, dass also in diesem Jahrzehnt erhöhte Ausgaben fällig sind, um diese langjährige Unterfinanzierung auszugleichen.

So besteht im Umfeld von Stiftungspräsident Hermann Parzinger nicht wirklich Grund zur Freude. Im Gegenteil: Sorge ist angesagt, allergrößte Sorge, weil der Betriebshaushalt für 2016 (mit 158,5 Millionen Euro) nicht reicht, um auf dem aktuellen Niveau weiter arbeiten zu können. Das hat Auswirkungen auf die Programmarbeit etwa bei den Staatlichen Museen, das betrifft aber auch Neuerwerbungen und Restaurierungen von Kunstwerken, Werbemaßnahmen ohnehin, was dann wiederum zur weiteren Verschärfung der dramatischen Finanzlage führt. Denn wegen der Sanierung von Pergamonmuseum und Neuer Nationalgalerie sind viele Ausstellungsflächen verkleinert oder völlig geschlossen worden. Ergo: Weniger Einnahmen durch Eintrittsgelder, die aber dem Betriebshaushalt dienen.

Im Zusammenspiel mit gestiegenen Kosten auf vielen Ebenen braut sich zweifellos Unheil zusammen, das allein durch zwei Extra-Zuwendungen des Bundes (zwei Millionen für die Erneuerung der IT-Infrastruktur, drei Millionen für Umzugsvorbereitungen der Dahlemer Museen ins Humboldt-Forum) nicht abgewendet werden kann. Immerhin wird intern geflüstert, dass man bis 2017 mit einem Fehlbetrag von bis zu 15 Millionen rechne (der Betrag würde dann höher ausfallen als die Ankaufs- und Programmmittel).

Was tun? Parzinger, ein Mann der Tat, hat 2016 zwei Möglichkeiten, alternativ oder auch beide zugleich zu realisieren. Er sollte seine knapp 60 Jahre alte Stiftung im Jahr vor dem Jubiläum auf einen knallharten Spar- und Effizienzkurs einschwören, den knapp 1800 Mitarbeitern klarmachen, dass künftig wie in einem hochmodernen Dienstleistungsunternehmen gedacht und gehandelt werden müsse. Inklusive radikaler Verschlankung sämtlicher Strukturen.

Und/oder er könnte seinen Einfluss geltend machen – und auf politischem Parkett versuchen, den Anteil der Länder wesentlich erhöhen zu lassen. Im Gesamthaushalt 2015 (mithin Betrieb und Bau; insgesamt 287 Millionen) waren sie gerade mal mit rund 37,5 Millionen Euro vertreten. Das ist für das einzelne Bundesland nicht viel, quasi Portokasse. Heißt es in der Chronik der Stiftung nicht, dass die föderale Trägerschaft ein Ausdruck der Erkenntnis sei, dass »alle Beteiligten die Wahrung des preußischen kulturellen Erbes als eine gesamtstaatliche Aufgabe ansehen und annehmen«?

In dieser Ausgabe
Ritterschlag für Kai Althoff, Einzelausstellung im MoMA (Seite 2). Erste Bedenken gegen den Einsatz von Neil MacGregor im Humboldt-Forum (Seite 4). Sensationell: Mark Porter wechselt von Christie’s zum Erzrivalen Sotheby’s (Seite 5). Zehn Jahre Haft für Philip Rivkin und Versteigerung seiner Sammlung (Seite 8). Spagat zwischen HfG und AfD: Marc Jongen, Karlsruhe (Seite 8). Springer-Kampagne gegen Monika Grütters gerät ins Stocken (Seite 10). Goldenes Kölsch für die Art Cologne (Seite 11). Der Markt von Christian Jankowski (Seite 14). Tauziehen um den Becher-Nachlass (Seite 17). St. Moritz: Buhei um Vito Schnabel (Seite 17). Wenn Facebook eine Plastik von Rodin zensiert (Seite 20). Impressum (Seite 25).