Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 679 – Editorial

Informationsdienst KUNST 679

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, egal, ob Art Basel oder Art Cologne, ob die Messen in Berlin, Düsseldorf, Karlsruhe oder anderorts: Ohne diese Märkte geht’s nicht mehr. Die Szene ist in den vergangenen Jahren derart gewachsen, dass Überblick und Umsatz nur noch möglich sind, wenn man an den Kunstmessen teilnimmt. Dass dort folglich zunehmend ein harter Bandagen-Kampf um Standplätze, Nachbarschaften, Alleinstellungsmerkmale und vor allem die Sammler zu attestieren ist, verwundert nicht. Erschwert wird die Situation durch die Tatsache, dass vor langer Zeit, als die Branche noch nicht so groß war, die damals sinnvolle Maßnahme realisiert wurde, die Zulassungsgremien mit Galeristen zu besetzen. Wer einen Messe-Stand mieten wollte, musste mit seiner Bewerbung durch den Beirat kommen, und zunächst waren alle Marktteilnehmer froh, dass eben kompetente Kollegen entscheiden konnten, nicht etwa die Messegesellschaften, wer teilnehmen darf.

Was einst unumstritten und richtig war, macht heutzutage laufend Probleme. Denn immer offensichtlicher wird es, dass in vielen Zulassungsgremien auch Überlegungen eine Rolle spielen, die natürlich offiziell bestritten werden, aber längst gang und gäbe sind. Führende Aussteller, im Beirat tätig, achten immer häufiger darauf, dass der Kreis der direkten Mitbewerber nicht überhandnimmt. Ergo: Wer selbst den Künstler A vertritt, hat wenig Interesse, dass allzu viele Galeristen zugelassen werden, die ebenfalls mit A handeln. Nachdem vor Jahren schon etliche juristische Auseinandersetzungen um die Entscheidungen der Messe-Zulassungsausschüsse nicht die gewünschten Erfolge beschert hatten, nahm der Papierkrieg dieser Art zuletzt zwar ab, doch es scheint, dass im Umgang miteinander nun eine neue Eskalationsstufe erreicht wurde, die von einer vergifteten Atmosphäre unter Galeristen zeugt.

Auch das Galeristen-Paar Elisabeth und Klaus Thoman hat die vornehme Zurückhaltung aufgegeben und vor kurzem unter dem Motto »Das Maß ist voll!« einen Angriff gestartet, der nachdenklich stimmt. Namentlich greifen die Innsbrucker Galeristen mit Spielstätte in Wien sechs Kollegen an, die im Zulassungskomitee der viennacontemporary tätig sind und angeblich wiederholt (»das dritte Jahr in Folge«) versucht hätten, »unsere Teilnahme einzuschränken beziehungsweise zu verhindern«. Persönliches Konkurrenzdenken, so meinen die Thomans, hätten anerkannte Galeristen wie Ursula Krinzinger und Nikolaus Oberhuber dazu getrieben, »potente österreichische Galerien von der Teilnahme an der viennacontemporary auszuschließen« (in diesem Jahr vom 26. bis 29. September). Die Abweisung, angeblich wegen »Platzmangel« (Galerie Thoman), beschädige die gesamte Szene. Elisabeth und Klaus Thoman: »Wir arbeiten seit 1977 mit einigen der wichtigsten österreichischen Künstlerinnen und Künstlern. Es ist eine Beleidung für sie, ihre vertretende Galerie abzuweisen.« Die Thoman-Künstlerliste verzeichnet renommierte Namen wie Gunter Damisch, Bruno Gironcoli, Hermann Nitsch, Walter Pichler, Arnulf Rainer, Erwin Wurm und Oswald Oberhuber.

Apropos Oberhuber: Sein Sohn, Nikolaus Oberhuber, Miteigentümer von KOW, Berlin und Madrid, zeigt seit wenigen Tagen in Spanien eine Einzelausstellung mit Werken seines Vaters (bis Ende Juli), und allzu gerne hätte man ihn gefragt, ob die Thomans mit ihrem Vorwurf womöglich ins Schwarze getroffen haben. Doch trotz vorübergehender Hoffnung, mit dem Sohnemann telefonieren zu können, kein Rückruf, kein Statement per E-Mail. Auch die Grand Old Lady Krinzinger schweigt. Keine Antwort auf die Anfrage. Einzig der Geschäftsführer der viennacontemporary, Renger van den Heuvel, gibt ein Feedback, ein äußerst mageres. »Das Reglement der Messe sieht vor, dass ein Komitee über die Zulassung der Galerien entscheidet.« Und dann dankt er noch für das (gar nicht vorhandene) Verständnis, dass einzelne Fälle von ihm nicht kommentiert werden. In der Tat geht es ohnehin um Grundsätzliches: Auch der jüngste Konflikt in Wien dokumentiert nämlich, dass es Zeit wird, die Regularien allerorten zu überprüfen. Das Ziel: Reine Galeristen-Zulassungsgremien sollten abgeschafft werden. In die Beiräte gehören unabhängige Museumsleute, Privatsammler, Kunstkritiker, nicht so viele Aussteller, die nach Gutdünken über Mitbewerber urteilen dürfen.

In dieser Ausgabe: Bundeskunsthalle Bonn ade – Rein Wolfs übernimmt die Direktion des Stedelijk Museums in Amsterdam (Seite 3). New York: Die Dia Art Foundation erweitert ihre Ausstellungsfläche in Chelsea (Seite 9). Urheberrechtsschutz dank Blockchain-Technologie: Die Firma Concensum verspricht ein weltumspannendes Register für Fotografien im Netz (Seite 12). Chronist der Szene: Benjamin Katz feiert seinen 80. Geburtstag und wird im Kölner Museum Ludwig geehrt (Seite 14). »Top & Flop«: Wie die »Bild«-Zeitung bei ihrer Biennale-Berichterstattung wesentliche Fakten unterschlägt (Seite 18). Gegen das Imageproblem: In Bonn widmet sich eine neue Forschungsstelle der Informellen Kunst (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 678 – Editorial

Informationsdienst KUNST 678

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es scheint, da läuft was schief. Tage vor der Art Basel, kurz nach den großen Mai-Auktionen in New York und zugleich zwei Wochen nach dem Start der Biennale in Venedig stellt sich zum bevorstehenden Saison-Ende die alljährliche Bilanz-Frage. Rechenschaftsbericht vor der Sommerpause. Kunst und Kunstbetrieb wollen erneut auf den Prüfstand genommen werden, und es sieht ganz so aus, als würden die Fakten diesmal nicht so recht zusammenpassen wollen – und folglich eine Debatte auslösen müssen, die immer wieder einmal aufkeimen will, aber sich bislang niemals lange halten konnte.

Tatsache ist, dass nicht nur die Kunst-Branche über die jüngsten Auktionsrekorde staunt, etwa jene 91 Millionen Dollar für einen spiegelnden Hasen von Jeff Koons oder jene 111 Millionen für Claude Monets Heuhaufen im Sonnenlicht, sondern dass derzeit die ganze Welt auf den Kunstmarkt schaut und sich kopfschüttelnd wundert, wie es sein kann, dass solche Erlöse erzielt werden. »Monetäre Obszönität«, so kommentierte vor Tagen die Kritikerin Ingeborg Ruthe. Zahlte vor 33 Jahren jemand zweieinhalb Millionen Dollar fürs Heu, das jetzt auf immerhin 55 Millionen geschätzt wurde, musste am Ende, nach acht Minuten Bietergefecht, das Doppelte bewilligt werden, obgleich dieses impressionistische Bild so einzigartig nicht ist, wie man angesichts des Preises glauben möchte.

Und dass sich ein lebender Künstler, Koons eben, mit einem seiner glatten Kunstfabrik-Produkte jemals ins 90-Millionen-Firmament aufschwingen könnte, das hatten selbst die zuversichtlichsten unter den Christie’s-Experten nicht vermutet. Ihre Taxe lag bei 50 bis 70 Millionen. Nun lässt sich zwar munkeln, dass der über 30 Jahre alte »Rabbit« ein Stützungskauf aus einem seiner Investorenkreise war, weil die Reputation des Künstlers und damit sein Marktwert zuletzt angeschlagen waren (gerichtliche Auseinandersetzungen wegen Plagiatsvorwurf, aber auch wegen nicht gelieferter Ware, obendrein Konflikte mit Mitarbeitern).

Doch letztlich signalisiert dieses verblüffende Auktionsergebnis etwas wirklich Erschreckendes, bedenkt man, dass gleichzeitig in New York für herausragende Werke von Cézanne, Picasso und Mark Rothko »nur« zwischen 50 und 60 Millionen fällig waren. Ja, Bling-Bling heißt die neue Devise in der Kunst. Alles Hip-Hop quasi, wie Grillz für den Mund, Ringe für die Finger, Accessoires für die anderen Extremitäten. Hauptsache, es macht was her, es funkelt und glänzt, Dekadenz pur, so dass niemand auf die Idee kommt, über den Reichtum hinweg und unter die ablenkende Oberfläche zu schauen.

Der »Rabbit« mag also für ein näherkommendes Drama stehen, das in den Produktionsstätten der Künstler und in den Denkstuben der Kuratoren keimt, aber in wenigen Jahren dann auch den Kunstmarkt mit voller Härte treffen wird. Denn der Widerspruch zwischen kommerziellen Erfolgen von Gegenwartskunst und dieser selbst vergrößert sich, von Saison zu Saison. Während die Gesellschaft auf Millionen-Werte auch für jüngste Werke eingeschworen wird, sind diese – Ausnahmen dienen der Bestätigung – einem künstlerischen Zeitgeist verpflichtet, der sich nach und nach auflöst, entbehrlich macht. In Venedig, Biennale, gibt es Beispiele zuhauf, wo man sehen kann, in welche Sackgasse die Künstler geraten, wenn sie sich, vermeintlich politisch korrekt, nur noch der Gewalt und dem Elend in dieser Welt widmen. Irgendwann werden sie einsehen, dass nichts zu verhindern ist. Noch nicht einmal das süßliche Zeug von Jeff Koons.

In dieser Ausgabe: Wie die Biennale in Venedig darauf setzt, dass insbesondere Galerien die Kosten tragen (Seite 6). Warum die Berliner Expressionismus-Tagung auch die Sicht auf Emil Nolde korrigierte (Seite 8). Was Mönchengladbach tut, um an Johannes Cladders zu erinnern (Seite 9). Großer Wurf: Neuer Hochschulbau in Offenbach (Seite 10). Großer Flop: Germano Celants Kounellis-Schau (Seite 11). Große Korrektur: Daniel Hugs COFA-Umbau in Köln (Seite 13). Neuer Beirat zur Aufarbeitung der Kolonialgeschichte in Hamburg (Seite 16). Messemacherin Johanna Penz will trotz finanzieller Probleme expandieren (Seite 19). Stippvisite in München: Überzeugende Galerie-Arbeit (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 677 – Editorial

Informationsdienst KUNST 677

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die gute Nachricht zuerst: Es lohnt, nach Venedig zu reisen – und sich die 58. Biennale anzusehen (bis zum 24. November). Was Ralph Rugoff, London, dieser sympathisch unaufgeregt agierende Ausstellungsmacher, in seiner zweiteiligen Gesamtschau inszeniert hat, wie er das Arsenale und den Zentralpavillon zum Klingen gebracht hat, das überzeugt, alles in allem. Natürlich gibt es ein paar Einwände, eben dort, wo sein Minimal-Konzept seine Schwächen in der Umsetzung zeigt. Rugoff hat sich, im Gegensatz zu vielen seiner Vorgänger, von der üblichen, überdrehten Kuratoren-Diktion verabschiedet – und schlichtweg dafür gesorgt, dass der Kunst selbst jegliche Interpretationshoheit eingeräumt wird. Weder die Künstler noch die Werke dienen irgendeinem Motto, einem einprägsamen Slogan, an dem jedes Bild, jede Skulptur und jeder Film gemessen werden können. Freiheit herrscht, eine Wohltat in der so oft theorieschweren Diskursluft.

Ralph Rugoff, der für seine Biennale einen Goldenen Löwen verdient hätte (neben den »Sun & Sea«-Frauen aus Litauen sowie Arthur Jafa als bester Künstler, siehe Seite 6), tat gut daran, nur noch knapp 80 Teilnehmer einzuladen. Seine Idee: Jeder Künstler liefert zwei Beiträge, einen fürs Arsenale, einen für den Zentralpavillon. Und: Die Werke sollen so unterschiedlich wie möglich ausfallen. Das ist aber eben nur dort gelungen, wo einzelne Maler und Bildhauer sowie Fotografen und Filmemacher in verschiedenen Medien oder Themen unterwegs sind. Nicole Eisenman (siehe Seite 22) beispielsweise als Malerin (Zentralpavillon) und als Bildhauerin (Arsenale) oder Ad Atkins mit Video und Zeichnung oder Jafa, der Löwe, mit Video und Skulptur. Wo das bildnerische Spektrum dagegen nicht weit genug angelegt ist, beispielsweise bei den Schwestern Christine und Margaret Wertheim oder bei Carol Bove, geht die Rugoff-Rechnung nicht auf. A wie B, Arsenale wie Zentralpavillon. Das hätte er wissen müssen.

Gleichwohl: Diese Biennale, wo Künstlerinnen erstmals wirklich stark vertreten sind, atmet aus dem Geist der Kunst; sie muss nichts illustrieren, noch nicht mal die favorisierten Motive der Auseinandersetzung, ob Migration oder Umwelt. Sie überrascht mit vielen Positionen, die noch kaum oder gar nicht vertraut oder bekannt sind, darunter Mari Katayama, Liu Wie, Nabuqi, Handiwirman Saputra und Kaari Upson sowie die chinesischen Mal-Roboter-Artisten Sun Yuan und Peng Yu. Die Großausstellung bringt zudem von Stan Douglas, Jimmie Durham, Cyprien Gaillard, Dominique Gonzalez-Foerster und Lee Bul bis zu Christian Marclay, Teresa Margolles, Julie Mehretu, Jon Rafman und Hito Steyerl etliche bestens im Kunstbetrieb vernetzte Handschriften, die im Dialog mit den Entdeckungen ein sinnliches und mentales Feuerwerk entzünden, das auch beim zweiten Rundgang fasziniert.

Apropos zweiter Rundgang, obendrein die schlechte Nachricht: Der deutsche Pavillon löst eine Riesen-Enttäuschung aus. Im Vorfeld der Biennale wurde mit viel anspruchsvoller Geheimniskrämerei und ein paar durchaus auch heiter stimmenden Aktionen der Blick ins Identitätsthema gelenkt, das zweifellos genug Herausforderung geboten hätte. Doch nach und nach haben die als Süder Happelmann agierende Natascha Sadr Haghighian sowie ihre Kuratorin Franciska Zólyom alles geweitet, gedehnt, überdehnt, so dass eine unsäglich zusammengebraute Melange entstanden ist, die allenfalls verärgert und vertreibt. Formal ohnehin fragwürdig, weil auf allen Seiten rund um die aufwendig in den Pavillon gesetzte Spritzbeton-Konstruktion die Details nicht stimmen (allein die aufgeklebte Pfützen-Deko – eine Zumutung), landet der Rezipient schnell beim überbordend beladenen Konzept, das keiner Befragung standhält.

Was ist hier eigentlich los, um was geht es? Identitätsthemen, Algorithmenübermacht, Wassermangel, Trillerpfeifenmucke, Politikverdrossenheit, Flüchtlingsschicksale, Kapitalismuskritik, Rosa-Luxemburg-Verehrung? Sollte der Pappkopf Süder Happel- oder Hampelmann am Ende nur ein Wirrkopf sein, auf den Zólyom reingefallen ist?

Dass man den großen Themen der Gegenwart nicht mit wichtigtuerischen, nur vermeintlich intellektuellen Gesten näherkommen kann, ist in Venedig außerhalb des deutschen Pavillons bestens zu beobachten. Christoph Büchel hat das 2015 mit Hunderten von Flüchtlingen untergegangene Boot wie ein Mahnmal aufstellen lassen. Kein weiterer Kommentar vonnöten. Und wer sehen kann, der sieht auch die vielen afrikanischen Biennale-Helfer, die mit Schaufel und Besen, dankbar für den Job, den Dreck der Leute wegmachen, die das Unheil der Welt, hirnrissig, mit Kunst beseitigen wollen.

In dieser Ausgabe: Was die Presse zur Biennale schreibt (Seite 4). Wo man Länder-Pavillons seitlich oder von hinten betritt (Seite 5). Warum diesmal in Venedig häufig getanzt wird (Seite 9). Auf Neukundenfang: Umbruch bei Sotheby’s, New York (Seite 9). Auf der Anklagebank: Anna Delvey (Seite 10). Auf dem Prüfstand: Die Mehrwertsteuer (Seite 11). Eintrittsgeld-Verteilung: Metropolitan Museum (Seite 13). Richtfest-Gedanken: Pergamonmuseum (Seite 14). MeToo-Debatte: Kunstakademie Düsseldorf (Seite 16). Böse Überraschung für Robert Schad (Seite 19). Ungewöhnliche Stellenausschreibung für die Bundesstiftung Bauakademie (Seite 21). Markt-Check: Nicole Eisenman (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 676 – Editorial

Informationsdienst KUNST 676

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, dank der Oster-Feiertage ließ der permanent hochtourig laufende Nachrichten-Strom aus dem Kunstbetrieb nach, und endlich gab es wieder einmal Zeit, über die Kunst selbst nachzudenken. Es ist ja mittlerweile leider so, dass in der Branche niemand mehr so richtig Muße findet, sich auf die Energien einzulassen, die vom Kunstwerk ausgehen, die zur grundsätzlichen Frage nach seiner Bedeutung führen. Überall eine ungeheure Hektik, eine Geschäftigkeit, dass einem ganz schwindelig werden könnte – zumal die Großfamilie längst so groß ist, dass keiner mehr die Verwandten allesamt kennt.

Ständig neue Namen; eine Armada von Künstlern und Galeristen sowie von privaten und öffentlichen Sammlern, die rund um den Erdball ihr jeweils eigenes Spiel durchsetzen. Usancen, wie es sie früher in dieser Branche gab, dienen allenfalls als Verweise, dass sich die Zeiten geändert hätten. Die international bestens vernetzte Produzenten- und Konsumenten-Schar einer jungen, nachrückenden Generation diktiert eigene Regeln, nur der wechselnden Tagesverfassung, dem effektvollen Instagram-Auftritt oder der aktuellen Liquidität verpflichtet. In Digitalgeschwindigkeit wird an- und verkauft, als ginge es – wie auf irgendeinem Großmarkt – um verderbliche Ware. Da kommt, schon vor dem Einsetzen von Fäulnis, weil in der Flüchtigkeit der Deals keine Zeit bleibt, die Kunst zu begreifen, eine latente Übelkeit auf, nicht schlimm, aber eben doch belastend.

Was ist denn Kunst heute, was zeichnet ein überzeugendes Werk aus? Und trifft man die richtige Wahl, wenn täglich Neues auf den Markt kommt? Wie herausfinden, was man sucht, wo kann sich die eigene (Sammler-)Identität entwickeln? Muss es schön und wahr sein, das Kunstwerk, so wie früher? Oder geht es heutzutage um die angesagten Themen gesellschaftlicher Art, um politische Relevanz? Und welche Künstler liefern in diesem Kontext die Instrumente oder, nach dem Einsatz, die Relikte einer Auseinandersetzung, die zeitgemäß erscheint? Ad Atkins, Christoph Büchel, Cyprien Gaillard, Teresa Margolles, Jon Rafman, Slavs and Tatars, Hito Steyerl – sind das die Namen, die 2019 im Fokus stehen?

Die Beispiele stammen aus der Künstlerliste der in wenigen Tagen in Venedig startenden 58. Biennale, und schon heute weiß man, dass die Teilnehmer der Rugoff-Hauptausstellung durch diese nicht mehr geadelt werden müssen. Die meisten jener rund 80 Künstler, darunter zeitgenössische Klassiker wie Stan Douglas, Jimmie Durham, Dominique Gonzalez-Foerster, Christian Marclay und Rosemarie Trockel, sind längst durchgesetzt und in den diversen Rankings vorn zu finden. Die Kunst von morgen also doch andernorts entdecken, sich auf Qualitätskriterien verlassen, die man sich selbst erarbeitet, weil die alten Begriffe wie Innovation oder Materialgerechtigkeit nicht mehr greifen?

Aber ist die eigene Erfahrung in den vergangenen Jahrzehnten nicht immer wieder ins Zwielicht gezogen worden, weil das Sehen und Denken aus den Sechzigern und Siebzigern schon in den wilden Achtzigern nicht mehr taugte, weil danach die Kontext-Kunst-Ansager den Paradigmen-Wechsel forderten? Wie nun weitergehen? Wie wissen, was 2019 ein gutes, ein herausragendes Kunstwerk ist? Dass Rekordpreise allein nichts über das Werk selbst aussagen, haben inzwischen auch die renditebesoffenen Amerikaner und Asiaten erkannt. Wenn man liest oder hört, was sie von sich geben, dann spürt man eine immense Ratlosigkeit. Immer mehr Kunst auf den Messen und Großausstellungen dieser Welt – und leider immer weniger Wissen, was Kunst wirklich ist.

In dieser Ausgabe: Neues Kulturzentrum in New York, »The Shed« (Seite 4). Neuer Film von Julian Schnabel, gewidmet Vincent van Gogh (Seite 7). Neuer Direktor für die Hamburger Kunsthalle: Aus Wiesbaden kommt Alexander Klar (Seite 8). Alte Rechnungen in Tschechien? Museumsdirektoren entlassen (Seite 11). Altbackener Jahresbericht aus München, Zentralinstitut für Kunstgeschichte (Seite 12). Alte Debatte um die Limbach-Kommission (Seite 13). Robert Wilson dreht in Baden-Baden auf (Seite 13). Thomas Rusche lässt in Köln versteigern (Seite 18). Karl-Heinz Petzinka will Düsseldorf verändern (Seite 20). Zweifel, ob Alte Meister ins ZKM gehören (Seite 22). Preis-Check: Annette Kelm (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 675 – Editorial

Informationsdienst KUNST 675

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in der vergangenen Woche fand in Berlin eine erhellende Pressekonferenz der Stiftung Preußischer Kulturbesitz statt, der SPK. Hermann Parzinger, der Präsident, sowie Michael Eissenhauer, der Generaldirektor der Staatlichen Museen, und seine vier Ressort-Kollegen Thomas Ertelt (Musikforschung), Barbara Göbel (Ibero-Amerikanisches Institut), Ulrike Höroldt (Geheimes Staatsarchiv) und Barbara Schneider-Kempf (Staatsbibliothek) berichteten von ihrem Bemühen, fortan mehr Besucher-Service bieten zu wollen. Vom kostenlosen WLAN über LED-Wände bis zu erweiterten Öffnungszeiten tut sich viel, weil man das Besucher- und Nutzerverhalten genau analysiert habe, wie Parzinger betonte. Von Kultur-Institutionen werde heutzutage mehr gefordert; es sei ein Paradigmenwechsel zu registrieren. Es gehe nun auch um identitätsstiftende Erfahrungen.

Dass diese in der Tat zeitgemäße Offensive ausgerechnet jetzt einsetzt, kommt freilich nicht von ungefähr. Denn es war am 3. Juli 2018, als Kulturstaatsministerin Monika Grütters, in diesem Fall angedockt an das Bundesministerium für Bildung und Forschung, beim Wissenschaftsrat anklopfte, um dort eine Struktur-Evaluation der Preußen-Stiftung, der mächtigsten deutschen Kultur-Einrichtung, in Auftrag zu geben.

Eine solche Bewertung von außen ist schon lange überfällig, natürlich, weil jeder Konzern sich dann und wann von Unternehmensberatern hart auf den Prüfstand stellen lässt, um die künftige Kommunikations- und Markt-Richtung zu bestimmen. Weil aber gerüchteweise in der Hauptstadt verbreitet wurde, dass Grütters, die das dann dementieren musste, gar über eine Zerschlagung der schon im Titel altbacken wirkenden Preußen-Besitz-Stiftung nachdenke, war das Vorhaben von Anfang an in die Schieflage geraten. Hermann Parzinger schien wenig Begeisterung für die Grütters-Reform-Bestrebungen entwickeln zu wollen.

Wer recherchiert, wo es kneift, warum der Wissenschaftsrat zwar offiziell willkommen, inoffiziell aber eher gefürchtet ist, der stößt auf zwei Problemfelder. Einerseits ist die bis zum Sommer 2020 zu lösende Aufgabe derart umfangreich ausgefallen, dass man schon jetzt ahnt, wie halbherzig die Analyse erscheinen wird. Zu umfangreich, der Grütters-Themenkatalog an das höchste wissenschaftliche Beratungsgremium in Deutschland, das bereits 1957 gegründet wurde. 24 Wissenschaftler und acht Repräsentanten des öffentlichen Lebens sollen im Spannungsfeld von Politik und Wissenschaft sowie Bund und Ländern die Regierungen in inhaltlichen und strukturellen Fragen mit Argumenten versorgen. Und das mag mitunter auch sinnvoll und erfolgreich sein, wie derzeit in Bezug auf das Großprojekt zur Förderung von Spitzenforschung an den Universitäten.

Doch was Monika Grütters auf den SPK-Auftragszettel geschrieben hat, wirft schnell Fragen auf, ob das seitens der Kölner Institution überhaupt zu leisten ist. Struktur-Untersuchungen, Finanz-Modalitäten, Doppel-Verwaltungen, (De-)Zentralisierung, Service-Angebote, Umsetzung des Stiftungsauftrags, Forschungsaktivitäten, Campus Dahlem, Digitalisierungsstrategien – es scheint kein Ende zu nehmen, mögen die einzelnen Punkte noch so richtig und nachvollziehbar sein. Vor allem: Es keimt die Frage auf, ob ein derart von gewachsenen Altstrukturen überwuchertes, teils auch verkrustetes Unternehmen wie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz ausgerechnet vom Wissenschaftsrat unter die Lupe genommen werden muss.

Hat sich in der Bundesregierung noch nicht herumgesprochen, dass dieser Rat und sein Evaluationsausschuss letztlich nur eine kleine, völlig überforderte Arbeitsgruppe zum Einsatz bringen können, die der Größe der Untersuchungsaufgabe nicht im Geringsten gewachsen ist? Hat im Bundeskanzleramt noch niemand registriert, dass die Vorsitzende der SPK-Prüfungsgruppe, Martina Brockmeier, mithin die oberste Wissenschaftsrätin selbst, eine Agrarwissenschaftlerin ist, die von dem, was Parzinger und seine Leute tun müssen, nichts versteht?

»Externe Sachverständige«, so erläutert Christiane Kling-Mathey, die Kommunikationschefin des Rates, auf Informationsdienst-KUNST-Nachfrage, sollen aber hinzugezogen werden. Wer? Da kann sie leider »keine Angaben« machen. Eine Hebammen-Wissenschaftlerin, ein Aero-Dynamik-Professor, ein Zoologe, ein Kardiologe, ein Molekülphysiker und ein Stoffwechsel-Spezialist sitzen im Wissenschaftsrat; vielleicht findet sich also schließlich auch noch preußischer Kultursachverstand, damit das ganze Gutachten nicht ruck-zuck im Papierkorb landet.

In dieser Ausgabe: Abschied in Salzburg – Walter Smerling beendet sein Engagement im öffentlichen Raum (Seite 3). Aufstieg in Venedig – Jimmie Durham wird für sein Lebenswerk geehrt (Seite 5). Weiter in Potsdam – Hasso Plattner plant wieder (Seite 7). Tanzt nach Mannheim, Kunsthalle: Johan Holten (Seite 9). Zieht sich notgedrungen zurück: Familie Sackler (Seite 10). Christo und »Walking on Water« im Kino (Seite 13). Rückblick auf die geschrumpfte Art Cologne (Seite 14). Vorschau auf die weitere Debatte zur EU-Reform des Urheberrechts (Seite 17). Franz Erhard Walther und die Lehre (Seite 17). Händler und Sammler vereint – gegen das staatliche Kontrollsystem (Seite 20). Preis-Check: Rosemarie Trockel (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 674 – Editorial

Informationsdienst KUNST 674

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ursprünglich geplant, in dieser Ausgabe über den Kampf gegen den illegalen Kulturhandel zu berichten, drängte sich während des Studiums der Recherche-Unterlagen plötzlich ein soeben eingetroffener Katalog aus einem Kunsthaus in die Wahrnehmung und in die Gedanken. Doch vorab: Natürlich ist es fatal, wenn man bedenkt, wie hierzulande jahrelang seitens der Politik damit argumentiert wurde, man müsse die Terrorismus-Finanzierung verhindern, man müsse sich auf EU-Standards gesetzlich einlassen, wenn sich nun herausstellt, dass die Zahlen, ob aus der Weltzollorganisation oder dem UN-Sicherheitsrat, eindeutig dokumentieren, dass der illegale Kunsthandel völlig überschätzt wird.

Es sind in Sachen Kulturgut, kaum zu glauben, nur 0,2 Prozent (!), weltweit. 99,8 Prozent also Drogen, Waffen, nachgeahmte Markenartikel und so weiter. Was Wunder, dass selbst Interpol mittlerweile seine Website geändert hat. Höchste Zeit mithin, dass die deutsche Politik reagiert, wie vor Tagen die Interessengemeinschaft Deutscher Kunsthandel überzeugend gefordert hat. Die Anwältin Christina Berking: »EU-Einfuhrverordnung und Kulturgutschutzgesetz bedürfen dringend der Überarbeitung«. Wohl wahr.

Freilich kann man das Thema kaum mehr hören, es nervt; aber es muss dennoch beharrlich weiter kommuniziert werden, weil es den Kunsthandel unverhältnismäßig belastet. Und jetzt kommt eben hinzu, dass die Faktenlage und somit das Zahlenmaterial zeigen, wie unsolide politisch gearbeitet wurde. In der aktuellen Jahresstatistik der deutschen Generalzolldirektion taucht der illegale Kulturguthandel gar nicht auf, er spielt keinerlei Rolle.

Logisch, dass man geneigt ist, sich aus dem Archivalien-Wust in dieser Sache zurückzuziehen – und dankbar eine 150-Seiten-Publikation in die Hand nimmt, die die Artes-Macher aus Hannover veröffentlicht haben. Viel Kunst, für jeden Sammler-Etat das Passende. Indes: Der jüngste Katalog des Unternehmens konfrontiert auf Seite 139 mit einem kleinmütig eingeräumten Hinweis, der denken lässt, dass die Schlitzohren nicht nur in der Politik zu finden sind. Was man schon lange wusste, weil es im Branchengeflüster kursiert, steht hier nun Schwarz auf Weiß, beispielhaft. Die Bestätigung einer Datierung zum Werk »Verweißung Beutel« von Herbert Zangs, angeblich 1954, könne nicht gegeben werden, weil der Künstler »häufig Rückdatierungen in die 50er Jahre vorgenommen hat und diese Angaben heute kaum zu überprüfen sind«.

Der im Jahr 2003 verstorbene Maler, dessen umstrittene Arbeiten in etlichen Galerien auftauchen, teils im konfliktreichen Kollegen-Wettbewerb, lieferte also selbst die Vorgaben, dass dem Werk heute mit größter Vorsicht zu begegnen ist. Von Frankreich aus kümmert sich zwar die Wissenschaftlerin Emmy de Martelaere um das Werkverzeichnis, doch man fragt sich, wie die Aufgabe korrekt zu lösen ist, wenn der in der Szene als Krefelder Rabauke verschriene Herbert Zangs alles tat, um Nebel zu erzeugen.

Er, der so gerne schon vor Mack, Piene und Uecker die ZERO-Kunst erfunden hätte, ging mit seinen Bildern ungeheuer nachlässig um, wie er selbst gestand. Weil er einst in Paris gegen Polizisten handgreiflich und ausgewiesen wurde, ließ er Ende der Siebziger in Frankreich »alle Bilder zurück« (Zangs im Gespräch mit Gerhard Klüsener, Wienand Verlag, 2018). Ob auf Nimmerwiedersehen oder vorübergehend – das weiß wohl niemand genau. Umso verwunderlicher, wenn heute von Galeristen, wie vor Wochen zu hören, Gerüchte gestreut werden, dieses oder jenes Zangs-Werk sei eine Fälschung. Der Künstler als Fälscher seiner Selbst? Vielleicht. Um die Kurve zum illegalen Kulturhandel zu nehmen: Dürfen wir uns wirklich wundern, dass Politiker glauben, in unserer Branche gehe es kriminell zu? Solche Zangs-Geschichten sind Mosaiksteine für die Erbsenzähler im Bundesfinanzministerium, die dann eben auch Druck aufs Kultur- und Medien-Ressort machen.

In dieser Ausgabe: Eröffnung des Quartiers Weimarer Moderne (Seite 2). Übernahme der Biennale de Lyon (Seite 4). Kulturstaatsministerin Monika Grütters und die Berliner Landespolitik (Seite 6). Phantasie-Museumsgründer Lothar-Günther Buchheim und die wahre U-Boot-Story (Seite 9). Bad Homburg: Vorbereitungen für die »Blickachsen 12« (Seite 11). Stuttgart: Das Afrika-Thema im Linden-Museum (Seite 13). Sammlungen und Nachfolgeregelungen (Seite 13). Deutscher Kunsthistorikertag im Rückblick (Seite 17). Wo Lee Bul gefeiert und Panamarenko vergessen wird (Seite 19). Warum in Paris, Musée d’Orsay, Bilder umgetauft werden (Seite 20). Markt-Check: Cady Noland (Seite 21). Wulf Herzogenraths Familientreffen (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 673 – Editorial

Informationsdienst KUNST 673

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vorab: Journalisten haben eine Verantwortung, und deshalb empfiehlt es sich in der Berichterstattung, den Ball flach zu halten, wenn Hoffnung besteht, dass sich noch alles zum Guten wendet. Im speziellen Fall ist allein deshalb Bodennähe angesagt, weil bereits ein Anwalt als Mediator im Einsatz war, nämlich Peter Raue, weil die Kontrahenten jetzt wieder miteinander sprechen und die grundsätzliche Bereitschaft signalisieren, gemeinsam zugunsten des Museums das Beste erreichen zu wollen. Jedenfalls klingt es so, wenn man sich in Berlin umhört, bei den Beteiligten, aber auch im direkten Umfeld. Gleichwohl bleibt das Thema ein Thema, weil dabei Grundsätzliches tangiert wird.

Es geht um das etwas abseits am Bussardsteig gelegene Brücke-Museum der Hauptstadt, einst von Werner Düttmann geplant und 1967 eröffnet, wo seit 50 Jahren ein inzwischen etwa 650 Mitglieder starker Fördererkreis bislang konfliktfrei Flankenschutz für die jeweilige Direktion gibt. Unter dem Vorsitz des ehemaligen Kultur-Staatssekretärs Ludwig von Pufendorf hat der Verein seit kurzem indes ein Problem zu bewältigen, das sich auch intern nicht ohne weiteres vermitteln lässt. Mal, so hört man, soll die neue Direktorin, Lisa Marei Schmidt, seit anderthalb Jahren tätig, das laut Satzung vorgesehene Veranstaltungsprogramm blockieren, mal soll sie, die Nachfolgerin der nicht unumstrittenen Magdalena Möller, den Ankauf von bereits privat finanzierten Blättern von Karl Schmidt-Rottluff verhindert haben.

Recherchiert man beispielsweise allein diesen Vorgang, wird nachvollziehbar, dass beide Seiten reichlich Fehler machen. Ein knappes halbes Jahr, so hört man, soll sich die Direktorin Zeit gelassen haben, den Museumsfreunden eine Antwort auf die Frage zu geben, ob sie das vorgesehene Geschenk, immerhin drei Arbeiten, für die Sammlung haben möchte oder nicht. Andererseits erzeugte der Fördererkreis, der den alles günstig anbietenden Galeristen nicht länger warten lassen konnte, einen massiven Druck, als er die Werke eines Tages kurzerhand wie einen bereits festgezurrten Deal vorstellte – und damit den lauten Einspruch von Lisa Marei Schmidt provozierte.

Das Verhältnis zwischen ihr, Jahrgang 1978, und von Pufendorf, Jahrgang 1942, bestätigen mehrere Informanten unabhängig voneinander, soll von Anfang an kein gutes gewesen sein. Er, von Hause aus Rechtsanwalt und hochverdienter Rechercheur in Sachen voreiliger Kirchner-Bild-Restitution, monierte offenbar hinter vorgehaltener Hand, dass sie keine ausgewiesene Expressionismus-Spezialistin sei und auch keine Promotion vorzuweisen habe. Sie, die kluge und eloquente Frau, bis Herbst 2017 ohne Leitungserfahrung, empfand manche zum Einstieg gegebenen Pufendorf-Ratschläge schlichtweg als übergriffig.

So soll sich Ludwig von Pufendorf, kulturpolitisch erfahren wie nur wenige Insider in Berlin, altväterlich und belehrend (»so was tut man nicht« – oder so ähnlich) über eine öffentliche Attacke von Lisa Marei Schmidt gegen ihre Vorgängerin Moeller empört haben (im Berliner Abgeordnetenhaus, Kulturausschuss, zog sie am 16. April 2018 tüchtig vom Leder, wie das Wortprotokoll belegt). Stichwort »Dornröschenschlaf«. Danach Eiszeit wohl.

Alles in allem: Der Altersunterschied, 36 Jahre und exakt einen Monat, ist es wohl, der hier Einvernehmen erschwert. Unterschiedliche Sichtweisen, andere Sprache, auch Umgangsformen, letztlich der übliche Generationskonflikt. Dabei hat er, einer der weisen Männer, zwei Söhne im Alter von Schmidt, nämlich die Brüder Thomas und Max. Aber wenn’s um die Kunst geht, dann hört der Spaß ja bekanntlich vielerorts auf. Dass sich eine Museumsleitung nicht vom Förderverein reinreden lassen mag, ist verständlich – wie es umgekehrt verwunderlich erscheint, wenn eine noch unerfahrene Direktorin auf Unterstützung verzichtet und stattdessen versucht, mit der Kontroverse zu leben. Das kann auf Dauer nicht gutgehen. Die Künstlergemeinschaft Brücke löste sich 1913, zehn Tage vor ihrem achten Geburtstag, kurzerhand auf. Wegen einer Meinungsverschiedenheit. Dass von Pufendorf als Fördererkreis-Vorsitzender nach einem jüngeren Nachfolger sucht, soll ein Gerücht sein.

In dieser Ausgabe: Pressestimmen zur TEFAF Maastricht (Seite 3). Künstlerliste der Biennale-Hauptausstellung (Seite 5). Großbritannien: Kunstbetrieb und Brexit (Seite 8). China: Thomas Eller und die Residenzprogramme (Seite 8). Belgien: Afrikamuseum in Tervuren (Seite 10). Drei Kuratorinnen aus Kroatien für die Kunsthalle Wien (Seite 12). Haus Bastian für die Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 13). New York: Alicja Kwade auf dem Metropolitan Museum (Seite 15). Im Kino: Julian Schnabels Film über Vincent van Gogh (Seite 16). Den Haag: Neuer Schiedsgerichtshof (Seite 17). Frankfurt: mak-Ausstellung mit Kopftuchzwang erregt Protest (Seite 19). Wien: Klaus Albrecht Schröder will Direktor der Albertina bleiben (Seite 20). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 672 – Editorial

Informationsdienst KUNST 672

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Ding hat im speziellen Fall nur Schuhschachtel-Format, ist als Motiv unzählige Male in diversen Varianten unter die Leute gebracht worden und soll jetzt noch einmal insgesamt 21 620 000 Euro in die Kasse spülen. Ja, über 21 Millionen. Es geht um Jeff Koons und seine »Balloon Dog«-Edition, die zum Beispiel eine Kunsthandelsgesellschaft in Hannover vermarktet (siehe »Editionen«, Seite 16 dieser Ausgabe). Ergo: Es ist Zeit, über die uralte Auflagen-Problematik nachzudenken, wenn allein 2 300 Exemplare aus dieser einen Koons-Pudel-Form gegossen und vermarktet werden.

Tausende von Multiples und Druckgrafiken, einst eher als unattraktiv im prosperierenden Unikat-Betrieb einer neureichen Sammlerschaft vernachlässigt, tauchen plötzlich wieder allerorten selbstbewusst auf und scheinen mächtig angesagt zu sein. Man wird den Verdacht nicht los, dass die Rückkehr zum »Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit«, wie es Walter Benjamin formulierte, im Kontext einer Entwicklung zu bewerten ist, die sich durch eine Übersättigung durch die immer magerer werdenden Botschaften der Digitalkultur auszeichnen. Die Haptik des Papiers, auch plastischer Materialien, der Geruch von Farbe, die Struktur der Oberfläche – offenbar neue alte Sinnlichkeiten, die allemal einer nachrückenden Generation gefallen.

Aber man muss, freilich mit einer gewissen Sorge, wie das Koons-Beispiel zeigt, wie sich auch dank des Studiums der Gegenwartskunst-Auktionskataloge bestätigt, einen Trend attestieren, der davon profitiert, dass vor Jahrzehnten einige basisdemokratisch veranlagte Sozialplastiker unter den Künstlern auf weite Verbreitung und somit hohe Auflagen setzten, bisweilen sogar völlig auf Limitierungen verzichteten. Freilich wirkte sich das damals preislich aus. Doch davon ist heutzutage nichts mehr zu sehen, wenn einzelne Exemplare von Tausender-Auflagen immer noch mit rund 10 000 Euro gehandelt werden. Die Gier auf der nach oben völlig offenen Euro- und Dollar-Skala scheint jegliche bisherigen Usancen zu missachten.

War es früher, beispielsweise in den Siebzigern, als man selbst bei Thomas Bayrle in Frankfurt die Drucktechniken lernte, völlig selbstverständlich, dass von einer Radierung nur wenige Exemplare gedruckt werden, dass auch der drucktechnisch viel mehr Abzüge zulassende Siebdruck zu limitieren ist, wird nun auf Teufel komm raus und somit in allen Farbvarianten und Formatgrößen das immer gleiche Zeug produziert. Noch ist’s nicht ganz so dramatisch wie vorübergehend im vergangenen Jahrhundert, als die Arzt-Praxen landauf und landab mit Blättern aus den 10 000er Auflagen von Hundertwasser vollgehängt wurden, als jeder Steuerberater irgendwo eine erregte Fingerübung aus der Erotik-Guss-Zentrale von Bruno Bruni stehen hatte. Doch 2 300 Dogs in Magenta sind ein Anfang und eine Warnung – schnurstracks auf dem Weg in eine neue Inflation der Kunst.

Es kam nicht von ungefähr, dass Benjamin in den dreißiger Jahren, als er den oft zitierten Aufsatz zur Vervielfältigung schrieb, unmissverständlich auf die Gefahr des Aura-Verlusts beziehungsweise allemal einer gewissen Verkümmerung hinwies, die naturgemäß mit steigenden Auflagen zunimmt. Den Klassiker, der vor knapp 80 Jahren auf der Flucht vor der Gestapo ums Leben kam, nun in die Überlegungen einzubeziehen, greift zugegebenermaßen aber nur bedingt. Aura, so werden die jüngsten unter den Lesern dieses Branchenbriefes fragen, was, bitte, ist das. Und wir, die älteren, werden womöglich nach Luft ringen – und dann empfehlen, zunächst einmal das Handy wegzulegen. Denn Aura muss man spüren, nicht bei Google suchen.

In dieser Ausgabe: Museen in Bonn, Chemnitz und Wiesbaden kooperieren – zugunsten der jungen Malerei in Deutschland (Seite 2). Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann trommelt weiter für ein Bundeskulturministerium (Seite 4). Viel Lob: Pressestimmen zur art KARLSRUHE (Seite 5). Berlin lässt sich von Mantegna und Bellini helfen (Seite 7). München kann nun die Pinakothek der Moderne erweitern (Seite 10). Henrik Hanstein über die EU-Verordnung zur Einfuhr von Kunst (Seite 10). Gute Stimmung: Bilanz der ARCO in Madrid (Seite 12). Neues Haus für Würth: Diesmal plant David Chipperfield (Seite 13). Auf hoher See unterwegs: Francesca von Habsburg (Seite 15). Preis-Check: Olaf Metzel (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 671 – Editorial

Informationsdienst KUNST 671

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Zeitschriften, Rundfunk, Fernsehen, Internet, aber auch Bücher, Möbel, Salzstreuer, Geschenkpapier – eine Flut von Bauhaus-Artikeln jeder Art und Preiskategorie überschwemmt uns. Kein Entkommen mehr. Wohin wir schauen: Das 100-jährige Bauhaus dient als Thema von Ausstellungen, Auktionen, Performances, Führungen und Symposien; es wird auf Teufel komm raus geforscht und referiert, diskutiert und antichambriert. Gefühlt 1 000 Veranstaltungen in Deutschland, vielleicht sogar mehr. Marketing total. Weit vor Luther und Leonardo.

Im Rausch dieser Großoffensive drängen sich Fragen auf, die über das Jubiläum und den Einsatz für Gropius & Co. hinausreichen. Warum ausgerechnet das Bauhaus; wie kommt es, dass just diese Bewegung zu einer konzertierten Aktion unvergleichlicher Art führt? Korrektur eines Irrtums, dass das Bauhaus ein Stil sei? Späte Wiedergutmachung, weil einst die Nazis alles getan haben, um diese legendäre Reformschule zu vertreiben? Und/oder gilt das Bauhaus heute als willkommenes Ventil, um die ohnehin vorhandene Ablehnung von Preußentum und Militarismus in den aktuellen Diskurs zu schleusen? Schließlich: Was löst diese allgemeine Vereinnahmung aus; welchen Auftrieb nimmt eine tendenziell unpolitische Gesellschaft, wenn sie sich dem politischen Bauhaus widmet?

Ja, das Bauhaus war stets politisch, obgleich in Dessau vor einiger Zeit dümmlich und trotzig das Gegenteil behauptet wurde, als die Konzert-Absage für »Feine Sahne Fischfilet« einen völlig misslungenen Auftakt zum Jubeljahr darstellte. Auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier ließ in seiner Eröffnungsfestival-Rede keinen Zweifel aufkommen: Das Zusammenspiel von Kunst und Handwerk will zwar im Rückblick gefeiert werden, doch das Vermächtnis des Bauhauses ist eindeutig nach vorn gerichtet, in Gegenwart und Zukunft. Es geht darum, sagte Steinmeier, »eine neue Moderne zu gestalten, mit neuen Erkenntnissen, mit den Erfahrungen, die wir seither gemacht haben, mit den Bedürfnissen und Träumen der Menschen von heute«.

Dieser Ansatz ist dem Überschuss-Staat viel wert (2018 sind es 11,2 Milliarden!). Allein für das Bauhaus-Veranstaltungsprogramm 2019 hat Bundeskulturchefin Monika Grütters sämtliche Etat-Schleusen öffnen und 21 Millionen Euro in die Institutionen fließen lassen. Unzählige weitere Millionen kommen aus den Haushaltstöpfen der Kommunen und Länder, und mancher Museumsetat dient in diesem Jahr größtenteils den Bauhaus-Aktivitäten. Freilich weiß man, dass in vielen Häusern selbst fünfstellige Zuwendungsbeträge überschwänglich gefeiert werden, dass die Kultur bei genauer Betrachtung und im Vergleich keine wirkliche Rolle im Reich der Kämmerer spielt. Peanuts eher. Oder eine »Rundungsgröße«, wie Stephan Berg, Kunstmuseum Bonn, vor einiger Zeit einen lokalen Finanzpolitiker zitierte. Umso mehr volles Verständnis für alle, die 2019 aufs Bauhaus im eigenen Programm und leicht zu erobernde zusätzliche Subventionsmittel setzen.

Doch es will auch bedacht werden, dass es, bitte, nicht immer nur ums Geld gehen kann. Bei aller Feierlaune, die man niemandem nehmen möchte, muss unbedingt daran erinnert werden, dass solche Jubiläen auch die Chance bieten, Geschichte zu korrigieren, Wahrheit zu kommunizieren. Leider scheint das Bauhaus derzeit aber vielerorts zu verführen, eben Verklärungen vorzunehmen, offenbar dem aktuellen Zeitgeist und der heutigen Position von Künstlerinnen geschuldet. Nur ein Beispiel: Mit einigen Kunsthistorikern gehen gewissermaßen die Gäule durch, wenn sie jetzt zunehmend Ausstellungen und Publikationen konzipieren und realisieren, die von vermeintlich starken Bauhaus-Frauen künden. Mit Verlaub: Das Bauhaus war vor allem eine Männer-Gesellschaft, wo Frauen schnell mal als Webmädchen verharmlost oder gar verspottet wurden. Diese und andere Tatsachen ins Visier genommen, könnte in den kommenden Monaten aus der überdrehten Party vor dem Hochaltar der Kunstgeschichte noch eine passable Andacht werden.

In dieser Ausgabe: Von Amsterdam nach London – Axel Rüger wechselt zur Royal Academy (Seite 2). Wegen Steuerhinterziehung verurteilt: Galeristin Mary Boone muss für zweieinhalb Jahre in den Knast (Seite 8). New York: Das MoMA schließt, um glanzvoll wiederzueröffnen (Seite 8). Aachen: Andreas Beitin, der scheidende Museumsdirektor, wurde ins Zwielicht gesetzt (Seite 11). Chemnitz: Kunstsammlungen unter Quoten-Druck, Frédéric Bußmann hebt Foto-Verbot auf (Seite 11). Offene Fragen zum Spätwerk von Robert Indiana (Seite 14). Offensive von Jonathan Meese in Lübeck (Seite 17). Das Auswärtige Amt und die Museen (Seite 18). Fehlende Antworten: Die Berlinale-Bilanz (Seite 18). Preis-Check: Heinz Mack (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 670 – Editorial

Informationsdienst KUNST 670

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vor genau 50 Jahren zog der Verleger Axel Springer für ein knappes Jahrzehnt in eine Wohnung am Berliner Kurfürstendamm 213, und vor vier Jahren, große Ehre, durfte ein Aufsteiger im Machtrevier des heutigen Verlagschefs Mathias Döpfner dort seinen Schreibtisch beziehen. Ja, es geht um Cornelius Tittel, den 41-jährigen »Blau«-Chefredakteur, der zunächst als Selfmademan ohne Studium und über die Elektro-Musik- und Club-Kultur-Szene zum Journalismus kam, um dann vor rund zehn Jahren bei Springer ruck-zuck Karriere zu machen. Zwar hatte er vor seiner kurzen »Monopol«-Chefredakteur-Zeit schon einmal für die »Welt am Sonntag« gearbeitet, doch steil aufwärts ging es erst von 2010 an. Döpfner, wie Tittel aus dem Musik-Journalismus kommend, machte ihn zum Feuilleton-Chef der »Welt«, nahm ihn sogar in die Leitungsetage der »Welt«-Gruppe – und vertraute ihm 2015 das Magazin »Blau« an.

Diese Neugründung, zweifellos auch eine eigene Antwort auf einen gescheiterten »Monopol«-Kooperationsdeal mit Michael Ringier in der Schweiz, wurde von der Branche mit allergrößtem Interesse verfolgt, wohl auch wegen der vermuteten Reichweite der Publikation. Denn von Anfang an war klar, dass Tittels Blatt, ein Hochglanz-Produkt, einmal im Monat der Springer-Tageszeitung »Die Welt« beigelegt werden sollte. Das versprach reichlich Auflage, obwohl Medien-Profis natürlich von der Stunde null an wussten, dass »Blau« einen ungeheuren Streuverlust haben würde, weil nicht jeder »Welt«-Käufer zwangsläufig als »Blau«-Leser gewonnen werden kann. Doch im knallharten Anzeigen-Geschäft der bekannten Magazine, mithin »Art«, »Monopol« und »Weltkunst«, schien das zunächst niemanden zu beschäftigen. Die erste »Blau«-Ausgabe, vollmundig beworben, erschien mit knapp 120 Seiten (mittlerweile sind es nur noch 80 Seiten, wenn das Heft auftaucht).

Ja, eben, »wenn das Heft auftaucht«. Als am Samstag, 26. Januar, dem letzten Samstag im Monat, wieder kein »Blau« in der »Welt« lag, unverzüglich Anfrage bei Springer, beim Kundenservice. Automatische Antwort: Man wolle »umgehend bearbeiten«. Und: »Eine Rückmeldung erhalten Sie schnellstmöglich«. Darauf warten wir natürlich, nach wie vor. Gottlob kann man den Kollegen Tittel auch persönlich fragen, was denn los sei. Denn das letzte Heft war Ende November erschienen, vor zwei Monaten also. Cornelius Tittel, gerade aus New York zurückgekommen (wo er »Rudolf Stingel für unsere übernächste Ausgabe« besuchte), dankt prompt für den Hinweis, dass auf der »Blau«-Website noch die uralten Media-Daten aus dem vergangenen Jahr zu finden sind, keine neuen für 2019, aber die Frage nach der Erscheinungsweise von »Blau« lässt er offen.

Was soll er auch sagen? Längst flüstern es die Verlagskaufleute, längst beobachtet man den »Blau«-Schrumpfungsprozess selbst. Obgleich der Chefredakteur in seiner freundlichen E-Mail zu beschwichtigen versucht: Es ist offensichtlich, dass das Magazin in den Abgrund schlittert. Ende Februar, drei Monate nach Nummer 33, soll endlich, so Gott will, die 34 ausgeliefert werden. Und ja: Statt zwölf Mal pro Jahr, wie vor vier Jahren gestartet, sollen mittlerweile noch nicht mal mehr jene zuletzt üblichen acht Hefte produziert werden. Die Axel Springer Mediahouse Berlin GmbH, in der »Blau« erscheint, genehmigt fortan nur noch sechs Produktionen pro Jahr. Eine Art Gnadenfrist. So wird es, wie man hört, im kommenden Sommer, wenn dank Venedig-Biennale & Co. viel los ist, voraussichtlich sogar eine Dreieinhalb-Monat-Pause geben. Da kann Cornelius Tittel in Springers Wohnung die Puppen tanzen lassen – oder sich dort in aller Stille überlegen, ob er nicht doch noch eines Tages in den Kunsthandel wechseln möchte. Immerhin wird ihm nachgesagt, dass er diesbezüglich Ambitionen entwickeln könnte.

Dabei ist der Springer-Chefredakteur, wenn es um die Zukunft seines Magazins geht, durchaus kein Einzelfall. Alle Mitbewerber müssen einräumen, dass sie – wie insbesondere »Art« – in den letzten Jahren reichlich Auflage verloren oder sich allemal nicht nennenswert gesteigert haben, dass sie wirtschaftlich massiv unter Druck stehen. In Sachen Abonnenten, in Sachen Anzeigen. Sowohl »Monopol« als auch »Art« kommen an die 40 000 verkauften Hefte nicht ran; von der »Weltkunst« (die 2019 zwölf Mal erscheint und sogar fünf Sonderhefte plant) weiß man, dass sie mit 25 000 Exemplaren (Druckauflage) zufrieden sein muss. Kein lohnendes Geschäft rundum, weil im Hochglanz-Magazin-Markt schlichtweg zu viele Mitbewerber unterwegs sind. So gibt es Probleme, enorme Probleme. Und der trotzige Cornelius Tittel (»Probleme gibt es keine«, 28. Januar) muss zittern, ob die Mediahouse-Gesellschafter angesichts der Gesamtkosten und der mittlerweile ohnehin nur noch 67 000 in der »Welt« gratis beigelegten Streuverlust-Exemplare weiterhin »Blau«-Lust verspüren.

In dieser Ausgabe: Italiens Kulturminister Alberto Bonisoli sucht Museumsdirektoren nur noch im eigenen Land (Seite 6). In der Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss mit personellen Konsequenzen gerechnet werden – nach dem Münz-Diebstahl im Bode-Museum (Seite 7). Chicago: Ermäßigtes Eintrittsgeld für Frauen (Seite 8). Basel: Der neue alte Picasso-Hype (Seite 9). Ungereimtheiten in der deutschen Kulturpolitik (Seite 10). Zeitplan-Dehnung in Berlin: Humboldt Forum (Seite 14). Dokumentation der documenta (Seite 15). Bonn: Frauenmuseum im Aufwind (Seite 17). Rüsselsheim: Opelvillen ohne Opel-Förderung (Seite 18). Mannheim: Wer nach Ulrike Lorenz kommen könnte (Seite 20). Preis-Check: Sylvie Fleury (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 669 – Editorial

Informationsdienst KUNST 669

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, seit Tagen läuft nun in Berlin der Prozess in Sachen »Big Maple Leaf«, jener 100 Kilo schweren und 3,75 Millionen wertvollen Goldmünze, die im März 2017 aus dem Bode-Museum gestohlen wurde. Sieben Jahre lang war sie als Leihgabe eines privaten Sammlers in der Obhut der Staatlichen Museen zu Berlin untergebracht, also letztlich in der Verantwortung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz zu finden. Nun konzentriert sich die Staatsanwaltschaft darauf, den vier jungen Angeklagten, darunter drei Familienmitglieder eines umstrittenen Clans und ein Wachmann, der als Informant tätig gewesen sein soll, faktenreich nachzuweisen, dass sie die nach wie vor verschwundene, wohl längst eingeschmolzene Münze nach tagelangen Vorbereitungen geklaut haben.

Ob die Beweislage am Ende für eine Verurteilung reichen wird oder nicht, ob »Big Maple Leaf« ein hässliches Ding ist, ob alles so dramatisch nicht ist, weil es davon vier weitere Exemplare mit dem 53-Zentimeter-Durchmesser gibt, sollte freilich sekundär sein. So nebensächlich wie die innenpolitische Aufregung um die Tatsache, dass es Berlin allzu lange versäumt hat, sich mit der immens zunehmenden organisierten Kriminalität wirkungsvoll auseinanderzusetzen. Das ist nun mal so. Außerhalb des Gerichtssaals ist es auch wurscht, wie nachlässig die Polizei gearbeitet haben mag, ob es und warum es Ermittlungspannen gegeben habe, wie es vermutlich dem Clan möglich war, nachträglich Spuren zu beseitigen und wer dabei geholfen hat. Was jetzt wirklich relevant ist, was in unserer Branche für Debatten sorgen muss, liegt zweifellos in der Frage der Sicherheit – und da stellen sich alle Haare auf. Folgenreich.

Denn wer soll den Staatlichen Museen zu Berlin künftig noch jemals etwas leihen (oder gar Geliehenes weiter überlassen), wenn es stimmt, was in den vergangenen Tagen während der Verhandlungen vor dem Landgericht bekannt wurde? So sagte am 14. Januar als Zeuge ein pensionsreifer, leitender Mitarbeiter der Museen aus – und musste einräumen, dass das Einstiegsfenster im Bode-Museum seit sage und schreibe drei Jahren immer wieder aus der Alarm-Sicherung genommen wurde, weil »ständig Störungen« auftraten. Selbst als am ungesicherten Fenster, Tage vor dem Diebstahl, deutliche Einbruchsspuren festgestellt worden waren, passierte nichts Angemessenes. Weder wurde die Polizei informiert, noch kümmerte sich jemand kompetent um die Alarmanlage. Der für Sicherheit in den Museen zuständige Zeuge informierte die »zuständige Fachabteilung« und will sich selbst, drei Tage später (!), die Beschädigung angesehen haben, nämlich gesplittertes Glas und einen gelockerten Bolzen. Das war’s.

Der schwerfällige Beamtenapparat der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, der durch diese Aussage vor Gericht aufs Peinlichste entlarvt wurde, muss dringend durchleuchtet werden, wie dieser Fall dokumentiert. Denn es kann nicht sein, dass ausgerechnet die Staatlichen Museen, die über die bedeutendste Schatzkammer verfügen, einen derart liederlichen Umgang mit eigenem und fremdem Besitz praktizieren. Allerhöchste Zeit, dass der seit einigen Wochen aktive Wissenschaftsrat mit Schwung seine Analysen zur Bestandsaufnahme vorantreibt, um eine Liste der dringend notwendigen Reform-Maßnahmen einzubringen. Was dann davon tatsächlich realisiert wird, steht ohnehin auf einem zweiten Blatt. Denn längst weiß die halbe Insider-Szene, dass die Berliner Laissez-faire-Haltung schnurstracks ins Abseits führt. Es ist nämlich so, dass man in den Staatlichen Museen aus der Not gerne die Tugend macht. So trösten sich manche Mitarbeiter, freilich hinter vorgehaltener Hand, mit der Beobachtung, dass im Bode-Museum seit dem Einbruch vor knapp zwei Jahren mehr Besucher gezählt werden. Das Museum als Tatort – wenn da mal kein Missverständnis vorliegt.

In dieser Ausgabe: Berlin und der Gratis-Eintritt im Humboldt Forum (Seite 5). Venedig und das Eintritt-Geld für Biennale-Besucher (Seite 6). Fatale Folgen für US-Museen: Trumps Haushaltssperre (Seite 7). Umstritten, aber nicht so wie in Berlin: In Paris startet heute das »DAU«-Projekt von Ilya Khrzhanovsky (Seite 11). Künstlerische Autonomie: Das Plädoyer von Shirin Neshat (Seite 11). Rehabilitiert: Beatrix Rufs Gastrollen am Stedelijk Museum in Amsterdam (Seite 14). Betrugsopfer: Der Sammler Andrew J. Hall und die gefälschten Leon-Golub-Bilder (Seite 14). Die neue Online-Plattform Artcrater (Seite 17). Singapur: Messemacher Lorenzo Rudolf gibt auf (Seite 21). Preis-Check: Asger Jorn (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 668 – Editorial

Informationsdienst KUNST 668

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, dann und wann eine Pause, wie in den vergangenen Tagen dank Weihnachten und Jahreswechsel, tut gut, muss sein, um im hektischen Tagesgeschäft nicht unterzugehen. Den Blick schärfen, die Infrastruktur porentief auf den Prüfstand zu stellen, das sollte immer wieder einmal möglich gemacht werden, weil erst in solchen Momenten der Besinnung klar wird, wie absurd so viele Abläufe sind, die sich in den zurückliegenden Monaten in die Branche geschlichen haben.

Ein paar Beispiele: Ist es nicht kurios, wenn ein Wissenschaftler plötzlich als Verkaufshelfer eines verurteilten Fälschers auftaucht, wenn dagegen ein kommerzielles Unternehmen eine Forschungsabteilung einrichtet, also wissenschaftliche Arbeit leistet? Ross und Reiter: Der ohnehin nicht unumstrittene Horst Bredekamp, der selbst schon über eine Fälschung stolperte und sich reichlich blamierte (»Galilei der Künstler«), taucht im »Du«-Heft »Ich, Beltracchi« als Interpret der Engel-Motiv-Bilder von Wolfgang Beltracchi auf, als müsse man den Ganoven wissenschaftlich adeln. Selten hat ein kluger Mann so viel Bullshit auf acht Seiten verbreitet. Naiver geht’s nimmer. Dagegen, verdrehte Welt, haben die Galeristen Manuela und Iwan Wirth, letztlich als gewinnorientierte Unternehmer tätig, ein Institut eröffnet, das Kosten verursachen, aber keine Einnahmen erzielen wird, weil es der seriösen kunsthistorischen Recherche gewidmet ist, öffentlicher Zugang inklusive.

Oder: Ist es nicht irritierend, wenn sich Kollege Jörg Heiser in der »Süddeutsche Zeitung«, Ausgabe vom 3. Januar, ausgerechnet den Retter in der Not am Haus der Kunst, Bernhard Spies, insofern vorknöpft, als der Eindruck erweckt wird, der kaufmännische Direktor wolle im Alleingang auch den Kurator und Enwezor-Nachfolger geben? Mitnichten. Spies weiß die Kunst und die sie möglich machenden Betriebsgeschäfte sehr wohl zu trennen, und es ist unbestritten, dass in diesem Halbjahr in München ein neuer künstlerischer Direktor berufen wird. Doch die Landtagswahl in Bayern und die folgende Umbesetzung im zuständigen Ministerium – von Marion Kiechle zu Bernd Sibler – haben das Verfahren verzögert. Spies jetzt vorzuwerfen, selbstherrlich Ausstellungen abzusagen, andere ins Programm zu hieven, gar den Kurator Ulrich Wilmes vergrault zu haben, geht völlig an den Wahrheiten vorbei, eben auch an den pekuniären.

Es ist freilich so, dass wir 2018 gelernt haben, mit Fake-News, Halbwahrheiten und Verlogenheiten zu leben. Ob es sich um Tricksereien auf dem Personalkarussell der Museen handelt (wir denken an den ominösen Wechsel Beil/Beitin in Wolfsburg, Kunstmuseum) oder um die fragwürdigen, allesamt dann falschen Termin-Ansagen auf den diversen Baustellen (beispielsweise Start Humboldt Forum oder Spatenstich auf dem Gelände Museum für das 20. Jahrhundert): Überall, so scheint es, wird man schamlos verschaukelt. Und so darf sich niemand wundern, dass so viel Frustration in den Gesprächen steckt, die man in unserer Branche führt.

Vielleicht also gar nicht abwegig, wenn derzeit in der Stiftung Preußischer Kulturbesitz über einen »Raum der Stille« im Humboldt Forum nachgedacht wird, wo es eigentlich um eine konfliktreiche Auseinandersetzung mit dem Kolonialismus und dem Umgang mit den geraubten Kulturgütern gehen sollte. Ein bisschen Andacht und Buße kann gewiss nicht schaden, wo alles in allem noch zu wenig Bereitschaft herrscht, bedingungslos zurückzugeben, was nach Afrika gehört. Die beiden Staatsministerinnen Monika Grütters (innen) und Michelle Müntefering (außen) haben zwar in der »FAZ« am 15. Dezember erstaunlicherweise gemeinsam ein schuldbewusstes Statement veröffentlicht und wiederholt auf die Identitätsproblematik in beraubten Ländern hingewiesen, doch in diesem Beitrag räumen sie auch selbst ein, dass es hierzulande Widerstände gibt, die Rückführung der Objekte beschleunigt zu realisieren. Zuweilen, so heißt es, würde unterstellt, dass die Kulturgüter in den Herkunftsländern nicht den notwendigen Schutz erfahren würden. Auch ein Argument aus der Trickkiste, um die Restitution zu verhindern.

Will sagen: Ärmel hoch, es gibt viel zu tun. Ein arbeitsreiches Jahr liegt vor uns. Packen wir zu. Erzeugen wir Transparenz und Bewegung.

In dieser Ausgabe: In der Bundeskunsthalle setzt Rein Wolfs demnächst auf Michael Jackson (Seite 2). Ärger für den Sammler Bernard Arnault wegen Ausnutzung von Steuernachlässen (Seite 7). Gero Dimter als neuer Vize-Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 8). Hamburg: Dirk Luckow bereitet das 30-Jährige der Deichtorhallen vor (Seite 9). Der Machtkampf geht weiter: Museum Schloss Moyland (Seite 10). Thomas Köhler, Berlinische Galerie, auf Betteltour (Seite 12). Späte und dünne Reaktion: Monika Grütters (Seite 15). Philipp Demandt und Vincent van Gogh (Seite 17). Ariane Grigoteit und das Kirchner Museum Davos (Seite 18). Konflikt-Stoff: Markus Lüpertz (Seite 19). Preis-Check: Bernar Venet (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 667 – Editorial

Informationsdienst KUNST 667

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Museen verbreiten zunehmend ihre Jahresberichte. Derweil verlegen die Auktionshäuser, neben den dicken Katalogen, seit längerem eigene Magazine (das beste stammte zweifellos von Florian Illies, der Grisebach allerdings verlassen hat). Und natürlich haben die Global Player unter den Galerien mittlerweile auch Hauszeitschriften gegründet, um ihre Künstler und Aktivitäten zu promoten, um Kundenpflege zu betreiben. Larry Gagosian vertreibt ein Heft, das an die großen Mode-Zeitschriften erinnert. Bevor der Leser zum Inhalt kommt, muss er sich durch unzählige Doppelseiten Werbung der bekannten Mode-Marken blättern. So gesehen, ist »König«, die soeben unter den Weihnachtsbaum gelegte Edition Nummer drei, herausgegeben von Lena und Johann König, ein echtes Fachblatt. Denn es startet nur mit einer Doppelseite Gucci, bevor es in die bunt gemischte Happelmann-Zone geht. Ja, von Katharina Grosse über Alicja Kwade bis zu Erwin Wurm bietet das 80-Seiten-Magazin viel Galerie-PR, und dagegen gibt’s auch keinen Einwand.

Über das Thema Selbstdarstellung der Galerien zu sinnieren, fällt einem erst ein, wenn man »Ursula« zur Hand nimmt, die vor Tagen eingetroffene neue 128-Seiten-Zeitschrift von Hauser & Wirth. Manuela und Iwan Wirth haben (nach dem Vornamen von Manuelas Mutter benannt) eine Drucksache entwickeln lassen (Chefredakteur: Randy Kennedy), die eine Art Spagat vollbringen muss. Einerseits soll sie wie ein Life-Style-Magazin gefallen, andererseits muss sie aber auch – passend zum soeben gegründeten kunsthistorischen Forschungsinstitut – wie eine seriöse Museumsschrift funktionieren. Dass das gelingt, überrascht sehr. Denn wer das Konzept kannte, hätte es sich in der Umsetzung nicht vorstellen können. Kurzum: »Ursula« kann sich sehen lassen – und lesen lassen, Akris hin, Paul Smith her. Ein grandioser Auftakt.

Zum Jahreswechsel einmal darüber nachzudenken, wie sich Galerien heutzutage darstellen müssen, um sich in einem Markt zu behaupten, der längst nicht mehr überschaubar wirkt, kommt nicht von ungefähr. In den zurückliegenden Monaten gab es schließlich immer wieder vertrauliche Gespräche mit Galeristen, die meist mit Klagen begannen. Unabhängig vom zunehmenden Druck, der sich aufgrund allerlei Steuer- und Gesetzesbenachteiligungen gerade für den deutschen Kunsthandel abzeichnet, wurde häufig auf die stetig wachsende Schar der Mitbewerber hingewiesen, die es notwendig werden lassen, unverwechselbare Galerie-Programme und Promotion-Ideen zu entwickeln. Schon länger ist es nicht mehr damit getan, Vernissagen-Wein auszuschenken, ausgewählte Sammler anschließend zum Essen und Saufen einzuladen. Sie, die echten Sammler und die anderen, die eigentlich Rendite-Jäger sind, wollen umgarnt sein, müssen zuvor aber erst im Dickicht der Messen und sonstiger Kontaktbörsen ausfindig gemacht werden.

Natürlich helfen Anzeigen in der Fach- oder Tagespresse, auffällige Messestand-Gestaltungen, auch Hauszeitschriften wie »König« oder »Ursula«, die zahlende Klientel in die Galerie zu holen. Mehr noch ist es aber das unverwechselbare Galerie-Profil, das klare Signale sendet, die Botschaft versprüht, hier sei der Sammler richtig. In zahlreichen Gesprächen mit Galeristen fällt aber auf, dass genau in diesem konzeptionellen Bereich die Crux liegt. Viele der Alleinunternehmer scheuen den Konflikt, wollen nicht an den Künstler-Listen arbeiten, was teils verständlich ist. Aber in Jahren und häufig sogar in Jahrzehnten gewachsene Freundschaften zwischen Produzenten und Vermittlern sind die eine Seite der Problem-Betrachtung; die andere ergibt sich aus der Notwendigkeit, dass sich sowohl die bildnerische Arbeit als auch der Zeitgeist ändern, dass immer wieder einmal verifiziert werden muss, ob die Galerie noch den eigenen Ansprüchen genügt. Grob geschätzt, so scheint es, handelt es sich rund um ein gutes Drittel der bekannten Galerien, wo man als Insider diesen oder jenen oder sogar allerlei Zweifel anmelden kann, weil einzelne Positionen das gesamte Engagement infrage stellen. Zum Jahresende ehrlich Revision zu machen, Entscheidungen zu treffen, das ist in diesen Tagen ansagt. Mehr als jemals zuvor.

In dieser Ausgabe: Attacke gegen Kasper König (Seite 4). Ärger mit Nobuyoshi Araki (Seite 5). Plattform für Marc Jongen (Seite 7). Manifesta: Kuratoren-Quartett für die 13. Ausgabe der Biennale in Marseille (Seite 9). Rückblick auf die Art Basel Miami Beach (Seite 10). Fragwürdiges »Capital«-Ranking der Biennalen (Seite 11). Verkauf und Schenkung: Fotobestand der Galerie Kicken nach Düsseldorf, Museum Kunstpalast (Seite 12). Bad Homburg: Skulpturenbiennale Blickachsen für Mai 2019 in Vorbereitung (Seite 12). Berlin: Schlüsselübergabe der James-Simon-Galerie (Seite 16). Frankfurt: Wandtexte in der Schirn geändert (Seite 18). Preis-Check: Mel Ramos (Seite 21). »Welt«-Ausgabe mit Christopher Wool überzeugt nicht (Seite 22). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 666 – Editorial

Informationsdienst KUNST 666

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Advent, das Jahresende vor Augen, allmählich Zeit, mit dem Rückblick auf 2018 zu beginnen. Was war da los, wie ist der Stand der Dinge, wo trägt uns die Kunst hin, was macht der sie kommunizierende Betrieb? Fragen zuhauf, präzise zu formulieren, doch mit den Antworten sieht es derzeit eigenartig mau aus. Da will sich niemand festlegen, egal, wen man ins grundsätzliche Gespräch zieht. Es scheint so, als seien alle überaus froh, dass es eine Reihe von Personalien gibt, die erörtert werden können, die Raum für Spekulationen geben.

Wer wird Nachfolger/in von Ulrike Lorenz in Mannheim, Kunsthalle, wenn sie nun als Präsidentin nach Weimar wechselt? Wer übernimmt die künstlerische Leitung in der Hamburger Kunsthalle, wenn Christoph Martin Vogtherr, kaum dort angekommen, schon wieder weiterzieht und 2019 den Schlösser-Stiftungsposten in Potsdam besetzt? Und was, bitte, soll aus dem Haus der Kunst in München werden, wo sich die mittlerweile von Markus Söder verabschiedete (Ex-)Ministerin Marion Kiechle vor der Bayern-Wahl nicht festlegen wollte, wer zum Enwezor-Nachfolger berufen werden soll? Bewegung auf dem Personalkarussell, real oder vorgetäuscht, das werden wir bald wissen.

Dass sich die Kuratorin für den deutschen Pavillon in Venedig, Franciska Zólyom, endlich festgelegt und mit Frau Hampelmann (man darf das sagen, weil die Namensspielerin Natascha Sadr Haghighian selbst Identitäten wie Blusen wechselt) einen Söder-Süder-Süden-Trumpf ausgespielt hat, sorgt für Verunsicherung. Das gilt auch für die anstehende Nominierung in Sachen documenta, wo sich die Findungskommission in wenigen Wochen zusammensetzen wird, um den nächsten Kurator oder die Kuratorin zu finden. Wenn’s gut geht, werden alle zehn Eingeladenen eine Grobskizze liefern, wie sie sich die d 15 im Jahr 2022 vorstellen. Die übliche Aufgabe im Bewerbungsverfahren hat diesmal ihren besonderen Reiz, weil alle, die darüber nachdenken, im Moment an der Frage nagen, was in vier Jahren sein wird, wie dann die kulturelle Großwetterlage zu beurteilen ist, welche Kontext-Brände gelöscht werden müssen.

Ist es nicht irre, wie wir derzeit im Sauseschritt von Hardcore-Thema zu Hardcore-Thema eilen, immer bemüht, alles richtig zu machen, politisch korrekt zu sein, wie das früh hieß? Haben wir nicht gerade noch laufend über Restitution gesprochen, dabei gerne festgestellt, dass sich manche Museen immer noch sträuben, porentief zu recherchieren, was sich in ihren Depots befindet, woher es kommt? Schon geht es um den nächsten Zündstoff, Stichwort Kolonialismus; schon können wir ähnliche Phänomene attestieren. Freiwillig und flott nach Afrika zurückzugeben, was dort einst auch von den Deutschen geklaut wurde, ist durchaus Debattenstoff, aber bis zur Tat bleibt dann, für manche Kulturgut-Hüter tröstlich, doch noch viel Zeit. Behördenbedenkzeit, Juristenberatungsphasen, Genehmigungsverfahren – das komplette Verzögerungsprogramm.

Weichgespült so manche Vorgänge in der Kulturpolitik und in der Kulturverwaltung, und im privaten Kunstbetrieb, wo immer mehr Galeristen im Schatten der Branchenriesen in London und New York nach Luft japsen, sieht es kaum besser aus. Manchmal wirkt es so, als sei die Konfusion im Kunstbetrieb größer als der Selbstzweifel im Künstleratelier. Wohin man blickt: Allerorten die Tatsache, dass eine Nachricht die andere aushebelt, eben infrage stellt. Kürzlich noch hier in diesem Branchenbrief die Meldung, dass sogar Baselitz, Kiefer und Richter auf Auktionen zurückgezogen oder, später, zurückgegangen sind, und schon, zwei Ausgaben danach, ID 665, der Kommentar zum 90-Millionen-Dollar-Rekord für David Hockney. Wer soll sich da noch auskennen, eine verbindliche Einschätzung wagen? Auf ungesichertem, gefährlichem Terrain zu gehen, so die aktuelle Prognose, wird die Schwierigkeit sein, die es 2019 zu bewältigen gilt. Mehr als jemals zuvor.

In dieser Ausgabe: Foto-Buch-Sammler Manfred Heiting, Kalifornien, lässt sich nach Großbrand nicht entmutigen (Seite 4). Das documenta-14-Minus fällt noch viel größer aus (Seite 5). Gegenwind für Klaus Biesenbach in Los Angeles (Seite 8). Jeff Koons und die Arglosigkeit im Umgang mit dem Urheberrecht (Seite 9). Nach Renoir-Diebstahl in Wien: Thema Sicherheit im Auktionshaus (Seite 10). Die Cologne Fine Art wehrt sich gegen Kritik (Seite 12). Düsseldorf: Julia Stoschek lässt kuratieren – von Lisa Long (Seite 12). Viel Licht, ein paar wenige Buhs: Olafur Eliasson an der Berliner Staatsoper (Seite 17). Österreichs Biennale-Kuratoren werden fortan per Ausschreibung gesucht (Seite 20). Preis-Check: Annegret Soltau (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 665 – Editorial

Informationsdienst KUNST 665

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, selbstkritisch befrage ich mich, ob meine Beobachtung, dass es ein wiedererwachtes Interesse für die Konkrete Kunst gibt, womöglich durch das Studium der Malerei und Kunsttheorie begünstigt sein könnte. In den Siebzigern hatte ich bei Raimer Jochims, dem mittlerweile 83-jährigen Altmeister der Identitätslehre, alles inhaliert, was zur konzeptionellen Kunst führte und dazugehörte. So nahm mich der Philosoph damals auch nach Italien mit, als er einen Assistenten brauchte, um seinen Film über Antonio Calderara zu drehen, der vor 40 Jahren starb. Eine unvergessliche Begegnung.

Insofern auch prägend, als am Beispiel dieser reduzierten, vielschichtigen Malerei deutlich wurde, wie fließend die Übergänge zwischen den beiden großen Kunst-Bewegungen der Moderne ausfallen. Aller Trennschärfe zum Trotz. Abstrakte Kunst und Konkrete Kunst – wie oft wirbeln selbst langjährig tätige Händler, Sammler, Kritiker und sogar Wissenschaftler die Begriffe durcheinander. Wie oft höre oder lese ich, dass jemand von Abstraktion berichtet – und es sich gar nicht um eine abstrakte Darstellung des Gegenstandes handelt, sondern schlichtweg um das Gegenteil, um eine Kunst, die unabhängig vom Naturerlebnis entsteht.

Konkrete Kunst, wie sie 1930 von Theo van Doesburg per Manifest definiert wurde, meint eine Gestaltung aus den Mitteln der Gestaltung, aus einfachsten Formen, klaren Konzepten, konsequent angewendeter Technik. Aufgeladen mit dem Geist einer Haltung, die an der Erkenntnisfunktion der Kunst forscht, dient sie der Freiheit des Sehens und des Denkens. Und Calderara war es, der von etwa 1960 an in seinem Werk erkennen lässt, wie unter dem Verzicht aufs Gegenständliche der Aufbruch in eine neue Dimension von Wahrhaftigkeit möglich wird. Ein kausales Phänomen.

Unabhängig von persönlichen biographischen Stationen: Wenn ich derzeit vielerorts auf Konkrete Kunst stoße, einen Trend attestieren mag, dann scheint im Zeitalter der flüchtigen (Digital-)Bilder auch so etwas wie Sehnsucht nach dem stehenden Bild und der verantwortlichen Setzung angesagt zu sein. Wie kommt es, dass jahrzehntelang jeder die Nase rümpfte, wenn Victor Vasarely erwähnt wurde, dass plötzlich aber, 2018, renommierte Museen seine Bilder ausstellen und Werke erwerben? Und was ist los, wenn plötzlich die Auktionskataloge, ob von Christie’s oder Sotheby’s, voller Abbildungen stecken, die zweifellos der Konkreten Kunst zuzuordnen sind? In der vergangenen Woche wurde in New York, Sotheby’s, so viel Konkretes hintereinander aufgerufen, dass die Bieter am Ende allesamt nur noch rechte und linke Winkel vor Augen hatten, dass ihnen beinahe schwindelig wurde. Josef Albers, Carl Andre, Dan Flavin, Donald Judd, Sol LeWitt, Agnes Martin, Kenneth Noland, Ad Reinhardt, Robert Ryman, Frank Stella, Victor Vasarely – beeindruckend, das alles.

Wenn viel eingeliefert wird, so darf man ableiten, wird auch viel erwartet. Eben Höchstpreise. Seit Jahren gibt es diese Entwicklung insbesondere für die ZERO-Künstler, etwa für Günther Uecker. Über eine halbe Million Euro für einen Quadratmeter – längst keine Seltenheit. Auch andere, noch erschwinglichere Werke aus der konkreten Fraktion, beispielsweise die Bilder des 1982 gestorbenen Günter Fruhtrunk, erfreuen sich einer großen Nachfrage. Dass das so ist, schwant mir, hat kurz vor dem Bauhaus-Jahr 2019 nicht zuletzt mit der zunehmenden Bedeutung solider Werte zu tun. Ein Max-Bill-Zitat, das mir kürzlich in die Hände fiel, bleibt in diesem Zusammenhang tief im Gedächtnis haften: »Das Ziel der Konkreten Kunst ist es, Gegenstände für den geistigen Gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der Mensch sich Gegenstände schafft für den materiellen Gebrauch«.

In dieser Ausgabe: Kurzzeit-Ministerin Marion Kiechle, München, muss Söders Kabinett schon wieder verlassen (Seite 4). Von Platz fünf auf Platz eins: David Zwirner an der »Power 100«-Spitze (Seite 5). Preis-Rekord für David Hockney (Seite 7). Für Chillida-Nachlass im Einsatz: Hauser & Wirth (Seite 7). Pressestimmen zur Art Düsseldorf (Seite 11). Kassel: Chancen für documenta Institut (Seite 11). Berlin: Wie die AfD vergeblich versucht, die Freiheits- und Einheitswippe zu kippen (Seite 14). Düsseldorf: Karnevalsorden von Katharina Sieverding (Seite 14). Die TEFAF und unabhängige Gutachter (Seite 16). Marion Ackermann lotst Schenkungen in die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Seite 16). Preis-Check: Hermann Nitsch (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 664 – Editorial

Informationsdienst KUNST 664

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn ich früher mit Museumskuratoren sprach, ging es stets um eine Entwicklung, die alle als unerträglich und gefährlich einstuften. Es sei keine Zeit mehr zum Forschen vorhanden, so hieß es; man werde mehr oder weniger rund um die Uhr genötigt, im Schau-Geschäft zu wirken, Blockbuster zu planen und zu inszenieren. Heutzutage ergeben sich solche Gespräche selten, was freilich keinesfalls bedeutet, dass die Situation eine andere ist. Anders ist allenfalls die Haltung der Museumsmitarbeiter: Im Laufe der Jahre haben sie sich daran gewöhnt, dass ihr Aufgabenfeld im Wesentlichen den Wechselausstellungen gewidmet ist, dass sie Quote machen sollen. Kaum mehr ein Murren zu vernehmen, als sei es nicht weiter schlimm, dass eine der zentralen Pflichten im Museum vernachlässigt oder gar völlig gestrichen wurde.

Dass es aber gottlob noch Hoffnung gibt, dass auch im Zeitalter digitaler Geschwindigkeiten und merkantiler Ziele eine offenbar vom Aussterben bedrohte Wissenschaft überleben könnte, wurde mir soeben klar, als in Berlin, drei Tage lang, die erste internationale Konferenz von Forschungsmuseen stattfand. Diskutiert wurde bei dieser Tagung über die Rolle der Museen, natürlich im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen. Erfreulich: Der Fokus der Betrachtung wurde in die Zukunft gerichtet. Von der Verantwortung für die Welt von morgen war also die Rede, als über 130 Museumsdirektoren aus rund zwei Dutzend Ländern tagten. Indessen drängte sich mir, bei aller Zuversicht, weil das Thema eben auf die Tagesordnung kam, die naheliegende Frage auf, ob »Global Summit of Research Museums – das Gestaltungspotenzial der Forschung« (wie das Motto der Leibniz-Gemeinschaft-Initiative heißt) wirklich zu einer Korrektur der Museumslandschaft führen kann.

Hätten nicht auch reichlich Politiker dabei sein müssen, die letztlich über die öffentlichen Etats die Voraussetzungen schaffen können, dass in den wissenschaftlichen Einrichtungen auch Zeit und Raum zur Forschung verfügbar sind? Zwar durfte sich die Initiative auf zahlreiche Kooperationspartner verlassen, darunter die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, die Smithsonian Institution, Washington, und das British Museum, London, doch war man nicht mehr oder weniger unter sich? Jammern auf akademischem Niveau im Saurier-Saal an der Invalidenstraße? Obgleich das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie immerhin sechs deutsche Landesregierungen als Förderer der Veranstaltung im Boot saßen, schwappte nur das Wasser der Betroffenen auf die Mühlen einer Entwicklung, die schon länger Sorgen macht. Vor allem auch deshalb, weil in den Museen selbst eine nachrückende Kunsthistoriker-Generation gar nicht mehr wahrnehmen mag, dass Forschung wichtig und unverzichtbar ist.

In dieser Ausgabe: Rekordpreis für die Malerin Jenny Saville (Seite 4). Gegen den Druck der Straße: Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann (Seite 7). Überraschung: Thomas Campbell als Nachfolger von Max Hollein in San Francisco (Seite 8). Bazon Brocks Denkerei auf Raumsuche (Seite 9). Monika Grütters blickt auf 20 Jahre BKM zurück (Seite 9). MCH-Messe-Bosse auf Rückzug (Seite 10). Großzügige Sammler: Ehepaar Essl verschenkt restliche Kollektion (Seite 11). Krach wegen Twombly-Biographie (Seite 13). Mannheim: Ulrike Lorenz wechselt nach Weimar (Seite 14). Düsseldorf: Florian Waldvogel verzichtet auf Künstlerinnen (Seite 17). Markt-Check: Christine Streuli (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 663 – Editorial

Informationsdienst KUNST 663

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als ich kürzlich in der Schweiz zu tun hatte und zwangsläufig wieder genauer hinter die Kulissen des eidgenössischen Kunstmarktes schauen konnte, dachte ich, dass es ein Wunder ist, wie viele Galeristen immer noch in Deutschland tätig sind. Zwar haben einige längst ihre Dependancen im Nachbarland etabliert, aber der Großteil der Branche bleibt dem Standort vollumfänglich treu. Das ist insofern bemerkenswert, auch verwunderlich, als wir hierzulande seitens der Politik alles getan haben, um die Kunsthändler zu vergraulen. Wenn der Senior unter den Händlern in der Schweiz, Eberhard W. Kornfeld, Bern, und sein Team stolz jede Gelegenheit nutzen, um darauf hinzuweisen, dass ihr Handelsplatz nur mit einer Mehrwertsteuer in Höhe von 7,7 Prozent belegt ist, dass weder Folgerecht noch Künstlersozialkasse die Geschäfte belasten, dann ist einmal mehr der Moment gekommen, der jeden Verfechter deutscher Politik in Argumentationsnot bringt.

Allein aus diesem Grund ist man geneigt, den Blick bevorzugt ins Ausland zu richten, zu schauen, wie dort Kunsthandel betrieben wird, welche Ergebnisse erzielt werden. Als ich in der vergangenen Woche mit dem Sammler Paul Maenz auf die großen Oktober-Auktionen in London zurückschaute, waren wir schnell einig: Durchwachsen, die Situation. Nicht grundsätzlich gut, bei den internationalen Häusern einzuliefern. Zwar konnte Maenz bei Christie’s einen Riesen-Erfolg (nämlich »world record price«) mit einem von ihm eingelieferten Albert-Oehlen-Bild, »Stier mit Loch«, aus der Aufbruch-Zeit des Künstlers erzielen, und sein neun Quadratmeter großes Keith-Haring-Bild aus dem Jahr 1984 brachte ebenfalls mehr als drei Millionen Pfund (in New York wäre wohl noch mehr möglich gewesen), doch im Gegenzug ging Anselm Kiefers »Midgard« zurück. Die Gründe? Kein deutsches Drama als Motiv? Zu kühl, zu wenig Kiefer, dieser Kiefer? Auf jeden Fall ging’s bei Christie’s professionell zu, Paul Maenz ist dank Haring und Oehlen zufrieden, und »Midgard«, ein erstklassiges Werk, wird unverkauft nicht schlechter.

Nach dem Maenz-Kontakt, der Betrachtung am konkreten Beispiel, stellten sich freilich allerlei Gedanken ein, an denen man derzeit nicht wirklich vorbeikommt, mögen manche Millionen noch so leicht hin- und hergeschoben werden. Da verkauft ein ehemaliger deutscher Star-Galerist und Sammler aus nachvollziehbaren Gründen (im Neuen Museum in Weimar machte Maenz einst als Leihgeber und Stifter keine guten Erfahrungen) ein Bild eines deutschen Malers, Oehlen eben, in Großbritannien zum Spitzenpreis (in London wurde gemunkelt, Max Hetzler sei der Käufer gewesen – im Auftrag seines Kumpels Benedikt Taschen). Und ein anderer deutscher Erfolgskünstler, Gerhard Richter nämlich, muss akzeptieren, dass sein drei Jahre früher gemalter »Schädel«, ein marktfrisches Bild, unter dem Schätzpreis blieb und zu den Rückgängen rutschte. Dabei hatte Christie’s wirklich alles getan, dass gerade dieses Gemälde weit mehr als zwölf Millionen Pfund hätte bringen können.

Das prominente Richter-Beispiel passt zur Nachricht, dass kurz vor dem Londoner Hochamt der Sammler und Spekulanten eine umfangreiche Werkgruppe von Georg Baselitz vom Einlieferer zurückgezogen wurde. Sorge, dass die gemalten »Füße« unter der Taxe bleiben könnten? Angst vor einer Blamage? Oder ein verlockendes (Garantie-)Angebot eines Christie’s-Mitbewerbers, so dass die elf Arbeiten bald irgendwo anders im Auktionskatalog auftauchen werden? Man weiß es nicht. Aber die Meldungen, ob in Bezug auf Baselitz, Kiefer und Richter, dienen mir zur Bestätigung eines allmählich wachsenden Verdachts: Der Millionen-Poker mit Gegenwartskunst könnte jetzt nach und nach ins Stocken geraten. Da helfen dann auch mehrwertsteuerliche und sonstige Vorteile nicht. Die von London aus arbeitenden »ArtTactic«-Analysten haben in diesem Monat behauptet, dass im ersten Halbjahr 2018 das Vertrauen der Sammler in Gegenwartskunst um knapp 25 Prozent gesunken sei. Eine ernüchternde, auch irritierende Zahl, bedenkt man, wie viele Rekordpreise nach wie vor erreicht werden. Doch wer genau recherchiert, der beobachtet in den großen Auktionshäusern, dass die Verkaufsraten insgesamt leicht fallen. Rund ein Fünftel der Ware geht inzwischen zurück. Ein erstes Alarmzeichen, wie mir scheint.

In dieser Ausgabe: Positive FIAC-Bilanz in Paris (Seite 4). Nan Goldin und die Porno-Industrie in New York (Seite 6). Istanbul: Der Khashoggi-Mord und die Folgen in der US-Kunstszene (Seite 7). Frankfurt: Susanne Pfeffer und ihr TOWER (Seite 9). Dmitri Rybolovlev verklagt Sotheby’s (Seite 11). München: Highlights vor allem für Besucher aus dem deutschsprachigen Raum (Seite 11). Jean-Michel Basquiat als Musical-Stoff auf dem Broadway (Seite 14). Berlin: Museum des 20. Jahrhunderts verzögert sich (Seite 14). Vor der Hessen-Wahl: Die SPD und die Weltkulturen (Seite 16). Warum Portos Museumsdirektor João Ribas zurückgetreten ist (Seite 17). Wie Bernd Schultz das geplante ExilMuseum finanzieren will (Seite 20). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 662 – Editorial

Informationsdienst KUNST 662

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in zwei Monaten, wenn der erste aller Kulturstaatsminister, Michael Naumann, seinen 77. Geburtstag feiern kann, wird sie bereits fünf Jahre lang auf diesem Posten im Amt sein. Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), wie es offiziell heißt, kann zuvor, nämlich in diesem Monat, das Zwanzigjährige der einst von Gerhard Schröder als Bundeskanzler eingerichteten Institution begehen. Dabei wird in wenigen Tagen zu bedenken sein, wie sich aus der heiklen Startphase (auch wegen Naumann selbst, der kein Mitglied des Deutschen Bundestages war; »Lex Naumann«) ein mächtiges Ressort entwickelt hat, das im Bundeskanzleramt und in direkter Feinabstimmung mit Angela Merkel den Spagat schafft. Einerseits muss Grütters als Kulturstaatsministerin die Kulturhoheit der Länder berücksichtigen, andererseits geht es aber auch darum, von Berlin aus Signale zu geben und Prozesse zu steuern, die sämtliche Bundesländer gleichermaßen betreffen.

Mit knapp 300 Mitarbeitern in Berlin und teils, durchaus fragwürdig, immer noch in Bonn sowie mit einem inzwischen rund 1,7 Milliarden Euro großen Etat hat Monika Grütters, auch dank ihrer unermüdlichen Aktivitäten auf allen Ebenen, reichlich Einfluss, wenngleich kein Stimmrecht am Kabinetttisch. Doch ihre beratende Stimme zählt, zweifellos auch eine Folge einer hervorragenden Vernetzung innerhalb der CDU, ihrer Partei (dass ihr Vertrauter Volker Kauder seit kurzem nicht mehr die ganz große Rolle in der Fraktion spielt, scheint unerheblich zu sein).

Dass die Parteizugehörigkeit und die interne, hintergründige Kontaktarbeit nicht unwesentlich sind, soll für die Kultur etwas bewegt werden, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten im BKM-Ressort laufend gezeigt. Im negativen Sinne dort, wo die Kurzzeit-Staatsminister aus der SPD oder ihrem Umfeld tätig waren. Man denkt an den Sozialdemokraten Julian Nida-Rümelin, der 2001 antrat, um schon 2002 zu gehen. Man denkt an die parteilose, aber auf SPD-Ticket ins Amt gekommene Nida-Rümelin-Nachfolgerin Christina Weiss, der letztlich ebenfalls die Rückendeckung der Genossen fehlte.

Im Rückblick auf 20 Jahre deutscher Kulturstaatsminister-Tätigkeit (dazu erscheint in der kommenden Woche der Kulturrat-Band »Wachgeküsst – Wie die Kulturpolitik des Bundes erwachsen wurde«) lässt sich festhalten, dass es die ersten drei Amtsträger (Naumann, Nida-Rümelin und Weiss) zwar geschafft haben, ein intellektuelles Klima im Bundeskanzleramt zu erzeugen. Doch erst seit 2005, seit der Christdemokrat und Grütters-Vorgänger Bernd Neumann (bis 2013) berufen war, steht die Bundeskulturpolitik auf stabilen Füßen, wie schließlich auch der seitdem stetig wachsende Haushalt dokumentiert (er liegt aber immer noch weit unter einem Prozent am Gesamthaushalt). Sowohl Neumann als auch Grütters gehören zu den Pragmatikern, und in der Bilanz haben diese Politiker in der Kultur die Nase deutlich vorn. Vielleicht war es schlichtweg eine Überforderung, vom Philosophen Nida-Rümelin oder der Kunst- und Literaturwissenschaftlerin Weiss zu erwarten, dass sie den profanen Bundeskabinett-Alltag bewältigen.

Im Blick nach vorn gibt es freilich nicht zwangsläufig Gründe, uneingeschränkt zu frohlocken. Unabhängig von der Frage, wie die kommende Bundestagswahl, spätestens im Jahr 2021, ausgehen und die neue Regierung dann zusammengestellt sein wird: Schon heute ist klar, dass die nächste Bundeskanzlerin oder der nächste Bundeskanzler sehr wohl darüber nachdenken muss, ob es wirklich Sinn macht, die Kulturpolitik teils übers Bundeskanzleramt, teils übers Auswärtige Amt (AA) laufen zu lassen. Seitdem für die SPD Michelle Müntefering als Staatsministerin im AA sitzt und sich dort tüchtig zu profilieren versucht, gibt es am laufenden Band allerlei Überschneidungen in Bezug auf Zuständigkeiten und manche sonderbaren Klimmzüge von ihr und Grütters. So weilte Monika Grütters Mitte September dienstlich in Neu Delhi, um dort den indischen Amtskollegen Mahesh Sharma zu treffen. Insider im politischen Berlin wollen wissen, dass sie solche Ausflüge vor allem deshalb macht, um Müntefering das Feld der außenpolitischen Kulturarbeit nicht komplett zu überlassen. Von Michelle »wachgeküsst«, lästert jemand.

In dieser Ausgabe: Der Direktor der Hamburger Kunsthalle, erst seit zwei Jahren im Amt, nämlich Christoph Martin Vogtherr, will die Hansestadt verlassen, so das Gerücht (Seite 2). Der Oligarch und Sammler Roman Abramowitsch stößt auf Widerstand – auch in der Schweiz (Seite 7). Wie Maurizio Cattelan in Mailand für Gucci und Schanghai zugleich wirbt (Seite 8). Brexit und Frauen als Themen auf den Frieze-Messen in London (Seite 8). New Yorks Händler Anatole Shagalov im Gespräch und vor Gericht (Seite 10). Kassel: Heimliche Demontage von Olu Oguibes documenta-Obelisk (Seite 13). Frankfurt: Auch Kunstbücher haben es schwer, heißt es auf der Buchmesse (Seite 16). Preis-Check: John Chamberlain (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 661 – Editorial

Informationsdienst KUNST 661

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kein Missverständnis: Ich habe lange genug in Hamburg gelebt, fühle also immer noch ein wenig hanseatisch – und kann folglich nur zu gut verstehen, warum die Bürger dieser Stadt und auch die Hanseaten in Bremen keine Bundesverdienstkreuze annehmen mögen. Einst haben Günter Grass, Hans-Ulrich Klose, Siegfried Lenz, Jan Philipp Reemtsma und Helmut Schmidt dankend abgelehnt. Natürlich könnte ich hier schreiben, diese Art von Verweigerung sei keine große Leistung, weil mittlerweile in knapp sieben Jahrzehnten sage und schreibe rund 260 000 solcher Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland durch die jeweils amtierenden Bundespräsidenten vergeben wurden. Doch nicht wenige der Ausgezeichneten tragen diese Anstecker und Anhänger mit stolz geschwellter Brust und werten damit vermeintlich ihre Biografien auf. Als sei der Ordensrummel im Schloss Bellevue tatsächlich etwas wert. So stutzt man dann doch, wenn wieder eine solche Nachricht aus dem Bundespräsidialamt eintrifft.

Am 2. Oktober, 11 Uhr, kaum dass der Art-Week-Kater in Berlin bewältigt ist, werden erneut 29 Bürger jeweils mit einem Verdienstorden in acht verschiedenen Stufen ausgezeichnet, und selbstverständlich gönne ich jedem, der’s braucht, jenes zu erwartende Klimbim mit Steinmeier-Händedruck. Nur zu. Doch es muss diesmal wohl die Frage erlaubt sein, was die Vorschlagenden und, letztlich verantwortlich, Frank-Walter Steinmeier bewogen hat, beispielsweise Neo Rauch und Wolfgang Tillmans auf die Liste der Bundesverdienstkreuz-Empfänger zu setzen. Reicht es in diesem Land, ein Lohengrin-Bühnenbild zu pinseln, um sich für »besondere Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland« ehren zu lassen? Oder geht’s darum, dass ein Künstler weltweit Erfolge verzeichnet, in Millionen baden kann, um die »höchste Anerkennung« des Staates zu kassieren? Sollten wir jetzt nicht schleunigst mal über die Definition von »Gemeinwohl« sprechen, Herr Bundespräsident?

Wenn schon Bundesverdienstkreuze, dann gerne für Michael Naumann, den ehemaligen Kulturstaatsminister, oder für die Anwältin Ellen Lorenz, die langjährige Vorsitzende des Kunstvereins Hannover, deren Leistungen am 2. Oktober ebenfalls gewürdigt werden sollen, nicht aber für Rauch, Tillmans und andere Großverdiener unter den Künstlern, mehr um sich selbst als um diese Gesellschaft besorgt (dafür gibt’s Kunstpreise zuhauf, etwa am 29. September den Goslarer Kaiserring für Tillmans). Zur Erinnerung: Auch Tony Cragg (2012) und Anselm Kiefer (2005) wurden bereits mit dem Ordensschnickschnack aus Lüdenscheid versorgt, wo diese blinkenden Dinger gleich in Tausender-Auflage produziert werden.

Dass mich Steinmeiers bevorstehende Feierstunde in der kommenden Woche diesmal besonders ärgert, hat zweifellos damit zu tun, dass man die Strategie so leicht durchschauen kann. Weil der eine oder andere Synchronsprecher, diese oder jene Übersetzerin oder der ehrenamtlich tätige Chemiker aus Jena eben wenig hermachen, aber ein glanzvolles Gruppenbild mit Präsident entstehen soll, werden schnell noch ein paar Promis aus der Kunstszene ins Schloss Bellevue geladen. Ja, mit Rauch, Tillmans und Jim Rakete, der aber noch nicht mal den Lohengrin gemalt hat, kann Steinmeier punkten. Schräges Foto garantiert. Blöd nur, saublöd, dass die gerne so gescheiten Künstler das nicht durchschauen wollen und für ein bisschen Orden ihre sonst so kostbare Visage hinhalten.

In dieser Ausgabe: Besitzerwechsel in London, beim Auktionshaus Bonhams (Seite 4). Auf Erfolgskurs in Düsseldorf: Susanne Gaensheimer, Kunstsammlung NRW (Seite 6). Antwerpen: Jan Fabre im Zwielicht schwerer Vorwürfe (Seite 7). Wuppertal: Gerhard Finckh verabschiedet sich im Von der Heydt-Museum (Seite 7). Angeblich ohne Streit: Andreas Lohaus hat die Art Düsseldorf verlassen (Seite 9). Die Art Basel und ihre neuen Standmieten (Seite 11). Max Hollein und die muslimische Mode (Seite 15). Wie im Zoo: Österreichs Museen und die Kunst-Patenschaften (Seite 15). Berlin: Eröffnung im »PalaisPopulaire« der Deutschen Bank (Seite 16). Katastrophale Zustände an der Kunsthochschule Kassel (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 660 – Editorial

Informationsdienst KUNST 660

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, schenkt man dem Wirtschaftsmagazin »Bilanz« Glauben, dann sind wir alle in einer Branche tätig, die im Überfluss schwimmt. Unter den tausend reichsten Deutschen, so zeigt die Auswertung der September-Ausgabe, sind allein elf Milliardäre auf den ersten einhundert Plätzen zu finden, die wir allesamt aus dem Kunstbetrieb kennen. Von Susanne Klatten und ihrem Bruder Stefan Quandt über Hasso Plattner bis zu den Familien Michael Otto, Jacobs und Würth, von Walter Droege und Hedda im Brahm-Droege über Hubert Burda und Alexander Otto bis zu Hans Georg Näder und zur Familie Stoschek. Zwischen 19 Milliarden Euro und 2,25 Milliarden schwer allein jeder dieser prominenten Privatsammler. Die aufschlussreiche Liste, die Jahr für Jahr in Billionen denken lässt, addiert man die großen Vermögen, verzeichnet unzählige bekannte Namen, darunter Flick, Goetz, Grothe, Metzler, Oetker, Olbricht, Ströher, Thurn und Taxis sowie Viehof, die wir vor dem Hintergrund ihrer Biographien sehen, auch unter dem Aspekt ihres gemeinnützigen Engagements einordnen und bewerten.

Schnell ist da viel Phantasie im Gedankenspiel, was andererseits kaum oder meist nicht zutrifft, wenn Künstler im Ranking auftauchen, auf Platz 336 beispielsweise Gerhard Richter (Vermögen: 550 Millionen). Oder Imi Knoebel überraschenderweise auf Platz 679 (250 Millionen, also angeblich 50 Millionen mehr als David Zwirner, der deutsche Erfolgsgalerist in den USA). Klar, auch ein Georg Baselitz (150 Millionen, Platz 964) verschenkt schon mal großzügig eines seiner Bilder an ein ihm dienendes Museum, aber bewegen die wohlhabenden Künstler in Sachen Gemeinwohl wirklich was, leisten sie irgendeinen gesellschaftlich relevanten Beitrag? Kein Missverständnis, bitte: Natürlich kann jeder mit seinem Geld tun und lassen, was er will; aber es drängt sich die Idee auf, dass alle, die in einem ungeheuer prosperierenden Markt vom Wahnsinn der Kapitalanlage Kunst profitiert haben, etwas zurückgeben.

In der Tat sind Kunstfreunde wie Brigitte und Arend Oetker großartige Vorbilder. Sie haben, wie viele andere Unternehmer, ihr Vermögen in der Wirtschaft erworben und wissen, wie unumgänglich Investitionen sind. Auch in der Kultur. In aller Stille, ohne jemals selbst die eigene Großzügigkeit feiern zu lassen, geben und ermöglichen sie manches, ob in Berlin, Leipzig oder Florenz. Mäzene wie aus dem Bilderbuch. Freilich sind auch jene Milliardäre und Millionäre, die mit eigenen Museen und Kunsthallen ihre Beiträge leisten (etwa Jacobs, Plattner, Ritter, Stoschek, Weishaupt und Würth), überaus lobenswert. Ebenso wie andere, die durch Förderung von staatlichen oder kommunalen Institutionen oft zuvor Unmögliches möglich machen (Friedrich und Sylvia von Metzler fürs Städel, Alexander Otto für die Hamburger Kunsthalle oder Sylvia und Ulrich Ströher für die Küppersmühle, Duisburg).

Kooperationsmodelle gibt es bekanntlich viele, jeder Fall liegt ein wenig anders, obgleich alle Sammler und Förderer verbindet, die eigene Kunst-Liebe auf die Öffentlichkeit übertragen zu wollen. Friedrich Christian Flick und der Hamburger Bahnhof in Berlin, Ingvild Goetz und das Haus der Kunst in München, Harald Falckenberg und die Deichtorhallen in Hamburg – einzigartige Partnerschaften, die von der Chance zeugen, »Kultur zwar nicht von der Politik abzukoppeln, sie jedoch aus dem Tagesgeschäft herauszunehmen, um ihr wieder Spielräume zu öffnen«, wie es Jean-Christophe Ammann vorausschauend schon in den Neunzigern in Frankfurt formulierte.

Er sprach damals vom Psychoterror des Sparens, er ärgerte sich über die damit einhergehende Verhinderung von innovativem Denken, und er brachte sein ganzes Charisma als Missionar der Kultur ein, um die Wohlhabenden in den Taunus-Villen zu überzeugen, bürgerliches Engagement zu zeigen, Kunst zu fördern. Es wäre ihm, dem heute (am 13. September) vor drei Jahren verstorbenen ehemaligen MMK-Direktor, nun eine große Freude, könnte er beobachten, wie freigebig die deutschen Millionäre sind, wie viele von ihnen tatkräftig Gutes für die Kunst tun. Die von Beuys proklamierte »Soziale Plastik« steht, wie auch zahlreiche Freundeskreise der Museen dokumentieren.

Was jetzt allerdings ins Visier genommen werden muss, sind Entwicklungen auf dem politischen Parkett, die sich nicht zuletzt aus eben diesen freiwilligen Leistungen ableiten. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, so scheint es, wird mittlerweile immer wieder, ob auf Bundes-, Landes- oder Gemeindeebene, von Abgeordneten gefordert, dass Drittmittel eingeworben werden müssen. Unabhängig von der Tatsache, dass Museumsleute von Haus aus keine Akquisiteure sind, besteht die Gefahr, dass sich die öffentliche Hand irgendwann zurückziehen könnte, wenn sie merkt, dass sich die private überall bereitwillig öffnet, von Jahr zu Jahr mehr. Das zu verhindern, muss unsere Aufgabe sein.

In dieser Ausgabe: Von Köln nach Kassel – Moritz Wesseler übernimmt die Leitung des Fridericianums (Seite 2). Unruhe in Basel: MCH-Boss René Kamm ist aus dem Messe-Geschäft ausgestiegen (Seite 5). Wien: Monica Bonvicini verabschiedet sich mit schwerer Kost (Seite 7). Geheimnis gelüftet: Christoph Büchel steckte hinter der Erdogan-Statue in Wiesbaden (Seite 8). Internationale Sammler fehlten im Rheinland: Bilanz der DC Open (Seite 10). Kinofilm »Werk ohne Autor« – eine Enttäuschung (Seite 12). Noch nicht festgezurrt: Die Übernahme der Essl-Sammlung durch die Albertina in Wien (Seite 15). Kleiner, später, teurer: Probleme mit dem geplanten Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin (Seite 18). Preis-Check: Mike Kelley (Seite 23). Impressum (Seite 25).