Lindinger + Schmid

Informationsdienst KUNST

Museumsfeindliche Stadtkämmerer oder korrupte Kunsthändler müssen Karlheinz Schmids Editorials fürchten. Der Herausgeber des Informationsdienst KUNST ist nicht nur ein unterhaltsam-flapsiger Schreiber, er ist auch ein ausgezeichnet recherchierender Journalist.

Tim Ackermann
„Die Welt”

Der Branchenbrief für die Kunstszene, seit 1991 von Karlheinz Schmid herausgegeben, liefert vierzehntäglich unverzichtbare Hintergrund-Informationen. Also Nachrichten und Meinungen über Personen, Preise und Projekte. Hinweise auf neue Editionen, attraktive Stellenangebote und wichtige Publikationen. Speziell für Galeristen und Sammler, Künstler und Kritiker, Museumsleute und Kunstvereinsmitglieder.

Für den Informationsdienst KUNST recherchieren und schreiben regelmäßig sieben Szene-Kenner: Dorothee Baer-Bogenschütz, Belinda Grace Gardner, Andrea Hilgenstock, Jörg Restorff, Karlheinz Schmid, Bernhard Schulz und Claudia Steinberg

Informationsdienst KUNST, Editorials

AKTUELL: Informationsdienst KUNST 735 – Editorial

Informationsdienst KUNST 735

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man in diesen Wochen, nachdem nun viele Bilanz-Zahlen aus dem ersten Halbjahr 2021 der Auktionshäuser vorliegen, eine Analyse der aktuellen Markt-Situation macht, dann fallen rasch allerlei ermutigende Phänomene auf. Auktionsgiganten wie Christie’s und Sotheby’s sind nicht nur in Hongkong und Los Angeles auf Expansionskurs. Sie können es entspannt tun, weil ihnen die Corona-Krise nicht im Geringsten geschadet hat. Im Gegenteil: 2020 war schon im Vergleich mit 2019 für die Branche ein Zuwachsjahr, und die ersten sechs Monate 2021 haben in den großen Häusern, Gradmesser für das pekuniäre Klima auch an der Basis, zur weiteren Gesamtumsatz-Steigerung geführt. Wenn Christie’s beispielsweise mit dreieinhalb Milliarden Dollar in diesem relativ kurzen Zeitraum sein zweitbestes Halbjahresresultat seit 2015 erzielt, dann muss sich niemand um die Zukunft des Kunsthandels sorgen.

Dass sich freilich von selbst nichts bewegt, dass überall hart am Erfolg gearbeitet werden muss, ist klar; nicht jeden Tag lässt sich ein Picasso im Wert von 103 Millionen Dollar versteigern, wie im Mai geschehen. Sämtliche Auktionshäuser haben folglich ihr Online-Geschäft tüchtig intensiviert, und signifikant ist zudem, dass der »privat sales«-Anteil am Auftrieb erheblich ist. Im Hause Phillips, so hört man, soll derzeit von einer Verdoppelung im Bereich der Privatverkäufe die Rede sein.

Gleichwohl ist im Moment noch kein Aufschrei seitens der Händler und Galeristen wahrzunehmen. Stemmte sich beispielsweise früher der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler mit aller Macht gegen die Auktionshäuser, etwa im Messe-Kontext, herrscht aktuell Ruhe, obgleich das angestammte Terrain von den hammerschwingenden Mitbewerbern fleißig beackert wird. Eben auf Kosten der Galerien, die sich einst um Beratung und Management von Sammlungen allein kümmerten, jetzt zwangsläufig teilen müssen.

Der fehlende Widerstand mag sich auch durch eine neue Form des Zusammenspiels erläutern lassen, wo nun häufig die Auktionshäuser im Gegenzug ihren Beitrag leisten, dass Galeristen erfolgreich sind. Nicht selten geht es darum, vorhandene Markt-Preise für einzelne Künstler zu halten oder, besser noch, zu steigern, auf jeden Fall zu stabilisieren. Nicht selten verweigern Galeristen die mögliche Rücknahme von Bildern, die sie einst selbst verkauften (was vor Jahrzehnten kein Thema war), so dass Sammler notgedrungen über die Auktionsstätten weiterreichen müssen, was sie veräußern wollen. Ein differenziertes Procedere, für Außenstehende nicht leicht zu durchschauen.

In einer Welt veränderter Markt-Usancen, die rundum alle beschäftigen, bleibt freilich auf der Strecke, sich wieder verstärkt mit dem zentralen Gegenstand des Handels auseinanderzusetzen, mit dem Kunstwerk selbst. Der Waren-Charakter erscheint mittlerweile derart dominant zu sein, dass nur gelegentlich noch, wie gerade eindrucksvoll dank Kia Vahland in der »Süddeutsche Zeitung«, über die Werk-Qualität nachgedacht wird (was allerdings auch ein Problem einer kaum mehr vorhandenen Kunstkritik ist, die längst zu einer affirmativ orientierten Marktbeschleuniger-Gilde mutiert ist). Mit üblen Folgen, weil es leider auch Verantwortliche wie den Chef des Bayerischen Nationalmuseums in München gibt, die null Ahnung von Gegenwartskunst haben und sich und ihre Institutionen prompt ins Zwielicht setzen, wohl ohne es zu merken. Wie also kann Generaldirektor Frank Matthias Kammel in München, der auch die Ausstellung »Schnapstrinken« im Programm führt, auf die Schnapsidee kommen, noch bis Monatsende die dilettantischen Fingerübungen des laufend in People-Magazinen vertretenen, völlig überschätzten Jungstars Leon Löwentraut auszustellen? Hat sich das Museum zur Selbstaufgabe entschlossen, wie Vahland kommentiert? Denkt man dort, dass jener mit Markus Lüpertz aussterbende, aber von Leon und seinem noch ehrgeizigeren Manager-Vater gepflegte Geniekult heutzutage noch tragfähig ist? Ein Irrsinn sondergleichen.

Ob dieses Exempel aus den Museen, wo Kunst vermittelt werden soll, ohne sich zum Handlanger fragwürdiger Marketender zu machen, ob andere Beispiele aus dem umfangreichen Interaktionsfeld Galerie/Auktion/Sammler: Überall ist erkennbar, dass sich die Gepflogenheiten von gestern kaum mehr verteidigen oder gar in die Zukunft führen lassen. Damit verbunden, logisch, die Notwendigkeit, Transparenz herzustellen, also neue Regeln zu entwickeln, umzusetzen und sie auch allgemeinverständlich zu kommunizieren. Doch davon ist die Branche zur Zeit noch weit entfernt. Vereinzelt, ob in Hamburg oder in Köln, werden in den kommenden Tagen und Wochen zwar Diskurs-Runden veranstaltet, doch der komplexe Kunstbetrieb würde mehr davon vertragen. Allein schon aus dem Grund, dass einem vollmundig posierendem Grünschnabel wie diesem 23-jährigen Löwentraut bewusst wird, was er alles noch nicht weiß.

In dieser Ausgabe: Abgebrochenes Bewerbungsverfahren zugunsten der Biesenbach-Berufung (Seite 6). Überfrachtetes Lehr- und Lernzentrum im Humboldt Forum (Seite 8). Zusätzlicher Standort für die documenta 15 (Seite 8). Im Schatten Salzburgs: Internationale Sommerakademie (Seite 11). Unter Schweizer Impfstoff-Stress: Art Basel (Seite 12). Das neue Deutsche Romantik-Museum in Frankfurt (Seite 15). Das zweitägige Museumssymposium in Düsseldorf (Seite 15). Museumsreif: »Schreitende Pferde« von Josef Thorak (Seite 17). Geschlossen: Kunsthalle der Sparkasse Leipzig (Seite 20). Joe Chialo und Armin Laschet (Seite 20). Josephine Baker und Emmanuel Macron (Seite 21). Preis-Check: Richard Deacon (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 734 – Editorial

Informationsdienst KUNST 734

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, liegt’s am subjektiven, am womöglich falschen Blick, oder ist derzeit tatsächlich viel religiös konnotiert, was uns der politische, ökologische oder wirtschaftliche Kontext beschert? Ein reiner Zufall, wenn die neue Taliban-Generation im Zuge ihrer Machtübernahme in Afghanistan an Leonardo da Vincis Abendmahl denken lässt und sich wie weiland die Apostel inszeniert, obgleich ihre Botschaft keine christliche ist? Scheinheiligkeit, bevor wieder Frauen erniedrigt und Kunstwerke unwiederbringlich zerstört werden? Oder, Szenenwechsel: Während im Ahrtal allmählich die Folgen der Hochwasser-Katastrophe und des Politik-Versagens beseitigt werden, kommen nach und nach die Flut- oder Schlammweine der Winzer in den (Solidaritäts-)Handel. Erinnerungen an die Hochzeit zu Kana, wo Jesus von Nazareth in der Not sechs Krüge Wasser kurzerhand in Wein verwandelte. Bekanntlich hat Giotto, der 1337 gestorbene Renaissance-Meister, die Szene um 1305 gemalt. Schön anzuschauen auch eine allerdings abstruse, im neugotischen Stil von Roberto Peregalli, Mailand, entworfene, sakral anmutende Turm-Architektur, die der Verleger und Sammler Hubert Burda abseits in die Weinberge bei Fessenbach im Schwarzwald bauen ließ. Nicht ohne sie dann vom Vatikan-Schönling Georg Gänswein segnen zu lassen.

Derweil wird in Berlin ein wahrlich großes und auch tatsächlich bedeutsames Kultur-Werk mit einem 47-Meter-Turm vorangetrieben, entworfen von Kuehn Malvezzi, das »House of One«, wo sich Christen, Juden und Muslime im friedlichen Miteinander begegnen werden. Das Gebäude, eine geniale Verbindung aus gegensätzlichsten Architekturen, nämlich Kirche, Synagoge und Moschee, gehört gerade in diesen Tagen zu den überaus hoffnungsvoll stimmenden Zukunftsprojekten, sieht man, wie in Afghanistan elementar andere Begriffe und Wertvorstellungen aufeinanderprallen. Das alles hätten westliche Politiker, offenbar nur auf ihre militärische Intervention konzentriert, vor dem Truppenabzug dort wissen und einschätzen müssen. Ob der interreligiöse Dialog, wie er sich nun im »House of One« anbahnt, die Welt am Ende besser machen wird, wissen wir freilich nicht. Aber auf diesen Versuch kommt es an, mehr denn jemals zuvor. Hierzulande und natürlich zu Recht auf die Verfehlungen der christlichen Kirchen konzentriert, Stichwort Missbrauch, wurden alle Kräfte absorbiert, das Denken und Handeln zuletzt nahezu ausschließlich auf diese skandalösen Vorgänge und den Umgang damit ausgerichtet. Folglich Vernachlässigung etwa im Austausch Islam/ Christentum.

Freilich keine Gewähr, dass ausgerechnet über den Glauben eine Befriedung einsetzt. Aber sollte es nicht wenigstens versucht werden? Dabei gibt es durchaus Themen, die alle Konfessionen beschäftigen müssten, beispielsweise die Rolle der Frauen in Kirche und Gesellschaft. Provokative Frage: Sind die Prediger des Islams und die Verantwortlichen im Vatikan wirklich weit voneinander entfernt? Frauen als Priester – die katholische Kirche verhindert es, wie Muslime ihrerseits Frauen als zweitrangig einstufen. Wenn sich die katholische Kirche modern geben will, dann zeigt sie seit langem Toleranz in Bezug auf die bildende Kunst. Bis Ende des Monats darf Hubert Salden in Innsbruck und in Hall/Tirol acht Kirchen und Gemeindehäuser mit teils auch herausfordernden Werken von Künstlern wie Berlinde de Bruyckere, Elke Krystufek, Thomas Locher, Kris Martin und Mark Wallinger bespielen. Ernüchternde Erkenntnis nach einem Gespräch mit dem Kurator: Es handelt sich letztlich um Kirchenschmuck, zumal die Pfarrer der Diözese Innsbruck nicht auf die Idee kommen, die Kunst zum Thema ihrer Predigt zu machen, wie Salden einräumt. Auch dieses Beispiel zeigt: Es gibt noch viel zu tun, wie es jetzt im Bundestagswahlkampf überall heißt; packen wir es an.

In dieser Ausgabe: Neue Messe in Singapur unter Druck (Seite 5). Alte Probleme in Afghanistan erneut präsent (Seite 8). Heinz Mack in Düsseldorf spendabel (Seite 8). Douglas Chrismas in Los Angeles verhaftet (Seite 10). Hamburg: Kunstsachverständigen-Treffen mit aktuellen Themen (Seite 12). Berlin: Nationalgalerie-Neustart mit viel Lob (Seite 12). Tinguely-Tour auf dem Wasser und ein paar unbeantwortete Fragen (Seite 15). Wahlwerbung-Affäre in der Stadt und eine Kündigung der Zusammenarbeit (Seite 15). Galerie-Neuigkeit: Philipp Kaiser und die Machtübernahme (Seite 18). Fragwürdige Ausschreibung an der Humboldt-Uni in Berlin (Seite 18). Wiederentdeckung: TOYEN (Seite 20). Preis-Check: Eliza Douglas (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 733 – Editorial

Informationsdienst KUNST 733

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Bundestagswahl rückt näher, und wir alle stehen vor der Entscheidung, die richtige Wahl zu treffen. Aber wen wählen, wem das Vertrauen geben? Wenn man es lebenslang bewusst vermieden hat, in einer der ernstzunehmenden Parteien eine Mitgliedschaft zu beantragen, um mit der gebührenden kritischen Distanz reagieren zu können, ist es diesmal wohl noch schwerer, sich zu entscheiden. Wo Loyalität zur eigenen Bekenntnisfarbe, ob Schwarz oder Rot, ob Grün oder Gelb, nicht gegeben ist, muss man nämlich anhand der Spitzen-Kandidaten und der Partei-Programme urteilen, und somit gerät man flugs in Kalamitäten.

Wäre es einfacher gewesen, wenn die Grünen statt Annalena Baerbock doch den klügeren, erfahrenen Robert Habeck nominiert hätten? Könnte die CDU/CSU-Union am 26. September mit mehr Stimmen rechnen, wenn ihr Kanzlerkandidat statt Armin Laschet beispielsweise Friedrich Merz oder Markus Söder heißen würde? Und was ist mit den Roten, mit der einst von bedeutenden Politikern geführten SPD, die an Willy Brandt und Helmut Schmidt denken lässt, aber jetzt eben nur mit Olaf Scholz auftrumpfen kann? Personalfragen ohne Ende. Und dann obendrein das Problem, dass sich alle Parteien unisono inhaltlich mehr oder weniger das Gleiche in die vielzitierte Agenda der Inhalte schreiben – vom Klimaschutz bis zur Digitalisierung.

Themen, die seit Jahrzehnten verpennt wurden, die den Regierenden nicht wichtig genug erschienen, für die seitens der jeweiligen Opposition letztlich zu wenig Einsatz gezeigt wurde. Nun umarmen Politiker, denen die Natur früher scheißegal war, fotogen die Bäume. Und andere tapern für die Presse im Regen mit Gummistiefeln betroffen durch Hochwasser-Regionen, als wollten sie persönlich Hand anlegen. Dabei wäre es ihr Job gewesen, solche Katastrophen durch entsprechende Vorsorge zu verhindern. Allein die Tatsache, dass eine Bundesbehörde, die mit 400 Mitarbeitern (und somit auf BKM-Format gehievt) für den Bevölkerungsschutz zuständig sein soll, komplett versagt hat, müsste zu sofortigen Konsequenzen führen. Das passiert aber nicht.

Womöglich gibt es Gründe dafür, weil sich mittlerweile kaum ein Politiker, egal welcher Fraktion, aus dem Fenster lehnen mag, haben sie doch fast alle gewissermaßen ihre Leichen im Keller. Reichlich Kopfschütteln, wenn man zufällig erfährt, dass in dieser Legislaturperiode sage und schreibe 53 Millionen Euro Nebeneinkünfte erzielt wurden, weil ohnehin gut honorierte Bundestagsabgeordnete fleißig nebenher verdienen. Ergo: Weil auch ihr Tag nur 24 Stunden hat, sind die politisch verantwortlichen Damen und Herren, unsere Volksvertreter, viel im eigenen Interesse unterwegs und müssen ihre Fraktionshausaufgaben zwangsläufig vernachlässigen. Ein Drama.

So mag sich auch erklären, warum die sowieso unter Vernachlässigung leidende Kulturpolitik in den Wahlprogrammen keine Rolle spielt. Lausig, was da geboten wird, wie die hinlänglich strapazierten Begriffe überall in ähnlicher Diktion auftauchen, als hätte man von der CDU, Amtsbonus-Vorteil, kurzerhand abgeschrieben. Klar, gegen Geschlechtergerechtigkeit, Erinnerungskultur und soziale Absicherung ist nichts einzuwenden, alles richtig. Aber wer spannt endlich den Bogen, wer verankert die Kultur in ihrer gesellschaftlichen Bedeutung, wer ist inspiriert genug, um sie im Blick nach vorn neu auszuloten?

In dieser Ausgabe: Wie die Rückgabe von Beutekunst verzögert wird (Seite 4). Was Shirin Neshat in Venedig, Filmfestspiele, zeigen will (Seite 5). Warum kein Zweifel am Suizid von Ernst Ludwig Kirchner angebracht erscheint (Seite 7). Hängepartie Bundesinstitut für Fotografie (Seite 8). Farborgie Nitsch-Walküre in Bayreuth (Seite 9). Die Flutkatastrophe und die Folgen für den Kunstbetrieb (Seite 11). Das Museum für Kunst und Technik und das verlorene Leitungsteam (Seite 14). Hubert Burda lässt sich selbst feiern (Seite 14). Dieter Roth wird gefeiert (Seite 16). Kein Grund zum Feiern: Verfassungsbeschwerde gegen Kulturgutschutzgesetz erfolglos (Seite 18). Ehrensold für Heinz Zolper (Seite 20). Kleingeld für Christoph Büchel (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 732 – Editorial

Informationsdienst KUNST 732

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zum Saison-Ende eine großartige Nachricht, die viel Hoffnung in der Branche macht, die den kommenden Saison-Start beflügeln müsste. Der Bundesverband Deutscher Galerien, allen voran die Vorstandsmitglieder Karin Schulze-Frieling und Thole Rotermund, hat die Weichen gestellt, dass im Zuge der diversen »Neustart«-Hilfen der Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM) auch die Teilnahme von Galerien an Kunstmessen in Deutschland gefördert wird. In Fortführung der im Einzelfall bis zu 35 000 Euro bereits möglich gemachten Ausstellungs- und Projekt-Unterstützung sollen, beginnend mit der Berliner Messe »Positions« (9. bis 12. September), rund zehn Messegesellschaften mit internationaler Bedeutung, darunter natürlich Köln und Karlsruhe, mit den notwendigen Mitteln versorgt werden, um jeweils einmal ihre Aussteller mit Preisnachlässen zu verwöhnen. Immerhin, so Rotermund im Telefonat, mit bis zu 70 Prozent der üblichen Standgebühren.

Damit kommt aus den BKM-Schatullen ein stattlicher Betrag auf die einzelnen Messen zu, ob Art Cologne (im November) oder art KARLSRUHE (im Februar 2022), der seitens der Messe-Leitungen an die Galerien weitergegeben wird. Kompensiert werden damit die durch ausgefallene Veranstaltungen entgangenen Umsätze, und BKM und BVDG versprechen sich auch insofern eine Wiederbelebung des Kunstmesse-Geschäfts, als diese Vergünstigungen nicht nur deutschen Galerien und Kunsthandlungen zugutekommen sollen. Geplant ist vielmehr, dass zudem Teilnehmer aus dem Ausland, machen sie in Karlsruhe, Köln oder andernorts mit, einmalig von diesen Vergünstigungen profitieren. Denn Thole Rotermund beobachtet aufgrund der zahlreichen Beschränkungen und Schwierigkeiten im Reiseverkehr während der Pandemie ein massiv nachlassendes Interesse der weltweit agierenden Galerien, hierzulande an Kunstmessen teilzunehmen. Diese Kollegen seien gleichwohl für den deutschen Markt bedeutsam, weil sie eben dazu beitragen, das qualitative Niveau zu halten.

Dass die BVDG-Initiative in für alle erfolgreiche Bahnen gelenkt wurde, verdankt sich womöglich auch einem Ansatz, der aus der Beobachtung der bisherigen BKM-Galerien-Förderung entwickelt wurde. Schulze-Frieling von Utermann in Dortmund und Rotermund, Hamburg, sind nämlich beide als klassische Kunsthändler tätig – und somit nicht automatisch im Rahmen der ersten Corona-Hilfen aus den beiden »Neustart«-Milliarden-Töpfen berücksichtigt worden. Ihr Vorstoß mündete nun freilich in eine Situation, die zum Vorteil aller Aussteller ausfällt. Und schon jetzt lässt sich sagen, dass viele Galeristen erleichtert aufatmen werden, wenn sie ihre eigene Kosten-Rechnungen machen. Immerhin, so weiß man, kostet beispielsweise ein 80 Quadratmeter großer (Standard-) Stand auf der »Positions« in Berlin, diesmal im Hangar 5 und im Hangar 6, Flughafen Tempelhof, geplant, sage und schreibe rund 25 000 Euro (ohne Mehrwertsteuer). Abzüglich knapp 18 000 Euro – das macht sich zweifellos bemerkbar. Und so ist damit zu rechnen, dass sich soeben, quasi in allerletzter Minute, etliche weitere Galerien bei der Positions GmbH angemeldet haben.
Das Beispiel zeigt, wie wichtig es ist, dass einzelne Branchengruppen dafür sorgen, Interessensvertretungen zu haben. Es geht dabei in der Kultur nicht immer um gewerkschaftliches Engagement, es geht eben auch um Lobby-Arbeit der gezielten Art, um den guten Draht zur Regierung.

Der Bundesverband Deutscher Galerien und Kunsthändler (Vorsitzender: Kristian Jarmuschek, Geschäftsführerin: Birgit Maria Sturm) hat in den siebziger Jahren bereits die richtigen Weichen gestellt, war mit inzwischen verstorbenen Händlern wie Bogislav von Wentzel und, etwas später, Gerhard F. Reinz laufend auf dem parlamentarischen Parkett in Bonn unterwegs, und so konnte zugunsten des Kunsthandels vieles möglich gemacht werden, anderes verhindert.

Freilich gab es zwischen dem BVDG und dem vor über zwei Jahrzehnten ans Kanzleramt angedockten Kultur-Halbministerium BKM immer wieder einmal Differenzen (zuletzt wegen Kulturgutschutzgesetz), aber alles im allem gilt die Verbindung als stabil. Das hat freilich auch mit einem BVDG-Vorstand zu tun, der sich durch die Fähigkeit auszeichnet, souverän reagieren zu können. Der als Kunsthistoriker ausgebildete Thole Rotermund, Habitus Weltmann, könnte sich durchaus auch im diplomatischen Dienst der Bundesregierung behaupten, würde er nicht auf der anderen Seite stehen und die Interessen seiner Kollegen derart erfolgreich vertreten.

P.S.: Wie Jahr für Jahr üblich, Sie wissen es, so auch in diesem Sommer in Bezug auf die Erscheinungsweise dieses Branchenbriefes nun ausnahmsweise ein Drei-Wochen-Sprung. Die kommende Ausgabe Informationsdienst KUNST, Nummer 733, erscheint mithin am Donnerstag, 19. August.

In dieser Ausgabe: Allmählicher Direktionswechsel am Kunsthaus Zürich – von Christoph Becker zu Ann Demeester (Seite 2). Schnelle Diversifizierung am New Museum in New York – von Karen Wong zu Isolde Brielmaier (Seite 4). Selbst unter Druck gebracht: Dagmar Hirschfelder, die Neue an der Gemäldegalerie in Berlin (Seite 7). Im Zwielicht eigener Erfolgsstrategien: Eike Schmidt, der Haudegen an den Uffizien in Florenz (Seite 7). Baden-Württembergs Kunstministerin Theresia Bauer (Seite 10). Bundestagsabgeordnete Simone Barrientos (Seite 10). Senatsbaudirektorin Regula Lüscher (Seite 12). Geheimtipp, hoch geehrt: Gülsün Karamustafa in Zürich (Seite 14). Humboldt Forum und die ersten Ausstellungen (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 731 – Editorial

Informationsdienst KUNST 731

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Thema ist heikel, und so wundert man sich nicht, dass keine der beiden derzeit noch verantwortlichen Regierungsparteien aktiv wird. Von der FDP abgesehen, wo ihr kulturpolitischer Sprecher im Bundestag, Hartmut Ebbing, gelegentlich einsam daran erinnert, auch seitens der Opposition keine Signale, den strukturellen Irrsinn zu beenden. Es geht um die Tatsache, dass wir in Deutschland zweigleisig Kulturpolitik betreiben, als sei im Ausland eine SPD-Strategie umzusetzen, als sei im Inland ein CDU-Konzept die verbindliche Basis für eine andere Praxis. Absurd, ineffizient. Für die große Öffentlichkeit ist dieses Doppelsystem gleichwohl nicht allzu auffällig, weil die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien (BKM), Monika Grütters, dank ihrer Betriebsamkeit die im Auswärtigen Amt (AA) angesiedelte, nur selten auftauchende Kollegin, die Staatsministerin Michelle Müntefering (siehe ID 730, Editorial), quasi mit Volldampf omnipräsent überholt.

Nach der Bundestagswahl am 26. September wird das Kultur-Ressort zweifellos einmal mehr erst ganz am Ende der Verhandlungen zur Debatte stehen, denn im Zuge der Regierungsbildung spielte es noch niemals eine echte Rolle. Ein Anhängsel ans Kanzleramt, an die Kanzlerin oder den Kanzler. Dann ist es freilich zu spät, um über ein eigenständiges Kultur-Ministerium nachzudenken; das muss jetzt geschehen (siehe auch »Das Zitat«, Seite 25 dieser Ausgabe). Und Befürworter wird es durchaus in nahezu allen Parteien geben, denn während der Grütters-Amtszeit hat sich das Anhängsel tüchtig gemausert; es ist per gewachsener Zuständigkeiten, Etatmittel und Personalstab ein eigenständiges Unternehmen geworden. Es würde sich als Ministerium, ohne an ein anderes angedockt zu werden, vortrefflich behaupten können, wenn alle Abteilungen unter einem Dach in Berlin vereint würden (auch in Bonn gibt es derzeit noch BKM-Schreibtische), wenn man obendrein die besten Kultur-Leute aus dem Auswärtigen Amt integrieren würde (zum Beispiel Andreas Görgen, siehe ID 727, Titelstory).

Dass Handlungsbedarf besteht, lässt sich in diesen Tagen etwa an der Tatsache ablesen, dass Monika Grütters unter anderem für Venedig, Deutsches Studienzentrum, und für das Jahr 2022 etliche Stipendien vergeben darf (siehe auch Seite 14), dass aber andererseits der deutsche Biennale-Pavillon in Venedig außerhalb ihrer Direktive-Befugnis liegt. Traditionell dürfen die deutschen Außenminister, instruiert vom Institut für Auslandsbeziehungen, vor dem Pavillon über dies und das und die Kunst reden. Exakt 100 Jahre nach Gründung der Kulturabteilung des Auswärtigen Amtes, das selbst noch aus einer anderen politischen Ära stammt, stellt sich die Grundsatzfrage, ob Kultur nicht endlich von einem Ministerium aus begleitet und gefördert werden sollte. Am Exempel der aktuellen Kolonialismus-Debatte zeigt sich die Crux, dass Kultur als Instrument der Außenpolitik gewissermaßen untergeordnet und im Zuge diplomatischer Überlegungen auf ihren Waren-Charakter reduziert wird. Das muss anders werden.

Dabei geht es nicht um das Wiedererwärmen hinlänglich verhandelter, auch fragwürdiger Leitkultur-Gedanken. Es erscheint indes plausibel, dass das Kultur-Engagement einer Bundesregierung aus einem Guss kommen muss, dass es von einem Ministerium gestaltet wird. Klartext: Wenn die Deutsche Welle, die im Ausland wirkt, zur Zeit über die BKM finanziert und beaufsichtigt wird, dann gibt es keinen Grund, nicht auch die zahlreichen Goethe-Institute, die jetzt noch unter Regie des AA arbeiten, ans künftige Kulturministerium anzuschließen. Kräfte bündeln, um die richtigen Ideen zukunftsfähig zu machen, sie im Kontext eines erweiterten Kulturbegriffs global und wirksam umzusetzen, so sollte nun die Devise lauten. Eine kreative Herausforderung für die Sommerferien der Politiker, damit sie danach, wenn der Bundestagswahlkampf hochtourig einsetzt, auch endlich einmal ein Bekenntnis kulturpolitischer Art verbreiten können. Wissen wir doch alle, dass jede Vision und jeder Euro, die in die Kultur investiert werden, soziale Dramen verhindern, in der Folge auch zur Entlastung des Staatshaushaltes beitragen.

In dieser Ausgabe: Reichlich Farbe vom Orgien-Mysterien-Theatermacher Hermann Nitsch für Bayreuth (Seite 3). Deutliche Kritik vom Wissenschaftsrat für den Preußen-Kulturbesitz-Chef Hermann Parzinger in Berlin (Seite 4). Viel Gerangel um den Nachlass von Robert Indiana (Seite 6). Zufriedenstellende Bilanz der 40. ARCO in Madrid (Seite 9). Geht weg: Jasper Sharp, Wien (Seite 9). Keilt aus: Alexander Lukaschenko, Minsk (Seite 10). Im Rausch der Kunst: Kultursommer in Hamburg (Seite 12). Initiative zur Wiederbeschaffung der Juwelen aus Dresden: Robert Unger, Berlin (Seite 14). Orientierung im NFT-Hype: Alfred Weidinger, Linz (Seite 17). Künstlerische Promotion als Thema (Seite 20). Preis-Check: Norbert Schwontkowski (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 730 – Editorial

Informationsdienst KUNST 730

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  in den kommenden Wochen werden wir viele Entscheidungen und Äußerungen seitens der Politik mit großer Vorsicht zur Kenntnis nehmen müssen. Was beispielsweise jahrelang unter dem Schutzmantel der Koalition auf Bundesebene eher diskret verschwiegen oder allenfalls diplomatisch verbrämt geäußert wurde, bricht nun rücksichtslos durch und wird zunehmend aggressiver verwandelt und verhandelt. Wahlkampf eben. Kurz nach der Bundestagswahl am 26. September, wenn die nächste Regierung gebildet werden muss, dürfte es voraussichtlich nicht harmonischer zugehen. Bis sich die Parteien nämlich gefunden haben, die das Land nach der langen Merkel-Ära verantwortlich und gemeinsam in eine gewiss schwierige Zukunft führen wollen, wird es dauern. Ob monatelang, wie 2017/2018, das muss man sehen.

Aber unumgänglich scheint es, dass vorhandene Personal- und Ressortstrukturen im Kabinett nicht als unabdingbar hingenommen werden. Im Gegenteil. Bedenkenswert unter anderem, ob die Staatsministerinnen-Ebene nicht besser aufgelöst werden sollte. Eindampfen, fortan als ministerielle Abteilungen führen – oder echte Ministerien entstehen lassen. Weg von der Katzentisch-Nummer, von einer Haltung, die am Kabinettstisch dazu führt, dass dort etwa die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, gleichwohl CDU-Mitglied, schon froh sein darf, in ihrer Rolle als Staatsministerin (also quasi als halbe Ministerin) dabei sein zu dürfen.

Wirklich ernst genommen wird sie freilich nicht, weil die Kultur nur als Merkel-Anhängsel von den Vollministern gesehen wird. Dabei haben Zuständigkeitsbereich und Etatverantwortung von Staatsministerin Monika Grütters im Laufe der Jahre tüchtig zugelegt. Mithin: Von der nächsten Legislaturperiode an, egal, wer nach Grütters kommt, ein eigenes Ministerium für die Kultur – das ist verdient und überfällig.

Dagegen haben zwei andere Staatsministerinnen, nämlich Michelle Müntefering, SPD, und Dorothee Bär, CSU, in ihren Amtsstuben völlig versagt. Die Springer-Presse ließ es sich vor Tagen nicht nehmen, der allseits flott Doro genannten Digitalstaatsministerin per XXL-Headline anzukündigen: »Ihre Digitalisierungsbilanz schicken wir Ihnen lieber per Fax, Frau Bär«. Und Müntefering, um Gottes willen, das mussten wir schon im ID 720, Editorial, enttäuscht protokollieren, ist ein echter Totalausfall. Sie bewegt nichts, sie ist gar nicht präsent. Der ihr eigentlich unterstellte Andreas Görgen (siehe ID 727, Seite 4), Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation im Auswärtigen Amt, fungiert weithin sichtbar als Staatsminister, ohne es zu sein. Auf ihn kann sich Außenminister Heiko Maas wirklich verlassen.

Das Beispiel aus der Politik dient einer Überlegung, die jetzt, PPP, Post-Pandemie-Phase, allerorten ansteht – im Zuge einer oft auch durch äußere Umstände erzwungenen Neuorganisation. Strukturen zu verschlanken, andere zu stärken, das ist eine Aufgabe, die auch im Kunstbetrieb vonnöten ist. Immer wieder, aber nun in besonderem Maße, zumal der eine oder andere Personalwechsel in diesen Wochen und Monaten sowieso die Chance bietet, das institutionelle Organigramm anders auszurichten, passend zum sich aufdrängenden Paradigmen-Sprung etwa in den Museen.

Wenn Sammlungsleiter wegen fehlender Mittel keine Neuerwerbungen planen können, allenfalls die Lager ordnen und Raubkunst aussortieren dürfen, dann scheint die Zeit gekommen, ihre Tätigkeit auf den Prüfstand zu stellen. Wenn in einer kommunikativ sich rasant verändernden Welt die bewährten Zusammenspielregeln nicht mehr greifen, dann will auch im Bereich Pressearbeit/Marketing nachjustiert werden.

Zugegebenermaßen: Es klingt einfacher, als es ist. Denn kommunale und staatliche Museen leiden unter einer gewissen bürokratischen Verkrustung, wie sie das Beamtentum in der Nachkriegszeit eingeleitet hat. Während man aktuell per Luca-App ruck-zuck in jedes Berliner Restaurant kommt, muss man an den Eingängen der Staatlichen Museen zeitraubend seinen handschriftlichen Beitrag zur Zettelverwaltung hinterlassen.

Während in jedem privatwirtschaftlich geführten Unternehmen innerhalb kürzester Zeit beispielsweise Doppelbesetzungen abgeschafft würden, um ineffiziente Abläufe zu verhindern, leisten sich die öffentlichen Häuser den fragwürdigen Luxus, jahrelang zweigleisig zu fahren. Bis irgendwann und irgendwo das Pensionsalter erreicht ist und man beamtenrechtlich aus dem Schneider ist. Ein Glück also, dass Politikerlaufbahnen von Legislaturperioden abhängig sind. Der 26.9. ist vorgemerkt.

In dieser Ausgabe: Das Centre Pompidou und seine Satelliten-Strategie (Seite 4). Das Städel Museum und sein Bilanzgewinn (Seite 6). Sechs Millionen Franken Steuernachzahlung: Urs Schwarzenbach (Seite 7). Gelungener Erweiterungsbau für das Kunsthaus Zürich: David Chipperfield (Seite 9). US-Regierung nimmt Geldwäscher ins Visier (Seite 10). Frauen bei Stellenbesetzungen bevorzugt (Seite 12). Wiens neue Messe »Spark« verbucht ersten Erfolg (Seite 13). Neuer Optimismus: Museen in der Post-Pandemie-Phase (Seite 16). Altes Problem: Versagen der Kunstkritik (Seite 17). Aus für »Afrika«-Kekse (Seite 20). Bismarck-Denkmal auf dem Prüfstand (Seite 20). Preis-Check: Nobuyoshi Araki (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 729 – Editorial

Informationsdienst KUNST 729

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  es liegt was in der Luft. Aber was? Tasten wir uns behutsam heran. Auf der Titelseite der Kulturrat-Zeitung »Politik & Kultur«, Juni-Ausgabe, steht die Headline »Bsss, bsss – Die kulturelle Welt der Insekten«, und dann folgen sage und schreibe 16 Seiten über Ameisen, Bienen, Libellen und Schmetterlinge. Während Mitherausgeber Theo Geißler zunächst durchaus Bedenken gegen das artfremde Schwerpunkt-Thema angemeldet hatte (»in einer langen lautstarken Diskussionsnacht«), legte Olaf Zimmermann am 4. Juni in seinem Newsletter beherzt nach. »Wie schafft es die Wespe, ihr Opfer, eine Käferlarve, mit einem Stich zu lähmen, aber nicht zu töten«, so fragte sich der Kulturrat-Geschäftsführer offenbar schon in seiner Kindheit, wie im »Kulturpolitischen Wochenreport« zu lesen.

Natürlich ist man geneigt, seine Naturkunde im Kontext kulturpolitischer Entwicklungen sehen zu wollen. Doch wer, bsss, bsss, die Dolchwespe sein könnte, wer die Käferlarve, das bleibt offen; es wird gar nicht erörtert. Hobby-Entomologe und Kulturpolitik-Chefredakteur Zimmermann schwelgt in der Bewunderung und zugleich in der Sorge um den schrumpfenden Bestand der von ihm in jeder freien Minute fotografierten Tiere. Das Ausschwärmen in andere Gefilde, gleichwohl einer wie er, der Olaf, wirklich reichlich Stoff im angestammten Metier finden müsste, lässt eine Ahnung keimen. Sollten die zurückliegenden, ungeheuer belastenden Pandemie-Monate selbst bei den Profis der Branche zu einer Neuorientierung geführt haben? Ist der vielzitierte Neustart ohne weiteres gar nicht möglich, weil der Lockdown in der Kulturszene eine nachhaltige Blockade verursachte?

Im noch spärlich vorhandenen Licht am Ende des Tunnels, jener holprigen Wegstrecke überforderter Politiker ohne echte Risk-Manager-Fähigkeiten, erblickt man mehr schwankende, zweifelnde Gestalten als hoffnungsvoll zupackende. Alle eigenartig unsicher, teils hilflos. Alles wattiert, luftgepolstert, als müsse nach dem Sommer 2021 auch noch mit einem vierten Lockdown gerechnet werden. Schon hört man von Planungen, die um ein weiteres Jahr verschoben werden, sicher ist sicher. Schon sieht man Kreative und Vermittler in den ohnehin längst überfüllten Praxen der Psychotherapeuten sitzen, um professionelle Hilfe bittend. Im Jahr 2020, so bilanzierte kürzlich die Deutsche Psychotherapeuten-Vereinigung, seien 40 Prozent mehr Anfragen registriert worden als im Vorjahr. Ein Wunder, wenn beispielsweise Künstler kriminalisiert werden, weil sie korrekt sein wollten und zu viel kassierte staatliche Hilfen zurückzahlten (siehe Seite 13)?

Summa summarum: Auch wenn man inzwischen mal wieder ein Bierchen mit Freunden aus mehreren Haushalten trinken kann, sich gemeinsam einen hinter die Maske gießen darf, ist die Laune in der Kunstszene nicht wirklich gut. Eine Art Katerstimmung, ohne zuvor den kollektiven Exzess erlebt zu haben. Gedämpfte Atmosphäre. Vom Lockdown zum Slowdown. Fraglich, ob alle und alles wieder auf die Schiene kommen, ob der Kunstbetrieb irgendwann wieder wie geschmiert läuft. Oder, das wäre ja eine attraktive Alternative: Ob sich die weitläufige Familie zwar verkleinert, weil manche Mitglieder umsatteln, doch der sogenannte harte Kern in eine neue Zeit aufbricht, in die Post-Pandemie-Ära. Diese Variante, so scheint es, wird sich freilich nur behaupten, wenn der Branche mehr einfällt als Tag für Tag den ohnehin schon überbordenden Online-Wahnsinn zu steigern.

In dieser medial bedingten Flüchtigkeit ist das, was Kunst bislang ausmachte, sowieso nicht wirklich wahrzunehmen. Wenn Digitalangebote ergänzend eingesetzt werden, mögen sie sinnvoll sein. Wenn aber die direkte Konfrontation mit Mensch und Werk sowie eben die sinnliche, auch haptische Erfahrung verloren gehen, wird die bereits reduzierte Generation von Sammlern alter Schule bald komplett abgetaucht sein. Etliche Galeristen klagten ja schon vor Corona, dass der vertraute Sammler-Kreis gesättigt sei, dass es auch an überzeugender Ware fehle. Nun gilt es, die Millennials für die Kunst zu begeistern. Doch was jenen Menschen vermitteln, die in den Achtzigern und Neunzigern aufgewachsen sind, die in den Lagern und Lofts ihrer Eltern das finden, was früher angesagt war – von Baselitz über Knoebel bis Richter? Suchen die Youngster, Stichwort Paradigmenwechsel, jetzt tatsächlich Blendwerke wie jene NFTs, Datensätze, die bis zu atemberaubenden 70 Millionen Dollar bringen können? Geht’s ihnen überhaupt noch um Kunst? Wollen sie wirklich an Computerspielen teilnehmen, sich als Avatar geben und dabei echtes Geld investieren, womöglich am Finanzamt vorbei? Kryptosammler, Kryptokollektionen. Oder warten sie, bsss, bsss, zunächst mal darauf, von Zimmermanns Dolchwespen gestochen zu werden? Wenigstens ein reales Erlebnis.

In dieser Ausgabe: Note 1 für Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 2). Bekenntnis zum analogen Katalog: Robert Ketterer, Auktionator in München (Seite 3). Förderung per »Pass Culture«: Emmanuel Macron, Paris (Seite 4). Warum Wladimir Putin ausgeladen werden sollte (Seite 6). Wie Mathias Döpfner bei den Frauen punkten will (Seite 7). Samsung und die Kunst (Seite 8). Seoul und der Kunstmarkt (Seite 9). Louvre und Internet (Seite 10). Luft nach oben: Galerieplattform_DE (Seite 12). Druck von oben: Betrugsvorwurf gegen Künstler (Seite 13). Neubau für die Kunstakademie Düsseldorf (Seite 17). Strategie für die Kunst im öffentlichen Leipziger Raum (Seite 20). Preis-Check: Pia Fries (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 728 – Editorial

Informationsdienst KUNST 728

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  »zuerst die Inhalte«, so tönen allenthalben Politiker aller Couleur, fragt man sie nach Personalien. Posten-Schacher angeblich später. Das war schon immer so. Dabei sind beispielsweise die Regierenden in spe oder die potentiellen Verantwortungsträger der kommenden Legislaturperiode längst damit beschäftigt, in den Hinterzimmern auszuklügeln, welche Abgeordneten für welche Position infrage kommen könnten, wer gar das Zeug mitbringt, ein Ministeramt zu übernehmen.

Im Kopf-an-Kopf-Rennen mit den Grünen geht es auch in der Christen-Union um die Frage, welche Strategie im Bundestagswahlkampf zum Erfolg führen könnte, wie man die Klientel von CDU und CSU überzeugt, wie man neue Stimmen akquiriert. Hört man sich in CDU-Kreisen um, dann tauchen immer wieder die Stichworte Verjüngung und Frauenquote auf. Kanzlerkandidat Armin Laschet, kürzlich 60 Jahre alt geworden, setze gedanklich sehr auf jüngere, weibliche Parteimitglieder, heißt es. Sollte er, vor allem im Schulterschluss mit Friedrich Merz, die nächste Bundesregierung bilden dürfen, dann kämen Politikerinnen wie Silvia Breher (Jahrgang 1973), Tanja Gönner (1969), Serap Güler (1980) und Nadine Schön (1983) in Betracht, ein Ministerinnenamt zu übernehmen.

Das Quartett, teils schon mit Regierungserfahrung auf Länderebene unterwegs, kann vielseitig punkten. Voraussichtlich allemal in Laschets Wahlkampf-Team, das der CDU-Chef demnächst vollmundig als »Zukunftsteam« präsentieren wird. Die Bundestagsabgeordnete Schön könnte beispielsweise als Digitalisierungsgenie vorgestellt werden, und die fähige NRW-Staatssekretärin Güler wäre auch auf Bundesebene für Themen wie Integration und Familie denkbar. Keine der hinter vorgehaltener Hand genannten Favoritinnen bringt allerdings Kultur-Kompetenz mit. Aber das Ressort, ob ans Kanzleramt angedockt wie bislang oder als eigenständiges Ministerium geführt, könnte schließlich durchaus auch wieder einmal von einem Mann geführt werden. Indes: Fehlanzeige in der CDU, niemand zu sehen.

Aber es kursieren seit wenigen Tagen in der Partei die Namen von zwei Frauen, denen man die Aufgabe zutraut, über die übliche Mittelvergabe hinaus auch kulturpolitische Perspektiven zu entwickeln und sie im parlamentarischen Alltag umzusetzen. Es handelt sich um Melanie Bernstein, Jahrgang 1976, die von Mitte der Neunziger bis 2001 an der Leuphana Universität in Lüneburg Angewandte Kulturwissenschaften studierte. Die CDU-Bundestagsabgeordnete mit Magister-Abschluss sitzt im Vorstand der Kulturpolitischen Gesellschaft und agiert unter anderem als stellvertretende Vorsitzende der AG Kultur und Medien in der CDU/CSU-Fraktion.

Auch ihre Kollegin Yvonne Magwas, Jahrgang 1979, schon eine Legislaturperiode länger im Bundestag vertreten, hält sich als mögliche Kulturministerin oder als Beauftragte mit Staatsministerinnen-Rang in der Gerüchteküche. Ihr Lebenspartner, Marco Wanderwitz, derzeit Staatssekretär bei Peter Altmaier, gehört selbst zu den Christdemokraten, die im Team Laschet eine Rolle spielen könnten, auch wegen seiner Verbindungen in den sogenannten neuen Bundesländern. Yvonne Magwas, Diplom-Soziologin, bringt Erfahrungen aus dem Kultur- und Medienausschuss des Deutschen Bundestages mit.

Ob schließlich Bernstein oder Magwas oder gar Laschets parteilose Aachen-Verbündete Isabel Pfeiffer-Poensgen (siehe ID 726, Seite 5, und Seite 5 dieser Ausgabe) zum Zuge kommen könnte, ist so offen wie die Haltung der Grünen in Sachen Kulturpolitik. Die Branchenbrief-Anfrage vom 9. Mai ist zum Redaktionsschluss dieser Ausgabe immer noch unbeantwortet. Während die Aufsteiger-Partei in ihrem jüngsten Parteiprogramm kurz das Vorhersehbare publizierte, darunter Erinnerungskultur und Geschlechtergerechtigkeit, als hätte man von der CDU abgeschrieben, müssen sich die Christdemokraten dringend mehr einfallen lassen. Zuerst die Inhalte, siehe oben. Eine zeitgemäße Verortung der Kultur in einem sich stetig wandelnden gesellschaftlichen Kontext ist vonnöten. Kultur bietet mehr Chancen für die Politik, als gönnerhaft sich selbst und einen wohlfahrtsorientierten Stil zu inszenieren, wie das aktuell praktiziert wird.

In dieser Ausgabe: Fünf Millionen für Einbruchs- und Diebstahlschutz in Museen (Seite 2). Ein schwacher deutscher Auftritt auf der Architekturbiennale Venedig (Seite 4). Berlin: Christina Haak und fehlende finanzielle Polster (Seite 7). New York: David Zwirner als »Wolf im Schafspelz« (Seite 8). Paris: Laurence des Cars als erste Louvre-Direktorin (Seite 10). Sotheby’s trumpft in Köln auf (Seite 10). Stiftung Preußischer Kulturbesitz muss sich »grobe Verletzung der Anzeigepflicht« in Berlin vorwerfen lassen (Seite 15). Städelschule in Frankfurt verabschiedet die Architekturklasse (Seite 17). Plauderei im Humboldt Forum: Comedy und Rassismus (Seite 18). Konzertierte Aktion in Bremen: Geruch und Kunst (Seite 20). Preis-Check: Manfred Pernice (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 727 – Editorial

Informationsdienst KUNST 727

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  der Deutsche Kulturrat war es, der früh davon erfuhr, der unverzüglich Öffentlichkeit herstellte. Dachte man einst, vor Corona, dass es sich um bedauerliche Einzelfälle handelt, wenn ein Künstler aus der Künstlersozialkasse flog (weil er nicht genug verdiente), dass das soziale Auffangnetz immer noch allzu große Löcher hat, war man zuletzt nur empört – über einen dilettantisch regierten Staat, der in dieser Krisenzeit ungeheuer viel falsch macht. Das vormalige, knapp vier Jahrzehnte alte Erfolgsmodell Künstlersozialkasse (KSK) schrumpfte nämlich zu einer achtlos geführten, stupid-bürokratischen Einrichtung, die es den ohnehin benachteiligten Kulturschaffenden unnötig schwer macht.

Fakt ist: Künstler, die Eigen-Initiative ergreifen, irgendwo einen Job annehmen, ob bei der Kontaktnachverfolgung, im Lieferservice oder im Impfdienst, werden bestraft. Sie verlieren ihren Versicherungsanspruch, wenn sie auf diese Weise mehr als 450 Euro (!) im Monat einnehmen. Das ist grotesk, lächerlich, wie manche andere Entwicklung im Zuge der Pandemie (denken wir nur an die aktuelle, unverschämte Stellen-Aufrüstung in etlichen Bundesministerien, Abschiedsgeschenke an verdiente Mitarbeiter, kurz vor der Wahl im September).

Sogar Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zeigte vor Tagen, als er die 75. Ruhrfestspiele vom Schloss Bellevue aus digital eröffnete, keinerlei Verständnis für diese politisch rückengedeckte Regelung der KSK in Wilhelmshaven. Es sei doch verdienstvoll, wenn Kreative versuchen würden, ihr Überleben auch durch nichtkünstlerische Tätigkeit zu sichern, so Steinmeier. Auf den Punkt gebracht.

In dieser Situation unternimmt zum Glück ein anderer Sozialdemokrat einen Versuch, in letzter Minute zu retten, was dringend der Korrektur bedarf. Arbeitsminister Hubertus Heil ist es, der sich eingeschaltet hat und den Versicherungsschutz der Künstler jetzt verbessern will, der aktuellen Krise geschuldet. Bis Ende 2021, so hört man, soll es den in der Künstlersozialkasse Versicherten nun erlaubt sein, außerhalb ihrer üblichen künstlerischen Tätigkeit bis zu 1 300 Euro (brutto) pro Monat zu verdienen. Ohne vom Rauswurf aus der KSK bedroht zu werden. Endlich mal eine gute Nachricht. Eine halbwegs gute. Bis Ende 2022 wäre angemessen.

In dieser Ausgabe: Der Sammler Uli Sigg muss in Hongkong mit Zensur rechnen (Seite 2). Der Sammler François Pinault darf in Paris auch Pädagoge sein (Seite 3). Der Galerist David Zwirner glänzte auf der Frieze in New York (Seite 5). Kostenpflichtiger COVID-19-Testnachweis als Todesstoß für niederländische Museen (Seite 7). Fünf Künstlerkollektive als Kritiker für britische Turner-Prize-Politik (Seite 8). Sotheby’s und die Frauen (Seite 10). Museumsinsel und ein Flussbad (Seite 11). documenta und der Humor (Seite 14). Nebulös: Kulturbranche-Sonderfonds (Seite 14). DZ BANK als Sammler und Stifter (Seite 18). Berliner Kunstvereine als Finanzierungsfälle (Seite 21). Preis-Check: Sofia Hultén (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 726 – Editorial

Informationsdienst KUNST 726

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  es ist bekannt, dass Berlins Kultursenator Klaus Lederer, Frontmann der Linken in der Hauptstadt, kein wirklicher Freund der bildenden Kunst ist. Mietendeckel und Enteignung, Soziokultur und Clubförderung – das sind seine Themen, zumal am 26. September die Doppelwahl Bund/ Land ansteht und die linke Klientel bedient werden will. Weniger bekannt ist, dass Berlins Regierender, Michael Müller, SPD, der im kommenden Bundestag sitzen wird und folglich das rote Rathaus verlassen möchte, in aller Stille dort unterwegs ist, wo man Lederer erwarten würde.

Klartext: Nicht Lederer, der tagelang angeblich keine Zeit hatte, sondern Müller war es, der sich in der zweiten April-Hälfte mit dem Duisburger Museumsdirektor und Bonner Stiftungschef Walter Smerling auf Tempelhof traf, wo der international agierende Impresario und Promoter die Großausstellung »Diversity United« einrichtete. Dabei flammte ein Gedanke auf, der schon seit Jahrzehnten in der Berliner Luft liegt, ohne von irgendjemandem mit Langzeitwirkung aufgegriffen worden zu sein. Smerling, der (unterstützt von einer stattlichen Sponsoren-Gemeinde) für sein einzigartiges Berlin-Moskau-Paris-Projekt im Hangar 2 und im Hangar 3 auf insgesamt rund 8 000 Quadratmetern Hallenfläche eine beeindruckende, stabile Ausstellungsarchitektur bauen ließ, gab den Impuls, dort dauerhaft eine Kunsthalle einzurichten.

Dass sich Michael Müller nicht abwehrend verhielt, sondern aufgeschlossen, war nicht nur der Tatsache geschuldet, dass er selbst bald primär keine Landespolitik mehr macht. Müller kennt das Raum-Manko in Sachen Gegenwartskunst zur Genüge – zumal sich auf Bundesebene scheinbar nichts tut, gleichwohl seit langem bekannt ist, dass die Rieckhallen am Hamburger Bahnhof abgerissen und somit Tausende von Quadratmetern für das Zeitgenössische fehlen werden. Und: Müller weiß, dass die Hauptstadt mehr bieten muss, wenn sie nach Corona wieder für den weltweiten Tourismus interessant sein will. Dass Walter Smerling ausgerechnet den Begriff Kunsthalle wählte, um seinen Nutzungsvorschlag in die politische Debatte zu werfen, kommt nicht von ungefähr. Bekanntlich gab es von 1978 bis 1994 in Berlin die Staatliche Kunsthalle, die nach ihrer Schließung eine Reihe von Forderungen und temporären Initiativen auslöste, allesamt freilich weder mit Nachdruck noch mit Ausdauer versehen.

Dass »Diversity United«, diese bis Ende August vorgesehene und auch mit Unterstützung aus dem Auswärtigen Amt realisierte, überaus aktuelle Themen-Schau (mit 90 Künstlern aus 30 Ländern), einen großen Zulauf haben wird, ist jetzt schon klar. Allein die prominente Künstlerliste, versetzt mit noch zu entdeckenden Positionen, garantiert es, und der Hunger nach Kunst ist in diesen Pandemiezeiten ohnehin so ausgeprägt wie selten zuvor. Dass »Diversity United« und Walter Smerling zudem im absolut richtigen Moment eine Anregung geben, die sich Berlin nicht entgehen lassen darf, ist seit einem ersten Rundgang durch die beiden Hangars ebenfalls plausibel (zumal die solide gebaute Ausstellungsarchitektur gewiss übernommen werden könnte).

Denn die zuständige Tempelhof Projekt GmbH beschäftigt sich augenblicklich intensiv mit der künftigen Nutzung, ob als Technik- und Flugzeugmuseum, als Digital- und Kommunikationszentrum und/oder als Film- und Fernsehproduktionsstätte. Warum also nicht einen Teil als Kunsthalle nutzen, als Spielstätte für Gegenwartskunst? Warum sich nicht mit dem agilen »Diversity United«-Macher zusammentun – und sein Motto, »positive Signale in die Gesellschaft schicken, Zeichen von Hoffnung und Zuversicht«, kurzerhand umsetzen? Dass er was kann, dass er die besten Künstler und Kuratoren sowie die engagiertesten Beiräte und Sponsoren begeistern kann, obendrein für vielseitigen politischen Beistand zu sorgen versteht, das beweist er im Rahmen von »Diversity United«. Eine Chance für Berlin. Zugreifen!

In dieser Ausgabe: Wo Markus Lüpertz erstmals den Regisseur gibt (Seite 4). Wie sich Monika Grütters bei Parteifreunden unbeliebt macht (Seite 5). Was Cecilia Alemani in Venedig plant (Seite 8). Gallery Climate Coalition auch in Berlin (Seite 8). Serpentine Galleries ohne Sackler (Seite 10). Online-Kulturdialog mit Angela Merkel (Seite 11). Grandios: Neue Nationalgalerie (Seite 12). Einfallsreich: Bezahlmodelle der Museen (Seite 14). Ungeklärt: Kunstraub in Boston (Seite 16). Der Rausschmiss von Roland Nachtigäller (Seite 18). Der Duft von Rosemarie Trockel (Seite 20). Der Aufstieg von Lilli Hollein (Seite 21). Preis-Check: Oswald Oberhuber (Seite 21). »arte«-Doku: Ernst Ludwig Kirchner (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 725 – Editorial

Informationsdienst KUNST 725

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser,  darf ich die Anrede weiterhin so schreiben? Es geht bei dieser Frage natürlich nicht um die »Liebe«, davon kann man bekanntlich niemals genug bekommen. Es geht um den »Leser«, um das generische Maskulinum, mit dem man sich als alter, weißer Mann leicht in den Fettnapf setzen kann. Überall sehe ich mittlerweile Gendersternchen oder Sonderzeichen, jene Doppelpunkte und Schrägstriche, auch irritierende Unterstriche und befremdliche Pausen vor der »innen«-Nachsilbe (oder Binnen-I, mithin »LeserInnen«) – und wundere mich, dass bislang nicht eine einzige Leserin oder ein einziger Leser dieses Branchenbriefes Informationsdienst KUNST interveniert hat, weil ich konsequent, seit 30 Jahren, »Liebe Leser« schreibe.

Natürlich sind wir unter uns, und natürlich kenne ich viele Abonnentinnen persönlich, allesamt Frauen, die genau wissen, wer sie sind, was sie wollen, worauf es im Leben und in der Kunst ankommt. Vielleicht ist das die Erklärung, dass sich in diesen m/w/d-Zeiten niemand über meine vermeintliche Ignoranz aufregt, den Editorial-Einstieg schlank und konventionell zu halten. Vielleicht ist es aber auch schlichtweg so, dass Sie alle ebenfalls jenen Sprach- und Schönheitssinn pflegen, der mich hindert, draufloszugendern und Worte zu verhunzen. Meines Erachtens ist es völlig absurd, per umständlicher Genderschreibweisen oder redundanter Doppelungen (»liebe Leserinnen, liebe Leser«) zu glauben, so könne eine gerechtere Welt entstehen.

Dass Gleichberechtigung von Männern und Frauen für alle, die für den Informationsdienst KUNST arbeiten, selbstverständlich ist, dokumentieren wir gemeinsam, Ausgabe für Ausgabe. Kollektives Anliegen von Chefredaktion, männlich, und Redaktion, überwiegend weiblich, vier zu eins. Ich habe gerade mal nachgezählt, dass wir 2020 wie üblich 25 Branchenbrief-Ausgaben verbreitet haben. Das bedeutet: 25 Titelfotos, auf denen insgesamt 29 Menschen zu sehen waren, nämlich 15 Frauen und 14 Männer. Ausgewogener kann’s doch kaum zugehen.

Auf Kosten der Sprache (inklusive sämtlicher grammatikalischer Verrenkungen) zu versuchen, die traditionsreiche Benachteiligung von Frauen im gesellschaftlichen Alltag wiedergutzumachen, ist nach meiner Einschätzung ein Irrtum, der von Feministinnen eigentlich angeprangert werden müsste. Denn ist es nicht so, dass die sogenannte gendergerechte Sprache ihre Schattenseiten zeigt, wenn man sie genau untersucht? Ergo: Wird Frau nicht auf ihr Geschlecht reduziert, wenn das übereifrige Sichtbarmachen des Weiblichen in der Sprache nun zu einer umstrittenen und für manche Verfechter:innen notwendigen, gar dominanten Identitätskategorie erhoben wird?

»Wer aus meinem ‚Schriftsteller‘ eine ‚Schriftstellerin‘ macht«, so hat sich die in Berlin geborene, jüdische Literatin Nele Rahel Pollatschek, Jahrgang 1988, kürzlich beklagt, »kann auch gleich ‚Vagina‘ rufen«: Sie wisse, was Diskriminierung sei, aber Gendern sei keine Lösung. Sexistisch empfinde sie es. In der bildenden Kunst gibt es hinlänglich Künstlerinnen, die sich nicht als fein ziselierende Sprachpolizistinnen aufspielen mögen, die nix auf die Goldwaage legen, sondern das Anliegen der Frauen lieber raumgreifend sichtbar machen. Ich denke zum Beispiel an Monica Bonvicini, 1965, Venedig, die den Macho Man permanent auf den Prüfstand stellt.

Summa summarum: Wenn sich jetzt Ihrerseits, liebe Leser, kein Widerstand regt, der mich in der Sache überzeugt und zur Umkehr verleitet, dann bleibt es bei »Liebe Leser« – und Sie wissen, dass ich damit Sie alle meine, ob weiblich, männlich oder divers, ob Feminist:in oder Chauvinist:in. Einer der renommiertesten Meister der Konkreten Poesie, Heinz Gappmayr, ist zwar tot, doch etliche der Sprachkünstler leben, darunter Robert Barry, Jochen Gerz, Eugen Gomringer, Jenny Holzer, Barbara Kruger, Franz Mon, Gerhard Rühm und Lawrence Weiner. Könnten sie nicht mal mit den Mitteln der Kunst zeigen, wie Gendersternchen tanzen und sich dann verdünnisieren? Ohne weitere Debatte.

In dieser Ausgabe: Das Wagnis Architektur-Biennale, Venedig (Seite 5). Das Problem Benin-Bronzen, Berlin (Seite 7). Humboldt Forum und Mikroaggressionen (Seite 8). Sotheby’s und Gebotsfehler (Seite 10). Antoine Vitkine und ein Finger in der Leonardo-Wunde (Seite 10). Ann Freeman und der Untergang der Knoedler Galerie (Seite 13). Relativ gut durch die Krise: Kunstvereine (Seite 13). Fair und nachvollziehbar: Leitlinie Ausstellungsvergütungen (Seite 15). Rosemarie Trockel und die neue Kollektion von Bottega Veneta (Seite 17). Sebastian Brünger und das Klima-Pilotprojekt der Bundes-Kulturstiftung (Seite 18). Lynn Goldsmith und der Copyright-Prozess wegen Andy Warhol (Seite 20). Preis-Check: Daniel Knorr (Seite 21). Impressum (Seite 25).