Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt“

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 640 – Editorial

Informationsdienst KUNST 640

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesem Jahrzehnt läuft’s nicht rund. Spätestens seit den Verurteilungen von Beltracchi und Achenbach wissen wir, dass unsere Branche aus nachvollziehbaren Gründen in Verruf geraten ist. Statt über hehre Kunst zu sinnieren, wie das in unserer Jugend üblich war, nehmen wir alle den versauten Betrieb ins Visier – und finden laufend jede Menge Gründe, uns tüchtig zu empören. In diesem Klima des Argwohns gedeihen mittlerweile Formulierungen und Regelungen, die nichts verhindern können, aber zumindest geeignet erscheinen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Transparenz herzustellen. Hatte die Art Cologne bislang in ihren Richtlinien für die Zulassung zur Messe selbstverständliche Grundsätze unauffällig versammelt, die etwa kommunizierten, dass Aussteller, die »gefälschte oder zweifelhafte oder fehlerhaft beziehungsweise unvollständig deklarierte Kunstwerke« anbieten oder gar verkaufen, ausgeschlossen werden, legt die Art Basel nun noch einen drauf, selbstbewusst und lautstark. Sie will erstmals zur Messe in Miami, 2018, »Art Market Principles and Best Practices« präsentieren, ein Papier, das eine neue Ära einleiten soll, aber schon jetzt im Kulissengespräch für Unruhe sorgt.

Die Basler Messemacher, womöglich unter Druck, weil ihre Messe in Hongkong häufiger als hierzulande mit Usancen konfrontiert, die fragwürdig sind, wollen dabei ihre Kunden, die Galeristen, tüchtig in die Zange nehmen. Freilich müssen sie damit rechnen, dass diese Planung auf Widerstand stoßen wird, kann sie doch auch als Misstrauensäußerung gegenüber den Kunden gelesen werden. Compliance-Regeln, in der Wirtschaft durchaus üblich, wirken im Kunstbetrieb fremd, weil halt hier immer noch viele Geschäfte »wie im Pferdehandel« gemacht werden (wie der Galerist Winfried Reckermann einmal sagte), also per Handschlag. Nicht wenige der renommierten Aussteller, so darf prognostiziert werden, könnten im kommenden Jahr rüde reagieren, wenn sie sich plötzlich ins kriminelle Zwielicht gezogen sehen, wenn sie unterschreiben sollen, keine Fälschungen an ihren Messeständen zu verkaufen, keine unsauberen Deals zu machen. Und natürlich werden manche von ihnen einen Schrei-Anfall bekommen, wenn ihnen Messe-Boss Marc Spiegler einen weiteren Passus serviert, in dem fixiert ist, dass Künstler für ihre Arbeiten einen adäquaten Preis zu erhalten haben.

Dass die Art Basel diesen Vorstoß wagt, egal, ob er nun zum Konflikt führt oder nicht, dass Ethik 2018 im Kunstmarkt zwangsläufig ein großes Thema wird, ist grundsätzlich gut. Denn zuletzt haben wir alle allzu oft die Augen zugemacht, viele Vorfälle und Entwicklungen ignoriert oder irgendwie schöngeredet. Oft, weil wir glaubten, dies oder das diene ja letztlich der Kunst, es ermögliche etwas, was sonst nicht machbar ist. Ein Beispiel der besonderen Art führt nach Mannheim, in die Reiss-Engelhorn-Museen. Dort werden 1,2 Millionen Objekte verwahrt, dort stehen an vier Ausstellungsorten rund 13 000 Quadratmeter Schaufläche zur Verfügung, und diese Museen gehören zu den wenigen, die sich das Thema Forschung wirklich groß aufs Panier schreiben dürfen.

Dass das so ist, hat mit einer guten finanziellen Ausstattung zu tun, beispielsweise auch mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum für Kunst- und Kulturgeschichte. Der Mäzen und 25-Millionen-Stifter, der vor einem Jahr starb, der mit seinen 90 Jahren bis zuletzt hellwach war, hatte Mannheim und die Kulturszene in eine überaus komfortable Situation versetzt, und im Kunstbetrieb wurde denn auch, irgendwie peinlich berührt, aber ohne Aufhebens, mehr oder weniger totgeschwiegen, dass am 8. Oktober 2013 die Steuerfahnder bei dem Milliardär und seinen beiden dann vorübergehend inhaftierten Töchtern Carolin und Elisabeth auftauchten – und emsig Daten und Akten beschlagnahmten. Es ging um Steuerhinterziehung in Höhe von sage und schreibe 440 Millionen Euro, also mehr als der zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Uli Hoeneß verursachte (vor dem Amtsgericht Augsburg wurde später ein Engelhorn-Steuerschaden in Höhe von rund 145 Millionen Euro dokumentiert). Es kam schließlich zu einem Deal zwischen der Staatsanwaltschaft und der Familie: Die beiden Schwestern zahlten nach, obendrein Bewährungsstrafe und eine Geldauflage in Höhe von zwei lausigen Milliönchen.

In Mannheim atmete man erleichtert auf, dass der Name Engelhorn, der im Namen der Museen steckt, durch die Steueraffäre nicht allzu sehr beschädigt wurde, weil rundum alle abfederten, polsterten, flüsterten (während Hoeneß auch in den Medien tüchtig vorgeführt wurde). Niemand in der Kulturszene hatte ein Interesse daran, dass sich das Wohlwollen der Familie in eine Abkehr von den Reiss-Engelhorn-Museen verwandeln könnte. Ob diese Diskretion auch fortan gilt, muss man sehen, denn seit wenigen Tagen liegen nun die »Paradise Papers« auf den Schreibtischen – und vor allem die Politiker geraten tüchtig in Erklärungsnot. Denn unter den 13 Millionen Dokumenten aus Steuerparadiesen, die das Netzwerk investigativer Journalisten auswertete, taucht die vielzitierte Kanzlei Appleby auch im Engelhorn-Mandanten-Kontext auf – und es scheint, dass die Ermittler vor wenigen Jahren nur etwa 20 Prozent der wirtschaftlichen Verbindungen der Kultur-Familie Engelhorn erfasst haben. Das Offshore-Konstrukt aus Trusts, allerlei Stiftungen sowie Briefkastenfirmen soll einen solchen Umfang haben, dass die Behörden jahrelang zu tun haben werden, sollten sie jetzt anhand der Unterlagen einen erneuten Ermittlungsanlauf nehmen.

Derweil sagte Wolfgang Schäuble, der scheidende Finanzminister, kapitulierend in die Fernsehkameras, dass die Steuer-Schlupflöcher der Globalisierung geschuldet seien. Das klang wie ein Freispruch vor dem Prozess – und es war, zu dumm, wohl auch so gemeint. Bleibt die Frage in unserer Branche, ob wir den steuerhinterziehenden Super-Reichen tatsächlich weiterhin die Absolution geben wollen, indem wir ihre fragwürdigen Geschenke annehmen und so tun, als sei nichts passiert. Wenn Sie mich fragen: Ich meine, Engelhorn sollte aus dem Namenskonstrukt Reiss-Engelhorn-Museen entfernt werden. »Ziel ist«, sagte Marc Spiegler kürzlich, »den Ruf zu schützen.« Das kann nicht nur für die Art Basel gelten.

In dieser Ausgabe: Erfolg für »Deutschland 8« in China (Seite 2). Chemnitz: Schenkung von Heiner Bastian und Familie (Seite 4). Fragwürdiger »Power 100«-Platz für Adam Szymczyk (Seite 7). Hansjörg Wyss und eine neue Hoffnung für das Kunstmuseum Bern (Seite 9). Die Gurlitt-Zwischenbilanz in Bonn (Seite 9) und in Bern (Seite 11). Berlin: Preis der Nationalgalerie in der Kritik der vier beteiligten Künstlerinnen (Seite 12). Kulturpolitik: Sondierungsgespräche in Berlin (Seite 13). Erfolgreich geklagt: Jörg Sassen und die Mehrwertsteuer (Seite 14). Unerwünschte Annäherungen: Armory-Direktor Benjamin Genocchio verliert seinen Job (Seite 17). Preis-Check: Katharina Fritsch (Seite 18). Krach hinter den Kulissen der ZERO Foundation (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 639 – Editorial

Informationsdienst KUNST 639

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich will niemand was Offizielles verlauten lassen. Natürlich verschanzen sich alle, die derzeit in Berlin über Jamaika nachdenken, verhandeln und ebenso vollmundig wie nichtssagend über die immer wieder zitierten »Themen« schwadronieren, hinter der überstrapazierten Kanon-Zeile »Zuerst die Inhalte«. Personalien später, so heißt es, fragt man quer durch die regierungsbildenden Fraktionen des neuen Deutschen Bundestages, in dem nun über 700 Abgeordnete herumschleichen. Auch für die kulturlose Truppe vom äußerst rechten Rand, die AfD, die die Regierung nach eigenen Angaben »jagen« will, gibt es noch nicht wirklich was zu tun, weil das CDU/CSU/FDP/Grüne-Bündnis erst im kommenden oder gar im übernächsten Monat geschmiedet sein wird. Also womöglich Jägermeister trinken und abwarten.

In der Zwischenzeit bewegt sich freilich viel – und zwar dort, wo die parlamentarischen Neulinge keinerlei Ahnung haben. Einige Fakten sind bekanntlich geschaffen. Wenn Wolfgang Schäuble, CDU, fortan den Bundestag dirigiert, wirkt er nicht mehr als Finanzminister. Wenn der FDP-Mann Wolfgang Kubicki, ein Jurist, als einer der Bundestag-Präsidenten-Stellvertreter agieren soll, wird er nicht das zuletzt von der SPD geprägte Justizministerium übernehmen. Über diese bereits geschaffenen Tatsachen hinaus kann zur Zeit nur spekuliert werden, wie die Regierungsbildung in der Folge verlaufen könnte. Werden die Grünen ihren Cem Özdemir, Jahrgang 1965, als Außenminister durchsetzen wollen, oder hat die FDP allerbeste Karten, das wichtige Ministerium zu bekommen, weil sie mit dem Europa-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, Jahrgang 1966, den international überzeugenderen Kandidaten ins Gespräch bringen wird?

Auf dem Personalkarussell der nächsten Regierung, das bestätigen rundum alle, freilich wieder hinter vorgehaltener Hand, wird Johanna Wanka, Jahrgang 1951, nicht mehr sitzen. Die zuletzt (seit 2013) als Bundesministerin für Bildung und Forschung amtierende Christdemokratin, die sich zuvor auch schon als Kultur- und Wissenschaftsministerin in Niedersachsen und dann in Brandenburg bewährt hatte, macht ihren Stuhl frei, den sie kurzfristig von Vorgängerin Annette Schavan übernahm. Und weil solche Personalwechsel nicht selten auch mit der Schaffung neuer Territorien verbunden sind, gibt es im Moment, natürlich ganz im Stillen, ein paar Politiker, die darüber nachdenken, dass dieses Ministerium, das BMBF, unter bestimmten politischen Umständen mit einem Bundeskanzleramt-Anhängsel zusammengespannt werden könnte.

Kultur und Bildung unter einem Dach, die Kultur aus Merkels direkter Hausmacht-Einflussnahme ausgegliedert? Der FDP, beispielweise, könnte das taugen, will sie doch auch verhindern, dass der künftige Finanzminister wieder aus der CDU kommt. Der wichtige Posten, lässt Christian Lindner verbreiten, dürfe nicht so hautnah bei der Kanzlerin angesiedelt sein; der künftige Finanzminister müsse aus einer anderen Partei kommen, egal, ob Grüne oder Freidemokraten. In der Ableitung solcher Thesen drängt sich der Verdacht auf, dass an der früher schon einmal andiskutierten Fusion von Kultur und Bildung was dran sein könnte. Reine Spekulation zur Stunde noch, aber ein Informant aus dem Umfeld des Bundeskanzleramts bestätigt das aus verschiedenen Quellen stammende Gerücht.

Ja, Monika Grütters als Kulturstaatsministerin (oder eine andere Persönlichkeit) könnte demnächst in die Situation geraten, diese Herausforderung annehmen oder ablehnen zu müssen. Ob sie (oder ihr/e Nachfolger/in) daran interessiert sein könnte, wird man in einigen Wochen genau wissen. Grütters selbst hat sich bislang immer gegen ein eigenständiges Kultur-Ministerium ausgesprochen. Ihr Argument: Die persönliche und räumliche Nähe zur Kanzlerin hilft der Kultur; da könne sie mehr für ihr Aufgabengebiet tun. Wahr ist: Würde Grütters rund 1000 weitere Mitarbeiter aus dem Bildungs- und Forschungsministerium haben sowie rund weitere 17 Milliarden Etat, dann dürfte sie künftig nicht mehr viel Zeit für den ihr so wichtigen Kultur-Bereich einbringen können, wo sie aktuell mit 290 Leuten (Frauen-Quote: 55 Prozent) einen 1,7-Millionen-Etat betreut. Fazit: Unwahrscheinlich, dass Grütters 2018 noch zusätzlich die Wanka gibt.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die BKM, wie der exakte Titel lautet, wird wohl eher Kulturstaatsministerin und im Bundeskanzleramt bleiben, wenn nicht in letzter Minute im Schachern um die Posten für die neue schwarz-grün-gelbe Regierung eine Fraktion, also FDP oder Grüne, explizit Ansprüche formuliert, ein solches Dreier-Ministerium einzurichten. Dass die Kultur dann im Trio mit Bildung und Forschung untergehen würde, muss befürchtet werden. Manche Korrekturen sind richtig (beispielsweise wurde das BMBF 1955 als Ministerium für Atomfragen gegründet), andere machen keinen Sinn. Klartext: Lieber mit Grütters als Kulturstaatsministerin weiter, als ohne sie im Ellbogenkampf zwischen Bildung und Forschung untergehen.

In dieser Ausgabe:  Gauner-Verehrung im Burda-Magazin »Focus« (Seite 4). Weitere Raubkunst-Entdeckung im Gurlitt-Konvolut (Seite 5). Claudia Perren über die Vorbereitungen zum Bauhaus-Jubiläum (Seite 7). Amsterdam: Causa Beatrix Ruf als Stedelijk-Affäre (Seite 8). London: Kritik am geplanten Holocaust Memorial (Seite 10). Wien: Peter Weibel und der Medien-Vorlass (Seite 14). Neues Kunstmagazin »A«: Das »Handelsblatt« betreibt Kunsthandel (Seite 15). Florian Illies und sein jüngstes Buch »Gerade war der Himmel noch blau« (Seite 15). Marion Eichmann und ihr Hang zum Gesamtkunstwerk (Seite 17). Fortsetzung der Debatte: Einheitsdenkmal, Berlin (Seite 17). Streik an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 638 – Editorial

Informationsdienst KUNST 638

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als hätte die Branche in den vergangenen zwei Jahren nicht schon genug Stress in Sachen Kulturgutschutzgesetz bewältigen müssen. Jetzt trumpft zu allem Übermaß auch noch die Europäische Union mit einer geplanten Verordnung auf, die 2018 dazu führen soll, Terror-Finanzierung durch illegale Kulturgüter-Einfuhr zu verhindern. Fakt ist, dass dem gesamten Kunsthandel einmal mehr die Daumenschrauben angelegt werden. Ein Drama.

Denn schon Monika Grütters und ihre Gesetzestext-Verfasser haben meines Erachtens zu wenig bedacht, welcher immense, teils gar nicht zu bewältigende Verwaltungsaufwand auf die Branche zurollt. Anlässlich einer Diskussionsrunde im Märkischen Museum in Berlin, kurz vor der Bundestagswahl, kamen neue Beispiele ans Tageslicht, wie absurd im Einzelfall das Procedere ausfallen kann, wie der ohnehin schon vielfach geplagte Handel weiter in die Zange genommen wird – ohne dass der Staat dabei profitieren und die Kulturgutschutz-Liste nennenswert erweitern würde.

Im Gegenteil: Die Länder-Behörden und auch der auf Bundesebene angesiedelte Zoll erscheinen ebenfalls überfordert. Wenn im Sommer 2018 die Evaluierung des Gesetzes auf der Tagesordnung des Deutschen Bundestages stehen wird, dann sollte endlich der Widerspruch aufgelöst werden, einerseits überall an der Verschlankung der Verfahren arbeiten zu wollen, andererseits aber im speziellen Fall ein Brimborium zu veranstalten, das in keiner Relation zum unerheblichen Ergebnis steht.

Auf EU-Ebene laufen wir nun Gefahr, uns in eine ähnliche Abseitsfalle zu begeben, wie ich meine. Denn ohne eine eindeutige Definition von »Kulturgut« wird’s nicht gehen, und jedes EU-Mitglied bringt naturgemäß eigene Vorstellungen ein, obgleich schließlich ein gemeinsames Genehmigungsverfahren erforderlich ist, das in allen Staaten gleichermaßen Anwendung finden muss. Die Schieflage steckt also von Anfang an in diesem Vorhaben, und niemand kann sich wirklich damit trösten, dass das angestrebte Genehmigungsverfahren nur für Güter gilt, die zum Zeitpunkt der Einfuhr mindestens 250 Jahre alt sind.

Was aus Brüssel zu hören ist, klingt nach einem Hardliner-Kurs. So sollen Zollbehörden künftig das Recht haben, Kunstwerke zu beschlagnahmen und auch einzubehalten, wenn ihre Herkunft nicht lückenlos nachgewiesen werden kann. In einem EU-Papier heißt es dazu wörtlich, dass die Händler dokumentieren müssen, »dass die zu importierenden Kulturgüter legal exportiert worden sind«. Und: »Angemessene Strafen mit abschreckender Wirkung« werden für Importeure oder Käufer angestrebt, wenn unzureichende oder gar unwahre Erklärungen abgegeben werden. Dabei dürften im Einzelfall hohe Hürden zu bewältigen sein, die entsprechenden Unterlagen in den Ursprungsländern zu besorgen.

Die EU-Verordnung »zur Beschränkung der illegalen Einfuhr von Kulturgütern zum Zwecke der Terrorismusfinanzierung«, wie das neue Ungetüm heißt, ist ein weiteres Beispiel von politisch gut gemeinten, dagegen praxisfernen Maßnahmen. Reicht der Zollkodex der Union nicht aus? Gibt es nicht bereits spezielle Rechtsvorschriften für Kulturgüter aus Ländern wie dem Irak oder Syrien? Muss tatsächlich ein weiteres Konstrukt diskutiert werden? Ich bin skeptisch, sehe aber den Hintergrund: 2018 soll als Europäisches Jahr des Kulturerbes gefeiert werden. Da wollen die EU-Politiker als Saubermänner und Sauberfrauen glänzen, die dem internationalen Terrorismus beherzt entgegentreten. Die Schattenseite: Das wird einmal mehr auf Kosten des Kunsthandels geschehen.

In dieser Ausgabe:  Als »Macaronovic« verhöhnt – Marina Abramovic (Seite 4). Als Symbolpolitiker unterwegs – Donald Trump (Seite 5). Milchmädchenrechnung in Kassel: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff rechtfertigt sich (Seite 7). Kritiker-Vereinigung AICA in Paris: Der 50. Kongress drückt sich vor der Auseinandersetzung mit der Krise (Seite 7). Wien: Kritik an der Ausschreibepraxis am Weltmuseum des Kunsthistorischen Museums (Seite 10). Landgericht Kleve: Helge Achenbach beantragt Haftentlassung (Seite 10). Händchenhalten in Katar: Angela Merkel und die »Deutsche Saison« (Seite 11). Preis-Check: Wolfgang Tillmans (Seite 12). Die R+V Versicherung setzt nun aufs Kunstversicherer-Geschäft (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 637 – Editorial

Informationsdienst KUNST 637

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, natürlich geht’s nach dieser Bundestagswahl zuerst um die Frage, ob sich Jamaika realisieren lässt, ob sich diese vier Fraktionen, darunter höchst unterschiedliche wie die CSU und die Grünen, überhaupt unter einen Hut oder in ein gemeinsames Boot bringen lassen. Für Angela Merkel und die CDU, die den Auftrag haben, eine neue Regierung zu bilden, eine überaus schwierige Aufgabe – zumal die Konstellation CDU/CSU, FDP und Grüne alternativlos ist, nachdem die SPD, klipp und klar, sich noch am Wahlabend in die Opposition verabschiedet hat. Das freilich, nämlich das Ende der Großen Koalition, ist gut, sehr gut. Eine von den Sozialdemokraten geführte Opposition im Bundestag muss uns allen, Menschen der Kultur, des freiheitlichen Denkens, tausendmal lieber sein als eine, die andernfalls zwangsläufig von der erstmals einziehenden AfD dirigiert werden könnte, immerhin drittstärkste Partei.

Die AfD und ihre fragwürdige Gesinnung sind es denn auch, die in diesen Tagen Hunderte von Künstlern und Vermittlern sorgenvoll in die Zukunft schauen lassen. »Wir werden die direkte und harte Auseinandersetzung mit dieser Partei, die die Kunstfreiheit einschränken will und die kulturelle Vielfalt als Bedrohung sieht, suchen – und wir werden alles uns Mögliche unternehmen, dass das schleichende populistische Gift der AfD nicht noch weiter unsere Gesellschaft beschädigt«, kommentiert Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Im Internet kursiert bereits ein Offener Brief, den schon zahlreiche Politiker und Kulturverantwortliche unterzeichnet haben, darunter Diether Dehm, Klaus-Dieter Lehmann, Jeanine Meerapfel, Michelle Müntefering, Thomas Oberender, Hermann Parzinger, Oliver Scheytt und Klaus Staeck. Sie fordern insbesondere den Ältestenrat des Bundestages dazu auf, alles zu tun, um den Vorsitz des neuen Ausschusses für Kultur und Medien (zuletzt von einem Sprecher der SPD geleitet) nicht in AfD-Hände zu geben.

Das wäre in der Tat eine Katastrophe. Und dass die Warnung jetzt schon, bevor im Zuge der Koalitionsgespräche überhaupt eine Personaldiskussion stattfinden kann, ausgesprochen wird, kommt nicht von ungefähr. Denn man weiß, dass die Kultur meist zuletzt besetzt wird, wenn alle anderen Posten vergeben sind. Und weil zuvor mächtige Ausschüsse wie der Haushaltsausschuss oder der Innenausschuss gewiss nicht von der AfD geleitet werden, besteht durchaus die Gefahr, dass einer dieser Abgeordneten schließlich das Sagen ausgerechnet für die Kultur haben könnte. Eine grausige Vision.

In der Kultur-Branche stellt sich zudem die Frage, ob Monika Grütters, CDU, als Kulturstaatsministerin nach einer Amtszeit weitermachen kann oder den Platz räumen muss. Die Frage will durchaus auch im Kontext der diversen Anregungen und Überlegungen gesehen werden (auch seitens des Deutschen Kulturrates), das wachsende Ressort von Angela Merkel abzukoppeln und in ein eigenes Ministerium überzuführen, das dann auch kaum mehr im Bundeskanzleramt untergebracht wäre. Dass Grütters von einer solchen Ausgliederung wenig hält, konnten wir in diesem Branchenbrief schon vor längerer Zeit berichten.

Sie hatte bislang Gründe genannt, die sich aus dem kurzen Dienstweg zu Merkel erklären. Da könne sie mehr für die Kultur tun. Jetzt, in einer Zeit, in der sie von der potenziellen Mitregierungspartei FDP attackiert wird (Kampagne gegen das Kulturgutschutzgesetz), kommt womöglich der Gedanke hinzu, dass die FDP selbst auf ein solches Kultur- und Medien-Ministerium schielen könnte. Dann wäre Grütters draußen. Solange das Ressort aber im Bundeskanzleramt angesiedelt ist, das wissen Insider im politischen Berlin, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Bundeskanzlerin mit ihr weiter arbeiten mag – zumal es für niemanden vorstellbar ist, dass sich Merkel eine FDP-Frau oder einen FDP-Mann ins Haus holt. Das Bundeskanzleramt bleibt traditionsgemäß komplett in der Verfügung der führenden Regierungspartei.

In der Kunstszene, wo sich Grütters trotz ihres Schmusekurses unbeliebt gemacht hat, scheint momentan kaum jemand ernsthaft damit zu rechnen, dass die Kulturstaatsministerin verabschiedet werden könnte, zumal sich in der CDU in den vergangenen Jahren niemand entsprechend profiliert hat. Sollte Angela Merkel freilich aus persönlichen oder strategischen Gründen die Kultur künftig von einer anderen Persönlichkeit betreuen und vorantreiben lassen wollen, dann könnte sie ihrer Partei-Freundin ein Argument servieren, das plausibel erscheint. Denn auch diese Bundestagswahl hat gezeigt, dass die Christdemokraten in Berlin nichts oder nur wenig zu melden haben. Eine abgehalfterte Partei, die Grütters während ihrer Amtszeit als Kulturstaatsminister in Bezug auf den Parteivorsitz übernommen hatte, ohne das Ruder bisher wirklich herumreißen zu können. Merkel könnte also sagen, »Moni, die Berliner CDU braucht die ganze Frau.« Dann wäre sie zwar als Staatsministerin weg, doch selbst ihre Kritiker und Feinde kommen ins Rotieren, wenn sie sagen sollen, wer statt Grütters kommen könnte. In einigen Wochen wissen wir mehr.

In dieser Ausgabe:  Freude in Frankfurt, weil der Städelsche Museums-Verein soeben sein 8000. Mitglied begrüßen konnte (Seite 2). Wunder in Berlin: Heiner Bastian und seine Familie verschenken ihr Chipperfield-Haus jetzt doch (Seite 5). Chris Dercon hat endlich alles richtig gemacht: Er ließ die Volksbühne polizeilich räumen (Seite 7). Kritik am Sponsor Rheinmetall: Ausstellung »Deutschland 8« in China löste Künstlerprotest aus (Seite 10). Wie Annette Kulenkampff auf documenta-Berichterstattungen reagieren konnte (Seite 11). Von der Assistentin in Frankfurt zum MMK-»Star«: Susanne Pfeffer, überaus erfolgreich (Seite 15). Von der Art.Fair zur ART DÜSSELDORF: Gehlen und Lohaus drehen auf (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 636 – Editorial

Informationsdienst KUNST 636

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, der Anfang fiel vielversprechend aus. Als der Kirchner-Experte schlechthin, Wolfgang Henze aus der Schweiz, Jahrgang 1944, vor drei Jahren in Berlin seinen 70. Geburtstag feierte, überraschte er die Gäste mit seinem Wunsch, in der deutschen Hauptstadt ein Haus des Expressionismus gründen zu wollen oder dazu beizutragen. Von der anspruchsvollen Idee, neben dem Brücke-Museum einen weiteren Ort der Forschung und Begegnung zu etablieren, blieb zunächst zwar nur eine Vereinsgründung im April 2016 und das mit einer Lüpertz-Rede glanzvoll eröffnete Büro Kirchner am Schöneberger Ufer, doch angesichts der prominenten Initiatoren und der später hinzugekommenen Unterstützer schien sich alles bestens zu entwickeln. Als geschäftsführender Vorstand war Raimund Stecker tätig, der öffentlich kund tat, dass es ihm eine große Ehre sei, nach Jahren der Museumsleitung für Hans Arp und Wilhelm Lehmbruck nun die Ernst Ludwig Kirchner Gesellschaft in Berlin dirigieren zu dürfen. Wolfgang Henze und seine Frau, Ingeborg Henze-Ketterer, aber auch ihr Bruder, der Roman Norbert Ketterer-Sohn Günther Ketterer, sowie seine Frau Carola Ertle Ketterer hatten ihm ihr Vertrauen geschenkt.

Doch von einer echten Offensive zugunsten des Expressionisten, also von einer engagierten Haltung im Vorstand, war nichts zu sehen und zu hören. Das Büro Kirchner, offiziell getragen auch von den Vorständen Ralf Oehmke und Lothar Pues, wie ein Vereinsregister-Auszug vom 6. September dokumentiert, schien zu ruhen, bevor dort jemand müde sein konnte. Kein Raimund Stecker im Einsatz. Obgleich er nach Berlin ziehen wollte, blieb er im Rheinland, und in Essen nimmt er seine Aufgabe als Teilzeit-Professor wahr. Pues dagegen, als kunstsinniger Steuerberater (mit Niederlassungen etwa in Düsseldorf und Zürich) seit Jahren im Kulturbetrieb aktiv (so per Salon Kufsteiner Straße in Berlin), beschäftigte die Henze-Ketterer-Familie am laufenden Band – mit einer Flut von Anfragen und Forderungen, und er ist es nun auch, der Begriffe wie »Insolvenz« und »Selbstanzeige« in die Öffentlichkeit führt, der kühne Formulierungen im Dunst dubioser Machenschaften in den Umlauf bringt. Ein zweiseitiger Pues-Brief, Anfang September an einen ausgewählten Mitgliederkreis versendet, enthält zum Beispiel allerlei Hinweise, die an Steuerflucht und Zollvergehen denken und beim besten Willen nicht erkennen lassen, dass hier jemand mit den Ketterer-Erben am gemeinsamen Strang der Kunstvermittlung ziehen will. Es riecht nach großer Kontroverse – und Recherchen bestätigen den Verdacht, zumal mittlerweile auf beiden Seiten die Anwälte im Einsatz sind.

Wie einer vom 5. September datierten E-Mail von Thorsten Sadowsky, Direktor des Kirchner Museums in Davos und zugleich neuer Geschäftsführer der Kirchner Gesellschaft und somit des Büros in Berlin, zu entnehmen ist, gibt es inzwischen ein Hausverbot für Lothar Pues, und Raimund Stecker sei auf einer außerordentlichen Mitglieder-Versammlung ebenfalls abberufen worden. In diesem Schreiben wird auch von missbräuchlicher Verwendung von Briefpapier und von Fake News berichtet, und auf Nachfrage bemüht sich Pues unermüdlich, die Vorwürfe zu entkräften. Ein Beispiel: Ein Hausverbot könne seitens der Gesellschaft in Berlin gegen ihn gar nicht verhängt werden, weil Mieter der Immobilie eine Stiftung in Liechtenstein sei. Sadowsky über Pues: »Sein irrlichterndes Handeln stellt einen untauglichen Versuch dar, die Schweizer Kirchner-Welt mit einer Mischung aus Halbwissen und haltlosen Verdächtigungen in Misskredit zu bringen.« Ingeborg Henze-Ketterer und Günther Ketterer, mit Sadowsky im neuen, aber zum Redaktionsschluss noch nicht im Vereinsregister eingetragenen Vorstand aktiv, wissen weder etwas von einer Selbstanzeige noch von einer Insolvenz des Vereins: »Es gibt keine offenen Rechnungen«, sagt die Tochter des legendären Kunsthändlers Roman Norbert Ketterer.

Was von der Affäre bleibt, ist eine nüchterne Bilanz: Der Modus Vivendi, die eigentlich gar nicht so komplizierte Form der Verständigung und des Zusammenarbeitens, fällt schwer, wenn ungleiche Partner zusammenkommen. Womöglich dient ein umfangreiches Bekenntnis, das Lothar Pues am 12. September, 12 Uhr, in einem aufschlussreichen Telefonat machte, der überfälligen Erhellung. In seiner Funktion als Steuerberater (»Ich habe viel Geld mit Selbstanzeigen meiner Mandaten verdient«) sei er immer wieder auf Kunstbesitz auch der Klassischen Moderne gestoßen, insbesondere auf Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, die überall im Rheinland hingen. So habe er es gewissermaßen als große Ehre empfunden, plötzlich Wolfgang Henze und seine Familie kennenlernen und in der Gesellschaft tätig werden zu dürfen. Lothar Pues: »Ja, ich habe aus Eitelkeit mitgemacht.« Zur Entfaltung von Eitelkeiten dürften fortan aber weder Zeit noch Raum sein. Denn knapp anderthalb Jahre sind bereits verloren. Das Büro Kirchner braucht nun tatkräftige Mitwirkende, meint Wolfgang Henze. Seinen Doktorgrad erlangte er einst mit einer Arbeit über Schlachten-Darstellungen.

In dieser Ausgabe:  Moralismus, Kommerz und Adam Szymczyk – das Foksal-Interview mit Gregor Schneider (Seite 5). Wie der geplante Trump-Kultur-Kahlschlag vorerst gescheitert ist (Seite 8). Chemnitz, Kunstsammlungen: Ingrid Mössinger tritt ab (Seite 10). art berlin: Guter Auftakt der neuen Messe (Seite 11). Zoff in Düsseldorf – wegen Photo Weekend (Seite 11). Schweiz: Das Bundesamt für Kultur ändert die Förderpraxis (Seite 14). Gabriele Henkels Erinnerungen (Seite 14). Olaf Metzels Türkei-Statements (Seite 15). Unerwartet politisch: Contemporary Istanbul (Seite 16). Museumsdirektorinnen im »Aufbruch Stuttgart« (Seite 17). Der neue Louvre Abu Dhabi wird nun eröffnet (Seite 19). Strippenzieherin: Bettina Böhm (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 635 – Editorial

Informationsdienst KUNST 635

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, Sommerpause vorbei, Saisonstart allerorten. Nun sitzen alle wieder am Schreibtisch, sortieren die Gedanken, allemal die mittlerweile eingetroffene Post – und müssen sich überlegen, wo sie in den kommenden Tagen hingehen, was sie wahrnehmen wollen, was nicht. Entscheidung auf Entscheidung, denn dieser September steckt voller Termine. Der angespannte Blick in den Kalender zeigt, dass sich an etlichen Tagen die Einladungen überschneiden. Schwer fällt es, hier abzusagen, dort zuzusagen. Man macht das ja nicht einfach so, man hat Gründe, und häufig versucht man auch, sie ehrlich zu kommunizieren, sie allemal diplomatisch zu verpacken. Denn das Zusammenrücken ist ja grundsätzlich was Feines, was Positives, verdienstvoll auf Seiten der Veranstalter.

Auf uns aufpassen müssen wir selbst, denn schon der alte Schopenhauer hat uns gelehrt, dass es unvermeidlich ist, den richtigen Abstand zu finden. Er machte das anno dazumal an einer Gesellschaft von Stachelschweinen im Winter fest, die fror, wenn sich die Tiere nicht nah genug aneinander stellten, die aber auch schmerzvoll schrie, wenn die Stacheln (wegen allzu großer Berührung) tief in das nachbarschaftliche Fleisch drangen. Die Kunst der Annäherung will in unserer Branche beherrscht werden, weil schnell ganze Existenzen auf dem Spiel stehen, wenn Unvernunft oder auch nur ein paar Unverschämtheiten, wie man sie früher ständig erlebte, von den tonangebenden Kreisen registriert werden – und dann hinterrücks Mobbing stattfindet. Bis die Betroffenen vom mehr oder weniger deutlich geraunten Rufmord erfahren, kann es zu spät sein.

Beispiele zuhauf: Laufend fragen sich Galeristen, warum sie auf dieser oder jener Messe plötzlich nicht mehr zugelassen werden, obwohl sie dort jahrelang willkommen waren. Oder: Wenn sich das Personalkarussell in den Museen dreht und sich mancher Bewerber als Kandidat einer Endrunde beim Vorsingen zwangsläufig ausliefert, kapiert auch nicht jeder, warum sich die ihm vermeintlich wohlgesonnene Findungskommission letztlich für einen Mitbewerber entschieden hat. Dabei geht es oft um die Kultur im Miteinander, aber auch schlichtweg um Politik, um strategische Fehler, und es kommt die Frage auf, warum viele der Einflussreichen offensichtlich auf jede Art von Beratung verzichten – oder auf die falschen Flüsterer setzen.

Wer die Medien-Szene genau beobachtet, wer auch die Nuancen in Interviews oder Statements registriert, der braucht sich über Ablehnungen und sogar über Feindschaften nicht wundern. Im derzeit hochtourig laufenden Bundestagswahlkampf kann man allerlei Beobachtungen machen, die zeigen, wie ungeschickt mitunter auch politisch Versierte in den Fettnapf stolpern. Es spritzte beispielsweise, als Monika Grütters, CDU, übermütig, in einem »FAZ«-Interview (22. August) im Kulturgutschutzgesetz-Kontext vom »Milieu« sprach – und den deutschen Kunsthandel meinte (»Am Ende dominierte der Eindruck, dass es vielen Kunsthandelsvertretern mehr um den Preis als um den Wert eines Kunstwerks geht«). Quasi Öl ins Feuer. Und so durfte sie sich nicht wundern, dass vom Elder Statesman unter den einst erfolgreichsten deutschen Galeristen, Paul Maenz, eine volle Breitseite abgefeuert wurde, dass Rudolf Zwirner, einer der schon zu Lebzeiten überaus legendären Händler, eine Kampagne startete, die der FDP dient und unterschiedlichste Leute aus dem Kunstbetrieb eint, die man bislang eher verschiedenen Parteien zugeordnet hätte – von Harald Falckenberg über Georg Nothelfer bis zu Peter Raue.

So sympathisch die offene, manchmal eben unbekümmert wirkende Art der Kulturstaatsministerin auch sein mag, es gibt hinter den politischen Kulissen etliche Kräfte, die die Bundeskulturpolitik nach dem 24. September gerne in anderen Händen sehen möchten, wenn die CDU, wie zu erwarten, wieder die Regierungsbildung übernimmt. Angela Merkel kann sich zwar auf die allzeit zupackende Monika Grütters verlassen, doch im Übereifer unterlaufen ihrer Kanzleramtsgefährtin immer wieder Schludrigkeiten, die folgenreich sind – vom Parteiaustritt von Brigitte Oetker (durch das fahrlässig schnell verabschiedete und in vielen Punkten unausgereifte Kulturgutschutzgesetz) bis zum ebenfalls überall diskutierten Nachruf für den am Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorbenen Martin Roth (Grütters: »Er war ein glänzender Verkäufer seiner selbst«; Roth hatte in einem Interview gesagt, er könne den besseren Kulturstaatsminister geben). Monika Grütters, so wispert es im politischen Berlin, sei keinesfalls garantiert gesetzt, noch einmal die Kulturstaatsministerin zu geben – zumal die erfahrene Politikerin auf Landesebene sehr gebraucht wird (die dümpelnde Berliner CDU erholt sich nur allmählich).

Rückenwind auf Bundesebene gibt es aktuell eher wenig. Selbst Museumsdirektoren, die in den zurückliegenden Jahren mit Grütters gerne auf Reisen gingen, die dank der »allgemeinen offenen Genehmigung« in Sachen Kulturgutschutzgesetz im Gegensatz zum Kunsthandel keine Probleme haben, tauchen eigenartigerweise ab, fragt man sie nach Flankenschutz für die Staatsministerin. So darf sich Monika Grütters, kurz vor der Bundestagswahl und im Saft eigener Amtszeit-Bilanz-Versuche, im Wesentlichen damit trösten, dass es in der CDU kaum jemanden gibt, der ihr den Sitz am Kabinett-Tisch streitig machen könnte.

Es ist ja in unserer Republik mittlerweile leider so, quer durch alle Parteien, dass man kaum noch Personal findet, das bereit und fähig ist, Politik zu machen. Ein Drama. Da haben dann sogar Leute eine Chance, die vor allem ihre eigene Konfusion öffentlich machen, Wolfgang Tillmans zum Beispiel, der hinter einer missratenen Anzeigen-Kampagne steckt. Der bekannte Fotoartist durfte obendrein in der »Welt am Sonntag«, Ausgabe vom 20. August, ein vierseitiges Interview mit dem SPD-Kandidaten Martin Schulz veröffentlichen, ohne jeglichen journalistischen Sachverstand. Letztlich SPD-Wahlwerbung, aber ohne Hinweis, dass diese Seiten reine Promotion sind. Erschreckend. Verrohung guter Sitten. Warum also über Grütters und unbedachte Äußerungen aufregen, könnte man fragen, wenn längst rundum geschwächelt wird.

Wählen Sie richtig. Vor allem: Wählen Sie!

In dieser Ausgabe:  Der Choreograph William Forsythe als Bildhauer unter den Künstlern des Galeristen Larry Gagosian (Seite 4). Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann als Gründer eines Frauen-Projektbüros (Seite 7). Ranking: Deutschlands Museen abgeschlagen (Seite 8). Gastkuratorin: Sammlerin Ingvild Goetz präsentiert die Arte Povera bei Hauser & Wirth (Seite 8). Italienische Reaktionen auf die Ankündigung von Eike Schmidt, die Uffizien verlassen zu wollen (Seite 11). Manifesta zwischen Masterplan und Mafia (Seite 14). Berlin: Klaus Lederer knöpft sich das Humboldt Forum vor (Seite 17). Düsseldorf: Was Susanne Gaensheimer in der Kunstsammlung NRW plant (Seite 20). Klaus Staeck macht Wahlkampf (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 634 – Editorial

Informationsdienst KUNST 634

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, wie so oft: Kasper König, den wir alle schätzen, der aber auch dafür bekannt ist, dass er Münster, wo ein Teil seiner Familie reichlich Steuern zahlt, gerne zum Spielplatz seiner Macht-Interessen macht, gibt mal wieder den Strippenzieher. Er soll hinter einer neuen Initiative stecken, die unter dem Namen »No!Logo« derzeit die Westfalen- Metropole aufmischt. Im Sog dieser Bewegung entstehen dabei allerlei Verirrungen, die bis zu einer verhüllenden Nacht- und Nebel-Aktion an der Fassade des kurz LWL genannten Museums für Kunst und Kultur reichen.

Es geht dabei um eben jenes Logo, das der 2014 verstorbene Zero-Mitgründer Otto Piene in eine Wandgestaltung nach Vorlage einer älteren Kunst-am-Bau-Arbeit eingefügt hat. Anlässlich des Skulptur- Projekte-Auftriebs flammte die ein wenig zur Ruhe gekommene Debatte erneut auf. Und wieder waren sich alle, die sehen können, durchaus einig: Eine künstlerische Arbeit, eben eine strenge, eine serielle, wie sie Piene einst für die Außenwand des Museums in Alu herstellte, im Edelstahl-Nachbau mit dem Logo des Museums und somit des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu versehen, lässt die Kunst zum blanken Werbeträger mutieren. Das hätte verhindert werden müssen.

Nun ist es aber so, recherchiert man den ganzen Vorgang auch in seiner chronologischen Entwicklung, dass es der Künstler selbst war, der die 1970/1971 entstandene »Silberne Frequenz« in ihrer durch den Um- und Neubau des Museums erforderlich gewordenen Neu-Inszenierung ins harmlose Angewandte trieb. »Es kam der Vorschlag von Otto Piene, das LWL-Logo zu integrieren «, bestätigt Museumsdirektor Hermann Arnhold. Und LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger erläutert auf Nachfrage, dass die alten Kugeln aus technischen Gründen nicht mehr ein satzfähig waren, dass zudem andere Proportionen und Funktionen zu einer Erweiterung des Kugel- Feldes führen mussten. In der Planungsphase 2008/2009 sei auch überlegt worden, eine neue Piene-Arbeit in den Innenhof des Hauses zu bringen, quasi zum fairen Ausgleich, doch letztlich sei dem Künstler sehr daran gelegen gewesen, den prominenten Platz an der Außenfassade weiterhin besetzen zu dürfen.

Das bedeutet, dass Piene, damals 80 Jahre alt und bei glasklarem Verstand, keinesfalls gezwungen wurde, die Großbuchstaben LWL in seine Neugestaltung aufzunehmen (wiederholt wurde in Münster geraunt, man habe den Künstler genötigt). Er selbst hat – wie Arnhold sagt – den Impuls gegeben, und es liegen mir mittlerweile Skizzen vor, die zeigen, dass der Künstler, der 2009 ausdrücklich schrieb, keinen Kompromiss realisiert zu haben, sogar über eine enorme Größe der LWL-Buchstaben nachdachte. Per »Größe 8« hätte die Schrift, unten rechts platziert, eine Höhe eingenommen, die zwei Drittel der Gesamthöhe belegt hätte, schlichtweg grauenvoll. Ein Glück, dass Barbara Rüschoff- Parzinger und andere damals Beteiligte, darunter Erich Franz auf Museumsseite, wenigstens das verhindern konnten.

Doch es bleibt, alles in allem, eine halbherzige Fassaden- Gestaltung, ein Zwitter, teils Kunst, teils profanes Firmenlogo. Die Buchstaben nun herauszunehmen und sie durch weitere Edelstahlkugeln zu ersetzen, wie es sich in Münster manche Kritiker vorstellen, ist freilich keine Option, nicht die geringste. Denn eine solche Tat wäre ein Eingriff ins Urheberrecht. Allein aus Kostengründen ist es dem mit Steuergeld arbeitenden Landschaftsverband sowie dem beteiligten Land Nordrhein-Westfalen (noch) nicht zumutbar, die erst seit drei Jahren am Museum hängende Arbeit abnehmen zu lassen, einzulagern oder gar völlig zu zerstören (was rechtlich erlaubt wäre). Man wird wenigstens, so denke ich, eine gewisse Schamfrist vergehen lassen müssen, bis ein solcher Schritt folgt. Immerhin hat Otto Piene am 2. Juli 2014, zwei Wochen vor seinem überraschenden Tod in Berlin, an Arnhold geschrieben, dass er die (damals schon aufflammende) Kritik an seiner Arbeit verstehen könne, aber die Integration des Logos nach wie vor gut findet.

P.S.: Wie alle Jahre im August – wir machen jetzt eine kleine Pause, bleiben aber für Sie am Ball der Ereignisse. Der nächste Informationsdienst KUNST erscheint am Donnerstag, 7. September.

In dieser Ausgabe:  Neue Direktorin der Kunsthalle Tübingen ist vom 1. Januar an Nicole Fritz, derzeit in Ravensburg tätig (Seite 2). Nicolas Perren und Ulrich Schulte planen Deutschlands erstes Zollfreilager in Thüringen (Seite 5). Laut TEFAF-Report wächst der Online-Auktionshandel (Seite 8). Peter Weibel gegen U-Bahn-Kunst von Markus Lüpertz (Seite 8). Von Köln nach Kerpen: Studio für elektronische Musik (Seite 10). Was Ivanka Trump und Jared Kushner sammeln (Seite 11). Mit Spezialeinheit FIU unter Leitung von Michael Dewald gegen die Geldwäsche (Seite 14). Die Cologne Fine Art setzt jetzt auf Oldtimer (Seite 18). Verwirrung um das Europäische Kulturerbe-Jahr (Seite 20). Weiterer Ärger für Richard Prince (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 633 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 633

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in Athen eine Begegnung der anderen Art: Eine Stunde zu früh kamen meine Frau und ich ins Archäologische Museum in Piräus, wo eine nicht weiter erwähnenswerte Performance von Pierre Bal-Blanc (Kurator) und Kostas Tsioukas (Choreographie) stattfand, Motive von d 14-Künstlern wie Anna Halprin, Maria Hassabi und Artur Zmijewski aufgreifend. Es entwickelte sich im ansonsten menschenleeren Haus ein Gespräch mit einer älteren Mitarbeiterin, die nach eigenen Angaben für Kasse, Aufsicht, Führungen und Toilettenreinigung zuständig ist, ein Gespräch, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging, das mich mehr berührte als diese halbgare documenta selbst.

Denn die weißhaarige Allzweckkraft, der man ansah, dass sie sich große Mühe gab, kultiviert aufzutreten, mehr Dame als Magd, schien mit ihren Nerven am Ende zu sein. Seit sage und schreibe drei Monaten wartet sie auf ihr Gehalt, und das liegt ohnehin so niedrig, dass die Mädels, die später im documenta-Auftrag auftauchten, im Vergleich fürstlich honoriert wurden: 5,62 Euro, brutto. Zwar wusste ich, dass es hinter den documenta-Kulissen einen Riesenkrach um die Bezahlung der 200 Aufsichtskräfte in Griechenland gegeben hatte (die documenta soll neun Euro versprochen haben, aber die zwischengeschaltete Leiharbeitsfirma mochte nur jene knapp sechs Euro genehmigen), doch dass in Athen eine Museumsfrau nur die Hälfte davon verdienen könnte, nein, das war nicht zu erwarten.

Was sie mit jenem Drei-Euro-Stundenlohn alles zu finanzieren habe, von der Miete bis zu den Medikamenten, rechnete sie uns vor, und ich spürte in diesem Moment, wie in mir eine unbändige Wut hochkochte – über eine documenta, die sich gerade auch in Athen so anspruchsvoll gibt, so sozial, so politisch korrekt, über eine documenta, die letztlich im Vakuum ihrer Theorie-Geburten vertrocknet. Wie kann man in ein Land gehen, auch noch »von Athen lernen« wollen – und dann jede Gelegenheit nutzen, Finanzkapitalismus anzuprangern, wenn man es in der Praxis selbst nicht schafft, im direkten Umfeld der vorübergehend genutzten Spielstätten für reine Verhältnisse zu sorgen, diese Widersprüche wenigstens zu thematisieren?

Ist es nicht empörend, dass all das, was documenta-Chef Adam Szymczyk global kritisiert, wo seine Künstler als Illustratoren herhalten müssen, nun im verkleinerten Maßstab auf der Institutionsebene documenta selbst stattfindet? Ein Beispiel: Als wir in den letzten Tagen der am 16. Juli dichtgemachten Ausstellung durch Athen fuhren, um noch möglichst viele der insgesamt 47 Orte zu sehen, hatten wir den Eindruck, dass manche Häuser in einer Art Eroberungswahn auf die Liste genommen wurden, um möglichst noch mehr Museen und andere Institutionen mit dem d 14-Logo markieren zu können als in Kassel, wo es 32 Stationen sind.

Mein Kolonialismus-Vorwurf kommt nicht von ungefähr: Etliche der angegebenen Orte waren nicht mehr in Betrieb, manche von Anfang an mit »by appointment« ausgewiesen, und dann gab es kuriose Ein-Vitrinen-Beiträge, wo man aufgrund der Größe der Museen von der documenta etwas Bedeutsames erwartet hätte. Hauptsache offenbar: documenta-Fahne aufpflanzen. Eine Besetzungsstrategie, so schien mir. Man könnte leicht weitermachen mit jenem Verriss, weil Athen – wie schon Kassel – voller Inszenierungsfehler steckt (oftmals sind die störenden Wanduhren, Gebotsschilder und Alarmleuchten besser platziert als die Kunstwerke). Aber man kann es sich sparen, weil Szymczyk womöglich längst selbst kapiert hat, dass er diese documenta an beiden Orten nachhaltig vergeigt hat.

Nach dem Motto »Von Athen lernen« sah ich den zusätzlichen Aufkleber »Arbeitstitel«, später dann auch noch im »Reader« den aufschlussreichen, von Rücknahme zeugenden Modifizierungstitel »Von Athen aus lernen«. Das ist natürlich etwas völlig anderes – und gibt berechtigte Hoffnung, dass die nächsten Findungskommissare, von Athen, Kassel oder sonst wo aus, mehr Gespür zeigen, wenn sie den Leiter oder die Leiterin der d 15, 2022, auswählen dürfen. Auf Szymczyk-Niveau wird man keine 34 Millionen mehr in den Sand setzen können.

In dieser Ausgabe:  Keine politischen Parolen auf der Sinopale, der Biennale in der Türkei (Seite 5). Keine Angst vor dem Kommerz: Julia Peyton-Jones nun für Thaddaeus Ropac tätig (Seite 7). Rosemarie Trockel als Raumgestalterin (Seite 8). Er will die Villa Massimo in Rom verschlanken: Joachim Blüher (Seite 9). Bewegung in Kassel – unter anderem dank erneuter Kulturhauptstadt-Bewerbung (Seite 11). Wahlkampf à la Monika Grütters (Seite 17). Markt-Check: Miriam Cahn (Seite 18). Im Sog der G20-Randale betrachtet: Anne Imhof und Susanne Pfeffer (Seite 20). Neues Domizil für das Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin gesucht (Seite 21). Würth sei Dank – ein neues Forum in Künzelsau (Seite 24). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 632 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 632

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die zurückliegenden Wochen haben uns alle enorm gefordert. Die ganze Branche war unterwegs, im Stress, weil es so viele Großausstellungen und andere Ereignisse gab, die wahrgenommen werden mussten. Pflichtprogramm eben. Dieser Kunstsommer, überbordend mit Terminen gefüllt, hat freilich auch seine guten Seiten. Durch die vielen notwendigen Reisen kann man wieder einmal tief inhalieren, wie streng der Kunstbetrieb riecht. Ja, ich will es nicht verschweigen: Aus meiner Sicht liegt mittlerweile ein gewisser Hautgout in der Luft, weil die Kunstfamilie im Laufe der Jahre immer größer und leider auch immer feindseliger wurde. Tagtäglich landen Informationen auf meinem Bildschirm, oft vertraulicher Art, die davon zeugen, dass sich die Protagonisten nicht grün sind, dass teils mit harten Bandagen gekämpft wird. Auch der Anteil der perfiden Aktionen nimmt meines Erachtens tüchtig zu. Was da hinterrücks alles kolportiert wird – erschreckend.

Natürlich gab es auch vor Jahrzehnten manche Animositäten unter Kollegen, wo beispielsweise Händler um Privatsammler oder Museumsdirektoren wetteiferten. Doch schnell waren die Konflikte erkannt und dann auch ausgeräumt, weil alle bemüht waren, letztlich einträchtig für die gemeinsame Sache, die Kunst eben, tätig zu sein. Von dieser verbindenden Leidenschaft ist so viel nicht mehr zu spüren. Mir kommt es mitunter vor, als sei eine Horde halbseidener Autoverkäufer auf der documenta, der Biennale oder dieser oder jener Messe im Akquise-Einsatz. In der Unübersichtlichkeit der Szene, die zunehmend von forsch aufgesprungenen Trittbrettfahrern beherrscht wird, geht die einst mühsam erarbeitete Transparenz völlig verloren – und damit notgedrungen auch ein wesentlicher Teil der Branchen-Usancen. Kleines Beispiel: Auf Messen war es mal üblich, dass alle ausgestellten Werke mit Preisschildern versehen wurden. Heute wird gerne darauf verzichtet, und jeder weiß, warum das so ist.

Im Sog einer dubiosen Preis- und Rabattpolitik, die nach Gutdünken oder Sammlernase entsteht, sind Verstimmungen und knallharte Auseinandersetzungen programmiert, und ich frage mich, ob die Berufs- und Interessensverbände nicht allesamt endlich einmal an einem Tisch sitzen müssten, um gemeinsam neue Ziele einer Branchen-Ethik zu formulieren und durchzusetzen. Andrea Hilgenstock, eine der Redakteurinnen dieses Branchenbriefes, die sich seit vielen Jahren um den Markt-Check einzelner Künstler kümmert, berichtet immer wieder, wie schwer es ihr seitens der Galerien gemacht wird, Auskünfte zur Preisbildung zu erhalten. Mehr noch: Regelmäßig werden ihr sogar Informationen verweigert, die sich auf die Verkaufspreise ausgestellter Werke beziehen. Kollegin Rose-Maria Gropp, »FAZ«, klagte kürzlich ebenfalls: »Die simple Frage nach dem Preis, an sich die Ratio jeder Verkaufsmesse, wird immer unbeliebter«. Für ein bezauberndes Spielzeug von Alexander Calder sei auf der Art Basel »noch nicht einmal eine ungefähre Preisvorstellung erfahrbar«.

Dass ernsthafte Sammler unter den Einsteigern dem Kunstmarkt mit größter Skepsis begegnen, wenn sie derlei Gepflogenheiten beobachten, womöglich bald wieder abtauchen, mag nachvollziehbar sein. Denn seriös wirkt es eben nicht, wenn sich mitunter arrogant gebende Aussteller sogar gegenüber Branchenkennern verschlossen zeigen. Schnell schleicht sich Misstrauen in die Kommunikation, und mühsam aufgebaute geschäftliche Kontakte zerstäuben sich, bevor sie wirklich Früchte zeigen. Der Lauf der Dinge eben. Gegensteuern unumgänglich, will man Stammkunden binden, neue Sammler langfristig bei Laune halten. Sollte demnächst wieder einmal einer jener Galeristen vor mir stehen, die mit dem Umsatz auf irgendeiner Messe unzufrieden sind, werde ich ihn fragen, ob er auch tatsächlich alles richtig gemacht habe. Sie wissen schon: Namensschilder reichen nicht, Preisschilder sollen es sein.

In dieser Ausgabe:  Der Kunsthändler Simon de Pury fühlt sich beim Gauguin-Megadeal Katars über den Tisch gezogen (Seite 5). Zweifelsfreie Identifikation ist Pflicht: Was das neue Geldwäschegesetz für den Kunsthandel bedeutet (Seite 8). Wiedereröffnung im November: Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums befreit sich von Altlasten (Seite 8). »Künstlerscheiße« in guten Händen: Fortan betreut die Galerie Hauser & Wirth auch noch den Nachlass von Piero Manzoni (Seite 9). Brisante Hinterlassenschaft: Die Franz West Privatstiftung verliert auf ganzer Linie (Seite 10). Konfliktstoff Privatkopiegelder: Der Verteilungsplan der VG Bild-Kunst sorgt für Unmut (Seite 14). Markt: Mary Bauermeister im Aufwind (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 631 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 631

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, mancherorts wäre man gewiss froh, sich über unaufhörlich fließende Besucherströme beklagen zu können. Im Museum Bad Arolsen (siehe Seite 21), nur ein paar Kilometer von Kassel entfernt, öffnet man aus nachvollziehbaren Gründen erst mittags um zwei, und am Montag und am Dienstag bleiben die Ausstellungsräume personalsparend dicht. In vielen Kunstvereinen und natürlich in den Galerien, die sich im Laufe der Jahrzehnte zu Hause entbehrlich gemacht haben, weil sie auf den internationalen Kunstmessen vertreten sind, sieht es kaum besser aus. Schiebt man sich derzeit durch die Orte der Großausstellungen, ob auf der Biennale oder der documenta, wo das Gedränge teils groteske Züge annimmt, kommt man nicht auf die Idee, dass es irgendwo noch leere Kunst-Räume geben könnte. Aber es gibt sie, reichlich sogar.

In Italien brodelt derweil eine Debatte, die teils surreal wirkt. Zwar haben auch wir anlässlich der Biennale-Preview-Tage in Venedig einmal mehr beobachtet, wie diese Stadt von Touristen völlig überflutet wird, wie insbesondere Asiaten zu Tausenden für ein paar Stunden ins Zentrum strömen und jeden Quadratmeter besetzen, doch dass man jene rund 50 000 Einwohner schützen muss, nein, das hätte kein Außenstehender vermutet. Immerhin lebt die Biennale-Metropole just von diesen Besuchern, von den Umsätzen in der Gastronomie, im Hotelgewerbe und in den diversen Shops. Exakt hier liegt denn auch der wunde Punkt einer aktuell umstrittenen Kampagne, die sich gegen weitere Eröffnungen von Hotels und Pizzabuden in der Altstadt richtet, die sogar den Vorschlag enthält, Eintritt zu verlangen, wenn jemand die Piazza San Marco betreten will. Allein Zwei-Euro-Tickets würden jährlich circa 60 bis 70 Millionen in die Stadtkasse spülen. Reduzieren würde diese Maßnahme die Besucher freilich nicht.

In Florenz setzt die Stadtverwaltung auf rigoroses Vorgehen. Wasser marsch, so heißt es dort, und dann werden, kaum zu glauben, Hochdruckreiniger eingesetzt, um Picknick-Touristen wie lästige Tauben zu vertreiben. In Rom, Spanische Treppe, richtet sich der Strahl der Sauberkeit dagegen bislang nur gegen die klebrigen Hinterlassenschaften der überall campierenden Fastfood-Reisenden. Bemerkenswert auch, dass die Italiener auf den weiter zunehmenden Massentourismus im Einzelfall mit empfindlichen Strafen reagieren: Ein Russe, der seine Initialen ins alte Gemäuer ritzte und erwischt wurde, musste 20 000 Euro zahlen. Doch abschreckend wirkt all das nicht.

Dass die normalerweise entspannten Italiener in diesem Sommer so aufgebracht ihre Stadt-Kerne verteidigen, könnte auch damit zu tun haben, dass es längst nicht mehr um ein paar eklige Kaugummis auf Treppenanlagen oder Touristen-Kritzeleien am Kolosseum geht. Es geht stattdessen ums Ganze, um den guten Ruf, um die Zukunft. Die UNESCO hat zwar soeben noch mal Aufschub beschlossen (um anderthalb Jahre), doch eigentlich sollte in diesen Tagen eine weitreichende Entscheidung getroffen werden. Man wollte Venedig den Weltkulturerbe-Status wegnehmen, weil von der vereinbarten Investition zur Rettung der von Kreuzfahrtschiffen überforderten Biennale-Stadt nichts zu sehen ist.

Nun darf davon ausgegangen werden, dass Venedig auch ohne diesen Titel unter den Auswüchsen weltweiter Gruppen-Reise-Lust leiden würde. Aber das Beispiel steht für ein Dilemma, in dem sich der gesamte Kulturbetrieb befindet. Einerseits lechzen wir nach Publikum, andererseits überfordert es die Branche, vorhandenes Interesse angemessen zu kanalisieren. In diesem Kunstsommer kann man zum Beispiel überall Warteschlangen beobachten, vor einzelnen Installationen, vor den kleinen dunklen Filmkabinen, an den zunehmenden Vitrinen mit Archivalien. Auf jedem Rummelplatz macht man sich Gedanken, wie verhindert werden kann, dass Unzufriedenheit hochkocht. In der Kunst, so die Einschätzung, führt dagegen Kuratoren-Hochmut dazu, dass manche Besucher wegbleiben. Es sei ihm schlichtweg zu blöde, sagte kürzlich ein Freund, sich in die Schlangen vor den Pavillons in Venedig einzureihen und dort kostbare Lebenszeit zu vertrödeln.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur Art Basel (Seite 5). Hinten dran: Deutschland im Museumsranking abgeschlagen (Seite 6). Salzburg: Wie Museumschefin Sabine Breitwieser abgesägt wird (Seite 8). Großartige Performance: »Kreatur« von Sasha Waltz (Seite 8). Von Essen nach Lugano: Tobia Bezzola kehrt in die Schweiz zurück (Seite 13). Langatmig: SAVVY Funk, das Radioprogramm der documenta (Seite 13). Beendet: Die Zusammenarbeit der Galerie Michael Schultz mit dem Künstler-Paar Römer + Römer (Seite 17). Neues Museum afrikanischer Kunst in Kapstadt – dank Jochen Zeitz (Seite 20). Erholsame Stille: Das Museum Bad Arolsen (Seite 21). Kulturgutschutzgesetz und Bundestagswahlhilfe: Ein Appell von Rudolf Zwirner (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 630 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 630

 

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, ohne Umschweife: Diese documenta ist misslungen. Was nach einer irrsinnig überdehnten, knapp dreistündigen Pressekonferenz im Kasseler Kongress-Palast allerorten zu sehen war, bestätigte den Kuratoren-Irrtum, der sich bereits während dieser fatalen Performance erkennen ließ. Schon die beiden ersten Referenten aus dem Szymczyk-Kuratoren-Team, nämlich Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Paul B. Preciado, spannten den Kontext-Bogen so weit, ob es um die weltpolitische Lage oder die Transgender-Problematik ging, dass sie es am Ende völlig versäumten, die Kunst selbst einzubinden. Um die sollte es aber gehen, weil die documenta immer noch eine Kunstausstellung ist.

Indessen spürt man in Kassel nach ausgiebigen Rundgängen durch nahezu sämtliche Ausstellungsorte (immerhin über 30) eine eigenartige Leere, allenfalls einen aufkeimenden Ärger über eine Kuratoren-Arroganz, die sich über alles hinwegsetzt, was in den vergangenen Jahrzehnten von der Branche hart erarbeitet wurde. Zugestanden: Es gab immer irgendwo Kritik anzumelden, wenn in Kassel documenta war; aber haben wir seit der d 5 im Jahr 1972, als mit Harry Szeemann die neue documenta-Ära anbrach, jemals eine derart verkäste Ausstellung gesehen? Wie eine abgestorbene Masse ziehen sich überwiegend mäßige Werke in meist unsäglicher Inszenierung durch die Räume.

Vorhandene Architekturen, künstlerische Nachbarschaften und zu erwartende Besucherströme wurden völlig missachtet. Kaum zu glauben, dass Adam Szymczyk einst die Appel-Kuratoren-Schule in Amsterdam besucht haben soll. Das kleine Einmaleins der Platzierung, das jeder Ausstellungsmacher beherrschen sollte (Szeemann: »Inszenieren heißt Lieben«) – es wurde sträflich vernachlässigt. Und so gehen die hohen Ansprüche kurzerhand in den Beobachtungen unter, wie hier am laufenden Band der Kunst geschadet wird.

Fragt man die Künstler selbst, ob sie mit ihren Beiträgen wirklich zufrieden sind, räumen sie ein, dass dieser oder jener Ort oder die Umsetzung des Konzepts nicht optimal sei. Aber es habe keine echte Alternative gegeben. Also Kopf einziehen, dankbar sein, dass man von Szymczyk selbst oder einem der anderen Schlaumeier-Kuratoren überhaupt ausgewählt wurde, dass man dabei sein darf. Mit Verlaub: Da macht sich Übelkeit breit. Das gilt auch angesichts der herumschleichenden Findungskommissare, die vor vier Jahren diesen künstlerischen Leiter nominiert haben, obwohl sie wussten, dass er’s nicht kann, dass er zu den Leuten im Kunstbetrieb gehört, die Kunst allenfalls zur Illustration ihren verkopften Theorien missbrauchen.

Zwar gibt es ein paar herausragende Künstler und Werke auf dieser d 14 (etwa Maria Eichhorn, Romuald Karmakar oder Artur Zmijewski), doch alles in allem ist man froh, wenn man Kassel wieder verlassen darf. Allein die Präsentation der lausigen, obendrein miserabel ausgeleuchteten EMST-Sammlung im Fridericianum ist eine Zumutung. Und dann das Wahrzeichen dieser documenta, mitten auf dem Friedrichsplatz: Was Marta Minujin dort als »Parthenon der Bücher« aufgebaut hat, dieses in Plastik geschweißte Wissen, ist grauenvoll; es ist schlichtweg Kunsterzieher-Kunst.

Dieses Ungetüm passt bestens ins Szymczyk-Universum politischer Korrektheit, und es fällt manchem Kritiker-Kollegen folglich schwer, sein Unbehagen zu formulieren. Denn natürlich sind wir alle gegen das Verbot von Büchern. Aber müssen wir deshalb für dieses rund 35 000 Kubikmeter große Missverständnis sein, das Kunst sein will – und noch nicht mal Agitprop darstellt? Von Joseph Beuys bis Walter de Maria – auf dem Friedrichsplatz und in ganz Kassel haben wir schon viel gute Kunst gesehen. Diesmal, zu dumm, ist’s nicht mehr als Dekor. Oder: Wie sich Intellektuelle vorstellen, dass Kunst auszusehen habe.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur documenta (Seite 4). Galerist Michael Schultz trennt sich von Römer + Römer (Seite 7). Italien: Ärger für ausländische Museumsdirektoren (Seite 7). Dänemark: Protest gegen Katharina Grosse (Seite 10). Unruhe im Verein der Freunde der Nationalgalerie (Seite 11). Hat Phil Collins bei Rudolf Herz abgekupfert (Seite 13)? Warum sucht Cristina Steingräber »neue Herausforderungen« und verlässt Hatje Cantz (Seite 13)? Bern: Gurlitts Grundstücke und das Kunstmuseum (Seite 14). Lüneburg: Promovieren im Museum (Seite 17). Düsseldorf und die Kunst im öffentlichen Raum (Seite 20). Markt-Check: Abraham David Christian (Seite 22). Susanne Klatten und die Stiftung Nantesbuch (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 629 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 629

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, war’s ein Zufall? Ja, aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall: Morgens las ich in der »Süddeutschen«, Wirtschaftsteil, dass sich die Deutsche Bank, die jüngst per Kapitalerhöhung weitere acht Milliarden eingespielt hatte, »mühsam aus den Skandalen früherer Jahre kämpft«. Im »Tagesspiegel« legten die Kollegen des dortigen Wirtschaftsressorts, die schon am Vortag »Bereit zum Neuanfang« berichtet hatten, tüchtig nach und erläuterten im Detail, wie das Unternehmen sein »schlechtes Image mit einer Markenkampagne und neuen Managern abschütteln« möchte. Hashtag für die Bank, Dividende für die Anleger. Kurz zuvor hatte John Cryan, der oberste Banker, der fortan das Deutsche in der Deutschen stärken möchte, im Rahmen der Hauptversammlung gesagt, dass man das Schlimmste hinter sich habe und zuversichtlich sei.

Und nun, nachmittags, saß ich mit einem hochkarätigen Mitarbeiter-Quartett, darunter Direktor Friedhelm Hütte, Global Senior Art Advisor, sowie dem aus München telefonisch zugeschalteten Managing Director und Global Head of Art, Culture and Sports, Thorsten Strauss, in Berlin an einem Erdbeerkuchen-Tisch und hörte von einem Projekt, das wohl alles überstrahlen wird, was die Deutsche Bank bislang in Sachen Kultur gemacht hat. Es geht um den Plan, vom Mai oder Juni 2018 an im sogenannten Prinzessinnenpalais, 1730 erbaut, heute an der Adresse Unter den Linden 5 leicht zu finden, ein neues Kulturforum der Deutschen Bank zu betreiben.

Dort, wo in diesem Jahr eigentlich 20 Jahre Kunsthalle zu feiern wären, ein paar Häuser weiter, will man ausziehen – und mit einem stark erweiterten Konzept in die Nähe des Humboldt Forums rücken (als Mieter; das Gebäude gehört Springer-Chef Matthias Döpfner). Immerhin knapp 3000 Quadratmeter Nutzfläche werden für Wechselausstellungen und Sammlungspräsentationen sowie für interdisziplinäre Vorhaben zur Verfügung stehen. Obendrein sollen allerlei Veranstaltungsformate erprobt werden, die sich auch aus der kühnen Vision ergeben, Kultur und Sport unter einem Dach zu fördern.

Dass das nicht einfach wird, weil diese Allianz keine natürliche ist, weiß die Frau-/Mannschaft um Strauss, und es macht den Top-Manager glaubwürdig und sympathisch, wenn er unverzüglich interveniert, spricht jemand aus der Runde von einer »wasserdichten Lösung«, die man später präsentieren möchte. Nein, tönt es aus München, alles dürfe porös sein, bereit zur Korrektur, zur Reaktion auf eine sich lebendig entwickelnde Gesellschaft, ihre Kultur, Sport inklusive, und selbstverständlich müsse man auch selbst aus den Anfängen am neuen Standort lernen, gegebenenfalls bereit zum Neuanfang.

Anschaulich wurde es Minuten später. Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr, natürlich. Über eine wunderbare Terrasse (wo auch Gastronomie möglich sein wird) ins geräumte, bereits nach Funktionsbereichen aufgeteilte Haus. Zwei Etagen für Foyer, Shop und multifunktionaler Forumszone sowie Ausstellungsbereich auf musealem Niveau, überdies unter dem Dach der »Atelier«-Bereich für zielgruppenorientierte (Workshop-)Angebote. Kaum zu glauben, denke ich, dass nun hier, wo einst, 120 Jahre lang (bis 1931), die preußische Herrscherfamilie wohnte, mitten im Zentrum Berlins, eine Vervielfachung der bisherigen Ausstellungsfläche der Deutschen Bank möglich wird, dass hier ein Freiraum dieser besonderen Art entsteht.

Wenn es gelingt, das Konzept auch im Detail zu schärfen, zu präzisieren, kein Zweifel, dann wird Berlin in einem Jahr einen besonderen Kommunikationsort haben. Und Friedhelm Hütte, der die Deutsche Bank bereits wiederholt mitgenommen oder in die richtige Richtung gebracht hat, wenn ein Paradigmenwechsel in der Gegenwartskunst anstand, wird als künstlerischer Leiter des neuen Forums (das noch einen Namen sucht) alsbald Furore machen. Denn klar ist doch jetzt schon: Ortswechsel sind die beste Voraussetzung für neues Denken, für den Neuanfang.

In dieser Ausgabe:  Wie sich Yusaku Maezawa, Milliardär, ins Gespräch bringt (Seite 4). Pressestimmen zur Skulpturen-Schau »Blickachsen« (Seite 6). Das Kreuz mit dem Kreuz auf dem Humboldt Forum (Seite 8). Buenos Aires als erste »Art Basel City« (Seite 9). Freiheit im Zellentrakt: »Luther und die Avantgarde« (Seite 10). Berlin: Chris Dercon setzt auch auf Tino Sehgal (Seite 11). Karlsruhe: Markus Lüpertz hat Ärger mit den Grünen (Seite 14). Preis-Check Brigitte Kowanz (Seite 17). München, Kunsthalle: Kritiker zahlen die Hälfte (Seite 17). Zum 40-jährigen Jubiläum der Stiftung Arp kommt wieder alles ins Lot (Seite 20). Thema Provenienz: Sammlung Rudolf-August Oetker im Fokus der Forschung (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 628 – Editorial

 

 

 

Informationsdienst KUNST 628

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Verdienste hin, Verdienste her. Aber vielleicht ging es ohnehin immer mehr um den eigenen Verdienst, um den schnöden Mammon oder um das Mammut im Gewand des Intellektuellen, der von der großen Öffentlichkeit geliebt und hofiert werden wollte – zumal er im kleinen Insiderkreis eher argwöhnisch beäugt wurde. Seit Jahrzehnten schon, seit jenem Zeitpunkt, als die Branche kapierte, dass da jemand das Zusammenspiel mit den Museen sucht, um möglichst unverdächtig kommerzielle Ambitionen auszuleben. Der Händler, getarnt als Sammler. Macht-Poker unter dem Deckmantel der Freundschaft mit den Künstlern – von Beuys über Kiefer bis zu Twombly.

Ja, es geht um Heiner Bastian, den aalglatten Strippenzieher im Kunstbetrieb, der sich zuletzt, 2016, per Zwei-Stufen-Plan ins Gespräch brachte. Zuerst wollte er sein von David Chipperfield gebautes Galeriehaus am Berliner Kupfergraben ohne Gewinnabsicht an die Staatlichen Museen weiterreichen. Ein anderer Sammler, Reinhold Würth, so war es verabredet, hätte ihm und seiner Familie den Baupreis erstattet, und so war, naheliegend, auch vorgesehen, dass der wahre Mäzen, Würth, im Titel eines dort geplanten neuen Bildungszentrums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz namentlich auftauchen würde.

Doch quasi über Nacht, Stufe zwei, als bereits alles kommuniziert war, gingen die Bastians aufs Ganze – und kündigten großzügig ihrerseits die Schenkung des ganzes Hauses an, um unangefochten in der Rolle des Allein-Mäzens agieren zu können. Reinhold Würth, völlig überrascht vom Gesinnungswechsel im Hause Bastian, war ausgeladen, übel vorgeführt wie die verhandelnde Stiftung, die nun mitteilen musste, dass alles ganz anders kommt, dass man jetzt ausschließlich Heiner, Céline und Aeneas Bastian dankbar sei. Stiftungspräsident Hermann Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, beide um Ausgleich bemüht, machten gute Miene zum Bastian-Spiel und setzten diplomatisches Geschick ein, um Reinhold Würth für eine andere mäzenatische Großtat zu gewinnen, etwa im Humboldt Forum.

Am 1. Mai, Tag der Arbeit, muss nun, kaum zu glauben, quasi Stufe drei, am Kupfergraben die nächste Erkenntnis eingesetzt haben. Denn am folgenden Tag erreichte die Stiftung (die bereits mit Drittmittelgebern wegen der Finanzierung des Bildungszentrums verhandelte hatte) ein Brief, in dem Heiner Bastian die Schenkung kurzerhand zurücknahm. Mir nichts, dir nichts. Der Grund: Seine emotionale Bindung ans Haus, als sei die nicht schon vorher vorhanden gewesen. Beispielsweise im vergangenen Jahr, als er an Reinhold Würth zugunsten der Museen zu Berlin verkaufen wollte, als er, kurz danach, das Gebäude plötzlich lieber als Geschenk deklarierte.

Gelinde, souverän hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz reagiert; sie berichtete Anfang des Monats von »großem Unverständnis und Bedauern«. Dabei ist sie von Heiner Bastian mittlerweile in der gleichen Angelegenheit zweimal veräppelt worden. Parzinger und seine Leute, die gewiss anderes zu tun haben, als ihre Zeit für Verhandlungen mit einem Wirrkopf zu opfern, werden die Idee des Bildungszentrums in direkter Nähe zur Museumsinsel sicherlich andernorts realisieren. Aber es stellt sich die Frage, ob Heiner Bastian noch jemals an irgendeinem Verhandlungstisch sitzen wird. Auf sein Wort ist offensichtlich kein Verlass.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur Biennale in Venedig (Seite 5). Kunst für Fortgeschrittene: Udo Kittelmanns Projekt für die Fondazione Prada (Seite 8). Im kommenden Jahr zieht Thomas W. Gaehtgens, Getty Research Institute, nach Berlin (Seite 8). New York: Acquavella und Pace und ihr Coup mit Calder und Miró (Seite 9). Martin Roth im Zwielicht (Seite 12). Aus für die »Lichtsicht«-Biennale (Seite 12). Verlagspleite: Was aus Seemann Henschel wird (Seite 15). Monika Grütters zur Strafrechtskonvention des Europarats (Seite 15). Volker Rattemeyer über die Situation im Rhein-Main-Gebiet (Seite 17). Markt-Check: Robert Kusmirowski (Seite 22). Flop: Die jüngste Schau von Shirin Neshat (Seite 23). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 627 – Editorial

 

 

 

Informationsdienst KUNST 627

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Sie selbst kennen gewiss dieses Gefühl der Übersättigung, das Bedürfnis, vorübergehend auszubrechen, wenn der Branchen-Talk überhandnimmt, wenn man auf der Suche nach wirklich guter Kunst laufend in eher unerheblichen Gesprächen hängenbleibt. So wichtig der Austausch in unserer Familie erscheint, so zeitraubend ist er eben auch, weil man oft lange braucht, bis die Small-Talk-Ebene verlassen und ein ehrlicher, intensiver Dialog erreicht werden kann, anregend für alle Beteiligten. Hallöchen hier, hallöchen dort; in diesen Tagen tobt der nichtssagende rhetorische Wahnsinn – zumal Berlin und Köln, auf Freiersfüßen, aber eben noch nicht vertraglich vermählt, tatsächlich meinten, gleichzeitig und somit gegeneinander antreten zu müssen. Art Cologne und Gallery Weekend bewältigt; Biennale in Venedig und documenta in Kassel, aber auch Skulpturen-Offensiven in Münster, Bad Homburg und Rhein-Main-Region sowie in Bingen im Visier, zudem die konzertierte »Made in Germany«-Aktion in Hannover oder die von zwei Satelliten begleitete Schau »Luther und die Avantgarde« in Wittenberg – ja, in diesen Wochen gibt’s kein Pardon. Es geht hoch her, ein Termin jagt den anderen. Keine Zeit also für Vor- oder Nachbereitungen. Die allgemeine Sorge greift um sich, etwas Wesentliches zu verpassen.

In einem solchen Moment das aktuell Naheliegende ein paar Tage lang sausen zu lassen und sich aus dem pausenlos drängenden Ereignis-Strom herauszukatapultieren, das erschien mir richtig. Abflug nach London, ohne auch nur einen einzigen Gesprächstermin zu vereinbaren. Inkognito sein, das Gesehene nicht flüchtig, sondern abends in Ruhe im Hotel verarbeiten zu können, das war das Ziel. Also Brexit beiseite, Theresa Mays Neuwahlen-Strategie ebenfalls, keinen Gedanken verschwenden, warum das seit 2013 wirtschaftlich ungeheuer aufsteigende Vereinigte Königreich jetzt schon, im ersten Quartal 2017, einen tüchtigen Umsatz-Rückgang-Dämpfer verkraften musste – und mitten hinein in die »wundervolle Stadt«, wie »Der Spiegel« vor fünf Wochen titelte. Der erste Eindruck nach längerer Abwesenheit: In London herrscht eine großartige Stimmung, freundliche Menschen, emsiges Treiben, tolle Geschäfte, vermutlich die höchste Gastronomie-Dichte seit ewigen Zeiten. Natürlich: Dann und wann die eher beiläufige Klage eines Taxifahrers oder eines Kellners, dass London enorm teuer sei, aber das war’s dann schon. Der zweite Eindruck: Das sich ständig auf die Schenkel und die Schulter klopfende Berlin, selbstgefällig bis zur Schmerzgrenze, könnte sich so manches Scheibchen abschneiden. »Wollen wir nicht noch mal umziehen«, fragt mich meine Frau am zweiten Tag der Stippvisite.

In den Galerien und Museen sieht’s ebenfalls lebendig aus. Ein Kommen und Gehen in der Großgalerie Hauser & Wirth, wo sich halb London für Maria Lassnig interessiert; eine gelungene »The Critical Edge«-Schau von Richard Tuttle bei Pace. Natürlich ein Gang durch die National Gallery, selbstverständlich ein Besuch im Victoria and Albert Museum, wo wir uns wieder einmal fragen, wie es nur passieren konnte, dass Martin Roth dieses einzigartige Haus verlassen mochte. Eine offene Frage auch in der Tate Modern, die insgesamt (und trotz ihrer sage und schreibe fünf Shops) eigenartig vernachlässigt wirkt: Wird das Werk von Wolfgang Tillmans nicht maßlos überschätzt? Und dann schon wieder, zu komisch, der aufkeimende Wunsch, trotz aller spontanen Berlin-Flucht-Gedanken nun am liebsten mit Udo Kittelmann reden zu wollen, warum es die Staatlichen Museen zu Berlin nicht schaffen, eine derart phantastische Retrospektive wie die von David Hockney (zum 80. Geburtstag im Juli) nach Deutschland zu holen. Was die Tate Britain bis zum 29. Mai zeigt, was danach in Paris, Centre Pompidou, und in New York, Metropolitan Museum, präsentiert wird, ist eine herausragende, eine sensationell gelungene Ausstellung, ein Blockbuster allererster Güte. Auf dem Rückflug nach Berlin erörtern wir die Frage, was Museen machen sollten, ob sie ein Programm haben müssen, das von einer Konzeption zeugt, oder ob es genügt, Ausstellung an Ausstellung und Projekt an Projekt zu reihen. Zündstoff fürs nächste Treffen mit Udo Kittelmann, der nun in Venedig für Frau Prada kuratiert.

In dieser Ausgabe: In Frankreich kursiert unter Künstlern und Museumsleuten reichlich Angst vor der Präsidentschaftswahl (Seite 5). An der Kunstakademie Düsseldorf heißt der neue Rektor Karl-Heinz Petzinka (Seite 8). Art Cologne: Skeptischer Aussteller-Blick auf die Allianz mit Berlin (Seite 8). »Handreichung für die Praxis«: Nachhilfe in Sachen Kulturgutschutzgesetz (Seite 11). Tübingen: Holger Kube Ventura hat in der Kunsthalle gekündigt (Seite 12). Markt-Check John Bock (Seite 14). Mega-Flop der Museumspolitik: Sammlung Essl (Seite 15). Widerstand gegen Hermann Nitsch in Australien (Seite 16). NRW-Wahlen ohne Thema Kulturpolitik (Seite 17). Wien, Belvedere: Die neue Direktorin, Stella Rollig, schweigt viel (Seite 20). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 626 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 626

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kurz vor Ostern kursierte die Nachricht, dass das so zügig in die Planung und dann zur Entscheidung gekommene Bauprojekt am Berliner Kulturforum, das von Herzog & de Meuron konzipierte Museum des 20. Jahrhunderts, noch einmal grundlegend in die Entwurfsphase zurückgetrieben werden soll. Dabei sind die Architekten längst mit dem Feinschliff ihrer Planung beschäftigt (minimale Verkleinerung, um Grundstückssituationen besser zu berücksichtigen), und Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Weichen gestellt, dass nicht erneut das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung als steuernden Behörde zum Einsatz kommt, gefürchtet nicht zuletzt wegen des Debakels in Sachen Pergamonmuseum.

Gleichwohl wurde auch Petra Wesseler, die umstrittene Präsidentin des Bundesamtes, in den Verteiler genommen – und gemeinsam mit Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sowie seinen leitenden Museumsdirektoren Michael Eissenhauer und Udo Kittelmann und den Berliner Senatoren Klaus Lederer (Kultur) und Katrin Lompscher (Stadtentwicklung) über den Einspruch informiert. Die Intervention kommt von einer durchaus geschätzten Stiftung bürgerlichen Rechts unter dem Vorsitz von Volker Hassemer: Die Stiftung Zukunft Berlin, die sich quasi als außerparlamentarisches Forum vielerorts in die Stadtpolitik einschaltet, hat vier Forderungen für den öffentlichen Raum des Kulturforums verbreitet und damit gewissermaßen den Planungsstopp in Sachen Museumsneubau verlangt.

Freilich muss man sich fragen, warum dieser Einwand erst jetzt kommt, und Recherchen zeigen schnell, dass es dafür eine plausible Erklärung geben könnte. Dass die niemand bestätigen würde, versteht sich. Denn welches unabhängige Gremium möchte in der Öffentlichkeit schon als ferngesteuert dastehen? Aber viele der Forderungen, die jetzt in dem Papier auftauchen, klingen eigenartig vertraut. Die im zweiten Einspruch angedachte Neuausrichtung des Baukörpers, zum Beispiel, war bald und vergeblich kurz nach der Wettbewerbsentscheidung formuliert wurden. Nun, was Wunder, taucht der Kritiker, nämlich der streitlustige Architekt Stephan Braunfels, im Kreis der 13 Persönlichkeiten auf, die unter dem Schirm der Stiftung Zukunft Berlin die Bremse treten wollen.

Dass betagte Sammler wie Ulla und Heiner Pietzsch sowie Erich Marx, die die Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts gerne noch selbst erleben möchten, angesichts einer solchen Intervention mehr als verärgert sein dürfen, ist bestens nachvollziehbar – zumal sich der Forderungskatalog der Stiftung, unterstützt von der Sektion Baukunst der Akademie der Künste und der Hermann Henselmann Stiftung, in großen Teilen so arrogant liest, als wären Herzog & de Meuron dumme Buben, denen man noch erklären muss, was Architektur zu leisten hat. Bei aller Wertschätzung von Bürger-Engagement: So geht’s nicht.

In dieser Ausgabe:
Angeblich lässt Helge Achenbach einen Roman über sein Leben schreiben (Seite 3). Pressestimmen zur documenta 14 in Athen (Seite 4). Neue Messe in der Hauptstadt: Daniel Hug und Maike Cruse planen die Art Berlin (Seite 7). Streit um die Internationale Bauakademie (Seite 9). Rhein-Main-Region: Museumsdirektoren gesucht (Seite 10). Schweiz: Raubkunst der anderen Art (Seite 11). Wehmütiger Rückblick: 50 Jahre Kunsthalle Düsseldorf (Seite 14). Wie Galeristen auf den Messe-Rummel reagieren (Seite 17). Kuratorisch aufgesattelt: Hans Haackes »Gift Horse« in München (Seite 19). Bonn: Konflikt um ein geplantes Denkmal für August Macke (Seite 21). Berlin: Stolze Bilanz der Freunde der Nationalgalerie (Seite 22). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 625 – Editorial

 

Informationsdienst KUNST 625

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, endlich, wirklich überfällig. Am Freitag, 24. März, mittags, zwei Wochen vor Eröffnung der documenta in Athen (8. April bis 16. Juli), trafen die ersten verwertbaren Informationen aus Kassel ein. Die documenta-Geschäftsleitung, die sich vermutlich mächtig ins Zeug legen musste, um am Öffentlichkeitsarbeit verweigernden künstlerischen Leiter vorbei die Presse informieren zu können, stellte immerhin eine 18 Din-A-4-Seiten umfassende Liste der griechischen Ausstellungsorte zur Verfügung (siehe auch Seite 4, Randspalte). Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann sind es sage und schreibe 46 Orte, die von Adam Szymczyk und einem Tross von documenta-Mitarbeitern bespielt werden.

Vom Athener Konservatorium übers Benaki-Museum bis zum Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst, von der Hochschule der Bildenden Künste über die Konzerthalle Megaron bis zum Ersten Friedhof von 1837 oder dem Kino Stella – überall taucht die documenta auf und will ihre Duftmarken setzen. Schon vor Wochen hatte mir jemand aus der nordhessischen Insider-Szene geflüstert, in Athen habe eine neue Kolonialzeit begonnen: Die documenta-Pfadfinder seien in der ganzen Stadt unterwegs, um Partner und Orte für ihre Kunst-Offensive zu finden. Szymczyks Herzblut gelte Althen. Dagegen werde sich die Geburtsstätte der documenta in Kassel wohl eher karg darstellen (im Fridericianum soll beispielsweise die EMST-Sammlung gezeigt werden).

Dass documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff kürzlich, für alle überraschend, nachdrücklich signalisiert hat, dass der 34-Millionen-Etat nicht ausreichend sei, wird angesichts dieser ungeheuer aufwendigen, kostenintensiven Logistik, die das Gastspiel in Griechenland erfordert, natürlich unverzüglich nachvollziehbar (zumal Kulenkampff unter dem Druck steht, die Hälfte der Summe selbst erwirtschaften zu müssen, die anderen 17 Millionen kommen vom Land Hessen, der Stadt Kassel und der Kulturstiftung des Bundes). »Learning from Athens« – vielleicht hat es seinen guten Grund, dass diese zunächst für die d 14 ausgegebene Devise offiziell plötzlich nur noch als Arbeitstitel kursiert.

Schaut man sich die 18 Seiten lange Informationsschrift aus dem Kommunikationszentrum (Leiterin: Henriette Gallus) genau an, dann fällt auf, dass zwar viel über die einzelnen Orte sowie ihre meist traditionsreichen Geschichten und die ursprünglichen Funktionen verraten wird, doch was weitgehend fehlt, sind jene Erläuterungen, die sich auf Künstler und Projekte beziehen. Die Ausnahme, wenn es zum Beispiel heißt, dass Daniel Knorr die Skulptur »Knabe mit Hund« aus der Sammlung des Archäologischen Museums für die Dauer der documenta vergraben wollte, das Vorhaben indes scheiterte. Was tatsächlich zu sehen und zu erfahren ist, ob sich meine geplante Reise nach Athen lohnen wird, das vermittelt sich leider nicht oder bestenfalls nur im Ansatz.

Den Stadtplan vor Augen, kann ich freilich erahnen, dass gutes Schuhwerk vonnöten sein wird, um die documenta in Athen wahrzunehmen. 46 Stationen – ich plane also einige Tage ein, ohne zu wissen, ob die wenigen Künstler (und ihre Arbeiten), die nun kurz erwähnt wurden, eine derartige Reise rechtfertigen werden. Es sind gut zwei Dutzend Musiker, Tänzer, Filmemacher, Lyriker, Textilfärber, Bildhauer, Architekten, Gastwirte und Performer, darunter wenige bekannte wie Douglas Gordon, Maria Eichhorn und der vor Monaten gestorbene Ben Patterson (siehe Seite 16), die namentlich vorkommen. Gewiss werden in der documenta-Stadt Athen viele weitere vertreten sein, sollen insgesamt doch rund 160 Künstler mitmachen.

So hat vor zwei Wochen der Künstler Sokol Beqiri – Joseph Beuys und Ben Wagin lassen grüßen – einen Baum auf dem Campus der technischen Universität gepflanzt, angeblich Teil einer Arbeit, die wiederum nach einer Idee von einem Lulzim Zeqiri entstanden sein soll. Angeblich vermählt sich jetzt eine griechische Eiche mit den Zweigen einer deutschen Eiche. Vielsagend wohl auch ein anderes Kooperationsprojekt im Umfeld der Landwirtschaftlichen Universität: Stellvertretend für jedes der 54 afrikanischen Länder werden 54 Lämmer komplett eingefärbt und in einen Obstgarten getrieben. Ein Projekt von einem mir bislang nicht aufgefallenen Aboubakar Fofana.

Drittes Beispiel: Für Ross Birrell, einen weiteren Teilnehmer, erwarb die documenta mehrere Pferde, mit denen sich am 9. April insgesamt vier Reiter zum 3000-Kilometer-Ritt nach Kassel aufmachen wollen. Womöglich auf einer Flüchtlingsroute. Diese Reise hoch zu Ross ist laut der d 14-Presseabteilung von einem ähnlichen Projekt inspiriert, das vor etwa 90 Jahren von einem schweizerisch-argentinischen Reiter zwischen Buenos Aires und New York bewältigt wurde. Bäume, Lämmer, Pferde, aber auch Musikinstrumente, bestickte Zelte, eine Seifenproduktion, eine Großküche auf dem Kotzia-Platz – die Herausforderungen ans documenta-Equipment sind immens.

Weil zur Eröffnung in Athen weder der documenta Reader noch das documenta Daybuch (beide bei Prestel) ausgeliefert werden können, wie der Verlag nach anderen Ankündigungen nun kleinlaut einräumen muss, werde ich voraussichtlich erst im Mai nachlesen können, was Adam Szymczyk zu sagen hat, warum er meinte, Eulen nach Athen tragen zu müssen. Nach allem, was man zur Zeit weiß, ist größte Skepsis angebracht. Gut möglich, dass er, der schlanke Schweiger, am Ende den Eulenspiegel gibt und wir alle die Lackierten sind.

In dieser Ausgabe:
Berlins Generaldirektor Michael Eissenhauer lässt die Sicherheitssysteme in den Museen überprüfen (Seite 5). In der Hamburger Kunsthalle wurde ein Bild von Zwelethu Mthethwa abgehängt – weil der Künstler ein Mörder ist (Seite 9). Konzept-Artistin und documenta-Teilnehmerin Maria Eichhorn will in Athen Grundstücksspekulationen verhindern (Seite 10). London: Brexit hin oder her – Thaddaeus Ropac eröffnet eine weitere Galerie (Seite 11). Markt-Check: Timm Ulrichs, soeben 77 geworden (Seite 13). Weniger Widerstand der Kunstvereine gegen die Forderung in Sachen Ausstellungsvergütung: BBK-Chef Werner Schaub äußert sich (Seite 15). Museales Forschungszentrum in Berlin-Dahlem geplant (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 624 – Editorial

Informationsdienst KUNST 624

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wie Sie wissen, wie berichtet: Es gibt nicht nur die vom Deutschen Kulturrat herausgegebene Dokumentation »Frauen in Kultur und Medien«, gefördert aus dem Etat-Topf von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sondern mittlerweile auch einen von Grütters einberufenen Runden Tisch zum Thema. Ziel: Geschlechtergerechtigkeit. Ich räume selbstkritisch gerne ein, dass es mein verengter männlicher Blick sein mag, der verhindert, dass ich mich persönlich für »mehr Präsenz von Frauen in Führungsetagen von Kultureinrichtungen« einsetze, wie der Kulturrat fordert.

Vielleicht hat diese Verweigerung aber auch damit zu tun, dass ich, erstens, grundsätzlich ohnehin nichts von Quoten-Debatten halte. Und, zweitens: Ich kann reichlich Beispiele geben, wo Frauen erfolgreich in Führungspositionen wirken. Ob in Chemnitz (Ingrid Mössinger), Dresden (Marion Ackermann), Frankfurt/Düsseldorf (Susanne Gaensheimer), Kiel (Anette Hüsch), Mainz (Annette Ludwig), Mannheim (Ulrike Lorenz), Nürnberg (Eva Kraus), Siegen (Eva Schmidt) oder Stuttgart (Christiane Lange, Ulrike Groos) – zehn Direktorinnen fallen mir auf Anhieb ein.

Als ich vor Tagen die jüngste Pressemitteilung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie auf meinem Bildschirm sah, konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Für den Preis der Nationalgalerie 2017 sind sage und schreibe vier Künstlerinnen nominiert: Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska (Ausstellung im Hamburger Bahnhof vom 29. September an; die Gewinnerin wird am 20. Oktober gekürt). Vier junge, ebenso sympathisch wie tatkräftig wirkende Frauen, kein Mann. Ist man da nicht versucht, freilich mit besten Grüßen an Monika Grütters, die Männer-Quote zu fordern? Ist keiner meiner jüngeren Geschlechtsgenossen als Künstler überzeugend genug, um in einem solchen Hoffnungsträgerinnenkreis zu bestehen?

Wie der Verein der Nationalgalerie-Freunde und BMW als Sponsor, vertreten durch Thomas Girst, auf die Idee kommen, ein reines Frauen-Quartett in den Wettkampf zu schicken? Die Erklärung könnte einfach sein: In der Jury, die Calero, Issa, Manna und Polska ausgewählt hat, sitzen – mit einer Ausnahme (der Schauspieler Alexander Beyer) – ausschließlich Frauen, nämlich Meret Becker, Natasha Ginwala, Alice Motard und Alya Sebti.

Vielleicht greift mittlerweile aber auch ein anderes Phänomen, das sich so leicht nicht vermitteln lässt. Könnte es nicht sein, dass wir alle, vom schlechten Gewissen geplagt, sofort nach Frauen Ausschau halten, wenn irgendwo eine Stelle oder eine Liste besetzt werden muss? Einzige Entschuldigung, die man gelten lassen kann: Geschlechter-Erkennung fällt leichter als die Ortung von Qualität. Ergo: Wie wäre es mit einem Runden Tisch zur Frage der Maßstäbe in der Kultur?

In dieser Ausgabe:
Von 2018 an leitet Stephanie Rosenthal in Berlin den Martin-Gropius-Bau (Seite 2). In München bereitet Heinz Peter Schwerfel das Festival »Kino der Kunst« vor (Seite 6). In Amerika geht’s unter Donald Trump der Kultur an den Kragen. Förderprogramme sollen eingestellt werden (Seite 6). Düsseldorf: Susanne Gaensheimer als neue Direktorin in der Kunstsammlung NRW (Seite 8). Werbung und Kunst: Zweierlei Persönlichkeitsrecht? Klage gegen Ida Ekblad und das Kunsthaus Hamburg (Seite 11). Warum der Bund auf eine Millionen-Spende für das Humboldt Forum verzichtet (Seite 15). UNESCO-Fonds zum Schutz bedrohter Kulturgüter geplant (Seite 18). Universität Osnabrück will Kunsthistorisches Institut schließen (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 623 – Editorial

Informationsdienst KUNST 623

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ob es die eigene Kuratoren-Einsicht war oder die Überredungskunst der documenta-Geschäftsführerin, Annette Kulenkampff, vielleicht gar Druck aus den Büros der Geldgeber aus Politik und Wirtschaft, das bleibt letztlich egal. Tatsache ist, dass in Kassel kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen wurde, wo Anfang dieser Woche der künstlerische Leiter, Adam Szymczyk, über die Kooperation mit dem Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen und seiner Direktorin Katerina Koskina berichten wollte. Freilich zurückhaltend, wie es seine Art ist. Denn nach wie vor weiß niemand, was die documenta 14 insgesamt ausmachen wird, welche Künstler an der rund 30 Millionen teuren Schau beteiligt sind.

Eine vorausgegangene Projekt-Präsentation in Berlin, Ende Februar, machte einige der Anwesenden wütend; nachvollziehbar. »Eine Zuhörerdemütigung«, urteilte Swantje Karich in der »Welt«, sei es gewesen. »Der künstlerische Leiter der documenta sitzt einfach da. Reagiert nicht auf die Ansprache.« Ob es schlicht Arroganz sei, fragte die Kollegin, die ein Desinteresse am Publikum attestierte. Auf jeden Fall: Kein gutes Zeichen für Athen und Kassel.

Die wichtigtuerische Geheimniskrämerei, allenfalls mal unterbrochen, wenn die Geschäftsführerin im Kulturausschuss der Stadt die logistischen Schwierigkeiten in Athen einräumt, muss allen Kommunikationsstrategen auf die Nerven gehen. Zwar ist mittlerweile ein Tross von Kuratoren und Assistenten und Assistenten von Assistenten für die kommende documenta im Einsatz, doch wenn absolutes Stillschweigen angeordnet ist, müssen Journalisten jede Anfrage ans Pressebüro als reine Zeitverschwendung sehen – und verlieren dann eben auch ihr Interesse (Headline der »Welt«: »Kein Bock auf documenta«). Was die documenta 14 sein soll, sein wird, das will sich immer noch nicht vermitteln, weil ihr Vordenker, Szymczyk, keinerlei Notwendigkeit sieht, sich verständlich zu machen. Man muss sich, leider, an die von ihm kuratierte Berlin Biennale erinnern, 2008, als es Verrisse am laufenden Band in der Tagespresse gab (unvergessen beispielsweise Samuel Herzog in der »Neue Zürcher Zeitung«, 9. April 2008). Die documenta-Findungskommission ließ sich 2013 nicht abschrecken – und setzte für 2017 erneut auf den Stillschweiger.

Nun geht die documenta bereits im kommenden Monat los, in exakt vier Wochen, zunächst in Athen, und man hat nicht den Eindruck, dass Szymczyk ernsthaft daran interessiert ist, das Publikum mitzunehmen. Fragen über Fragen, allesamt unbeantwortet. Wird’s etwa ein Hörspiel, wie einer der Co-Kuratoren kürzlich andeutete (siehe »Das Zitat«, Seite 25 dieser Ausgabe)? Wird es eine politische documenta, weil in Kassel jemand vertraulich flüstert, auch Altmeister Hans Haacke sei dabei?

Wie auch immer: Die d 14 hat ihren ersten großen Fehler bereits gemacht. Wie kann Szymczyk von einer »Tyrannei der Transparenz« sprechen, der er sich nicht beugen wolle, wenn er letztlich Millionen öffentlichen Geldes ausgeben darf, wenn er, noch gravierender, die Verantwortung trägt, diesmal die Bilanz-Chance wahrnehmen zu dürfen? Nach fünfjähriger documenta-Pause berichten zu können, was die Kunst macht, das ist eine Aufgabe, die keine fahrlässigen Star-Allüren zulässt.

Dass es anders geht, zeigen im Moment rundum alle anderen Veranstalter, die diesen Kunstsommer beleben werden, ob Christine Macel für die Biennale in Venedig oder Kasper König und seine Co-Kuratorinnen für die Skulpturen Projekte in Münster. Für die Drei-Städte-Schau »Luther und die Avantgarde« ist die Künstlerliste ebenso publiziert wie für die Skulpturen-Triennale in Bingen, »Nah und fern« (siehe Seite 3). Namen sind schließlich auch Programm. Und es macht nicht wirklich Sinn, verquaste Theorien zu verbreiten, weil man sich gezwungen sieht, irgendwas zu verkünden, ohne in einer solchen Vorschau auch Ross und Reiter nennen zu wollen.

Dabei muss längst klar sein, wer wo was macht, welche Künstler im kommenden Monat in Athen und danach in Kassel den Ton und das Bild vorgeben werden. Es ist eine einzigartige Chance, angesichts der seit Jahrzehnten gewachsenen Bedeutung der documenta und der weltweiten Wahrnehmung der Schau frühzeitig kommunizieren zu lassen, worauf sich die Menschen freuen dürfen, was sie erwarten wird, wie sie sich vorbereiten können. Dass ein gutes, ein wirklich gelungenes Projekt ein Vor- und ein Nachspiel haben muss, hätte Adam Szymczyk von Christoph Schlingensief lernen können. Aber vielleicht setzt er lieber auf dessen legendäre Devise »Scheitern als Chance«. Dann, so scheint es, befindet er sich auf dem Weg.

PS.: Sage und schreibe 15 Seiten bietet das »Süddeutsche Zeitung Magazin«, Ausgabe vom 3. März, um angeblich über die documenta 14 zu berichten. »Wie die documenta 2017 entsteht«, so heißt es vollmundig auf der Titelseite. Indes: Der Branchenkenner erfährt nichts, was er nicht schon weiß. Dabei ist Autor Peter-Matthias Gaede insgesamt 16 Mal nach Kassel, Berlin und Athen gereist, um Gespräche zu führen und Veranstaltungen zu besuchen. 50 insgesamt. Und dann gab es noch 100 E-Mail-Kontakte mit der documenta-Zentrale.

In dieser Ausgabe:
Opfer digitaler Übermacht – »Parkett« verabschiedet sich (Seite 4). Die Geschichte der documenta wird nun in Peking präsentiert (Seite 7). Geeinigt, sich nicht zu einigen: Chris Dercon und Klaus Lederer, Berlin (Seite 9). Styling bewältigt: Christian Boros führt »Die Dame« aus (Seite 9). Südamerikanisch: Bilanz der ARCO Madrid (Seite 13). Südamerika auch im Fokus der Biennale UrbanArt, Weltkulturerbe Völklinger Hütte (Seite 15). Staatsgalerie Stuttgart: Christiane Lange räumt auf – mit Rückendeckung aus dem Ministerium (Seite 16). Markt-Check: Katharina Sieverding (Seite 19). Baum-Pate Ben Wagin und zwei fehlende Schwarzkiefern an der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 622 – Editorial

Informationsdienst KUNST 622

 

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, kann man sich vorstellen, dass Gerhard Richter (geschätztes Vermögen: 500 Millionen Euro) ein gesetzlich vorgeschriebenes Ausstellungshonorar kassieren darf, wenn er seine Bilder zeigt? Hatte man nicht vor Jahrzehnten sogar schon im Bundestag damit argumentiert, dass solche Vergütungen fragwürdig seien, weil sie einerseits womöglich den falschen Empfängern zugutekommen, weil sie andererseits aber den gesamten Kunstbetrieb belasten würden, dass sich die Zahl der Präsentationsorte womöglich verringern könnte?

 

Als im vergangenen Jahr, wesentlich durch den BBK-Bundesvorsitzenden Werner Schaub angestoßen, die uralte Debatte wiederbelebt wurde (etwa im Rahmen eines von Manfred Eichel moderierten Symposions in Berlin), reagierten die überregionalen Medien verhalten. Vielleicht auch wegen der Tatsache, dass es zwar beispielsweise in den Kommunalen Galerien der Hauptstadt üblich ist, ein paar Euro aus einem lächerlich knapp bemessenen Etat-Topf auszuschütten (circa 30 000 Euro für gut 150 Ausstellungen pro Jahr), doch allgemein geregelt ist nichts, auch in der Honorar-Vorreiter-City Berlin nicht. Ausstellungshonorare für Künstler – das Thema scheint der Rest der Republik bislang allenfalls als eine Marotte des neuen rot-rot-grünen Senats wahrgenommen zu haben.

 

Ansporn und Grund genug, dass der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, seit kurzem in einer konzertierten Aktion mit dem Deutschen Künstlerbund, der GEDOK, verdi und der VG Bild-Kunst vereint, jetzt bundesweit Dampf machen und unter dem Slogan »Überfällig« die strapazierte Forderung neu vortragen will. Die von den genannten Institutionen gegründete Initiative Ausstellungsvergütung (Sprecher: Werner Schaub und Frank Michael Zeidler; info@initiativeausstellungsverguetung.de) wird am 7. März in Berlin (19.30 Uhr; Paula-Thiede-Ufer 10) erstmals groß auftrumpfen und unter anderem in einer gut gemischten Fraktionsrunde vier Kulturpolitiker des Deutschen Bundestages zu Wort kommen lassen.

 

Es ist zu vermuten, dass im Verbands- und Gewerkschaftsumfeld reichlich Lippenbekenntnisse sämtlicher Parteien zu hören sein werden. Ja, natürlich sei es sinnvoll und sozial, die Künstler zu honorieren, wenn sie ihre Werke öffentlich zeigen, egal, ob dabei Verkäufe zustande kommen oder nicht. So wird man sagen. Indessen: Die Politik, das lässt sich jetzt schon behaupten, wird es letztlich nicht versäumen, auch auf andere Lobby-Interessen zu hören.

 

In der 2016 von Manfred Eichel geleiteten BBK-Diskussion machte der Christdemokrat Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, ohne vorherige Abstimmung mit Angela Merkel und Monika Grütters (die einst für die CDU ein klares Nein zugunsten des Handels und der Museen formuliert hatte), unmissverständlich klar, dass eine gesetzliche Vergütungsregelung durchaus kontraproduktiv wirken könnte. Steigende Kosten könnten auf Veranstalter-Seite schließlich zu längeren Laufzeiten und zu weniger Ausstellungen führen. Grosse-Brockhoff: »Und ich habe, offen gestanden, Schwierigkeiten damit, wenn es gar über das neue Urheberrecht Gesetzeslage werden sollte, dass ich mit einem Herrn Gursky oder einem Herrn Richter bei einer Ausstellung über eine Vergütung rede.«

 

Die Millionäre unter den Künstlern und, im Gegenzug, die unzähligen Ausstellungsorte wie Galerien und Kunstvereine, die unter ohnehin dürftigen Etats und Umsätzen leiden, sind es denn, die als Argumente in den kommenden Monaten die neu entfachte Debatte begleiten werden. Ob der Zeitpunkt, diese längst schon geführte, kulturpolitische Diskussion ausgerechnet jetzt noch einmal zu eröffnen, richtig ist, wird sich zeigen. Zweifel sind auf jeden Fall angebracht. Denn die bevorstehende Bundestagswahl dürfte zwar allerorten zu Zugeständnissen und allerlei Versprechungen führen, doch wäre der BBK nicht gut beraten gewesen, die Politik erst dann ins Vergütungsboot zu holen, wenn wirklich klar ist, wer fortan für die Gesetzgebung verantwortlich ist? Könnte gut sein, dass wieder einmal alles für die Katz ist.

 

In dieser Ausgabe:
Fortan leitet Ralph Gleis in Berlin die Alte Nationalgalerie (Seite 6). Streit um den Nachlass von August Sander (Seite 8). In diesem Jahr mehr Etat, immerhin 40 Millionen zusätzlich: Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 11). Wien: Essl-Sammlung als Dauerleihgabe für die Albertina (Seite 12). Drei Dutzend Künstler und 7,5 Millionen Euro Budget: Skulptur Projekte Münster (Seite 14). Abschied: Uwe M. Schneede verlässt das Zentrum Kulturgutverluste (Seite 17). Imagepflege per documenta 14: Wie sich Volkswagen als Hauptsponsor einbringt (Seite 18). Nach wie vor hängt der Haussegen im Museum Moyland schief (Seite 19). Nur neun Zeichnungen im 107-minütigen Beuys-Film von Andres Veiel zu sehen (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 621 – Editorial

Informationsdienst KUNST 621

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Wahlkampf-Spiel hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er nicht aufhören mag. Und so gibt sich Donald Trump nun in der Präsidenten-Rolle abwechselnd als Handelskrieger, Folterknecht, Mauerbauer, Subventionskiller oder Pressefresser, ganz nach Lust und Laune. Uns kann das nicht egal sein, obgleich alle recht haben, die daran erinnern, dass »America first!« jetzt bekommt, was es gewählt hat. Gute demokratische Tradition, denke ich. Dabei gilt es durchaus Momente zu bewältigen, in denen man versucht ist, Trump in einem Atemzug mit Erdogan, Putin und den anderen Machthabern dieser Welt zu nennen, die uns nach und nach ins letzte und vorletzte Jahrhundert beamen. Kurzum: Die politische Lage wirkt rückschrittlich, bedrohlich, freiheitsberaubend.

In dieser Situation muss die Kulturszene hellwach reagieren – und gottlob werden es täglich mehr Kreative und ihre Vermittler, die sich zu Wort melden und den Alarmknopf drücken. Allein das dubiose Einreiseverbot, das Trump gegen Bürger aus dem Irak und dem Iran sowie aus Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und dem Sudan ausgesprochen hat, würde den internationalen Kulturaustausch ungeheuer einschränken. Der Deutsche Kulturrat hat die Bundesregierung in der vergangenen Woche, kurz vor der richterlichen Anordnung zur Aufhebung, bereits zur Gegenwehr aufgerufen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann: »Es reicht nicht aus, das von der amerikanischen Regierung verhängte Einreiseverbot nur zu bedauern«.

Auf unserer Branchenseite muss man freilich aufpassen, dass der Protest jetzt nicht die falsche Form findet. Natürlich großartig, wenn sich von Richard Serra über Cindy Sherman bis Richard Prince viele Künstler engagieren und zum Nachdenken anregen wollen. Aber die kursierenden Streik-Ideen machen keinen Sinn, weil es Trump, mit Verlaub, scheißegal ist, ob Christo sein seit ewigen Zeiten geplantes »Over the River«-Projekt in Colorado (siehe Seite 1) realisiert oder nicht. Und es ist ihm, so meine ich, völlig wurscht, ob ein Museum oder eine Galerie vorübergehend schließt oder in den Ateliers der Stillstand herrscht.

Als einst Martin Roth aus London tönte, er hätte, wäre Pegida schon zu seinen Amtszeiten in Dresden unterwegs gewesen, kurzerhand die Staatlichen Kunstsammlungen dichtgemacht, hielt ich sofort dagegen. Denn es ist schlichtweg ein Fehler, die Verweigerungshaltung einzunehmen. Das Gegenteil ist vonnöten: Wir müssen in solchen Zeiten meines Erachtens doppelte Geschwindigkeiten einlegen und den Inhalten und ihrer Vermittlung noch mehr Kraft geben als üblich. Zeigen, was die Kunst beisteuern kann, das hat auf atemberaubend überzeugende Weise im Januar die Schauspielerin Meryl Streep getan. Als ich nachts den Fernseher einschaltete und zufällig ihre Golden-Globe-Rede hörte und sah, wie sie Trumps üblen Angriff gegen einen behinderten Journalisten in Erinnerung rief, kamen mir die Tränen. Es waren Tränen der Empörung, der Wut, wie herzlos dieser Kerl seinen Job macht.

Dass er vor ewigen Zeiten schon negativ auffiel, weil er, der Banause, sich über Gegenwartskunst lustig machte und zu Hause überwiegend kopierte Impressionisten an die Wände dübeln ließ, weiß man. Aber dass Trump den ganzen Stuss, den er im Wahlkampf verbreitete, nun tatsächlich, Dekret für Dekret, in die Welt wirft, hätte man nicht glauben wollen. Aber, leider, wir müssen uns jetzt darauf einstellen, dass »America first!« fortan kein verlässlicher Freiheitspartner mehr ist. Das werden wir nach und nach auch in Europa spüren. In dieser Schieflage müsste die Kunst selbst an Bedeutung zunehmen, hoffe ich. Wenigstens eine gute Nachricht.

In dieser Ausgabe:
Zum 85. Geburtstag eine Ausstellung im Museum Ludwig, Köln – Gerhard Richter feiert standesgemäß (Seite 2). Olafur Eliasson und Christian Jankowksi als Berlinale-Juroren (Seite 4). Hinter verschlossenen Türen: Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages irritiert (Seite 5). Münster: Engagierter Kunstvereinsprotest gegen AfD-Feier (Seite 8). Zürich: Streit um Heidi Webers Centre Le Corbusier (Seite 9). Erinnerung an Hanne Darboven: Neues Dokumentationszentrum (Seite 12). Staatsrat Carsten Brosda als Kultursenator in Hamburg (Seite 13). Markt-Check Juergen Teller (Seite 15). Neo Rauch im Kino (Seite 17). Schlichtweg zu alt? 3sat-Magazin »Kulturzeit« feuert Moderatorinnen (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 621 – Editorial

Informationsdienst KUNST 621

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Wahlkampf-Spiel hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er nicht aufhören mag. Und so gibt sich Donald Trump nun in der Präsidenten-Rolle abwechselnd als Handelskrieger, Folterknecht, Mauerbauer, Subventionskiller oder Pressefresser, ganz nach Lust und Laune. Uns kann das nicht egal sein, obgleich alle recht haben, die daran erinnern, dass »America first!« jetzt bekommt, was es gewählt hat. Gute demokratische Tradition, denke ich. Dabei gilt es durchaus Momente zu bewältigen, in denen man versucht ist, Trump in einem Atemzug mit Erdogan, Putin und den anderen Machthabern dieser Welt zu nennen, die uns nach und nach ins letzte und vorletzte Jahrhundert beamen. Kurzum: Die politische Lage wirkt rückschrittlich, bedrohlich, freiheitsberaubend.

In dieser Situation muss die Kulturszene hellwach reagieren – und gottlob werden es täglich mehr Kreative und ihre Vermittler, die sich zu Wort melden und den Alarmknopf drücken. Allein das dubiose Einreiseverbot, das Trump gegen Bürger aus dem Irak und dem Iran sowie aus Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und dem Sudan ausgesprochen hat, würde den internationalen Kulturaustausch ungeheuer einschränken. Der Deutsche Kulturrat hat die Bundesregierung in der vergangenen Woche, kurz vor der richterlichen Anordnung zur Aufhebung, bereits zur Gegenwehr aufgerufen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann: »Es reicht nicht aus, das von der amerikanischen Regierung verhängte Einreiseverbot nur zu bedauern«.

Auf unserer Branchenseite muss man freilich aufpassen, dass der Protest jetzt nicht die falsche Form findet. Natürlich großartig, wenn sich von Richard Serra über Cindy Sherman bis Richard Prince viele Künstler engagieren und zum Nachdenken anregen wollen. Aber die kursierenden Streik-Ideen machen keinen Sinn, weil es Trump, mit Verlaub, scheißegal ist, ob Christo sein seit ewigen Zeiten geplantes »Over the River«-Projekt in Colorado (siehe Seite 1) realisiert oder nicht. Und es ist ihm, so meine ich, völlig wurscht, ob ein Museum oder eine Galerie vorübergehend schließt oder in den Ateliers der Stillstand herrscht.

Als einst Martin Roth aus London tönte, er hätte, wäre Pegida schon zu seinen Amtszeiten in Dresden unterwegs gewesen, kurzerhand die Staatlichen Kunstsammlungen dichtgemacht, hielt ich sofort dagegen. Denn es ist schlichtweg ein Fehler, die Verweigerungshaltung einzunehmen. Das Gegenteil ist vonnöten: Wir müssen in solchen Zeiten meines Erachtens doppelte Geschwindigkeiten einlegen und den Inhalten und ihrer Vermittlung noch mehr Kraft geben als üblich. Zeigen, was die Kunst beisteuern kann, das hat auf atemberaubend überzeugende Weise im Januar die Schauspielerin Meryl Streep getan. Als ich nachts den Fernseher einschaltete und zufällig ihre Golden-Globe-Rede hörte und sah, wie sie Trumps üblen Angriff gegen einen behinderten Journalisten in Erinnerung rief, kamen mir die Tränen. Es waren Tränen der Empörung, der Wut, wie herzlos dieser Kerl seinen Job macht.

Dass er vor ewigen Zeiten schon negativ auffiel, weil er, der Banause, sich über Gegenwartskunst lustig machte und zu Hause überwiegend kopierte Impressionisten an die Wände dübeln ließ, weiß man. Aber dass Trump den ganzen Stuss, den er im Wahlkampf verbreitete, nun tatsächlich, Dekret für Dekret, in die Welt wirft, hätte man nicht glauben wollen. Aber, leider, wir müssen uns jetzt darauf einstellen, dass »America first!« fortan kein verlässlicher Freiheitspartner mehr ist. Das werden wir nach und nach auch in Europa spüren. In dieser Schieflage müsste die Kunst selbst an Bedeutung zunehmen, hoffe ich. Wenigstens eine gute Nachricht.

In dieser Ausgabe:
Zum 85. Geburtstag eine Ausstellung im Museum Ludwig, Köln – Gerhard Richter feiert standesgemäß (Seite 2). Olafur Eliasson und Christian Jankowksi als Berlinale-Juroren (Seite 4). Hinter verschlossenen Türen: Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages irritiert (Seite 5). Münster: Engagierter Kunstvereinsprotest gegen AfD-Feier (Seite 8). Zürich: Streit um Heidi Webers Centre Le Corbusier (Seite 9). Erinnerung an Hanne Darboven: Neues Dokumentationszentrum (Seite 12). Staatsrat Carsten Brosda als Kultursenator in Hamburg (Seite 13). Markt-Check Juergen Teller (Seite 15). Neo Rauch im Kino (Seite 17). Schlichtweg zu alt? 3sat-Magazin »Kulturzeit« feuert Moderatorinnen (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 620 – Editorial

Informationsdienst KUNST 620

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, mit der Kunst im öffentlichen Raum haben wir seit langem ein Problem, das ungeheuer heikel erscheint, politisch kaum zu bewältigen sein dürfte. Denn jeder weiß, was Sache ist, aber kaum jemand traut sich, das Thema anzusprechen, weil die Gefahr groß ist, in den Verdacht der Bilderstürmerei zu geraten. Genauer: Was irgendwann, in den Sechzigern, Siebzigern oder frühen Achtzigern, damals als progressive Öffnung und sogenannte Kunst am Bau, in den öffentlichen Raum gerückt wurde, wirkt heute oft obsolet, völlig dekorativ und neben den brennenden Fragen der Gegenwart platziert, also schlichtweg deplatziert.

Man möchte es am liebsten abräumen und entsorgen, aus dem gesellschaftlich längst anderweitig entwickelten Kontext holen. Zumal viele dieser Kunstwerke aus tonnenschwerem Stahl oder Stein geformt sind, große Flächen belegen, raumgreifend wirken, hätte man größte Lust, endlich Entscheidungen zu treffen: Diese oder jene Skulptur ins nächste Museum geben oder in den Kunsthandel; vielleicht auch das eine oder andere Stück zerlegen, das Material dem Kreislauf der Dinge zuführen. Doch stopp: Das wäre letztlich Zerstörung, oder? Wer sollte da mitmachen, obgleich der Besitzer eines Kunstwerks, rein juristisch, sein Eigentum durchaus vernichten darf; Urheberrecht hin oder Moral her? Das ist nicht vermittelbar, das provoziert Widerstand. Unvergessen eine Frankfurter Debatte, vor langer Zeit schon.

Also wird weiter ängstlich hin- und hergeschoben, wenn eine Skulptur im Weg steht, wenn ein Relief an einer Hauswand stört, ob formal oder längst auch inhaltlich. Dabei hat sich inzwischen die Gegenwartskunst selbst klein und beweglich gemacht. Temporäre Interventionen, wo früher was möglichst hoch stand oder beharrlich in die Breite zielte und Pflege erforderte; Kampf gegen den Vandalismus. Mitunter heute auch Performatives, ein paar Stunden oder Wochen lang: Eingriffe ins Stadtbild, in den Alltag, kollektives Einwirken in die öffentliche Wahrnehmung – und schnell wieder weg, raus. Nur eine Dokumentation hinterlassend oder, besser noch, ein paar Erinnerungen an das, was Kunst zu leisten imstande ist. Überwiegend der richtige Schritt in die richtige Richtung.

Eine spezielle Sparte der Kunst im öffentlichen Raum, die Erinnerungskultur, verzichtet freilich hartnäckig auf sinnvolle Schrumpfungsprozesse und auf zeitlich begrenzte bildnerische Maßnahmen. Erinnerungskultur, so wollen es vor allem die Politiker und die Architekten des Stadtraums, soll Gedenk- oder Mahnmal-Charakter haben, sich langfristig behaupten, also stabil gebaut sein, und sie darf, natürlich, kostenintensiv ausfallen. Da stehen auch kurzfristig ein paar Milliönchen zur Verfügung, weil die deutsche Seele glaubt, für die Schandtaten vorausgegangener Generationen ewig zahlen zu müssen, weil man für jede Minderheit und jedes Großereignis ein Kunstwerk errichten möchte – und dabei den kostbaren städtischen Raum auf Jahrzehnte hinaus blockiert. Ein Drama.

Dass das alles anders geht, zeigt ein echt gewachsenes, ein aus der Bürgerschaft und der gemeinsamen Trauer heraus entwickeltes Gedenkfeld in Berlin, Breitscheidplatz, wo kurz vor Weihnachten ein Attentäter, ein »Soldat des Islamischen Staates«, elf Weihnachtsmarkt-Besucher und einen Lkw-Fahrer tötete sowie Dutzende Berliner und Touristen teils schwer verletzte. Mit Blumen, unglaublich vielen Kerzen, Fotos, Schildern und mit persönlichen Gegenständen haben die Menschen eine Installation entstehen lassen, die stärker und authentischer als jedes noch so gute, klassische Kunstwerk wirkt, die aber auch im Laufe der Zeit ihre Vergänglichkeit demonstrieren wird, während die Erinnerung bleibt. Kunst im öffentlichen Raum – wie sie überzeugender kaum ausfallen kann.

In dieser Ausgabe:
Die Serota-Nachfolgerin in Londons Tate, Maria Balshaw, kommt aus der Provinz (Seite 5). Berlin: Monika Grütters, BKM, strebt kein eigenes Ministerium an (Seite 7). documenta-Kommunikationschefin Henriette Gallus empfiehlt Geduld (Seite 8). Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner möchte Kulturausschuss-Vorsitzender des Deutschen Bundestages werden (Seite 10). Gerücht am Rhein: Der in Düsseldorf geborene Udo Kittelmann könne sich für die Leitung der Kunstsammlung NRW interessieren (Seite 11). Auctionata-Chef Thomas Hesse kämpft gegen den drohenden Untergang (Seite 12). Hamburgs genialer Kaufmann Stefan Brandt verlässt die Kunsthalle (Seite 14). Markt-Check Raimund Kummer (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 619 – Editorial

Informationsdienst KUNST 619

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in den zurückliegenden Tagen werden Sie gewiss ebenfalls viel Zeit im Lese-Sessel verbracht haben. Zum Jahreswechsel, wenn die Branche zur Ruhe kommt, kann man sich endlich mal ausgiebig den Büchern und Magazinen widmen, die in der Hektik der üblichen Kunst- und Vermittlungsgeschäfte liegen bleiben. Zeit für Lektüre, Zeit zum Sinnieren. Erwartungsvoll habe ich beispielsweise durch die Januar-Ausgabe von »Cicero« geblättert, weil dort bereits auf dem Cover »Die 500 wichtigsten Intellektuellen« angekündigt sind. Obgleich ich bekanntlich kein Freund dieser überall gepflegten Rankings bin (siehe ID 618, Seite 7), wollte ich wissen, wer denn aus unserer Familie unter den einflussreichen Denkern zu finden ist – und auf welchem Platz.

Bis ich den ersten Namen entdeckte, der explizit der Kunst-Szene zuzuordnen ist, dauerte es. Auf der sechsten Seite des Beitrags endlich, wie eine Erlösung, Peter Weibel auf Platz 76. Dann elf – ja, nur elf von 500 – weitere uns allen bekannte Persönlichkeiten aus der Kunst, darunter Hermann Parzinger (Platz 143), Horst Bredekamp (187) und Werner Spies (391). Viele der anderen Namen mag man nur in Verbindung mit sich prompt aufdrängenden Fragen wahrnehmen: Ist Hans Ulrich Obrist (Platz 242) so viel klüger als Boris Groys (Platz 492)? Ich mag es nicht glauben. Oder: Ist Hans Belting (Platz 324) wirklich unbedeutender als Wolfgang Ullrich (Platz 163)? Und gibt es zwischen Florian Illies (Platz 114) und Niklas Maak (Platz 484) tatsächlich so viel Abstand, wenn es ums Intellektuelle geht? Und: Bazon Brock nur auf Rang 227, irgendwo in der Mitte des Rankings, hinter teils fragwürdigen Stimmungsmachern wie Thilo Sarrazin (Platz 5) und Jan Böhmermann (Platz 115)?

Überhaupt: Verdammt viele Dünnbrettbohrer im »Cicero«-Ranking, zusammengestellt vom Kommunikationsberater Max A. Höfer. Von Benjamin von Stuckrad-Barre (Platz 49) und Charlotte Roche (112) über Matthias Matussek (200) und Sarah Kuttner (320) bis zu Moritz von Uslar (387) und Alexander von Schönburg (434). Die Schmerzgrenze erreicht Höfer freilich erst dann, wenn er seinen Auftraggeber, Christoph Schwennicke, einen der beiden »Cicero«-Verleger, noch in allerletzter Minute ins Ranking schmuggelt, auf Platz 485. Obgleich auf Seite 16 dieser Ausgabe mit einer einspaltigen Meldung zur »Methode des Cicero-Rankings« der Eindruck erweckt wird, es gehe mit rechten Dingen zu, bleiben die Kriterien der Rang-Folge im Dunkeln. Einzig der Hinweis tröstet, dass Höfers Liste die »öffentliche Deutungsmacht« abbilde, was bedeutet, dass Obrist doch nicht schlauer als Belting und Groys sein muss, wenngleich er vor den beiden gelistet wurde.

Klartext: Obwohl »Cicero«, das Magazin für politische Kultur, gerne so tut, als ginge es um Inhalte, um Wahrheiten, um tief- und hintergründiges Denken, lässt es sich im Sog einer auch in Blättern wie »Gala« oder »Bunte« überbordend gefeierten Promi-Verehrung auf ein Spiel ein, das allenfalls kommuniziert, wer wie oft mit seinen provokativen oder gar schwachsinnigen Thesen irgendwo zitiert wird. Also Quantität vor Qualität. Und so muss sich letztlich niemand wundern, warum viele umtriebige Leichtgewichte hierzulande vermeintlich das Sagen haben und vorn im Ranking zu finden sind.

Das »Cicero«-Beispiel mag für eine Entwicklung stehen, die nicht mehr aufzuhalten ist, die uns aber alle in die Pflicht nehmen sollte, wenigstens dann und wann tüchtig gegenzusteuern. Wir müssen darauf achten, dass die wahren Meinungsmacher und Debattenführer zu Wort kommen, dass nicht Internet-Präsenz mit Debatten-Substanz verwechselt wird. Und, ja: Fördern wir, wo immer es uns möglich ist, die mutigen Querdenker, die alles infrage stellen – aus der Sache heraus, nicht wegen des zuwartenden Erfolgs, wenn man sich – wie Sarrazin und Böhmermann – populistisch durch die Medien schmust. Ein Vorsatz für 2017, mein Vorsatz.

In dieser Ausgabe:
Berliner Terror-Lastwagen ins Haus der Geschichte – eine umstrittene Idee (Seite 3). Hamburger Kunstvereinsausstellung dank einer Schweizer Privatbank, die Geldwäscher unterstützt haben soll (Seite 7). Köln: Weitere Verzögerungen in Sachen Wallraf-Richartz-Museum (Seite 9). Plan bleibt bestehen: Museum Europäischer Kulturen soll Neubau am Kulturforum in Berlin erhalten (Seite 10). In Düsseldorf bezieht die »ZERO foundation« ein neues Domizil (Seite 12). Suspekt: Wen der Lotto-Stiftungsrat schon beim schlichten Planen unterstützt (Seite 13). Experten-Diskussion zur Idee des globalen Museums (Seite 15). Frankfurt: Luminale ohne Helmut M. Bien (Seite 18). Acht Nachrufe (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 618 – Editorial

Informationsdienst KUNST 618

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zum Jahresausklang und folglich kurz vor Weihnachten dachte ich, Sie mit einem versöhnlichen, besinnlichen Editorial grüßen und in die bald kommenden Ferien- und Feiertage verabschieden zu können, doch mit brennender Sorge muss ich Ihnen von einem Vorgang berichten, der für mich eine Art Schlüssel-Erlebnis darstellt, wie zufällig und konzeptionslos so manches in der Politik vonstattengeht. Dabei stehen oftmals Millionen auf dem Spiel, Steuergeld, versteht sich.

Zur Sache: Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, als ich vor Tagen lesen musste, dass weder Monika Grütters noch Neil McGregor den Platz vor dem Humboldt Forum mit jener fragwürdigen Kolonnaden-Rekonstruktion schmücken wollen, für die der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages in allerletzter Planungsminute 2017 18 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat. Die Recherche zeigte, dass der Etatposten in der Tat auch nicht im Haushalt der Kulturstaatsministerin gelandet war. Aber wo dann, so fragte ich mich.

Naheliegend, dass Bundesbauministerin Barbara Hendricks, SPD, zugegriffen hat oder das ihr vom Haushaltsausschuss kurzerhand Zugeschobene dankbar nahm, so die Vermutung. Es ist nicht zum ersten Mal, dass das mächtige Gremium unter der Regie des Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs, ebenfalls SPD, eine eigene Politik macht, in diesem Fall eine Art Platz-Politik in Berlin. Überaus befremdlich, so muss man vor allem auch deshalb sagen, weil sich auf meine Nachfrage bei Hendricks herausstellte, dass sie jene 18 Millionen gar nicht haben wollte. »Die Kolonnaden standen nie auf der Wunschliste«, so heißt es klipp und klar. Folglich kann die Ministerin auch nicht mit einem Konzeptpapier dienen.

»Bis der Haushaltsausschuss das Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals gestoppt hatte, hatten wir nur dieses als Bauvorhaben der Bundesbauverwaltung an diesem Standort auf dem Programm«, erläuterte mir ein Ministeriumssprecher. Aber war dieses Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht aus finanziellen Gründen im einstelligen Millionen-Bereich von den Haushältern gestrichen worden? Waren es vier Millionen? Und nun haben genau diese Politiker um Johannes Kahrs plötzlich 18 Millionen für diese historisierende Entbehrlichkeit zur Verfügung? Das kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber.

Meine Hoffnung gilt nun dem Land Berlin und der neuen rot-rot-grünen Regierung. Wenn die Landespolitiker sich querstellen, deutlich erklären, dass sie – wie Grütters und ihr Humboldt-Intendanten-Sprecher – die Wiedererrichtung der Kolonnaden ablehnen, dann fließen die Millionen in den Bundestopf zurück oder bleiben dort und werden hoffentlich für etwas Sinnvolles ausgegeben. Genug historisch anmutender Fassaden-Schnickschnack auf dem Berliner Schlossplatz, genug Kulisse.

Nach vorn schauen, die Gegenwart begreifen, so sollte die Devise lauten. Dem Haushaltsausschuss muss man meines Erachtens obendrein für diesen absurden Alleingang einen Denkzettel verpassen. Es kann doch nicht sein, dass wir mittlerweile nicht mehr wissen, wohin mit den vielen Steuermillionen, die der Finanzminister einspielt. Es darf einfach nicht sein, dass Projekte bereits finanziert sind, bevor sie wirklich konzipiert werden und mehrheitsfähig erscheinen.

Bau- oder Kulturpolitik, ohnehin in anderen Ressorts der Bundesregierung angesiedelt, im Ruck-Zuck-Verfahren und ohne Sachkenntnis mit dem Scheckbuch zu machen, wie das Johannes Kahrs und seine Mittäter gerade praktiziert haben, ist schichtweg ein Skandal. Höchste Zeit, im Bundestag mal über den Größenwahn im Haushaltsausschuss zu debattieren. Ein Fall für 2017, im Hinblick auf den Haushalt 2018, der allerdings, dank der Bundestagswahl im kommenden Jahr, schon von einem personell anders besetzten Ausschuss beschlossen wird.

In dieser Ausgabe:
Schöne Bescherung dank Sammler-Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch (Seite 4). Lauter Verlierer: Verspätete Statements zur umstrittenen Schau mit Werken von Anselm Kiefer in Peking (Seite 5). Endlich abschaffen, bitte: »Kunstkompass« (Seite 7). Von Salzburg nach Krems: Sammlung MAP (Seite 8). Winterthur: Fragwürdige Bohrlöcher für Donald Judd (Seite 10). In Palermos Mafia-Asche soll die Manifesta 2018 stattfinden (Seite 12). Die clowneske Seite von Paula Modersohn-Becker im Film (Seite 12). Wie George Condo scheiterte (Seite 14). Weihnachtsgruß von Manfred Rettig fürs Humboldt Forum (Seite 16). Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin mit sofortiger Wirkung geschasst (Seite 16). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 617 – Editorial

Informationsdienst KUNST 617

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, immer dann, wenn das Jahresende naht, geht’s ans Eingemachte, ums Ganze. Manche Institutionen haben alles ausgegeben, überbrücken die letzten Wochen mehr oder weniger ohne Etat, andere jammern, dass das kommende Jahr nur ein Sparprogramm erwarten lässt, weil die Haushaltslage dramatisch sei. Man kennt das, man weiß, dass Ängste und Unsicherheiten in den Museen oft beinahe zum Stillstand führen, allemal planerisch, und nach Monaten der Lähmung in den Amtsstuben folgt nicht selten die nächste Ernüchterung, weil Kaufleute und Kuratoren erkennen müssen, dass Ausstellungen und andere Projekte nicht im Schnellgang zu realisieren sind, wenn dann endlich die Etats freigegeben sind. Und mancherorts, auch das noch, muss man sich gleichwohl schon wieder tüchtig beeilen, weil bis zum Jahresende nicht ausgegebenes Geld verlorenes Geld ist und beispielsweise in den Stadtsäckel zurückfließen muss. Die vermaledeite Kunst der Kameralistik.

In dieser Situation und weil die Zuwendungen der öffentlichen Hand für ihre Museen ohnehin nicht reichen, ist es unumgänglich, dass sich Museumsdirektoren und ihre Partner in der Geschäftsführung, die Betriebswirte, auf die Wirtschaft verlassen können, auf kunstsinnige Unternehmen, die unter dem Deckmantel des Sponsoring viel für die Kunst und ihre Statthalter tun, die eigentlich Mäzene sind. Dass diese Engagements seit Jahren auf hohem Niveau stattfinden, erklärt sich zweifelsfrei aus der Tatsache, wer in diesen Firmen die Weichen in Sachen Kulturförderung stellt.

Es handelt sich durchweg um überaus qualifizierte Persönlichkeiten, Fachleute, die Kunstgeschichte oder Kulturwirtschaft studiert haben und international gut vernetzt sind. Friedhelm Hütte, Deutsche Bank, gehört dazu, aber auch Thomas Girst, BMW, selbstverständlich Benita von Maltzahn, VW, und Dorothee von Posadowsky, E.ON.

Dieses agile Quartett hat, wie sich auf Nachfrage herausstellt, für 2017 längst alle Entscheidungen getroffen. Im kommenden Jahr, in dem die Branche dank documenta und Biennale in Venedig und unzähligen anderen Großausstellungen laufend unterwegs sein wird, gibt es beispielsweise eine Förderung für die Skulpturen-Projekte-Schau in Münster (Deutsche Bank), eine weitere Unterstützung für den Preis der Nationalgalerie in Berlin (BMW), eine Bildungsprogramm-Kooperation (VW) und eine Beteiligung zugunsten der Balthasar-Burkhard-Retrospektive in Essen (E.ON). Natürlich kommen die üblichen Aktivitäten in eigenen Räumen und Programmen hinzu – von den Art Cars bei BMW (etwa mit John Baldessari) bis zur Wanderschau des Künstlers des Jahres (die Deutsche Bank setzt im kommenden Jahr auf Kemang Wa Lehulere, Südafrika).

Bedenkt man, wie umsichtig und diplomatisch diese Unternehmen ihre Kulturförderung kommunizieren, dann erscheint mancher Auftritt in der Politik schlichtweg peinlich – zumal es sich um öffentliche Mittel handelt, die verteilt werden. Skandalöses Beispiel aus der vergangenen Woche: Der aus Hamburg kommende (CDU-)Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, Mitglied im Haushaltsausschuss, lässt sich von Geldempfängern und Journalisten feiern, als hätte er 8,2 Millionen Euro Fördergeld für die Rock-, Pop- und Jazz-Förderung 2017 persönlich aufgebracht, aus seinem Privatvermögen. Was ist da los, wie kommt Kruse auf die Schnapsidee, an die Öffentlichkeit zu drängen, wenn es um Kulturpolitik geht? Profilneurose? Verwegene Ambitionen?

Dass der Bund einmal mehr mustergültig Zeichen für Kommunen und Länder setzt und seinen jüngsten Kulturetat in der vergangenen Woche um sage und schreibe 17 Prozent für 2017 (im Vergleich zum laufenden Jahr) erhöht hat, ist sensationell und zeigt zugleich, welchen Stellenwert die Kultur mittlerweile einnimmt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die über einen neuen Gesamtetat in Höhe von rund 1,63 Milliarden Euro verfügt, hat seit ihrem Amtsantritt, 2013, über 350 Millionen zusätzlich eingeworben. Knapp 28 Prozent Etat-Steigerung in vier Jahren – welches Land, welche Stadt kann da mithalten?

Kein Wunder, dass zunehmend Stimmen laut werden, das Kultur-Ressort nicht mehr als Abteilung im Bundeskanzleramt zu führen, sondern daraus ein eigenständiges Ministerium zu bilden. Die richtige Antwort dürfte freilich auch im Kontext von Etat-Fragen zu finden sein. Ob ein reines Kultur-Ministerium im übermächtigen Finanz-Ministerium genug Unterstützung finden würde? Immerhin hat der Kultur-Haushalt quasi als Kanzlerinnen-Anhängsel seit 2005, seit der Ära von Angela Merkel, um satte 55 Prozent zugelegt, um mehr als die Hälfte. Erstaunlich, dass Rüdiger Kruse noch nicht eingeladen hat, diese beeindruckende Zahl zum Besten zu geben.

In dieser Ausgabe:
Berlins designierter Kultursenator Klaus Lederer sorgt für Unruhe – wegen der Personalie Chris Dercon (Seite 4). In Dresden fragt man sich, ob Diebesgut durch den Kunsthandel legalisiert werden kann (Seite 5). Kritik iranischer Künstler an der geplanten Teheran-Sammlung-Schau in Berlin (Seite 8). Essen, Folkwang: Tobia Bezzola kann wieder einkaufen (Seite 9). Vom Darling zur Domina: Monika Grütters (Seite 11). Kiefer-Ausstellung: Wer hinter dem Bell Art Center steckt (Seite 13). Galerien-Bundesverband wehrt sich gegen Beltracchi-Reinwaschung (Seite 14). Düsseldorfer Kulturpolitik – ein umfangreiches Thema (Seite 17). Finanzierung gesichert, Konzept offen: Schinkels Bauakademie, Berlin (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 616 – Editorial

Informationsdienst KUNST 616

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, nun haben wir den Salat! Amerika als Trumpistan, die Welt ein noch größeres Pulverfass, von einem Heißsporn dirigiert, der keine Kultur hat und auch gar nicht wissen will, was das ist. Der ungehobelte Kerl, der im Wahlkampf jedem intelligenten Menschen zeigte, aus welchem Holz er grob gehauen ist (siehe auch Seite 5), hat den Amerikanern nichts vorgemacht: Sie wissen, was nun auf sie zurollt. Und in der Folge werden wir nach und nach in Europa spüren, dass sich alles verändert, leider nicht zum Guten hin. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, gesellschaftlich, wirtschaftlich, militärisch.

In dieser Situation, die in der vergangenen Woche letztlich doch überraschend kam, weil alle freiheitlich Denkenden auf die demokratische Mitbewerberin setzten, muss man sich um die Zukunft der Kultur sorgen. Und in einem solchen Moment liegt das goldene »Seeking Beauty«-Heft der Vienna Art Week 2016 (bis 20. November) eigenartig antiquiert in der Hand. Kann es jetzt um Schönheit gehen, fragen wir uns, Donald Trump auf allen Bildschirmen und in allen Printsachen vor Augen. Als das Magazin und diese Woche der konzertierten Aktion in Wien geplant wurden, dachte wohl kaum jemand an Politik, schon gar nicht an die Möglichkeit, dass die Suche nach dem Schönen in diesen Tagen weltfremd wirken könnte. Verständlich und zugleich eine Lektion, die uns allen einmal mehr zeigt, dass der ästhetische Faktor nicht unabhängig beleuchtet werden kann.

Schönheit kommt aus der Wahrheit, die alte Lehre; sie entspringt eben nicht dem schönen Schein – all das wird wieder virulent, also relevant, wenn ungeheuer viele prominente Österreicher mit ihren Statements im aktuellen »Art Cluster Vienna«-Magazin aufs dünne Theorie-Eis steigen. »Das Schöne entspricht stets dem Geschmack der Zeit«, so der Kommentar von Agnes Husslein-Arco, noch im Belvedere tätig. »Schönheit in der Kunst war immer auch die Suche nach dem Idealzustand des Körpers und der Seele«, so belehrt Sabine Haag vom Kunsthistorischen Museum. Und »in Zeiten der kühlen digitalen Vermessung aller Lebensbereiche«, so Christoph Thun-Hohenstein, MAK-Direktor, »erwarten wir von der Kunst den Mut, der Schönheit eine neue Chance zu geben.«

Die Beispiele zeigen, wie sehr der Begriff verführt, ihn in einer Parallelwelt zu verorten, die nichts mit Realpolitik zu tun hat, sich in einem solchen Wettkampf auch kaum behaupten könnte. Gottlob hat Nicolaus Schafhausen, Kunsthalle Wien, im Rahmen der Magazin-Umfrage die tagespolitische Kurve gefunden und darauf hingewiesen, dass man derzeit, abgeleitet aus einem entlarvenden Trump-Zitat, »The beauty of me is that I am very rich«, zur Fehleinschätzung kommen könnte, »Geld sei die zeitgenössische Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Schönheit«.

Im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann hat Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder in »Seeking Beauty« nebenbei die Frage gestellt, was es Schöneres gäbe als »einen geschundenen Leib von Grünewald«. Eine solche Überlegung passt natürlich ins Land der schönen Leichen und Neurosen, die Österreicher haben dafür bekanntlich eine Schwäche, doch zugleich richtet sich auf dem dialektischen Bogen des Schönen und Hässlichen die Wahrnehmung automatisch nach Amerika und zu Trump. Sollte es in wenigen Jahren so sein, dass wir dessen Geschmacklosigkeiten zum neuen Maßstab einer Werte-Kette nehmen, die sich seit Generationen immer wieder verfärbt? Müssen wir fürchten, dass der neue Ton zwischen Rostrot und Blutrot liegen wird? Nicht auszuschließen, wirklich nicht.

In dieser Ausgabe:
US-Künstler bereuen nach Trump-Triumph die Vernachlässigung der Provinz (Seite 5). Luxemburg: Aus für Museumsdirektor Enrico Lunghi nach TV-Skandal (Seite 7). Schweiz: Winterthur verliert Sammlung Hahnloser/Jaeggli an Bern (Seite 9). Die ehemalige Limbach-Kommission formiert sich neu (Seite 9). Nun doch verschoben: Ausstellung »Teheran Sammlung« in Berlin (Seite 11). Francesca von Habsburg und ihre Planungen (Seite 13). Wegen Türkei: Appell der Kulturszene an Angela Merkel (Seite 14). Kunst-Buch des Jahres: Es stammt von Marina Abramovic (Seite 15). Berlin: Opernhaus-Etat fürs Humboldt Forum (Seite 17). Markt-Check Ulay (Seite 18). In den Kinos: Der Film über Robert Mapplethorpe (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 615 – Editorial

Informationsdienst KUNST 615

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als Stadtmenschen wissen Sie es: Im Rampenlicht und in den Schlagzeilen sind Referenten und Dezernenten laufend zu finden. Außerhalb der Kommunen, auf Länderebene, machen sich die Staatssekretäre und Kultusminister bemerkbar. Nicht zuletzt wirbelt vom Bundeskanzleramt aus die Kulturstaatsministerin den Kulturbetrieb auf, so dass es bisweilen so scheint, als sei Kultur in Deutschland ausschließlich Politiker-Sache. Dabei wäre dieser kulturpolitische Einsatz nicht machbar oder vonnöten, würden nicht Tausende von Künstlern und ihre direkten Vermittler, nämlich Galeristen, Kunstvereinsleiter, Kritiker, Museumsleute, auch Privatsammler, tagein und tagaus an Produktion, Rezeption und Distribution arbeiten. Das wird leicht vergessen.

Im Geflecht dieser Bemühungen und meist im publizitätsscheuen Hintergrund wirken unzählige Lobbyisten, die im Allgemeinen den Vorteil genießen, im Gegensatz zu den amtierenden Politikern schnell abtauchen zu können, wenn es unangenehm wird. Lassen sich dagegen Lobbying-Erfolge verbuchen, dann knallen die Champagner-Korken in den jeweiligen Verbänden. Im Moment jedoch, so hört man aus verschiedenen Vereinsheimen der Kultur, gibt’s keinen Grund zum Feiern, gar zum gemeinsamen. Denn es herrscht dicke Luft dort, wo eigentlich Eintracht zugunsten kollektiver Kulturförderungsbestrebungen herrschen sollte.

Als vor kurzem der Deutsche Kunstrat in Berlin tagte, der vor über 60 Jahren gegründete Verein, der zunächst direkt durch das Auswärtige Amt finanziert wurde, der inzwischen unter der Obhut des Instituts für Auslandsbeziehungen steht, wurden teils ernüchternde Statements vorgetragen. So erklärte die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Galerien und Editionen, Birgit Maria Sturm, dass sie mittlerweile ihrem eigenen Verband gegenüber die Mitgliedschaft im Kunstrat rechtfertigen müsse, weil dort »keine freie Diskussion möglich sei«, wie es im Protokoll heißt.

Die harsche Sturm-Kritik bezog sich offenbar auf die Tatsache, dass Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des 1981 als »Dachverband der Dachverbände« gegründeten Deutschen Kulturrates (zu dem auch die Sektion Deutscher Kunstrat gehört), wiederholt Beamte aus dem Umfeld der Kulturstaatsministerin eingeladen habe, als es um das umstrittene Kulturgutschutzgesetz (KGSG) ging. Und Zimmermanns Pressemitteilungen nach der KGSG-Verabschiedung seien, so wörtlich, niederträchtig gewesen. Die Breitseite gegen den im kommenden Jahr bereits seit 20 Jahren in dieser Funktion tätigen Olaf Zimmermann erreichte zweifellos ihren Höhepunkt, als ihm im Zusammenhang mit Überlegungen zur Zukunft des Gremiums unterstellt wurde, nicht glaubwürdig zu sein, weil er »auf der pay-roll der Kulturstaatsministerin« stehe.

Olaf Zimmermann, so flüstern Kunstrat-Mitglieder, soll die ihm zugetragene Attacke sanft abgeschmettert und seine persönliche Teilnahme an der nächsten Kunstrat-Mitgliederversammlung angekündigt haben. Dort, so hört man, will er kommunizieren, dass er die Geschäftsstelle des Kulturrates gar nicht führen könne, wäre er auf die Mitgliederbeiträge angewiesen. Er müsse stets Projektmittel beim Bund beantragen, etwa für Politikberatung. Er selbst und auch sämtliche Mitarbeiter des Deutschen Kulturrates würden ihre Gehälter vom Verein Deutscher Kulturrat beziehen.

Unabhängig von dieser Haarspalterei, ob das Geld direkt oder nur indirekt aus dem Bundeskanzleramt kommt, stellt sich die Frage, ob der aktuelle Sturm-Zimmermann-Konflikt nicht ein warnendes Beispiel für eine sich immer mehr verselbstständigende Verbandspolitik ist, die von zunehmender, gegenseitiger Lähmung geprägt erscheint (im Deutschen Kulturrat sind mittlerweile rund 250 Organisationen vertreten). Natürlich ist’s demokratisch, politisch korrekt, wenn viele Kulturleute im besten Fall an einem gemeinsamen Strang ziehen, aber ist er, der einsame Lobbyist, im Berliner Politalltag nicht wirkungsvoller als die eingetragene Vereinskultur? Im Hickhack auf Geschäftsführer-Ebene ist man geneigt, das zu glauben.

In dieser Ausgabe:
Der künstlerische documenta-Leiter, Adam Szymczyk, auf Platz zwei der »Power 100«-Liste (Seite 4). Berlin: Teheran-Ausstellung trotz des Rücktritts des iranischen Kulturministers, Ali Jannati, nicht gefährdet (Seite 6). Herzog & de Meuron bauen das »Museum des 20. Jahrhunderts«, Kollege Braunfels stänkert (Seite 7). Sensation am Rhein: Aus der Art.Fair wird die Art Düsseldorf (Seite 9). Kunstschmuggel: Der Fall Urs E. Schwarzenbach (Seite 11). Isabel Pfeiffer-Poensgen und die Ankäufe der Kulturstiftung der Länder (Seite 12). Was Philipp Kaiser im Schweizer Pavillon der Venedig-Biennale plant (Seite 13). Markt-Check George Condo (Seite 18). Der Sammler Reinhard Ernst und Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 614 – Editorial

Informationsdienst KUNST 614

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wann gab es jemals so viel Konfusion, ein solches Hin und Her, wenn ein Projekt dieser Größenordnung kommuniziert werden wollte? Am Ende, so scheint es, sind drei Reputationsbeschädigungen zu beklagen, auch die Gefahr, dass den Staatlichen Museen zu Berlin ein Spitzen-Mäzen für immer verloren geht. Die gute Nachricht dagegen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, stets um die strukturelle Verbesserung ihrer Museumslandschaft bemüht, darf sich über einen Gebäude-Zuwachs freuen, der ihr am Berliner Kupfergraben ein Bildungszentrum beschert, quasi zum Null-Tarif.

Denn der Sammler und Händler Heiner Bastian sowie seine Frau Céline und sein Sohn Aeneas haben das vor zehn Jahren für sie von David Chipperfield gebaute, knapp 2000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bietende Galerien-Haus bedingungslos verschenkt, und es soll nun spätestens Anfang 2018 als eine Art Schulungszentrum für das Vor- und Nachbereiten von Museumsbesuchen zur Verfügung stehen. Eine außerordentlich großzügige Geste, die Herman Parzinger, den Stiftungspräsidenten, zu besonderer Dankbarkeit veranlasste: »Eine Liebeserklärung an die Museumsinsel, die uns von Herzen freut; ein großer Tag für die Stiftung und die Staatlichen Museen.«

Vorausgegangen waren längere Verhandlungen zwischen Bastian und Parzinger, aber auch mit dem Unternehmer und Sammler Reinhold Würth, der noch eine Woche vor dem 6. Oktober, als plötzlich diese Schenkung publik wurde, als Hauptdarsteller in einem mäzenatischen Schauspiel höchster Kategorie gefeiert wurde. Doch über Nacht und womöglich auch wegen der zahlreichen Presse-Reaktionen, die vor allem Würth ehrten, entschied Familie Bastian, den zuvor ausgeklügelten Deal für nichtig zu erklären und mit dem Verzicht auf das angekündigte Zusammenspiel mit Würth erneut an die Öffentlichkeit treten zu wollen.

Zunächst war nämlich, wie im Informationsdienst KUNST 613 berichtet (Seite 8, Seite 18), zwischen den drei Partnern vereinbart worden, dass Würth das Haus zu etwa knapp der Hälfte eines gutachterlich geschätztes Betrages in Höhe von rund 15 Millionen Euro erwirbt, ein paar Milliönchen für Umbau- und Umnutzungsmaßnahmen dazu packt, auch für den Betriebsstart des »Reinhold Würth Zentrum für kulturelle Bildung und Vermittlung im Haus Bastian«. Und Familie Bastian, so war es formuliert, sollte »im Verzicht auf jeden Gewinn« letztlich nur den Baupreis erstattet bekommen. Nach unbestätigten Hintergrund-Informationen wären das weniger als sieben Millionen gewesen.

Auf diesen Betrag verzichten die Bastians nun, weil sie ihr Haus eben nicht mehr verkaufen wollen, wie zunächst vereinbart. Ob sie freilich jetzt, wo das Verwirrspiel ganz Berlin beschäftigt und kolportiert wird, Heiner Bastians Eitelkeit habe es nicht ertragen, dass das von Chipperfield und ihm mit viel Herzblut geplante Gebäude künftig den Namen Würth tragen sollte, noch jene öffentliche Anerkennung erfahren, die sie wohl suchen, bleibt fraglich. Auch die Stiftung selbst steht blamiert dar, weil sie innerhalb von sechs Tagen zwei völlig unterschiedliche Pressemitteilungen zu einer Schenkungssache verbreiten musste und in der zweiten Drucksache bewusst oder arglos vergaß, unmissverständlich zu erläutern, warum Reinhold Würth, der rund zwölf Millionen Euro für Berlin spendieren wollte, kurzerhand ausgeladen wurde.

In der Würth-Zentrale gibt man sich souverän, aber ob man’s wirklich ist? »Wir wurden überrascht«, sagt Unternehmenskommunikationschefin Maria Theresia Heitlinger, und es klingt so, als sei der Vorgang noch nicht abgeschlossen. Darauf hoffen, aus Sicht der Preußen-Stiftung, natürlich auch Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die jetzt zusammen den doppelten Salto versuchen müssen. Einerseits Bastian danken, andererseits den nun aus nachvollziehbaren Gründen reichlich verschnupften Würth bei mäzenatischer Laune halten. Ob es gelingt, ihn, den nicht vorsätzlich, aber eben doch Düpierten, für ein anderes Engagement zu gewinnen, etwa im Humboldt Forum? Zu wünschen ist es. Und ein starkes Argument haben Grütters und Parzinger zudem: Dort wäre künftig noch mehr Aufmerksamkeit garantiert als am Kupfergraben.

In dieser Ausgabe
Aufwärtstrend für die Beirut Art Fair (Seite 6). Zufriedenstellende Bilanz der Londoner Frieze Fairs (Seite 7). Hermann Parzinger plädiert für Architekturmuseum in Berlin (Seite 7). Michael Schultz verwandelt denkmalgeschützte Kant-Garagen in ein Kunsthaus (Seite 8). Die Galerie Hauser & Wirth betreut nun auch den Nachlass Arshile Gorky (Seite 8). Alexander von Berswordt und die Ausstellung »artige Kunst« (Seite 10). Großer Auftritt von Tino Sehgal in Paris (Seite 12). Das Centre Pompidou expandiert (Seite 15). Walter Smerling bereitet »Luther und die Avantgarde« für 2017 vor (Seite 18). Bad Homburg: Christian K. Scheffel plant, den Gustavsgarten zum Skulpturenpark zu machen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 613 – Editorial

Informationsdienst KUNST 613

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Berliner 17-Prozent-CDU, zusätzlich angeschlagen durch eine Sexismus-Debatte und einen früher schon festzustellenden Hang, eine Männer-Domäne sein zu wollen, muss nun, händeringend, auf eine Frau setzen, auf Kulturstaatsministerin Monika Grütters, weil weder der ins Zwielicht geratene Frank Henkel noch andere Herren aus der Herrenwitz-Fraktion geeignet erscheinen, den Landesverband in die Zukunft zu führen. Grütters, im Bundeskanzleramt zwar reichlich beschäftigt, doch loyal fürs zusätzliche Partei-Ehrenamt bereit, hatte sich im vergangenen Jahr nicht locken lassen, die CDU-Spitzenkandidatur fürs Bürgermeister-Amt zu übernehmen.

Nun tröstet sie sich mit jenen 23 Jahren, die einst ihr Vorgänger Bernd Neumann als Landesvorsitzender der CDU in Bremen bewältigte, und glaubt durchaus, beide Aufgaben stemmen zu können. Doch Skeptiker fürchten, dass die schwierige Henkel-Nachfolge die ganze Frau erfordert, zumal 2017 die Bundestagswahl ansteht und Monika Grütters gewiss wieder auf Listenplatz 1 der Berliner CDU landen wird, wie schon dreimal zuvor.

Noch hat Angela Merkel nicht signalisiert, ob sie erneut als Bundeskanzlerin zur Verfügung stehen will, noch weiß also niemand, ob die Grütters-Rechnung, als Kulturstaatsministerin weiter agieren zu können, tatsächlich aufgeht. Ergo könnte es 2017 durchaus so kommen, dass sie ihr jetzt gespaltenes Engagement Bund/Land auf Berlin konzentrieren kann, sollte sie im nächsten Regierungskabinett nicht mehr vertreten sein, weil die CDU und/oder Merkel fehlen. Sie, die Christdemokratin, würde sich dann, voraussichtlich, nicht mit Kulturstaatssekretär Tim Renner, SPD, auseinandersetzen müssen, sondern mit einem Linken, mit Klaus Lederer, Jahrgang 1974, promovierter Jurist mit starker Kultur-Neigung, unter anderem als Tenor. Denn Lederer, so zeigen die ersten Gespräche im Hinblick auf die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen der rot-rot-grünen Art, würde Renner, der nach eigenem Bekunden gerne als Bürgermeister-Kulturzuarbeiter weitermachen möchte, zweifellos verabschieden wollen und selbst einen richtigen Kultursenatoren-Stuhl besetzen. Mit Ressorts wie Medien, Kreativwirtschaft und allem Pipapo. Dass Lederer qualifiziert wäre, die Berliner Kultur voranzutreiben, bezweifelt in der Stadt kaum jemand, zumal Renner in seiner kurzen Amtszeit an der Seite von Michael Müller nicht glänzen konnte.

Die Linke hat bekanntlich Erfahrung in Sachen Kultur. Schon einmal, nämlich in den Jahren 2002 bis 2006, war einer von ihnen in Berlin als Senator tätig. Thomas Flierl, Jahrgang 1957, vorher und anschließend bis 2011 Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, hatte zwar in der Causa »Berliner Straßenszene« voreilig reagiert (Rückgabe des legendären Kirchner-Bildes aus dem Jahr 1913) und im Rahmen einer Stasi-Thema-Debatte schlafmützig reagiert (was zu Rücktrittsforderungen führte), doch ansonsten ist die Flierl-Ära in guter Erinnerung. Als promovierter Ästhetik-Fachmann, freilich aus marxistisch-leninistischer Perspektive, machte er eine überzeugende Figur.

In der Berliner Politszene geht man im Moment davon aus, dass Michael Müller und die SPD loslassen und die Kultur in die Hände der Linken geben werden; von den Grünen im neuen Trio ist kein Widerspruch zu erwarten, weil ihnen andere Ressorts wichtiger erscheinen. In den vergangenen Tagen wurde gemunkelt, dass sie in den Verhandlungen vor allem auf Bildung, Verkehr und Inneres großen Wert legen wollen.

Klaus Lederer, seit knapp zehn Jahren als Landesvorsitzender seiner Partei tätig, wird demnächst, sollte er tatsächlich den neuen Berliner Kultursenator geben können, seine erste Bewährungsprobe am Verhandlungstisch mit Monika Grütters bestehen müssen. High Noon Linke/CDU. Denn vor der Wahl in Berlin wurde der nächste Vertrag zwischen Bund und Land zur Finanzierung der Hauptstadtkultur zwar besprochen, doch nicht mehr unterschrieben. Angesichts der geänderten politischen Lage könnte nun, wie von Grütters angedroht, neu verhandelt werden müssen. Da geht’s um viel, um immerhin rund 600 Millionen Euro.

In dieser Ausgabe
Im Kasseler documenta Archiv wird die Digitalisierung vorangetrieben (Seite 4). Von Sotheby’s zu Phillips: Cheyenne Westphal (Seite 7). Der Kunstverein in Hamburg plant seinen 200. Geburtstag (Seite 9). Die Deutsche Bank – Krise hin oder her – setzt ihr Kunst-Engagement fort (Seite 10). Berlin im Kirchner-Rausch: Neue Ausstellung, neue Gesellschaft (Seite 12). Im Clinch: Kunstsammlung NRW und Konrad Fischer Galerie (Seite 14). Hamburg: Siegfried Sander über die kleine Galerie als Auslaufmodell (Seite 15). Jüngste Aktivitäten von Reinhold Würth (Seite 18). Comeback für das Freiheits- und Einheitsdenkmal (Seite 20). Fernsehen: Eigener Kunst-Sender Sky Arts HD von 2017 an (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 612 – Editorial

Informationsdienst KUNST 612

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, verrückte Welt: In den vergangenen Tagen fand allerorten der übliche Auftrieb zum Saison-Beginn statt, und in den meisten Gesprächen ging es wieder einmal nicht um Kunst, sondern um das Drumherum. Dazu zählt zunehmend das Thema Kapital, und Joseph Beuys, der Unvergessene, hätte seine Freude daran, wenn er beobachten könnte, wie sich halb Deutschland windet und dreht, wenn in der Szene über Geld und die damit verbundenen Möglichkeiten geredet wird. Mitunter entstehen dabei groteske Momente, wie man sie etwa auf der Berliner Art Week erleben durfte. Da reden Galeristen über Milliarden-Vermögen der Sammler (allein der deutsche Geld-Adel soll weit über 900 Milliarden Euro zur Verfügung haben) und zittern oder kokettieren im gleichen Moment, ob sie die paar Quadratmeter ihrer Messe-Stände bezahlen können.

Die Kaufkraft sei lausig, so heißt es oft, und tatsächlich haben gerade in jüngster Zeit, wie zum Beweis, etliche Galerien in Berlin dichtgemacht. Zugleich stehen zahlreiche wohlhabende Sammler herum, umschwirrt von antichambrierenden Händlern, die die Gunst der passenden Minute abwarten, um dann diesen oder jenen Deal einzufädeln. Heimlich versteht sich, damit die Mitbewerber nicht neidisch werden. In aller Stille und gewiss auch dank Neo Rauch soll sich beispielsweise Judy Lybke, Eigen + Art, ein Vermögen in Höhe von immerhin 200 Millionen Euro zur Seite gelegt haben. Damit ist er, der bescheiden agierende Ossi-Charmeur, wohlhabender als der Erotik-Sammler und Springer-Boss Mathias Döpfner, der mit 150 Millionen klarkommen muss.

Kurzum: Das ganze Gejammer über schlechte Geschäfte, die Standort-Nachteile und die vermaledeiten Auflagen der gesetzgebenden Politik – im Einzelfall vielleicht berechtigt, doch alles in allem eher absurd, heuchlerisch. Denn der Kunstbetrieb ist auf Goldkurs, das zeigen allein die nach wie vor sagenhaften Auktionsergebnisse für Gegenwartskunst, die sich natürlich schnurstracks auf die Preis-Bildung in den Galerien auswirken. Während manche der mit Youngster-Ware agierenden Vermittler in der Tat hart rechnen und auf die erste Million noch etwas warten müssen, sind die etablierten Galerien nahezu ausnahmslos in der komfortablen Situation, dank gewachsener Beziehungen zu den renommierten Sammler-Familien stattliche Umsätze machen zu dürfen.

Einfach unglaubwürdig, wenn vom Niedergang der angeblich gebeutelten Branche berichtet wird. Bei genauer Betrachtung zeigt sich in diesen Monaten auch, dass Galerien, die schließen, nicht zwangsläufig aus pekuniären Gründen den Rückzug antreten. Beispiel Berlin: Lehmann, Werner und Zink – drei Unternehmen, die zwar ihre Schauräume in der Hauptstadt schlossen, aber keinesfalls abtauchen, gar finanziell in Problemen stecken. Normale unternehmerische Entscheidungen, in jedem einzelnen Fall bestens nachvollziehbar. In Dresden, Märkisch Wilmersdorf (beziehungsweise London und New York) sowie in Waldkirchen/Oberpfalz und natürlich von dort aus geht’s für diese drei Galerien weiter. Schließlich muss niemand mehr Tausende von Quadratmetern Schaufläche bespielen, um dieses oder jenes Milliönchen Umsatz zu machen.

Schaut man sich die jüngste »Bilanz«-Veröffentlichung aus dem Verlagshaus Springer an, dann zeigt sich, dass Deutschland im Geld badet. Billionen-Sause. Reichtum, wohin man blickt, und die wohlsituierten, besonders vermögenden Familien scheinen allesamt auch bevorzugt in Kunst zu investieren, in die eigene Sammlung, teils aber auch vorbildlich in gemeinnützige Projekte, denkt man zum Beispiel an Susanne Klatten. Zusammen mit ihrem Bruder, Stefan Quandt, der zu den »Blickachsen«-Förderern in Hessen gehört, steht sie auf der »Bilanz«-Liste der 750 reichsten Deutschen weit vorn (über 17 Milliarden). Es folgen schon bald Reinhold Würth (über zwölf Milliarden), Hasso Plattner (neun Milliarden) und Michael Otto (siebeneinhalb Milliarden).

Dann Oetker (rund sieben) und Jacobs (knapp sieben), bevor unzählige Sammler-Familien im Bereich zwischen zwei und drei Milliarden Vermögen unbeschwert einkaufen können, darunter Hubert Burda (2,8), Martin Viessmann (2,6), Familie Jahr (2,5), Familie Stoschek (2,4), Walter Droege und Hedda im Brahm-Droege (2,3). Auch auf den Ranking-Plätzen 100 bis 200 etliche bekannte Sammler, allesamt im Besitz von etwas mehr oder etwas weniger als einer Milliarde Euro (Ströher, Metzler, Freiberger, Olbricht, Stefan von Holtzbrinck, Frieder Burda, Viehof-Brüder, Familie Sander). Natürlich bringt nicht jeder Maler ein Vermögen in Höhe von einer halben Milliarde Euro zusammen, wie es Gerhard Richter verbuchen darf, doch die Kunstfreunde unter den Reichen sorgen schon dafür, dass auch weniger betuchte Galeristen und Künstler ein ordentliches Stück von der Milliarden-Torte abbekommen. Wir haben es geschafft, so könnte man Bilanz ziehen, freilich nicht frei von Platons legendärer Kritik an Geld und Reichtum. Seine Warnung war unmissverständlich: Wo viel Kapital fließt, strömt zudem moralischer Verfall. Apropos: Helge Achenbach, nach rund einem Drittel verbüßter Haftstrafe mittlerweile stundenweise als Freigänger unterwegs, soll demnächst Flüchtlingen beibringen, wie hierzulande der Kunstbetrieb funktioniert. Schlimmer geht’s nimmer. Aber irgendwie auch passend zur NDS, zur Neuen Deutschen Scheinheiligkeit.

In dieser Ausgabe
Überraschung im US-Wahlkampf – Larry Gagosian engagiert sich für Hillary Clinton (Seite 3). Düsseldorf: Andreas Gursky als Findungskommissar (Seite 4). Werner Tammen, Landesverband Berliner Galerien, appelliert an die Politik (Seite 6). Geschenke für Frankreichs Museen (Seite 9). Zollfreilager-Betreiber Yves Bouvier in Paris auf dem Rückzug (Seite 10). Spiel mit dem Risiko: Berlin bereitet Ausstellung der Teheran-Sammlung vor (Seite 12). Köln: Schwaches Interesse für »Richters Patterns« (Seite 13). Ohne Biennalen: Türkische »Säuberungen« (Seite 15). Nicolaus Schafhausens Vertrag in Wien verlängert (Seite 18). Berlin: Drei Messen – oder künftig besser nur eine (Seite 19). Markt-Check: Maria Lassnig (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 611 – Editorial

Informationsdienst KUNST 611

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in London wird kolportiert, dass Neil MacGregor, neben Hermann Parzinger und Horst Bredekamp einer der drei Vordenker in Sachen Humboldt Forum, in privater Runde vor allem verwundert sei, wenn er nach seinen Erfahrungen in Berlin gefragt wird. Im 15-köpfigen Stiftungsrat, so soll der Weichensteller berichten, freilich britisch vornehm, seien nicht wenige Mitglieder aus dem politischen Umfeld anzutreffen, die sich nicht allein mit organisatorischen Steuerungsprozessen begnügen wollen. Er, MacGregor, müsse immer wieder deutlich machen, dass die inhaltliche Arbeit durchaus von den im Rat vertretenen Fachleuten geleistet werden könne.

Zu den besonders ambitionierten Diskutanten gehört in Vertretung des Staatssekretärs Stephan Steinlein, Auswärtiges Amt, ein Ministerialdirektor namens Andreas Görgen. Der Mann, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation und somit Chef von neun Referaten, die Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zuarbeiten, hat in den vergangenen zwei Amtsjahren eine Betriebsamkeit entwickelt, die von einem gewissen Eroberungsdrang zeugt. Kolonialismus der besonderen Art. Ganz so, als wolle er sich für noch höhere Aufgaben im Kulturstaat empfehlen, auf SPD-Ticket, versteht sich.

Kaum war Görgen im Amt und die Humboldt-Baustelle einigermaßen begehbar, mithin im Sommer 2014, schleuste er beispielsweise 200 hochrangige Staatsgäste durch, als wäre er der Hausherr. Keine Scheu hat der frankophile, ehemalige Siemens-Mitarbeiter auch davor, in Berlin nebenbei den Künstler-Herbergsvater zu geben: Auf dem Dach des Auswärtigen Amtes meinte er eine Atelier-Galerie einrichten zu müssen. Logisch, dass hinter dem Café »Europa« der Leipziger Buchmesse nur einer steckte, nämlich Andreas Görgen, der selbstverständlich auch dafür sorgt, dass die Ressort-Zuständigkeit für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig unmissverständlich kommuniziert wird. Was Wunder also, dass er auf der Zwölfer-Liste des Aufsichtsrates der KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH) bereits auf Platz drei thront, hinter Kulturstaatsministerin Monika Grütters und ihrem wichtigsten Mitarbeiter, Günter Winands.

Neuerdings, so flüstert man in Regierungskreisen, sei Andreas Görgen mit einem Ankaufsprojekt beschäftigt, das seine Machtposition im Auswärtigen Amt und darüber hinaus weiter stabilisieren soll. Offenbar geht es um die 1942 erbaute und zehn Jahre lang von Thomas Mann genutzte Villa in Pacific Palisades (im Großraum Los Angeles), die von der amerikanischen Maklerin Joyce Rey für rund 15 Millionen Dollar angeboten wird. Der literaturaffine Görgen, so das Gerücht, überlege ernsthaft, das Fünf-Zimmer-Gebäude für den Bund zu erwerben und dort ein kulturelles Stipendiaten-Zentrum einzurichten. Und Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat mittlerweile signalisiert, aus ihrem Etat einen Beitrag beisteuern zu wollen.

Was im ersten Moment sinnvoll erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung freilich als fragwürdig. Denn nicht weit entfernt, ebenfalls in Pacific Palisades, gibt es die Villa Aurora, in der einst Marta und Lion Feuchtwanger wohnten – und die heute dank eines eingetragenen Vereins als Ort des deutsch-amerikanischen Kulturaustausches intensiv genutzt wird. Obgleich Mittel aus dem Steinmeier-Etat und jenem von Grütters zur Verfügung stehen, klagt der rührige Villa Aurora e.V., dass die Künstlerresidenz dringend Spenden benötige, um die Stipendiaten angemessen arbeiten zu lassen.

Macht es also wirklich Sinn, eine weitere Spielstätte in L.A. einzurichten, die dann womöglich wieder klamm ist, wenn der alltägliche Betrieb ansteht? Müssen wir nicht endlich aufhören, laufend neue Institutionen zu schaffen und einige zweifellos obsolete Häuser verkrampft zu erhalten, wenn überall die wirtschaftliche Basis fehlt? Wie in der Kunst selbst: Es geht um Qualität, nicht um Quantität. Lieber weniger Institutionen gut ausstatten, als viele schlecht versorgen. Das sollte auch ein an der Ausdehnung seines Einflussbereiches wirkender Ministerialdirektor verstehen.

In dieser Ausgabe
Genug von London. Martin Roth verlässt das Victoria and Albert Museum (Seite 2). Nach dem Erdbeben in Italien: Gemeinnütziges Spaghetti-Essen (Seite 4). Berlin: Gabriele Knapstein als Nachfolgerin von Eugen Blume im Hamburger Bahnhof (Seite 7). Düsseldorf: Kunstsammlung NRW muss Ausstellung von Christoph Büchel absagen (Seite 8). Neustart in der Villa Massimo in Rom (Seite 8). Erbschaftsteuerrecht: Was die Reform für Sammler bedeutet (Seite 12). Kunstmessen: Wien glänzt mit Überangebot (Seite 13). Markt-Check: Kader Attia (Seite 15). Künstlersozialkasse: Attacke aus dem Arbeitgeberverband in Hessen (Seite 18). Großartige »Buddha«-Schau in der Völklinger Hütte (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 610 – Editorial

Informationsdienst KUNST 610

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, aufpassen, empfehle ich, wenn Sie fortan irgendwo »FIU« lesen oder hören. Denken Sie dann am besten nicht mehr zuerst an die Free International University, an die 1973 als Verein »FIU« von Joseph Beuys, Klaus Staeck und anderen Künstlern und Vermittlern gegründete Kreativitätshochschule, sondern an Wolfgang Schäuble, den deutschen Finanzminister. In den vergangenen zwei Jahren nahmen in Berlin die Gerüchte zu, dass er etwas plane, um seiner alten Leidenschaft ein neues Spielfeld zu geben – und nun ist es soweit.

Schäuble, der bereits in seiner Amtszeit als Innenminister (2005 bis 2009) energisch gegen das Phänomen der Geldwäsche vorging, holt diesen Zuständigkeitsbereich aus dem Bundeskriminalamt heraus – und ordnet ihn dem Zoll und somit seinem Ministerium zu. Mit einer speziellen »FIU«-Truppe (»Financial Intelligence Unit«), die von zunächst 25 auf bis über 150 Beamte erweitert werden soll, will der Bund massiv gegen Geldwäscher vorgehen. Es ist in Regierungskreisen unbestritten, dass das geplante Daten-Sammeln im Verdachtsfall und die gezielte Weitergabe an die zuständigen Staatsanwaltschaften auch gegen die im Zwielicht stehende Kunst-Branche gerichtet ist.

Dabei hat die Branche selbst, Stichwort Geheimniskrämerei, vieles getan, um gegenüber Politik und Behörden den Eindruck zu erwecken, dass es häufig nicht mit rechten Dingen zugeht. Von Transparenz kaum eine Spur, unter dem großzügig ausgebreiteten Deckmantel Datenschutz werden meist weder Preise noch Käufer genannt. Ich habe manche Abfuhr kassiert, dann eben andere Quellen anzapfen müssen. Man gibt sich angeblich »diskret« – und diese seriös wirkende Image-Pflege dient mancherorts eben vor allem dazu, das Schwarzgeld der Ärzte und anderer Selbstständiger für alle Beteiligten gewinnträchtig in Kunst zu transformieren. Renommierte Fachleute haben das immer und immer wieder bestätigt.

Das Geschäft sei schmutzig geworden, »richtig schmutzig«, so der Museumsdirektor Martin Roth vor zwei Jahren in der »Süddeutschen Zeitung«. Das Wirtschaftsgeld, das im Kunsthandel auftauche, sei »in den seltensten Fällen sauber«, legte Swantje Karich in diesem Frühjahr in der »Welt« nach. Kunst mithin als »Schattenwährung bei Cash-Transaktionen« (Christian Herchenröder, »Handelsblatt«). Was Wunder, dass Schäuble hier Handlungsbedarf sieht.

Neu ist das Thema nicht. Seitdem der Kunstmarkt phasenweise atemberaubend boomt, seit den Achtzigern also, weiß man, wie die Schlupflöcher im zunehmend unübersichtlich werdenden internationalen Handel optimal zu nutzen sind. Die Kunstszene, das ist bekannt, steht auch im Fokus jener professionellen Geldwäscher, die sich in anderen Bereichen zurückziehen. Bestes Beispiel: Die inzwischen nahezu lückenlose Überwachung des Finanzmarktes. Allein für 2014, so heißt es offiziell, sollen über 24 000 Verdachtsmeldungen nach dem Geldwäschegesetz zu Ermittlungen geführt haben. Logisch, dass sich einige Schlawiner aus den Anlageschäften dieser Art verabschieden und jetzt lieber auf Kunst setzen. Im Moment noch. Denn »FIU« kommt.

Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« hatte bereits Ende der achtziger Jahre per dreiteiliger Artikel-Serie verwundert festgestellt, wie es denn möglich sei, dass die Mafia ihr (Drogen-)Geld mit Kunst wasche. Schon damals klang die Kritik durch, dass der Staat zu wenig oder gar nichts vom Geschäft mit der Kunst verstehe, um wirkungsvoll eingreifen zu können. Jetzt, drei Jahrzehnte danach, soll sich das nach und nach ändern. Wolfgang Schäuble, der über den Zoll und auf der Basis des neuen, seit Tagen gültigen Kulturgutschutzgesetzes bereits einen guten Einblick ins hochpreisige Kunst-Ausfuhr-Geschäft erhält, wird sich eine »FIU«-Fahndungstruppe zusammenstellen lassen, der man nichts mehr vormachen kann. Das ist sicher.

Aus mit der Zeit, als »in der Kunst immer was möglich war«, wie mir kürzlich, nachts, angeblich nach einer Rotwein-Sause, ein ehemaliger Museumsdirektor schrieb, der heute als Autor, Berater und Kurator agiert und in den großen Galerien der Welt zu Hause ist, auch an einigen Deals mitwirkt. Unter der Hand ging da immer was, von Jackett zu Jackett. Über die von Kritikern stetig ausgesprochene Warnung, dass der Staat eines Tages aktiv werde, wenn die Branche nicht zur Selbstregulierung finde, wurde mal geschmunzelt, mal geschimpft. Jetzt, so könnte man sagen, haben wir den Salat, nämlich Schäubles Rohkost.

P.S.: Erfreulich, dass die häufig geäußerte Kritik an der fehlenden Transparenz in Sachen Limbach-Kommission (siehe auch ID 599, Seite 1) nun dazu geführt hat, dass eine Reform des ehrenamtlichen Experten-Gremiums auf den Weg gebracht ist. Dazu gehört eine neue Geschäftsordnung, die Mitglieder nicht mehr lebenslang tätig vorsieht. Neben der Festlegung von Amtszeiten geht es auch um die Zusammensetzung der Kommission, die im Streitfall um die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter eingeschaltet werden kann. Allemal eine Persönlichkeit des jüdischen Lebens, zweifelsfrei überfällig, soll fortan im Gremium vertreten sein. Alles in allem keine leichte Aufgabe: Immerhin sind Bund, Länder und Kommunen gefragt und zur Einigung aufgerufen.

In dieser Ausgabe
Erinnerungskultur am Beispiel Einheitsdenkmal (Seite 4). Schwierige Namenssuche in Berlin: »nationalgalerie20« (Seite 7). Streichkonzert in Karlsruhe, Finanzprobleme am ZKM (Seite 9). Was Harald Falckenberg an den Bundespräsidenten schrieb (Seite 9). Wie Julian Heynen sich in Düsseldorf sang- und klanglos verabschiedet (Seite 12). Die »Welt am Sonntag« und ein fragwürdiger Zündhölzer-Wunsch (Seite 14). Wiederholungstat: Larry Gagosian muss Steuern nachzahlen (Seite 15). Abnabelung: Daniel von Schacky hat die Villa Grisebach verlassen (Seite 17). Florian Henckel von Donnersmarck dreht einen Film, der mit Gerhard Richter zu tun hat (Seite 18). Von Apple verbannt: Die »magnusapp« (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 609 – Editorial

Informationsdienst KUNST 609

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, links hängt ein über zwei Meter breites Flughafen-Foto von Fischli/Weiss, rechts daneben, nur im Abstand von 80 Zentimeter, »Das Riesengebirge« von Caspar David Friedrich. Was die Bilder verbindet, wie sie im aufgedrängten Dialog gesehen und interpretiert werden wollen – das fragt sich wohl auch der in der Nähe stehende Aufseher, seit Tagen schon, aber auf Nachfrage wehrt er ab: »Bitte fragen Sie mich nicht zur Kunst«. Sein Kollege, ein paar Meter zuvor postiert, zieht die Schultern nach oben und meint, es habe wohl alles seinen Wert, es gehe schließlich ums Kapital. Unter diesem Titel, ergänzt um die Begriffe Schuld, Territorium und Utopie, läuft bis zum 6. November im Hamburger Bahnhof in Berlin die überbordend gefüllte Abschiedsausstellung von Eugen Blume, unterstützt von Catherine Nichols, und man fragt sich, was uns der legendäre Kurator und Beuys-Archiv-Hüter mit dieser eigenartig lieblos zusammengeschobenen Wunderkammer sagen will.

Konzept und Inszenierung verweigern, Museum und Beuys verraten – was ist da los? Man kann es nämlich drehen und wenden, wie man will, aber »Das Kapital«, diese irritierende Kraut-und-Rüben-Schau, wirkt so anspruchsvoll und unverständlich wie misslungen. Welche Erkenntnisse sollen sich einstellen, wenn aus unterschiedlichsten Jahrhunderten gegensätzlichste Kostbarkeiten gezeigt werden – und das Publikum, zu dumm, mit einem großen Heft durch die Schau laufen muss, um den an den Objekten zu findenden Nummern eine Beschreibung zuordnen zu können? Alles hat seinen Preis? So simpel kann’s ja wohl kaum gemeint sein. Eine flämische Kreuzigung, um 1640 entstanden, das Apfel-Birnen-Objekt von Urs Fischer, die Schaufenster-Wachsbüste der Gebrüder Weber, ein elektrischer Stuhl von Andy Warhol, in den Sechzigern auf Leinwand gebracht, die Eierschalenkörbe von Marcel Broodthaers, eine Festschrift zu Ehren von Karl Marx, das Puppenhaus mit Zubehör, der Hitler-Film von Syberberg, die Grabfigur aus dem Kongo – wie soll das alles verstanden und in den Kontext gebracht werden?

Liegt der Schlüssel tatsächlich bei Joseph Beuys, in dem vor einiger Zeit von Erich Marx für Berlin teuer erworbenen Environment »Das Kapital Raum 1970–1977« aus dem Jahr 1980? Gar in der Tatsache, dass Eugen Blume fortan, nach seiner Pensionierung, den Privatkurator von Marx geben wird? Das kunsthistorisch bedeutende, vielteilige Werk (unter anderem mit Konzertflügel, Schultafeln und Filmprojektoren) darf sich großzügig im hintersten Bereich dieser fragwürdigen Ausstellung ausbreiten – und es entsteht, einen Moment lang, der Eindruck, dass die zuvor krude abgestellten Werke nur einem Ziel dienen: Beuys zu verehren. Quasi das Vorprogramm. Indes: Auch sein Werk, dieser Lehrraum allumfassender Kreativität, hilft nicht, Bob Dylan, die Zeit 600 vor Christus oder Larry Clark besser zu verstehen. Es bleiben verstörte Ausstellungsbesucher zurück, Menschen, die glauben, im Museum wieder einmal nichts zu kapieren, völlig überfordert zu sein. Kann das im Sinne des Museums sein, im Dienst der Kunst?

Mit Verlaub: Eugen Blume, der 1951 in Bitterfeld geborene, zunächst als Marxist aktive Kunsthistoriker, hat viele Ausstellungen gemacht, dem Kuratoren-Nachwuchs jahrzehntelang gezeigt, wie man die Kunst zum Publikum bringt. Aber diese Schau verärgert und vergrault es, weil sie Grundregeln des Ausstellungsmachens missachtet. So bleiben, leider, letztlich nur zwei Aspekte, die wohlwollend betrachtet werden können: Der empörte Besucher wird im besten Falle zur Frage getrieben, was er erwartet hat, was eine gute Ausstellung leisten muss. Und: Der strapazierte Beuys-Spruch, dass jeder Mensch ein Künstler sei, gewinnt hier (auf die kuratorische Tätigkeit bezogen) neue Bedeutung. Ergo: Blumes Abschiedsbotschaft als Dilettantismus-Plädoyer? Scheitern als Chance? Der erweiterte Kunstbegriff als Vorlage fürs Kabarett? Zum Lachen in den Hamburger Bahnhof gehen? Sich zwischen Erich und Karl Marx einen eigenen Reim machen, weil auch der begleitende »Kapital«-Katalog mehr philosophisch infiltrierte Fundgrube als echtes Hilfsmittel ist?

Die Schau, die so viele Fragen stellt und kaum Antworten gibt, wirkt enorm widerborstig. Bei aller Kritik an ihr selbst macht sie, auf anderer Ebene, dort ihre Pluspunkte, wo sie einen Nerv aktueller Debatten zur Zukunft des Museums trifft. Wer wissen will, wie es um die seit Jahrzehnten immer wieder neu verhandelte Krise der Präsentation derzeit steht, der muss diese Ausstellung sehen. Als abschreckendes Beispiel, als Ausdruck kuratorischer Ratlosigkeit oder womöglich als Nonplusultra künftiger Vermittlungsarbeit. Sollte das zuletzt Erwähnte zutreffen, werden wir uns später in die Asche schmeißen – und Eugen Blume hochleben lassen.

In dieser Ausgabe
Auf dem Zürichsee soll der Manifesta-11-Pavillon erhalten bleiben (Seite 4). Nike Bätzner hofft, dass die verschobene Biennale Sinopale in der Türkei doch noch stattfindet (Seite 7). Einfuhr westlicher Kunst verweigert: Tadeusz-Gemälde dürfen in China nicht einreisen (Seite 9). Berlin, Humboldt Forum: Eröffnung 2019 – trotz juristischer Auseinandersetzungen (Seite 9). Roger Bundschuh hat für den Sammler Rolf Ricke gebaut (Seite 11). Dani Karavan wehrt sich gegen Israels Regierung (Seite 12). Kunstvereine und ihr Engagement für Flüchtlinge (Seite 13). Sensationsmache mit Todeswaffe von Van Gogh (Seite 15). Nur noch 62 Galerien beteiligt: abc art berlin contemporary (Seite 17). Streit zwischen ART Innsbruck und ART Stuttgart (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 608 – Editorial

Informationsdienst KUNST 608

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, denken wir derzeit an Dresden, dann fallen uns gemeinhin nicht die Staatlichen Kunstsammlungen ein, sondern jene bedrohlichen Bewegungen, die am politisch rechten Rand kaum an Kultur glauben lassen, diese aber in dieser Zeit und an diesem Ort besonders bedeutsam machen. Natürlich wechselt kein Kunsthistoriker nach Dresden, um dort das fremdenfeindliche Klima auflösen zu wollen, aber eine Beobachtung erzeugt reichlich Hoffnung, dass die Kunstsammlungen, dieser Verbund aus 15 Museen und Institutionen, nebenbei einen Beitrag leisten könnten, das reaktionäre Sachsen wieder weltoffener werden zu lassen.

Unter der Regie von Marion Ackermann, Düsseldorf, die – wie bekannt – am 1. November die Nachfolge von Hartwig Fischer antritt, könnte dank weiblicher Intuition aus den Museen heraus ein Geist strömen, der die Stadt endlich wieder in die gesellschaftliche Balance bringt. Ackermann, Jahrgang 1965, wird nämlich auf fünf ebenfalls neu in Dresden tätige Frauen im Führungsteam setzen können, wenn in wenigen Tagen auch noch Julia Weber aus München die Direktorinnen-Stelle der Porzellan-Sammlung übernimmt. Weber, bislang am Bayerischen Nationalmuseum für Keramik verantwortlich, gehört zum Jahrgang 1979 und wird folglich die jüngste Leiterin im Ackermann-Stab sein.

Dort warten auf die neue Generaldirektorin bereits Tulga Beyerle (Kunstgewerbe), Stephanie Buck (Kupferstich), Nanette Snoep (Völkerkunde) und Hilke Wagner (Neue Meister), alle zwischen 44 und 52 Jahre alt. Nun hat auch Dresden sein Frauenmuseum, könnte man sagen, denn Stephan Koja (seit April für die Alten Meister und die Skulpturensammlung zuständig) will als Quoten-Mann gesehen werden. Freilich ist der Experte fürs 19. Jahrhundert, in der Tat der einzige männliche Neuzugang in Dresden, dank seiner Jahre in Wien auf das harmonische Zusammenspiel mit seinen Kolleginnen bestens vorbereitet. Immerhin ging Koja an der Österreichischen Galerie Belvedere durch eine harte Schule: Agnes Husslein-Arco hieß seine Chefin (siehe Seite 4).

In der Statistik zum »Frauenanteil an der Leitung von Kunst- und Fachmuseen« (wie in der jüngsten Schrift des Deutschen Kulturrates veröffentlicht, »Frauen in Kultur und Medien«, Seite 100), die insgesamt nur von allmählich wachsender Zunahme berichtet (von circa 20 auf rund 35 Prozent innerhalb von 20 Jahren), nehmen die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden nun einen Sonder-Platz ein. Avantgarde quasi – und das ausgerechnet in Dresden, der Pegida-Hochburg. Mit den Möglichkeiten der Kunst und des Museums, so hat es Marion Ackermann vor Wochen formuliert, für die freiheitliche Gesellschaft eintreten: Das wird nun im Wesentlichen Frauen-Sache sein, Amazonen-Kampf.

In dieser Ausgabe
Nun langfristig abgesichert – Rein Wolfs, Bundeskunsthalle (Seite 5). Karriere-Schritt in Amerika: Katharina Grosse darf mit Larry Gagosian rechnen (Seite 5). Rettungsplan Museum Morsbroich gefährdet (Seite 8). Bundeshaushalt 2017: Monika Grütters soll weitere 70 Millionen für die Kultur ausgeben dürfen (Seite 10). Die Kunstmesse München gibt auf (Seite 13). Aus fürs UCCA in Peking: Die Sammler Myriam und Guy Ullens leiten den Ausverkauf ein (Seite 14). Düsseldorf: Fabrice Hergott im Gespräch als möglicher Ackermann-Nachfolger in der Kunstsammlung NRW (Seite 15). Streit-Fortsetzung in Sachen Franz West (Seite 17). Berlin: Probleme mit »El Siglo de Oro«, dem Gemäldegalerie-Blockbuster (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 607 – Editorial

Informationsdienst KUNST 607

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Sachlage hin oder her. Am Ende war es eine politische Entscheidung, also auch eine Zeitfrage, kurz vor der Sommerpause. Gewissermaßen in einer Nacht- und Nebelaktion verständigten sich die Fraktionssprecher der Regierungsparteien, den Mehrheitsvorsprung im Kulturausschuss zu nutzen, um – an den Grünen und Linken vorbei – das neue Kulturgutschutzgesetz (KGSG) im Deutschen Bundestag durchzuwinken, bevor es nun noch vom Bundesrat genehmigt werden muss.

Im Rückblick: Ein Jahr lang wurde hart verhandelt. Immer und immer wieder feilten Monika Grütters und ihre Mitarbeiter geduldig an den diversen Fassungen zum neuen Kulturgutschutzgesetz, um die zahlreichen Bedenken und nachvollziehbaren Einwände der Branche, teils von Händlern und Sammlern vehement und nicht immer sachlich vorgetragen, gebührend zu berücksichtigen.

Im Zuge der Auseinandersetzung, die im Wesentlichen der Ausfuhr gewidmet war, gingen manche positiven Aspekte der KGSG-Initiative der Kulturstaatsministerin unter. Schließlich dient das vom Bundestag einstimmig beschlossene Gesetz (Grüne und Linke, verschnupft nach der CDU/CSU- und SPD-Absprache, enthielten sich) auch der Eindämmung des Raubkunst-Geschäfts. Oder: Dass Grütters, vorbildlich, drei Gesetze zum Kunsthandel zusammenführte, war nach Monaten der öffentlich geführten Kontroverse vergessen.

Ohnehin – und darum ging es im Kern des Konflikts – unterstellte ihr die Branche, dass sie gar nicht wirklich an Verschlankung interessiert sei. Im Gegenteil: Der zu erwartende Bürokratie-Aufwand sei immens, die Kosten für alle Beteiligten unüberschaubar (Sammler-Vereinschef Harald Falckenberg hatte allein 43 Millionen für Bund und Länder errechnet), was der Gesetzgeber nun letztlich selbst einräumt, indem er das KGSG quasi in letzter Minute in die Evaluierung getrieben hat. Schon in zwei Jahren muss Monika Grütters sowohl dem Bundestag als auch dem Bundesrat verraten, wie groß der Erfüllungsaufwand tatsächlich ausfällt.

Zieht man Bilanz, dann lässt sich sagen, dass die KGSG-Debatte einerseits gezeigt hat, wie wach die von der Mehrwertsteuer-Problematik und anderen Abgabe-Gesetzen geplagte Branche mittlerweile reagiert, wenn kulturpolitische Korrekturen in diesem Land anstehen. Andererseits bleiben zwei grundlegende Themen weiter in der Diskussion, weil sie längst nicht hinreichend erörtert wurden.

Erstens: Im Trubel der immer wieder vorgetragenen Sorge, Deutschland könne als Kulturstandort weiter benachteiligt werden, wenn das KGSG ratifiziert ist, wurde eine Frage allzu leichtfertig beantwortet, wenn überhaupt. Was, bitte, ist »nationales Kulturgut«? Im Gesetz steht, dass wertvoll sei, was »einen wesentlichen Verlust für den deutschen Kulturbesitz bedeuten würde«. Mit Verlaub: Äußerst dehnbar, völlig unbrauchbar, diese Formulierung (alles in allem eine Fortschreibung des KGSG aus dem Jahr 1955, wo ebenfalls nichts definiert wurde). Jedes Bundesland wird also anders entscheiden.

Zweitens: In der Folge geht es aber auch um Grundsätzliches, weil wir in globalen Zeiten leben, uns weltweit bewegen, Museen in allen Kontinenten besuchen. Kurzum: Warum soll ein Bild, hierzulande national bedeutsam, nicht in der Tate oder im MoMA hängen, warum wollen wir seine Ausfuhr verhindern? Es kann doch nicht sein, dass dieser Staat von identitätsstiftenden Werken spricht, den internationalen Kunsthandel per KGSG einschränkt – und letztlich, absurd, dazu beiträgt, dass ein bedeutendes Kunstwerk im Kartoffelkeller eines privaten Sammlers steht, statt in London oder New York einer großen Öffentlichkeit gezeigt zu werden. Nationales Kulturgut, kein Zweifel, sollte allgemein zugänglich sein.

Fazit: Wenn das KGSG im Jahr 2021, wie geplant, wie im Gesetz verankert, noch einmal auf der Agenda von Bundestag und Bundesrat stehen wird, dann wissen wir alle mehr, viel mehr. Dann wird hart argumentiert und, so die Prognose, mancher Paragraf neu verfasst werden müssen. Demokratisches Prinzip: Gesetze sind auch dazu da, sie infrage zu stellen.

In dieser Ausgabe
Im Kölner Museum Ludwig kann in diesem Jahr laufend gefeiert werden (Seite 2). Pressestimmen: Die Berliner Blockbuster-Schau zur Ära Velázquez (Seite 4). Das Duisburger Lehmbruck Museum meldet sich zurück (Seite 6). Was der Brexit für den Kunstbetrieb bedeutet (Seite 8). Matthias Brandt spielt Helge Achenbach (Seite 8). Gilbert & George planen in London ein Zentrum (Seite 9). Urteil mit Folgen: Keine Kunst für alle – wegen der Reiss-Engelhorn-Museen (Seite 9). Neue Drucksachen von Bazon Brock (Seite 11). Georgia Sagri gegen die Manifesta (Seite 13). Berlin: Tempelhof als Dachgalerie, 1200 Meter lang (Seite 17). Amsterdam: Thomas Borgmann beschenkt das Stedelijk Museum (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 606 – Editorial

Informationsdienst KUNST 606

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, im Rückblick: Was haben wir nicht alles beobachtet, wie mussten wir uns aus nachvollziehbaren Gründen in den vergangenen Jahren immer wieder besorgt empören?! Der Kunstbetrieb hat sich in diesem jungen Jahrtausend radikal verändert – und mit ihm natürlich auch die Kunst selbst. Früher, noch in den Achtzigern, hatten wir entspannt festgestellt, dass die Kunst eine Korrektur des Betriebs erfordert. Nun scheint es andersherum zu laufen: Die Gegenwartskunst, vorsichtig tastend, behutsam sich auf jede gesellschaftliche Veränderung einstellend, ist es, die sich anpasst. Harte, radikale Setzungen sind die Ausnahme. Diese Entwicklung fügt sich harmonisch zur Beobachtung, dass die einst gefürchteten Kuratoren ihre Vormachtstellung allmählich wieder aufgeben müssen, oft schon durch Künstler als Ausstellungsmacher und Weichensteller ersetzt werden, wie derzeit die Berlin Biennale oder die Manifesta dokumentieren. Und auch die weiter zunehmende Gemeinde der privaten Sammler, häufig versehentlich mit Spekulanten in eine Branchengruppe sortiert, kann ihren Einfluss nicht mehr vollumfänglich ausüben, wie vor Jahren möglich, weil sich Museumsdirektoren längst weigern, komplette Konvolute ins Haus zu nehmen. Sie wollen lieber Rosinen picken, eigene Visionen illustrieren als Sammlungen sammeln, wie das zu Schusters Zeiten in Berlin auffällig war.

Längst haben die echten Sammler, ob Boros, Falckenberg oder Olbricht, ob Goetz oder Stoschek, ihre eigenen Domizile gefunden, um Privates öffentlich zugänglich zu machen. In Karlsruhe, ZKM, rudert man, sinnvoll, in Sachen Sammler-Museum kräftig zurück; in Bremen wird, wider mancher Vernunft, tüchtig gestrampelt, um die Weserburg irgendwie am Leben zu erhalten. Dabei ist die Lage heute, 25 Jahre nach der Gründung des Museums, eine völlig andere als einst, als dort Thomas Deecke den Direktor gab und dank seiner herausragenden Kontakte ein Modellprojekt auf die Schiene setzte, das international beachtet wurde. Nun gibt’s dort Jazz-Plakate aus Montreux und anderes Entbehrliches zu sehen – und keiner in der Kunstszene traut sich, den klammen Hanseaten reinen Wein einzuschenken und energisch die Umwidmung der sanierungsbedürftigen Schau-Stelle zu empfehlen (das von Helmut Friedel vorgelegte Gutachten ging am weitesten – und setzte doch nur auf die Verringerung der Ausstellungsfläche). Museen zu schließen, nein, das gilt als nicht schicklich, wie im Allgemeinen auch der Verkauf aus Museumsbestand grundsätzlich abgelehnt wird oder das Aufräumen im öffentlichen Raum, wo so ungeheuer viel vernachlässigte Sechziger- und Siebziger-Jahre-Schrott-Skulpturen herumstehen, die dringend einer Revision unterzogen werden müssten. Angst vor dem Bilderstürmer-Vorwurf? Oder fehlen schlichtweg der scharfe Blick und das Urteilsvermögen?

Mit Verlaub: Der Kunstbetrieb leidet unter der von ihm selbst verursachten Situation, keine Kriterien zu haben, mithin auch nicht verhandeln zu können, was geht, was nicht. Gut also, sehr gut, wenn die Bundeskulturstiftung beispielsweise Mittel freisetzt, um Museen in Berlin und in Düsseldorf in die Lage zu versetzen, über das Museum von morgen nachzudenken (was bislang nur per »Museum Global« im ZKM stattfand). Wichtig, sehr wichtig, dass Humboldt-Stiftung und -Universität sowie die Stiftung Preußischer Kulturbesitz und ein paar andere Institutionen derzeit ein Forschungsprojekt ermöglichen, das sich um aktuelle soziale, wirtschaftliche und politische Entwicklungen kümmert und sie im Kontext des Museums der Zukunft beleuchtet. Die britische Museumshistorikerin Sharon Macdonald, Preisträgerin der Alexander von Humboldt-Professur, leistet in Berlin eine Anschub-Arbeit, die der Branche und zugleich der Politik den Weg weisen wird. Denn mittlerweile sollte sich zwar herumgesprochen haben, dass es im Museum nicht nur ums Bewahren der Vergangenheit geht, doch Gegenwart und Zukunft kommen in der Betrachtung immer noch viel zu kurz. Da will gegengesteuert werden. »Marktplatz Museum? – Eine Institution im Wandel« – so lautet die Fragestellung einer Zeugenbefragung, die am 28. Juni im Zentralinstitut für Kunstgeschichte in München stattfinden wird und Hoffnung macht, dass in unzähligen der grauenvoll verstaubten Bilderdepots endlich gelüftet und das Museum als Forum der Kommunikation neu erdacht wird.

In dieser Ausgabe
Pressestimmen zur Manifesta in Zürich (Seite 4). Fünf Jahre nach der geplanten Eröffnung wird weiter getrödelt: Guggenheim Abu Dhabi (Seite 6). Der Geburtstagswunsch in Frankfurt: Die Schirn als weitere MMK-Spielstätte (Seite 7)? Pressestimmen zur Art Basel (Seite 9). Martin Roth, London, verändert sich – von 2017 an gibt er den Präsidenten im Institut für Auslandsbeziehungen (Seite 9). Irritation: Egidio Marzona beschenkt Dresden (Seite 10). Helge Achenbach als Maler (Seite 12). Düsseldorf: Widerstand gegen die Tour de France (Seite 12). Markt-Check: Ryan Gander (Seite 15). Berlin: Gegenwind für Chris Dercon an der Volksbühne (Seite 20). Thomas Hirschhorn als Müll-Künstler in Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 605 – Editorial

Informationsdienst KUNST 605

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesen Berlin-Biennale- und Manifesta-Zürich-Tagen ist es so augenscheinlich wie selten zuvor: Der Kunstbetrieb hat sich mittlerweile gespalten, die Branche besteht aus zwei Szenen, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Was wir nämlich in Berlin und in Zürich beobachten können, ist nicht nur die Abkehr vom allmächtigen Kurator als Trendmacher und die damit einhergehende Hinwendung zum erweiterten Aufgabenfeld der Künstler, die nun selbst inszenieren und Ausstellungen im Kontext auch weniger bildnerischer Disziplinen verorten. Es geht in dieser nachrückenden Bewegung offensichtlich auch darum, an der Auflösung des klassischen Kunstbegriffs zu arbeiten.

Lauren Boyle vom in Berlin tätigen Künstler-Kollektiv DIS räumt ein, dass diese neunte Biennale beispielsweise Situationen bietet, wo der Besucher nicht weiß, ob er Kunst sieht oder die VIP-Lounge eines Immobilien-Hedgefonds. Von der Verunsicherung zur Abschaffung ist es nicht weit, zumal der Nachwuchs längst auf den Spuren von Jochen Gerz unterwegs ist, der bereits vor Jahrzehnten, damals noch einsam, in Interviews signalisierte, wohin der Weg führt: Schnurstracks weg vom Kunstwerk, das sich durch seinen Warenwert auszeichnet.

Gerz war es auch, der immer davor warnte, dass die früher gerne Aura genannte Werk-Qualität ins Abseits steuert. »Man will vor einem großen Bild stehen und sich klein fühlen«, so der Konzept-Artist, der Altmeister einer politischen Kunst im öffentlichen Raum: »In der Kunst findet ein verlässliches Maß an Repression statt«. Überträgt man den Ansatz auf die Art Basel, wo nun, in der kommenden Woche, wieder hemmungslos im großen Stil eingekauft wird, dann wird deutlich, dass dieser Messe-Markt nichts, aber auch gar nichts mit jener Entwicklung zu tun hat, die wir, forciert durch jüngere Künstler, unterstützt vor allem in den kommerziell weitgehend unverdorbenen Kunstvereinen, allerorten wahrnehmen können.

Keine Frage: Diese Welten verbindet nichts mehr. Hier die laute Warenwelt, der hochpreisige Auktionsmarkt, die Kunstmessen der Superlative, wo nur noch Umsätze zählen; dort die stille Atmosphäre auf Forschungsstätten-Niveau, wo Erkenntnis vor Erfolg steht, wo radikal infrage zu stellen ist, was andernorts dank immer neuer Preisrekorde bestätigt und weiter gesteigert wird. Ein Bruch, wie er tiefer nicht durch die Kunst-Familie gehen kann.

Dass man gleichwohl nicht bemüht sein muss, die Kluft zu überbrücken, die beiden Lager gar zu versöhnen, erklärt sich leicht: Die Branche ist in der Vergangenheit, etwa seit der Jahrtausendwende, derart gewachsen, so groß geworden, dass es zunächst und zu Gunsten eines besseren Überblicks sogar hilfreich ist, wenn jeweils eigene Wege eingeschlagen werden. Sollte es einer der beiden Gruppen (oder auch beiden) irgendwann zu langweilig werden, Jahr um Jahr im eigenen Saft zu schmoren, dann empfiehlt sich freilich die Kontakt-Aufnahme mit dem anderen Lager.

Es könnte dabei zu Überraschungen kommen. Während die gut gesättigte Markt-Fraktion, so die Prognose, merken könnte, dass ein Leben auf merkantiler Diät-Basis keinesfalls sinnlos ist, müssten die Künstler und Vermittler der Non-Profit-Abteilung spüren, dass die Vermarktung von Ideen nicht automatisch ihren Verrat bedeutet. Ergo: Nach dem Auseinandergehen folgt die Annäherung, Resultat eines Prozesses, der Zeit erfordert, viel Zeit. Denn noch tobt ein Teil der Verwandtschaft lustvoll über die Messen und durch die Auktionssäle, während der andere diese Orte bewusst meidet, um nach und nach auf unleugbare Schwächen des Systems mit alternativen Konzepten zu reagieren. Das stimmt hoffnungsvoll.

In dieser Ausgabe
Weiterer Erfolg für David Zwirner, New York, im Duell mit Larry Gagosian, weil William Egglestone die Galerie wechselt (Seite 7). Stuttgart: Neue Staatssekretärin in Baden-Württemberg ist Petra von Olschowski (Seite 8). Großartiger Dependance-Start in Berlin: Julia Stoschek (Seite 8). Barcelona: Videomesse LOOP nur noch mit einem Aussteller aus Deutschland (Seite 10). Nachfrage in Zürich, bei Victor Gisler: Wie entwickeln sich die Preise von John Baldessari (Seite 12)? Dauerleihgaben von Erich Marx für die Fondation Beyeler (Seite 12). Paris: Michel Houellebecq als bildender Künstler (Seite 13). Urban Contemporary Art: Ein neues Museum in Berlin (Seite 15). Müssen Galerien an der Digitalisierung teilnehmen (Seite 18)? Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 604 – Editorial

Informationsdienst KUNST 604

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, habe ich schon jemals einen Rücktritt gefordert? Wie auch immer: Jetzt ist es soweit. Sie werden mich gewiss sofort verstehen, wenn Sie wissen, was mich empört. Fakt ist: Ausgerechnet der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, zudem Direktor des Badischen Landesmuseums in Karlsruhe, meint der Öffentlichkeit mitteilen zu müssen, wie grauenvoll das Museum der Zukunft aussehen sollte. Ja, was Köhne, Jahrgang 1966, unbekümmert unter dem Deckmantel »gesellschaftlicher Akzeptanz« (in der »FAZ«, 19. Mai, Seite 11) proklamiert, ist nichts anderes als übelster Populismus, der ins Abseits gleitet.

Ich mochte es kaum glauben, aber der Museumsbund-Chef, der doch letztlich die Interessen der Kunst, der Kollegen und der in den Museen tätigen Wissenschaftler vertreten sollte, betreibt offenbar einen Ausverkauf des Museums, wie er schlimmer nicht kommen könnte. »Warum soll es nicht möglich sein, vielleicht zum siebzigsten Geburtstag mit den Gästen zusammen eine kleine Ausstellung zu kuratieren«, fragt der verspannt nach der Quote schielende Archäologe, »zum Beispiel könnte jedes Lebensjahr durch ein Objekt repräsentiert werden.« Hinz und Kunz also als Museumskuratoren, die ohnehin vom notwendigen Eventgeschäft geplagten Orte der Forschung und der Kunstpflege letztlich als Ringelpiez-Veranstaltungsplätze für die ganze Familie, für jedermann, der sich als Kurator einkaufen möchte, um hinterher zu behaupten, er habe im Museum Soundso die Ausstellung »Ludwig 70« konzipiert und realisiert?

Mit Verlaub: Das ist Verrat an der Kunst, an der Institution Museum, das ist skandalös und gehört geahndet. Meines Erachtens sollten die im Deutschen Museumsbund organisierten Museumsdirektoren schleunigst dafür sorgen, dass Köhne, bislang im Wesentlichen ein Schweiger, fortan keine Chance mehr bekommt, in offizieller Mission einen solchen ungeheuer naiv wirkenden Blödsinn zu verbreiten. Es kann doch nicht angehen, dass die ganze Gilde bemüht ist, den zunehmenden wirtschaftlichen Druck abzuwehren, die öffentliche Hand immer wieder an die ureigenen Aufgaben des Museums zu erinnern, während dieser Offizielle solchen Gedankenmüll von sich gibt – und auf »FAZ«-Nachfrage (von Julia Voss) die prekäre Lage noch nicht mal erkennt, in die er sich gerade ohne Not katapultiert hatte. Es ginge nur darum, eindeutig klarzumachen, welche Ausstellungen im Haus von den Profis und welche von den Bürgern oder Schulklassen inszeniert seien, legte Köhne nach.

Um Gottes willen: Schickt diesen Traumtänzer nach Hause! So schnell wie möglich. Allein wie er wiederholt davon faselt, dass Museumsbesucher als »Nutzer« zu sehen seien und ihnen Objekte »in die Hände« gegeben werden sollten – selten hat sich ein Branchen-Insider auf fünf Zeitungsspalten derart entlarvt. Echte Visionen hat Köhne leider keine, obgleich er das Amt bereits seit zwei Jahren wahrnimmt, aber im Gegenzug so viele atemberaubend dämliche Vorschläge für die museale Praxis, dass selbst bei Laien im Kunstbetrieb sofort der Alarm schrillt, wenn sie dieses Interview lesen. Einzig der allererste Satz überzeugt: »Museen müssen sich ernsthaft damit beschäftigen, wie sie sich neu erfinden«. Wohl wahr, aber eben gewiss nicht auf Köhnes Schmalspur. Die führt schnurstracks zum Tod der Institution.

In dieser Ausgabe
Das Museum als Kloster? Carolyn Christov-Bakargiev denkt nach (Seite 4). Kulturgutschutzgesetz: Antworten auf Harald Falckenbergs Berechnungen (Seite 5). Aus für die Biennale Prag (Seite 8). Elmgreen & Dragset träumen vom Umzug der Istanbul-Biennale nach Berlin-Neukölln (Seite 9). Anhaltende Unruhe: Personeller Umbruch an der Kunstakademie Düsseldorf (Seite 11). Goldenes Klo von Maurizio Cattelan fürs New Yorker Guggenheim Museum (Seite 12). Warum Christo sein jüngstes Projekt in Italien realisiert (Seite 15). Georg Kargl und seine Familiengeschichte (Seite 15). Generalprobe der Venedig-Biennale-Kuratorin Christine Macel in München (Seite 18). Auf dem Vormarsch: Die Google Art Camera (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 603 – Editorial

Informationsdienst KUNST 603

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich geht es nicht um 25 000 Quadratmeter Farbanstrich, um 4000 Quadratmeter Depotschiebewände oder um 160 Bauschutt-Container, die abgefahren wurden, wenn sich die Hamburger Kunsthalle nach knapp zweijähriger Sanierungszeit selbst feiert. Die radikale Verjüngungskur, zweifelsfrei überfällig, will vor allem unter einem Aspekt betrachtet werden, der meines Erachtens in der überwiegend begeisterten Tagespresse viel zu kurz kam. Es geht im Zuge dieser gelungenen Modernisierung (deutlichstes Zeichen: der nach 100 Jahren wieder geöffnete Haupteingang am Gründungsbau) vor allem um die Frage der Finanzierung und damit um die Haltung des Staates zu seinen Museen.

Keinesfalls soll das Engagement der Familie Otto geschmälert werden, ihr gehört höchste Anerkennung, gab sie doch immerhin über die von Dorit und Alexander Otto eingerichtete Stiftung sage und schreibe 15 Millionen Euro als Sachspende für Planung und Bau-Leistung aus, und ihr Unternehmen ECE ermöglicht bis Ende des Monats für alle Besucher den kostenfreien Zugang zur Kunsthalle, die auch in Bezug auf ihre Sammlungspräsentation tüchtig auf Vordermann gebracht wurde. Doch es bleibt ein Unbehagen, wenn man sich verdeutlicht, dass die öffentliche Hand nur noch ein Drittel der Gesamtkosten trägt, zwei Drittel also aus privater Quelle kommen. Amerikanische Verhältnisse quasi.

Als ich während der offiziellen Eröffnung die drei Redner hörte, nämlich den künstlerischen Direktor der Kunsthalle, den Ersten Bürgermeister und eben Alexander Otto, den Unternehmer, kam es mir vorübergehend so vor, als habe der Mäzen oder Sponsor längst die Regie übernommen. Natürlich ist es völlig in Ordnung, wenn ein Veranstaltungssaal in der umgebauten Kunsthalle nun nach dem 2011 gestorbenen Familien-Oberhaupt Werner Otto benannt wird; natürlich kann es keinen Einwand geben, wenn Alexander Otto, dynamisch, ans Rednerpult tritt und sich den durchaus verdienten Beifall der hanseatischen VIPs und zahlreich vertretener Museumsdirektoren aus ganz Deutschland abholt. Doch, wie immer, die Atmosphäre macht’s, die Zwischentöne sind es, die nachdenklich stimmen.

Lassen wir uns nicht von geräuchertem Eichen-Parkett und von freigelegten historischen Terrazzo-Böden sowie von frisch gestrichenen Wänden und einem lichtdurchfluteten Foyer blenden: Die neue »Lichtwark-Galerie«, so heißt nun die Zusammenlegung von Alt- und Erweiterungsbau offiziell, das Gegenüber der Galerie der Galerie, ist zugleich ein Problemfall, weil das geschätzte Bürger-Engagement ein Ausmaß angenommen hat, das gefährlich ist. Es kommt nicht von ungefähr, dass in Hamburg, norddeutsch trocken, bereits von der »Otto-Galerie« gesprochen wird. Caspar David Friedrich und Philipp Otto (sic!) Runge in der Otto-Galerie – das klingt nicht nur befremdlich, unromantisch, das ist es letztlich auch. Können wir bitte, aus Sicherheitsgründen, die Verhältnisse wieder umdrehen? Zwei Drittel Einsatz des Staates, maximal ein Drittel aus privater Hand, wenn es um die Zukunft unserer Museen geht.

In dieser Ausgabe
Abschied mit Beuys – Eugen Blume wechselt in den Ruhestand (Seite 6). »Say no to TTIP« – Protest der Kulturszene (Seite 8). Bundestagsabgeordneter Rüdiger Kruse, Hamburg, Kulturförderer, muss zu Hause ums Mandat kämpfen (Seite 8). Paul Klee: Kein Meister der Farbe (Seite 9)? François Pinault plant ein Museum in Paris (Seite 10). Frankfurt: Ina Hartwig als neue Kulturdezernentin (Seite 11). Der Kunstbetrieb und die »Panama Papers« (Seite 13). Schau der Superlative: Raymond Pettibon in Hamburg (Seite 15). Millionenschaden: Brand im Haus von Rosemarie Trockel, Köln (Seite 17). Noch unterbewertet: Johannes Grützke (Seite 19). Gutachten in Sachen Museum Morsbroich im Zwielicht (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 602 – Editorial

Informationsdienst KUNST 602

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zugegeben: Ich hatte vor Tagen um ein kurzes Statement gebeten. Dass dieses Feedback aus der Zentrale der Deutschen Bank in Frankfurt allerdings so knapp ausfallen könnte, damit war nicht zu rechnen. Womöglich musste Frank Hartmann, der Pressemann, einmal darüber schlafen oder sich mit dem Vorstand abstimmen, aber nach 24 Stunden hieß es kurz und bündig: »Die Deutsche Bank finanziert Kunstkäufe nicht über Kredite«. Erstaunlich also, dass der TEFAF-»Art Market Report« (siehe ID 600) von 500 000 Erwerbungen berichtet, die kreditfinanziert stattfinden sollen. Ein offenbar zunehmendes Phänomen, wie sich auch in zahlreichen Hintergrund-Gesprächen herausstellt, das freilich erste Alarmzeichen gibt. Denn die Pump-Käufe verweisen – wie an jeder Börse – auf eine wachsende Spekulationsblase.

Sie passt durchaus zur Beobachtung, dass im zweiten Halbjahr 2015 in Amerikas Auktionshäusern bereits gedämpfte Stimmung herrschte. Sie wurde nicht zuletzt durch die Chinesen ausgelöst, deren Wirtschaftszahlen bekanntlich mit Vorsicht zu rezipieren sind. Sie haben im vergangenen Jahr den Rückgang der Umsatzzahlen im weltweiten Kunsthandel um fast zehn Prozent verursacht, weil es im Reich der Mitte längst nicht mehr so gut läuft, wie man dort, quasi auf Befehl von oben, gerne vorgibt. Der 70-Milliarden-Dollar-Markt Kunst wird schließlich nicht von wahren Kunstfreunden möglich gemacht, sondern vorrangig von Investoren, die andere Anlage-Bereiche längst erobert und teils schon wieder abgeschrieben haben.

Diese Investoren oder, sagen wir es ruhig unfein, diese Spekulanten sichern der Branche zwar ein gutes Einkommen, allemal das Überleben, doch letztlich, volkswirtschaftlich gesehen, entziehen sie dem Markt die solide Geschäftsbasis, die Zukunft. »Mit Krediten finanziert man Investitionen. Kauft man Kunst mit einem Darlehen, dann kauft man sie, um sie zu verkaufen«, sagt Christian Boros auf Anfrage dazu, »das ist für mich als Sammler sehr abwegig, denn ich will ja behalten.« Und zu den Banken meint Boros: »Als die Kunstszene bis vor zehn Jahren noch von Sammlern bestimmt war, die nicht verkauft haben, sondern ansammelten, waren die Banken nicht interessiert. Heute sind im Kunstmarkt viele Investoren und Spekulanten vertreten. Da sind dann auch sofort die Banken in der Nähe, die was verstehen vom An- und Verkauf.«

In der Tat: Mag auch das offizielle Statement der seit langem angeschlagenen Deutschen Bank verkünden, dass man Kunstkäufe nicht über Kredite finanziere, die Praxis der Filialen sieht völlig anders aus. Ich habe die Probe aufs Exempel gemacht und meinen persönlichen Sachbearbeiter des Unternehmens gefragt, ob er mir, für einen angeblich angedachten Kunstkauf auf der Art Cologne im Wert von 500 000 bis 800 000 Euro, einen Kredit mit kurzfristiger Laufzeit (»halbes Jahr, maximal ein Jahr«) einräumen könne. Seine Antwort: »Wir stehen Ihnen natürlich sehr gerne für eine Finanzierung zur Verfügung, allerdings können wir leider Kunst nicht als Sicherheit hereinnehmen.«

In diesem Sinne antwortete ebenfalls mein Commerzbank-Berater: »Natürlich finanzieren wir auch Ankäufe von Kunst«, aber trotz meiner Kompetenz in der Sache, so seine Antwort, »wird das Kunstwerk allein als Sicherheit nicht akzeptiert«. Meine Geschäftskunden-Betreuerin bei der HypoVereinsbank zögerte nicht lange und fügte in der E-Mail-Anlage gleich zwei Antragsformulare bei: Kreditvergabe ja, aber Sicherungsübereignung des Kunstgegenstandes nein. Ergo: Zwar Rückgriff auf Ersatzsicherheiten in allen drei angesprochenen Geldhäusern, doch Kreditvergabe für Kunst (wider das offizielle Presse-Statement der Deutschen Bank) durchaus gerne. Fazit: Die Banken machen Kunst-Kreditgeschäfte, aber der Währung Kunst vertrauen sie nach wie vor nicht, kein bisschen. Das muss man wissen, wenn sie sich als Sponsoren feiern lassen.

P.S.: Weil ich in den vergangenen Tagen so oft nach meiner Meinung in Bezug auf die Affäre Böhmermann gefragt wurde, möchte ich dazu gerne zwei Sätzchen öffentlich machen. Natürlich sollte man als aufrechter Demokrat für die Kunstfreiheit kämpfen und folglich mit dem TV-Satiriker solidarisch sein. Aber es ärgert mich, dass dieser unumgängliche Einsatz auf dem unsäglich niedrigen »Ziegenficker«-Niveau stattfinden muss, als hätte die Welt keine anderen Probleme zu bewältigen.

In dieser Ausgabe
Das geplante Ausstellungsprojekt Cornelius Gurlitt wurde in Bern und in Bonn auf Eis gelegt (Seite 2). Michel Houllebecq als bildender Künstler auf der Manifesta vertreten (Seite 5). Handtuch geworfen: Art Brussels fortan ohne Katerina Gregos (Seite 8). Weiteres Trauerspiel in NRW, diesmal in Neuss: Schenkung abgelehnt (Seite 10). Linde Rohr-Bongards »Kunstkompass« wieder heimatlos (Seite 12). Frankfurt: Hollein-Nachfolger dringend gesucht (Seite 14). Begräbnis zweiter Klasse: Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin (Seite 17). Viennafair: Betreiber Wolfgang Pelz gibt auf (Seite 18). Mannheim entsorgt ein Werk von Otto Herbert Hajek (Seite 21). Miserabel inszeniert: Genzken-Schau in Berlin (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 601 – Editorial

Informationsdienst KUNST 601

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es mögen die überraschend in den Umlauf gekommenen Panama Papers gewesen sein, die mich in der vergangenen Woche erneut für ein Thema sensibilisierten, das ich seit Monaten beobachte, weil es zunehmend in vertraulichen Gesprächen aufkommt – und mittlerweile längst auch die Öffentlichkeit und vor allem die Politik erreicht hat. Es ist noch nicht lange her, als mich eine bekannte Persönlichkeit in kleiner Runde in den Zeugenstand nahm: Ich möge doch als Branchen-Intimkenner bitte mal sagen, wie sehr der Kunstmarkt aus Schwarzgeld-Quellen gespeist wird.

Natürlich ist es auf Bundes- und Länderebenen kein Geheimnis, dass Millionen-Umsätze mit Bildern gemacht werden, die die Ateliers verlassen, in keiner Buchhaltung auftauchen und unzähligen Sammlern oder Spekulanten die Chance geben, unversteuertes Geld unterzubringen. Dass das dem Staat, allen voran den Finanzministerien, aber eben auch den Kultur- und Justiz-Ressorts, reichlich Kopfzerbrechen bereiten muss, leuchtet ein, weil es im Panama-Sog von Ungleichheit, Ungerechtigkeit und Riesen-Löchern im Fiskalsystem zeugt. Eher rührend die aktuellen Versuche der Europäischen Zentralbank, die Einziehung von 600 Millionen 500-Euro-Scheinen zu planen, um den Geldwäschern das Handwerk zu legen.

Dass das Grauzonen-Thema derzeit keimt und sich dazu eine größere Debatte anbahnt, wie mir scheint, dürfte nicht zuletzt mit einer Buch-Veröffentlichung der Schweizer Anwältin Monika Roth zu tun haben, die längst auch zur Lektüre durch deutsche Ministerien und Amtsstuben wandert: In »Wir betreten den Kunstmarkt« (Dike Verlag, Zürich) geht’s um Korruptionsgeld und Steuerflucht, und Monika Roth wird demnächst in England eine weitere Publikation veröffentlichen, in der sie sage und schreibe knapp 50 Faktoren nennen möchte, warum sich besonders der Kunstmarkt für die Geldwäscherei eignet. Dabei beschränkt sich die Autorin nicht nur auf die auch durch die zehn Zollfreilager begünstigte Situation in der Schweiz, sondern sieht den internationalen Kontext.

Hinweise dieser Art, früher eher hinter vorgehaltener Hand gegeben, werden mittlerweile in der Szene offen ausgesprochen und in den Medien mit einer erstaunlichen Selbstverständlichkeit kommuniziert. »Das Wirtschaftsgeld, das in die Kunst gesteckt wird«, schrieb Swantje Karich am 6. April in der »Welt«, »ist in den seltensten Fällen sauber.« Überall adäquate Anmerkungen, seit Jahren schon, jetzt aber neu in Erinnerung gerufen: Im Herbst 1990, als der Kunstmarkt wieder einmal einen vorübergehenden Einbruch erlebte, sei aufgedeckt worden, wie dieser überhitzte Markt »als Bank für schwarze Konten, als Schattenwährung bei Cash-Transaktionen, als Medium der Geldwäsche, als transportables Zweitvermögen missbraucht werden kann«, so Christian Herchenröder.

Wer bei Wikipedia den Begriff Kunstmarkt eingibt, erfährt unter anderem: »Steuerflucht und Geldwäsche sind häufig«, und auch die Autoritäten unserer Branche, Max Hollein etwa, der dazu einst in seiner Magister-Arbeit »Zeitgenössische Kunst und Kunstmarktboom« Stellung nahm, lassen keinen Zweifel aufkommen: Schwarzgeld unterschiedlicher Herkunft, so heißt es auf Seite 30, wird durch den Ankauf von Kunstgegenständen reingewaschen. »Eine Soziologie des Kunsthandels«, meinte schon vor knapp 25 Jahren der kurz danach gestorbene Wolfgang Max Faust, »kann nur jemand schreiben, der sich im Steuer- und im Strafrecht auskennt.«

Alles in allem: Wenn das früher diskret behandelte Schwarzgeld-Geschäft im Kunstmarkt mittlerweile allerorten aufgegriffen wird, wenn es eine derart rasante Geschwindigkeit in der öffentlichen Diskussion einnimmt, dann darf sich meines Erachtens niemand wundern, dass die Politik darüber brütet, wie sie das dem Staat bislang entweichende Geld kassieren kann. Von der Abschaffung des 500-Euro-Scheins bis zur bereits geforderten Obergrenze für Bargeldzahlungen gibt es erste Anzeichen einer aufkommenden Korrektur, noch eher unsicher, hilflos wirkend, doch das wird sich gewiss bald ändern – zumal in Berlin längst kolportiert wird, dass der Bundesfinanzminister, der geniale Rechenmeister der Nation, jetzt den Kunstbetrieb im Visier hat.

Nach den oft zitierten Hürden für den Handel, etwa Folgerecht, Künstlersozialkasse, Mehrwertsteuer und Kulturgutschutzgesetz, nun also noch eine enger gefasste Lex Geldwäsche. Nachvollziehbar, dass so mancher Galerist über Abwanderung und/oder Firmenaufgabe nachdenkt. Seiner ins Familien-Unternehmen einsteigenden Tochter habe er empfohlen, sich beruflich doch besser anders zu orientieren, sagte mir kürzlich ein prominenter Händler. Es bleibe keine Luft mehr zum Atmen.

In dieser Ausgabe
Kein Ende der Prozesslawine in Sachen Helge Achenbach (Seite 4). Kulturgutschutzgesetz: Negativtest in der Diskussion (Seite 5). Lust am Ausverkauf: Der WDR lässt seine Kunst im Ausland verhökern (Seite 8). Österreich tritt in Venedig, Biennale 2017, mit bewährten Kräften an (Seite 9). Freundschaftsdienste auf YouTube zur Eröffnung des erweiterten Kunstmuseums Basel (Seite 10). Mehr Stiftungen, mehr Kontrollen durch die Aufsichtsbehörden (Seite 12). Das Aus fürs Essl Museum (Seite 13). Skepsis in Athen: documenta 14 (Seite 15). Düsseldorf: Rückzug von E.ON aus dem Museum Kunstpalast (Seite 17). Köln: Art Cologne mit Nudisten-Führungen (Seite 20). Den Haag: Diesmal kein Vincent Award (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 600 – Editorial

Informationsdienst KUNST 600

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, eine Hängepartie, nach wie vor. Vor über einem Jahr wurde von Alan Philipp und Gerald G. Stiebel, beide Verwandte von Kunsthändlern, in Washington D.C. eine Zivilklage gegen die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) und die Bundesrepublik Deutschland eingereicht, weil sich die Anspruchsteller als Erben einiger Firmen sehen, die einst zu jenem Konsortium gehörten, das 1935 den Welfenschatz verkaufte. Über vier Millionen Reichsmark wurden damals gezahlt, und der mittelalterliche Kirchen-Schatz, bestehend aus knapp 50 Werken (ursprünglich waren es 82), befindet sich heute im Besitz der SPK, die ihn im Kunstgewerbemuseum der Staatlichen Museen zu Berlin verwahrt. Unberechtigt, wie Philipp und Stiebel meinen. Von Raubkunst ist in ihrer Klage die Rede, obgleich die Beratende Kommission unter Leitung der ehemaligen Verfassungsrichterin Jutta Limbach 2014 unmissverständlich feststellte, dass es sich in diesem Fall um keinen Zwangsverkauf handelt, wie behauptet wird.

Deutschland hat in der Vergangenheit wiederholt bewiesen, wie verantwortungsvoll in Fragen der Restitution reagiert wird, wie ernst man hierzulande die Washingtoner Erklärung nimmt. Nachgewiesener verfolgungsbedingter Entzug von Eigentum durch die Nazis wurde stets mit der Rückgabe der Kunstwerke beantwortet, mitunter war sogar vorauseilender Gehorsam im Restitutionsprocedere auszumachen. So stehen die amerikanischen Kläger und Anwälte auf dünnem Eis, wenn sie – wie auch im Kontext der aktuellen Juan Gris-Auseinandersetzung (siehe ID 599, Seite 1) – den Eindruck erwecken wollen, die Bundesrepublik versuche über ihre Limbach-Kommission (und die dort bislang fehlende jüdische Persönlichkeit) Unrecht zu decken.

Die anhaltende und nun dank Philipp und Stiebel erneut aufflammende Welfenschatz-Debatte will freilich zudem vor politischem und juristischem Hintergrund gesehen werden. Erstens: Die Amerikaner haben im Zuge ihrer Außenpolitik immer wieder darauf hingewiesen, dass interne Restitutionsprozesse zu befürworten seien. Das bedeutet: Die Staaten mögen Konflikte wegen Eigentumsverlusten in der NS-Zeit innerhalb ihrer Ländergrenzen lösen. Zweitens: Amerikanisches Recht sieht vor, dass Klagen abgewiesen werden, wenn sie andernorts sachgerechter und preisgünstiger geführt werden können, wenn obendrein das öffentliche Interesse dort stärker wirkt. All das trifft zu – zumal sämtliche Unterlagen und Beweismittel zum Verfahren in deutscher Sprache vorliegen und sich in der Bundesrepublik befinden.

Vorausgesetzt, die von der SPK beantragte Klageabweisung greift in Washington, was dann? Wie wird ein deutsches Gericht mit der Rückgabe-Forderung umgehen, wie die Argumente beider Parteien bewerten? Es könnte durchaus sein, dass die Bundesrepublik Deutschland und ihre Stiftung Preußischer Kulturbesitz zwar in Amerika einen Procedere-Erfolg verbuchen, doch im eigentlichen Verfahren die schlechteren Karten haben und am Ende in die Situation gebracht werden, den Welfenschatz quasi ein zweites Mal zu erwerben. Denn es ist keinesfalls gesagt, dass die Limbach-Einschätzung vom ordentlichen Gericht geteilt wird.

Ein wesentlicher Aspekt ist dabei voraussichtlich die Tatsache, dass jene 1935 gezahlten vier Millionen weit von den 23 Millionen Reichsmark entfernt sind, die sich anhand der historischen Dokumente als Schätzpreis ausmachen lassen. Und noch etwas könnte sich nachteilig für die SPK auswirken: Der Welfenschatz wurde erst am 6. Februar 2015, mithin im Monat der Klage-Einreichung durch Philipp und Stiebel, als national wertvolles Kulturgut eingetragen. Zufall oder nicht? Auf jeden Fall ist somit jegliche Ausfuhr aus Deutschland, auch eine vorübergehende zu Ausstellungszwecken, nur noch mit ausdrücklicher Genehmigung durch die Kulturstaatsministerin möglich. Ergo: Das Welfen-Geschäftliche findet gegebenenfalls hierzulande statt, zu deutschen Preisen.

In dieser Ausgabe
Wie aus dem Führungstrio ein Intendanten-Quartett am Berliner Humboldt-Forum wurde (Seite 4). Mit Vorsicht zu genießen: Der »Art Market Report« aus Maastricht, im Auftrag der TEFAF (Seite 6). Großeinsatz für Anselm Kiefer: Die Sammler Christine und Andrew Hall (Seite 7). Rehabilitiert: Frankfurts Weltkulturen-Museumsdirektorin Clémentine Deliss (Seite 10). Das Land Hessen übernimmt die Städelschule vollständig (Seite 11). Mehr Transparenz: Der neue Verband Kunstmarkt Schweiz (Seite 14). International tut sich der Wiener Aktionismus schwer (Seite 15). Kulturgutschutzgesetz: Wie rechnen, wo sind die Zahlen (Seite 19)? Deutschlands Museen öffnen ihr WLAN (Seite 20). Markt-Preise für Jimmie Durham (Seite 22). Impressum (Seite 25).