Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Belinda Grace Gardner, Andrea Hilgenstock, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid, Bernhard Schulz und Claudia Steinberg

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 708 – Editorial

Informationsdienst KUNST 708

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es ist ja nicht so, dass die 1948 gegründete FDP, die mal dank Politikern wie Baum, Genscher oder Scheel viel dazu beigetragen hat, dass die Bundesrepublik erwachsen wurde, eine Kultur-Partei wäre. Das sind die anderen Parteien leider auch nicht. Aber die Liberalen taten zuletzt so, als seien sie um das Wohl der Kulturszene besonders besorgt. Da ging es freilich um die vergangene Bundestagswahl, und Monika Grütters hatte als Staatsministerin im Schulterschluss mit der Kanzlerin ihr erstes Gesetz eingereicht, das Kulturgutschutzgesetz, und viel Widerstand erfahren müssen. Leichtes Spiel also für die FDP, in der Oppositionsrolle aufzublühen und so zu tun, als könne man immer noch, wie früher schon, Verantwortung übernehmen. Die Partei, die zwischen 2013 und 2017 gar nicht im Bundestag vertreten war, wollte sich neu profilieren – und machte dann, im Lindner-Sog-Kanal, gewissermaßen den doppelten Salto nach hinten, um nicht in die Regierungsverantwortung zu gleiten. Unvergessen, dieser jämmerliche Rückzug.

Nun bäumt sich die FDP erneut auf, was freilich in der Oppositionsrolle ganz einfach ist, wie am laufenden Band auch die AfD mit ihren oft von Marc Jongen gesteuerten Anfragen an die Bundesregierung zeigt. Am 23. Juli kursierte im Bundestag beispielsweise eine Kleine Anfrage, Nummer 19/21068, die aus dem Ausschuss für Kultur und Medien stammte, die die FDP-Fraktion formuliert hatte. Man wolle über das »Programm zur Milderung der Auswirkungen der Corona-Pandemie im Kulturbereich« informiert werden, so hieß es. Man möchte erfahren, nach welchen Kriterien jene Milliarde verteilt wird, auf welche Daten sich die Bundesregierung dabei stütze. Und: »Zudem möchte die FDP wissen, wie sichergestellt wird, dass die Gelder schnell und unbürokratisch bei den Adressaten ankommen und wann die konkreten Richtlinien zur Vergabe der Gelder veröffentlicht werden«.

Fragen über Fragen, die ins Mark der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) zielen, die aber von ihrem Amtschef, Ministerialdirektor Günter Winands, gewiss wieder diplomatisch abgefedert werden. Denn die Kunst, Nebel in den Kulturbetrieb zu pusten, beherrscht er, der Staatssekretär a.D., wie nur wenige seiner Kollegen aus der obersten Chefetage der Verwalter. Ein ebenso eloquenter wie gewiefter Stratege, der Winands, kein Zweifel. Was natürlich zu einer weiteren Frage führt. Warum hat der Mann, Grütters’ Vor- und Nachdenker in Personalunion, nicht längst formuliert, was die FDP nun zu Recht einfordert?

Wie kann es sein, dass die Kulturstaatsministerin beinahe täglich Milliönchen verteilt, laufend mit ihren pekuniären Schmiermitteln vor allem ihre Freunde vom Film verwöhnt und für prestigeträchtige Pressemitteilungen sorgt, wenn nicht endlich einmal klipp und klar und eben grundsätzlich kommuniziert wird, auf welcher konzeptionellen Basis all das realisiert wird? Wer hat Anspruch, wer nicht – und warum? Das muss doch für alle nachvollziehbar werden. Mit Verlaub: Wenn das nicht unverzüglich geschieht, keimt der Mauschelei-Verdacht, dass Monika Grütters nur jene Kulturschaffenden berücksichtigt, die ihr persönlich gewogen sind. Ein Drama wär’s, ein Skandal mit personellen Folgen, und das mag man sich so wenig vorstellen wollen wie die Möglichkeit, dass ausgerechnet die FDP aus gutem (Verdachts-)Grund diese Kleine Anfrage in Umlauf gebracht hat.

In dieser Ausgabe: Die Art Basel, ihr Spirit und die Murdochs (Seite 4). Der britische Kunstmarkt und die Anti-Geldwäsche-App (Seite 7). Neuer Chef für die Kestner Gesellschaft in Hannover: Adam Budak (Seite 7). Sex und Karriere: Jon Rafman (Seite 9). Raubkunst und Restitution: Bernardo Bellotto (Seite 11). Später und viel teurer: Deutsches Museum, München (Seite 12). Geschichtsfälschung in Sachen Beltracchi (Seite 13). Der Kunstfonds verteilt neun Millionen Euro (Seite 14). Gero von Boehm plant Film über Johann König (Seite 17). Corona-Krise und Kunst-Reiseveranstalter (Seite 17). Kunstverein in Bremen zählt 10 000 Mitglieder (Seite 18). Attacke gegen Balkenhol-Giraffe (Seite 21). Preis-Check: Marion Eichmann (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 707 – Editorial

Informationsdienst KUNST 707

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zu beschönigen gibt es nichts. Wer die in der vergangenen Woche offiziell präsentierten Erkenntnisse aus der zweijährigen Evaluierung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) genau zur Kenntnis nimmt, der kommt nicht um die Feststellung, dass der von Kulturstaatsministerin Monika Grütters zum Einsatz gebrachte Wissenschaftsrat ein vernichtendes Urteil gesprochen hat. Unmissverständlich die Empfehlung: Die Politik möge die SPK auflösen und somit Deutschlands größte Kultureinrichtung aus ihrer dysfunktionalen Situation befreien. Das Großunternehmen, das mit rund 2 000 Mitarbeitern und einem Jahresetat zwischen 350 und 400 Millionen Euro rund fünf Millionen Kunstobjekte verwaltet, sei nicht wirklich handlungsfähig, letztlich ein Opfer eigener Tatenlosigkeit.

Im internationalen Vergleich habe die SPK nichts zu bieten, weil es ihr nicht gelingt, mit den vorhandenen Pfunden zu wuchern. Die Kritik, die von der auch schon wiederholt vom Bundesrechnungshof monierten Gebäude-Vernachlässigung bis zur völlig veralteten Verwaltungsführung reicht, Digitaldefizite inklusive, richtet sich erwartungsgemäß im Wesentlichen gegen die Staatlichen Museen, das größte der fünf SPK-Ressorts. Auch in diesem Branchenbrief mussten wir in den vergangenen Jahren zunehmend protokollieren, wie Versäumnisse und Unfähigkeiten den Betrieb der Häuser belasten, wie glanzvolle Ereignisse fehlen, die weltweit ausstrahlen und Berlin ins angemessene Licht setzen.

Wenn nun die rund 280 Seiten starke Schrift der Untersuchungskommission (unter dem Arbeitsgruppen-Vorsitz von Marina Münkler, Dresden) tatsächlich zur Strukturreform der Stiftung führen würde, dann müssten die finanziell bislang nur schwach engagierten Bundesländer auf Einfluss verzichten, was die Uraltdebatte Föderalismus erneut aufkochen lassen wird. Dann wird sich vor allem aber die Frage stellen, wie fortan der Bund im engen Zusammenspiel mit dem Land Berlin, das bei der Neuorganisation der Staatlichen Museen laut Expertise stärker eingebunden werden soll, die heikle Aufgabe lösen will.

Schon jetzt kommen reichlich Zweifel auf, ob Berlin mit seinem Musik- und Club-Senator Klaus Lederer nicht völlig überfordert ist, wenn es um bildende Kunst geht. Schon heute merkt man allerorten in der Hauptstadt, wie sich im Gegenzug der Bund, durch Grütters’ sendungsbewusste, terrainerobernde Haltung vertreten, übermächtig auf Berliner Zuständigkeiten legt. Könnte also ein partnerschaftliches Zuspiel in einer gemeinsamen Museumseinrichtung gutgehen? Ist da das Scheitern nicht schon vor der Gründung programmiert?

Aus solchen Überlegungen wächst die Befürchtung, dass der Wissenschaftsrat das Reform-Projekt womöglich falsch kanalisiert hat. Kurzum: Ist die nun anstehende SPK-Zerschlagung, die sowohl Monika Grütters als auch Stiftungspräsident Hermann Parzinger als Möglichkeit früher schon ablehnten, 2020 plötzlich doch eine Option, das Preußen-Debakel zu beenden? Skepsis ist angesagt, denn es könnte durchaus sein, dass Marina Münkler und die anderen Wissenschaftler im Zuge ihrer Bestandsaufnahme und anschließenden Diagnose einen Fehler gemacht und nur die naheliegende Therapie gewählt haben. Klartext: Muss man gleich die Stiftungsstruktur sprengen, wenn Personalprobleme gelöst werden können? Warum nicht den Präsidenten und den ebenfalls seit 2008 enttäuschenden Generaldirektor der Museen nach Hause schicken und neues Führungspersonal berufen?

In dieser Ausgabe: In New York macht Max Hollein gegen Rassismus mobil (Seite 3). In Kassel geht’s nun um die documenta 15. Das Kuratoren-Kollektiv ruangrupa setzt auf Reis (Seite 6). In Karlsruhe verabschiedet sich Christiane Riedel als geschäftsführendes Vorstandsmitglied im ZKM (Seite 8). Aus für die Frieze-Messen im Oktober (Seite 8). Takashi Murakami ist pleite (Seite 9). Gilbert & George über Royal Academy of Art verärgert (Seite 9). Schweige-Kartell in München: Nebel in Sachen Hödicke-Deal (Seite 11). Kontakt-Aufnahme in Berlin: Monika Grütters trifft Galeristen (Seite 14). Unsichere Zukunft für das Haus Bastian (Seite 15). Betrugsverdacht gegen die Händlerin Angela Gulbenkian (Seite 17). Preis-Check: Xenia Hausner (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 706 – Editorial

Informationsdienst KUNST 706

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vielleicht muss man es nicht so drastisch formulieren wie die »Monopol«-Autorin Despina Stokou. Sie ließ ihren Corona-Essay, Juni-Ausgabe, mit einem Blick auf die wirtschaftliche Situation ausklingen: »Der Kunstmarkt hat schneller dichtgemacht als eine Vagina unter einer unerwünschten Schultermassage«. Die Künstlerin ließ sich auf den schlüpfrigen Vergleich wohl ein, weil sie die Erfahrung gemacht hat, dass es in der Kunstwelt am wenigsten um das Kunstwerk selbst geht. Der Lifestyle sei es, mithin die Privatparty in Privatsammlungen und auf Privatinseln, der durch die Pandemie abgenommen habe. Stokou: »Online gibt es nicht viel Exklusivität«.

Damit sind wir mitten im Thema: Obgleich viele Protagonisten des Kunstbetriebs beteuern, wie die Bedeutung digitaler Kommunikation zugelegt habe, welche Erfolge sie erzielen, räumen letztlich auf Nachfrage doch alle ein, dass die direkte Begegnung mit Mensch und Werk nicht wirklich zu ersetzen sei. Und so ist es kein Wunder, dass – von einigen wenigen (und überwiegend schon vor Covid-19 eingeleiteten) Verkaufserfolgen auf Online-Viewing-Room-Basis abgesehen – merkantil nichts Nennenswertes passiert. Fehlende Kunstmessen, erschwerte Galeriegeschäfte – zum Wehklagen, zum Davonlaufen, zum Dichtmachen, das alles.

Die verzweifelten Hilferufe der Branche, ob offiziell auf Verbandsebene oder per konzertierter Kollegenaktion oder einzelner Aktivitäten (siehe dazu auch ID 705), scheinen seitens der Regierenden nicht gehört zu werden. Allein die hundertfach wiederholte Argumentation in Sachen Mehrwertsteuer und Wettbewerbsnachteil für den deutschen Kunsthandel – alles verpufft, nichts bewirkt. Häufig nichtssagendes Feedback, wenn überhaupt. Was sollen, was können wir noch tun, um gehört und gesehen zu werden, um die gebührende Aufmerksamkeit für die Galerien zu erhalten, die in der Wahrnehmung der Politik erst ganz am Schluss kommen? In Berlin sind jetzt beispielsweise die Clubs als Kulturorte relevant, gar systemrelevant.

Dass mittlerweile in Deutschland das in diesem Branchenbrief schon vor vielen Wochen befürchtete Galerie-Sterben einsetzt, scheint weder im Kanzleramt noch im Kulturausschuss des Bundestages irgendjemanden zu interessieren. Von Conzen, Düsseldorf, über Kronsbein, München, bis Schönfelder, Berlin, vermutlich kennt man diese Namen gar nicht, tröstet sich gegebenenfalls damit, dass es ja zur Zeit insgesamt nicht gut aussieht, dass weltweit Kunsthändler ins Trudeln kommen, ob Blain/Southern oder Marlborough. Doch Tatsache ist, dass sich in den Köpfen deutscher Politiker ein besonders übles Virus eingenistet hat. Es vermehrt sich dort im Irrglauben, dass Galeristen dämliche Luden sind, die ihre Künstler zum Anschaffen schicken und selbst, schmarotzend, auf der faulen Haut liegen. Mit Verlaub, siehe erster Absatz, Despina Stokou: Manchmal muss man’s wohl doch drastisch formulieren.

In dieser Ausgabe: Rund 40 Millionen Verlust im Louvre in Paris (Seite 2). Stuttgart: Nagel Auktionen in wirtschaftlichen Schwierigkeiten (Seite 5). Kampf um die Art Basel: Offenbar haben die Murdochs die Nase vorn (Seite 7). In den Museen geht es jetzt vor allem auch um die Luftströme (Seite 9). Nicole Eisenman und ihr Brunnen für Münster (Seite 10). Katharina Grosse und ihre Fleißarbeit in Berlin (Seite 12). London: Die Tate und der Klimaschutz (Seite 14). Frankfurt: Die Geisteswissenschaften und Ai Weiwei (Seite 16). Kulturrat-Studie über Frauen und Männer im Kulturmarkt (Seite 16). Weichenstellung im Institut für Auslandsbeziehungen (Seite 19). Rückblick auf den Fall Beltracchi (Seite 22). Preis-Check: Michael Schmidt (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 705 – Editorial

Informationsdienst KUNST 705

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, es ist ein Kreuz mit der Kunst am Bau oder der Kunst im öffentlichen Raum, seit Jahrzehnten schon. Zuerst wird gerungen, ob überhaupt etwas und was appliziert oder installiert werden darf, dann stehen oder hängen diese Werke lieblos und unvermittelt herum, oft von Korrosion befallen, von Schmierereien übersät. Und die häufig verantwortliche öffentliche Hand rührt sich nicht, lässt die Kunst schlichtweg verrotten. Andere Standorte zu prüfen oder Werke abzuräumen, traut man sich in den Behörden nicht, weil gerade in Deutschland die Angst der Politik ausgeprägt ist, in den Ruch übler Bilderstürmerei zu geraten.

Das vorausgesetzt, kann gleichwohl im Einzelfall oft nicht nachvollzogen werden, was in den Köpfen der Politiker und Verwalter vorgeht, wenn manche Kunstwerke im Außenraum von Jahr zu Jahr mehr dem Verfall preisgegeben werden. Der seit 75 Jahren in Berlin lebende Bildhauer Joachim Schmettau, einst Professor an der UdK, auch Gründungsmitglied der Kritischen Realisten, darf sich beispielsweise seit Jahren wundern oder empören; völlig gleich, was er tut, es geschieht nichts an seinem mittlerweile maroden Erd- oder Weltkugelbrunnen auf dem Breitscheidplatz der Hauptstadt, 1984 fertiggestellt.

Vorübergehend durfte man zwar Hoffnung schöpfen, dass sich etwas ändern könnte, dass der Brunnen irgendwann wieder Wasser bekommt, zumal die städtischen Wasserbetriebe eingeschaltet wurden, doch der Senat, der die Berliner Bezirke zwang, die Wartungsverträge mit Privatfirmen zu kündigen, versagte kläglich. Heute, knapp anderthalb Jahre nach der Verstaatlichung der Brunnenpflege, sind mehr Anlagen defekt als jemals zuvor. Insider wollen wissen, dass knapp 70 (!) solcher künstlerischer Arbeiten im öffentlichen Raum teils erhebliche Mängel aufweisen oder völlig kaputt sind.

Unbefriedigend auch, wie es bisweilen im Wettbewerbskontext läuft. Umfangreiche Ausschreibungen, gekrönt von Bedingungen, die Künstler teils gar nicht umsetzen können, praxisferne Formulierungen, wohin man schaut. Und wenn dann die Preisgerichte getagt und ihre Empfehlungen abgegeben haben, darf man sich nicht selten wundern, wie dann das weitere Procedere läuft. Exempel Humboldt Forum: Die Stiftung als Bauherrin ermöglichte ein vielteiliges Wettbewerbsverfahren, bezogen auf unterschiedlichste architektonische Herausforderungen, und das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung koordinierte die jahrelange Planungs- und Umsetzungsarbeit. Hochkarätig auch die Jury, bestehend aus Fach- und Sachpreistrichtern. So weit, so gut.

Doch wie kann es sein, dass im Protokoll einer solchen Sitzung der Hinweis zu finden ist, dass »der Nutzer gegen den 1. Preis gestimmt hat«? Die Stiftung, damals durch den Bau-Vorstand Hans-Dieter Hegner stimmberechtigt vertreten, lehnte den nun realisierten und in den Medien bereits gefeierten Entwurf von Kang Sunkoo ab, »Statue of Limitations«, die halbierte Bronze-Flagge. Ob sie in Erfahrung gebracht hat, was mittlerweile halb Berlin flüstert? Ai Weiwei, der undankbare Deutschland-Kritiker, soll im April 2018 plötzlich aus dem Nichts aufgetaucht sein und Kang Sunkoo eine Art Flankenschutz gegeben haben. Was Wunder, handelt es sich doch um einen Mitarbeiter im Team von Ai Weiwei. Ein Schelm, wer denkt, es sei nicht korrekt zugegangen.

Recherchiert man den Vorgang um den 300 000-Euro-Auftrag, dann stellt sich heraus, dass Hegner und wohl auch die ganze Stiftung lieber den 2. Preis dieses Wettbewerbs verwirklicht hätten. Er stammt von Horst Gläsker, Düsseldorf: Mit »KOSMOS« hatte er eine beeindruckende Decken-Malerei für die große Treppenhalle entworfen, die obendrein direkt auf Alexander von Humboldt und die »Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose« Bezug nimmt. Diese Kunst am Bau hätte vom Werden und vom Vergehen berichtet, Tag und Nacht thematisiert, den Kulturort und seine Namensgeber, natürlich Wissenschaft und Kunst – kurzum alles, was auf der Basis eines NASA-Weltraumbildes künstlerisch möglich ist.

»KOSMOS« – ein Gläsker-Bravurstück, bis ins Detail von Brandschutz-Vorschriften und Montage-Anleitungen ausgeklügelt. Ein Blick in die Zukunft, historisch basiert. Ein Versäumnis, diese Idee nicht zu verwirklichen. Aber ein gutes Beispiel, wie viel schiefläuft, wo viele Menschen, Interessen und Leitfäden eingebunden werden, um die Demokratie auch in der Kunst gedeihen zu lassen. Dass dabei nicht automatisch Gutes entsteht, das mag nachdenklich stimmen.

In dieser Ausgabe: Ex-documenta-Leiter Adam Szymczyk fortan als Kurator in Amsterdam tätig (Seite 2). Kunsthändler Inigo Philbrick vom FBI verhaftet (Seite 4). Traditionsgalerie Marlborough in New York macht dicht (Seite 7). Wo das Bundesinstitut für Fotografie entstehen soll (Seite 7). Johann König und der Mäusebunker (Seite 8). Rassismus und der Kunstbetrieb (Seite 9). Marseille: Manifesta 13 in Vorbereitung (Seite 11). Düsseldorf: Susanne Gaensheimer hält an den Plänen fest (Seite 12). Hamburg: Carsten Brosda bleibt als Senator (Seite 14). New York: Attacke gegen Ronald Lauder (Seite 15). Nationalgalerie in Berlin mit oder ohne Direktor (Seite 17). Heiraten im Museum Wiesbaden (Seite 19). Preis-Check: Jo Baer (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 704 – Editorial

Informationsdienst KUNST 704

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vier Wochen lang, vom 4. Mai bis zum 4. Juni, durfte man sich wundern, warum es in Berlin nicht möglich ist, den Hamburger Bahnhof, das Gegenwartskunst-Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), endlich wiederzueröffnen. Wie der Großteil der Staatlichen Museen blieb die Institution trotz Freizeichen des Landes geschlossen, während der Präsident der Stiftung ein wenig tröstende Öffentlichkeitsarbeit machte: »Wir werden diese Zeit überstehen«. Dabei ist es doch gerade der Hamburger Bahnhof, so dachte, wer die Räumlichkeiten kennt, der als Museum reichlich Auslauf und Freigang gewährt, der eben tausende von Quadratmetern Ausstellungsfläche bietet und somit die Einhaltung der Abstandsregeln einzigartig möglich machen würde. Aber die Beobachtung passte zur allgemeinen Irritation, weil rundum viel dicht blieb, was die Staatlichen Museen zu Berlin verantworten, darunter das Bode-Museum oder die Sammlung Scharf-Gerstenberg oder gegenüber das Museum Berggruen. Wer zu Pfingsten einen Spaziergang machte, dort vorbeischauen wollte, erfuhr per Zettelbotschaft am Eingang, dass »bis auf weiteres« geschlossen ist.

Mit Verlaub: Man wird den Eindruck nicht los, dass die staatliche, in diesem Fall gewissermaßen die preußische Obhut den Einrichtungen nicht guttut. Auch wenn am 4. Juni, endlich, per Pressemitteilung die erlösende Botschaft kam, dass der Hamburger Bahnhof am 14. Juni wiedereröffnet werden soll, stellt sich die Frage, warum es sechs Wochen und in Bezug auf andere Museen noch viel länger dauern muss, bis die Verantwortlichen die seit Mitte März dichten Türen öffnen lassen. Was ist da schiefgelaufen? Hätten die Museumsleute im Home-Office nicht längst ihre Hausaufgaben machen können, um alles für den Neustart und die Hygienemaßnahmen vorzubereiten? Warum jetzt erst der Hinweis auf Ticketsysteme und Trennscheiben? Zum Haare-Raufen, das alles, dieses unsägliche lethargische Gebaren, als ginge es um nix, um gar nix.

Freilich wissen Insider, was da los ist. Die SPK, die mittlerweile über einen satten 400-Millionen-Etat verfügt, wie der soeben publizierte jüngste Jahresbericht dokumentiert, verlässt sich auf den heißen Draht zum Kanzleramt, zur Kulturstaatsministerin, die qua Amt sehr mit der Stiftung verbunden ist – und folglich im Bedarfsfall dafür sorgt, dass ein paar Extra-Milliönchen in die Von-der-Heydt-Straße kanalisiert werden, wo der allmächtige Präsident, Hermann Parzinger, auch den Gesamtetat hoheitlich verwaltet. Und im Notfall müssen halt die ohnehin mager gehaltenen Museumsleiter ihre Gürtel noch enger schnallen. Das heißt: Mehr brav Hausgemachtes aus dem eigenen Depot, wenig Glanzvolles, das Quote bringen dürfte. Ein Ausstellungsprogramm, das einer Weltstadt unwürdig ist. Schließlich wird obendrein gespart, wenn man ganze Häuser »bis auf weiteres« dicht lässt.

Ein Jammer, der besonders schwer wiegt, weil es in der SPK durchaus Kräfte gibt, die das Debakel sehen. »Nach ersten Hochrechnungen gehen wir von Mindereinnahmen von bis zu zwei Millionen Euro pro Schließungsmonat aus«, hat Christina Haak, die stellvertretende Generaldirektorin der Museen, kürzlich erläutert. Zwei Millionen pro Monat – ja, geht’s noch? Und da spielt Parzinger auf Zeit?

Geduld ist mittlerweile fehl am Platze, wenn es um die SPK geht. Es wird höchste Zeit, dass dort der Alarm ausgelöst wird, um die logistische Lahmheit in Preußen-Aspik zu vertreiben. An der Spitze dieser größten deutschen Kultureinrichtung braucht man, bitte, keinen qualifizierten, international geschätzten Wissenschaftler, sondern einen begeisterten Generalmanager, der die Ärmel hochrollt und dort für neue zukunftsfähige Strukturen sorgt (selbst der SPK bislang artig dienende Redaktionen wie »Der Tagesspiegel« oder die »Welt am Sonntag« fordern inzwischen Korrekturen; siehe Seite 5). Leider steht zu befürchten, dass der von der Bundesregierung eingesetzte Wissenschaftsrat, der demnächst sein kostengünstiges Evaluierungsdossier vorlegen soll, völlig überfordert ist, weil er selbst nicht weiß, was Management in der Kultur bedeutet (eine Agrarwissenschaftlerin als Vorsitzende). Monika Grütters hätte, gerne im Verbund mit der zuständigen Bildungs- und Forschungsministerin, einen anderen Weg gehen müssen. Sie hätte eine knallhart analysierende Unternehmensberatung einsetzen sollen, die schonungslos den Finger in die Preußen-Wunde legt und eine neue Ära einleitet, die Ära Stiftung Deutscher Kulturbesitz. Dem Bund ist doch sonst auch nix zu teuer: Sage und schreibe 35,5 Millionen Euro Honorare wurden in dieser Legislaturperiode bereits allein für Anwaltskanzleien ausgegeben, die Gutachten erstellen. So sollte dem Staat die Beratung zur überfälligen SPK/SDK-Transformation ein paar hunderttausend Euro wert sein.

In dieser Ausgabe: Überraschender Abgang von Corinna Thierolf aus der Pinakothek der Moderne, München (Seite 2). Am Branchen-Bedarf vorbei: Vorübergehende Senkung der Mehrwertsteuer (Seite 4). Spatenstich für das Freiheits- und Einheitsdenkmal in Berlin (Seite 7). Gießkannenprinzip in London: Turner-Preis (Seite 9). Nach Ausstellerprotest: Art Basel 2020 abgesagt (Seite 10). Kritik am Kreuz auf dem Humboldt Forum (Seite 13). Chance für den Kulturinfrastrukturfonds (Seite 14). Scheitern mit László Moholy-Nagy (Seite 16). Bewegung in den Kunst-Werken / KW Institute for Contemporay Art, Berlin (Seite 17). Konflikt um den »Erinnerungsort für LSBT«, Düsseldorf (Seite 20). Preis-Check: Thomas Ruff (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 703 – Editorial

Informationsdienst KUNST 703

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn nicht jetzt, wann dann? 2014 als Problem erkannt, 2018 per To-Do-Liste von SPD und CDU/CSU auf die Agenda genommen, tut sich nach wie vor nix. Immer noch gilt die völlig überzogene, den Kunsthandel malträtierende 19-Prozent-Mehrwertsteuer, wenn ein Galerist ein Bild oder eine Skulptur verkauft (ob in der Schweiz oder in Österreich, ob in England oder in New York: Überall weniger Steuer). Die Politiker stellen hierzulande ihre Ohren auf Durchzug; egal, wie der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) oder andere Lobby-Institutionen argumentieren. Aktueller Höhepunkt der jahrelangen Ignoranz in diesen Tagen: In der vom Corona-Virus vorübergehend völlig ausgeknockten Gastronomie wird nun, ohne großes Trara, die ermäßigte Umsatzsteuer eingeführt, obwohl sie dort – im Gegensatz zur Kunst-Branche – über keinerlei Grundlage aus dem politischen Alltag verfügt.

Dagegen wird seitens der Bundesregierung seit zwei Jahren der Vorsatz mitgeführt, den Kunstverkauf zu erleichtern, Deutschland international wettbewerbsfähiger zu machen. Ist das alles letzten Endes nur Makulatur? Auf Seite 170, Zeile 8114, Koalitionsvertrag, heißt es: »Wir setzen uns für die Anwendung des ermäßigten Mehrwertsteuersatzes bei gewerblich gehandelten Kunstgegenständen ein«. Und in der Zeile 8116 geht es ergänzend weiter: »Wir wirken darauf hin, dass der ursprüngliche gesetzgeberische Wille für den Kunsthandel aus dem Jahr 2014 verwirklicht wird.« Schon vergessen, Monika Grütters, Olaf Scholz? Weder die Kulturstaatsministerin noch der Bundesfinanzminister »lassen einen Willen zum Handeln erkennen«, erklären der Vorstand und die Geschäftsführung des BVDG in einem Brief vom 7. Mai, an Grütters, Scholz und Wirtschaftsminister Peter Altmaier gerichtet.

Kein Zweifel: Der Druck auf die lahmarschige Koalitionspolitik muss jetzt massiv erhöht werden. Die Branche darf es nicht länger hinnehmen, dass das brisante Thema noch nicht einmal auf die Tagesordnung kommt. Denn von Monat zu Monat zeichnet sich deutlicher ab, dass Galerien zu den sterbenden Unternehmen in diesem Land zählen. Seit Mitte des zurückliegenden Jahrzehnts kaum mehr Neugründungen, nur Schließungen, inklusive aller Konsequenzen, eben auch der fehlenden Kulturförderung, der abhandenkommenden Existenzsicherung für Künstler.

Weit über die Hälfte der deutschen Galerien bringt nicht mehr als einen Jahresumsatz von rund 70 000 Euro zusammen: 70 000 pro Unternehmen – das reicht nach Abzug aller Kosten zum Überleben nicht. Wenn dann zudem, wie in Corona-Zeiten, Messen ausfallen, gar die eigenen Räume geschlossen werden müssen, rutscht das matte, bedrohliche Ergebnis noch mehr in den Bilanz-Graben, und man kann sich leicht ausrechnen, wie viele Galerien demnächst Insolvenz anmelden müssen. Ein Fiasko, das nicht aufzufangen ist, wenn Cineastin Monika Grütters beinahe täglich mitteilt, wen sie wieder fördert (soeben rund anderthalb Millionen Euro für Kinderfilme, fünf Millionen für Programmkinos, drei Millionen Filmpreisgelder). Kein Trost, wenn Peter Altmeier an Kristian Jarmuschek und Birgit Maria Sturm, BVDG, schreiben lässt, dass er »den Ernst der Lage und die damit verbundene, existenzielle Krise vieler Menschen« erkannt habe. Schluss mit dieser nichtigen Wortemacherei! Taten statt Heißluft! Runter mit der Mehrwertsteuer! Jetzt!

In dieser Ausgabe: Irritierende Notiz im Sotheby’s-Jahresbericht (Seite 3). Überraschende Erklärung der EU-Kulturminister (Seite 4). Üble Attacken gegen Marina Abramovic (Seite 6). Venedig: Biennale verschoben (Seite 7). Berlin: Rieckhallen im Fokus (Seite 11). Thomas Olbricht und der dichtgemachte Me Collectors Room (Seite 12). Monika Grütters und weitere zehn »Neustart«-Millionen (Seite 12). Susanne Pfeffer und die MMK-Tristesse (Seite 14). Corona und die Folgen: Finanzmisere der Museen (Seite 15). Andrea Mayer als neue Kulturstaatssekretärin in Österreich (Seite 19). Debatte wegen Kicken-Ankauf in Düsseldorf (Seite 21). Harry’s Bar in Venedig macht nicht wieder auf (Seite 21). Preis-Check: Adrian Schiess (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 702 – Editorial

Informationsdienst KUNST 702

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, vielleicht haben Sie kürzlich das notgedrungen nur virtuell veranstaltete Berliner Theatertreffen ebenfalls auf dem Bildschirm gesehen. Der »Hamlet«, den ich von Jugend an in immer wieder anderen Inszenierungen wahrgenommen hatte, stammte diesmal aus dem Schauspielhaus Bochum (Regie: Johan Simons), wo er monatelang gespielt wurde – bis zum Aus durch Corona. Mit der großartigen Sandra Hüller als Hamlet und mit Kollegen wie Gina Haller und Stefan Hunstein war ein Ensemble im Einsatz, das die legendäre, 1602 fertiggestellte Shakespeare-Tragödie (auch dank Heiner Müller) mit allen Kräften in die Gegenwart holte – und dennoch: Sämtliche Regietricks im publikumsleeren Theater anerkennend, wollte der bildschirmflache Zwei-Stunden-Wahnsinn nicht wirklich zum Ereignis werden. »Hamlet« gehört auf die Bühne, nicht ins Fernsehen; basta.

Ich erwähne das Beispiel aus der durch die Krise besonders angeschlagenen Theaterszene, weil es in der Kultur stets um sinnliche Erlebnisse geht, um Berührung, Nähe, Konfrontation. Digital gefiltert, so scheint es, ist alles nur halb so intensiv. Mitten im Thema, im Thema unserer Branche: Was haben die Onliner in der Museen zuletzt initiiert, um ihre Institutionen im Gespräch zu halten; was wurde nicht alles ins Netz gestellt, wie haben sie alle fleißig gestreamt und gepostet, mehr oder weniger um die Wette antichambriert, als gelte es, dem Publikum künftig den Weg ins Museum zu sparen. Und auch hier eben die Erkenntnis: Ein Bild ist ein Bild, kein Abbild, das letztlich nur die Gefahr steigert, dass die nachrückende Generation nicht mehr zum echten Sehen bereit ist, sondern irgendwann irrtümlich das Instagram-Format als einzig wahres Kunst-Werk akzeptiert.

Ein Glück also, dass in der vergangenen Woche wieder vielerorts die Museen öffneten, freilich den Abstands- und Hygieneregeln verpflichtet. Und auch dort, wo die Einrichtungen, irritierend, immer noch zögern, weil sie sich angeblich jetzt erst Gedanken zur Sicherheit machen müssen (als hätte man in den langen Homeoffice-Wochen keine Zeit dafür gefunden), kommt Hoffnung auf. Während die Theater- und Konzertsäle sowie die Kinos weiterhin dicht sind, lässt es die bildende Kunst zu, in großen Räumen erneut ungefilterte Auseinandersetzung zu suchen, Intensität eben. So haben wir allen Grund, uns glücklich zu schätzen, die durch die übliche Kunst-Rezeption mögliche frühere Wiedereröffnung der Häuser zu feiern, mit Anstand und Abstand.

Aber ich frage mich nun, was hat die vorübergehende Schließung von Galerien, Kunstvereinen und Museen ausgelöst. Neben wirtschaftlichen Einbußen, teils von folgenreicher Bedeutung: Gibt es jetzt einen Neuanfang, einen anderen Zugang zur Kunst, eine überarbeitete Vermittlungsstrategie? Ja, wird die Branche womöglich eine Wende vollziehen, andere Ausstellungen machen, folglich frisch kommunizieren, vielleicht auch neue Distributionskonzepte umsetzen? Und welche? Oder bleibt schlichtweg alles beim Alten, weil Kunsthändlern und Museumsleuten nichts ein- oder aufgefallen ist? »Digitale Revolution« als Novum – das kann’s kaum sein. Zur »kulturellen Grundversorgung«, wie Monika Grütters es formuliert, gehört meines Erachtens mehr als die Überlegung, wie man in diesen Tagen aus dem Zehn-Millionen-Neustart-Etat der Staatsministerin ein paar Fördermittel beantragt, um Trennscheiben an der Museumskasse zu installieren.

In dieser Ausgabe: Der deutsche Biennale-Pavillon in Venedig, 2021, von Yilmaz Dziewior kuratiert (Seite 7). Wolfgang Tillmans im »Solidarity2020«-Einsatz gegen das Sterben der Subkultur (Seite 9). Grütters-Gegenspieler Johannes Kahrs verabschiedet sich (Seite 11). Raphael Gross und ein Kuratoren-Team forschen in Sachen documenta (Seite 12). Larry Gagosian als Picasso-Händler (Seite 13). Problem-Stätte Bossard (Seite 14). Krisen-Fall Kunstakademien (Seite 15). Corona und die Kunstzeitschriften (Seite 16). Weitere Öffnung durch Julia Draganovic in der Villa Massimo (Seite 18). Bonner Schlagabtausch wegen Erwin Wurms »Walking Bag« (Seite 20). Post von Günther Uecker (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 701 – Editorial

Informationsdienst KUNST 701

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, der Balanceakt der Politiker, zwischen Sorge um die Gesundheit für die Bevölkerung und Verantwortung für das wirtschaftliche Wohl des Landes den richtigen Weg zu finden, ist ein überaus komplizierter – und die Zeiten sind nicht dazu angetan, Parteiengezänk zu inszenieren. Zu schmal der Grat, in die Gefahr zu gleiten, Versäumnisse zu begehen oder im Übereifer der Maßnahmen das Falsche zu veranlassen. Allein die Tatsache, dass sich die beratenden Virologen in dieser Krise nicht immer einig sind, ja, dass sie selbst einräumen, die Erkenntnisse von gestern bisweilen morgen schon revidieren zu müssen, zeigt zweifelsfrei, auf welchem schwankenden Boden das alles stattfindet. Keine Gewissheit, keine Erfahrung, täglich von Neuem die Lage beurteilen zu müssen, Empirie, das ist jetzt Alltag der politischen Kaste.

Kaste – der Begriff mag erlaubt sein, weil er signalisiert, dass bei aller in Talk Shows erkennbaren Offenheit, letztlich doch in einer gewissen Abgeschiedenheit weitreichende Entscheidungen des Bundes und der Länder getroffen werden, die im Einzelfall die Zukunft der Unternehmen und ganzer Branchen prägen. Wenn die deutsche Gastronomie und natürlich auch die Hotellerie damit rechnen, dass in den kommenden Monaten rund 70 000 Firmen pleite machen und aufgeben müssen, dann verschwindet etwa ein Drittel dieser über Jahrzehnte gewachsenen Infrastruktur. Und es ist nur zu verständlich, dass die Regierenden im Zuge der zahlreichen Maßnahmen, die Corona-Folgen wenigstens teils aufzufangen und abzufedern, auch die Insolvenzordnung vorübergehend korrigiert haben.

Denn klar ist schon in diesen Tagen, zum Monatswechsel April/Mai, dass 2020 auch als Jahr der Insolvenzen in die Annalen eingehen wird. Waren es zuletzt, mithin 2019, noch knapp 19 000 Unternehmen, die in Deutschland aufgeben mussten, darf man in diesem Jahr und gewiss 2021 mit einer weitaus höheren Zahl rechnen, weil die Pandemie beinahe allerorten zur finanziellen Katastrophe führt.

So hat der Gesetzgeber die Insolvenz-Antragspflicht bis zum 30. September ausgesetzt, wenn nachweislich Corona eine Firma ins Schlingern gebracht hat (freilich bleibt das Antragsrecht bestehen, und wo die vorteilhafte frühe Anmeldung sinnvoll und alternativlos ist, sollte sie praktiziert werden). Das ist eine begrüßenswerte Maßnahme, die vermutlich auch einige der angeschlagenen Galerien über den Sommer und mit Hautabschürfungen doch noch ins nächste Jahr bringen könnte.

Aber alles in allem ist es leider nicht so, dass man den Eindruck gewinnen könnte, die Kulturszene liege der Bundesregierung sehr am Herzen. Die Signale, die aus dem Kanzleramt kommen müssten und dann folglich auch die Ministerpräsidenten der Bundesländer mitreißen könnten, fehlen weitgehend. Mit Bekenntnissen, wie wichtig die Kultur in dieser Gesellschaft sei, ist es nicht getan. Konkrete Hilfe wird benötigt, die über die Kleingeld-Verteilung hinausreicht. Doch Fehlanzeige sogar dort, wo es leicht wäre, mutig voranzugehen, etwa in Bezug auf die anstehende Wiedereröffnung der Museen, freilich unter Einhaltung der längst vorhandenen Sicherheitsstandards. Warum keine Äußerung seitens der Kulturstaatsministerin, wann die Bundesmuseen, darunter das Deutsche Historische Museum oder die Bundeskunsthalle, unter welchen Bedingungen wieder zugänglich sein werden? Warum kein Statement, wann die Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, deren Rechtsaufsicht sie ist, geöffnet werden?

Auf explizite Nachfrage nur die unverbindliche Antwort aus der Pressestelle, dass »in Abhängigkeit vom Fortgang des Infektionsgeschehens und der Belastungssituation im Gesundheitssystem zu entscheiden sein wird, wann auch die Museen und Ausstellungshäuser sowie weitere Kultureinrichtungen wieder öffnen können – unter Einhaltung der strengen Abstandsgebote und Hygieneregeln«.

Prompt drängt sich die Frage auf, warum ausgerechnet meist weiträumige Ausstellungsräume nicht betreten werden sollen, wenn zugleich Läden geöffnet haben, die voller Regale stehen, die nur wenig Freifläche bieten. Sollte die Kultur doch nicht so wichtig sein, wie gerne vollmundig proklamiert?

Oder ist alles ganz profan und leicht zu erläutern? Hält sich der Bund zurück, weil die Länder im Föderalismusstaat das Sagen haben sollen, ergo auch gegebenenfalls die Kritik einstecken müssen, sollten Museen, Kunsthallen und Kunstvereine zu früh öffnen – und die Infektionszahlen wieder nach oben schießen? Politisches Ränkespiel?

In dieser Ausgabe: Kritik von Gerhart Baum an der deutschen Kulturpolitik (Seite 4). Händewaschung und Maskenschau in der Galerie Schlichtenmaier (Seite 4). Corona-Solidaritätsaktion von Hauser & Wirth (Seite 6). Wenn Kunstkritiker an ihre Grenzen stoßen (Seite 10). Wie das Humboldt Forum zur Hängepartie wird (Seite 11). Wen der Sammler Reinhold Würth als CDU-Kanzlerkandidat sehen will (Seite 12). Gero von Boehms Film über Helmut Newton (Seite 12). Andreas Ammers Film über Klaus Staeck (Seite 14). Künstler und Grundrente (Seite 14). Start der Nick and Vera Munro Foundation (Seite 16). Galerien und Mindestabstand (Seite 17). Hamburgs Plan für ein Haus der digitalen Welt (Seite 21). Preis-Check: Ulrich Meister (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 700 – Editorial

Informationsdienst KUNST 700

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zugegeben: Bislang wusste ich nicht, wer Christoph Backes ist, auch Sylvia Hustsedt, Julia Köhn und Johannes Tomm kannte ich nicht. Ganz im Stillen arbeiten sie und ein Dutzend Kolleginnen und Kollegen als Berater der Bundesregierung. Bereits vor gut zehn Jahren gegründet, ist in Berlin ein Kompetenzzentrum Kultur- und Kreativwirtschaft tätig, das offenbar reichlich Einfluss auf allerlei Entscheidungen des Bundes nimmt, ohne die Öffentlichkeit wirklich einzubinden.

Von fehlender Transparenz zu berichten, mag denn erlaubt sein, weil diese Initiative, angedockt an das Bundeswirtschaftsministerium und an die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), offenbar gerne Zahlenmaterial in die politischen Prozesse schleust, das nicht ohne weiteres nachvollziehbar ist. Beispiele: Von knapp 30 Milliarden Kultur-Umsatz-Ausfall durch Corona wird aktuell schwadroniert; von Umsatz-Ausfällen bei Künstlern und Galeristen, die in diesem Jahr auf sage und schreibe 75 Prozent kommen sollen, wollen Backes und die anderen Analysten wissen.

Das klingt nach einer größeren Katastrophe, als ohnehin von Branchenkennern vermutet. Ich frage mich freilich, wie es sein kann, dass diese Quasi-Kahlschlag-Prognose aus dem Kompetenzzentrum zu einem von Bundesland zu Bundesland anderem Zuschussprogramm führt, dass auch die BKM, Monika Grütters also, die vor gut vier Wochen reichlich Hilfe des Bundes zugesagt hat, für den einzelnen Empfänger letztlich nur Kleingeld in den Galerien und Ateliers verteilen lässt.

Bei genauer Betrachtung sind es, so gut es gemeint war, nur Almosen. Sie selbst mag zwar generös dastehen, bekommt im Moment teils auch überschwängliches Lob, doch kurz wie »Danke« ist die Wirkung. Auf rasche Verpuffung angelegt, null Nachhaltigkeit. Galeristen können, wenn sie tatsächlich in den Genuss eines Zuschusses kommen, einmal die Miete begleichen, vielleicht noch die Leasing-Gebühr für den Lieferwagen oder das Fotokopiergerät. Und Künstler, noch weniger gefördert, wenn überhaupt, dürfen ein paar Mal unbeschwert im Supermarkt einkaufen, doch dann kommt das eiskalte Händchen. Wie allerorten zu hören, werden sie von den Behörden auf die Grundsicherung hingewiesen, auf den Hartz-IV-Weg also. Mit Verlaub: Maler und Bildhauer sind nicht arbeitslos; sie sind keine Arbeitssuchenden. Ein staatliches Missverständnis in Bezug auf diese Freiberufler, und genau hier würde man erwarten, dass Grütters ihrem CDU-Parteigenossen Peter Altmaier eine Kopfnuss gibt. Flankierend könnten Backes und Kompanie vielleicht wieder ein paar ernüchternde Zahlen spendieren.

In dieser Ausgabe: Statements zur Krise – von Bazon Brock bis Peter Weibel (Seite 5). Gedanken zur 700. Ausgabe Informationsdienst KUNST (Seite 7). Der Deutsche Museumsbund hofft auf Rückkehr zur Normalität (Seite 10). Warteschleife: Museum Morsbroich, Leverkusen (Seite 10). Ziellinie: ZADIK, Köln (Seite 14). Durchschuss: Karola Kraus, Wien (Seite 15). Julia Draganovic plant den internationalen Kuratoren-Kongress der IKT in Deutschland (Seite 16). Rainer Haubrich will eine Schnapsidee in Berlin, Humboldt Forum, umgesetzt sehen (Seite 18). Das ethnologische Museum der Zukunft (Seite 18). Der 102-jährige Frank Popper (Seite 20). Hamburg und die Corona-Krise (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 699 – Editorial

Informationsdienst KUNST 699

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kann man angesichts dieser rasant steigenden Fallzahlen, ob Infizierte oder Tote, weltweit, aber auch in unserer Nachbarschaft, über Kunst und Betrieb nachdenken, sprechen und schreiben? Spielen unsere Branche und ihre speziellen Probleme noch eine Rolle, wenn rundum die Corona-Pandemie auch ihre Dunkelziffer-Spuren hinterlässt und das ganze Land in die Depression gleitet? Antworten fallen schwer, weil sich längst auch unter den Vernünftigen viel ungesteuerte Emotion breitmacht, jeder voller Sorgen steckt, die persönliche Existenz betreffend, aber auch die Zukunft von Verwandten und Freunden. Ja, kein Zweifel: Es geht mittlerweile ums blanke Überleben, wenn täglich Hunderte von Menschen in einzelnen Regionen in die Kliniken kommen, wenn die Sterbefälle überhandnehmen und mancherorts bereits das Militär die Toten lastwagenweise abfährt.

Der öffentliche Raum, über den wir uns in der Kunst-Familie seit Jahrzehnten viele Gedanken machen, ist längst zum Schlachtfeld mutiert. Man sei im Krieg, so verkündete es Macron kürzlich, unverblümt, und Merkel erinnerte vornehm daran, dass es seit dem Zweiten Weltkrieg keine vergleichbar ernste Lage gegeben habe. Wohl wahr. Und dabei geht es nicht nur um die Tatsache, dass die Forschung so schnell kein Gegenmittel und keinen Impfschutz liefern kann. Ein Hauptproblem ist der wirtschaftliche Zusammenbruch, der jetzt schon erkennbar ist, jene vorhersehbare Generalinsolvenz, die alle Branchen treffen wird. Obgleich die Bundesregierung viele Milliarden in die Wirtschaft pumpen will, mit Bürgschaften, Überbrückungskrediten und Steuerstundungen allerlei Entlastungen ermöglichen wird, sind reichlich Zweifel angebracht: Reicht das? Gibt es eine Garantie, dass die Bundesrepublik ihren Bürgern nicht um die Ohren fliegt?

Denn wenn wir – in Monaten oder gar erst in zwei oder drei Jahren – diese übermächtige Krise per Social Distancing, Klopapier-Hamsterei und anderem Pipapo einigermaßen bewältigt haben, wird die Gesellschaft vor dem Nichts stehen, einen Neuanfang auf allen Ebenen wagen müssen. Natürlich birgt das grundsätzlich Chancen, weil neue Strukturen neue Verhältnisse schaffen. Im Einzelfall, und da gehört nun mal unsere Kunst-Branche dazu, dürfte es allerdings schwer werden, weil nicht bei null, sondern bei minus irgendwas gestartet werden müsste. Erinnern wir uns: Seit Jahren, allemal seit 2014, als Galeristen plötzlich 19 Prozent Mehrwertsteuer beim Kunst-Verkauf veranschlagen mussten und im internationalen Wettbewerb ins Hintertreffen gerieten, wird der Handel gnadenlos geschröpft, mit teils absurden Gesetzen und Verordnungen schikaniert.

In der Folge leiden auch die Künstler, jedenfalls alle, die nicht auf Gerhard-Richter-Skala verdienen. Der Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, Olaf Zimmermann, der sich momentan tüchtig ins Zeug legt, um für die Kultur möglichst viel aus dem 50-Milliarden-Topf für Kleinunternehmen und Soloselbstständige zu holen, hat vor zwei Wochen attestiert, dass Künstler hierzulande ein Jahresdurchschnittseinkommen von 17 852 Euro (!!) haben, also knapp anderthalbtausend Euro pro Monat! Das lausige Resultat wurde für 2019 und dank der Künstlersozialversicherung ermittelt, und es gibt eine leise Ahnung, in welch dramatisches Tief dieses Land nach Corona fallen wird. Dass die schwarze Null keine Priorität mehr hat, dass per Nachtragshaushalt der 360-Milliarden-Bundeshaushalt aufgebessert werden soll, ist trotz aller guten Ab- und Umsichten sowie Vor- und Rücksichten reinste Augenwischerei. Der derzeit wohl unumgängliche Stillstand wird das Land ruinieren. Erst dann, so die Prophezeiung, kommt die Stunde der Künstler. Beim mentalen Wiederaufbau.

In dieser Ausgabe: Wie Museen und Kunstvereine durch die Krise kommen (Seite 9). Warum Moritz Wesseler, Kassel, Forrest Bess wiederentdeckt (Seite 9). Was Hans Ulrich Obrist im Londoner Hyde Park macht (Seite 11). Rauswurf-Gefahr: Künstlersozialkasse (Seite 11). Messe-Nachspiel: TEFAF, Maastricht (Seite 14). Strategien der Galerien im Kampf gegen Corona (Seite 15). Fälschungen und andere Verbrechen: Neuerscheinungen von Hubertus Butin sowie Stefan Koldehoff und Tobias Timm aus Berliner Verlagen (Seite 15). Masken-Spenden der Museen in Amsterdam und Berlin (Seite 19). Beispiel Freiburg: Wie das Virus das Kulturleben lahmlegt (Seite 19). Preis-Check: Francesca Woodman (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 698 – Editorial

Informationsdienst KUNST 698

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in den vergangenen Wochen hatte ich, mehr als ohnehin stets üblich, reichlich Kontakt mit Galeristen. In unzähligen Gesprächen und insbesondere auch in den E-Mail-Dialogen spürte ich, gewiss nicht nur wegen der bedrohlich erscheinenden Corona-Situation, größte Sorge um die Zukunft der Branche. »Wenn es so weitergeht, gibt es bald keine Galerien und Kunsthandlungen mehr«, schrieb mir der Essener Galerist Otmar Neher, und weil es sich um einen vertraulichen Austausch gehandelt hatte, fragte ich den Händler, ob ich sein Zitat hier im Branchenbrief verwenden dürfe.

Prompt stimmte er zu, nicht ohne nachzureichen, dass der Satz ja nicht neu sei, dass die meisten der bekannten Galerien nur mit dem Kunsthandel im Hintergrund überleben und Geld verdienen könnten. Aus Nehers Zeilen, keine Frage, kam viel Enttäuschung, ein Hauch von Resignation. Dabei verwies der in der Branche bekannte Mann auch auf eigene Schwächen. Für den öffentlichen Auftritt sei er beispielsweise nicht trainiert, aus politischen Diskussionen habe er sich folglich immer herausgehalten. Wie eben etliche seiner Kollegen.

Und so mag es sich vielleicht auch erklären lassen, dass zwar der Bundesverband seine Lobby-Aufgabe engagiert wahrnimmt, doch von einzelnen Betroffenen eher wenig zu den Handikaps für den Berufsstand der Kunstvermittler zu hören ist, obgleich die Flut der von der Politik arglos oder heimtückisch gebastelten Hindernisse laufend zunimmt. Wie bekannt: Zuletzt der Geldwäsche-Spitzeldienst. Otmar Neher: »Jetzt müssen wir unsere Kunden erst einmal daran gewöhnen, dass wir ihre Identität kennen müssen (für die Akten). Das ist eine sehr schwierige Aufgabe, die uns der Staat auferlegte« – ich gestehe: Allein in der disziplinierten Formulierung zeigt sich die unendliche Geduld der Galeristen und Händler, auch ihre Rücksicht gegenüber der staatlichen Rücksichtslosigkeit. Mich irritiert das.

Seit Jahren geht das nun so, und niemand im politischen Berlin scheint sich verantwortlich zu fühlen, weder im Finanz- noch im Wirtschaftsministerium, und von Monika Grütters, die 2021 wohl ihren Kulturstaatsministerin-Posten im Kanzleramt verlieren wird, darf man in dieser Sache nicht viel erwarten – zumal ihr ohnehin aus den beiden echten Ministerien geflüstert wird, wo Barthel den Most holt. Wolfgang Schäuble, bis 2017 der Rechenmeister der Nation, soll angeblich gerne vom vielen Schwarzgeld gesprochen haben, das im Kunstmarkt kursiert. Dieses Denken blieb nicht folgenlos. Die fragwürdige Akzeptanz der 19-Prozent-Mehrwertsteuer auch für die Ware Kunst gehört dazu, wird trotz gelegentlicher Beteuerungen nicht ernsthaft infrage gestellt.

Dabei geht völlig unter, was Galeristen heute leisten. Von der bildnerischen Nachwuchsförderung bis zur Bildungsaufgabe, die sie in ihren Schauräumen für jedermann und gratis wahrnehmen, reicht das Spektrum. Gedankt wird ihnen nicht. Junge Künstler, für die sie Ausstellungen und Kataloge gemacht haben, deren Werke sie kostenintensiv auf Messen zeigten, wechseln irgendwann zu Gagosian oder einem der anderen Umsatz-Milliardäre, und das Laufpublikum, dem die Kunst an der Kunst erläutert wurde, kauft sich dank Internet ein Dalí- oder Heidi-Klum-Poster.

Als ich im Mai 2006 ein Statement unter der Headline »Die Galerie als Auslaufmodell« veröffentlichte, bekam ich von etlichen Lesern eine Art Abmahnung. Ich sei zu skeptisch, ich liege falsch, so hieß es. Angesichts bereits gemeldeter oder in diesem Jahr noch kommender Galerie-Schließungen, so denke ich, wird der Widerspruch diesmal gewiss gering ausfallen.

In dieser Ausgabe: Wie die amerikanische Kunstkritik auf Gerhard Richter reagiert (Seite 4). Wie das Corona-Virus den Kunstbetrieb lahmlegt (Seite 8). Warum Florian Pronold als Bauakademie-Direktor noch vor Dienstbeginn kapituliert (Seite 8). Monika Grütters und die Bundesverdienstorden (Seite 8). Die Architektur-Biennale in Venedig, verschoben auf August, will weit in die Zukunft blicken (Seite 10). Die TEFAF im Corona-Jahr (Seite 13). Die Deutsche Bank und ein umstrittener Kunst-Verkauf (Seite 14). Die BDA-Fehlerkette in Wiesbaden (Seite 16). Der Holberg-Gedenkpreis für Griselda Pollock (Seite 18). Das Fastentuch von Erwin Wurm (Seite 20). Neuer Preis: »Oscar der Museen« (Seite 21). Preis-Check: Jutta Koether (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 697 – Editorial

Informationsdienst KUNST 697

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Stephan Zilkens, einer der Scharfseher, wenn es um Kunst und damit zusammenhängende Versicherungen geht, hat vor Tagen und im Hinblick auf eine kommende Veranstaltung im Rahmen der Art Cologne eine Zahl kommuniziert, die einmal mehr dazu beiträgt, dass wir uns alle fragen müssen, was mit unseren Politikern los ist. Dass sie es dem Kunsthandel unsäglich schwer machen, in ihrem oft beschriebenen Übereifer auf dem Weg sind, eine Branche ins wirtschaftliche Abseits zu drängen, ist auch im Informationsdienst KUNST häufig genug kommuniziert worden. Aber genau genommen, so scheint es, killen sie mit ihrer Arglosigkeit (oder ist es vorsätzliche Dreistigkeit) ganze Wirtschaftszweige.

Zilkens hat ausgerechnet, dass insgesamt knapp sieben Milliarden Euro (!) in den Haushaltsvereinbarungen des Bundes und der deutschen Länder stehen – als Staats- beziehungsweise Landeshaftungen für 2020, sollte in Museen, die diesen Flankenschutz annehmen, etwas passieren. Indessen: Mittel in dieser Höhe sind eben gar nicht eingestellt, sie müssten von den Parlamenten erst nachträglich per Nachtragshaushalt oder per Kreditaufnahme genehmigt werden. Peanuts sind es nicht. Irgendwo ein Total-Verlust wäre der Super-Gau. Denn kleinere Bundesländer müssen mit einem solchen Milliarden-Betrag alles finanzieren, sämtliche öffentlichen Aufwendungen. Landeshaushalt-Niveau also. Jahresetat.

Diese kühne, kurzsichtige Haftungsmaßnahme führt zwar dazu, dass alles in allem die eine oder die andere Million Versicherungsbeitrag gespart wird, doch im Fall der Fälle müsste letztlich der Steuerzahler löhnen. Die Kunstversicherungen gucken derweil in die Röhre, nehmen nichts ein, geben im Notfall der Museen aber auch nichts aus. Einmal mehr schaltet sich der (Überschuss-)Staat in Belange ein, die zu regulieren ihn eigentlich nichts angehen sollte. Von denen er auch nichts versteht. So gerät aus der Balance, was einst gut auf marktwirtschaftlicher Basis entwickelt war. Und das von Jahr zu Jahr mehr, weil die Kaufleute in Museen den Rotstift ansetzen, öffentliche Haftung bevorzugen, trotz aller Handikaps im Schadensfall.

Die seit Jahrzehnten zunehmenden Preise für Kunstwerke, von denen der Staat im Übrigen dank überzogener Mehrwertsteuer tüchtig profitiert, können nicht rechtfertigen, dass man die folglich höheren Werte (und Versicherungsprämien) staatlich aufzufangen versucht – mittels Staatshaftung, dieser dubiosen, halbherzigen Sicherheit . Stattdessen: Weniger Museumsneubauten, dagegen mehr Etats für die bestehenden Museen, die dann auch selbst Versicherungen abschließen könnten. So müsste es sein.

Der Verzicht auf das vermeintlich komfortable Staatshaftungsmodell würde nebenbei einen immensen Wettbewerbsnachteil auf Seiten der kommunalen Museen verhindern. Sie können bekanntlich keine Sicherheiten dieser Art beanspruchen, ihre Ausstellungen kosten sie wegen der Policen, die in die Kalkulation genommen werden müssen, mehr als vergleichbare Projekte der Bundes- und Landesmuseen. Ein Wunder, dass dazu aus den Städten und Gemeinden bislang keine Interventionen kommen. Aber womöglich denkt so manche/r kommunale Museumsdirektor/in, er/sie könne es sich doch mit den Landes- und Bundespolitikern nicht verderben. Vielleicht brauche man die noch mal – zum Halten von Eröffnungsreden, zum Angeben. Promi-Faktor-Steigerung und so weiter. Mit Verlaub: Alles Humbug. Es geht doch, wie immer, ums große Ganze.

In dieser Ausgabe: Die beherzte Berlinale-Rede von Monika Grütters (Seite 5). Der Monet-Heuschober-Schatz von Hasso Plattner (Seite 7). Wie die Schweizer Messemacher auf Online-Viewing setzen (Seite 8). Wie Städel-Direktor Philipp Demandt mit Vincent van Gogh eine halbe Million Besucher zählte (Seite 8). Knapp 700 Künstler für Bernie Sanders als US-Präsident (Seite 10). Cecilie Hollberg, Florenz, wieder im Museumseinsatz (Seite 12). Ai Weiwei und der Widerspruch einer Studierenden (Seite 12). Italien im Corona-Ausnahmezustand (Seite 13). Berlin: Urteil im Goldmünzen-Prozess und die Klage des Leihgebers (Seite 15). Karlsruhe: Peter Weibel als Künstler (Seite 16). Preis-Check: Oli Epp (Seite 21). Impressum (Seite 15).

Informationsdienst KUNST 696 – Editorial

Informationsdienst KUNST 696

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Altdorfer, Botticelli, Bruegel, Cranach, Dürer, Holbein, Mantegna, Rembrandt, Rubens, Tintoretto, Tizian, Watteau – was die Berliner Gemäldegalerie in ihrem Bestand führt, das ist atemberaubend, das hat höchstes Niveau. Weltklasse also. Und die Bedeutung der Sammlung resultiert auch aus der Tatsache, dass sie nicht auf dynastischer Basis entstanden ist, wie man das in Dresden, Madrid oder Wien dokumentieren kann. Stattdessen haben Wissenschaftler, fernab jeglicher Repräsentationsansprüche, unter kunsthistorischen Aspekten zusammengetragen, was über das weithin vertretene Barock hinaus relevant erschien. Der heutige Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, Michael Eissenhauer, nennt den 1929 gestorbenen Wilhelm von Bode, wenn er nach dem wichtigsten Direktor der Gemäldegalerie gefragt wird. Aus ihrem Fundus, so hört man, werden laufend Werke ausgeliehen – von den renommiertesten Museen, weltweit.

So gesehen, spielt die Gemäldegalerie am nach wie vor unwirtlichen Kulturforum der Hauptstadt in einer internationalen Liga, gewissermaßen auf Augenhöhe mit den Häusern in London, Paris oder New York. Und wenn man in den vergangenen Tagen aufmerksam beobachtete, wie eine dpa-Meldung unter der Headline »Mehr Besucher« allerorten mediale Beachtung fand, dann könnte gemutmaßt werden, in Berlin alles sei bestens. Doch mitnichten. Jene 4,1 Millionen Besucher für alle Museen der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, 2019 natürlich auch dank der im vergangenen Jahr eröffneten James-Simon-Galerie zustande gekommen, können sich als Quote nicht wirklich sehen lassen. Denn trotz (Simon-)Zuwachs ist das Gesamtergebnis für knapp 20 zugängliche Einrichtungen erschreckend niedrig, ärmlich eben. Ein Beispiel: Die Gemäldegalerie verzeichnete im Jahr 2009 immerhin 343 000 Besucher, 2019 waren es nur noch 310 000. Gleichwohl haben die Kommunikationsstrategen der Stiftung verbreitet, es sei, alles in allem, seit 2013 das erfolgreichste Jahr.

Bisweilen hilft der Blick über den Berliner Tellerrand, um die Zahlen einzuordnen. Was alle Staatlichen Museen in Berlin zusammenbringen, nämlich jene 4,1 Millionen, übertrumpfen einzelne Museen in anderen Ländern deutlich. Unsere aktuellen Nachfragen in der Tate Modern (5,7 Millionen), im Metropolitan (7,0 Millionen) und im Louvre (9,6 Millionen) haben vor Tagen ergeben, dass Berlin weit abgeschlagen erscheint. Selbst im Vergleich mit dem Prado in Madrid (3,5 Millionen) lockt Eissenhauers Gemäldegalerie noch nicht mal ein Zehntel jener Besucher ins Haus. Oder: Wenn wir 2019 in Berlin die Besucherzahlen von Gemäldegalerie, Alte Nationalgalerie, Bode-Museum, James-Simon-Galerie, Kupferstichkabinett, Museum Berggruen, Sammlung Scharpff-Gerstenberg und Hamburger Bahnhof addieren, kommen wir gerade mal auf jene rund 1,7 Millionen Besucher, die das Kunsthistorische Museum in Wien allein zählt. Mit Verlaub: Muss man da nicht nachdenklich werden, Handlungsbedarf anmelden?

Bringen wir es mal auf den Punkt: Stiftungspräsident Hermann Parzinger, der seinem Generaldirektor Eissenhauer nichts oder zu wenig zutraut, meint seit Jahren beharrlich, in Personal- und Etatfragen alles selbst beantworten zu müssen. Ganz preußisch: Der Herr gibt. Das bedeutet: Er, Parzinger, entscheidet im Alleingang, was die Staatlichen Museen zu Berlin aus dem Stiftungsetat (rund 360 Millionen) zugeteilt bekommen. Es ist eindeutig zu wenig (siehe ID 694, Editorial, Seite 3, Seite 4); es lässt keine großen Bewegungen im publikumsbringenden Ausstellungsgeschäft zu. Aber ein Wunder ist es nicht. Denn er, der Präsident, der als weltweit geschätzter Archäologe immer wieder einmal zum Buddeln fährt, hat nicht wirklich Ahnung von Museumsarbeit. Im größten seiner fünf Stiftungsressorts ist er quasi nicht zuhause. Die »Schatzkammer Berlin« (so der Filmtitel von Dag Freyer) dient im Wesentlichen nur als Aufbewahrungsanstalt für rund fünf Millionen Kunstwerke. Dabei wäre es dringend vonnöten, dass jemand visionär die Weichen stellt sowie Konzepte und Strukturen entwickelt, wie auch mit weithin beachteten Ausstellungen und Projekten der internationale Anschluss gefunden werden kann. Die matten Besucherzahlen sind letztlich nur die Quittung einer völlig desolaten Lage.

In dieser Ausgabe: Multiple zum Selbstbau – Ai Weiwei und Hornbach (Seite 5). Archivalien als Geschenk – Bazon Brock und die documenta (Seite 7). Aus für Blain|Southern in Berlin, London und New York (Seite 8). Unbürokratisch: Ernst von Siemens Kunststiftung (Seite 8). Gehackt worden: Hans Haacke (Seite 10). UdK-Präsident in Berlin: Norbert Palz (Seite 13). Phase der Konsolidierung: Beobachtungen bei Christie’s und Sotheby’s (Seite 13). Neue Pariser Galerienszene an der Peripherie der Stadt (Seite 16). Paul Maenz beschenkt Berlin erneut (Seite 16). Theater: John Bock und Lars Eidinger (Seite 19). Kunstkritik: Julia Voss (Seite 20). Marktpreise: David Schnell (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 695 – Editorial

Informationsdienst KUNST 695

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, jetzt schlägt’s gewissermaßen dreizehn. Als müsse man als unabhängiger Journalist nicht ohnehin am laufenden Band die Meinungsfreiheit verteidigen, sich gegen allerlei Unterlassungsforderungen und andere Begehrlichkeiten behaupten, nun auch zunehmend Äußerungen, die unsere Gilde als Fake-News-Produzenten und üble, allemal entbehrliche Zeitgenossen darstellen. Das Spektrum der Presse-Gegner reicht von CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer (siehe ID 694, Seite 4) bis zum Möchtegern-Wildgruber Lars Eidinger (siehe Seite 17 dieser Ausgabe), der am 23. Januar in einem »Süddeutsche Zeitung«-Interview sein Instagram-Plädoyer mit einer Ohrfeige für professionelle Medien-Arbeiter verknüpfte.

Dass dabei eine gesellschaftliche relevante Berufsgruppe verunglimpft wird, die früher in der Kritiker-Rolle als Korrektiv im Staat willkommen war und nun allmählich durch die oft unsozialen Sozialen Medien von Ablösung und Tod bedroht ist, schien der Schauspieler nicht zu merken. Im Rausch der eigenen Eitelkeit (»Wir leben im Zeitalter des Narzissmus«) hielt es der Tausendsassa (Filmdarsteller, Theaterakteur, Fotograf, DJ, Designer) für opportun, sein Bild in der Öffentlichkeit nicht von Journalisten prägen zu lassen. Wie Kramp-Karrenbauer: Wir berichten selbst über uns, so die Botschaft, was hier impliziert, auf professionellen Journalismus sei leicht zu verzichten.

Im Humus solcher Fehleinschätzungen gedeiht aufs Vorzüglichste eine Hetz-Kampagne von rechts außen. Olaf Zimmermann, dem Geschäftsführer des Deutschen Kulturrates, ist es zu verdanken, dass eine schon beinahe untergegangene Nachricht quasi im letzten Moment doch noch öffentlich wurde. Zimmermann berichtete vor wenigen Tagen von einer Drucksache, Nummer 17/8417, im Landtag von Nordrhein-Westfalen, bezogen auf einen Gesetzesentwurf zur »stärkeren Verankerung« der freiheitlich-demokratischen Grundordnung in der Arbeit des Westdeutschen Rundfunks.

Schon die Diktion lässt nichts Gutes ahnen, und tatsächlich hat die AfD-Fraktion in Düsseldorf, angedockt an das »Umweltsau«-Affärchen, die Gunst der Stunde nutzen wollen, um die Freiheit von Journalisten massiv einzuschränken. Kaum zu glauben, aber geht es nach dem AfD-Kanonier Herbert Strotebeck, Drucksache 17/8525, dann sind fortan in NRW Journalisten vom Verfassungsschutz auf ihre Verfassungstreue zu überwachen. Ausgerechnet die AfD muss einen solchen Entwurf in den parlamentarischen Umlauf bringen, absurd.

Wer seine Kritiker-Aufgabe nicht als dilettantisches Online-Hobby betreibt, sondern seit Jahrzehnten beruflich und somit verantwortlich agiert, könnte trübsinnig werden. Denn die Entwicklung der Medien steuert ins Abseits. Weltweit werden Journalisten observiert, drangsaliert und ermordet, und die Einschränkung von Pressefreiheit ist auch längst hierzulande zu spüren. Das alles passt in eine Zeit, in der die gute Laune täglich abnimmt, sogar in diesen Wochen, vor dem Rosenmontag, am 24. Februar. Eine Stimmung wie im Totenmonat November, wenn landauf und landab in der Kunstszene über Trauer sinniert wird und Kuratoren lieber dem Sterben als dem Leben auf der Spur sind.

Oberbürgermeister Andreas Hesky lädt nach Waiblingen ein, wo bis Ende April »Liebe, Traum und Tod« gezeigt werden, eine Max-Klinger-Schau. In der Hamburger Kunsthalle startet soeben die Ausstellung »Trauern. Von Verlust und Veränderung« (bis Mitte Juni). Und in der Alten Nationalgalerie in Berlin plant das Team derzeit für den Wonne-Monat Mai »Todessehnsucht und Dekadenz« (bis Mitte September). Kurzum: Vom belgischen Symbolismus bis zur Kunst der Dreißigjährigen (beispielsweise Bunny Rogers als Trauer-Artistin im Kunsthaus Bregenz, bis 13. April) – auf allen Ebenen und allerorten viel Abschied. Ganz so, als sei rundum alles nur noch traurig. Ist es das? Beispiele zuhauf? Ja, durchaus. Dennoch ein Trost: Jedem Abschied wohnt ein Neuanfang inne. Man muss ihn halt finden.

In dieser Ausgabe: Irritation wegen Berufung der neuen russischen Kulturministerin, Olga Ljubimowa (Seite 3). Fragen wegen Ausstellungsort für den jüngsten Kollwitz-Preisträger, Timm Ulrichs (Seite 5). Rechtsstreit um Bauakademie-Direktor Florian Pronold (Seite 6). Verlegerwechsel nach Rückzug von Florian Illies (Seite 9). Corona-Virus: Art Basel Hong Kong in Gefahr (Seite 9). Umbau-Maßnahme: Dorit & Alexander Otto Stiftung beschenkt Schwerin (Seite 13). Gelungener Start: Julia Draganovic, Villa Massimo (Seite 13). Neues Museum: Fotografiska New York (Seite 16). Peinliche Nummer: Lars Eidinger (Seite 17). Insolvente Nummer: Johanna Penz (Seite 18). Strafzoll-Nummer: Donald Trump (Seite 19). Preis-Check: Günther Förg (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 694 – Editorial

Informationsdienst KUNST 694

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, gewiss ist es Ihnen auch längst aufgefallen, dass wir in Deutschland, mag sich mancherorts durchaus dies und das verzögern, alles in allem auch unter einem Hang zur Voreiligkeit leiden. Überstürzt werden, weil sich Politiker profilieren wollen, allerlei Museumsbauprojekte angekurbelt und die erforderlichen Basismittel besorgt, bevor überhaupt klar ist, was im Gehäuse inhaltlich passieren soll. Jüngstes Beispiel ist zweifellos das geplante Zentrum für Fotografie, dessen sinnvolle Gründung niemand in Zweifel zieht. Aber wie kann es sein, dass Johannes Kahrs (SPD), der Kultur-Experte im Haushaltsausschuss des Bundestages, der wohl selbst gerne Staatsminister wäre, an Monika Grütters (CDU) vorbei einen Alleingang nach Düsseldorf und zu Andreas Gursky macht – und am Ende über 41 Millionen Euro für einen Bundesbau bewilligt sind, bevor das Gesamtkonzept für eine solche Institution steht? Ist das nicht irre?

Das Kahrs-Solospiel zugunsten der Fotografie und des Rheinlands passt freilich bestens zu anderen Frühstarts auf Bundesebene in Berlin. Im Zuge der endlosen Debatten um die historisierende Deko-Hülle Humboldt Forum wurde es jahrelang versäumt, ernsthaft Profil und Programm des Weltkulturen-Museums auch im Zuspiel der beteiligten Kräfte zu erörtern. Und was im geplanten Museum des 20. Jahrhunderts genau stattfinden wird, weiß offenbar auch niemand genau – zumal es Gerüchte gibt, dass die vorgesehenen Bestände aus Privatbesitz am Ende nicht oder nicht vollumfänglich zur Verfügung stehen werden. Sie waren aber einst das ausschlaggebende Argument, um die jetzt schon in der Frühphase des Projekts teurer gewordene Architektur aus Steuermitteln zu finanzieren.

Mit neuen Häusern, so scheint es, können Politiker auftrumpfen und Pluspunkte sammeln. Kein großes Problem offenbar, den Bundestag zu überzeugen, das Millionen-Füllhorn auf die Baustellen zu lenken. Dagegen rührt sich wenig, wenn es um den Erhalt und die Entwicklung vorhandener Einrichtungen geht.

Sie kennen das Drama: Von ganz wenigen Museen und Kunsthallen abgesehen, wo eine angemessene Etat-Situation registriert werden darf, gibt es überall, ob auf kommunaler Ebene oder im Kontext von Landes- und Bundesmuseen, das große Wehklagen, weil die Mittel nicht reichen, um beispielsweise ein attraktives Ausstellungsprogramm zu realisieren. Was da so alles dank der bescheidenen Bordmittel, ohne Fremdkosten zu verursachen, letztlich zusammengepfuscht werden muss. Aus eigenen Beständen in die selbst gebastelte Quotenfalle – so läuft es oft. Frustration bei den Kuratoren, Kopfschütteln bei den Besuchern. Improvisationen, die nichts bringen, weder konzeptionell noch umsatzmäßig. Deutsche Wirklichkeit, seit Jahren schon.

Macht man sich die Mühe, einmal irgendwo den Zahlensalat zum Jahreswechsel detailliert unter die Bilanz-Lupe zu nehmen, dann stellt sich Mitleid ein – mit den Museumsleuten, die unter diesen Umständen eine überzeugende Arbeit machen sollen. Der (356-Millionen-Etat-)Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, wo der Generaldirektor der Staatlichen Museen keinen Einfluss hat, rechnete für 2019 aus Haushaltsmitteln und Eintrittsgeldern 3,85 Millionen Euro zusammen, ergänzt durch 3,3 Millionen Drittmittel dank Freundeskreise und Sponsoren, um schließlich rund 7,1 Millionen Euro Ausstellungsetat für alle (!) und somit knapp 20 Museumsgebäude zur Verfügung zu stellen.

Klartext: Rund 350 000 Euro Etat für Ausstellungen und Aktivitäten pro Haus und pro Jahr. 350 000 Euro – ja, geht’s noch? Monatlich also etwa 30 000 Euro. Logisch, dass das Jahresprogramm 2020 der Staatlichen Museen zu Berlin so dürftig aussieht, hausbacken eben, obgleich es nun anderthalb Milliönchen mehr geben soll. Vorausgesetzt, Freunde und Sponsoren bleiben der Stiftung und ihrem halb verhungerten Museumsressort gewogen. Man mag es sich nicht ausmalen, was zum Beispiel ohne die Freunde der Nationalgalerie wäre. Den Hamburger Bahnhof dichtmachen? Womöglich.

Das Problem liegt letztlich auch dort, wo in der Hauptverwaltung der Stiftung ignoriert oder in Unkenntnis der musealen Arbeit schlichtweg verpennt wird, ausreichend Ausstellungsmittel zu bewilligen. Nur mal ein Vergleich: Für eine einzige Ausstellung in diesem Jahr, für die Berlin Biennale, hat Monika Grütters über die Kulturstiftung des Bundes drei Millionen Euro fließen lassen. Drei Millionen – damit müssen sämtliche Museen zu Berlin rund vier Monate lang Ausstellungen und Programm machen. Das kann auf Dauer nicht gutgehen.

In dieser Ausgabe: Die UNESCO und das immaterielle Kulturerbe (Seite 5). Die Klassik Stiftung Weimar und ihre Digital-Offensive (Seite 8). Goldmünzen-Leihgeber Boris Fuchsmann zieht vor Gericht (Seite 10). Tabubruch-Präsident Donald Trump bedroht Kulturdenkmäler (Seite 11). Es wird improvisiert: Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Sonsbeek 2020 (Seite 11). Es wird teuer: Jaime Botin und der Picasso-Schmuggel (Seite 12). Chobot-Sammlung für Wien (Seite 13). Huts-Sammlung für Antwerpen (Seite 15). Porno, Kitsch und Koons: »Bild am Sonntag« (Seite 15). Baselitz, Hirst und Richter: Duo Horten/Husslein (Seite 17). Gelatin und kein Ende (Seite 18). Vegetarier und kein Stillleben (Seite 19). Preis-Check: Gerhard Hoehme (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 693 – Editorial

Informationsdienst KUNST 693

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, willkommen in den Zwanzigerjahren dieses noch jungen Jahrtausends. Natürlich denken alle sofort an die glorreichen Zwanziger des vergangenen Jahrhunderts, als das Leben noch analog stattfand und Sinnlichkeit größter Intensität bot, auch Exzess, Orgien gar. Aber im nostalgischen Blick zurück ist die Zukunft nicht zu bewältigen, wenngleich sie ohne historische Bodenbildung auch keinen Bestand hat. Wir müssen eben schauen, dass die Wehmut nicht überhandnimmt, dass die Dinge in einer gewissen Balance bleiben. Zugegeben: Je älter man wird, desto schwerer fällt es, das mentale Gleichgewicht zu halten. Man muss dosieren, hier und dort.

Als ich, vor vielen Jahren schon, sowohl Freunden als auch Bekannten beibringen musste, dass ich bereits kurz nach Handy-Einführung diese Kommunikationstechnik entsorgte, erntete ich ungläubiges Staunen. Ein Journalist ohne permanenten Zugriff auf News – unvorstellbar. Doch sich auf die laufend entwickelnden Smartphone-Vorzüge einzulassen, von 2007 an von Apple als iPhone in Umlauf gebracht, bedeutet eben auch, sich zum Sklaven digital gefilterten Lebens machen zu lassen. Suchtgefahr inklusive.

Da wird auf Teufel komm raus gewischt und getippt, als müsse die ohnehin zur Oberflächlichkeit neigende Gesellschaft noch schneller gemacht werden. Nur keinen Gedanken keimen lassen. Im Geschwindigkeitsrausch geht dann leider manches verloren; Sensibilität, Achtsamkeit, Respekt – und im flüchtigen Gegenzug, grausam, gedeihen Hass und Schwachsinn.

Auch in der Judikatur. Ich denke an die richterliche Praxis im Falle der übel diffamierten Renate Künast, Opfer in den sogenannten Sozialen Netzwerken (»Drecksfotze«, »Stück Scheiße«). Die bekannte Bundestagsabgeordnete wurde obendrein Opfer eines Berliner Landgericht-Richters, der im vergangenen September, absurd, die Meinungsfreiheit für derartige Beleidigungen gelten lassen wollte.

Was das alles mit meiner Smartphone-Verweigerung, meinem klassischen Papier-Terminbuch oder der Telefon-Kontakt-Arbeit über die Verlagszentrale zu tun hat, mit der Tätigkeit im Kunstbetrieb? Viel, so meine ich. Weil Zeit bleibt, Wesentliches zu erörtern, Grundsätzliches zu beleuchten. War es denn nicht früher so, dass wir porentief den Geheimnissen des Lebens und der Kunst auf der Spur waren (»Gott und die Welt«, unser Thema), dass wir forschen konnten, aus der allmählich gewachsenen Erkenntnis das Neue formulierten?

Nun twittern, netflixen und instagrammen auch große Teile der Künstler und Vermittler, und ich sehe mit Sorge, wie sich die drängenden Fragen der Zeit nach dem vor etwa 30 Jahren gepredigten Untergang der Utopien in einem zunehmenden Populismus auflösen. Auf der Bühne: Mario Barth vor Lisa Eckhart, Dieter Nuhr oder Urban Priol – leider. In der Kunst: Die »Love«-Deko-Artistin Mia Florentine Weiss auf der Beliebtheitsskala insbesondere der Prominenz vor Künstlern wie Christoph Büchel, Karin Sander oder Andreas Slominski. Das Leichtgewichtige, das Gefällige, auch das Epigonale – ja, bedauerlich, sie sind auf dem Siegeszug. Ich weiß: Mit Handy-Animositäten allein ist das Problem nicht zu lösen. Aber die Zeit-Bremse treten, das kann jeder an seinem Platz. Zugunsten des Tiefgangs.

In dieser Ausgabe: Barberini ist verankert, aber Hasso Plattner droht mit Abwanderung (Seite 3). Gekommen, um zu bleiben: Peter Weibel, ZKM (Seite 4). Von Leipzig nach Linz: Alfred Weidinger (Seite 7). Gunter Demnig und 75 000 Stolpersteine (Seite 9). Im Sicherheitsvisier: Bayerische Staatsgemäldesammlungen (Seite 10). Hundert Aufführungen von Yasmina Rezas »Kunst« (Seite 11). Aus für Cornelius Tittel und Springers Magazin »Blau« (Seite 13). Ranking mit Schwabenzirkel: »Top 200 Collectors« (Seite 14). Kein Spaten für Berlins Museumsgeneral Michael Eissenhauer (Seite 15). Trauerarbeit in der Hamburger Kunsthalle (Seite 15). Thema Staatshaftung für Museen (Seite 17). Fragwürdige Entscheidung bei Sotheby’s (Seite 19). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 692 – Editorial

Informationsdienst KUNST 692

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, seit Wochen liegen zwei von Philipp Ruch verfasste Bücher ungelesen auf dem Schreibtisch, darunter »Schluss mit der Geduld«, und allmählich frage ich mich, warum mir die Lust zur tieferen Auseinandersetzung fehlt. Als ich die Bände erwarb, schien es mir unumgänglich, endlich genau zu wissen, was jenes von Ruch gegründete Zentrum für Politische Schönheit treibt, was es bewirken will. Zumal es angeblich um kompromisslose Demokratie und radikale Aktionen zugunsten der Menschenrechte geht, so der promovierte Philosoph, ist man eben grundsätzlich geneigt, sich auf die Handlungen der Gruppe einzulassen. Nicht zuletzt auch dank des Engagements gegen die zunehmenden politischen Rechtsaußenspieler. So weit, so gut.

Doch in jüngster Zeit drängen sich Ruch-Äußerungen in die Erinnerungen, die zunächst unverdächtig waren, rundum durchaus Zustimmung erfuhren (beispielsweise »Das Material des Aktionskünstlers ist die Gesellschaft«). Nun aber, die täglichen Nachrichten über das Zentrum für Politische Schönheit zeugen von einem ausgeprägten Hang zum Populismus (den Philipp Ruch und seine Gefährten anderen vorwerfen), nimmt das langfristige Interesse an diesem speziellen Instant-Aktionismus rasant ab.

Was unter dem Schutzmantel der Kunst effektvoll im öffentlichen Raum inszeniert wird, ist weniger Aufklärung, wie man sie von intelligenten Menschen erwarten würde, sondern das durchschaubare Geplänkel mit Grenzüberschreitungen. Dabei schreckt das Ruch-Theater seit kurzem vor nichts mehr zurück, wie ich meine. Selbst die Totenruhe ist nicht heilig. Äußerst befremdlich, wie der gerne spätpubertär mit Kriegsbemalung auftretende Ruch vor dem Reichstag in Berlin effektvoll eine Warenästhetik-Stele platzierte, in der angeblich die Asche von in Auschwitz ermordeten Juden aufbewahrt war. Späßchen mit dem Holocaust? Ja, geht’s noch; völlig übergeschnappt, Herr Doktor?

Dem berechtigten Protest jüdischer Persönlichkeiten und Einrichtungen folgte prompt eine medienwirksame Entschuldigung aus dem Zentrum für Politische Schönheit, um schon wieder zur nächsten Tat zu schreiten. Grabschändung im Saarland und anschließende Inszenierung der Beute vor der CDU-Zentrale in Berlin, stand auf dem Programm. »Schluss mit der Geduld«: Man kommt nicht mehr umhin, auch ohne Lektüre der Ruch-Pamphlete, das alles ebenso abstoßend wie spekulativ zu finden. Provokation, der Provokation halber. Eine künstlerische Strategie auf unterstem Level. Insofern zeitgemäß, siehe Maurizio Cattelan (Seite 13 dieser Ausgabe), siehe Takashi Murakami (»Die Welt« vom 11. Dezember).

P.S.: Die nächste Branchenbrief-Ausgabe Informationsdienst KUNST erscheint am Donnerstag, 9. Januar 2020.

In dieser Ausgabe: Neue Museumspolitik in Italien (Seite 6). Umstrittenes Novum: Turner-Preis für ein Quartett aus Solisten (Seite 6). Andreas Henning als Direktor im Museum Wiesbaden (Seite 10). Ein Experiment in der Städtischen Galerie Wolfsburg (Seite 11). Museum des 20. Jahrhunderts: Hermann Parzingers Kehrtwende (Seite 14). Umfrage zum Galerien-Standort Berlin (Seite 14). Köln: Zeitplan für Erweiterungsbau des Wallraf-Richartz-Museums (Seite 17). Paris: Fondation Giacometti will sich vergrößern (Seite 17). Katharina Grosse als »Vogue«-Model (Seite 17). Sammlung Zander verlässt Bönnigheim (Seite 20). Weihnachtswunsch: Frank Auerbach in Berlin (Seite 20). Preis-Check: Karla Black (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 691 – Editorial

Informationsdienst KUNST 691

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesen Jahresendwochen, zum Beginn der Adventszeit, möchte man gerne erfreuliche Nachrichten verbreiten und kommentieren. Aber wie soll’s machbar sein, wenn die Flut unsäglicher News nicht nachlässt, wenn unsere Branche laufend neu attackiert wird. Als seien die Widerstände für den Kunsthandel in Deutschland nicht groß genug, weil unsere eigenen Politiker null Ahnung vom Geschäft der Galeristen haben, kommen nun weitere Erschwernisse hinzu. Die Trump-Regierung, die mit ihren Strafzöllen weltweit Chaos anrichtet, verschont zwar immer noch die Auto-Industrie, doch ausgerechnet die im Vergleich unbedeutende, ohnehin stark gebeutelte Kunstszene muss seit kurzem mit einer zusätzlichen Benachteiligung rechnen. Deutschland als Standort des Kunsthandels – allmählich nur noch eine Farce. Und dazu weder aus dem Bundeswirtschaftsministerium noch aus dem Bundeskanzleramt, wo Staatsministerin Monika Grütters für Kultur zuständig ist, irgendein brauchbares Statement. Ja, man darf sich fragen, ob man dort überhaupt weiß, was Sache ist.

Sache, Strafzollsache ist, dass beispielsweise Fotografien und Lithografien, die in den vergangenen 20 Jahren in Deutschland entstanden sind, von der US-Zollbehörde beim Grenzübertritt von Deutschland in die USA mit Gebühren belegt werden, die zu den bislang ohnehin üblichen hinzukommen. Dabei bleibt es offenbar der Willkür der amerikanischen Zöllner überlassen, ob sie im Bereich der Druckgrafik streng nur die explizit erwähnten Lithos belasten – oder auch Radierungen, Holzschnitte oder Siebdrucke.

Der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG), der zur Zeit bemüht ist, Klarheit in der teils nebulös anmutenden Regelung zu erhalten, wundert sich nicht nur über diese unpräzise Verordnung, sondern auch über die Tatsache, dass die neuen, seit rund sechs Wochen gültigen Strafzölle für Deutschland und Großbritannien gelten, nicht für andere EU-Staaten.

Dabei scheint der amerikanische Präsident, der mit seinem Strafzoll-Hobby die internationalen Märkte irritiert, ein Verfahren auf deutsche und englische Verhältnisse zu übertragen, das er länger schon in Bezug auf China praktizieren lässt. Unabhängig vom Ort des Versands werden Strafzölle für Kultur-Produkte aus China fällig, und so macht es für einen deutschen Kunsthändler nun auch keinen Sinn, ein deutsches Kunstwerk etwa über Paris nach New York zu schicken. Was Trump und seine Handlanger freilich übersehen, ist die Folge, dass sie nicht nur den betroffenen Staaten schaden, sondern auch sich selbst.

Die deutsche Botschaft in Washington, so weiß der BVDG, empfiehlt in diesen Woche allen Importeuren, ihre US-Kunden zu animieren, vor Ort auf die amerikanischen Politiker einzuwirken, ihnen zu vermitteln, dass die USA jetzt schon Nachteile hinnehmen müssen, weil beispielsweise die Chinesen weniger Antiquitäten und Kunstwerke nach Amerika verkaufen. Eine ähnliche Entwicklung dürfte sich im Austausch zwischen Deutschland und den USA einstellen, wenn Trump, der Unberechenbare, das absurde, indirekte Embargo nicht zeitnah zurücknimmt. Per Weihnachtsbotschaft etwa, um eine elegante Lösung zu bieten, um nicht wie ein Kulturbanause herumzustehen.

In dieser Ausgabe: Berliner Spatenstich für das Museum des 20. Jahrhunderts als reines Showprogramm (Seite 5). Biennale-Bilanz in Venedig: Besucherschwund (Seite 8). Karatschi: Willkürakt im Biennale-Kontext (Seite 11). Wo Okwui Enwezors letztes Ausstellungskonzept verwirklicht wird (Seite 12). Wie Museen auf den Einbruch ins Grüne Gewölbe reagieren wollen (Seite 14). Was Dresden bei der Bewerbung in Sachen Kulturhauptstadt Europas 2025 schaden könnte (Seite 15). Bremen: Ein Euro pro zehn Minuten Museum (Seite 16). Wuppertal: Nun kommt Roland Mönig (Seite 17). Unbegründeter Protest gegen Florian Pronold als Bauakademie-Gründungsdirektor (Seite 21). Preis-Check: Tom Sachs (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 690 – Editorial

Informationsdienst KUNST 690

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich konnte die Strategie nicht greifen, von 130 auf 200 und dann, noch vor dem ersten Spatenstich, auf 450 Millionen Euro zu kommen, um das Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin politisch durchzusetzen und bauen zu können. Die riskante Kalkulation, die für viele Insider immer noch nicht stimmt, weil längst Humboldt-Forum-Kosten-Dimensionen gemunkelt werden, diente offenbar dazu, die Bundestagsabgeordneten für das Projekt zu begeistern und jetzt, per Haushaltsausschuss, bei Fortsetzungslaune zu halten. Staatsministerin Monika Grütters (BKM) kann nach dem Plazet vom vergangenen Donnerstag zwar erst mal aufatmen – und am 3. Dezember den ersten Spatenstich machen. Doch das Procedere um das Museum, das »Grüttoleum«, wie schon gelästert wird, wirft ein Licht auf einen zunehmend abstoßenden Kulturbetrieb, in dem viel schiefläuft.

In Bezug auf das Museum des 20. Jahrhunderts wurde massiv (Standort-)Druck erzeugt, in dem auf die drei Privatsammlungen Pietzsch, Marx und Marzona verwiesen wurde, die dann im Zuge des Verfahrens plötzlich gar nicht mehr wichtig waren. Sie wurden nicht informiert, bevor mit Gerhard Richter verhandelt wurde. Ihre Schenkungen wurden im Kontext der vorgesehenen Gesamtpräsentation zugunsten der Nationalgalerie-Sammlungsbestände heruntergespielt, und in einem Fall wurde ein Sammler plötzlich noch nicht einmal mehr erwähnt. Diese auf der Achse BKM/Preußenstiftung wahrzunehmenden Versäumnisse und Gemeinheiten haben zwangsläufig die Aufmerksamkeit geschärft, den Widerstand gegen den »Scheunen«-Entwurf von Herzog & de Meuron tüchtig geschürt. Wundern darf sich niemand, weder Grütters noch Stiftungschef Hermann Parzinger.

Und so trumpft auch prompt der Miesepeter vom Dienst, der im Wettbewerb nicht zum Zuge gekommene Architekt Stephan Braunfels, mit Illustrationen auf, die beweisen sollen, dass es am Kulturforum grausig zugehen würde, käme der Gewinner-Entwurf zur Verwirklichung. Er sieht eine städtebauliche Katastrophe auf Berlin zurollen, nicht zuletzt wegen der gestörten Sicht-Beziehungen zwischen Nationalgalerie und Philharmonie. Was Wunder, dass angesichts solcher vernichtenden Kritik, mittlerweile auch von Stimmen aus den Lagern Marx und Marzona begleitet, die lieber weiter konzipieren lassen würden, das Aus gefordert wird. In der »Zeit« vom 7. November 2019 ist die Headline zu finden: »Stoppt das Museum der Moderne!«

Prestigeträchtig sei es, unsinnig zudem, es würde den Geltungsdrang von Museumsdirektoren und Kulturpolitikern befriedigen. Aber Berlin brauche kein Mega-Museum, es brauche gute Kuratoren, Geld für wichtige Neuankäufe und kluge Ausstellungen, so Hanno Rauterberg, der stellvertretende Feuilleton-Chef. Dabei kommen ihm freilich allerlei falsche oder unzulängliche Fakten in die Argumentation. Warum das 20. Jahrhundert in Berlin bevorzugt werde, fragt er und rechnet Quadratmeter für die Gegenwartskunst zusammen, ohne im Blick in die Zukunft sehen zu wollen, dass die Rieckhallen des Hamburger Bahnhofs in spätestens zwei Jahren nicht mehr zur Verfügung stehen werden, dass also sehr wohl Ausstellungsfläche vonnöten ist.

Das haben selbstverständlich auch unterschiedlichste Prominente in den vergangenen zwei Wochen, kurz vor der Haushaltsausschuss-Sitzung, in ihren Plädoyers betont. Und man durfte staunen, dass nicht nur die Vorsitzende der Nationalgalerie-Freunde, Gabriele Quandt, zu Wort kam, was ja durchaus naheliegend ist, sondern auch Außenstehende. Carsten Brosda zum Beispiel, der Hamburger (SPD-)Kultursenator (siehe »Tagesspiegel«, 9. November), womöglich zur Einstimmung der Sozialdemokraten im Haushaltsausschuss. Oder Glenn Lowry, der MoMA-Direktor (siehe »Tagesspiegel«, 5. November), der wohl die übrigen Zweifler beruhigen sollte. Eine Kampagne auf der »Tagesspiegel«-Schiene, die direkt in die Staatlichen Museen und ins Kanzleramt/BKM führt? Einträchtig, gewinnbringend für alle Seiten? Vermutlich.

In dieser Ausgabe: Akt der Zensur in Shanghai, in der Centre Pompidou-Filiale (Seite 6). In Berlin muss sich Martin Eder vor Gericht gegen Plagiatsvorwurf wehren (Seite 7). Bonn: Bundeskunsthalle-Intendant Rein Wolfs zieht Bilanz (Seite 9). Dresden: Penck-Schau ohne Michael Werner (Seite 10). Berlin: Vier Stunden im Hamburger Bahnhof (Seite 11). Fragwürdige Forderung von Magnus Resch und Stefan Heidenreich: Schluss mit dem Unikat-Kult (Seite 13). Gurlitt-Erbe: Manet-Verkauf (Seite 15). Heinz Peter Schwerfel bereitet das Kino der Kunst vor (Seite 17). Susanne Gaensheimer verzichtet auf das Schmela Haus (Seite 19). Heinz Mack im Zwielicht (Seite 21). Preis-Check: Wade Guyton (Seite 23). Impressum (Seite 25).