Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Andrea Hilgenstock, Susanne Kaufmann, Marion Leske, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid und Carl Friedrich Schröer.

 

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 666 – Editorial

Informationsdienst KUNST 666

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Advent, das Jahresende vor Augen, allmählich Zeit, mit dem Rückblick auf 2018 zu beginnen. Was war da los, wie ist der Stand der Dinge, wo trägt uns die Kunst hin, was macht der sie kommunizierende Betrieb? Fragen zuhauf, präzise zu formulieren, doch mit den Antworten sieht es derzeit eigenartig mau aus. Da will sich niemand festlegen, egal, wen man ins grundsätzliche Gespräch zieht. Es scheint so, als seien alle überaus froh, dass es eine Reihe von Personalien gibt, die erörtert werden können, die Raum für Spekulationen geben.

Wer wird Nachfolger/in von Ulrike Lorenz in Mannheim, Kunsthalle, wenn sie nun als Präsidentin nach Weimar wechselt? Wer übernimmt die künstlerische Leitung in der Hamburger Kunsthalle, wenn Christoph Martin Vogtherr, kaum dort angekommen, schon wieder weiterzieht und 2019 den Schlösser-Stiftungsposten in Potsdam besetzt? Und was, bitte, soll aus dem Haus der Kunst in München werden, wo sich die mittlerweile von Markus Söder verabschiedete (Ex-)Ministerin Marion Kiechle vor der Bayern-Wahl nicht festlegen wollte, wer zum Enwezor-Nachfolger berufen werden soll? Bewegung auf dem Personalkarussell, real oder vorgetäuscht, das werden wir bald wissen.

Dass sich die Kuratorin für den deutschen Pavillon in Venedig, Franciska Zólyom, endlich festgelegt und mit Frau Hampelmann (man darf das sagen, weil die Namensspielerin Natascha Sadr Haghighian selbst Identitäten wie Blusen wechselt) einen Söder-Süder-Süden-Trumpf ausgespielt hat, sorgt für Verunsicherung. Das gilt auch für die anstehende Nominierung in Sachen documenta, wo sich die Findungskommission in wenigen Wochen zusammensetzen wird, um den nächsten Kurator oder die Kuratorin zu finden. Wenn’s gut geht, werden alle zehn Eingeladenen eine Grobskizze liefern, wie sie sich die d 15 im Jahr 2022 vorstellen. Die übliche Aufgabe im Bewerbungsverfahren hat diesmal ihren besonderen Reiz, weil alle, die darüber nachdenken, im Moment an der Frage nagen, was in vier Jahren sein wird, wie dann die kulturelle Großwetterlage zu beurteilen ist, welche Kontext-Brände gelöscht werden müssen.

Ist es nicht irre, wie wir derzeit im Sauseschritt von Hardcore-Thema zu Hardcore-Thema eilen, immer bemüht, alles richtig zu machen, politisch korrekt zu sein, wie das früh hieß? Haben wir nicht gerade noch laufend über Restitution gesprochen, dabei gerne festgestellt, dass sich manche Museen immer noch sträuben, porentief zu recherchieren, was sich in ihren Depots befindet, woher es kommt? Schon geht es um den nächsten Zündstoff, Stichwort Kolonialismus; schon können wir ähnliche Phänomene attestieren. Freiwillig und flott nach Afrika zurückzugeben, was dort einst auch von den Deutschen geklaut wurde, ist durchaus Debattenstoff, aber bis zur Tat bleibt dann, für manche Kulturgut-Hüter tröstlich, doch noch viel Zeit. Behördenbedenkzeit, Juristenberatungsphasen, Genehmigungsverfahren – das komplette Verzögerungsprogramm.

Weichgespült so manche Vorgänge in der Kulturpolitik und in der Kulturverwaltung, und im privaten Kunstbetrieb, wo immer mehr Galeristen im Schatten der Branchenriesen in London und New York nach Luft japsen, sieht es kaum besser aus. Manchmal wirkt es so, als sei die Konfusion im Kunstbetrieb größer als der Selbstzweifel im Künstleratelier. Wohin man blickt: Allerorten die Tatsache, dass eine Nachricht die andere aushebelt, eben infrage stellt. Kürzlich noch hier in diesem Branchenbrief die Meldung, dass sogar Baselitz, Kiefer und Richter auf Auktionen zurückgezogen oder, später, zurückgegangen sind, und schon, zwei Ausgaben danach, ID 665, der Kommentar zum 90-Millionen-Dollar-Rekord für David Hockney. Wer soll sich da noch auskennen, eine verbindliche Einschätzung wagen? Auf ungesichertem, gefährlichem Terrain zu gehen, so die aktuelle Prognose, wird die Schwierigkeit sein, die es 2019 zu bewältigen gilt. Mehr als jemals zuvor.

In dieser Ausgabe: Foto-Buch-Sammler Manfred Heiting, Kalifornien, lässt sich nach Großbrand nicht entmutigen (Seite 4). Das documenta-14-Minus fällt noch viel größer aus (Seite 5). Gegenwind für Klaus Biesenbach in Los Angeles (Seite 8). Jeff Koons und die Arglosigkeit im Umgang mit dem Urheberrecht (Seite 9). Nach Renoir-Diebstahl in Wien: Thema Sicherheit im Auktionshaus (Seite 10). Die Cologne Fine Art wehrt sich gegen Kritik (Seite 12). Düsseldorf: Julia Stoschek lässt kuratieren – von Lisa Long (Seite 12). Viel Licht, ein paar wenige Buhs: Olafur Eliasson an der Berliner Staatsoper (Seite 17). Österreichs Biennale-Kuratoren werden fortan per Ausschreibung gesucht (Seite 20). Preis-Check: Annegret Soltau (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 665 – Editorial

Informationsdienst KUNST 665

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, selbstkritisch befrage ich mich, ob meine Beobachtung, dass es ein wiedererwachtes Interesse für die Konkrete Kunst gibt, womöglich durch das Studium der Malerei und Kunsttheorie begünstigt sein könnte. In den Siebzigern hatte ich bei Raimer Jochims, dem mittlerweile 83-jährigen Altmeister der Identitätslehre, alles inhaliert, was zur konzeptionellen Kunst führte und dazugehörte. So nahm mich der Philosoph damals auch nach Italien mit, als er einen Assistenten brauchte, um seinen Film über Antonio Calderara zu drehen, der vor 40 Jahren starb. Eine unvergessliche Begegnung.

Insofern auch prägend, als am Beispiel dieser reduzierten, vielschichtigen Malerei deutlich wurde, wie fließend die Übergänge zwischen den beiden großen Kunst-Bewegungen der Moderne ausfallen. Aller Trennschärfe zum Trotz. Abstrakte Kunst und Konkrete Kunst – wie oft wirbeln selbst langjährig tätige Händler, Sammler, Kritiker und sogar Wissenschaftler die Begriffe durcheinander. Wie oft höre oder lese ich, dass jemand von Abstraktion berichtet – und es sich gar nicht um eine abstrakte Darstellung des Gegenstandes handelt, sondern schlichtweg um das Gegenteil, um eine Kunst, die unabhängig vom Naturerlebnis entsteht.

Konkrete Kunst, wie sie 1930 von Theo van Doesburg per Manifest definiert wurde, meint eine Gestaltung aus den Mitteln der Gestaltung, aus einfachsten Formen, klaren Konzepten, konsequent angewendeter Technik. Aufgeladen mit dem Geist einer Haltung, die an der Erkenntnisfunktion der Kunst forscht, dient sie der Freiheit des Sehens und des Denkens. Und Calderara war es, der von etwa 1960 an in seinem Werk erkennen lässt, wie unter dem Verzicht aufs Gegenständliche der Aufbruch in eine neue Dimension von Wahrhaftigkeit möglich wird. Ein kausales Phänomen.

Unabhängig von persönlichen biographischen Stationen: Wenn ich derzeit vielerorts auf Konkrete Kunst stoße, einen Trend attestieren mag, dann scheint im Zeitalter der flüchtigen (Digital-)Bilder auch so etwas wie Sehnsucht nach dem stehenden Bild und der verantwortlichen Setzung angesagt zu sein. Wie kommt es, dass jahrzehntelang jeder die Nase rümpfte, wenn Victor Vasarely erwähnt wurde, dass plötzlich aber, 2018, renommierte Museen seine Bilder ausstellen und Werke erwerben? Und was ist los, wenn plötzlich die Auktionskataloge, ob von Christie’s oder Sotheby’s, voller Abbildungen stecken, die zweifellos der Konkreten Kunst zuzuordnen sind? In der vergangenen Woche wurde in New York, Sotheby’s, so viel Konkretes hintereinander aufgerufen, dass die Bieter am Ende allesamt nur noch rechte und linke Winkel vor Augen hatten, dass ihnen beinahe schwindelig wurde. Josef Albers, Carl Andre, Dan Flavin, Donald Judd, Sol LeWitt, Agnes Martin, Kenneth Noland, Ad Reinhardt, Robert Ryman, Frank Stella, Victor Vasarely – beeindruckend, das alles.

Wenn viel eingeliefert wird, so darf man ableiten, wird auch viel erwartet. Eben Höchstpreise. Seit Jahren gibt es diese Entwicklung insbesondere für die ZERO-Künstler, etwa für Günther Uecker. Über eine halbe Million Euro für einen Quadratmeter – längst keine Seltenheit. Auch andere, noch erschwinglichere Werke aus der konkreten Fraktion, beispielsweise die Bilder des 1982 gestorbenen Günter Fruhtrunk, erfreuen sich einer großen Nachfrage. Dass das so ist, schwant mir, hat kurz vor dem Bauhaus-Jahr 2019 nicht zuletzt mit der zunehmenden Bedeutung solider Werte zu tun. Ein Max-Bill-Zitat, das mir kürzlich in die Hände fiel, bleibt in diesem Zusammenhang tief im Gedächtnis haften: »Das Ziel der Konkreten Kunst ist es, Gegenstände für den geistigen Gebrauch zu entwickeln, ähnlich wie der Mensch sich Gegenstände schafft für den materiellen Gebrauch«.

In dieser Ausgabe: Kurzzeit-Ministerin Marion Kiechle, München, muss Söders Kabinett schon wieder verlassen (Seite 4). Von Platz fünf auf Platz eins: David Zwirner an der »Power 100«-Spitze (Seite 5). Preis-Rekord für David Hockney (Seite 7). Für Chillida-Nachlass im Einsatz: Hauser & Wirth (Seite 7). Pressestimmen zur Art Düsseldorf (Seite 11). Kassel: Chancen für documenta Institut (Seite 11). Berlin: Wie die AfD vergeblich versucht, die Freiheits- und Einheitswippe zu kippen (Seite 14). Düsseldorf: Karnevalsorden von Katharina Sieverding (Seite 14). Die TEFAF und unabhängige Gutachter (Seite 16). Marion Ackermann lotst Schenkungen in die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Seite 16). Preis-Check: Hermann Nitsch (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 664 – Editorial

Informationsdienst KUNST 664

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn ich früher mit Museumskuratoren sprach, ging es stets um eine Entwicklung, die alle als unerträglich und gefährlich einstuften. Es sei keine Zeit mehr zum Forschen vorhanden, so hieß es; man werde mehr oder weniger rund um die Uhr genötigt, im Schau-Geschäft zu wirken, Blockbuster zu planen und zu inszenieren. Heutzutage ergeben sich solche Gespräche selten, was freilich keinesfalls bedeutet, dass die Situation eine andere ist. Anders ist allenfalls die Haltung der Museumsmitarbeiter: Im Laufe der Jahre haben sie sich daran gewöhnt, dass ihr Aufgabenfeld im Wesentlichen den Wechselausstellungen gewidmet ist, dass sie Quote machen sollen. Kaum mehr ein Murren zu vernehmen, als sei es nicht weiter schlimm, dass eine der zentralen Pflichten im Museum vernachlässigt oder gar völlig gestrichen wurde.

Dass es aber gottlob noch Hoffnung gibt, dass auch im Zeitalter digitaler Geschwindigkeiten und merkantiler Ziele eine offenbar vom Aussterben bedrohte Wissenschaft überleben könnte, wurde mir soeben klar, als in Berlin, drei Tage lang, die erste internationale Konferenz von Forschungsmuseen stattfand. Diskutiert wurde bei dieser Tagung über die Rolle der Museen, natürlich im Kontext gesellschaftlicher Veränderungen. Erfreulich: Der Fokus der Betrachtung wurde in die Zukunft gerichtet. Von der Verantwortung für die Welt von morgen war also die Rede, als über 130 Museumsdirektoren aus rund zwei Dutzend Ländern tagten. Indessen drängte sich mir, bei aller Zuversicht, weil das Thema eben auf die Tagesordnung kam, die naheliegende Frage auf, ob »Global Summit of Research Museums – das Gestaltungspotenzial der Forschung« (wie das Motto der Leibniz-Gemeinschaft-Initiative heißt) wirklich zu einer Korrektur der Museumslandschaft führen kann.

Hätten nicht auch reichlich Politiker dabei sein müssen, die letztlich über die öffentlichen Etats die Voraussetzungen schaffen können, dass in den wissenschaftlichen Einrichtungen auch Zeit und Raum zur Forschung verfügbar sind? Zwar durfte sich die Initiative auf zahlreiche Kooperationspartner verlassen, darunter die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Berlin, die Smithsonian Institution, Washington, und das British Museum, London, doch war man nicht mehr oder weniger unter sich? Jammern auf akademischem Niveau im Saurier-Saal an der Invalidenstraße? Obgleich das Bundesministerium für Bildung und Forschung sowie immerhin sechs deutsche Landesregierungen als Förderer der Veranstaltung im Boot saßen, schwappte nur das Wasser der Betroffenen auf die Mühlen einer Entwicklung, die schon länger Sorgen macht. Vor allem auch deshalb, weil in den Museen selbst eine nachrückende Kunsthistoriker-Generation gar nicht mehr wahrnehmen mag, dass Forschung wichtig und unverzichtbar ist.

In dieser Ausgabe: Rekordpreis für die Malerin Jenny Saville (Seite 4). Gegen den Druck der Straße: Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann (Seite 7). Überraschung: Thomas Campbell als Nachfolger von Max Hollein in San Francisco (Seite 8). Bazon Brocks Denkerei auf Raumsuche (Seite 9). Monika Grütters blickt auf 20 Jahre BKM zurück (Seite 9). MCH-Messe-Bosse auf Rückzug (Seite 10). Großzügige Sammler: Ehepaar Essl verschenkt restliche Kollektion (Seite 11). Krach wegen Twombly-Biographie (Seite 13). Mannheim: Ulrike Lorenz wechselt nach Weimar (Seite 14). Düsseldorf: Florian Waldvogel verzichtet auf Künstlerinnen (Seite 17). Markt-Check: Christine Streuli (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 663 – Editorial

Informationsdienst KUNST 663

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als ich kürzlich in der Schweiz zu tun hatte und zwangsläufig wieder genauer hinter die Kulissen des eidgenössischen Kunstmarktes schauen konnte, dachte ich, dass es ein Wunder ist, wie viele Galeristen immer noch in Deutschland tätig sind. Zwar haben einige längst ihre Dependancen im Nachbarland etabliert, aber der Großteil der Branche bleibt dem Standort vollumfänglich treu. Das ist insofern bemerkenswert, auch verwunderlich, als wir hierzulande seitens der Politik alles getan haben, um die Kunsthändler zu vergraulen. Wenn der Senior unter den Händlern in der Schweiz, Eberhard W. Kornfeld, Bern, und sein Team stolz jede Gelegenheit nutzen, um darauf hinzuweisen, dass ihr Handelsplatz nur mit einer Mehrwertsteuer in Höhe von 7,7 Prozent belegt ist, dass weder Folgerecht noch Künstlersozialkasse die Geschäfte belasten, dann ist einmal mehr der Moment gekommen, der jeden Verfechter deutscher Politik in Argumentationsnot bringt.

Allein aus diesem Grund ist man geneigt, den Blick bevorzugt ins Ausland zu richten, zu schauen, wie dort Kunsthandel betrieben wird, welche Ergebnisse erzielt werden. Als ich in der vergangenen Woche mit dem Sammler Paul Maenz auf die großen Oktober-Auktionen in London zurückschaute, waren wir schnell einig: Durchwachsen, die Situation. Nicht grundsätzlich gut, bei den internationalen Häusern einzuliefern. Zwar konnte Maenz bei Christie’s einen Riesen-Erfolg (nämlich »world record price«) mit einem von ihm eingelieferten Albert-Oehlen-Bild, »Stier mit Loch«, aus der Aufbruch-Zeit des Künstlers erzielen, und sein neun Quadratmeter großes Keith-Haring-Bild aus dem Jahr 1984 brachte ebenfalls mehr als drei Millionen Pfund (in New York wäre wohl noch mehr möglich gewesen), doch im Gegenzug ging Anselm Kiefers »Midgard« zurück. Die Gründe? Kein deutsches Drama als Motiv? Zu kühl, zu wenig Kiefer, dieser Kiefer? Auf jeden Fall ging’s bei Christie’s professionell zu, Paul Maenz ist dank Haring und Oehlen zufrieden, und »Midgard«, ein erstklassiges Werk, wird unverkauft nicht schlechter.

Nach dem Maenz-Kontakt, der Betrachtung am konkreten Beispiel, stellten sich freilich allerlei Gedanken ein, an denen man derzeit nicht wirklich vorbeikommt, mögen manche Millionen noch so leicht hin- und hergeschoben werden. Da verkauft ein ehemaliger deutscher Star-Galerist und Sammler aus nachvollziehbaren Gründen (im Neuen Museum in Weimar machte Maenz einst als Leihgeber und Stifter keine guten Erfahrungen) ein Bild eines deutschen Malers, Oehlen eben, in Großbritannien zum Spitzenpreis (in London wurde gemunkelt, Max Hetzler sei der Käufer gewesen – im Auftrag seines Kumpels Benedikt Taschen). Und ein anderer deutscher Erfolgskünstler, Gerhard Richter nämlich, muss akzeptieren, dass sein drei Jahre früher gemalter »Schädel«, ein marktfrisches Bild, unter dem Schätzpreis blieb und zu den Rückgängen rutschte. Dabei hatte Christie’s wirklich alles getan, dass gerade dieses Gemälde weit mehr als zwölf Millionen Pfund hätte bringen können.

Das prominente Richter-Beispiel passt zur Nachricht, dass kurz vor dem Londoner Hochamt der Sammler und Spekulanten eine umfangreiche Werkgruppe von Georg Baselitz vom Einlieferer zurückgezogen wurde. Sorge, dass die gemalten »Füße« unter der Taxe bleiben könnten? Angst vor einer Blamage? Oder ein verlockendes (Garantie-)Angebot eines Christie’s-Mitbewerbers, so dass die elf Arbeiten bald irgendwo anders im Auktionskatalog auftauchen werden? Man weiß es nicht. Aber die Meldungen, ob in Bezug auf Baselitz, Kiefer und Richter, dienen mir zur Bestätigung eines allmählich wachsenden Verdachts: Der Millionen-Poker mit Gegenwartskunst könnte jetzt nach und nach ins Stocken geraten. Da helfen dann auch mehrwertsteuerliche und sonstige Vorteile nicht. Die von London aus arbeitenden »ArtTactic«-Analysten haben in diesem Monat behauptet, dass im ersten Halbjahr 2018 das Vertrauen der Sammler in Gegenwartskunst um knapp 25 Prozent gesunken sei. Eine ernüchternde, auch irritierende Zahl, bedenkt man, wie viele Rekordpreise nach wie vor erreicht werden. Doch wer genau recherchiert, der beobachtet in den großen Auktionshäusern, dass die Verkaufsraten insgesamt leicht fallen. Rund ein Fünftel der Ware geht inzwischen zurück. Ein erstes Alarmzeichen, wie mir scheint.

In dieser Ausgabe: Positive FIAC-Bilanz in Paris (Seite 4). Nan Goldin und die Porno-Industrie in New York (Seite 6). Istanbul: Der Khashoggi-Mord und die Folgen in der US-Kunstszene (Seite 7). Frankfurt: Susanne Pfeffer und ihr TOWER (Seite 9). Dmitri Rybolovlev verklagt Sotheby’s (Seite 11). München: Highlights vor allem für Besucher aus dem deutschsprachigen Raum (Seite 11). Jean-Michel Basquiat als Musical-Stoff auf dem Broadway (Seite 14). Berlin: Museum des 20. Jahrhunderts verzögert sich (Seite 14). Vor der Hessen-Wahl: Die SPD und die Weltkulturen (Seite 16). Warum Portos Museumsdirektor João Ribas zurückgetreten ist (Seite 17). Wie Bernd Schultz das geplante ExilMuseum finanzieren will (Seite 20). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 662 – Editorial

Informationsdienst KUNST 662

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in zwei Monaten, wenn der erste aller Kulturstaatsminister, Michael Naumann, seinen 77. Geburtstag feiern kann, wird sie bereits fünf Jahre lang auf diesem Posten im Amt sein. Monika Grütters, Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), wie es offiziell heißt, kann zuvor, nämlich in diesem Monat, das Zwanzigjährige der einst von Gerhard Schröder als Bundeskanzler eingerichteten Institution begehen. Dabei wird in wenigen Tagen zu bedenken sein, wie sich aus der heiklen Startphase (auch wegen Naumann selbst, der kein Mitglied des Deutschen Bundestages war; »Lex Naumann«) ein mächtiges Ressort entwickelt hat, das im Bundeskanzleramt und in direkter Feinabstimmung mit Angela Merkel den Spagat schafft. Einerseits muss Grütters als Kulturstaatsministerin die Kulturhoheit der Länder berücksichtigen, andererseits geht es aber auch darum, von Berlin aus Signale zu geben und Prozesse zu steuern, die sämtliche Bundesländer gleichermaßen betreffen.

Mit knapp 300 Mitarbeitern in Berlin und teils, durchaus fragwürdig, immer noch in Bonn sowie mit einem inzwischen rund 1,7 Milliarden Euro großen Etat hat Monika Grütters, auch dank ihrer unermüdlichen Aktivitäten auf allen Ebenen, reichlich Einfluss, wenngleich kein Stimmrecht am Kabinetttisch. Doch ihre beratende Stimme zählt, zweifellos auch eine Folge einer hervorragenden Vernetzung innerhalb der CDU, ihrer Partei (dass ihr Vertrauter Volker Kauder seit kurzem nicht mehr die ganz große Rolle in der Fraktion spielt, scheint unerheblich zu sein).

Dass die Parteizugehörigkeit und die interne, hintergründige Kontaktarbeit nicht unwesentlich sind, soll für die Kultur etwas bewegt werden, hat sich in den vergangenen zwei Jahrzehnten im BKM-Ressort laufend gezeigt. Im negativen Sinne dort, wo die Kurzzeit-Staatsminister aus der SPD oder ihrem Umfeld tätig waren. Man denkt an den Sozialdemokraten Julian Nida-Rümelin, der 2001 antrat, um schon 2002 zu gehen. Man denkt an die parteilose, aber auf SPD-Ticket ins Amt gekommene Nida-Rümelin-Nachfolgerin Christina Weiss, der letztlich ebenfalls die Rückendeckung der Genossen fehlte.

Im Rückblick auf 20 Jahre deutscher Kulturstaatsminister-Tätigkeit (dazu erscheint in der kommenden Woche der Kulturrat-Band »Wachgeküsst – Wie die Kulturpolitik des Bundes erwachsen wurde«) lässt sich festhalten, dass es die ersten drei Amtsträger (Naumann, Nida-Rümelin und Weiss) zwar geschafft haben, ein intellektuelles Klima im Bundeskanzleramt zu erzeugen. Doch erst seit 2005, seit der Christdemokrat und Grütters-Vorgänger Bernd Neumann (bis 2013) berufen war, steht die Bundeskulturpolitik auf stabilen Füßen, wie schließlich auch der seitdem stetig wachsende Haushalt dokumentiert (er liegt aber immer noch weit unter einem Prozent am Gesamthaushalt). Sowohl Neumann als auch Grütters gehören zu den Pragmatikern, und in der Bilanz haben diese Politiker in der Kultur die Nase deutlich vorn. Vielleicht war es schlichtweg eine Überforderung, vom Philosophen Nida-Rümelin oder der Kunst- und Literaturwissenschaftlerin Weiss zu erwarten, dass sie den profanen Bundeskabinett-Alltag bewältigen.

Im Blick nach vorn gibt es freilich nicht zwangsläufig Gründe, uneingeschränkt zu frohlocken. Unabhängig von der Frage, wie die kommende Bundestagswahl, spätestens im Jahr 2021, ausgehen und die neue Regierung dann zusammengestellt sein wird: Schon heute ist klar, dass die nächste Bundeskanzlerin oder der nächste Bundeskanzler sehr wohl darüber nachdenken muss, ob es wirklich Sinn macht, die Kulturpolitik teils übers Bundeskanzleramt, teils übers Auswärtige Amt (AA) laufen zu lassen. Seitdem für die SPD Michelle Müntefering als Staatsministerin im AA sitzt und sich dort tüchtig zu profilieren versucht, gibt es am laufenden Band allerlei Überschneidungen in Bezug auf Zuständigkeiten und manche sonderbaren Klimmzüge von ihr und Grütters. So weilte Monika Grütters Mitte September dienstlich in Neu Delhi, um dort den indischen Amtskollegen Mahesh Sharma zu treffen. Insider im politischen Berlin wollen wissen, dass sie solche Ausflüge vor allem deshalb macht, um Müntefering das Feld der außenpolitischen Kulturarbeit nicht komplett zu überlassen. Von Michelle »wachgeküsst«, lästert jemand.

In dieser Ausgabe: Der Direktor der Hamburger Kunsthalle, erst seit zwei Jahren im Amt, nämlich Christoph Martin Vogtherr, will die Hansestadt verlassen, so das Gerücht (Seite 2). Der Oligarch und Sammler Roman Abramowitsch stößt auf Widerstand – auch in der Schweiz (Seite 7). Wie Maurizio Cattelan in Mailand für Gucci und Schanghai zugleich wirbt (Seite 8). Brexit und Frauen als Themen auf den Frieze-Messen in London (Seite 8). New Yorks Händler Anatole Shagalov im Gespräch und vor Gericht (Seite 10). Kassel: Heimliche Demontage von Olu Oguibes documenta-Obelisk (Seite 13). Frankfurt: Auch Kunstbücher haben es schwer, heißt es auf der Buchmesse (Seite 16). Preis-Check: John Chamberlain (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 661 – Editorial

Informationsdienst KUNST 661

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kein Missverständnis: Ich habe lange genug in Hamburg gelebt, fühle also immer noch ein wenig hanseatisch – und kann folglich nur zu gut verstehen, warum die Bürger dieser Stadt und auch die Hanseaten in Bremen keine Bundesverdienstkreuze annehmen mögen. Einst haben Günter Grass, Hans-Ulrich Klose, Siegfried Lenz, Jan Philipp Reemtsma und Helmut Schmidt dankend abgelehnt. Natürlich könnte ich hier schreiben, diese Art von Verweigerung sei keine große Leistung, weil mittlerweile in knapp sieben Jahrzehnten sage und schreibe rund 260 000 solcher Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland durch die jeweils amtierenden Bundespräsidenten vergeben wurden. Doch nicht wenige der Ausgezeichneten tragen diese Anstecker und Anhänger mit stolz geschwellter Brust und werten damit vermeintlich ihre Biografien auf. Als sei der Ordensrummel im Schloss Bellevue tatsächlich etwas wert. So stutzt man dann doch, wenn wieder eine solche Nachricht aus dem Bundespräsidialamt eintrifft.

Am 2. Oktober, 11 Uhr, kaum dass der Art-Week-Kater in Berlin bewältigt ist, werden erneut 29 Bürger jeweils mit einem Verdienstorden in acht verschiedenen Stufen ausgezeichnet, und selbstverständlich gönne ich jedem, der’s braucht, jenes zu erwartende Klimbim mit Steinmeier-Händedruck. Nur zu. Doch es muss diesmal wohl die Frage erlaubt sein, was die Vorschlagenden und, letztlich verantwortlich, Frank-Walter Steinmeier bewogen hat, beispielsweise Neo Rauch und Wolfgang Tillmans auf die Liste der Bundesverdienstkreuz-Empfänger zu setzen. Reicht es in diesem Land, ein Lohengrin-Bühnenbild zu pinseln, um sich für »besondere Verdienste um die Bundesrepublik Deutschland« ehren zu lassen? Oder geht’s darum, dass ein Künstler weltweit Erfolge verzeichnet, in Millionen baden kann, um die »höchste Anerkennung« des Staates zu kassieren? Sollten wir jetzt nicht schleunigst mal über die Definition von »Gemeinwohl« sprechen, Herr Bundespräsident?

Wenn schon Bundesverdienstkreuze, dann gerne für Michael Naumann, den ehemaligen Kulturstaatsminister, oder für die Anwältin Ellen Lorenz, die langjährige Vorsitzende des Kunstvereins Hannover, deren Leistungen am 2. Oktober ebenfalls gewürdigt werden sollen, nicht aber für Rauch, Tillmans und andere Großverdiener unter den Künstlern, mehr um sich selbst als um diese Gesellschaft besorgt (dafür gibt’s Kunstpreise zuhauf, etwa am 29. September den Goslarer Kaiserring für Tillmans). Zur Erinnerung: Auch Tony Cragg (2012) und Anselm Kiefer (2005) wurden bereits mit dem Ordensschnickschnack aus Lüdenscheid versorgt, wo diese blinkenden Dinger gleich in Tausender-Auflage produziert werden.

Dass mich Steinmeiers bevorstehende Feierstunde in der kommenden Woche diesmal besonders ärgert, hat zweifellos damit zu tun, dass man die Strategie so leicht durchschauen kann. Weil der eine oder andere Synchronsprecher, diese oder jene Übersetzerin oder der ehrenamtlich tätige Chemiker aus Jena eben wenig hermachen, aber ein glanzvolles Gruppenbild mit Präsident entstehen soll, werden schnell noch ein paar Promis aus der Kunstszene ins Schloss Bellevue geladen. Ja, mit Rauch, Tillmans und Jim Rakete, der aber noch nicht mal den Lohengrin gemalt hat, kann Steinmeier punkten. Schräges Foto garantiert. Blöd nur, saublöd, dass die gerne so gescheiten Künstler das nicht durchschauen wollen und für ein bisschen Orden ihre sonst so kostbare Visage hinhalten.

In dieser Ausgabe: Besitzerwechsel in London, beim Auktionshaus Bonhams (Seite 4). Auf Erfolgskurs in Düsseldorf: Susanne Gaensheimer, Kunstsammlung NRW (Seite 6). Antwerpen: Jan Fabre im Zwielicht schwerer Vorwürfe (Seite 7). Wuppertal: Gerhard Finckh verabschiedet sich im Von der Heydt-Museum (Seite 7). Angeblich ohne Streit: Andreas Lohaus hat die Art Düsseldorf verlassen (Seite 9). Die Art Basel und ihre neuen Standmieten (Seite 11). Max Hollein und die muslimische Mode (Seite 15). Wie im Zoo: Österreichs Museen und die Kunst-Patenschaften (Seite 15). Berlin: Eröffnung im »PalaisPopulaire« der Deutschen Bank (Seite 16). Katastrophale Zustände an der Kunsthochschule Kassel (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 660 – Editorial

Informationsdienst KUNST 660

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, schenkt man dem Wirtschaftsmagazin »Bilanz« Glauben, dann sind wir alle in einer Branche tätig, die im Überfluss schwimmt. Unter den tausend reichsten Deutschen, so zeigt die Auswertung der September-Ausgabe, sind allein elf Milliardäre auf den ersten einhundert Plätzen zu finden, die wir allesamt aus dem Kunstbetrieb kennen. Von Susanne Klatten und ihrem Bruder Stefan Quandt über Hasso Plattner bis zu den Familien Michael Otto, Jacobs und Würth, von Walter Droege und Hedda im Brahm-Droege über Hubert Burda und Alexander Otto bis zu Hans Georg Näder und zur Familie Stoschek. Zwischen 19 Milliarden Euro und 2,25 Milliarden schwer allein jeder dieser prominenten Privatsammler. Die aufschlussreiche Liste, die Jahr für Jahr in Billionen denken lässt, addiert man die großen Vermögen, verzeichnet unzählige bekannte Namen, darunter Flick, Goetz, Grothe, Metzler, Oetker, Olbricht, Ströher, Thurn und Taxis sowie Viehof, die wir vor dem Hintergrund ihrer Biographien sehen, auch unter dem Aspekt ihres gemeinnützigen Engagements einordnen und bewerten.

Schnell ist da viel Phantasie im Gedankenspiel, was andererseits kaum oder meist nicht zutrifft, wenn Künstler im Ranking auftauchen, auf Platz 336 beispielsweise Gerhard Richter (Vermögen: 550 Millionen). Oder Imi Knoebel überraschenderweise auf Platz 679 (250 Millionen, also angeblich 50 Millionen mehr als David Zwirner, der deutsche Erfolgsgalerist in den USA). Klar, auch ein Georg Baselitz (150 Millionen, Platz 964) verschenkt schon mal großzügig eines seiner Bilder an ein ihm dienendes Museum, aber bewegen die wohlhabenden Künstler in Sachen Gemeinwohl wirklich was, leisten sie irgendeinen gesellschaftlich relevanten Beitrag? Kein Missverständnis, bitte: Natürlich kann jeder mit seinem Geld tun und lassen, was er will; aber es drängt sich die Idee auf, dass alle, die in einem ungeheuer prosperierenden Markt vom Wahnsinn der Kapitalanlage Kunst profitiert haben, etwas zurückgeben.

In der Tat sind Kunstfreunde wie Brigitte und Arend Oetker großartige Vorbilder. Sie haben, wie viele andere Unternehmer, ihr Vermögen in der Wirtschaft erworben und wissen, wie unumgänglich Investitionen sind. Auch in der Kultur. In aller Stille, ohne jemals selbst die eigene Großzügigkeit feiern zu lassen, geben und ermöglichen sie manches, ob in Berlin, Leipzig oder Florenz. Mäzene wie aus dem Bilderbuch. Freilich sind auch jene Milliardäre und Millionäre, die mit eigenen Museen und Kunsthallen ihre Beiträge leisten (etwa Jacobs, Plattner, Ritter, Stoschek, Weishaupt und Würth), überaus lobenswert. Ebenso wie andere, die durch Förderung von staatlichen oder kommunalen Institutionen oft zuvor Unmögliches möglich machen (Friedrich und Sylvia von Metzler fürs Städel, Alexander Otto für die Hamburger Kunsthalle oder Sylvia und Ulrich Ströher für die Küppersmühle, Duisburg).

Kooperationsmodelle gibt es bekanntlich viele, jeder Fall liegt ein wenig anders, obgleich alle Sammler und Förderer verbindet, die eigene Kunst-Liebe auf die Öffentlichkeit übertragen zu wollen. Friedrich Christian Flick und der Hamburger Bahnhof in Berlin, Ingvild Goetz und das Haus der Kunst in München, Harald Falckenberg und die Deichtorhallen in Hamburg – einzigartige Partnerschaften, die von der Chance zeugen, »Kultur zwar nicht von der Politik abzukoppeln, sie jedoch aus dem Tagesgeschäft herauszunehmen, um ihr wieder Spielräume zu öffnen«, wie es Jean-Christophe Ammann vorausschauend schon in den Neunzigern in Frankfurt formulierte.

Er sprach damals vom Psychoterror des Sparens, er ärgerte sich über die damit einhergehende Verhinderung von innovativem Denken, und er brachte sein ganzes Charisma als Missionar der Kultur ein, um die Wohlhabenden in den Taunus-Villen zu überzeugen, bürgerliches Engagement zu zeigen, Kunst zu fördern. Es wäre ihm, dem heute (am 13. September) vor drei Jahren verstorbenen ehemaligen MMK-Direktor, nun eine große Freude, könnte er beobachten, wie freigebig die deutschen Millionäre sind, wie viele von ihnen tatkräftig Gutes für die Kunst tun. Die von Beuys proklamierte »Soziale Plastik« steht, wie auch zahlreiche Freundeskreise der Museen dokumentieren.

Was jetzt allerdings ins Visier genommen werden muss, sind Entwicklungen auf dem politischen Parkett, die sich nicht zuletzt aus eben diesen freiwilligen Leistungen ableiten. Mit einer gewissen Selbstverständlichkeit, so scheint es, wird mittlerweile immer wieder, ob auf Bundes-, Landes- oder Gemeindeebene, von Abgeordneten gefordert, dass Drittmittel eingeworben werden müssen. Unabhängig von der Tatsache, dass Museumsleute von Haus aus keine Akquisiteure sind, besteht die Gefahr, dass sich die öffentliche Hand irgendwann zurückziehen könnte, wenn sie merkt, dass sich die private überall bereitwillig öffnet, von Jahr zu Jahr mehr. Das zu verhindern, muss unsere Aufgabe sein.

In dieser Ausgabe: Von Köln nach Kassel – Moritz Wesseler übernimmt die Leitung des Fridericianums (Seite 2). Unruhe in Basel: MCH-Boss René Kamm ist aus dem Messe-Geschäft ausgestiegen (Seite 5). Wien: Monica Bonvicini verabschiedet sich mit schwerer Kost (Seite 7). Geheimnis gelüftet: Christoph Büchel steckte hinter der Erdogan-Statue in Wiesbaden (Seite 8). Internationale Sammler fehlten im Rheinland: Bilanz der DC Open (Seite 10). Kinofilm »Werk ohne Autor« – eine Enttäuschung (Seite 12). Noch nicht festgezurrt: Die Übernahme der Essl-Sammlung durch die Albertina in Wien (Seite 15). Kleiner, später, teurer: Probleme mit dem geplanten Museum des 20. Jahrhunderts in Berlin (Seite 18). Preis-Check: Mike Kelley (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 659 – Editorial

Informationsdienst KUNST 659

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wäre ich 20 Jahre jünger und aus tiefster Überzeugung in der Lage, mich bei einer der bürgerlichen Parteien als Mitglied zu engagieren, dann müsste ich jetzt in die Kulturpolitik wechseln und Ihnen nun, zum Saisonauftakt, die traurige Mitteilung machen, dass ich nicht länger Ihr Dienstmann sein kann. So aber, wohl zum Glück für uns alle, für Sie und mich, bleibe ich Ihnen hoffentlich noch lange erhalten, um zusammen mit meinem Redaktionsteam den Kunstbetrieb kritisch zu beleuchten. Dass ich Ihnen diesen in den vergangenen Monaten heimlich immer wieder aufflammenden Gedanken heute ungeschützt serviere, hat schlichtweg damit zu tun, dass ich mich mittlerweile beinahe täglich mindestens einmal über die Usancen in einer Branche aufregen muss, die völlig aus dem Lot gekommen ist und doch unsere Familie darstellt, aus der wir so leicht nicht ausbrechen können oder wollen.

Oft sind es nur Kleinigkeiten, die mir auffallen, aber unter dem Strich ist es dann doch so viel, dass ich manchmal nachts traurig oder, wohltuender, richtiggehend empört ins Bett gehe, weil dieser Betrieb vor Dummheit und Dreistigkeit strotzt. Zum Heulen. Nur mal ein klitzekleines Beispiel aus dem Blätterwald. Vor gut zwei Wochen gab es unter der Headline »Bitte freimachen« im Berliner »Tagesspiegel« einen Bericht mit Foto über einen Künstler namens Mischa Badasyan. Dass der 30-jährige Russe, der nackte Menschen in Gruppen und im öffentlichen Raum fotografiert, keine Ahnung hat, was er da eigentlich tut, ist das geringste Übel.

Schlimmer, dass eine Autorin, eine Eva Tepest, einen großen, vierspaltigen Text schreibt, ohne Badasyans Vorbild, Spencer Tunick, auch nur einmal zu erwähnen. Dabei ist der Ideenklau wirklich offensichtlich. Schmerzhaft ist er. Am schlimmsten freilich, dass die »Tagesspiegel«-Redaktion, die sonst so tut, als habe sie Ahnung, einen solchen Text-Müll veröffentlicht und ihn den Lesern zumutet.

Die Veralberung des Publikums findet freilich dort ihren Nährboden, wo es um die kulturpolitischen Rahmenbedingungen für die Kunst geht. Gar nicht vonnöten, die hinlänglich angeprangerten, vorauseilenden Unzulänglichkeiten von Mehrwertsteuer bis Kulturgutschutzgesetz erneut ins Gespräch zu bringen. Manchmal sind es nur Details und vermeintlich harmlose Personalien, die uns die Haare raufen lassen. Vielleicht haben Sie, mitten im Sommerloch, davon erfahren, dass der Christdemokrat Armin Laschet fortan als Bevollmächtigter der Bundesregierung für die deutsch-französische kulturelle Zusammenarbeit verantwortlich sein soll. Ja, geht’s noch? Alles okay in Berlin? Kein Missverständnis jetzt: Nix gegen Laschet persönlich; aber hat da jemand auch nur eine Minute lang darüber nachgedacht, ob dieses Amt noch sinnvoll ist, Bedeutung hat? Bekanntlich hat Kulturstaatsministerin Monika Grütters einen hervorragenden Draht zu ihrer französischen Kollegin Françoise Nyssen, die beiden stehen eng im Kontakt, und dann haben wir ja noch Michelle Müntefering, die ebenfalls für Kultur verantwortliche Staatsministerin im Auswärtigen Amt. Grütters. Laschet, Müntefering – Leute, merkt denn niemand, dass das Chaos programmiert ist, dass wir auf der deutsch-französischen Kulturschiene idiotisch überbesetzt sind?

Zur Erinnerung: Dass Laschet Mitte August nominiert wurde, hat damit zu tun, dass Hamburgs Regierender Peter Tschentscher den Kultur-Platz in der Ministerpräsidenten-Konferenz frei gemacht hat, Nordrhein-Westfalen zuletzt vor Jahrzehnten an der Reihe war. Indes: Hätten denkende Politiker nicht erkennen müssen, dass nun der optimale Zeitpunkt gekommen ist, um den Posten zu streichen? Immerhin hatte einst Gerhard Schröder das Kulturstaatsminister-Amt in der Bundesregierung eingeführt und damit doch auch einen Ansprechpartner für die französische Seite installiert. Haben denn alle vergessen, dass die Basis der neuen Laschet-Außenpolitik, für die Jahre 2019 bis 2022 vorgesehen, ein uralter Vertrag ist, ein 55 Jahre alter? Damals haben Konrad Adenauer und Charles de Gaulle einen Freundschaftsvertrag unterschrieben, der mittlerweile natürlich in wesentlichen Teilen obsolet ist. Aber in Berlin merkt das keiner. Stattdessen wird weiter stoisch Politik gemacht, derart uninspiriert, dass mir täglich mehr graue Haare wachsen.

In dieser Ausgabe: Womöglich wird Nora Gomringer als neue Direktorin der Villa Massimo nach Rom ziehen (Seite 4). Wie Okwui Enwezor mit München und dem bayrischen Staat abrechnet (Seite 5). Vier Spiegeleier und eine Hochzeit: Johannes Kahrs (Seite 7). Was hinter dem Ausschwärmen der MCH Group nach Singapur steckt (Seite 8). Johanna Penz und die Art Salzburg (Seite 8). Weiter Stillschweigen in Sachen Deutscher Pavillon in Venedig (Seite 12). Rechtsstaatliche Prinzipien verletzt? Der Fall Gurlitt, neu wahrgenommen (Seite 16). Susanne Klatten und die Stiftung Nantesbuch (Seite 17). Köln: Personalmangel in den Museen (Seite 19). Erfolgreich im Kunstbetrieb: Architekturbüro Kuehn Malvezzi (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 658 – Editorial

Informationsdienst KUNST 658

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, bisweilen vergeht ein ganzes Jahrzehnt und mehr Zeit, bis man offene Fragen überzeugend beantworten kann. Nicht alle Recherchen führen immer gleich zu Antworten, mit denen ich Sie konfrontieren mag. So legen wir in der Redaktion manche halbgaren, nicht hundertprozentig zu verifizierende Informationen, die in der Hitze der Ereignisse zusammengetragen werden, notgedrungen auf Eis. Zur Sache: Als der Kunstmäzen Karl Gerhard Schmidt, ein Privatbankier der alten Schule (der vor Tagen 83 Jahre alt wurde), Anfang des Jahrtausends mit seiner SchmidtBank in pekuniäre Schwierigkeiten geriet und das Unternehmen, das fünf Generationen lang in Familienhand war, in eine Auffanggesellschaft verschiedener Banken gelenkt wurde (später bekam die Commerzbank den Zugriff), hatte ich das Gefühl, dass dem Mann reichlich Unrecht geschieht.

Ich hatte sein Engagement jahrelang aus der Nähe beobachtet und gesehen, wie er, überaus gutherzig, insbesondere dem bayrischen Mittelstand mit Krediten half (später auch in Sachsen und Thüringen), wie er in Nürnberg und Bayreuth die Vereine, Hochschulen und Festspiele förderte, wie er, ob in Regensburg oder Roding, selbstverständlich auch am Standort Hof an der Saale, seine Bank-Filialen mit hochkarätiger Gegenwartskunst ausstattete und zugleich die Künstler der Region unterstützte. Einzigartig. Voller Respekt und Begeisterung waren Mitarbeiter und Kunden, ebenso die Mitbewerber und die Presse (unvergessen eine Bürger-Demonstration zur Rettung der SchmidtBank, 2001). Denn Karl Gerhard Schmidt, der promovierte Betriebswirt, der auch den Verlag für Moderne Kunst in Nürnberg gegründet hatte, gehörte knapp vier Jahrzehnte lang als Bankier und Mäzen zu den Künstler- und Kunstfreunden, auf die man sich immer verlassen konnte.
Während der Verhandlung vor dem Landgericht Hof, wo Schmidt 2007, nach knapp einem Jahr eines überaus nervenaufreibenden Wirtschaftsprozesses, zu einer niedrigen Bewährungsstrafe verurteilt wurde, stellte sich uns die Frage, ob wir die Kunst-Öffentlichkeit überhaupt mit diesem Fall beschäftigen müssen, schien es doch ausschließlich um eine Lawine von SchmidtBank-Problemen zu gehen, die mit der offenbar allzu großzügigen Kreditvergabe zu tun hatten. Obendrein war Ende 1999 Christian Karl Schmidt, ein Sohn des Bankiers, im Alter von 35 Jahren bei einem Verkehrsunfall ums Leben gekommen. Als Mitgesellschafter hatte er Monate zuvor die Verantwortung für Tochtergesellschaften und neue Projekte übernommen, und so kam zwangsläufig reichlich Verunsicherung in den Familienbetrieb. Wer hätte das nicht nachvollziehen können. Gewundert hatten wir uns damals schon, dass die bayrische Staatsregierung und auch die Bundesregierung (die der Commerzbank half) nichts taten, um die Zerschlagung der SchmidtBank zu verhindern, aber niemand in unserer Redaktion mochte sich in dieser Situation vorstellen, dass es gar üble Schikanen gegen die Familie Schmidt geben könnte, letztlich unter der Regie des Krisenmanagers Paul Wieandt inszeniert oder zugelassen.

Karl Gerhard Schmidt, diskret wie Banker sein sollten, beklagte sich nicht. Erst seit kurzem, seit dem Erscheinen seines Buches »Das letzte Kapitel« (Edition Gontard; Vertrieb: Verlag für moderne Kunst, Wien), weiß ich, was sich zugetragen hat. Nicht nur, dass Schmidt und sein zweiter, ebenfalls in der Bank tätiger Sohn, Karl Matthäus, rüde vor die Tür gesetzt wurden und noch nicht einmal persönliche Dinge wie Familienfotos und andere Erinnerungsobjekte mitnehmen durften. Es verschwanden auf dubiosen Wegen auch privat erworbene Kunstwerke. Vor knapp zehn Jahren, so schreibt der Sammler jetzt (Seite 173), »schlugen Künstlerfreunde aus München und Chemnitz Alarm: Sie berichteten, dass Arbeiten, die mir gehörten und teilweise mir gewidmet waren, im Kunsthandel aufgetaucht seien, in der Regel zu Schleuderpreisen«. Bei Ketterer in München, so heißt es weiter, seien Werke aus seinem Besitz entdeckt worden. Karl Gerhard Schmidt: »Meine persönlichen Sammlerstempel hatte man geschwärzt«.

Ich frage mich, und dieses krasse Beispiel mag im Moment als Aufhänger und zur Aufregung genügen, was mit dieser Gesellschaft los ist, wie wir miteinander umgehen. Natürlich ist dieses achtlose, auch verwerfliche Gebaren kein reines Kunst-Branchenproblem, aber schmerzt es in unserer Großfamilie nicht besonders, wenn Sorglosigkeit und mitunter auch vorsätzliche Rüpelhaftigkeit zu den üblichen Usancen gehören? Sollten wir nicht da, wo es ums Ganze geht, erwarten dürfen, dass die Menschen wenigstens sensibel reagieren, wenn sie sich schon nicht lieben wollen? Dabei hätte einer wie Schmidt unsere Liebe wahrlich verdient.

In dieser Ausgabe: Pressestimmen zum »Lohengrin«-Bühnenbild von Neo Rauch und Rosa Loy in Bayreuth (Seite 6). Klaus Biesenbach als Nachfolger von Phillipe Vergne in Los Angeles (Seite 9). Krach zwischen den Kulturhauptstädten Leeuwarden und Valletta (Seite 10). Christoph Tannert und die »Berlinzulage« (Seite 12). Mika Rottenberg und ihre Erfolge (Seite 13). Gerücht: Joachim Blüher auf Job-Suche (Seite 14). Münchens Problem mit Gunter Demnigs Stolpersteinen und die Erinnerungszeichen von Kilian Stauss (Seite 16). Hermann Nitsch wird 80 und plant offenbar noch einmal sein Sechs-Tage-Spiel (Seite 17). Zum Einschlafen: »Art of Crime« des Spartensenders ZDFneo (Seite 21). Reichlich Porno: Biennale in Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 657 – Editorial

Informationsdienst KUNST 657

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, »make it easy on yourself«, so hörte ich vor Tagen in Berlin, als der 90-jährige Burt Bacharach (»Raindrops Keep Falling on My Head«) das einzige Deutschland-Konzert seiner Europa-Tournee gab. Der schon zu Lebzeiten legendäre Komponist, der mit Marlene Dietrich, Aretha Franklin, Barbara Streisand, Tom Jones, Dionne Warwick, Elvis Costello und vielen anderen Musikern gearbeitet hat, wurde im Admiralspalast bereits mit Standing Ovations begrüßt und verströmte einen Abend lang eine derart berührende Atmosphäre, dass es letztlich egal war, wie sehr seine Stimme angegriffen wirkte. Es war der Respekt vor einer ungeheuren Lebensleistung, der dem Publikum, darunter, ein paar Sitze weiter, der Schauspieler Ulrich Matthes, die Tränen ins Auge trieb. Zugegeben: Vor Jahren noch, musikalisch für Easy Listening und Lounge Pop wirklich nicht zu begeistern, hätte ich kein Konzert besuchen mögen, in dem es um Fahrstuhl- und Supermarkt-Soundtracks geht, um diese kalifornische Unbekümmertheit. Aber nun die Chance, Bacharach noch einmal live erleben zu dürfen, ja, die wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Dass ich mir erlaube, Sie heute mit einer solchen Ohrwurm-Notiz aus meinem Privatleben zu konfrontieren, hat einen Hintergrund. In jüngster Zeit beobachte ich am laufenden Band, wie sich Künstler der vorangehenden Generation, eben die nun gut Achtzigjährigen oder die schon auf die Hundert zusteuernden Senioren, im hohen Alter durch schöpferisches Tun wachhalten. Beispiele gibt es zuhauf. Aber vielleicht mag Pierre Soulages, der Ende des nächsten Jahres (am 24. Dezember) seinen hundertsten Geburtstag feiern kann, einmal stellvertretend genannt sein. Der ungegenständliche Maler, den die Franzosen nicht erst seit der von ihm möglich gemachten Museumseröffnung in seiner Geburtstagsstadt Rodez wie einen Nationalheiligen verehren, wie Picasso, hat ein Verfahren entwickelt, das von ihm gerne und reichlich eingesetzte Schwarz zum Leuchten zu bringen, das einfallende Licht zum Komplizen bildnerischer Arbeit zu machen. Folglich bleiben seine Bilder offen, lebendig, scheinen sich zu verweigern, als kunsthistorisch relevante Inkunabeln ins Museumsdepot zu wandern. Sie drängen ins Licht, in die Öffentlichkeit, bleiben tief in Erinnerung, wie zuletzt jene umfangreiche Retrospektive zeigte, die ich vor Jahren zunächst in Paris und dann in Berlin sah.

Soulages hat sich mit seinem »Überschwarz«, wie er selbst seine Erfindung aus dem Jahr 1979 bezeichnet, in die Kunstgeschichte gemalt. Er spricht von der »Kraft der Präsenz«, er schwärmt von den Licht-Reflexen auf den tiefschwarzen, gefurchten Flächen und den sich ergebenden neuen Räumen der Vibration. Und natürlich ahnt man, dass künftige Ausstellungen, die wohl schon zum großen Geburtstag geplant sind, »outrenoir« (das »Überschwarz«) feiern werden. Zugleich frage ich mich, hier nun der mentale Bacharach-Rückgriff, kann ein Spätwerk der Innovation entstehen, wenn jemand, wie Pierre Soulages, erst im Alter von exakt 60 Jahren sein Heureka findet? Nimmt die Kraft der Präsenz nicht im Alter automatisch ab? Haben nicht auch Künstler wie Karl Otto Götz oder Emil Schumacher in den letzten Lebensjahren nachgelassen? Als Burt Bacharach, der King of Easy-und-Nebenher-Musik (am Piano allerdings hart wie ein Jazzer), viele seiner teils Jahrzehnte alten Erfolgssongs im Medley-Schmuseprogramm mitreißend vorgetragen hatte, folgten unbekanntere Songs, etwa »Mexican Divorce«. Indessen mochte auch der unausgesprochene Seitenhieb gegen Trump (und die geplante Mauer) nicht ausgleichen, dass das Neue ans Alte nicht herankommen kann.

Wie in der Malerei: Ist man nicht offen genug für das Gegenwärtige, wenn das Bewährte, das mittlerweile historisch Sanktionierte, so stark prägt und anspricht? Zielt jenes Urteil, unfair, gegen den Autor, ob Musiker oder Maler, weil man verwöhnt wurde und ein treuer Mensch ist, nicht abtrünnig werden mag? Angst vor dem Verrat, wenn die Lieblingsmusik oder das Lieblingsbild zur Seite gelegt oder gehängt würde, um neue Wahrnehmungen zuzulassen? Schnell bin ich, kaum ist das Zweieinhalb-Stunden-Konzert im Admiralspalast vorbei, gedanklich dort angelangt, wo ich seit rund drei Jahrzehnten am Problem nage: Brauchen wir nicht endlich wieder Kriterien, um die Künste zu bewerten? Haben wir nicht einst, im Rausch einer vermeintlichen Befreiung, voreilig alles über Bord geworfen, gemeinsam das Lied vom Scheitern als Chance gesungen, auf Teufel komm raus zitiert und natürlich in Toleranz gebadet, um in politisch korrekten Zeiten nicht unangenehm aufzufallen, gar reaktionär zu wirken?

Ich gestehe: Ich wäre dankbar, wenn es heute legitim wäre, Maßstäbe einzusetzen, Regeln anzuwenden, um Kunstwerke zu beurteilen. Dann gäbe es endlich auch wieder eine Kunstkritik, eine echte Auseinandersetzung mit Kunstwerken, die jetzt immer häufiger eingefordert wird, ohne dass jemand sehen mag, wo es tatsächlich kneift. Es sind einerseits die fehlenden Qualitätskriterien, richtig, aber es geht halt zudem um eine unglaublich zunehmende Verwilderung der guten Sitten. Kein Kunstmagazin mehr, das nicht jenen wirtschaftlichen Druck spüren würde. Sie wissen schon: Ich meine die dubiosen Gegengeschäfte, die unabhängigen, kritischen Journalismus verhindern. Klartext: Anzeigen-Schaltung nur, wenn zugleich wohlwollende redaktionelle Berichterstattung garantiert wird. Unmöglich, unsäglich. Nix da mit »make it easy«. 

In dieser Ausgabe: Frankreichs Kulturministerin, Françoise Nyssen, im Macron-Visier (Seite 3). Pussy Riot in Moskau auf Abwegen (Seite 3). Neue Dotierung für den Rubenspreis in Siegen (Seite 7). Alte Bekannte in der documenta-Findungskommission in Kassel (Seite 8). Jubel bei Christie’s: Bestes Ergebnis bislang (Seite 9). Von Stockholm nach London: Daniel Birnbaum (Seite 11). Wie Susanne Gaensheimer Düsseldorf aufmischt (Seite 13). Warum Cecil Beaton nun auch im Kino überzeugt (Seite 17). Was Martin Rögener mit der Sammlung Vogel macht (Seite 17). Helge Achenbach und kein Ende: Nun hat er das Biographie-Projekt platzen lassen (Seite 21). Köln und Düsseldorf wieder im Städtewettkampf (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 656 – Editorial

Informationsdienst KUNST 656

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, während der hausbackene, allenfalls vorübergehend befriedete Seehofer-Merkel-Unionsstreit die Regierungsarbeit in Berlin beinahe lahmlegt, ist unsere Branche nach wie vor damit beschäftigt, die auf internationalem Parkett spürbaren Nachteile aufzufangen, die uns die Bundesregierung eingebrockt hat. In ihrem vorauseilenden, überzogenen Gehorsam, mit fragwürdigen europäischen Notwendigkeiten begründet, hat sie vor Jahren für eine 19-prozentige Mehrwertsteuer in Sachen Kunst gesorgt, die den Handel nicht mehr wettbewerbsfähig agieren lässt. Zwar steht in der jüngsten Koalitionsvereinbarung, dass man sich bemühen möchte, eine Anpassung vorzunehmen, also diese Steuer zu reduzieren, aber niemand glaubt daran, dass dieser Einsatz jemals wieder zum Froschschenkel-Niveau führen könnte (die Schenkelchen werden in der Tat nur mit sieben Prozent belegt). Obendrein mehren sich die Stimmen in der Branche, die das Koalitionspapier nicht wirklich ernstnehmen, sondern es als reine Guttat ohne Handlungsdruck bewerten, als tiefgekühltes Wahlversprechen für 2021, wenn der 20. Deutsche Bundestag zusammengestellt werden muss.

Diese politische Situation vorausgestellt, ist es völlig nachvollziehbar, dass nun seitens der Galeristen, der Leidtragenden in diesem Mehrwertsteuer-Drama, allerlei Überlegungen hochkochen, die zur Umgehung des wirtschaftlichen Handikaps führen könnten. Vielleicht hat der »Handelsblatt«-Steuerpolitik-Artikel von Christiane Fricke (Ausgabe vom 29. Juni, Seite 59) die schon einmal angedachte Debatte neu entfacht: Sie berichtete über den auch in diesem Branchenbrief angekündigten »Praxistag für Galerien«, den der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (BVDG) und die IHK Köln veranstaltet haben, wo der Rechtsanwalt und Steuerberater Florian Greiner das Plädoyer für eine radikale Alternative zum derzeitigen Berufsbild des Galeristen hielt. Greiner sprach sich für ein sogenanntes »Agenturmodell« aus, das den Galeristen tatsächlich zum Agenten macht.

Dabei hat der Experte, clever, auf die aktuelle Lage reagiert und den Finger in die Wundstelle gelegt. Wie bekannt: Der Kunst-Einkauf im Atelier, also direkt beim Künstler, wird mit sieben Prozent Mehrwertsteuer versehen, dagegen sind 19 Prozent fällig, kommt der Sammler in die Galerie oder auf den Messestand und kauft ein. Das Geschäftsmodell zu drehen, bedeutet freilich, aus dem Galeristen einen Handelsvertreter zu machen, wie es Paragraf 84 HGB regelt. Der Kaufvertrag wird also nicht zwischen Galerist und Sammler vereinbart, sondern zwischen dem Produzenten, Handelsherr oder -frau genannt, und dem Einkäufer – und der Galerist als Vermittler erhält für seine Dienstleistung vom Künstler eine Provision.

Natürlich birgt dieses Modell im Einzelfall den Vorteil, dass der Galerist »in eine gewisse rechtliche Distanz zum Käufer tritt«, wie es BVDG-Geschäftsführerin Birgit Maria Sturm auf Anfrage erläutert. Er sei dem Kunden gegenüber nicht mehr haftungspflichtig. Diese Aufgabe habe der Künstler als Handelsherr zu übernehmen. Doch die Nachteile sind offensichtlich, weil nicht nur die bislang klare Rollen-Verteilung verunklärt wird, weil die Weisungsbefugnis beim Künstler liegt, weil vom Galeristen gleichwohl allerlei Leistungen erwartet werden. Konflikte sind also programmiert, wenn nicht genaue vertragliche Regelungen getroffen werden. Sturm: »Es gibt einige Galeristen, die das Agenturmodell bereits nutzen – mit Künstlern, zu denen ein intensives Vertrauensverhältnis besteht. Dies ist wichtig, da der Galerist als Agent durchaus einen Teil seines Zepters aus der Hand gibt.«

Manfred P. Herrmann, Geschäftsführer der Berliner Steuerberatungsgesellschaft HPTP, hat kurz nach der Mehrwertsteuer-Korrektur in Sachen Kunst, 2014, für seine Mandaten beispielhaft Zahlen geliefert, die das »In the Name of the Artist Modell« als rechnerisch überaus interessant darstellen. Aber das mitunter auch als »Tankstellenmodell« (dort wird der Sprit im Namen und für Rechnung der entsprechenden Mineralölgesellschaften verkauft) bezeichnete Verfahren ist rechtlich zwar korrekt, doch es enthält ein immenses Abstimmungs-, Verwaltungs- und Konfliktpotenzial. Wenn der Galerist, unter dem Strich, mehr Aufwand als zuvor hat, dann rechnet sich die mögliche Umstellung nicht. Zeit ist Geld, wusste schon Benjamin Franklin. 

In dieser Ausgabe: Die Fondation Beyeler will Anfang 2019 eine sensationelle Picasso-Ausstellung eröffnen (Seite 2). Der Bundestagsabgeordnete Johannes Kahrs gibt den Bremser in Sachen Einheitsdenkmal (Seite 3). Raus aus der Kunst: Annette Kulenkampff und der Stadtbau (Seite 4). Im Visier der AfD: Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann protestiert (Seite 7). Wien, Leopold Museum: Vuitton-Leihgabe aus Klimt-Schau entfernt (Seite 7). München, Bayerische Staatsoper: Bühnenbild von Georg Baselitz ausgebuht (Seite 8). Berliner Senat winkt fragwürdiges Mauer-Projekt in Mitte durch (Seite 9). Insel Hombroich und Graubner-Museum (Seite 12). Warum das Düsseldorfer Museum Kunstpalast ein DDR-Projekt plant (Seite 16). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 655 – Editorial

Informationsdienst KUNST 655

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Einfallswinkel gleich Ausfallswinkel. Oder, leutseliger, wie man in den Wald hineinruft, so schallt es auch wieder heraus. Fakt ist, dass Philipp Demandt, der Direktor des Städel Museums, unterstützt von seinen Stellvertretern Jochen Sander (Kunst) und Heinz-Jürgen Bokler (Kohle), auch vom Administrationschef Nikolaus Schweickart, tüchtig Geld in die Hand nimmt, um am Ende mit einem Jahresüberschuss hoffnungsvoll in die nächste Bilanzphase zu schauen. Dank der eingebundenen Rücklagen stehen nun für 2017 knapp 600 000 Euro Bilanzgewinn und für 2016 rund 560 000 Euro in den Büchern. Diese Zahlen können sich sehen lassen – zumal sowohl im Städel selbst als auch im Liebieghaus allerlei Sanierungsmaßnahmen fällig waren, viele Ausstellungen und Projekte für insgesamt 430 000 Besucher (2017) realisiert wurden. Obendrein: Im vergangenen Jahr konnten sage und schreibe 129 Kunstwerke erworben oder als Schenkung entgegengenommen werden.

Erfährt man aus Frankfurt außerdem, schmunzelnd, dass 2017 exakt 2 483 selbstgebackene Kuchen im Liebieghaus-Café zur Verköstigung kamen, scheint das Bürger-Wunder komplett, weiß man doch, wie schwierig dieses Jahr fürs Museumsmanagement war. Immerhin musste im Liebieghaus, der Baustelle, aus nachvollziehbaren Gründen ein deutlicher Besucher-Schwund verkraftet werden. Nur noch rund 40 000 Leute wurden registriert (2016 waren es über 30 000 mehr). Gleichwohl haben Demandt und sein Team insgesamt etwa 50 000 Besucher mehr in die beiden Häuser geholt als im Übergangsjahr Hollein/Demandt, 2016 also, wo genau 383 942 gezählt wurden. Das ist ebenso überraschend wie sensationell, hat man einst am Main schon Max Hollein gefeiert, als sei er der Heilsbringer schlechthin. Sollte Demandt ihn toppen können?

Bei genauer Betrachtung der Quoten-Ergebnisse im Millionen-Tanker Städel mit seinem Liebieghaus-Beiboot zeigt sich freilich, dass Kapitän Demandt den Besucher-Erfolg 2017 vor allem seinem damaligen Steuermann Felix Krämer zu verdanken hat, der anschließend von Bord und nach Düsseldorf, Museum Kunstpalast, gegangen ist. Krämer konnte als Kurator der weithin bejubelten »Matisse – Bonnard«-Ausstellung (»das Highlight des Jahres«, so der Hessische Rundfunk) über 200 000 Besucher ins Traditionshaus holen. Solche herausragenden Resultate führen mehr oder weniger automatisch zu weiteren Großtaten, etwa seitens der Sponsoren und Mäzene, auf die sich das Städel schon zu Holleins Zeiten sehr verlassen konnte. Zudem hat die spezielle Städel-DNA, wie Demandt die privilegierte Situation beschreibt, international Resonanz gefunden, wie Leihgaben aus London, Paris oder New York dokumentieren.

Während viele Museen in Deutschland ehrfurchtsvoll zu den drei großen Generaldirektionen in Berlin, Dresden und/oder München schauen, spielen Frankfurt und sein untadelig diplomatisch agierender Städel-Direktor längst in einer anderen Liga, Champions League nämlich. Bundesliga war gestern, gar vorgestern, vor Hollein mithin. Damit ist die vor Jahrzehnten noch vom damaligen, kürzlich verstorbenen Kulturdezernenten Hilmar Hoffmann aufgestellte Rechnung wirklich aufgegangen. Die Basis sehen und einbinden, aber bereit sein zum Aufbruch, zum Flug über den hessischen Tellerrand. Folglich und bewusst kühn, ein wenig provokativ formuliert: Von Adorno über Hoffmann zu Demandt, um die Zivilgesellschaft zu aktivieren, um Kunst als geistiges Lebensmittel zu kommunizieren. Chapeau und Glückwünsche nach Frankfurt.

In dieser Ausgabe: Neun Millionen Euro aus Saudi-Arabien für das Museum für Islamische Kunst in Berlin (Seite 2). Neuer Minister in Italien: Alberto Bonisoli (Seite 5). Für Fortgeschrittene: Manifesta 12 (Seite 7). Für Cineasten: Shirin Neshats Film (Seite 9). Ethikpapier der Art Basel wegen Mathias Rastorfer schon im Visier (Seite 11). Preis-Check: Frank Auerbach (Seite 16). Hannovers Kulturdezernent, Harald Härke, vom Dienst suspendiert (Seite 16). Düsseldorfs Akademie-Rektor Karl-Heinz Petzinka gibt Gas (Seite 19). Kölner Verlegerin Marlene Taschen tritt auf die Bremse (Seite 19). Schweizer Künstlerin Manon macht sich älter (Seite 21). Sorge um das Künstlerhaus Wiepersdorf (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 654 – Editorial

Informationsdienst KUNST 654

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, derzeit viel los, bevor es in die Sommerpause geht. Art Basel (siehe nebenstehenden Kommentar), Berlin Biennale (Seite 5), Manifesta in Palermo – das ganze Spektrum mithin, von der Messe bis zur Großausstellung, die sich bewusst von jeglichen Markt-Beziehungen absetzt. Dass die Kunstwelt mittlerweile gespalten ist, weiß die Branche – und dennoch sind wir überrascht, prallen die Gegensätze gerade in diesen Tagen so gnadenlos aufeinander wie schon länger nicht mehr. Man kommt nicht umhin, einerseits die Welt des Handels zu betrachten, ob in Galerien, Messen oder Auktionssälen, wie man andererseits wahrnehmen muss, dass es neben diesem hochtourigen Objekt- und Anlagegeschäft eine eigene Szene gibt, die erst gar nicht versucht, in der Liga der Preis- und Provisionsakrobaten mitzuspielen. Es sind Künstler und Vermittler, die sich für den Marktwert der Ware Kunst gar nicht interessieren, sondern lieber alles tun, um gesellschaftlich zu wirken, Prozesse auszulösen, die im sozialen und politischen Umfeld verortet werden. Manifesta und Berlin Biennale bieten Beispiele zuhauf.

Diese Künstler, keine Förmchen-Bäcker, sondern eher Teig-Forscher, stehen weder im Rampenlicht, noch gehören sie zu den Großverdienern. Man fragt sich sogar oft, wie sie das Lebensnotwendige verdienen, wenn ihre Arbeit weitgehend unverkäuflich ist. Die Künstler-Listen in Berlin und in Palermo dokumentieren zahlreiche Namen, die man zuvor nicht kannte, die auch Insider nur schulterzuckend zur Kenntnis nehmen. Das muss nicht irritieren; vielmehr kann diese Entwicklung als Chance begriffen werden, tatsächlich auf die Inhalte zu schauen. Immerhin haben die prominenten Namen der Künstler und Kuratoren in der Vergangenheit oft genug den Blick verstellt, die echte Auseinandersetzung mit dem Werk vernebelt. Geblendet vom Bekanntheitsgrad einer Person oder eines Renditeobjekts, spielte die implizierte Botschaft häufig keine Rolle. Vielleicht also gut, wenn die Branche jetzt erst überlegen muss, wer eigentlich zu den Mediatoren (!) in Palermo gehört, wer zum Kuratoren-Team in Berlin. Und unbekannte Künstlernamen bringen den Vorteil, dass in Gesprächen immer auch versucht werden muss, die dazugehörige Arbeit zu beschreiben. Das verändert die Branchenkommunikation, positiv natürlich.

Was obendrein in diesen Wochen auffällt, ist die laufend weiter zunehmende Auseinandersetzung mit einem Begriff, der erst seit kurzer Zeit im Fokus steht: Kolonialismus. Noch in der Planungsphase des Humboldt Forums war dazu nichts zu hören und zu lesen. Mittlerweile treffen beinahe täglich die Nachrichten ein. Mal gibt die Stiftung Preußischer Kulturbesitz neun Objekte nach Alaska zurück, allesamt Grab-Beigaben, die aus nicht genehmigten archäologischen Grabungen in Berlin landeten (Ethnologisches Museum); mal trumpft die Kulturstaatsministerin im Rahmen der Bundespressekonferenz mit einem Museumsbund-Leitfaden auf, der den Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten regelt (siehe Seite 18).

Hochbetrieb in der Kulturpolitik und auch bei den Juristen, weil die Restitution so einfach nicht ist. Es geht teils um fragwürdige Ansprüche der Herkunftsstaaten, aber teils auch um fehlende Grundlagen einer Rückgabe von sich aus, wie es manche Museen praktizieren oder derzeit erörtern. Eine Experten-Konferenz in Hamburg, im vergangenen Monat vom Auswärtigen Amt veranstaltet, öffnete vielen Teilnehmern die Augen, dass schlechtes Gewissen und gute Absichten allein nicht genügen, das Kolonialzeit-Problem verantwortlich zu lösen.

Im Kunstbetrieb gibt es seit langem Anzeichen, dass auch dieses Thema konsequent behandelt werden müsse, wenn man allerorten dank staatlicher Förderung erfolgreich bemüht ist, Provenienzen zu ermitteln und gegebenenfalls Wiedergutmachung zu betreiben, um beispielsweise, überfällig, entzogenen jüdischen Besitz an die rechtmäßigen Eigentümer zurückzuführen. Dabei drängt sich freilich immer die Frage auf, was koloniale Raubkunst genau ist, wie sie definiert wird. Überhaupt: Wo beginnt Kolonialismus? Greift die Diktion schon, wenn ein amerikanischer Großgalerist weltweit operiert, also mit Dependancen nach und nach sämtliche Länder besetzt? Zeugt es von kolonialem Denken, wenn der Kurator einer mit öffentlichen Mitteln veranstalteten Ausstellung einen zweiten Spielplatz in einem anderen Land erobert und dort, keck und munter, überall riesige documenta-Fahnen vor die Museen pflanzt, selbst dann noch, wenn in den Häusern nur ein winziges (documenta-)Objekt aufgestellt wird?

Mitten in der zunächst verschleppten Kolonialismus-Debatte: Wie wirkt sich das neue Bewusstsein auf die bildnerische Arbeit in den Ateliers aus, wie reagieren die Teig-Forscher unter den Künstlern? Können sie gar der Politik die erforderlichen Impulse geben, beherzt aufzuräumen? Immerhin, so kursiert die Information, sollen hierzulande rund 50 000 afrikanische Objekte im musealen Zwielicht ungeklärter Provenienz liegen. Obendrein gibt es auch seitens der Herkunftsländer nicht nur Rückgabe-Wünsche, sondern auch Vorschläge, Ideen des Teilens zu realisieren, um nachhaltig Kommunikation und Austausch zwischen den Kulturkreisen zu ermöglichen. Mithin: Viel los derzeit; packen wir es an.

In dieser Ausgabe: Nun rückt Hartmut Dorgerloh an die Spitze des Humboldt Forums, doch dem Generalintendanten fehlt die globale Perspektive (Seite 4). 10. Berlin Biennale: Kunst zum Anfassen (Seite 5). Deutsche Bank positioniert sich neu: Am 27. September wird in Berlin das »PalaisPopulaire« eröffnet – ein Ort für den Dialog mit Kunst, Kultur und Sport (Seite 11). Architektur-Biennale Venedig: Mit ihren »Goldenen Löwen« liegt die Jury daneben (Seite 13). Zurück in die Steinzeit: Brigitte Franzen, Kuratorin der 14. Triennale Kleinplastik Fellbach, plant 2019 ein »Museum der Neugier« (Seite 16). Brisant: Der Deutsche Museumsbund hat einen Leitfaden zum Umgang mit Kunst aus kolonialem Kontext herausgegeben (Seite 18). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 653 – Editorial

Informationsdienst KUNST 653

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als kürzlich in Berlin auf dem weiträumigen, oft schlichtweg nur leer und unwirtlich wirkenden Kulturforum und im anliegenden, ebenfalls öde aussehenden Gemäldegalerie-Foyer endlich mal wieder Leben aufkam, weil die »Süddeutsche Zeitung« dort zur Freude der Kulturstaatsministerin zu Gast war, brachte die Schauspielerin Maren Kroymann ein Phänomen auf den Punkt, das viel über die Zeit sagt, in der wir leben. »Man begrüßt sich mit Küsschen, ist aber mit den Augen schon immer weiter – weil es da ja Leute gibt, die noch wichtiger sind«, so kommentierte sie die »Judasküsse«, die in der Hauptstadt ganz normal seien. »Da wird man ständig verraten, aber merkt es gar nicht.«

Was Kroymann auf der Verlagsparty beobachtet und kritisiert hatte, ist indes nichts Neues, auch keine spezielle Berliner Unart. Aber diese wirklich unangenehme Gewohnheit nimmt immens zu, wie wir gestehen müssen, nicht zuletzt auf die laufend größer werdende Branche zurückzuführen. Egal, wo man sich aufhält, wo man sich durchschlängelt oder, Kehrseite, doch noch erkannt und lautstark, überschwänglich begrüßt wird: Überall, ob auf den internationalen Kunstmessen oder während der Eröffnungsstunden der Großausstellungen, ein irres Getue, die Demonstration von vermeintlichen Freundschaften, die aber letztlich allenfalls bescheidene Geschäfts- oder Interessensverbindungen sind. Berechnend, bis zur Schmerzgrenze.

Natürlich freut man sich bisweilen wirklich, plötzlich diesen oder jenen Bekannten zu treffen, gelegentlich auch mal einen Freund; nichts einzuwenden gegen die folgende Umarmung. Aber ist es nicht befremdlich, dass man, bei ehrlicher Betrachtung des Sozialverhaltens, von gefühlten 95 Prozent Chichi-Gesten ausgehen muss? Denn der entlarvende Blick über die Schulter, hin zum nächsten Bussi-Kandidaten, ja, der hat so beträchtlich zugenommen, dass es Tage und Abende gibt, die enorm nachdenklich werden lassen. Angesichts der offensichtlichen Verlogenheit steigt dann ein ganz eigenes Gefühl auf, das häufig dazu führt, angewidert Vernissagen und Empfänge möglichst schnell zu verlassen. Von der Kunst selbst sieht man oft ohnehin nichts, weil vor jedem Bild fünf Leute mit Schampus-Glas stehen, freilich mit dem Rücken zum Werk.

Diese flüchtige, fragwürdige Umgangsform, leider in allen Bereichen gesellschaftlichen Lebens auszumachen, wäre hier nicht weiter ein Thema, hätten wir nicht einst gerade in der Kunst um Wahrhaftigkeit gerungen. Dieser Widerspruch ist kaum mehr zu überbrücken. Zu erklären ist er freilich mit der Tatsache, dass die Kluft zwischen Produzenten und Konsumenten größer als jemals zuvor zu sein scheint. Vorbei die Jahrzehnte, als Künstler die Stars waren, als sie umschwärmt und höchstpersönlich geachtet wurden. Heute geht es, die Art Basel wird es in wenigen Tagen erneut beweisen, vorrangig um renditeversprechende Ware, um eine (Marken-)Kunst, mit der man zunächst angeben und später knallhart abkassieren kann.

Wie immer: Es gibt Ausnahmen, etwa Sammler, die die Kunst lieben, oder Galeristen, die ihre Vermittler-Aufgabe ernst nehmen und sich von Spekulanten nicht zum Handlanger berechenbarer Kapital-Vermehrung machen lassen. Doch der Trend zur Oberflächlichkeit in der Distribution ist wohl unaufhaltsam, wo Zeit knapp bemessen und Kunst nicht selten wie industriell gefertigt erscheint. Chance zum Gegensteuern? Geschwindigkeit drosseln? Auseinandersetzung erhöhen? Ja, bitte!

In dieser Ausgabe: Unruhe am MOCA in Los Angeles – nun muss auch Philippe Vergne gehen (Seite 2). Gerhard Richter als Wohltäter zugunsten Obdachloser (Seite 5). Venedig, Biennale 2019: Künstlerinnen bevorzugt (Seite 6). Zehn Episoden »Rheingold«: Klischeefalle für Helge Achenbach (Seite 7). Strapaziös: Umsetzung der neuen EU-Datenschutzgrundverordnung (Seite 8). Dubios: Verweigerung der documenta-Geschäftsleitung (Seite 11). Wie Franz Erhard Walther ein Treffen mit Marcel Duchamp vermasselte (Seite 13). Was aus Andy Warhols »Interview Magazine« geworden ist (Seite 15). Reine Museumspromotion: Kinofilm »Schatzkammer Berlin« (Seite 17). Krach ohne Ende: Museum Schloss Moyland (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 652 – Editorial

Informationsdienst KUNST 652

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wir alle in dieser Branche kennen das Problem und beobachten die ungeheure Zunahme von Stiftungen. Allein in Deutschland gibt es mittlerweile über 20 000 (im Vergleich: Frankreich zählt nur rund 5 000). Weltweit, so zeigt eine von der UBS in Auftrag gegebene Studie (»Global Philanthropy Report«), sind mittlerweile mindestens 260 000 Stiftungen tätig, und knapp drei Viertel wollen als junge Institutionen gesehen werden, weil sie erst in den vergangenen zwei Jahrzehnten gegründet wurden. Natürlich geht es dabei nicht immer nur um Gönnerschaft, um gesellschaftliches Engagement zugunsten des Allgemeinwohls. Oft spielen auch handfeste steuerliche Vorteile eine Rolle, Regelungen, die im Kontext familiärer Überlegungen gesehen werden wollen.

Fernab von hintergründigen Motiven dieser Art: Stiftungen stellen unbestritten eine herausragende Option dar, obgleich die Erträge aus dem Stiftungskapital heutzutage längst nicht mehr jene Aktivitäten gestatten, wie das einst der Fall war. In der Folge können bekanntlich auch Museen und andere geförderte Einrichtungen nicht mehr mit jenen Zuschüssen rechnen, die früher gewährt wurden. Zudem: Nicht zwangsläufig ist die traditionelle Stiftung die richtige Rechtsform für Philanthropen und jene Zeitgenossen, die unter diesem Deckmantel bevorzugt eigene Vorteile im Visier haben. Von der Möglichkeit der sogenannten Zustiftung über die Verbrauchsstiftung bis zur Stiftungsgesellschaft mit beschränkter Haftung und gemeinnütziger Ausrichtung gibt es etliche Modifikationen.

Vielleicht ist es auch diese Vielfalt, die jetzt dazu führt, dass im kommenden Monat ein Entwurf zur Korrektur des Stiftungsrechts vorgelegt werden soll. Ziel ist es offenbar, Einfluss auf die Mobilität der Stiftung als Institution zu nehmen, somit Voraussetzungen zu schaffen, dass gegebenenfalls, ganz nach aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, schneller Anpassungen vorgenommen werden können. Das bedeutet: Es soll beispielsweise leichter möglich werden, Fusionen herzustellen, Stiftungen notfalls auch aufzulösen. Denn laut einer Statistik des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ist es Tatsache, dass rund 75 Prozent aller deutschen Stiftungen mit einem Jahresetat operieren, der unter 100 000 Euro liegt. Die Betriebskosten der Selbstverwaltung eingepreist, bleibt mithin kaum etwas übrig, um effektiv in der Öffentlichkeit zu wirken, um zugunsten der Kultur mehr oder weniger Gutes zu tun. Eine ernüchternde Erkenntnis, die nun, höchste Zeit, zum Umdenken treibt.

Dass Stiftungen ein ernstzunehmendes Thema im Kulturbetrieb sind, kommt nicht von ungefähr: Obgleich gerade auch in diesen Wochen wieder erneut die teils bereits bekannten Bundeskulturetat-Zahlen für 2018 und 2019 in die Öffentlichkeit gebracht und als Riesen-Erfolg bewertet werden – der Staat ist nach wie vor ein Winzling, wenn es um Kultur-Förderung geht. Die Fakten: Der Bundeshaushalt 2018 sieht Ausgaben in Höhe von 341 Milliarden Euro vor, und die Kulturstaatsministerin lässt sich, auf der Basis des 2017-Etats, aus dem eigenen Team für die »erneute Steigerung des Kultur- und Medienhaushalts« beklatschen. Mit Verlaub: Es handelt sich, bei erweiterten Aufgaben und Zuständigkeiten, letztlich aber nur um 1,67 Milliarden für Kultur und Medien im Jahr 2018. Dieses Budget macht, lausig, lausig, ein knappes halbes (!) Prozent des deutschen Gesamtetats aus. Da gibt es also wirklich nichts, was gefeiert werden müsste.

Selbstverständlich wird die Bundeskultur angesichts sämtlicher staatlicher Verpflichtungen nicht in die Lage versetzt werden können, irgendwann eine zweistellige Prozentzahl aus dem Gesamtetat beanspruchen zu können, wie das vor Jahrzehnten der legendäre Hilmar Hoffmann in Frankfurt auf kommunaler Ebene schaffte, aber als Nahziel müssen 3,4 Milliarden festgeschrieben werden, eben wenigstens ein Prozent. Der Staat sollte, vorbildlich, selbst ein angemessenes Zeichen setzen, wenn er andererseits versucht, private Stifter per gesetzlicher Erleichterungen zu animieren, dem Gemeinwohl zu dienen.

In dieser Ausgabe: Auseinandersetzung in Bielefeld, Kunsthalle, wegen Kritik an Direktor Friedrich Meschede (Seite 2). Erfolg in Berlin, Hamburger Bahnhof, dank der Großausstellung »Hello World« (Seite 6). Armin Zweite und die Ernst von Siemens Kunststiftung (Seite 9). Ai Weiwei und sein Umzug in Richtung Sonne (Seite 10). Am Gipfel: Ariane Grigoteit wechselt nach Davos (Seite 12). Wegen Ideenraub: Helmut Schober empört sich (Seite 12). Rumoren in Kapstadt: Museumsgründer Jochen Zeitz im Fokus (Seite 15). Streitbereit: Rudolf Zwirner (Seite 18). Der Volkswagen Konzern und die Kultur (Seite 19). Preis-Check: James Turrell (Seite 23). Sammler Hans Georg Näder macht Schlagzeilen (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 651 – Editorial

Informationsdienst KUNST 651

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ob es eine Erklärung für das Phänomen gibt, dass Künstler-Kinder es besonders schwer haben, sich in der Branche zu etablieren? Es gibt Beispiele zuhauf, die anschaulich dokumentieren, dass der Nachwuchs renommierter Maler, Bildhauer, Performer und Fotoartisten (trotz mancher eigener Erfolge, sogar in Auktionshäusern) an den Eltern nicht vorbeikommt, schaut man auf die Karriere-Leiter. Der 1958 geborene Sohn von Günther Uecker, der ebenfalls im Rheinland lebende Marcel, ist einst mit dem Nachnamen Hardung angetreten, um nicht begünstigt zu erscheinen, und scheint weit davon entfernt zu sein, in Vaters Fußstapfen zu treten. Georg Polke, Jahrgang 1960, Sigmars Sohn, setzte dagegen voll und forsch, wie es seine Art ist, auf den bekannten Familiennamen – und spielt im Kunstbetrieb dennoch keine große Rolle. Auch Pola Sieverding, Jahrgang 1981, Tochter von Katharina Sieverding, kann sich nicht auf den Namensbonus verlassen, sondern muss eigene Leistung bringen, um sich als Künstlerin zu behaupten. Vielleicht traut man ihr momentan noch am ehesten zu, eines Tages an die Reputation ihrer Mutter heranzureichen, doch derzeit hat die Mama im Generationen-Wettkampf die Nase immer noch vorn.

Im Lager der Kunstvermittler, ob Kuratoren oder Galeristen, sieht die Situation anders aus. Im Umfeld der diesjährigen Art Cologne (siehe Pressestimmen auf Seite 6) wurde das einmal mehr deutlich. Dachte man vor Jahrzehnten, am legendären Mitgründer des Kölner Kunstmarktes, Rudolf Zwirner, käme niemand vorbei, schon gar kein Familienmitglied, muss auch der Patriarch rheinischer Händler-Dynastien, heute in Berlin zu Hause, längst selbst einräumen, dass sein Sohn David, New York, mit Karacho an ihm vorbeigezogen ist. Dabei galt Papa Zwirner in seinen Peter-Ludwig-Beratungsjahren hierzulande als der umsatzstärkste Gegenwartskunst-Verkäufer. Indes: David Zwirner, der bereits weltweit Dependancen betreibt und sein Unternehmen demnächst um weitere 5 000 Quadratmeter Arbeitsfläche erweitert, hat am 22. April in einem »Welt am Sonntag«-Interview jene seit einiger Zeit kolportierten 500 Millionen Jahresumsatz mit den Worten »Vielleicht auch mehr« zweifelsfrei bestätigt.

An diesem Tag blieb man als Zeitungsleser an einem weiteren Interview hängen, das Johann König dem »Tagesspiegel« gab. König, mittlerweile so häufig in den Medien vertreten wie vor Jahren der Liebling der Ost-Wunder-Presse, Judy Lybke, ist bekanntlich einer der Söhne von Kasper König. Und auch in diesem Fall gilt, dass man es früher nicht für möglich hielt, dass ausgerechnet Johann, der als Kind einen schweren (Augen-)Unfall hatte, jemals mehr Aufmerksamkeit finden könnte als sein mächtiger Vater, der Star-Kurator. Mit seinem Stamm aus drei Dutzend Ranking-Künstlern und mit seiner alles einschließenden Service-Haltung agiert er von seiner Zentrale aus, einer ehemaligen Berliner Kirche, St. Agnes, als sei er immer noch Papas Sorgenkind. Vielleicht ist es dieser Buben-Charme, der die Milliardärinnen zu ihm treibt, der die nicht weniger wohlhabenden Männer unter den Sammlern reihenweise in die Überlegung führt, bei Johann einzukaufen oder ihn gar zu adoptieren.

Klartext: Galeristen wie Johann König oder David Zwirner, mögen sie noch so sympathisch und unverdächtig auftreten, sind knallharte Strategen ihres Erfolgs. Sie überlassen nicht wirklich etwas dem Zufall, wie das wohl meist bei den Künstler-Kindern zutrifft. Sie wissen genau, was sie tun, was sie tun müssen – und arbeiten eben auch anders als viele Galeristen, die sich gerade in Messe-Zeiten wundern, warum es bei ihnen nicht so gut läuft, warum sie keine Millionen-Umsätze machen. Der junge König erwähnte im »Tagesspiegel«-Interview, eher nebenbei, dass die »ganz großen Sammler nicht mehr auf die Messen gehen«. Er setzt zudem »auf die neuen Technologien, die es uns erlauben, bereits im Vorfeld Kunstwerke zu verkaufen«. Was Wunder also, dass vielerorts schon Minuten nach Messe-Eröffnung rot gepunktet wird – zum Neid mancher Kollegen an den umliegenden Ständen. Die teuren Quadratmeter rechnen sich dennoch: Denn natürlich geht es immer auch um das Image, um den Ruf.

Dass solcher und auch der große merkantile Erfolg nicht automatisch glücklich machen, kann man sich nicht wirklich vorstellen, trifft man die großen Dealer auf einer der Messen oder andernorts. Leider hat Kollege Adriano Sack in der »Welt am Sonntag« nicht nachgefragt, aber die meisten Leser hätte vermutlich interessiert, was mit dem 500-Millionen-Dollar-Mann David Zwirner los ist, wenn er plötzlich sagt: »Leider Gottes bin ich Kunsthändler geworden«. Jammern auf sehr hohem Niveau, so scheint es. Dass die Verantwortung für ein Imperium dieser Dimension immens ausfällt, lässt sich leicht nachvollziehen, aber ist es nicht ein Glück, von dieser Basis aus so viel für die Kunst selbst tun zu dürfen? Ob Junior Zwirner sich mit seinem Bedauern womöglich auf eine Erkenntnis bezog, die er gegen Ende des Gesprächs preisgab? »Man kann nicht wachsen, ohne den einen oder anderen gegen sich aufzubringen«, so sagte er, freimütig. Und dieser Bandagen-Kampf in einem zunehmend aggressiveren Markt-Umfeld ist es dann auch, der letztlich die zuerst erwähnten Künstler besser aussehen lässt. Viele von ihnen, in karrieristischen und kommerziellen Dingen naiv wie Judy Lybke vor der Wende, reiben sich an den eigenen Eltern oder an der Schwierigkeit, ein wirklich gutes Bild zu malen, aber das war’s dann auch. Jeder ist seines Glückes Schmied.

In dieser Ausgabe: Erinnerung an Günther Förg in Amsterdam, Stedelijk Museum (Seite 2). Konzertierte Aktion der RuhrKunstMuseen: Projektleiter Ferdinand Ullrich über »Kunst & Kohle« (Seite 4). Christian Boltanski und sein Zwangsarbeiter-Denkmal im Weltkulturerbe Völklinger Hütte (Seite 9). Künstler-Liste der kommenden Berlin Biennale (Seite 10). Neuer AfD-Anlauf in Sachen Kulturpolitik (Seite 11). Schwäbisch gründlich: Kunstwerk von herman de vries in Stuttgart gerodet (Seite 13). Paris: Nudisten-Treffen im Palais de Tokyo (Seite 14). Markt-Check: Jeff Wall (Seite 16). Tagebuch: Frühstück mit Max Hollein (Seite 16). Offenbach soll eine Kunsthalle bekommen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 650 – Editorial

Informationsdienst KUNST 650

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Eiserne geht. Die Eiserne – so wurde Annette Schönholzer genannt, einst Führungskraft der Art Basel, erst seit 14 Monaten (!) als kaufmännische Direktorin am Kunstmuseum Basel tätig. Dort, wo es seit langem tüchtig rumort, scheint die erfahrene Managerin zwar alles versucht zu haben, um die 2016 mit einem Erweiterungsbau (laut »FAZ« eine »Luxus-Fleischerei«) neu ins Gespräch gebrachte Institution zu retten, doch letztlich waren die Widerstände personeller und finanzieller Art wohl zu groß. Laufend Kündigungen, Krankschreibungen ohnehin, obendrein ein finanzielles Desaster.

Obgleich der künstlerische Direktor, Josef Helfenstein, am 6. April offiziell für großes Engagement und fachliche Kompetenz dankte, obgleich seitens der Politik vom »Dream-Team« Helfenstein/Schönholzer geschwärmt wurde: Das Kunstmuseum Basel wirkte zuletzt, von außen betrachtet, wie eine ins Schlingern geratene Einrichtung, die ihr Ziel nicht findet. Im Branchengespräch häufiger Erinnerungen an große Direktoren der Vergangenheit, etwa an die Ära Franz Meyer oder die Ära Katharina Schmidt, als Lob für Helfenstein, der seit anderthalb Jahren im Wesentlichen nur jammern kann. Es kursiert die unbestätigte Schreckensnachricht, dass das Museum mehr oder weniger pleite sei. Von knapp drei Millionen Franken ist die Rede, die für den Betrieb fehlen. Stündlich wird derzeit mit dem weiter ernüchternden Präsidialdepartement-Bericht zur Lage des Hauses gerechnet.

Szenenwechsel. Von der pekuniären Situation zur programmatischen. Max Hollein, der frühere Städel-Chef (siehe Seite 5), berichtet aus Amerika, dass dort das Museum of Ice Cream zu den populärsten zählt. Auf Instagram gehöre es zu den zehn am meisten veröffentlichen Institutionen. Vermutlich wird bald auch das soeben in New York eröffnete Eier-Museum innerhalb kürzester Zeit in der Liga der hochfrequentierten Häuser mitspielen, weil die Generation Instagram laufend auf der Suche nach neuen Motiven ist. Und Eis- und Eier-Inszenierungen sind, wenn sie denn fotografiert werden dürfen, meist ohnehin ergiebiger, strömt das Selfie-Publikum voller Erlebnis- und Selbstdarstellungshunger in die Museen, wo oft Kamera-Verbot herrscht.

Klartext: In einer Welt der Sozialen Medien, die sozial nicht immer sind, wandelt sich auch die Bedeutung des Traditionsortes Museum. Was gut klingt, das Teilen eben, ist nicht selten mit einem kulturellen Niedergang verbunden, mit Funhouse-Charakter, weit entfernt von Forschungs- und Bildungsaufgaben. Andererseits kneift es dort, wo klassische Museumsarbeit geleistet wird, nicht selten personell, etatmäßig und/oder räumlich. Basel, Kunstmuseum, dient nur als ein Beispiel. Denn Basel ist gewissermaßen überall, allemal vielerorts. In der allgemeinen Verzweiflung nehmen Rückgriffe zu, wehmütige Erinnerungen auch an Harmlosigkeiten. Stephanie Rosenthal, die Neue im Gropius-Bau in Berlin, schwärmt von ihrer vorletzten Tätigkeit am Haus der Kunst in München, von damals, als sie noch mit ihrem Chef, Christoph Vitali, Lebensmittel schnippelte, um die Eröffnungsgäste zu bewirten. Im Palais de Tokyo, Paris, werden Anfang Mai rund 150 Nudisten hüllenlos durch die Ausstellung marschieren. Nackt-Besichtigung, angeblich Dernier Cri, als habe es diese rührend voyeuristische Chose nicht längst in Wien gegeben.

Mehr Konfusion als Konzept, mehr Kampf als Kunst – in dieser Lage tut es gut, wenn nun der Deutsche Museumsbund seine Jahrestagung (vom 6. bis 9. Mai in Bremen) unter ein Motto stellt, das die überfällige Denksport-Aufgabe ankündigt: »Eine Frage der Haltung. Welche Werte vertreten Museen?« Der Präsident, Eckart Köhne, zugleich Direktor des Badischen Landesmuseums, und 14 seiner Kollegen haben ein Programm konzipiert, das viel verspricht, weil allein die Titel der Vorträge und Diskussionen von porentiefer Analyse zeugen. Freilich, wie immer, zählt letztlich, was am Ende rauskommt, was die einzelnen Museumsleiter zu Hause im Spannungsfeld unterschiedlichster Interessen und Begehrlichkeiten durchsetzen können, wie sie ihre Institute positionieren. Aber so viel Hoffnung war nie. Immerhin geht es jetzt endlich wieder um Haltung. Und »die beginnt im eigenen Haus«, wie »Panel 2« am 7. Mai lautet.

 

In dieser Ausgabe: Das Max Ernst Museum Brühl als surreale Wunderkammer von Robert Wilson (Seite 2). Niederlage per Bürgerentscheid in Mainz: Aus für den Turm am Gutenberg-Museum (Seite 5). Sozialarbeit: Helge Achenbach will Künstlern in Not helfen (Seite 7). Abgang und Einstieg: Chris Dercon und Kassel, eine Spekulation (Seite 10). Chefkuratorin Helen Molesworth, Los Angeles, mochte nicht kuschen (Seite 10). Musical-Mann Wolfgang Orthmayr als documenta-Geschäftsführer im Einsatz (Seite 12). Krach am Kunstforum Ostdeutsche Galerie, Regensburg (Seite 13). Berlin: Einheitswippe und Grundstücksdeal (Seite 16). Preis-Check: Gert & Uwe Tobias (Seite 17). Neue EU-Regelung zur Einfuhr von Kulturgütern (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 649 – Editorial

Informationsdienst KUNST 649

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ein Hamburger Freund (und Branchenbrief-Abonnent seit Jahrzehnten) schrieb kürzlich, er wünsche sich mal eine Ausgabe Informationsdienst KUNST ohne die Erwähnung von Monika Grütters. Leider lässt sich das auch diesmal nicht realisieren, denn an der Kulturstaatsministerin kommt man nicht ohne weiteres vorbei. Sie ist gewissermaßen omnipräsent, auch weil sie viele Entscheidungen mehr oder weniger im Alleingang trifft und dann nur noch, die Demokratie lässt grüßen, ein paar willfährige Sesselhocker braucht (wie die 15 Stiftungsräte im Humboldt Forum), die ihre egozentrischen Klimmzüge brav goutieren und gar noch Beifall zollen.

Reden wir nicht um den heißen Brei: Monika Grütters ist mit einer personellen Fehlentscheidung schwerwiegender Art in ihre zweite Amtszeit gestolpert, und diese offenbar unüberlegte, unter einem enormen Zeitdruck entstandene Absurdität wird sich zweifellos bitter rächen. Es geht in der Tat um die Besetzung der Stelle des Generalintendanten im Humboldt Forum, und es geht somit um die Zukunft eines ungeheuer anspruchsvoll lancierten 600-Millionen-Zukunftsprojekts, das inhaltlich jetzt schon auf Dahlemer Normalniveau mutiert ist.

Man mag es kaum glauben, aber nachdem Lars-Christian Koch, der bislang zweite Mann aus dem Ethnologischen Museum der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), zum Sammlungsdirektor aufgestiegen ist (die erste Wahl, Inés de Castro, Stuttgart, sagte bekanntlich ab), soll nun quasi die nächste Hausberufung stattfinden. Grütters schaffte es gerade mal bis nach Potsdam, um dort den früheren Schloss- und Parkführer Hartmut Dorgerloh, Jahrgang 1962, seit 2002 Generaldirektor der Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg, für die große Aufgabe im Humboldt Forum abzuholen. Ein Drama.
Nicht, dass Dorgerloh grundsätzlich unqualifiziert wäre. Durchaus nicht. Aber der Denkmalpfleger, dem Humboldt-Kenntnisse, Umsicht in personellen Dingen, auch sein sympathisches, zupackendes Wesen attestiert werden, muss doch letztlich als der konventionelle Schlossherr gesehen werden, den man nun in diesem neuen Forum wirklich nicht braucht. Widersprüchlicher geht’s nicht, Frau Kulturstaatsministerin. Dass diese geografisch naheliegende, auch dem Humboldt-Hauptakteur SPK gewiss angenehme, aber eben völlig falsche Berufung mit einer anderen Personalie im Kontext gesehen werden muss, versteht sich. Zu lange hat Grütters nämlich die Rückzug-Signale ihres Lieblings unter den drei Gründungsintendanten überhört. Neil MacGregor, von ihr wie eine Lichtgestalt in Berlin hochgejubelt, bald aber im Alltag der Vorbereitungen für das Großprojekt völlig entzaubert, mochte schon 2017 nicht mehr, weil er reichlich Widerstände sah, letztlich auch nicht genug Zeit in Berlin verbringen konnte oder wollte. Die ernsthafte Suche nach dem ersten Generalintendanten wurde viel zu spät gestartet. Kandidatenvorschläge aus dem Grütters-Umfeld, teils schon vor Jahren intern kommuniziert, wurden nicht aufgenommen, allemal nicht bedacht oder ins Gespräch geführt.

Kurz vor der eigenartig von Monika Grütters wohl selbst in die Öffentlichkeit getragenen Dorgerloh-Personalie tauchten, womöglich zwecks Nebelerzeugung, als habe man über mehrere Persönlichkeiten ausgiebig nachgedacht, ein paar weitere Namen in der Tagespresse auf, doch Insidern war schnell klar, dass diese Museumsleute zwar auf der Grütters-Favoritenliste stehen, doch derzeit fürs Humboldt Forum gewiss nicht infrage kommen. Auf Branchenbrief-Anfrage ließ Marion Ackermann unverzüglich wissen, dass es für sie ein Geschenk sei, nun die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden dirigieren zu dürfen. Und bei Max Hollein in San Francisco (siehe Seite 6) braucht man erst gar nicht anklopfen, weil alle in der Branche wissen, dass der ehemalige Städel- und Schirn-Chef dort nur auf dem Sprungbrett hockt, um irgendwann in New York, im MoMA, im Metro oder bei Guggenheim, ganz oben aufzuschlagen.

Man darf sich aber nun fragen, warum Monika Grütters, die Solistin, nicht wenigstens durch den deutschsprachigen Raum gereist ist, um potentielle Kandidaten kennenzulernen und besser beurteilen zu können. Warum hat sie sich nicht mit Meinrad M. Grewenig, dem Generaldirektor des Weltkulturerbes Völklinger Hütte, getroffen, warum nicht mit Wolfgang Martin Heckl, dem Generaldirektor des Deutschen Museums in München – oder mit dem documenta-12-Leiter Roger M. Buergel, Direktor des Jacobs Museums in Zürich, der nächste Woche in Hamburg, Museum für Kunst und Gewerbe, seine »Mobile Welten«-Schau eröffnet? Ja, warum ist sie nicht ins Ausland ausgeschwärmt, um nach geeigneten Kandidaten Ausschau zu halten, die in der Lage sind, anhand von Forschung, Ausstellung und Veranstaltung ohne ethnische und soziale Hierarchien, ohne politische Vorgaben, die Welt insgesamt zu denken, wie das vor Jahren mal als Aufgabe fürs Humboldt Forum definiert wurde? Als Generalintendant sollte jemand zum Einsatz kommen, der in seinem Leben mehr als Potsdam gesehen hat, jemand, der den Bogen bis in die jüngste Gegenwart spannen kann. Dorgerloh ist das nicht.

Ob der Stiftungsrat in wenigen Tagen die Ostereier in der Hose hat, um Monika Grütters einen Denkzettel zu verpassen? Was wäre, wenn das 15-köpfige Gremium aus Mitgliedern der Bundesregierung, des Bundestages, des Landes Berlin, der SPK, der Kulturprojekte GmbH und der Humboldt-Uni den Vorschlag ablehnen würde? Es wäre, eine Minute vor zwölf, die allerletzte Chance fürs Humboldt Forum, wenn es mehr sein soll als eine neue Spielstätte der Staatlichen Museen zu Berlin.

In dieser Ausgabe: Ernüchterndes Ausstellungsranking – deutsche Museen im Abseits (Seite 4). Klares Statement – Max Hollein bleibt in den USA (Seite 6). Großzügig: Brigitte und Arend Oetker (Seite 8). Gescheitert: Donald Trump (Seite 9). Will nicht mehr: Kassel verzichtet auf die Wettbewerbsteilnahme Europäische Kulturhauptstadt 2025 (Seite 9). Mehrwertsteuer auch am Persischen Golf (Seite 12). Berlin: Das Büro Kuehn Malvezzi baut für die Deutsche Bank (Seite 15). Genf: Charlotte Laubard soll den Schweizer Pavillon der Venedig-Biennale 2019 kuratieren (Seite 18). Fortbildung: Angebot des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe (Seite 21). April-Scherz-Opfer: Chris Dercon (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 648 – Editorial

Informationsdienst KUNST 648

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ein Licht auf Michelle-Jasmin Müntefering. Auch sie gehört zu den Abgeordneten des Deutschen Bundestages, die nun Karriere machen und im Zuge der Regierungsbildung neue Tätigkeitsfelder übernehmen dürfen. Die 1980 geborene Wirtschaftsjournalistin und ehemalige wissenschaftliche Bundestag-Mitarbeiterin darf sich fortan Staatsministerin nennen – und damit auf Augenhöhe mit Monika Grütters etwas machen, was es schon immer gab, was aber bislang (im Schatten der jeweiligen Minister) wenig wahrgenommen wurde. Müntefering, SPD, beerbt die aus Altersgründen scheidende Maria Böhmer, CDU, die seit 2013 im Auswärtigen Amt tätig war. Sie ist fast auf den Tag genau 30 Jahre jünger als ihre Vorgängerin – und zweifellos ambitionierter, auf sich aufmerksam zu machen.

Schaut man sich die Facebook-Seite der Aufsteigerin an, dann sieht man sofort, dass Michelle Müntefering, obgleich sie von der SPD für den Kulturausschuss des Bundestages nominiert war, mit Kultur eher wenig im Sinn hat. Das bestätigt auch die Biografie. Das sagen obendrein Ruhrpott-Kenner. Auf Facebook gibt es im Wesentlichen lokale Nachrichten aus ihrem Wahlkreis Herne/Bochum, also SPD-Neumitglieder-Begrüßung, Bürgerfest, Ortsverein Bochum-Rosenberg, irgendwo Wintergrillen – Bundesliga sieht wirklich anders aus. Kultur-Engagement müsste eigentlich mehr sein als ein Facebook-Glückwunsch an die Augsburger Puppenkiste zum 70. Geburtstag. Denn, man halte sich ganz fest, Michelle-Jasmin Müntefering soll nun im Ressort des neuen Außenministers Heiko Maas für internationale Kulturpolitik zuständig sein. Für internationale Kulturpolitik!

Schon jubelt der Deutsche Kulturrat, dass fortan »vier Staatsministerinnen Kulturpolitik machen«, dass die Kultur in dieser Legislaturperiode einen deutlichen Bedeutungszuwachs verzeichnen könne. Doch was ist denn genau unter dem Groko-Dach des Kanzleramtes los? Wird Merkels Waschmaschine, wie das Gebäude im Volksmund heißt, zur neuen Machtzentrale einer Republik, in der nur noch Frauen den Ton angeben, wenn es um Kultur geht? Der Kulturrat packt, vielleicht allzu kühn gedacht, Grütters und Müntefering sowie die Flugtaxi-Staatsministerin Dorothee Bär und die Integrationschefin Annette Widmann-Mauz zusammen und erinnert zugleich daran, dass diese neue Power doch zu einem eigenen Bundeskulturministerium hätte führen können. Vielleicht.

Vielleicht ist es aber auch so, dass in direkter Merkel-Nähe mehr für die Kultur auszurichten ist, wenn man wirklich was davon versteht. Personalpolitisch betrachtet, so muss man es bevorzugt sehen, taugt das neue Damen-Quartett nicht wirklich dazu, Deutschland auf ein höheres kulturelles Niveau zu hieven. Widmann-Mauz wird genug soziale Probleme lösen müssen, Dorothee Bär steckt ohnehin in einer Doppelfunktion (Digitales und CSU-Ohr oder -Sprachrohr im Kanzleramt) – und Müntefering (die als Sozialdemokratin selbstverständlich keinen Schreibtisch in Merkels direkter Nachbarschaft bekommt, sondern anderorts untergebracht wird) hat halt, mit Verlaub, ohnehin keine Ahnung von Kultur. Bleibt wieder einmal Monika Grütters, die im Branchengerücht sofort als ausgehebelt oder gar entmachtet gesehen wurde, was freilich völliger Quatsch ist.

Was sich mit dem Wechsel von der zurückhaltenden Böhmer zur forschen Müntefering zweifelsfrei abzeichnet, ist ein strukturelles Problem, das bislang vernachlässigt wurde. Kann die Bundesrepublik auf Dauer zweierlei Kulturpolitik machen, eine innere, eine äußere? Die Doppelung – halb Bundeskanzleramt, halb Außenministerium – macht nicht wirklich Sinn. Sie entlarvt aber die Rolle der Kultur als reines Marketing-Instrument auswärtiger Politik. Von den Goethe-Instituten bis zur Zuständigkeit für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig – was die jeweiligen Außenminister, ob Steinmeier, Gabriel oder jetzt eben Maas, in diesem Bereich realisiert haben oder künftig umsetzen, ist nicht aus der Kultur selbst geboren, sondern dient gewissermaßen der Verschönerung diplomatischer Bemühungen. Das muss anders werden. Wann? Ein Fall für 2021 oder Anfang 2022, wenn die nächste Koalitionsvereinbarung auf dem Programm der Volksvertreter steht.

In dieser Ausgabe: Dank Vermittlung durch Eugen Blume viel Kunst von Max Beckmann für die Staatlichen Museen zu Berlin (Seite 2). Weiterer Erfolg für Marion Ackermann in Dresden: Erika Hoffmann, Berlin, verschenkt 1200 Kunstwerke an die Staatlichen Kunstsammlungen Dresden (Seite 5). Geburtstag in Vorbereitung: 100 Jahre Bauhaus (Seite 8). Wiesbaden: Milde Strafen im Kunstfälscher-Prozess (Seite 10). Köln: Art Cologne-Preis für die Sammlerin Julia Stoschek (Seite 10). Großer Auftritt der Minderheiten bei der Armory Show in New York (Seite 11). Was die Ankaufskommission des Bundes erwarb (Seite 13). Berlin: Zukunft des Käthe-Kollwitz-Museums gesichert (Seite 14). Problemfall Chris Dercon (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 647 – Editorial

Informationsdienst KUNST 647

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als ich in den vergangenen Tagen unzählige Gespräche mit Galeristen führte, um wieder einmal hautnah mit den aktuellen Problemen der Branche konfrontiert zu werden, als wir von den ständig steigenden Kosten bis zur endlich wieder ins Visier genommenen Mehrwertsteuer-Ermäßigung für Kunst wohl nahezu jedes Thema tangierten, lag ich nachts bisweilen nachdenklich im Bett – und versuchte zu begreifen, was in dieser Gesellschaft schief läuft. Es kann doch nicht sein, so dachte ich, dass Galeristen gratis Bildungsarbeit betreiben, auch ehrenamtlich der Freizeitgestaltung ihrer Mitbürger dienen und dabei als Unternehmer jeden Euro vor seiner Ausgabe zweimal drehen müssen, während andererseits die öffentliche Hand, die sich qua Selbstverständnis darum kümmern müsste, vor allem damit beschäftigt ist, ihre desolate, selbstverschuldete Situation zu beklagen oder, häufiger, zu beschönigen.

Ein Beispiel: Als ich kürzlich im Fernsehen wieder einmal sah, wie die Hauptstadt-Flughafen-Verantwortlichen selbstgefällig ihren erneut korrigierten BER-Businessplan vorstellten, wurde mir irgendwie leicht blümerant zumute. Kaum zu glauben, aber diese Dilettanten benötigen jetzt weitere 770 Millionen, um die Fehlplanungsgroßbaustelle irgendwann zum Anschluss bringen zu können. Wenn 2020 oder später eröffnet wird, soll dieser Flughafen sage und schreibe rund siebeneinhalb Milliarden gekostet haben. Zur Erinnerung: Vor zwölf Jahren, Spatenstich-Termin, war gerade mal von zwei Milliarden die Rede. Jetzt also über fünf Milliarden mehr und keine Garantie, dass der Schimmel-Airport (ja, inzwischen wird teils auch gegen Pilz-Befall gekämpft) später wirklich sämtliche Erwartungen erfüllt.

Natürlich lassen sich die BER-Kostensteigerungen nicht mit Preisentwicklungen auf dem Kunstmarkt vergleichen, aber man muss doch einmal intervenieren, wenn sich auch dank der Berichterstattung aus den Auktionshäusern und der laufend kommunizierten Expansionspläne aus den wenigen internationalen Top-Galerien (darunter Gagosian, Hauser & Wirth sowie Zwirner) der Eindruck in die Debatte schleicht, dass der Kunstmarkt eine Branche sei, in der ebenfalls die Milliarden bewegt werden. Mitnichten, so muss protokolliert werden, weil selbst die beiden Marktführer, Christie’s und Sotheby’s, die in diesen Stunden in London wieder hochkarätiges Zeitgenössisches versteigern, gerade mal um 150 Millionen Pfund (Christie’s) beziehungsweise 110 Millionen Pfund (Sotheby’s) Gesamtumsatz in ihren Abendauktionen erwarten.

Nach Abzug der Gebühren und unter Einbeziehung der Kosten für den einstigen Erwerb, Depot-Haltung, Transporte, Versicherung, Restaurierung und so weiter, so muss man es rechnen, bleibt den Einlieferern meist weniger, als es vermutet wird, wenn wieder einmal irgendwo ein Spitzenpreis beklatscht wird. Meist ist es ja so, dass ein Bild der etablierten Gegenwartskunst oder gar der Klassischen Moderne durch unzählige Sammler-Hände gegangen ist, bevor es für einen sechs- oder siebenstelligen Betrag irgendwo vorübergehend landet, um bei nächster Gelegenheit oder kurz vor irgendeiner Galeristen-Pleite erneut bei Christie’s, Sotheby’s, Phillips oder sonst wo im Katalog aufzutauchen. Das Square-Bild von Josef Albers (1960 gemalt; Taxe: 450 000 bis 650 000 Pfund), soeben bei Sotheby’s aufgerufen, kam einst über Müller, Stuttgart, und Hans Mayer, Krefeld/Düsseldorf, in sieben weitere Sammlungen und Galerien, bevor es nun wieder den Besitzer wechselte. Ein Foto von Cindy Sherman, 1980 entstanden, wurde von Monika Sprüth zur geschäftstüchtigen Fürstin Gloria nach Regensburg weitergereicht, um dann drei weitere Stationen zurückzulegen, um nun auf 200 000 bis 300 000 Pfund geschätzt zu werden.

Selbst wenn man berücksichtigt, dass die Taxen eher niedrig veranschlagt werden, sind für den einzelnen Galeristen oder Sammler keine großen Überschüsse zu erzielen, wenn innerhalb von wenigen Jahren oder Jahrzehnten fünf bis neun Verkäufe einer Arbeit stattgefunden haben. Denn alle wollen doch mitverdienen, bei jedem Zuschlag.

Am 28. Mai bietet die Industrie- und Handelskammer Köln in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler einen sogenannten Praxistag für Galerien an (Informationen/Anmeldungen: post@bvdg.de), und es würde mich nicht überraschen, wenn ein solches Programm nicht nur den gesetzlichen Rahmenbedingungen oder den Neuregelungen der Ein- und Ausfuhr von Kunstwerken gewidmet wäre, sondern obendrein solche Zusammenhänge transparent gemacht würden. Mit Verlaub: Mir scheint nämlich, auch nach meinen einleitend erwähnten Gesprächen, dass selbst viele langjährig tätige Galeristen immer noch unter einer teils fatalen Naivität leiden, was die Usancen der Branche und das kleine Kunstmarkt-Einmaleins betrifft. Viel Handlungsbedarf, glauben Sie mir.

In dieser Ausgabe: Aus dem Ruhestand geholt – Bernhard Spies übernimmt die Geschäftsführung im Haus der Kunst, München (Seite 6). Wer für die Fehler in Richard Avedons Biographie verantwortlich ist (Seite 8). Amsterdam: Solidaritätsaktion für Beatrix Ruf (Seite 11). Berlin: Geharnischte Abfuhr für Neil MacGregor (Seite 12). Im Museum Ludwig, Köln, strebt Yilmaz Dziewior eine Neubewertung der Sammlung an (Seite 14). Staatsministerinnen für Kultur und Digitales unter einem Dach: Das Bundeskanzleramt als eine Art Kulturministerium (Seite 15). Anonymer Kunstverkauf: Internet-Plattform AMA.art (Seite 18). Warum Robert Häussers Fotografien unterbewertet sind (Seite 20). Hamburg hat einen neuen Stadtkurator: Dirck Möllmann (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 646 – Editorial

Informationsdienst KUNST 646

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Fakt ist, dass es keinerlei Anlass gibt, nach einer überdehnten Phase der Sondierungs- und Koalitionsgespräche in Berlin erleichtert zu sein. Was sich momentan zusammenbraut, wie diese schwarz-rote Regierung mit neu-alter Besetzung weiter Große Koalition spielen will, lässt vielmehr Befürchtungen sprießen, dass Deutschland zum Ende der Merkel-Ära auch international ins Abseits gerät. Und das nun nach einer zähen, monatelangen Regierungsbildung, der längsten, die es seit 1949 gegeben hat. Schaut man genau hin, was in diesem nächtelangen Personal- und Ressort-Poker verhandelt wurde (und nun wohl, wenn nichts mehr dazwischenkommt, ohne den Wortbruch-Akrobaten Martin Schulz realisiert wird), kann man sich nur wundern.

So viele müde, uninspirierte, längst unglaubwürdig gewordene Verwaltungspolitiker, die bereit sind, zwecks Machterhalt alles hinzunehmen und auszusitzen, wird man in der Geschichte der Bundesrepublik selten an einem Kabinetttisch gesehen haben. Deutschland, so die Prognose, hat in den kommenden dreieinhalb Jahren, wenn das fragwürdige Kompromiss-Bündnis überhaupt so lange hält (Evaluierung: Ende 2019), keine echte Chance, einen Neustart herbeizuführen. Zu lethargisch, zu phlegmatisch, das alles. Begeisterung, um die Bürger mitzunehmen, um die Nation einzubinden, sieht anders aus. Mit Horst Seehofer, dem Heimatminister aus Bayern, der vor allem die abtrünnig gewordenen CDU-/CSU-Wähler von der AfD zurückholen soll, mit Olaf Scholz und anderen farblosen Genossen der Sozialdemokratie lässt sich nichts bewegen, zumal die Kanzlerin selbst, bei allem Respekt, den sie nach all den Jahren verdient, mental nur noch im Schneckentempo unterwegs ist, jetzt von ihrem neuen Leibarzt Helge Braun als Kanzleramtsminister betreut. Ein Trauerspiel, eben kein »Aufbruch«, wie versprochen.
Das muss man vorausschicken, wenn man zum gedämpften, vorsichtigen Lob ansetzen will, hat man sich einmal gründlich durch jene rund 180 Seiten gearbeitet, die der Entwurf zum Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD enthält. Auf dem Deckblatt steht zwar unter anderem »Eine neue Dynamik für Deutschland«, doch man ahnt auch angesichts der Ressortverteilung und des derzeit bekannten Besetzungsplans, dass manche Vorhaben reine Makulatur bleiben werden. Immerhin kommuniziert das Papier, dass in Sachen Kultur einige Weichen gestellt werden sollen, die zweifellos in die richtige Richtung führen. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die nach derzeitigem Stand zu 99,9 Prozent weiterhin vom Kanzleramt aus tätig sein wird (die CDU stellt den Staatsminister für Kultur und Medien, so heißt es im Koalitionsvertrag), hat es im Schulterschluss mit Kauder & Co. geschafft, elf Seiten Absichtserklärung in die Vereinbarung zu hieven, ausschließlich kultureller Prägung. Elf Seiten – das ist sensationell. Vor allem: Einige Punkte lassen staunen, weil niemand mehr glaubte, dass darüber noch einmal während einer schwarz-roten Ära nachgedacht werden würde.

Ja, auf Seite 171 des unterschriftsreifen Koalitionsvertrags steht tatsächlich, dass die neue Bundesregierung darauf hinwirken will, »dass der ursprüngliche gesetzgeberische Wille für den Kunsthandel aus dem Jahr 2014 verwirklicht wird«. Klartext: Der ermäßigte Mehrwertsteuersatz für Kunstwerke soll auf europäischer Ebene erneut auf den Prüfstand kommen (siehe auch Seite 22 dieser Ausgabe). Ergo: Monika Grütters auf Schmusekurs. Rückeroberung der Branchen-Zuneigung, die unter dem Mehrwertsteuer-Drama und der Kulturgutschutzgesetz-Misere mächtig gelitten hat, vielleicht sogar verloren ging. Der Koalitionsvertrag enthält obendrein ein Bekenntnis zum Urheberrecht, die Stärkung der Kreativwirtschaft, die Fortsetzung der Förderung in Sachen Provenienz-Forschung, die Bereitschaft zum weiteren Erwerb von Kulturgut, Denkmalschutz-Engagement, die Neuauflage eines Künstler-Sozialreports und vieles mehr. Aber letztlich bleibt alles nur heiße Luft, wenn diese Regierung jetzt nicht in die Puschen kommt und endlich regiert. In drei Jahren beginnt bereits der nächste Wahlkampf.

In dieser Ausgabe: Wie es mit der Kulturpolitik in Italien weitergehen könnte (Seite 5). Was Gabi Ngcobo für die kommende Berlin Biennale plant (Seite 7). Warum die ausscheidende documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff mit weiterem Stress rechnen muss (Seite 8). Newton und Riefenstahl in Berlin unter einem Dach (Seite 9). Kuratoren-Schwund, Geisterhaus-Stimmung in München, im Haus der Kunst (Seite 11). Frankfurt, Städelschule: Fragwürdige Streifenwagen-Attacke (Seite 13). London, Hayward Gallery: Höchste Aufmerksamkeit für Andreas Gursky (Seite 15). Gegen die neue Prüderie: Städel- und Schirn-Direktor Philipp Demandt spricht Klartext (Seite 17). Hoffnung auf Mehrwertsteuer-Ermäßigung (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 645 – Editorial

Informationsdienst KUNST 645

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, keiner scheint zu wissen, wo es künftig langgeht. In der Kunst selbst, natürlich auch im Betrieb: Konfusion, wohin man schaut. Ratlos, die Branche. Dass das so ist, lässt sich in der Beobachtung dokumentieren, wie gerne derzeit auf den Rückgriff gesetzt wird. Mag auch die Bundeskulturstiftung manches Projekt fördern, das in die Zukunft gerichtet ist, das etwa einer Neuorientierung musealer Arbeit dient, alles in allem herrscht, Nummer Sicher, die Konvention vor. Mitunter trägt sie beinahe groteske Züge. Kaum hatte man sich kürzlich verwundert die Augen gerieben, als die Staatlichen Museen zu Berlin unter dem altbackenen Titel »Wanderlust« ihr von den Freunden der Nationalgalerie gefördertes Ausstellungsprojekt für den Mai vorstellten (siehe Seite 19), kam die Ankündigung auf den Bildschirm, dass in Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, für November »Wanderland« vorbereitet wird. Anderes Beispiel: In New York, Frieze, werden die Zulassungsbestimmungen gelockert (siehe Seite 12), und in den ersten Branchen-Gesprächen dazu zeigt sich, dass alle vorsichtig reagieren, eher meinungsarm. Als sei es wurscht, ob fortan auch Galerien ohne eigene Ausstellungsräume an den internationalen Kunstmessen teilnehmen können oder nicht.

Längst haben ja etliche Galeristen ihr aufwendiges Schaugeschäft dichtgemacht und handeln vom heimischen Schreibtisch aus, weil die Sammlerkontakte vorhanden sind und nicht ungenutzt bleiben sollen, weil man auch weiter Umsätze machen muss, um das eigene Leben zu finanzieren. Das ist verständlich. Aber die aufkeimende Entwicklung wirbelt die Usancen durcheinander, tangiert strenge Vorschriften auch deutscher Messegesellschaften, die bislang immer noch fordern, dass Aussteller auch Ausstellungen machen, wenn sie, die unsteten Wandervögel, sich nicht vorübergehend auf den bekannten Messen niederlassen. Aus bestens nachvollziehbaren Gründen hört man oft, wie verhasst dieser Wanderzirkus ist, wie stressig dieser Auf- und Abbaubetrieb erscheint, dieses unglückselige Leben aus dem Reisekoffer, das schon manche Ehe oder Beziehung gekostet hat. Aber ohne Messe-Teilnahmen, das weiß jeder, geht’s halt nicht mehr.

Logisch, wer sich mit solchen Fragen, direkt aus dem eigenen Überleben abgeleitet, laufend plagen muss, wer verzweifelt nach einer rundum befriedigenden Antwort sucht, kann sich nicht auch noch wirkungsvoll um die Zukunft der Kunst und ihrer Branche kümmern. Das aber ist mehr vonnöten als jemals zuvor. Denn der Kunstsommer 2017 und die sich daraus ergebende Debatte über die Rolle des jüngsten Berufsstandes, der Kuratoren-Gilde, haben augenscheinlich werden lassen, wo es hapert. Wir haben vor vielen Jahren nicht nur sämtliche Qualitätskriterien für Kunstwerke über Bord geschmissen, wir haben mittlerweile auch, obwohl gerade diese angespannte Situation die Kunstvermittlung neu fordern würde, einen Zustand erreicht, der von einer neuen Hilflosigkeit zeugt. Nach den chaotischen, den Betrieb anders definierenden Achtzigern, als die Neuen Wilden alles aufmischten, waren wir schon einmal weiter: Die Kunst-Debatten der Neunziger und auch jene im vergangenen Jahrzehnt wirkten ergiebiger, zielführender als die zaghaften Versuche der Identitätsfindung heute, wo nahezu jedes Interview mit Künstlern oder Vermittlern davon zeugt, wie perspektivlos die Szene ist.

Dankbar für jeden Skandal, für jede Möglichkeit, sich politisch korrekt zu geben, beißen sich die meisten Meinungsmacher an Themen wie Humboldt Forum und Kolonialismus, Provenienz und Restitution oder Sexismus und Metoo-Kampagne fest. Nicht, dass diese Dauerbrenner nicht wichtig wären; aber immer wieder manifestiert sich der Eindruck, dass jeder aktuelle Konfliktfall aus solchen nur allmählich zu bewältigenden Komplexen überaus willkommen ist, um sich eben einer Aufgabe zu entziehen, der wir uns dringend stellen müssen. Wir können schließlich nicht immer so tun, als sei mit dem Gejammer über die negativen Folgen der Digitalisierung jegliche Branchen-Pflicht erfüllt. Nein, nichts ist erledigt, um mit Klaus Staeck zu sprechen, der in diesem Monat achtzig wird. Was erwarten wir von der Kunst, was von der dazugehörigen Vermittlung auf allen Ebenen – darauf müssen Antworten gefunden werden, jetzt. Agenda 2018 – die Zeit läuft.

In dieser Ausgabe: Wie Christoph Büchel aus Trumps Mauer-Projekt nun Land Art macht (Seite 5). Wie deutsche Museumsdirektoren auf den Übereifer in der Manchester Art Gallery reagieren (Seite 8). Thema Restitution: Welchen Unsinn Ronald Lauder vorgetragen hat (Seite 8). Der Sammler Heiner Pietzsch glaubt, die Eröffnung des Museums für das 20. Jahrhundert in Berlin nicht mehr erleben zu können (Seite 11). Galerien ohne eigene Ausstellungsräume als Messeteilnehmer? Die Frieze New York prescht vor (Seite 12). Berlin: Anselm Kiefer sucht ein Atelier mit 70 000 bis 90 000 Quadratmetern (Seite 16). Wer ist Katrin Budde? Was man von der neuen Vorsitzenden des Kulturausschusses im Deutschen Bundestag erwarten darf (Seite 16). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 644 – Editorial

Informationsdienst KUNST 644

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, amüsiert sitze ich am Schreibtisch, die News des Tages vor Augen, und denke, dass es in unserer Branche oft verrückt zugeht. Viele Ungereimtheiten und Schlitzohrigkeiten provozieren zwar Aufmerksamkeit und Widerstand, doch im Vergleich mit manchen Entwicklungen außerhalb der Kunst-Familie erscheint das alles harmlos. Was soll man beispielsweise davon halten, dass die Lobby der französischen Bäcker es jetzt geschafft hat, Emmanuel Macron dafür zu gewinnen, dass das Baguette auf die Weltkulturerbe-Liste gesetzt wird, wo schon, absurd, die Pizza berücksichtigt wurde? Geht’s um einen dämlichen Länderwettkampf Italien/Frankreich – oder, wahrscheinlicher, schlichtweg um eine völlig aufgeweichte Begriffsbestimmung, wo ein ausgedehnter und schließlich ausgeleierter Kulturbegriff das Gegenteil der einmal gut gemeinten Erweiterungen bewirkt?

Das beliebig ausgewählte Beispiel aus den weltweit kommunizierten Meldungen der vergangenen zwei Wochen kommt nicht von ungefähr. Ich wundere mich nämlich laufend, warum es vielerorts kneift, warum anspruchsvoll angekündigte Vorhaben im Laufe der planerischen oder faktischen Umsetzung vor Ort nebulös ausfallen und häufig eigenartig mutieren. Am Ende weiß oft keiner mehr, warum man gemeinsam angetreten ist.

Klartext: Ich beobachte seit Jahren alles, was mit dem Humboldt Forum zu tun hat – und wundere mich mittlerweile, wie dieses große Jahrhundert-Projekt scheibchenweise, quasi wie ein Baguette, angefasst und verteilt wird. Lustig ist das nicht. Während man in Berlin üblicherweise an Bau-Problemen scheitert (Reizwort Flughafen), wächst das neue Schloss seit Jahren und wird rechtzeitig zum angepeilten Termin im kommenden Jahr fertig sein. Doch die ohnehin zu spät gestartete inhaltliche Debatte, mittlerweile zusätzlich unter einer unübersichtlichen personellen Struktur leidend, lässt die Befürchtung keimen, dass das Bundes-Projekt mit Landes-Beteiligung kaum jenes außergewöhnliche, einzigartige Profil zeigen wird, das versprochen war.

Zwischenzeitlich immer wieder bekanntwerdende oder offiziell kommunizierte Personalien (darunter aktuell Inés de Castro, siehe Seite 6) sowie bisweilen kurzfristig veranlasste Korrekturplanungen, etwa im ersten Obergeschoss, lassen eben den Verdacht zu, dass die derzeit noch verdeckt vom Kompetenz-Gerangel betroffene Renommee-Baustelle bestenfalls als Stückwerk funktionieren wird (siehe auch ID 643, Seite 9).

Hört man sich in Kreisen der momentan nur geschäftsführenden, auch fürs Humboldt Forum zuständigen Bundesregierung um, dann gibt es freilich keine offiziellen Statements dazu, doch in kleiner Runde wird geraunt, dass die Schwierigkeiten in der Humboldt-Vorbereitungsphase vor allem auf eine unzeitgemäße Struktur der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) zurückzuführen seien, die mit einigen ihrer Sammlungen im Schloss vertreten sein wird.

Stiftungspräsident Hermann Parzinger hat zwar gerade im »Tagesspiegel« (Ausgabe vom 10. Januar) unmissverständlich eingeräumt, dass intern manches Procedere neu organisiert werden müsse, dass etwa die Verwaltung in Zukunft »effizienter und reaktionsschneller« agieren solle, doch ist die Wurzel des Übels tatsächlich in der bisher fehlenden Neuordnung der Stiftung auszumachen? Müsste eine heikle Schnittstelle im föderalen System, eben die vor 60 Jahren gegründete SPK, nicht in einem 28-seitigen Sondierungspapier auftauchen, wie es CDU, CSU und SPD vorlegten?

Nicht zuletzt: Wenn über eine kulturelle Agenda nachgedacht und sogar die Förderung der freien Szene angesprochen wird, wäre dann nicht auch mit wenigstens einem Satz, allemal einer Randbemerkung zum Humboldt Forum ein klares Signal vonnöten gewesen, dass seitens der drei potenziellen Regierungsparteien die große Chance erkannt wird, hinter historisierenden Fassaden unverwechselbar Neues zu schaffen, der Kultur eine Zukunft zu geben?

Die Antwort, mit Verlaub, ist ernüchternd: Ich glaube, unseren wenigen kulturell engagierten Politikern würde eher einfallen, nach der Pizza und dem Baguette auch noch deutsches Sauerkraut als Weltkulturerbe feiern zu wollen, als ein flammendes Plädoyer für ihre Vision einer Kultur von morgen zu formulieren. Ja, gibt es sie überhaupt, diese Vorstellung? Endet sie, leider, nicht immer schon dort, wo jemand irrtümlich meint, mit einer gewissen Offenheit für den digitalen Raum sei das Thema bewältigt?

P.S.: Wie kurz vor Redaktionsschluss dieser Branchenbrief-Ausgabe bekannt wurde, soll als Nachfolgerin von Susanne Pfeffer den nächsten deutschen Biennale-Pavillon in Venedig die 1973 in Budapest geborene Franciska Zólyom kuratieren. Sie hat in Köln und Paris Kunstgeschichte studiert und leitet seit 2012 als Direktorin die Galerie für Zeitgenössische Kunst in Leipzig. In Sachen Venedig gibt es weitere News auf Seite 9.

In dieser Ausgabe: Der Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Hermann Parzinger, will die vom Bund und den Ländern betriebene Einrichtung modernisieren (Seite 5). Zum 25-jährigen Galerie-Jubiläum ein Neubau besonderer Art: David Zwirner, New York (Seite 8). Krach hinter australischen Biennale-Kulissen: Rückzug der Sponsoren (Seite 9). Termin-Probleme der art berlin (Seite 10). Bauzaun-Probleme im Kunsthaus Zürich (Seite 12). Genua: Ermittlungsverfahren wegen Modigliani-Fälschungen (Seite 13). Hessens Kunstminister Boris Rhein bekennt sich zur documenta und reagiert auf den Offenen Brief von über 130 Fachleuten (Seite 17). Im Juli soll endgültig über die Zukunft des Museums Morsbroich entschieden werden (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 643 – Editorial

Informationsdienst KUNST 643

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zum Jahreswechsel, logisch, räumen wir auf und weg. Klarschiff für die kommende Monate auf den Schreibtischen, Ordnung im Archiv und in der Bibliothek, Klamotten-Check im Ankleidezimmer, und in der Küche gibt’s auch immer Handlungsbedarf. Spätestens beim Gläser-Spülen drängt sich dann schon wieder die Frage der Transparenz in die Gedanken, auch die grundsätzliche Überlegung, ob man sich für 2018 nicht etwas vornehmen müsse. Auf der Dringlichkeitsliste steht ganz oben natürlich die Notwendigkeit, dass jetzt schleunigst aus der geschäftsführenden Bundesregierung wieder eine richtige wird, eine, die wirklich handlungsfähig ist und nicht nur so tut. In der Kulturpolitik wird seit Monaten fleißig repräsentiert, jede Statistik zum Wachstum der Kreativwirtschaft-Branche oder jede staatliche Zuwendung für Institutionen und Projekte ausgiebig kommuniziert. Doch überfällige Debatten, etwa zur Neuordnung der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, können nicht ernsthaft geführt und Entscheidungen nicht getroffen werden. Allenfalls eine gewisse Atemlosigkeit ist zu attestieren, weil es offenbar berechtigte Befürchtungen gibt, die AfD könne den Vorsitz im Bundestag-Kulturausschuss übernehmen.

Das wäre die Katastrophe schlechthin, weil von dieser Partei nichts zu erwarten ist, was Kultur befördern könnte. Womöglich kommt es nicht von ungefähr, dass mittlerweile, von einer gewissen Panik getragen, sogar der Sozialdemokrat Sigmar Gabriel, längst wieder der Liebling der stagnierenden Schulz-Aufbruch-Bewegung, von »Heimat« schwadroniert, die heikle Debatte um die »Leitkultur« erneut aufflammen lassen möchte, als gelte es, die einst konservative CDU rechts zu überholen, um dort die AfD kaltzustellen. Dabei haben wir in der Kultur wahrlich genug Themen, die 2018 beherzt angepackt werden müssen – von der hinderlichen, im Froschschenkel-Vergleich auch ungerechten 19-Prozent-Mehrwertsteuer-Frage bis zum erforderlichen Kulturgutschutzgesetz-Lifting, das dank der für den frühen Sommer anstehenden ersten Berichterstattung vor dem Bundestag gottlob allmählich in die Phase der Evaluierung gerät. Widersinn und Ungerechtigkeit zu beseitigen, Kommunikation und Bürokratie zu vereinfachen – Aufgaben zuhauf. Und auf Bundesebene geht’s auch darum, auf Samtpfötchen ins Dickicht föderaler Strukturen vorzudringen, wo von Bundesland zu Bundesland so viele Differenzen auszumachen sind, dass man sich inzwischen kaum mehr einen gemeinsamen Nenner vorstellen kann.

Nur ein Beispiel: Wenn ein Museumsdirektor in Baden-Württemberg oder in Nordrhein-Westfalen durchschnittlich 5 200 Euro (brutto) pro Monat verdient, ist das wirklich nicht viel, gemessen an der Verantwortung, aber wenigstens nachvollziehbar im Vergleich mit den Kollegen in Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern oder Sachsen, wo nicht mehr als maximal 3 500 Euro (!) gezahlt werden. Eine Gehaltskluft der schmerzhaften Art. Die Museumsleiter in Österreich können sich dagegen brüsten, besser als ihr Bundeskanzler honoriert zu werden. Sabine Haag, Kunsthistorisches Museum, und Klaus Albrecht Schröder, Albertina, so heißt es aus Wien, sollen Jahresgehälter beziehen, die sich um 280 000 Euro drehen, mithin rund 23 000 Euro monatlich. Freilich lässt sich das noch toppen. In den USA zum Beispiel (im Archiv finden wir eine Notiz, dass der MoMA-Direktor in New York schon vor zehn Jahren sage und schreibe 110 000 Dollar erhielt – pro Monat), wo obendrein allerlei Zusatz-Leistungen üblich sind. So sollen dem Museumschef vor zwei Jahrzehnten, aus einem sehr speziellen Fonds, über fünf Millionen zugeschoben worden sein, damit er sich privat was Repräsentatives an der 53. Straße leisten konnte. Zugegeben: Die Latte der Erwartungen liegt hoch, wo auf Teufel komm raus vergütet und verwöhnt wird (Glenn D. Lowry bedankte sich einst mit immerhin knapp 900 Millionen, die er bei den Wohlhabenden für den Umbau/Neubau gesammelt hatte).

Natürlich wird hierzulande niemand erwarten können, dass ein Thomas Krens um die Ecke kommt und, »mal eben so«, wie sich Max Hollein an seine Guggenheim-Assistenten-Zeit in New York erinnert, das Gehalt verfünffacht. Aber der öffentliche Dienst könnte sich durchaus einmal selbst auf den Prüfstand stellen – und fragen, warum es in vielen Museen nicht rund läuft. Der Präsident des Deutschen Museumsbundes, Eckart Köhne, stellte zum Jahresende 2017 mit Bedauern fest, dass ein deutlicher Rückgang der Sonderausstellungen und folglich sinkende Besucherzahlen in den Häusern als Warnsignal gesehen werden müssten. Die Museen, so meinte er, sollten von ihren Trägern nachhaltig unterstützt werden. Was er explizit nicht erwähnte, war die Feststellung, dass die Führungskräfte in den deutschen Museen überwiegend miserabel besoldet werden und sich, mehr oder weniger notgedrungen, ihr Haushalts- und Taschengeld andernorts verdienen – als Juroren, Autoren, Berater, Festredner, Kuratoren für Burda, Prada & Co. Logisch, dass dann das Engagement zu Hause bisweilen lausig ausfällt. Das muss sich ändern. Wenigstens ein Vorsatz für 2018.

In dieser Ausgabe: Die Bremer Weserburg wird vom Herbst an von Janneke de Vries geleitet (Seite 2). Bonns Kunstmuseum-Chef Stephan Berg rechnet mit dem Kunstsommer 2017 ab (Seite 3). Attacke gegen Mäzen: Nan Goldin gegen Pharma-Clan Sackler (Seite 4). Im Museum Frieder Burda plant James Turrell was Großes (Seite 6). Neuer Biennale-Kurator für Venedig: Ralph Rugoff, London (Seite 9). Neues Künstler-Zentrum in Berlin, Oberschöneweide, mit Eliasson, Jankowski, Kwade, Reyle und Voigt (Seite 12). Warum Siegfried Zielinski vom Rektorenposten an der Hochschule für Gestaltung in Karlsruhe zurücktritt (Seite 15). Preis-Check: Agnieszka Polska, Trägerin des Preises der Nationalgalerie (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 642 – Editorial

Informationsdienst KUNST 642

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man allmählich auf die 65 zugeht, sich gottlob enorm fit fühlt und weiß, dass man quasi lebenslänglich den Dienstmann geben wird, gar nicht anders kann, als weiterhin die Branche kritisch zu beobachten, dann zuckt man einen Moment lang zusammen, wenn aus der Fondation Beyeler die frohe Kunde eintrifft, dass »alle über 65-Jährigen« bis zum 24. Dezember freien Eintritt ins Museum erhalten. Gehört man mit 65 also zum alten Eisen; ist man verbraucht, reif für die Rente oder irgendeine Insel, ausgemustert, abgehalftert, bemitleidenswert? Senioren-Programm? Mitnichten, denke ich, nachdenklich geworden. Hätte man in CH-4125 Riehen nicht besser die traditionelle Altersgrenze verschieben sollen, auf 75 oder 80, wenigstens auf 70? Gerade in einer Zeit, in der die Menschen bekanntlich immer älter werden, in der dann und wann die 116 oder 117 Jahre erreicht werden (vor 20 Jahren starb in Arles eine Französin, die 122 Jahre alt wurde), in der kürzlich der israelische Wissenschaftler Chaim Cohen sogar die 140 in Aussicht stellte, ist man doch mit 65 noch ein Jüngling, oder?

Im zurückliegenden Jahr waren nur wenige der verstorbenen Künstler unter 80. Eher die Ausnahme, dass Werner Berges mit 75, Edgar Gutbub mit 77, Arno Rink mit 76 und Johannes Grützke mit 79 Jahren starben. Die Nachrufe 2017 zeigen, dass die meisten mindestens 80 Jahre alt wurden, darunter Hans Baschang (80), Stanley Brouwn (81), Trisha Brown (80), Howard Hodgkin (84), Jannis Kounellis (80) und Joe Stefanelli (96). Und Karl Otto Götz schaffte sogar die 103. Vielleicht ist all das kein Wunder, weil sich im Laufe der Jahrzehnte auf allen Ebenen die Versorgung des Menschen wesentlich verbessert hat – von der Ernährung bis zur Medizin.

Lebte der erste, vor genau 50 Jahren vom legendären Christiaan Bernard operierte Mann nur 18 Tage lang mit dem Herz einer Frau, kann man heute dank einer solchen Organspende, mit ein bisschen Glück und etwas Disziplin, durchaus drei Jahrzehnte lang unbeschwert weitermachen, wie ich weiß (seit meiner eigenen Transplantation in München, 2007, durch den einstigen Bernard-Nachfolger in Kapstadt, Bruno Reichart). »Die Kraft des Alters«, so der Titel der bis Mitte März laufenden Ausstellung in Wien, Unteres Belvedere, ist längst ein Thema, das nicht nur die Soziologen intensiv beschäftigt, denn die zunehmende Lebenserwartung prägt sich tief ins gesellschaftliche Koordinatensystem.

In der Kunst ist es so, dass das Alter zwar zweifellos eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, weil spät Entdeckte (wie Louise Bourgeois) selten Welt-Karriere machen, doch Galeristen und andere Vermittler achten nach wie vor mehr noch auf das bildnerische Potenzial, das in einer Arbeit steckt. Wer als Künstler erfolgreich sein will, braucht auch heute die klare Botschaft, die unverwechselbare Handschrift. Zugleich reicht es aber nicht, alles zu benageln oder zu verhüllen, Jahr für Jahr, von Ausstellung zu Ausstellung. Gerade Markenzeichen-Stars wie Christo oder Günther Uecker haben zeitlebens dokumentiert, dass sie sich künstlerisch entwickeln können, dass sie die immer wieder neuen Herausforderungen der Zeit anzunehmen verstehen.
Als ich kürzlich in der Bibliothek nach einem Buch suchte, stieß ich zufällig auf einen DuMont-Band, den ich mir 1970, damals Schüler auf einem musischen Gymnasium, von meinem Taschengeld gekauft hatte: »Deutsche Kunst: eine neue Generation«. Rolf-Gunter Dienst, mittlerweile verstorben, hatte den Band zusammengestellt, und mein Kunstlehrer, ein begeisterter ZERO-Anhänger, ließ keinen Zweifel aufkommen, dass ich richtig investiert hatte. Er hielt mir prompt die Uecker-Seite entgegen: Er, 1930 geboren, konnte schon damals so viele Ausstellungen vorweisen, dass Dienst ihm als einzigen Künstler seiner richtungsweisenden Dokumentation (unter anderem mit Asmus, Beuys, Brüning, Buthe, Claus, Darboven, Geiger, Girke, Graubner, Haacke, Hajek, Hoehme, Klapheck, Koberling, Mack, Mields, Palermo, Pfahler, Piene, Richter, Ruthenbeck, Schult, Schultze, Ulrichs und Vostell) eine ganze Anhang-Seite widmete.

Dass etwa die Hälfte der damals vorgestellten 122 Künstler immer noch tätig ist beziehungsweise mit ihrem Werk kunstgeschichtlich Spuren hinterlassen hat, ist sensationell. Möchte man zum Jahreswechsel 2017/2018 einen solchen Versuch wagen und die aktuell umschwärmten 122 Künstler in einem solchen Buch listen, dann würden in knapp 50 Jahren, um 2065, meine ungeschützte Prognose freilich, vielleicht noch 22 bekannt sein. Der Kunstbetrieb ist längst zum Durchlauferhitzer mutiert, wo immer mehr Künstler gepusht werden, um bereits wenig später gnadenlos aussortiert und vergessen zu sein. Oft auch ein menschliches Drama, das so gar nicht zu den vollmundigen Kuratoren-Sprüchen passen will, zu einem aufgeblasenen, anspruchsvollen Weltbild, das in der Praxis schon im kleinen Rahmen der Kunst-Familie keinerlei Bestand hat. Leider.

In dieser Ausgabe: Großzügige Spende von Neo Rauch (Seite 4). Rückzug aus der Gratiskultur im Internet: »Art«-Chefredakteur Tim Sommer erläutert die Entscheidung (Seite 4). Pressestimmen zur Art Basel Miami Beach (Seite 6). Stuttgart: Ehrenmitgliedschaft für Annette Kulenkampff (Seite 7). Kein Museumsposten für Adam Szymczyk in Athen (Seite 8). Streit um den Nachlass von Franz West in Wien beendet (Seite 11). So könnte es sein: »The Square«, der Kinofilm aus dem Kunstmilieu (Seite 12). Preis-Check: Rebecca Horn (Seite 13). Hombroich: Verhandlungen um Graubner-Museum festgefahren (Seite 15). Neues vom Giacometti-Fälscher Robert J.C. Driessen (Seite 19). Muss ins Gefängnis: Bernardo Paz (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 641 – Editorial

Informationsdienst KUNST 641

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man seit Jahrzehnten als Kunstjournalist tätig ist, für die meisten bedeutenden Publikationen geschrieben hat, ob »FAZ«, »Spiegel« oder »Zeit«, dann mag das flüchtige Internet noch so viele Kurznachrichten und Dauergerüchte verbreiten – man neigt dazu, Print zu bevorzugen. Eine Wohltat, Seite für Seite blättern zu können, es rascheln zu hören, die Haptik des Papiers zu spüren, Druckerschwärze inklusive. Schwarz auf Weiß lesen zu können, was die Kollegen veröffentlichen, gehört zu den angenehmsten täglichen Pflichten. Und dabei ist es so, dass jene Beiträge, die aufgrund ihrer Machart oder ihres Inhalts den Pegel der Erregung steigen lassen, in der Tat etwas auslösen, bewirken, während der gleiche Text, vollumfänglich oder als Kurzfassung auf dem Bildschirm zu sehen, weitaus weniger Empörung verursacht. Warum das so ist? Wenn man das genau wüsste. Allenfalls Ahnungen keimen auf, frei nach dem Löschmotto, »klick und weg«, bevor man nicht weiter überlegt und sich lustvoll in die nächste Print-Lektüre stürzt.

Dass die Kunst, für die man vor Jahrzehnten als Redakteur oder Autor hart kämpfen musste, um sie als Thema in den »Spiegel« oder in andere Viel-Ressort-Periodika zu hieven, mittlerweile zu den beliebtesten Stoffen gehört, verwundert nicht. Mussten früher noch aktuelle Aufhänger gefunden werden, am besten exklusiver Natur, um den Mitbewerbern anderer Verlage zu zeigen, wer den besten Investigativ-Journalismus macht, schaffen sich die Redaktionen heute ihre Ereignisse selbst. Manchmal gleich im Doppeltakt.

Bestes Beispiel aus den vergangenen Tagen: Am 17. November erschien das »Süddeutsche Zeitung Magazin«, Nummer 46, mit einem Cover, das Sophie Calle zeigt und einen Foto-Text-Zyklus der Künstlerin ankündigt. Nach der Calle-Editorial-Seite 7 gibt es auf sage und schreibe 57 Seiten die vorn angekündigte Künstler-Strecke sowie ein allerdings durch einige Anzeigen unterbrochenes Interview, das mit einem kleingedruckten, völlig unsinnigen Nachspann endet. Calle habe dem Autor, Tobias Haberl, die Übernachtung in ihrem Haus angeboten; dieser sei aber lieber, zu dumm, nach Cassis an die Küste gefahren, wo er anderthalb Stunden nach einem Parkplatz suchte, um dann 20 Minuten am Meer zu sitzen, bis es dunkel wurde.

Als sei das alles nicht schon genug (zumal auch Martin Eder und ein Rezept für Rote Bete aus dem Salz-Teig geboten werden), gab es in dieser Woche eine weitere, eine obendrein größere »Süddeutsche Zeitung Magazin«-Ausgabe, um »20 Jahre Edition 46« zu feiern. Die Redaktion rief auf 74 Seiten ins Gedächtnis, dass sie schon immer (Ausnahme: 2000 bis 2006) Künstler eingeladen habe, ein Heft zu gestalten. Von Jenny Holzer (1993) über Anselm Kiefer (1990) bis Erwin Wurm (2016) reicht die Künstlerliste. Auch Jeff Koons war vertreten, damals, 1992. Und im Jubel-Heft darf der Schriftsteller Maxim Biller daran erinnern, dass er mal »nachts um zwei oder drei« im Schumann’s in München plötzlich neben dem Künstler gesessen habe, der »so betrunken« gewesen sei, dass »ihm immer wieder der Ellbogen von der Tischplatte rutschte«. Der Biller-Bullshit spült sich schließlich unvermittelt mit der Überlegung weg, »wer sagt eigentlich, dass ein großer Künstler nicht auch ein großes Arschloch sein darf«.

Tags zuvor war bereits »Die Welt« als »Sammlerstück« in den Vertrieb gekommen. »Einer der berühmtesten Künstler der Gegenwart«, damit war das »Arschloch« Koons gemeint, habe eine ganze Ausgabe der Springer-Tageszeitung gestaltet. Und Kunst-Boss Cornelius Tittel, zugleich »Blau«-Chefredakteur, der schon am 12. November in der »Welt am Sonntag« für die Koons-Nummer getrommelt hatte, verführte Branchenkenner spontan, noch einmal nachzulesen, was er in der »Welt«-Beilage »Blau«, November-Nummer, verbreitet hatte. Vor sechs Jahren durfte er erstmals mit Koons telefonieren; dann habe er ihn in New York getroffen (»mit einem Diktiergerät zwischen uns«), wo sich der Künstler »immer wieder zu mir herüber beugte, seine Hand auf meinen Unterarm legte und ‚It’s all about acceptance, Cornelius‘ zu mir sagte« (Tittel). Und dann noch einmal, im Konjunktiv, »wenn er bei mir säße – und mir tief in die Augen schauen würde«.

Der unerträgliche Schmus ist womöglich der hohe Preis, den Zeitungen wie »Die Welt« oder, in diesem Fall vergleichbar, das »Süddeutsche Zeitung Magazin« zahlen müssen, wenn sie für ihr großes Leser-Publikum, das bekanntlich nur zum kleinsten Teil aus Kunstfreunden besteht, in die Sphären der Kultur vordringen wollen. Dass guter Journalismus anschaulich sein muss, ist klar, aber dabei muss man halt aufpassen, nicht in allzu leichte Gefilde abzugleiten, wo Ellbogen von der Tischplatte rutschen oder Hände auf Unterarme gelegt werden. Entbehrlich, wirklich entbehrlich.

In dieser Ausgabe: Der Berliner Senat lässt sich allzu viel Zeit, das Startsignal für den Baubeginn des Museums des 20. Jahrhunderts zu geben (Seite 5). Unruhe am Rhein: Sprecher der Kölner Galerien zurückgetreten (Seite 9). Kassel: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff scheidet vorzeitig aus (Seite 11). Duisburg: Großartiger Auftritt von Bernd Koberling im Museum Küppersmühle (Seite 11). Nachlass-Affäre: Fritz Koenigs Vermächtnis in Gefahr (Seite 15). Weitere Sammler-Reaktion: Marisol Corboud will Werke aus dem Wallraf-Richartz-Museum holen (Seite 20). Der »Tatort« aus Münster mit Christian Jankowski enttäuschte (Seite 21). Fragwürdige Absage der Max Stern-Schau in Düsseldorf (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 640 – Editorial

Informationsdienst KUNST 640

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesem Jahrzehnt läuft’s nicht rund. Spätestens seit den Verurteilungen von Beltracchi und Achenbach wissen wir, dass unsere Branche aus nachvollziehbaren Gründen in Verruf geraten ist. Statt über hehre Kunst zu sinnieren, wie das in unserer Jugend üblich war, nehmen wir alle den versauten Betrieb ins Visier – und finden laufend jede Menge Gründe, uns tüchtig zu empören. In diesem Klima des Argwohns gedeihen mittlerweile Formulierungen und Regelungen, die nichts verhindern können, aber zumindest geeignet erscheinen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Transparenz herzustellen. Hatte die Art Cologne bislang in ihren Richtlinien für die Zulassung zur Messe selbstverständliche Grundsätze unauffällig versammelt, die etwa kommunizierten, dass Aussteller, die »gefälschte oder zweifelhafte oder fehlerhaft beziehungsweise unvollständig deklarierte Kunstwerke« anbieten oder gar verkaufen, ausgeschlossen werden, legt die Art Basel nun noch einen drauf, selbstbewusst und lautstark. Sie will erstmals zur Messe in Miami, 2018, »Art Market Principles and Best Practices« präsentieren, ein Papier, das eine neue Ära einleiten soll, aber schon jetzt im Kulissengespräch für Unruhe sorgt.

Die Basler Messemacher, womöglich unter Druck, weil ihre Messe in Hongkong häufiger als hierzulande mit Usancen konfrontiert, die fragwürdig sind, wollen dabei ihre Kunden, die Galeristen, tüchtig in die Zange nehmen. Freilich müssen sie damit rechnen, dass diese Planung auf Widerstand stoßen wird, kann sie doch auch als Misstrauensäußerung gegenüber den Kunden gelesen werden. Compliance-Regeln, in der Wirtschaft durchaus üblich, wirken im Kunstbetrieb fremd, weil halt hier immer noch viele Geschäfte »wie im Pferdehandel« gemacht werden (wie der Galerist Winfried Reckermann einmal sagte), also per Handschlag. Nicht wenige der renommierten Aussteller, so darf prognostiziert werden, könnten im kommenden Jahr rüde reagieren, wenn sie sich plötzlich ins kriminelle Zwielicht gezogen sehen, wenn sie unterschreiben sollen, keine Fälschungen an ihren Messeständen zu verkaufen, keine unsauberen Deals zu machen. Und natürlich werden manche von ihnen einen Schrei-Anfall bekommen, wenn ihnen Messe-Boss Marc Spiegler einen weiteren Passus serviert, in dem fixiert ist, dass Künstler für ihre Arbeiten einen adäquaten Preis zu erhalten haben.

Dass die Art Basel diesen Vorstoß wagt, egal, ob er nun zum Konflikt führt oder nicht, dass Ethik 2018 im Kunstmarkt zwangsläufig ein großes Thema wird, ist grundsätzlich gut. Denn zuletzt haben wir alle allzu oft die Augen zugemacht, viele Vorfälle und Entwicklungen ignoriert oder irgendwie schöngeredet. Oft, weil wir glaubten, dies oder das diene ja letztlich der Kunst, es ermögliche etwas, was sonst nicht machbar ist. Ein Beispiel der besonderen Art führt nach Mannheim, in die Reiss-Engelhorn-Museen. Dort werden 1,2 Millionen Objekte verwahrt, dort stehen an vier Ausstellungsorten rund 13 000 Quadratmeter Schaufläche zur Verfügung, und diese Museen gehören zu den wenigen, die sich das Thema Forschung wirklich groß aufs Panier schreiben dürfen.

Dass das so ist, hat mit einer guten finanziellen Ausstattung zu tun, beispielsweise auch mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum für Kunst- und Kulturgeschichte. Der Mäzen und 25-Millionen-Stifter, der vor einem Jahr starb, der mit seinen 90 Jahren bis zuletzt hellwach war, hatte Mannheim und die Kulturszene in eine überaus komfortable Situation versetzt, und im Kunstbetrieb wurde denn auch, irgendwie peinlich berührt, aber ohne Aufhebens, mehr oder weniger totgeschwiegen, dass am 8. Oktober 2013 die Steuerfahnder bei dem Milliardär und seinen beiden dann vorübergehend inhaftierten Töchtern Carolin und Elisabeth auftauchten – und emsig Daten und Akten beschlagnahmten. Es ging um Steuerhinterziehung in Höhe von sage und schreibe 440 Millionen Euro, also mehr als der zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Uli Hoeneß verursachte (vor dem Amtsgericht Augsburg wurde später ein Engelhorn-Steuerschaden in Höhe von rund 145 Millionen Euro dokumentiert). Es kam schließlich zu einem Deal zwischen der Staatsanwaltschaft und der Familie: Die beiden Schwestern zahlten nach, obendrein Bewährungsstrafe und eine Geldauflage in Höhe von zwei lausigen Milliönchen.

In Mannheim atmete man erleichtert auf, dass der Name Engelhorn, der im Namen der Museen steckt, durch die Steueraffäre nicht allzu sehr beschädigt wurde, weil rundum alle abfederten, polsterten, flüsterten (während Hoeneß auch in den Medien tüchtig vorgeführt wurde). Niemand in der Kulturszene hatte ein Interesse daran, dass sich das Wohlwollen der Familie in eine Abkehr von den Reiss-Engelhorn-Museen verwandeln könnte. Ob diese Diskretion auch fortan gilt, muss man sehen, denn seit wenigen Tagen liegen nun die »Paradise Papers« auf den Schreibtischen – und vor allem die Politiker geraten tüchtig in Erklärungsnot. Denn unter den 13 Millionen Dokumenten aus Steuerparadiesen, die das Netzwerk investigativer Journalisten auswertete, taucht die vielzitierte Kanzlei Appleby auch im Engelhorn-Mandanten-Kontext auf – und es scheint, dass die Ermittler vor wenigen Jahren nur etwa 20 Prozent der wirtschaftlichen Verbindungen der Kultur-Familie Engelhorn erfasst haben. Das Offshore-Konstrukt aus Trusts, allerlei Stiftungen sowie Briefkastenfirmen soll einen solchen Umfang haben, dass die Behörden jahrelang zu tun haben werden, sollten sie jetzt anhand der Unterlagen einen erneuten Ermittlungsanlauf nehmen.

Derweil sagte Wolfgang Schäuble, der scheidende Finanzminister, kapitulierend in die Fernsehkameras, dass die Steuer-Schlupflöcher der Globalisierung geschuldet seien. Das klang wie ein Freispruch vor dem Prozess – und es war, zu dumm, wohl auch so gemeint. Bleibt die Frage in unserer Branche, ob wir den steuerhinterziehenden Super-Reichen tatsächlich weiterhin die Absolution geben wollen, indem wir ihre fragwürdigen Geschenke annehmen und so tun, als sei nichts passiert. Wenn Sie mich fragen: Ich meine, Engelhorn sollte aus dem Namenskonstrukt Reiss-Engelhorn-Museen entfernt werden. »Ziel ist«, sagte Marc Spiegler kürzlich, »den Ruf zu schützen.« Das kann nicht nur für die Art Basel gelten.

In dieser Ausgabe: Erfolg für »Deutschland 8« in China (Seite 2). Chemnitz: Schenkung von Heiner Bastian und Familie (Seite 4). Fragwürdiger »Power 100«-Platz für Adam Szymczyk (Seite 7). Hansjörg Wyss und eine neue Hoffnung für das Kunstmuseum Bern (Seite 9). Die Gurlitt-Zwischenbilanz in Bonn (Seite 9) und in Bern (Seite 11). Berlin: Preis der Nationalgalerie in der Kritik der vier beteiligten Künstlerinnen (Seite 12). Kulturpolitik: Sondierungsgespräche in Berlin (Seite 13). Erfolgreich geklagt: Jörg Sassen und die Mehrwertsteuer (Seite 14). Unerwünschte Annäherungen: Armory-Direktor Benjamin Genocchio verliert seinen Job (Seite 17). Preis-Check: Katharina Fritsch (Seite 18). Krach hinter den Kulissen der ZERO Foundation (Seite 21). Impressum (Seite 25).