Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Belinda Grace Gardner, Andrea Hilgenstock, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid, Bernhard Schulz und Claudia Steinberg

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 721 – Editorial

Informationsdienst KUNST 721

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, bis vor kurzem dachte man, dass Städtewettkämpfe heutzutage kein Thema mehr sein können. Hinlänglich bekannt, wie früher gefightet wurde, wie im Rheinland, von Köln aus, verächtlich nach Düsseldorf geschaut wurde, wie im Gegenzug in den Altbierkneipen der Landeshauptstadt gelästert wurde, ging es um Kölle und Kölsch. Auch die Akademie-Scharmützel im Osten, nämlich in Dresden und Leipzig, sind unvergessen, und in Baden-Württemberg gab es so manches Duell auf der Achse Karlsruhe/Stuttgart. Oder in Bayern, dank Nürnberg/München. Eigentlich Schnee von gestern.

Eigentlich. Denn derzeit flammt vielerorts etwas auf, was an jene teils Jahrzehnte zurückliegenden Geplänkel denken lässt. Das augenscheinlichste Beispiel stammt aus Frankfurt am Main, wie die Titelstory dieser Branchenbrief-Ausgabe kommuniziert. Dort schielt man nach Wien, nimmt Maß, wenn man die eigene Reputation aufwerten will, sich stärker ins Gespräch bringen will. Public Relation, Marketing, Masterplan, dieses Feeling oder jenes, immer in Abgrenzung zu echten und vermeintlichen Mitbewerbern, als ginge es primär nur darum, den Städte-Tourismus neu zu eigenen Gunsten anzukurbeln. Corona und die Folgen?

Womöglich. Denn Frankfurt hat an seinem Museumsufer viel zu bieten, muss sich wirklich nicht verstecken. Aber vielleicht geht es schlichtweg darum, dass die sogenannte Tourismusabgabe, die etliche Millionen in den Stadtsäckel schwemmt, verpulvert werden muss. »Werbung für alle«, wo einst dank Hilmar Hoffmann, dem legendärsten deutschen Kulturdezernenten einer Großstadt, »Kultur für alle« proklamiert wurde. Der jüngste Trend zur Image-Vermarktung der Kommunen passt freilich in die Zeit, weil auf der Bund-Länder-Schiene viel gewirbelt und auch verordnet wird, Beispiel Merkels sonderbares Krisen-Kabinett, was letztlich kommunal umgesetzt werden muss.

Zu Recht erinnerte Kulturrat-Chef Olaf Zimmermann vor kurzem an die exakt 50 Jahre zurückliegende Hauptversammlung des Deutschen Städtetags. Im Sog von Mitscherlichs »Unwirtlichkeit der Städte« wurde damals eine Rettungsaktion der Kommunen angezettelt, weil man allerorten Defizite ausmachte, darunter auch die unzureichende Finanzierung. Bedenkt man nun, dass sich im Moment überall, nicht nur in München, wie im ID 717, Seite 22, knapp berichtet, der Sparfuchs in die Rathäuser schleicht und den Rotstift für 2022 tanzen lässt, dann wird einem angst und bange, was das für die Kultur bedeutet. Dass sie im Streichkonzert der Kämmerer zuerst auf der Strecke bleiben könnte, das steht zu befürchten, das gilt es zu verhindern. Notfalls auch durch Umlenkung der Tourismusabgaben.

In dieser Ausgabe: Der Vatikan und die Abstandsregeln (Seite 4). Klaus Biesenbach in Los Angeles, MOCA (Seite 6). Der Deutsche Museumsbund und die Kontakt-Nachverfolgung (Seite 7). Maria Eichhorn in Venedig, Biennale (Seite 7). Neue Museen in Washington, Smithsonian (Seite 9). Sand im Getriebe: Kunsthandel in London (Seite 10). Moral im Spiel: Rechtsstreit mit den Hohenzollern (Seite 12). iPhone vonnöten: Clubhouse (Seite 13). Lockdown-Protest der Basler Museumsdirektoren (Seite 15). Auktionshaus-Attacke der Galerie Wilmsen (Seite 16). Personal-Karussell auf der Insel Hombroich (Seite 16). Konzertierte Aktion der Kulturzeitschriften-Verlage (Seite 19). Preis-Check: Gilbert & George (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 720 – Editorial

Informationsdienst KUNST 720

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wie zu Kaisers Zeiten: Im Auswärtigen Amt in Berlin, so hieß die Institution schon damals, wird Außenpolitik gemacht, und als vor drei Jahren unter den drei Staatsministern, die Heiko Maas als Außenminister behilflich sind, auch die mittlerweile 40-jährige Sozialdemokratin Michelle Müntefering auftauchte, war man geneigt, die Personalie zu begrüßen. Denn Müntefering, gelernte Kinderpflegerin, studierte Journalistin, seit über zehn Jahren mit dem ehemaligen Vizekanzler Franz Müntefering verheiratet, sollte sich speziell um auswärtige Kulturpolitik kümmern.

Freilich durfte man sich 2018 fragen, was die Bundesregierung plant, wenn sie, nun sauber von den zahlreichen inländischen (Grütters-)Aktivitäten getrennt und auch nach außen wirkungsvoll inszeniert, eine prominente Bundestagsabgeordnete zum Einsatz bringt. Spätestens 2020, im Rahmen der deutschen EU-Ratspräsidentschaft, hätte man eine Müntefering-Offensive vermutet. Indes: Allein die dürftige Rede vom 1. September 2020 zeigte, dass diese Staatsministerin völlig überfordert ist. Dass wir »für eine lebendige Demokratie die Kultur brauchen«, dass »Kulturpolitik Gesellschaftspolitik« sei – drei Seiten heiße Luft, mehr nicht.

So geht das nun Jahr für Jahr, ohne das letztlich klar würde, was die Staatsministerin, die immerhin über einen satten Milliarden-Etat verfügt, eigentlich unter auswärtiger Kulturpolitik versteht, was sie treibt, was in diesem Büro passiert (zumal sie von Andreas Görgen und der Abteilung 6 durchaus kompetente Unterstützung bekommen könnte). Das altbewährte Goethe-Institut-Programm lesen? Oder DAAD-Mittelbeschaffung? Gar »Friedensarbeit«, wie sich Müntefering Ende 2019 auf ihre Agenda schrieb? Reisevorbereitungen? Als sie einmal nach Moskau flog, um einen stellvertretenden Minister der Russischen Föderation zu treffen, erhielt sie nach eigenen Angaben »interessante Einblicke in einen vibrierenden und dynamischen Wachstumsbereich«; gemeint war die russische Kreativwirtschaft.

Das Mitleid packt den Beobachter, wenn man sich im Auswärtigen Amt (wo insgesamt und somit weltweit über 11 000 Mitarbeiter tätig sind) schlau macht, wer Michelle Müntefering ist, was sie leistet. Wohlwollend wissen Informanten, dass sie, die ministeriell geadelte Autorin, laufend Grußworte verfasse, dass sie zur Eröffnung des »Indian Design Summit« aktiv geworden sei, dass sie anlässlich der Preisverleihung »Europa im Film« cineastisch eingestimmt habe, dass sie auch für »Young People Remember« ein paar Sätze spendierte.

Mit Verlaub: Das reicht nicht. Eine Staatsministerin sollte in ihrem Zuständigkeitsbereich, also Internationale Kulturpolitik, einzigartige und innovativ geprägte Signale geben und entsprechende Weichen stellen. Viel Zeit, es besser zu machen, bleibt Müntefering nicht. Im September findet die Bundestagswahl statt – und dann gibt’s voraussichtlich eine neue Regierung, ohne Sozialdemokraten.

In dieser Ausgabe: Fortan ist Udo Kittelmann als künstlerischer Leiter im Museum Frieder Burda tätig (Seite 2). Sterberaum light – von Gregor Schneider im Staatstheater Darmstadt (Seite 4). Erfolg für Monika Grütters – eine weitere Neustart-Milliarde für die Kultur (Seite 5). Brexit und die Folgen (Seite 6). Museen und Impf-Privilegien (Seite 7). Nachlass-Chaos: Streit um Franz West entschieden (Seite 10). Wunsch-Erfüllung: Helga de Alvear hat ihr Museum erweitert (Seite 11). Krisen-Gespräche: Walter Smerling im Dauereinsatz (Seite 12). Die Galerie Gmurzynska wehrt sich (Seite 14). Gabi Czöppan vertut sich (Seite 15). Ludwig von Pufendorf meldet sich (Seite 20). Preis-Check: Joseph Beuys (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 719 – Editorial

Informationsdienst KUNST 719

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, einer meiner ehemaligen Professorenkollegen der Akademie in Nürnberg, Karlheinz Lüdeking, schrieb vor einigen Tagen in der »FAZ« über Adolf Loos, und sein Schlusssatz beschäftigt mich immer noch. »Systemrelevant wird die Kunst erst dann, wenn sie den Eindruck erweckt, nicht systemrelevant zu sein« – so der Kunsttheoretiker im Kontext seiner These, dass die Kunst eine bessere Welt verspreche und damit die Gewissheit lindere, »dass diese doch nie kommen wird«.

Einhundertfünfzig Jahre nach der Geburt von Loos haben solche Gedanken eine verblüffende Aktualität, weil alle, mehr aussichtslos als hoffnungsvoll, in der geistigen Corona-Tunke dümpeln, weitgehend anregungsfrei eher verblöden als erleuchtet aufsteigen. Schock-Starre, Schmalspur-Denken, Werk-Blockade – nix los, ob Loos oder Fest.

Apropos Fest, Joachim Fest, einst »FAZ«-Feuilleton-Chef, als ich dort meine ersten Kritiken veröffentlichen durfte: Der vor 15 Jahren gestorbene (Kunst-)Historiker, ein echter Schreibtisch-Täter, sprach gerne vom »Auftrittsvergnügen«. Das beobachtete er über ein Vierteljahrhundert lang beim exzentrischen Zeichner Horst Janssen, mit dem er freundschaftlich verbunden war; das galt aber auch für ihn selbst. Fest, der in jungen Jahren für den RIAS Berlin und den NDR gearbeitet hatte, trat zeitlebens gerne an die Rampe, um als konservativer Intellektueller mit einem Hang zur mentalen Ausschweifung (seine Gespräche mit Ulrike Meinhof!) sendungsbewusst zu kommunizieren.

Ich frage mich, was Janssen und Fest, aber auch andere, jüngere Helden der Kultur, ob Kippenberger oder Schlingensief, heute tun würden, wenn sie auf Rampen und Kneipen sowie auf Museen und Theater verzichten sollten, wenn sie ohne Nacht- und Kulturleben durch diese Pandemie-Zeit kommen müssten. Das Digitale, so behaupte ich, wäre kein Ersatz. Das Schmoren im eigenen Denkstuben- oder Werkstatt-Morast kein dauerhaftes Vergnügen.

Denn die Auftritte sind es doch, und das in allen Disziplinen, die das Echo liefern, um die eigene Arbeit voranzutreiben, fortzuführen. Im Gegenzug: Untergang, wo sich der Geist nicht über den Körper äußern kann, wo die Performance notgedrungen fehlen muss. Tausende von Künstlern und Vermittlern, sind wir doch mal ehrlich, zweifeln in diesen immer wieder neu einsetzenden Quarantäne-Phasen an ihrem Beruf, an ihrer Berufung, an sich selbst, letztlich am Leben. Ein Trauerspiel.

Wenig tröstend, wenn Lüdeking, gewiss gut gemeint, zwischen den Zeilen rät, Systemrelevanz in aller Stille anzustreben. Nein, liebe Leser: Allmählich reicht’s. Schluss mit unserer Geduld. Laut werden! »Öffnet die Museen« – haben Susanne Gaensheimer und Julia Stoschek unisono in der »Süddeutschen« (18. Januar) gefordert. Nicht ohne nachdrücklich darauf hinzuweisen, dass Kunstorte Rettungsinseln sein können, die diese Gesellschaft gerade jetzt dringend braucht.

In dieser Ausgabe: Allein der Louvre beklagt für 2020 einen Verlust in Höhe von 90 Millionen Euro (Seite 2). Die Art Basel wird erneut verschoben (Seite 3). Das Städel Museum arbeitet an seiner Zukunftssicherung (Seite 5). »Niemals nie sagen«: Ernst-Christoph Stolper, Die Grünen, und die Kultur (Seite 7). »Mangel an Diversität«: Naomi Beckwith übernimmt Spector-Stelle am Guggenheim (Seite 8). Zaha Hadid, ein Rechtsstreit und ein Museumsplan (Seite 11). Sotheby’s und die Sammlung von Christo und Jeanne-Claude (Seite 11). Humboldt Forum, Benin-Bronzen und die Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 15). Markt-Situation Philip Guston (Seite 16). Bayreuth-Interesse Hermann Nitsch (Seite 18). Preis-Check Yayoi Kusama (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 718 – Editorial

Informationsdienst KUNST 718

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in Süddeutschland und vereinzelt auch andernorts wird die Geldbeutelwäsche gepflegt. Sie hat nichts mit Geldwäsche zu tun. Aus der schwäbisch-alemannischen Fastnacht kommend, angeblich seit dem 15. Jahrhundert eine Tradition, treffen sich aschermittwochs die Narren am Fluss oder am See, um in der Tat leere Geldbeutel zu reinigen – freilich in der Hoffnung, dass dann neues Geld in die Beutel gespült werde. Weil der Karnevalstrubel in diesem Jahr, pandemiebedingt, ausfallen muss, wird in vier Wochen zwar kaum damit zu rechnen sein, dass sich die Stadtspitzen mit den Bürgern zum Waschgang treffen, doch womöglich ist das auch gar nicht vonnöten.

Dachten wir vor Monaten noch, dass Corona 2020 den ganzen Kunstmarkt platt macht, dass eine komplette Branche auf der Strecke bleiben wird, zeigt sich nun im Rückblick, wie wenig die Voraussage vollumfänglich zutrifft. Natürlich haben einige Galerien nicht nur wegen Lockdown dichtmachen müssen, sondern für immer, weitere werden folgen, wenn jetzt die Insolvenz-Toleranz versiegt, doch alles in allem sieht die Lage nicht so schlecht aus, wie es zu erwarten war. Denn immerhin sind seit der abgebrochenen TEFAF 2020 in Maastricht nahezu alle nennenswerten Messen gestrichen worden, und eine Ungewissheit in Bezug auf 2021 lastet notgedrungen weiterhin auf der Szene.

Doch offenbar haben viele Galeristen in der Krise die Chance genutzt, ihre Vermittlungsarbeit zu intensivieren. Arbeit am Telefon. E-Mail-Austausch. Bestehende Sammler-Kontakte mündeten durch individuelle, direkte Ansprachen zielführend in Verkaufsabschlüssen, und per Aktivierung digitaler Möglichkeiten wurde der Kreis potenzieller Kunden wesentlich erweitert. Rundum erstaunlich viel Zufriedenheit seitens der Händler, die teils auch aus dem »Neustart«-Programm der Bundesregierung gefördert werden (siehe Seite 7).

Die positive Grundstimmung in den Galerien deckt sich mit den Zahlen, die man in den Auktionshäusern registrieren darf. 74 Millionen Dollar für Francis Bacon bei Sotheby’s, rund 41 Millionen für Roy Lichtenstein bei Christie’s, gut 35 für David Hockney bei Phillips – durchaus stattliche Ergebnisse auf internationaler Ebene. Im deutschen Auktionshandel, wo die Millionen-Erlöse bekanntlich die Ausnahme darstellen, sieht es ebenfalls gut aus. 2020 war beinahe ein Jahr der Verdoppelung angesetzter Schätzpreise. Beachtliche Zuschläge. Bei Ketterer in München, nur ein Beispiel, schossen die Preise für Ernst Ludwig Kirchner in die Höhe. Im Sommer brachte eine Dorfstraße mit Apfelbäumen 850 000 Euro, und ein Haus in der Landschaft und mit biographischem Hintergrund erzielte sogar 1,35 Millionen, obgleich es mit einer Taxe von 500 000/700 000 Euro versehen war.

Beutelwäsche hin oder her: Genug Geld also vorhanden, einigermaßen rosige Aussichten für 2021 zu attestieren. Obgleich die Galerienstudie 2020 des Instituts für Strategieentwicklung, Berlin, von 40 Prozent Verlust allein in den Galerien berichtet, fällt die Umsatz-Beurteilung, subjektiv betrachtet, deutlich besser aus. Das mag daran liegen, dass – wider alle Fakten – ein gewisser Optimismus in vielen Branchen-Gesprächen aufflammt, weil man weniger Kosten (etwa wegen ausgefallener Messen) verbucht, auch Nachsicht seitens der Vermieter oder staatliche Förderung erfahren hat. Es scheint außerdem so zu sein, dass zur Zeit die Privatsammler, die auf Urlaubsreisen, Restaurantbesuche und andere Ausgaben verzichten müssen, gerne mal ein Stück Kunst mehr als üblich erwerben (laut DZ Bank konnten deutsche Privathaushalte 2020 knapp 400 Milliarden zusätzlich sparen, verglichen mit 2019). Summa summarum: Auch wenn es den Realisten unter uns schwerfällt, versuchen wir, gemeinsam zuversichtlich zu sein, 2021 als ein Jahr des allmählich einsetzenden Auftriebs willkommen zu heißen.

In dieser Ausgabe: Kultur als Staatsziel – ein Fall fürs Grundgesetz (Seite 5). Biennale mit Vorlauf – Manifesta plant langfristig (Seite 6). Förderung der Galerien – dank BKM und Kunstfonds (Seite 7). Chemnitz als Kulturhauptstadt bestätigt (Seite 9). Kulturstaatsministerin als Kirchenanwältin aktiv (Seite 10). Christoph Büchels »Barca Nostra« als Streitobjekt im Gespräch (Seite 12). Leere Hülle: Humboldt Forum Berlin (Seite 15). Scharfe Regeln: Ausfuhr aus Großbritannien (Seite 15). Irritierender Deal: Beltracchi/Buchmann (Seite 19). »Monopol« ohne Verleger Christoph Schwennicke (Seite 21). Kunstvereine in Bayern mit Heimat-Auflage der Freistaat-Regierung (Seite 22). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 717 – Editorial

Informationsdienst KUNST 717

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, den Vorweihnachtstagen und der letzten Branchenbrief-Ausgabe 2020 geschuldet, drängt sich das Bedürfnis auf, Bilanz zu ziehen, das Kunstjahr nun Revue passieren zu lassen. Natürlich lässt sich räsonieren, dass Deutschland die EU-Ratspräsidentschaft nicht wirklich genutzt hat, um für die Kultur etwas zu erreichen. Die Spur zieht sich vom unbearbeiteten Mehrwertsteuer-Problem bis zum lausigen Förderetat »Kreatives Europa«, trotz Erhöhung auf 2,2 Milliarden Euro nur auf dem Niveau des deutschen Kulturhaushalts für 2021 (siehe ID 716, Seite 12). Natürlich könnte man nörgeln, dass das von der Politik vollmundig als »Kulturort neuen Typs« angekündigte Humboldt Forum in Berlin letztlich nicht viel mehr als eine konventionelle Museumsstätte sein wird, wenn es denn endlich zugänglich sein darf. Und über die sich in Eigenregie umzuformende beziehungsweise aufzulösende Stiftung Preußischer Kulturbesitz erneut nachzudenken, verbietet sich, weil über diesen Irrsinn bereits reichlich berichtet wurde.

Was neben kurzfristig wohltuenden Nachrichten wie dem Aus für Trump oder der bevorstehenden Selbstzerschlagung der AfD bleibt, ist der Blick in die Ateliers, die Auseinandersetzung mit der künstlerischen Arbeit, die heutzutage keinesfalls ohne den Kulturbetriebskontext gesehen werden kann. Aber es zeigt sich zunehmend, dass die einzelnen Ereignisse von der Branche durchaus gerne wahrgenommen werden, um sich nicht den Grundsatzfragen stellen zu müssen. Ergo: Bevor unsere Systemrelevanz erörtert wird, lieber ein Quäntchen Freude über diese oder jene (Online-)Ausstellung oder eben auch Trauer, wenn die Großen der Kunstfamilie versterben, darunter 2020 John Baldessari, Christo, Germano Celant, Luchita Hurtado oder Erich Marx. Individuelles Gedenken, Bedauern im Einzelfall.

Dabei fehlt, so scheint mir, der Kampfgeist früherer Jahre. Die Kunstszene verhält sich, von einigen wenigen Ausnahmen abgesehen, irritierend ruhig, geduldig. Gewissermaßen komatös, passend zur Stimmung auf den Intensivstationen. Was muss man uns seitens der Politik noch antun, bis wir gemeinsam auf die Barrikaden gehen, um Tabula rasa zu machen? Ist es nicht eine atemberaubende Ungeheuerlichkeit, wie dreist in diesem Corona-Jahr, vom Bundeskanzleramt ausgehend, die gesamte Kultur, früher als Bildung verortet, unter entbehrlicher »Freizeitgestaltung« gelistet wurde? Wie kann eine Kulturstaatsministerin, mit ihrem Büro nur ein paar Meter von Angela Merkel entfernt, dieses alles entlarvende Missverständnis zulassen? Unverzeihlich.

Überhaupt: Tickt unsere Branche noch richtig, wenn sie in Dankbarkeit gegenüber Monika Grütters erstarrt, die aber nichts anderes tut, als ihren Job zu machen? Schließlich handelt es sich bei den Förderungen, wenn sie irgendwann tatsächlich fließen sollten, nicht um ihr privates Geld, sondern um Steuermittel, die wir alle reichlich in die Staatskasse gezahlt haben. Und mittlerweile weiß ich, dass die so oft gewürdigte »Neustart«-Milliarde vorn und hinten nicht reicht. Nur ein Fünftel (!) der Antragsteller kann berücksichtigt werden. Überwiegend Absagen unterwegs. So wird die Kultur 2020 und insbesondere 2021 plattgemacht, pekuniär, aber eben, schlimmer noch, auch mental. Ein Trauerspiel, eine grauenvolle Zeit. Ob der anstehende Regierungswechsel, 2021, zu einer besseren Situation führen wird, weiß niemand. Aber ich wünsche es uns.

P.S.: Der Informationsdienst KUNST 718, die kommende Ausgabe, erscheint am 14. Januar 2021. Gleichwohl werden wir auch im nächsten Jahr 25 Ausgaben veröffentlichen, eine mehr als vereinbart.

In dieser Ausgabe: Top Twenty des Rankings »ArtReview Power 100« (Seite 4). Joe Biden setzt in Sachen Kultur auf Robert L. Lynch (Seite 5). Sammler Hartmut Kraft beschenkt die Prinzhorn-Sammlung (Seite 7). Museumsforscherin Patricia Rahemipour erinnert an die gesellschaftliche Bedeutung der Museen (Seite 8). Corona-Hilfen und der Konflikt zwischen dem Bund und den Ländern (Seite 8). Besuchersicherheit im Museum und Fragen zu den Verweilanreizen (Seite 11). Die Neue im Goethe-Institut: Carola Lentz (Seite 11). Der Neuling der Art Basel: James Murdoch (Seite 13). Streit wegen Piet Mondrian (Seite 17). Empörung wegen Angela Merkel (Seite 19). Ärger wegen Bauunterhalt (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 716 – Editorial

Informationsdienst KUNST 716

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, »Störer im Hohen Haus«, »«Bestellte Provokateure«, »Pöbler im Bundestag« – so lauteten in den vergangenen Tagen die Headlines in den Medien, als die AfD einige rechte Aktivisten, darunter eine Rebecca Sommer (die Wirtschaftsminister Peter Altmaier kurzerhand bedrängte und als »Arschloch« beschimpfte), ins Parlament schleuste. Natürlich hat dieser Überfall ein Nachspiel, zumal es mit dem halbherzigen Schuldeingeständnis von Alexander Gauland für die Fraktion nicht getan ist. Immerhin besteht der begründete Verdacht, dass es sich um Nötigung von Mitgliedern eines Verfassungsorgans und somit um eine strafrechtlich relevante Tat handeln könnte.

Dass die »Herzkammer der Demokratie« per Tabubruch angegriffen wurde, wie es Claudia Roth als Vizepräsidentin des Deutschen Bundestages formulierte, mag derzeit manche Gemüter tüchtig und nachvollziehbar in Wallung bringen. Aber es drängt sich in diesen Tagen vor allem die Frage auf, ob die AfD, die mit ihrer permanenten Hanswursterei auch in politischen schwierigsten Zeiten das Parlament lahmzulegen versucht, nicht grundsätzlich als Gefahr für den Rechtsstaat gesehen werden muss.

Obgleich durchaus einige wenige eher besonnene Köpfe in ihren Reihen zu entdecken sind, etwa der jüngst auf dem Parteitag selbstkritisch auftrumpfende Bundessprecher Jörg Meuthen, der derzeitige Vorsitzende im Wirecard-Untersuchungsausschuss, Kay Gottschalk, oder der kulturpolitische Sprecher der Fraktion, Marc Jongen: Manche Forderungen sind schlichtweg abstrus.

In der zweiten November-Hälfte kam beispielsweise die Bundestagsdrucksache 19/24394 in Umlauf. Die durch ihre reaktionäre Haltung gefürchtete Fraktion, die schon länger für eine Verherrlichung der deutschen Kolonialzeit plädiert, fordert in diesem Papier die Bundesregierung auf, ein Stopp für die Rückgabe von Sammlungsgütern aus kolonialen Kontexten zu erwirken. Jongen und seine Fraktionskollegen wollen verhindern, dass es »zu einer sukzessiven Ausdünnung des Sammlungsbestandes« in den Museen kommen könnte.

Während Politiker und Wissenschaftler – von Monika Grütters über Hermann Parzinger bis zu Bénédicte Savoy – seit langem alles dafür tun, dass die einst widerrechtlich nach Deutschland entführten Artefakte nach und nach in ihre Herkunftsländer zurückgegeben werden, will es die AfD verhindern. Mit der fadenscheinigen Argumentation, dass die Objekte hierzulande kuratiert und konserviert worden seien. Längst obsolet, eine solche Debatte, wie jeder weiß. Längst geht es nur noch um die Umsetzung der von allen anderen Parteien gebilligten Maßnahmen.

Savoy hat in ihrem mit Felwine Saar verfassten »Zurückgeben«-Büchlein (»Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter«; Matthes & Seitz) brillant kommuniziert, worum es geht: Um den »doppelten Schmerz« nämlich. Erstens: Die identitätsstiftenden Gegenstände wurden zunächst entwendet. Zweitens: Der Beraubte und Besiegte wird obendrein dazu eingeladen, »der demütigenden Zurschaustellung der entführten Kriegsbeute mit Bewunderung beizuwohnen«. Wenn die AfD nun mit reichlich Verzögerung das konzeptionell bereits abgeschlossene Kapitel Restitution wieder aufmachen will, dann zeigt sie allenfalls ihren fehlenden Gegenwartsbezug. Alles jahrelang verschlafen. Wie Rebecca Sommer, die so gerne den Schlingensief geben würde. Doch merke: Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben oder der Wähler. Hoffentlich. Im Bundestagswahljahr 2021.

In dieser Ausgabe: Museumsprojekt in Melbourne geplant (Seite 2). Museumsreform in Berlin eingeleitet (Seite 4). Museumseinbruch in Dresden vor Aufklärung (Seite 7). Fake-Einladungen zur documenta 15 (Seite 8). Beuys-Eichen-Pflanzungen in Bayern (Seite 10). Eintrittsgeld für Online-Ausstellung (Seite 10). Über zwei Milliarden: Rekord-Kulturhaushalt (Seite 12). Neuer Partner: Lüpertz-Großkeramik (Seite 13). Jüngster Hilferuf: Kunstverein-Sorge (Seite 15). Partei »Die Linke« ergreift Initiative für deutsch-polnisches Museum (Seite 17). Galeriegeschäft ohne Messe (Seite 19). Kulturbegriff dank Gesundheitsausschuss (Seite 19). Gottesdienst mit Performance (Seite 21). Preis-Check: Amelie von Wulffen (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 715 – Editorial

Informationsdienst KUNST 715

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, während unsere Freizeitstaatsministerin auf der Bundeskanzleramt-Terrasse steht und dort Krähen, Spatzen und Tauben füttert, auch ein paar Novemberhilfe-Krümel an die Künstler verteilen lässt, schreiben gottlob rundum alle Kollegen endlich Klartext. »In der Krise rangiert die Kultur nicht mehr, wie das Grundgesetz es vorsieht, bei Wissenschaft und Bildung, deren Betrieb weitgehend aufrechterhalten wird, sondern bei Freizeitaktivitäten«, so heißt es im »Spiegel«.

Es geht also derzeit in der Tat nicht nur ums Geld, um die »Neustart«-Milliarde, die irgendwo in den verstopften Behörden-Kanälen auf die überfällige Auszahlung wartet. Es geht um »eine Praxis des öffentlichen Vernunftgebrauchs«, wie es der ehemalige Kulturstaatsminister Julian Nida-Rümelin vor kurzem formuliert hat. Drei Tage zuvor, 6. November, hatte schon Stephan Berg, Kunstmuseum Bonn, ebenfalls in der »Welt« geklagt, man müsse vermuten, »dass hinter der Hartnäckigkeit, mit der die Politik sämtliche Kultur unter dem Freizeitbegriff subsumiert, System steckt«. Wohl wahr. Aber warum plötzlich diese fehlende Wertschätzung? »Keine Rede mehr vom ‚Lebensmittel‘ Kultur«, so das beherzte Statement aus der ehemaligen Bundeshauptstadt, »stattdessen werden wir nun eingereiht in eine Linie mit Wettbüros, Spielbanken, Fitnessstudios und Bordellen«.

Bedenkt man, dass die noch amtierende Staatsministerin, Monika Grütters, in der ersten Woche der neuen Lockdown-Phase sich tüchtig ins Zeug gelegt hat, um in Berlin-Reinickendorf für die bevorstehende 20. Bundestagswahl im »so erfolgreichen wie stolzen CDU-Kreisverband« als Kandidatin nominiert zu werden, dann ahnt man, warum die deutsche Kulturpolitik lahmt. Es ist zwar nicht so, dass nichts passieren würde, doch auffällig ist es schon, dass in Höchstgeschwindigkeit beinahe täglich Pressemitteilungen aus der Grütters-Pressestelle eintreffen, doch grundsätzliche Gedanken fehlen, jegliches Konzept. Keinerlei kulturpolitische Strategie in diesem Ressort. Ausschließlich Mittelvergabe nach Gutdünken.

Da wird auf Teufel komm raus brav jeder bewilligte Euro kommuniziert; indessen: Niemand in der Lage, Kultur zu verorten, Förderungen im Kontext ihrer gesellschaftlichen Aufgabe zu vermitteln. Wenn im Ansatz spürbar, dann halbherzig, als würde man sich nicht trauen, als habe man nicht wirklich die erforderlichen Branchen-Kenntnisse. Und so ist halt auch. Und weil 2021 ein Wahl-Jahr ist, hängt sich die in dieser Konstellation danach nicht mehr gemeinsam am Kabinetttisch sitzende Regierung sowieso längst andernorts rein, allemal gedanklich. Wahlkreis 77, Reinickendorf, oder so.

P.S.: Vor wenigen Stunden im Deutschen Bundestag ein weiterer Beweis für das fragwürdige Denken der beiden Regierungsfraktionen. CDU/CSU und SPD haben ihren »Entwurf eines dritten Gesetzes zum Schutz der Bevölkerung bei einer epidemischen Lage von nationaler Tragweite« eingebracht – und die Kultur wird dort nun unter Freizeitgestaltung gesetzlich festgeschrieben. Entlarvender geht’s nicht mehr.

In dieser Ausgabe: Die auffälligen »bis zu«-Formulierungen im Neustart-Förderprogramm (Seite 6). Die Nachsichtigkeit mancher Direktoren im Lockdown der Museen (Seite 8). Die vor Corona ins Steuerparadies Florida flüchtenden Privatsammler (Seite 11). Wie Künstler auf die US-Präsidentschaftswahl reagiert haben (Seite 12). Was von Joe Biden zu erwarten ist (Seite 13). Warum es zwischen Walter Gehlen, Düsseldorf, und Daniel Hug, Köln, kneift (Seite 16). Was Dagmar Schmidt, BBK, fordert (Seite 16). Weshalb Sabine Schormann zuversichtlich bleibt, dass die documenta 15 im Sommer 2022 stattfindet (Seite 18). Art Basel Hong Kong und Fine Art Asia (Seite 20). Anne Imhof und die Mode (Seite 21). Julius von Bismarck und die Preise (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 714 – Editorial

Informationsdienst KUNST 714

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, was haben sich die Kulturminister der Länder in ihrer Konferenzschaltung am 29. Oktober gedacht? Ja, haben Sie überhaupt gedacht? Und warum konnte Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die sich doch sonst so gerne einmischt, diesmal nicht verhindern, dass die Museen schon wieder geschlossen werden, den ganzen Totenmonat November lang? Unsäglich das alles, vor allem unter Berücksichtigung der Tatsache, dass Grütters viel Geld in die Museen fließen ließ, um dort für Sicherheit zu sorgen, dass die Häuser selbst alles getan haben, um die weitere Verbreitung der Pandemie zu verhindern.

Dass in der Politik mittlerweile viel schiefläuft, wenn es um die Corona-Bekämpfung geht, ist nicht mehr zu übersehen. Gedankenlosigkeit statt strukturellen, zielgerichteten Denkens. Allein das vierseitige Lockdown-light-Arbeitspapier, das Angela Merkel und ihr mittlerweile vierter Kanzleramtsminister, Helge Braun, am Abend des 27. Oktober für die Verhandlung mit den Ministerpräsidenten am folgenden Tag verabschiedeten – eine Ungeheuerlichkeit. Hätte Grütters hier nicht korrigierend eingreifen können und müssen?

Museen wurden nämlich gar nicht erwähnt, nur die Einrichtungen der bestuhlten Art, mithin Theater, Konzertsäle sowie Kinos. Zwangsläufig herrschte nach der Merkel-Konferenz mit den Regierungschefs der Länder einen ganzen Tag lang in allen Amtsstuben tüchtig Verwirrung. Hatte man zunächst noch Hoffnung, dass die Museen unter Bildung eingeordnet werden und wie Schulen geöffnet bleiben dürfen, folgte dann doch das Aus. Dabei weiß jeder, dass Museumssäle groß genug sind, um den notwendigen Abstand zu gewähren.

Was die erneute Schließung sämtlicher Häuser in Deutschland bedeutet, wird sich bald zeigen. Ohnehin längst in der Quotenkrise, haben Museen nun keine Planungssicherheit mehr, weil eben viele Ausstellungen und andere Aktivitäten direkt über die Eintrittsgelder finanziert werden. Wenn die völlig ausbleiben oder nur noch in kaum nennenswerter Höhe eingespielt werden können, entsteht jene Verunsicherung, die jetzt schon erkennbar ist, sieht man die Jahresplanungen 2021. Egal, wo man hinschaut: Nicht berauschend, was da geboten wird. Die besten Ideen und Konzepte werden tiefgefroren – für die Post-Pandemie-Zeit.

Überall viel Hausgemachtes, Kostengünstiges. Überbrückung als Strategie. Hauptsache, man bleibt als Institution irgendwie und einigermaßen im Gespräch, in der Erinnerung des Publikums. Vorerst also Schaumschlagen, auch digitale Nichtsnutzigkeiten, weil die wirklich mental gewinnbringende Kunstbetrachtung nur analog möglich erscheint. Dabei wäre es so wichtig, jetzt alles zu tun, um die Menschen in einer Phase allgemeiner und täglich zunehmender Verunsicherung in die Museen zu holen.

Da haperte es freilich schon vor Corona. Ernüchternde Zahlen aufgrund mancher Untersuchungen. Ein Beispiel: Laut einer mit Kultursenator Klaus Lederer in Auftrag gegebenen Erhebung des Instituts für Kulturelle Teilhabeforschung wurde ermittelt, dass 2019 in Berlin sage und schreibe 52 Prozent der Befragten kein einziges Mal eine Ausstellung besucht haben. Warum das so war, wurde unter anderem mit den Eintrittspreisen begründet. Auf Platz drei der Gründe stand (mit 55 Prozent) das Argument, es gebe nicht genug attraktive Angebote. Das stimmt nachdenklich.

Was die Analyse nicht leistet, ist die Erforschung jener ungestillten Wünsche. Was empfinden die Menschen als attraktiv? Was möchten sie sehen? Was erwarten sie vom Museumsbesuch? Fragen über Fragen. Und ein Schelm oder Sarkast, wer nun meint, während der Lockdown-Phase sei Zeit, Antworten zu finden. Jetzt geht’s ums Ganze, ums Überleben der Institution Museum, und unsere Politiker müssen sich allesamt vorwerfen lassen, den Ernst dieser systemrelevanten Lage nicht erfasst zu haben.

In dieser Ausgabe: Der Museumsverband Thüringen fordert schnellstmögliche Wiedereröffnung der Museen (Seite 2). Große Ehre für Anselm Kiefer dank Emmanuel Macron (Seite 4). Peter Weibel entlarvt Donald Trump (Seite 6). Chemnitz als Kulturhauptstadt Europas (Seite 8). Schwachstelle Kunst im »Neustart«-Förderprogramm (Seite 9). Vandalismus-Aktion auf der Museumsinsel in Berlin (Seite 10). Zumutung: Eröffnungszeitplan im Humboldt Forum (Seite 12). Provokation: »Frankfurter Hauptschule« (Seite 13). Rückzug: Christina Berking verlässt Sammlerverein-Vorstand (Seite 17). Volltreffer: Katharina Grosse als Zeitungsmacherin (Seite 20). Der WDR würdigt Christoph Schlingensief (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 713 – Editorial

Informationsdienst KUNST 713

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es geht ums Geld. Immer schon, aber in diesen Pandemie-Zeiten besonders, weil überall freiwillig gespart wird oder gespart werden muss. Auf staatlicher Ebene müssen die schnell und teils voreilig, unbedacht als Kleingeld nachhaltigkeitslos verteilten Milliarden irgendwann wieder eingespielt werden. Im privatwirtschaftlichen Umfeld, wo es jetzt oft ums blanke Überleben geht, keimt zudem das Phänomen der Entwöhnung, was freilich ebenfalls pekuniäre Auswirkungen hat. Wer monatelang keine Museen, Theater, Konzertsäle, Kinos oder Restaurants besucht, kommt nämlich ins Grübeln, ob er all das braucht, ob nicht auch die eigene Glotze, die Musikanlage und das gut gefüllte Tiefkühlfach genügen. Ernüchterung, wenn um 23 Uhr der Alkoholausschank geschlossen wird. Einigelung, wenn das öffentliche Leben verkümmert.

Einer Bundesregierung, die in einem Jahr in dieser Zusammensetzung ohnehin nicht mehr tätig sein wird, mag es zwar wurscht sein, was ihre Nachfolger auf dem Teller haben, doch die laufenden Haushaltsberatungen in Berlin signalisieren, dass der Rotstift längst munter tanzt, dass die nächste Regierung auf Diät gesetzt wird. Ein Trost: Im Zuge der sogenannten Bereinigungssitzung am 26. November dürfte sich beispielsweise die Kulturstaatsministerin wieder erfolgreich durchsetzen, ihren Bundeshaushalt 2021 ein wenig aufpolstern, doch klar ist, dass im Dezember, wenn vom 8. bis 12. des Monats die zweite und die dritte Lesung stattfinden, der Gürtel grundsätzlich enger geschnallt wird.

Von den insgesamt rund 413 Milliarden Ausgaben (Neuverschuldung: knapp 100 Milliarden) soll nur noch ein Etat in Höhe von 1,747 Milliarden Euro bei Monika Grütters landen. Das ist wenig. Genauer: 1,045 Milliarden weniger als 2020, weil in diesem Jahr eben die Neustart-Milliarde hinzukam (ursprünglich war ein 1,8-Milliarden-Kulturetat vorgesehen). Wie erwähnt: Die fehlenden 50 Millionen werden schon noch aus den Rechen-Maschinen der mächtigen Haushaltsausschuss-Mitglieder geleiert werden und Grütters in den Schoß fallen, aber der Kulturbetrieb darf sich dennoch keine großen Hoffnungen machen, dass der Bund ausgleicht, was die Länder nicht leisten. Schließlich will auch das Bundeskanzleramt selbst eine Milliarde einsparen und 2021 mit 3,3 Milliarden auskommen, wie es im Einzelplan 04 des Regierungsentwurfs für den nächsten Haushalt steht (Drucksache 19/22600).

Auf diese Entwicklung hinzuweisen, macht Sinn, weil man landauf und landab beobachten kann, dass die Bundesrepublik zwar gerne ihren Föderalismus betont, vor allem in Reden kultureller Prägung, doch allmählich und insbesondere in den beiden Amtszeiten von Monika Grütters lässt sich eine Kompetenz-Verschiebung erkennen. Freundliche Übernahme und Einmischung, wie sie in der Ära Grütters gang und gäbe sind, insbesondere in der Hauptstadt. Durchaus alles gut gemeint. Gerne leitet sie monetäre Unterstützung hierhin oder dorthin, und stets ist ihr großer Dank sicher. Aber untergräbt sie damit nicht auch die Verantwortlichkeit in den Ländern? Könnte es nicht sein, dass man irgendwann dort irrtümlich glaubt, Kultur sei Bundessache; da könne man selbst sparen, den eigenen Landeshaushalt entlasten? Mit 1,7 Bundes-Milliarden (oder einem knappen halben Prozent des Gesamtetats) würde sich in Deutschland freilich nicht viel stemmen lassen. Das müssen sich die Ministerpräsidenten allzeit vor Augen führen.

In dieser Ausgabe: Von Moskau nach Berlin – Walter Smerlings »Diversity United«-Start notgedrungen auf 2021 verschoben (Seite 3). Erst Sabbatical, dann Kündigung: Nancy Spectors Rückzug am Guggenheim Museum (Seite 5). Was die Deutsche Bank nun in den Verkauf bringt (Seite 8). Warum François Pinault in Paris trotz Corona reichlich Termindruck macht (Seite 9). Wie Phoebe Saatchi in London mit väterlicher Hilfe als Galeristin loslegt (Seite 10). Vera Munro und Rosemarie Trockel beschenken das Museum Ludwig in Köln (Seite 16). Ausschließlich schwarzes Personal für eine weitere Galerie-Filiale von David Zwirner in New York (Seite 16). Unbekannte Beuys-Fotos dank Franz van der Grinten (Seite 18). Preis-Check: Banksy (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 712 – Editorial

Informationsdienst KUNST 712

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als Agnes Martin im Sterben lag, bat sie ihren Galeristen Arne Glimcher, ins Atelier zu eilen und drei ihrer Bilder zu zerstören, die sie ihm genau beschrieben hatte. Die Malerin, 2004 gestorben, wollte sichergehen, erinnert sich Tate-Direktorin Frances Morris, nur jene Werke zu hinterlassen, mit denen sie gänzlich zufrieden war. Das erhellende Interview, in dem dieses Präzisionsstatement zu finden ist, wurde im »Let’s talk abstract«-Band der Sammlerin Carolin Scharpff-Striebich veröffentlicht, und in Zeiten, in denen man notgedrungen weniger unterwegs ist, sondern mehr am eigenen Schreibtisch sitzt, lohnt es, solche Bücher wieder aus dem Regal zu holen – und sich unabhängig vom pandemischen oder kulturpolitischen Tagesgeschehen auf die Basis unserer Arbeit zu konzentrieren. Denn klar ist, ohne die künstlerische Produktion würde die Auseinandersetzung um den Distributionskontext gar keinen Sinn machen.

Also zum Stöbern nach nebenan gehen, in die eigene Bibliothek und in das umfangreiche Archiv, wo selbstgemachte Interviews lagern, aber auch jene von Kollegen. Nimmt man ältere Gesprächsprotokolle und/oder Publikationen von Autoren und Herausgebern wie Philipp Demandt/Franziska Leuthäußer, Peter Iden, Edelbert Köb, Adam Lindemann, Gerald Matt oder Hans Ulrich Obrist in die Hand, dann verdichtet sich, was man seit Monaten anhand der Veröffentlichungen in Zeitschriften und Zeitungen beobachtet. Es gibt nämlich heute, rund sechs oder sieben Jahrzehnte nach dem Aufbruch der Nachkriegsavantgarde, ein völlig anderes Selbstverständnis der Künstler, eine Grundlage bildnerischen Tuns, die nichts mehr mit jener Aufgabenstellung verbindet, die in den fünfziger und sechziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts allgemein verbindlich war. Von Ausnahmen abgesehen.

Vor langer Zeit hat beispielsweise Tony Cragg (in einem Dialog mit Peter Iden) prognostiziert, dass »irgendwann Nicht-Kunst und Kunst deckungsgleich sein werden«. Die vorausschauende Einschätzung ist mittlerweile gut nachvollziehbar. Immerhin hat beispielsweise Jochen Gerz jahrzehntelang an der Auflösung des traditionellen Kunstbegriffs gearbeitet. Jürgen Klauke sagte (in einem Interview mit Franziska Leuthäußer): »Kunst, wie ich sie verstehe, ist der Gegenspieler der Institutionen und Systeme, die auf zweckorientiertes und effizientes Handeln sowie schnelle Verständigung zielen«. Und Peter Weibel outete sich (im Gespräch mit Wolfgang Fetz) sogar als Kämpfer gegen die Kunst selbst, wenn sie zum »System der Repräsentation und der Macht« gehöre. Die holde Kunst, ergänzte andernorts (bei Leuthäuser) der politischste aller politischen Künstler, Hans Haacke, habe eine besondere Aura, die es zu nutzen gelte. Systemrelevantes Einschleichen quasi. Oder im doppelten Salto über Erinnerungen von Attersee (»Kunst war in den Sechzigern noch ein Wettlauf um das Neue«) oder Thomas Bayrle (»Ich wusste nicht einmal, ob das Kunst sein kann«).

Liest man sich durch gehaltvollere Künstler-Interviews vergangener Monate, dann scheinen früher dominante Kriterien wie Innovation (siehe Attersee) oder Identität (siehe Bayrle) kaum mehr eine Rolle zu spielen. Die Brücke über die Jahrzehnte hinweg bauen dagegen Politkünstler wie Gerz, Haacke oder Weibel, die für den bildnerischen Nachwuchs durchaus als Vorbilder dienen. Während die Älteren inzwischen ein wenig altersmilde wirken, sind die Jungen indes von Haus aus milde, selbst dann, wenn sie in die Fußstapfen gesellschaftspolitisch engagierter Vordenker treten. Die kluge Hito Steyerl sagt es gewissermaßen durch die Blume, ob es um die Verblödung durch nicht immer soziale Netzwerke geht oder den Krieg der Türken gegen die Kurden. Der kaum weniger gescheite Olafur Eliasson räumt zwar mal kurz ein, dass sein wirklich missratenes Flüchtlingsbeschäftigungsprogramm in Venedig, Biennale, 2017, mit Recht kritisiert worden sei (»da war ich nicht sensibel genug«), doch schon landet er wieder bei seinem jüngsten Sieben-Millionen-Euro-Digitalprojekt für die EU in Brüssel und für die Hauptstädte der Mitgliedsstaaten. Business as usual. Oder Kunstbetrieb 2020. Mit Verlaub: Darf eine Prise Wehmut erlaubt sein, der Rückblick auf 1970 und die folgenden Jahre, eben auf Jahrzehnte radikalen Denkens und Handelns?

In dieser Ausgabe: Finanznot und Michelangelo-Verkauf in London (Seite 4). Steuergeld für zu lange geschlossene Staatliche Museen zu Berlin (Seite 7). Köln: Fünf Millionen Erlös für Objekte der Sammlung Olbricht (Seite 8). Washington: Überängstlichkeit in Sachen Philip Guston (Seite 9). Paris: Die Kunstmessen räumen auf (Seite 12). Julia Stoschek wegen Familiengeschichte im Gespräch (Seite 13). Banksy soll laut EU seine Identität offenbaren (Seite 14). Gmurzynska im Konflikt mit dem Museum Ludwig (Seite 15). Rafael Jablonka und die Albertina in Wien (Seite 16). Bauhaus-Archiv und ein Baustopp in Berlin (Seite 19). Evelyn Schels und ihr Film-Flop »Body of Truth« (Seite 21). Preis-Check: Stephan Balkenhol (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 711 – Editorial

Informationsdienst KUNST 711

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in den vergangenen Tagen standen die Galerien im Fokus, und das ist gut so. Denn sie haben zuletzt tüchtig leiden müssen, Corona geschuldet. Aber auch schon zuvor, weil die Standort-Nachteile in Deutschland aufgrund einer dem Kunsthandel schadenden Kultur- und Finanzpolitik unübersehbar sind und längst manche der engagierten Vermittler ins Ausland getrieben haben, wo die Branche reichlich Vorteile genießt, insbesondere steuerliche. Dank des Saisonstarts in allen Großstädten, ob Berlin, Hamburg oder München, ob Frankfurt und Stuttgart oder Köln und Düsseldorf, teils auch aufgrund der 16-Millionen-Förderung aus dem »Neustart«-Programm der zuständigen Staatsministerin (siehe ID 710, Editorial), wurde überall fleißig debattiert, wie es nun weitergehen kann, was sich ändern muss.

Dabei fiel auf, dass viele der Galeristen, die sich früher mitunter arrogant nur auf internationalem Niveau vielfliegend von Messe zu Messe bewegten, plötzlich einem Trend nacheifern, den man aus der Gastronomie kennt. »Brutal-lokal«, so lobt beispielsweise einer der Vordenker der neuen Küche, Billy Wagner vom »Nobelhart & Schmutzig« in Berlin, seine regionalen Zutaten-Lieferanten und das eigene Konzept, das auf die Teller bringen zu lassen, was das direkte Umland hergibt. »Den Standort stärken«, so heißt es plötzlich kongruent bei einigen Berliner Händlern, die vor Covid-19 für den Hauptstadt-Marktplatz nichts, gar nichts übrig hatten, allenfalls verächtliche Statements. Berlin – das war ihre logistische Basis, die Hausarzt-Station, der Waschsalon; Kofferwechsel eben, aber mehr nicht. Die Sammler trafen sie in Miami, Hongkong, Basel, New York, London, Paris oder Madrid, aber doch um Gottes willen, igittigitt, nicht in Berlin.

Von Armut war die Rede, von fehlenden Umsätzen, von ignoranten Landes- und Bundespolitikern. Bisweilen fragte man sich nach solchen Gesprächen, warum diese Galeristen nicht längst komplett umgesiedelt seien, nach Amerika oder nach Asien, wenn dort die Wertschätzung für Gegenwartskunst so viel größer sei. Dass sich das alles nun, innerhalb von sechs oder sieben Corona-Monaten, vollständig gedreht haben könnte, dass Berlin plötzlich der auch wirtschaftlich relevante Kunst-Ort schlechthin sein soll, will man nicht glauben. Was ist da los? Es kann doch nicht sein, dass etwa der Galerist Thomas Schulte, der noch 2019 nicht auf die Idee gekommen wäre, an einer eher zweitrangigen Messe teilzunehmen, zu bezirzen ist, dass ihn jene zehn Gratis-Quadratmeter, die auch ihm vom Berliner Kultursenator solidarisch zur Verfügung gestellt wurden, zum Sinneswandel bewegt haben? Ist es also schlichtweg die Tatsache, dass ihm die weltweiten Messe-Teilnahmen weggebrochen sind, wenn er 2020 das hohe Lied auf Berlin singt?

Dass Misstrauen im Einzelfall gerechtfertigt ist, zeigt sich auch anhand der Tatsache, dass von der deutschen Politik jahrelang geschundene Galeristen nun wie PR-Mitarbeiter der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien auftreten, wie man es während des Gallery Weekends in der Hauptstadt erleben durfte. Kuriose Situationen zuhauf, weil sich der eine oder der andere Galerist plötzlich ein paar Tropfen aus dem warmen 16-Millionen-Strahl der Staatsministerin erhofft – oder weil er gerade ein Bild an sie verkaufen durfte. Leute, Leute: Haltung zeigen! Ist man ein Ewiggestriger und verloren, wenn man das fordert? Vermutlich.

In dieser Ausgabe: Der New Yorker Galerist David Zwirner engagiert sich für Joe Biden (Seite 4). Der Berliner Künstler Christian Jankowski probt die mediale Machtübernahme im ZDF (Seite 6). Neue Studie zur Situation der Galerien (Seite 7). Neuer Schwung für Italiens Museen (Seite 9). Das legendäre Berghain als Ausstellungsort (Seite 9). Die Messe Positions als Ort der Hoffnung (Seite 12). New York: Whitney Museum unter Druck (Seite 12). Brüssel: Versteigerer-Präsident Henrik Hanstein analysiert die Marktlage (Seite 15). Berlin: Martin-Roth-Symposium in der Kritik (Seite 17). Frankfurt: »Close Up« im Städel (Seite 19). Ein Roboter als Kurator der Bukarest-Biennale 2022 (Seite 20). Markt-Check: Bridget Riley (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 710 – Editorial

Informationsdienst KUNST 710

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, na also. Geht doch. Seit Monaten muss man sich tüchtig wundern, warum die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien beinahe täglich aus ihrem Milliarden-Etat für den Neustart der Kulturszene großzügig die Milliönchen verteilt (siehe Kommentar in der Randspalte) – und dabei befremdlich stiefmütterlich reagiert, wo die Förderung der bildenden Kunst erwartet wird. Ein bisschen AHA-Equipment für die Museen oder ein wenig Taschengeld für Künstler und Galeristen, freilich gegen Ware für die Bundeskunstsammlung, das schien es gewesen zu sein, während rundum alle anderen Disziplinen, ob Zirkusse, Buchmessen oder Hörfunk-Anbieter, tüchtig kassieren.

Weil die offensichtliche Vernachlässigung der Kunst-Branche mancherorts kritisch protokolliert wurde, dreht sich nun der Wind, und warme Subventionsluft soll demnächst auch in Richtung der Galerien strömen. Überfällig. Obwohl weder seitens der Galerien-Verbände noch seitens des beteiligten Kunstfonds etwas publik wurde, wissen Insider im Umfeld des Bundeskanzleramtes, dass Staatsministerin Monika Grütters jetzt Millionen bereithalten lässt, um die unter der Pandemie besonders leidenden Galerien zu fördern. Immerhin haben alleine die ausgefallenen Kunstmessen erhebliche Umsatzeinbußen verursacht, und ein Ende der desolaten Lage ist nicht in Sicht.

Grütters will nun aus dem »Neustart«-Etat insgesamt 16 Millionen für die Stärkung der Vermittlungsarbeit in den Galerien spendieren. Endlich werden Galeristen als Partner der Künstler wahrgenommen, als ihre Karrieremacher, die viel investieren, bevor sie Gewinne machen können. Wie man im Deutschen Kulturrat schon weiß, sollen rund elf Millionen für Ausstellungen ausgegeben werden, koordiniert über ein Antragsverfahren, das wohl derzeit die Stiftung Kunstfonds vorbereitet, bevor alles öffentlich gemacht wird. Fünf Millionen, so heißt es, sollen zudem im Rahmen eines zweiten Förderpakets den Digitalisierungsprozessen in den Galerien dienen, beispielsweise zur Anschaffung von Hard- und Software oder zur Neugestaltung von Homepages.

Bei der Bewertung des 16-Millionen-Coups sind Beckmesser-Reaktionen fehl am Platz. Natürlich hätten es auch ein paar Milliönchen mehr sein können, sieht man das Grütters-Gesamtpaket, das zur Verteilung kommt und mittlerweile täglich für Schlagzeilen sorgt. Aber zunächst gilt, dass die bildende Kunst endlich wieder ins Visier der zuständigen Politikerin gekommen ist. Lange Zeit schien es so, als müsse man einen Protest-Auftrieb am Kanzleramt organisieren, um die Staatsministerin auf die bildende Disziplin aufmerksam zu machen. In wirklich heiklen Situationen, ob Gurlitt und die Taskforce oder Merkel und die Nolde-Bilder, hat sie bekanntlich keine Glanzleistungen geboten. Vielleicht kommt die Kunst auch deshalb erst gegen Ende der »Neustart«-Mittel-Verteilung dran.

In dieser Ausgabe: Anregende Fortsetzung der Berlin Biennale (Seite 6). Gute Nachrichten aus den Uffizien in Florenz (Seite 6). Im Fokus: Thema Geldwäsche (Seite 9). Gelöst: Das Rätsel Neustart-Million (Seite 10). Neuer Film von Evelyn Schels über vier prominente Künstlerinnen, darunter Shirin Neshat und Katharina Sieverding (Seite 11). Zwei Kino-Stunden mit Christoph Schlingensief – dank Bettina Böhler (Seite 13). Die Schweiz und die Corona-Krise (Seite 14). Maria Callas und Marina Abramovic (Seite 15). Hamburg: Alexander Klar will die Kunsthalle erweitern (Seite 17). München: Anne Imhof trifft Matthias Lilienthal (Seite 17). Berlin: Werner Tammen als Galeriensprecher (Seite 20). Preis-Check: Isa Genzken (Seite 23). Impressum (Seite 25).