Informationsdienst KUNST, Editorials

Informationsdienst KUNST 633 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 633

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in Athen eine Begegnung der anderen Art: Eine Stunde zu früh kamen meine Frau und ich ins Archäologische Museum in Piräus, wo eine nicht weiter erwähnenswerte Performance von Pierre Bal-Blanc (Kurator) und Kostas Tsioukas (Choreographie) stattfand, Motive von d 14-Künstlern wie Anna Halprin, Maria Hassabi und Artur Zmijewski aufgreifend. Es entwickelte sich im ansonsten menschenleeren Haus ein Gespräch mit einer älteren Mitarbeiterin, die nach eigenen Angaben für Kasse, Aufsicht, Führungen und Toilettenreinigung zuständig ist, ein Gespräch, das mir nicht mehr aus dem Kopf ging, das mich mehr berührte als diese halbgare documenta selbst.

Denn die weißhaarige Allzweckkraft, der man ansah, dass sie sich große Mühe gab, kultiviert aufzutreten, mehr Dame als Magd, schien mit ihren Nerven am Ende zu sein. Seit sage und schreibe drei Monaten wartet sie auf ihr Gehalt, und das liegt ohnehin so niedrig, dass die Mädels, die später im documenta-Auftrag auftauchten, im Vergleich fürstlich honoriert wurden: 5,62 Euro, brutto. Zwar wusste ich, dass es hinter den documenta-Kulissen einen Riesenkrach um die Bezahlung der 200 Aufsichtskräfte in Griechenland gegeben hatte (die documenta soll neun Euro versprochen haben, aber die zwischengeschaltete Leiharbeitsfirma mochte nur jene knapp sechs Euro genehmigen), doch dass in Athen eine Museumsfrau nur die Hälfte davon verdienen könnte, nein, das war nicht zu erwarten.

Was sie mit jenem Drei-Euro-Stundenlohn alles zu finanzieren habe, von der Miete bis zu den Medikamenten, rechnete sie uns vor, und ich spürte in diesem Moment, wie in mir eine unbändige Wut hochkochte – über eine documenta, die sich gerade auch in Athen so anspruchsvoll gibt, so sozial, so politisch korrekt, über eine documenta, die letztlich im Vakuum ihrer Theorie-Geburten vertrocknet. Wie kann man in ein Land gehen, auch noch »von Athen lernen« wollen – und dann jede Gelegenheit nutzen, Finanzkapitalismus anzuprangern, wenn man es in der Praxis selbst nicht schafft, im direkten Umfeld der vorübergehend genutzten Spielstätten für reine Verhältnisse zu sorgen, diese Widersprüche wenigstens zu thematisieren?

Ist es nicht empörend, dass all das, was documenta-Chef Adam Szymczyk global kritisiert, wo seine Künstler als Illustratoren herhalten müssen, nun im verkleinerten Maßstab auf der Institutionsebene documenta selbst stattfindet? Ein Beispiel: Als wir in den letzten Tagen der am 16. Juli dichtgemachten Ausstellung durch Athen fuhren, um noch möglichst viele der insgesamt 47 Orte zu sehen, hatten wir den Eindruck, dass manche Häuser in einer Art Eroberungswahn auf die Liste genommen wurden, um möglichst noch mehr Museen und andere Institutionen mit dem d 14-Logo markieren zu können als in Kassel, wo es 32 Stationen sind.

Mein Kolonialismus-Vorwurf kommt nicht von ungefähr: Etliche der angegebenen Orte waren nicht mehr in Betrieb, manche von Anfang an mit »by appointment« ausgewiesen, und dann gab es kuriose Ein-Vitrinen-Beiträge, wo man aufgrund der Größe der Museen von der documenta etwas Bedeutsames erwartet hätte. Hauptsache offenbar: documenta-Fahne aufpflanzen. Eine Besetzungsstrategie, so schien mir. Man könnte leicht weitermachen mit jenem Verriss, weil Athen – wie schon Kassel – voller Inszenierungsfehler steckt (oftmals sind die störenden Wanduhren, Gebotsschilder und Alarmleuchten besser platziert als die Kunstwerke). Aber man kann es sich sparen, weil Szymczyk womöglich längst selbst kapiert hat, dass er diese documenta an beiden Orten nachhaltig vergeigt hat.

Nach dem Motto »Von Athen lernen« sah ich den zusätzlichen Aufkleber »Arbeitstitel«, später dann auch noch im »Reader« den aufschlussreichen, von Rücknahme zeugenden Modifizierungstitel »Von Athen aus lernen«. Das ist natürlich etwas völlig anderes – und gibt berechtigte Hoffnung, dass die nächsten Findungskommissare, von Athen, Kassel oder sonst wo aus, mehr Gespür zeigen, wenn sie den Leiter oder die Leiterin der d 15, 2022, auswählen dürfen. Auf Szymczyk-Niveau wird man keine 34 Millionen mehr in den Sand setzen können.

In dieser Ausgabe:  Keine politischen Parolen auf der Sinopale, der Biennale in der Türkei (Seite 5). Keine Angst vor dem Kommerz: Julia Peyton-Jones nun für Thaddaeus Ropac tätig (Seite 7). Rosemarie Trockel als Raumgestalterin (Seite 8). Er will die Villa Massimo in Rom verschlanken: Joachim Blüher (Seite 9). Bewegung in Kassel – unter anderem dank erneuter Kulturhauptstadt-Bewerbung (Seite 11). Wahlkampf à la Monika Grütters (Seite 17). Markt-Check: Miriam Cahn (Seite 18). Im Sog der G20-Randale betrachtet: Anne Imhof und Susanne Pfeffer (Seite 20). Neues Domizil für das Käthe-Kollwitz-Museum in Berlin gesucht (Seite 21). Würth sei Dank – ein neues Forum in Künzelsau (Seite 24). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 632 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 632

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die zurückliegenden Wochen haben uns alle enorm gefordert. Die ganze Branche war unterwegs, im Stress, weil es so viele Großausstellungen und andere Ereignisse gab, die wahrgenommen werden mussten. Pflichtprogramm eben. Dieser Kunstsommer, überbordend mit Terminen gefüllt, hat freilich auch seine guten Seiten. Durch die vielen notwendigen Reisen kann man wieder einmal tief inhalieren, wie streng der Kunstbetrieb riecht. Ja, ich will es nicht verschweigen: Aus meiner Sicht liegt mittlerweile ein gewisser Hautgout in der Luft, weil die Kunstfamilie im Laufe der Jahre immer größer und leider auch immer feindseliger wurde. Tagtäglich landen Informationen auf meinem Bildschirm, oft vertraulicher Art, die davon zeugen, dass sich die Protagonisten nicht grün sind, dass teils mit harten Bandagen gekämpft wird. Auch der Anteil der perfiden Aktionen nimmt meines Erachtens tüchtig zu. Was da hinterrücks alles kolportiert wird – erschreckend.

Natürlich gab es auch vor Jahrzehnten manche Animositäten unter Kollegen, wo beispielsweise Händler um Privatsammler oder Museumsdirektoren wetteiferten. Doch schnell waren die Konflikte erkannt und dann auch ausgeräumt, weil alle bemüht waren, letztlich einträchtig für die gemeinsame Sache, die Kunst eben, tätig zu sein. Von dieser verbindenden Leidenschaft ist so viel nicht mehr zu spüren. Mir kommt es mitunter vor, als sei eine Horde halbseidener Autoverkäufer auf der documenta, der Biennale oder dieser oder jener Messe im Akquise-Einsatz. In der Unübersichtlichkeit der Szene, die zunehmend von forsch aufgesprungenen Trittbrettfahrern beherrscht wird, geht die einst mühsam erarbeitete Transparenz völlig verloren – und damit notgedrungen auch ein wesentlicher Teil der Branchen-Usancen. Kleines Beispiel: Auf Messen war es mal üblich, dass alle ausgestellten Werke mit Preisschildern versehen wurden. Heute wird gerne darauf verzichtet, und jeder weiß, warum das so ist.

Im Sog einer dubiosen Preis- und Rabattpolitik, die nach Gutdünken oder Sammlernase entsteht, sind Verstimmungen und knallharte Auseinandersetzungen programmiert, und ich frage mich, ob die Berufs- und Interessensverbände nicht allesamt endlich einmal an einem Tisch sitzen müssten, um gemeinsam neue Ziele einer Branchen-Ethik zu formulieren und durchzusetzen. Andrea Hilgenstock, eine der Redakteurinnen dieses Branchenbriefes, die sich seit vielen Jahren um den Markt-Check einzelner Künstler kümmert, berichtet immer wieder, wie schwer es ihr seitens der Galerien gemacht wird, Auskünfte zur Preisbildung zu erhalten. Mehr noch: Regelmäßig werden ihr sogar Informationen verweigert, die sich auf die Verkaufspreise ausgestellter Werke beziehen. Kollegin Rose-Maria Gropp, »FAZ«, klagte kürzlich ebenfalls: »Die simple Frage nach dem Preis, an sich die Ratio jeder Verkaufsmesse, wird immer unbeliebter«. Für ein bezauberndes Spielzeug von Alexander Calder sei auf der Art Basel »noch nicht einmal eine ungefähre Preisvorstellung erfahrbar«.

Dass ernsthafte Sammler unter den Einsteigern dem Kunstmarkt mit größter Skepsis begegnen, wenn sie derlei Gepflogenheiten beobachten, womöglich bald wieder abtauchen, mag nachvollziehbar sein. Denn seriös wirkt es eben nicht, wenn sich mitunter arrogant gebende Aussteller sogar gegenüber Branchenkennern verschlossen zeigen. Schnell schleicht sich Misstrauen in die Kommunikation, und mühsam aufgebaute geschäftliche Kontakte zerstäuben sich, bevor sie wirklich Früchte zeigen. Der Lauf der Dinge eben. Gegensteuern unumgänglich, will man Stammkunden binden, neue Sammler langfristig bei Laune halten. Sollte demnächst wieder einmal einer jener Galeristen vor mir stehen, die mit dem Umsatz auf irgendeiner Messe unzufrieden sind, werde ich ihn fragen, ob er auch tatsächlich alles richtig gemacht habe. Sie wissen schon: Namensschilder reichen nicht, Preisschilder sollen es sein.

In dieser Ausgabe:  Der Kunsthändler Simon de Pury fühlt sich beim Gauguin-Megadeal Katars über den Tisch gezogen (Seite 5). Zweifelsfreie Identifikation ist Pflicht: Was das neue Geldwäschegesetz für den Kunsthandel bedeutet (Seite 8). Wiedereröffnung im November: Die Moderne Galerie des Saarlandmuseums befreit sich von Altlasten (Seite 8). »Künstlerscheiße« in guten Händen: Fortan betreut die Galerie Hauser & Wirth auch noch den Nachlass von Piero Manzoni (Seite 9). Brisante Hinterlassenschaft: Die Franz West Privatstiftung verliert auf ganzer Linie (Seite 10). Konfliktstoff Privatkopiegelder: Der Verteilungsplan der VG Bild-Kunst sorgt für Unmut (Seite 14). Markt: Mary Bauermeister im Aufwind (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 631 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 631

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, mancherorts wäre man gewiss froh, sich über unaufhörlich fließende Besucherströme beklagen zu können. Im Museum Bad Arolsen (siehe Seite 21), nur ein paar Kilometer von Kassel entfernt, öffnet man aus nachvollziehbaren Gründen erst mittags um zwei, und am Montag und am Dienstag bleiben die Ausstellungsräume personalsparend dicht. In vielen Kunstvereinen und natürlich in den Galerien, die sich im Laufe der Jahrzehnte zu Hause entbehrlich gemacht haben, weil sie auf den internationalen Kunstmessen vertreten sind, sieht es kaum besser aus. Schiebt man sich derzeit durch die Orte der Großausstellungen, ob auf der Biennale oder der documenta, wo das Gedränge teils groteske Züge annimmt, kommt man nicht auf die Idee, dass es irgendwo noch leere Kunst-Räume geben könnte. Aber es gibt sie, reichlich sogar.

In Italien brodelt derweil eine Debatte, die teils surreal wirkt. Zwar haben auch wir anlässlich der Biennale-Preview-Tage in Venedig einmal mehr beobachtet, wie diese Stadt von Touristen völlig überflutet wird, wie insbesondere Asiaten zu Tausenden für ein paar Stunden ins Zentrum strömen und jeden Quadratmeter besetzen, doch dass man jene rund 50 000 Einwohner schützen muss, nein, das hätte kein Außenstehender vermutet. Immerhin lebt die Biennale-Metropole just von diesen Besuchern, von den Umsätzen in der Gastronomie, im Hotelgewerbe und in den diversen Shops. Exakt hier liegt denn auch der wunde Punkt einer aktuell umstrittenen Kampagne, die sich gegen weitere Eröffnungen von Hotels und Pizzabuden in der Altstadt richtet, die sogar den Vorschlag enthält, Eintritt zu verlangen, wenn jemand die Piazza San Marco betreten will. Allein Zwei-Euro-Tickets würden jährlich circa 60 bis 70 Millionen in die Stadtkasse spülen. Reduzieren würde diese Maßnahme die Besucher freilich nicht.

In Florenz setzt die Stadtverwaltung auf rigoroses Vorgehen. Wasser marsch, so heißt es dort, und dann werden, kaum zu glauben, Hochdruckreiniger eingesetzt, um Picknick-Touristen wie lästige Tauben zu vertreiben. In Rom, Spanische Treppe, richtet sich der Strahl der Sauberkeit dagegen bislang nur gegen die klebrigen Hinterlassenschaften der überall campierenden Fastfood-Reisenden. Bemerkenswert auch, dass die Italiener auf den weiter zunehmenden Massentourismus im Einzelfall mit empfindlichen Strafen reagieren: Ein Russe, der seine Initialen ins alte Gemäuer ritzte und erwischt wurde, musste 20 000 Euro zahlen. Doch abschreckend wirkt all das nicht.

Dass die normalerweise entspannten Italiener in diesem Sommer so aufgebracht ihre Stadt-Kerne verteidigen, könnte auch damit zu tun haben, dass es längst nicht mehr um ein paar eklige Kaugummis auf Treppenanlagen oder Touristen-Kritzeleien am Kolosseum geht. Es geht stattdessen ums Ganze, um den guten Ruf, um die Zukunft. Die UNESCO hat zwar soeben noch mal Aufschub beschlossen (um anderthalb Jahre), doch eigentlich sollte in diesen Tagen eine weitreichende Entscheidung getroffen werden. Man wollte Venedig den Weltkulturerbe-Status wegnehmen, weil von der vereinbarten Investition zur Rettung der von Kreuzfahrtschiffen überforderten Biennale-Stadt nichts zu sehen ist.

Nun darf davon ausgegangen werden, dass Venedig auch ohne diesen Titel unter den Auswüchsen weltweiter Gruppen-Reise-Lust leiden würde. Aber das Beispiel steht für ein Dilemma, in dem sich der gesamte Kulturbetrieb befindet. Einerseits lechzen wir nach Publikum, andererseits überfordert es die Branche, vorhandenes Interesse angemessen zu kanalisieren. In diesem Kunstsommer kann man zum Beispiel überall Warteschlangen beobachten, vor einzelnen Installationen, vor den kleinen dunklen Filmkabinen, an den zunehmenden Vitrinen mit Archivalien. Auf jedem Rummelplatz macht man sich Gedanken, wie verhindert werden kann, dass Unzufriedenheit hochkocht. In der Kunst, so die Einschätzung, führt dagegen Kuratoren-Hochmut dazu, dass manche Besucher wegbleiben. Es sei ihm schlichtweg zu blöde, sagte kürzlich ein Freund, sich in die Schlangen vor den Pavillons in Venedig einzureihen und dort kostbare Lebenszeit zu vertrödeln.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur Art Basel (Seite 5). Hinten dran: Deutschland im Museumsranking abgeschlagen (Seite 6). Salzburg: Wie Museumschefin Sabine Breitwieser abgesägt wird (Seite 8). Großartige Performance: »Kreatur« von Sasha Waltz (Seite 8). Von Essen nach Lugano: Tobia Bezzola kehrt in die Schweiz zurück (Seite 13). Langatmig: SAVVY Funk, das Radioprogramm der documenta (Seite 13). Beendet: Die Zusammenarbeit der Galerie Michael Schultz mit dem Künstler-Paar Römer + Römer (Seite 17). Neues Museum afrikanischer Kunst in Kapstadt – dank Jochen Zeitz (Seite 20). Erholsame Stille: Das Museum Bad Arolsen (Seite 21). Kulturgutschutzgesetz und Bundestagswahlhilfe: Ein Appell von Rudolf Zwirner (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 630 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 630

 

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, ohne Umschweife: Diese documenta ist misslungen. Was nach einer irrsinnig überdehnten, knapp dreistündigen Pressekonferenz im Kasseler Kongress-Palast allerorten zu sehen war, bestätigte den Kuratoren-Irrtum, der sich bereits während dieser fatalen Performance erkennen ließ. Schon die beiden ersten Referenten aus dem Szymczyk-Kuratoren-Team, nämlich Bonaventure Soh Bejeng Ndikung und Paul B. Preciado, spannten den Kontext-Bogen so weit, ob es um die weltpolitische Lage oder die Transgender-Problematik ging, dass sie es am Ende völlig versäumten, die Kunst selbst einzubinden. Um die sollte es aber gehen, weil die documenta immer noch eine Kunstausstellung ist.

Indessen spürt man in Kassel nach ausgiebigen Rundgängen durch nahezu sämtliche Ausstellungsorte (immerhin über 30) eine eigenartige Leere, allenfalls einen aufkeimenden Ärger über eine Kuratoren-Arroganz, die sich über alles hinwegsetzt, was in den vergangenen Jahrzehnten von der Branche hart erarbeitet wurde. Zugestanden: Es gab immer irgendwo Kritik anzumelden, wenn in Kassel documenta war; aber haben wir seit der d 5 im Jahr 1972, als mit Harry Szeemann die neue documenta-Ära anbrach, jemals eine derart verkäste Ausstellung gesehen? Wie eine abgestorbene Masse ziehen sich überwiegend mäßige Werke in meist unsäglicher Inszenierung durch die Räume.

Vorhandene Architekturen, künstlerische Nachbarschaften und zu erwartende Besucherströme wurden völlig missachtet. Kaum zu glauben, dass Adam Szymczyk einst die Appel-Kuratoren-Schule in Amsterdam besucht haben soll. Das kleine Einmaleins der Platzierung, das jeder Ausstellungsmacher beherrschen sollte (Szeemann: »Inszenieren heißt Lieben«) – es wurde sträflich vernachlässigt. Und so gehen die hohen Ansprüche kurzerhand in den Beobachtungen unter, wie hier am laufenden Band der Kunst geschadet wird.

Fragt man die Künstler selbst, ob sie mit ihren Beiträgen wirklich zufrieden sind, räumen sie ein, dass dieser oder jener Ort oder die Umsetzung des Konzepts nicht optimal sei. Aber es habe keine echte Alternative gegeben. Also Kopf einziehen, dankbar sein, dass man von Szymczyk selbst oder einem der anderen Schlaumeier-Kuratoren überhaupt ausgewählt wurde, dass man dabei sein darf. Mit Verlaub: Da macht sich Übelkeit breit. Das gilt auch angesichts der herumschleichenden Findungskommissare, die vor vier Jahren diesen künstlerischen Leiter nominiert haben, obwohl sie wussten, dass er’s nicht kann, dass er zu den Leuten im Kunstbetrieb gehört, die Kunst allenfalls zur Illustration ihren verkopften Theorien missbrauchen.

Zwar gibt es ein paar herausragende Künstler und Werke auf dieser d 14 (etwa Maria Eichhorn, Romuald Karmakar oder Artur Zmijewski), doch alles in allem ist man froh, wenn man Kassel wieder verlassen darf. Allein die Präsentation der lausigen, obendrein miserabel ausgeleuchteten EMST-Sammlung im Fridericianum ist eine Zumutung. Und dann das Wahrzeichen dieser documenta, mitten auf dem Friedrichsplatz: Was Marta Minujin dort als »Parthenon der Bücher« aufgebaut hat, dieses in Plastik geschweißte Wissen, ist grauenvoll; es ist schlichtweg Kunsterzieher-Kunst.

Dieses Ungetüm passt bestens ins Szymczyk-Universum politischer Korrektheit, und es fällt manchem Kritiker-Kollegen folglich schwer, sein Unbehagen zu formulieren. Denn natürlich sind wir alle gegen das Verbot von Büchern. Aber müssen wir deshalb für dieses rund 35 000 Kubikmeter große Missverständnis sein, das Kunst sein will – und noch nicht mal Agitprop darstellt? Von Joseph Beuys bis Walter de Maria – auf dem Friedrichsplatz und in ganz Kassel haben wir schon viel gute Kunst gesehen. Diesmal, zu dumm, ist’s nicht mehr als Dekor. Oder: Wie sich Intellektuelle vorstellen, dass Kunst auszusehen habe.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur documenta (Seite 4). Galerist Michael Schultz trennt sich von Römer + Römer (Seite 7). Italien: Ärger für ausländische Museumsdirektoren (Seite 7). Dänemark: Protest gegen Katharina Grosse (Seite 10). Unruhe im Verein der Freunde der Nationalgalerie (Seite 11). Hat Phil Collins bei Rudolf Herz abgekupfert (Seite 13)? Warum sucht Cristina Steingräber »neue Herausforderungen« und verlässt Hatje Cantz (Seite 13)? Bern: Gurlitts Grundstücke und das Kunstmuseum (Seite 14). Lüneburg: Promovieren im Museum (Seite 17). Düsseldorf und die Kunst im öffentlichen Raum (Seite 20). Markt-Check: Abraham David Christian (Seite 22). Susanne Klatten und die Stiftung Nantesbuch (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 629 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 629

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, war’s ein Zufall? Ja, aber vielleicht auch nicht. Auf jeden Fall: Morgens las ich in der »Süddeutschen«, Wirtschaftsteil, dass sich die Deutsche Bank, die jüngst per Kapitalerhöhung weitere acht Milliarden eingespielt hatte, »mühsam aus den Skandalen früherer Jahre kämpft«. Im »Tagesspiegel« legten die Kollegen des dortigen Wirtschaftsressorts, die schon am Vortag »Bereit zum Neuanfang« berichtet hatten, tüchtig nach und erläuterten im Detail, wie das Unternehmen sein »schlechtes Image mit einer Markenkampagne und neuen Managern abschütteln« möchte. Hashtag für die Bank, Dividende für die Anleger. Kurz zuvor hatte John Cryan, der oberste Banker, der fortan das Deutsche in der Deutschen stärken möchte, im Rahmen der Hauptversammlung gesagt, dass man das Schlimmste hinter sich habe und zuversichtlich sei.

Und nun, nachmittags, saß ich mit einem hochkarätigen Mitarbeiter-Quartett, darunter Direktor Friedhelm Hütte, Global Senior Art Advisor, sowie dem aus München telefonisch zugeschalteten Managing Director und Global Head of Art, Culture and Sports, Thorsten Strauss, in Berlin an einem Erdbeerkuchen-Tisch und hörte von einem Projekt, das wohl alles überstrahlen wird, was die Deutsche Bank bislang in Sachen Kultur gemacht hat. Es geht um den Plan, vom Mai oder Juni 2018 an im sogenannten Prinzessinnenpalais, 1730 erbaut, heute an der Adresse Unter den Linden 5 leicht zu finden, ein neues Kulturforum der Deutschen Bank zu betreiben.

Dort, wo in diesem Jahr eigentlich 20 Jahre Kunsthalle zu feiern wären, ein paar Häuser weiter, will man ausziehen – und mit einem stark erweiterten Konzept in die Nähe des Humboldt Forums rücken (als Mieter; das Gebäude gehört Springer-Chef Matthias Döpfner). Immerhin knapp 3000 Quadratmeter Nutzfläche werden für Wechselausstellungen und Sammlungspräsentationen sowie für interdisziplinäre Vorhaben zur Verfügung stehen. Obendrein sollen allerlei Veranstaltungsformate erprobt werden, die sich auch aus der kühnen Vision ergeben, Kultur und Sport unter einem Dach zu fördern.

Dass das nicht einfach wird, weil diese Allianz keine natürliche ist, weiß die Frau-/Mannschaft um Strauss, und es macht den Top-Manager glaubwürdig und sympathisch, wenn er unverzüglich interveniert, spricht jemand aus der Runde von einer »wasserdichten Lösung«, die man später präsentieren möchte. Nein, tönt es aus München, alles dürfe porös sein, bereit zur Korrektur, zur Reaktion auf eine sich lebendig entwickelnde Gesellschaft, ihre Kultur, Sport inklusive, und selbstverständlich müsse man auch selbst aus den Anfängen am neuen Standort lernen, gegebenenfalls bereit zum Neuanfang.

Anschaulich wurde es Minuten später. Betreten der Baustelle auf eigene Gefahr, natürlich. Über eine wunderbare Terrasse (wo auch Gastronomie möglich sein wird) ins geräumte, bereits nach Funktionsbereichen aufgeteilte Haus. Zwei Etagen für Foyer, Shop und multifunktionaler Forumszone sowie Ausstellungsbereich auf musealem Niveau, überdies unter dem Dach der »Atelier«-Bereich für zielgruppenorientierte (Workshop-)Angebote. Kaum zu glauben, denke ich, dass nun hier, wo einst, 120 Jahre lang (bis 1931), die preußische Herrscherfamilie wohnte, mitten im Zentrum Berlins, eine Vervielfachung der bisherigen Ausstellungsfläche der Deutschen Bank möglich wird, dass hier ein Freiraum dieser besonderen Art entsteht.

Wenn es gelingt, das Konzept auch im Detail zu schärfen, zu präzisieren, kein Zweifel, dann wird Berlin in einem Jahr einen besonderen Kommunikationsort haben. Und Friedhelm Hütte, der die Deutsche Bank bereits wiederholt mitgenommen oder in die richtige Richtung gebracht hat, wenn ein Paradigmenwechsel in der Gegenwartskunst anstand, wird als künstlerischer Leiter des neuen Forums (das noch einen Namen sucht) alsbald Furore machen. Denn klar ist doch jetzt schon: Ortswechsel sind die beste Voraussetzung für neues Denken, für den Neuanfang.

In dieser Ausgabe:  Wie sich Yusaku Maezawa, Milliardär, ins Gespräch bringt (Seite 4). Pressestimmen zur Skulpturen-Schau »Blickachsen« (Seite 6). Das Kreuz mit dem Kreuz auf dem Humboldt Forum (Seite 8). Buenos Aires als erste »Art Basel City« (Seite 9). Freiheit im Zellentrakt: »Luther und die Avantgarde« (Seite 10). Berlin: Chris Dercon setzt auch auf Tino Sehgal (Seite 11). Karlsruhe: Markus Lüpertz hat Ärger mit den Grünen (Seite 14). Preis-Check Brigitte Kowanz (Seite 17). München, Kunsthalle: Kritiker zahlen die Hälfte (Seite 17). Zum 40-jährigen Jubiläum der Stiftung Arp kommt wieder alles ins Lot (Seite 20). Thema Provenienz: Sammlung Rudolf-August Oetker im Fokus der Forschung (Seite 23). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 628 – Editorial

 

 

 

Informationsdienst KUNST 628

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Verdienste hin, Verdienste her. Aber vielleicht ging es ohnehin immer mehr um den eigenen Verdienst, um den schnöden Mammon oder um das Mammut im Gewand des Intellektuellen, der von der großen Öffentlichkeit geliebt und hofiert werden wollte – zumal er im kleinen Insiderkreis eher argwöhnisch beäugt wurde. Seit Jahrzehnten schon, seit jenem Zeitpunkt, als die Branche kapierte, dass da jemand das Zusammenspiel mit den Museen sucht, um möglichst unverdächtig kommerzielle Ambitionen auszuleben. Der Händler, getarnt als Sammler. Macht-Poker unter dem Deckmantel der Freundschaft mit den Künstlern – von Beuys über Kiefer bis zu Twombly.

Ja, es geht um Heiner Bastian, den aalglatten Strippenzieher im Kunstbetrieb, der sich zuletzt, 2016, per Zwei-Stufen-Plan ins Gespräch brachte. Zuerst wollte er sein von David Chipperfield gebautes Galeriehaus am Berliner Kupfergraben ohne Gewinnabsicht an die Staatlichen Museen weiterreichen. Ein anderer Sammler, Reinhold Würth, so war es verabredet, hätte ihm und seiner Familie den Baupreis erstattet, und so war, naheliegend, auch vorgesehen, dass der wahre Mäzen, Würth, im Titel eines dort geplanten neuen Bildungszentrums der Stiftung Preußischer Kulturbesitz namentlich auftauchen würde.

Doch quasi über Nacht, Stufe zwei, als bereits alles kommuniziert war, gingen die Bastians aufs Ganze – und kündigten großzügig ihrerseits die Schenkung des ganzes Hauses an, um unangefochten in der Rolle des Allein-Mäzens agieren zu können. Reinhold Würth, völlig überrascht vom Gesinnungswechsel im Hause Bastian, war ausgeladen, übel vorgeführt wie die verhandelnde Stiftung, die nun mitteilen musste, dass alles ganz anders kommt, dass man jetzt ausschließlich Heiner, Céline und Aeneas Bastian dankbar sei. Stiftungspräsident Hermann Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, beide um Ausgleich bemüht, machten gute Miene zum Bastian-Spiel und setzten diplomatisches Geschick ein, um Reinhold Würth für eine andere mäzenatische Großtat zu gewinnen, etwa im Humboldt Forum.

Am 1. Mai, Tag der Arbeit, muss nun, kaum zu glauben, quasi Stufe drei, am Kupfergraben die nächste Erkenntnis eingesetzt haben. Denn am folgenden Tag erreichte die Stiftung (die bereits mit Drittmittelgebern wegen der Finanzierung des Bildungszentrums verhandelte hatte) ein Brief, in dem Heiner Bastian die Schenkung kurzerhand zurücknahm. Mir nichts, dir nichts. Der Grund: Seine emotionale Bindung ans Haus, als sei die nicht schon vorher vorhanden gewesen. Beispielsweise im vergangenen Jahr, als er an Reinhold Würth zugunsten der Museen zu Berlin verkaufen wollte, als er, kurz danach, das Gebäude plötzlich lieber als Geschenk deklarierte.

Gelinde, souverän hat die Stiftung Preußischer Kulturbesitz reagiert; sie berichtete Anfang des Monats von »großem Unverständnis und Bedauern«. Dabei ist sie von Heiner Bastian mittlerweile in der gleichen Angelegenheit zweimal veräppelt worden. Parzinger und seine Leute, die gewiss anderes zu tun haben, als ihre Zeit für Verhandlungen mit einem Wirrkopf zu opfern, werden die Idee des Bildungszentrums in direkter Nähe zur Museumsinsel sicherlich andernorts realisieren. Aber es stellt sich die Frage, ob Heiner Bastian noch jemals an irgendeinem Verhandlungstisch sitzen wird. Auf sein Wort ist offensichtlich kein Verlass.

In dieser Ausgabe:  Pressestimmen zur Biennale in Venedig (Seite 5). Kunst für Fortgeschrittene: Udo Kittelmanns Projekt für die Fondazione Prada (Seite 8). Im kommenden Jahr zieht Thomas W. Gaehtgens, Getty Research Institute, nach Berlin (Seite 8). New York: Acquavella und Pace und ihr Coup mit Calder und Miró (Seite 9). Martin Roth im Zwielicht (Seite 12). Aus für die »Lichtsicht«-Biennale (Seite 12). Verlagspleite: Was aus Seemann Henschel wird (Seite 15). Monika Grütters zur Strafrechtskonvention des Europarats (Seite 15). Volker Rattemeyer über die Situation im Rhein-Main-Gebiet (Seite 17). Markt-Check: Robert Kusmirowski (Seite 22). Flop: Die jüngste Schau von Shirin Neshat (Seite 23). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 627 – Editorial

 

 

 

Informationsdienst KUNST 627

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, Sie selbst kennen gewiss dieses Gefühl der Übersättigung, das Bedürfnis, vorübergehend auszubrechen, wenn der Branchen-Talk überhandnimmt, wenn man auf der Suche nach wirklich guter Kunst laufend in eher unerheblichen Gesprächen hängenbleibt. So wichtig der Austausch in unserer Familie erscheint, so zeitraubend ist er eben auch, weil man oft lange braucht, bis die Small-Talk-Ebene verlassen und ein ehrlicher, intensiver Dialog erreicht werden kann, anregend für alle Beteiligten. Hallöchen hier, hallöchen dort; in diesen Tagen tobt der nichtssagende rhetorische Wahnsinn – zumal Berlin und Köln, auf Freiersfüßen, aber eben noch nicht vertraglich vermählt, tatsächlich meinten, gleichzeitig und somit gegeneinander antreten zu müssen. Art Cologne und Gallery Weekend bewältigt; Biennale in Venedig und documenta in Kassel, aber auch Skulpturen-Offensiven in Münster, Bad Homburg und Rhein-Main-Region sowie in Bingen im Visier, zudem die konzertierte »Made in Germany«-Aktion in Hannover oder die von zwei Satelliten begleitete Schau »Luther und die Avantgarde« in Wittenberg – ja, in diesen Wochen gibt’s kein Pardon. Es geht hoch her, ein Termin jagt den anderen. Keine Zeit also für Vor- oder Nachbereitungen. Die allgemeine Sorge greift um sich, etwas Wesentliches zu verpassen.

In einem solchen Moment das aktuell Naheliegende ein paar Tage lang sausen zu lassen und sich aus dem pausenlos drängenden Ereignis-Strom herauszukatapultieren, das erschien mir richtig. Abflug nach London, ohne auch nur einen einzigen Gesprächstermin zu vereinbaren. Inkognito sein, das Gesehene nicht flüchtig, sondern abends in Ruhe im Hotel verarbeiten zu können, das war das Ziel. Also Brexit beiseite, Theresa Mays Neuwahlen-Strategie ebenfalls, keinen Gedanken verschwenden, warum das seit 2013 wirtschaftlich ungeheuer aufsteigende Vereinigte Königreich jetzt schon, im ersten Quartal 2017, einen tüchtigen Umsatz-Rückgang-Dämpfer verkraften musste – und mitten hinein in die »wundervolle Stadt«, wie »Der Spiegel« vor fünf Wochen titelte. Der erste Eindruck nach längerer Abwesenheit: In London herrscht eine großartige Stimmung, freundliche Menschen, emsiges Treiben, tolle Geschäfte, vermutlich die höchste Gastronomie-Dichte seit ewigen Zeiten. Natürlich: Dann und wann die eher beiläufige Klage eines Taxifahrers oder eines Kellners, dass London enorm teuer sei, aber das war’s dann schon. Der zweite Eindruck: Das sich ständig auf die Schenkel und die Schulter klopfende Berlin, selbstgefällig bis zur Schmerzgrenze, könnte sich so manches Scheibchen abschneiden. »Wollen wir nicht noch mal umziehen«, fragt mich meine Frau am zweiten Tag der Stippvisite.

In den Galerien und Museen sieht’s ebenfalls lebendig aus. Ein Kommen und Gehen in der Großgalerie Hauser & Wirth, wo sich halb London für Maria Lassnig interessiert; eine gelungene »The Critical Edge«-Schau von Richard Tuttle bei Pace. Natürlich ein Gang durch die National Gallery, selbstverständlich ein Besuch im Victoria and Albert Museum, wo wir uns wieder einmal fragen, wie es nur passieren konnte, dass Martin Roth dieses einzigartige Haus verlassen mochte. Eine offene Frage auch in der Tate Modern, die insgesamt (und trotz ihrer sage und schreibe fünf Shops) eigenartig vernachlässigt wirkt: Wird das Werk von Wolfgang Tillmans nicht maßlos überschätzt? Und dann schon wieder, zu komisch, der aufkeimende Wunsch, trotz aller spontanen Berlin-Flucht-Gedanken nun am liebsten mit Udo Kittelmann reden zu wollen, warum es die Staatlichen Museen zu Berlin nicht schaffen, eine derart phantastische Retrospektive wie die von David Hockney (zum 80. Geburtstag im Juli) nach Deutschland zu holen. Was die Tate Britain bis zum 29. Mai zeigt, was danach in Paris, Centre Pompidou, und in New York, Metropolitan Museum, präsentiert wird, ist eine herausragende, eine sensationell gelungene Ausstellung, ein Blockbuster allererster Güte. Auf dem Rückflug nach Berlin erörtern wir die Frage, was Museen machen sollten, ob sie ein Programm haben müssen, das von einer Konzeption zeugt, oder ob es genügt, Ausstellung an Ausstellung und Projekt an Projekt zu reihen. Zündstoff fürs nächste Treffen mit Udo Kittelmann, der nun in Venedig für Frau Prada kuratiert.

In dieser Ausgabe: In Frankreich kursiert unter Künstlern und Museumsleuten reichlich Angst vor der Präsidentschaftswahl (Seite 5). An der Kunstakademie Düsseldorf heißt der neue Rektor Karl-Heinz Petzinka (Seite 8). Art Cologne: Skeptischer Aussteller-Blick auf die Allianz mit Berlin (Seite 8). »Handreichung für die Praxis«: Nachhilfe in Sachen Kulturgutschutzgesetz (Seite 11). Tübingen: Holger Kube Ventura hat in der Kunsthalle gekündigt (Seite 12). Markt-Check John Bock (Seite 14). Mega-Flop der Museumspolitik: Sammlung Essl (Seite 15). Widerstand gegen Hermann Nitsch in Australien (Seite 16). NRW-Wahlen ohne Thema Kulturpolitik (Seite 17). Wien, Belvedere: Die neue Direktorin, Stella Rollig, schweigt viel (Seite 20). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 626 – Editorial

 

 

Informationsdienst KUNST 626

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, kurz vor Ostern kursierte die Nachricht, dass das so zügig in die Planung und dann zur Entscheidung gekommene Bauprojekt am Berliner Kulturforum, das von Herzog & de Meuron konzipierte Museum des 20. Jahrhunderts, noch einmal grundlegend in die Entwurfsphase zurückgetrieben werden soll. Dabei sind die Architekten längst mit dem Feinschliff ihrer Planung beschäftigt (minimale Verkleinerung, um Grundstückssituationen besser zu berücksichtigen), und Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat die Weichen gestellt, dass nicht erneut das Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung als steuernden Behörde zum Einsatz kommt, gefürchtet nicht zuletzt wegen des Debakels in Sachen Pergamonmuseum.

Gleichwohl wurde auch Petra Wesseler, die umstrittene Präsidentin des Bundesamtes, in den Verteiler genommen – und gemeinsam mit Hermann Parzinger, dem Präsidenten der Stiftung Preußischer Kulturbesitz, sowie seinen leitenden Museumsdirektoren Michael Eissenhauer und Udo Kittelmann und den Berliner Senatoren Klaus Lederer (Kultur) und Katrin Lompscher (Stadtentwicklung) über den Einspruch informiert. Die Intervention kommt von einer durchaus geschätzten Stiftung bürgerlichen Rechts unter dem Vorsitz von Volker Hassemer: Die Stiftung Zukunft Berlin, die sich quasi als außerparlamentarisches Forum vielerorts in die Stadtpolitik einschaltet, hat vier Forderungen für den öffentlichen Raum des Kulturforums verbreitet und damit gewissermaßen den Planungsstopp in Sachen Museumsneubau verlangt.

Freilich muss man sich fragen, warum dieser Einwand erst jetzt kommt, und Recherchen zeigen schnell, dass es dafür eine plausible Erklärung geben könnte. Dass die niemand bestätigen würde, versteht sich. Denn welches unabhängige Gremium möchte in der Öffentlichkeit schon als ferngesteuert dastehen? Aber viele der Forderungen, die jetzt in dem Papier auftauchen, klingen eigenartig vertraut. Die im zweiten Einspruch angedachte Neuausrichtung des Baukörpers, zum Beispiel, war bald und vergeblich kurz nach der Wettbewerbsentscheidung formuliert wurden. Nun, was Wunder, taucht der Kritiker, nämlich der streitlustige Architekt Stephan Braunfels, im Kreis der 13 Persönlichkeiten auf, die unter dem Schirm der Stiftung Zukunft Berlin die Bremse treten wollen.

Dass betagte Sammler wie Ulla und Heiner Pietzsch sowie Erich Marx, die die Eröffnung des Museums des 20. Jahrhunderts gerne noch selbst erleben möchten, angesichts einer solchen Intervention mehr als verärgert sein dürfen, ist bestens nachvollziehbar – zumal sich der Forderungskatalog der Stiftung, unterstützt von der Sektion Baukunst der Akademie der Künste und der Hermann Henselmann Stiftung, in großen Teilen so arrogant liest, als wären Herzog & de Meuron dumme Buben, denen man noch erklären muss, was Architektur zu leisten hat. Bei aller Wertschätzung von Bürger-Engagement: So geht’s nicht.

In dieser Ausgabe:
Angeblich lässt Helge Achenbach einen Roman über sein Leben schreiben (Seite 3). Pressestimmen zur documenta 14 in Athen (Seite 4). Neue Messe in der Hauptstadt: Daniel Hug und Maike Cruse planen die Art Berlin (Seite 7). Streit um die Internationale Bauakademie (Seite 9). Rhein-Main-Region: Museumsdirektoren gesucht (Seite 10). Schweiz: Raubkunst der anderen Art (Seite 11). Wehmütiger Rückblick: 50 Jahre Kunsthalle Düsseldorf (Seite 14). Wie Galeristen auf den Messe-Rummel reagieren (Seite 17). Kuratorisch aufgesattelt: Hans Haackes »Gift Horse« in München (Seite 19). Bonn: Konflikt um ein geplantes Denkmal für August Macke (Seite 21). Berlin: Stolze Bilanz der Freunde der Nationalgalerie (Seite 22). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 625 – Editorial

 

Informationsdienst KUNST 625

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, endlich, wirklich überfällig. Am Freitag, 24. März, mittags, zwei Wochen vor Eröffnung der documenta in Athen (8. April bis 16. Juli), trafen die ersten verwertbaren Informationen aus Kassel ein. Die documenta-Geschäftsleitung, die sich vermutlich mächtig ins Zeug legen musste, um am Öffentlichkeitsarbeit verweigernden künstlerischen Leiter vorbei die Presse informieren zu können, stellte immerhin eine 18 Din-A-4-Seiten umfassende Liste der griechischen Ausstellungsorte zur Verfügung (siehe auch Seite 4, Randspalte). Wenn ich mich nicht verzählt habe, dann sind es sage und schreibe 46 Orte, die von Adam Szymczyk und einem Tross von documenta-Mitarbeitern bespielt werden.

Vom Athener Konservatorium übers Benaki-Museum bis zum Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst, von der Hochschule der Bildenden Künste über die Konzerthalle Megaron bis zum Ersten Friedhof von 1837 oder dem Kino Stella – überall taucht die documenta auf und will ihre Duftmarken setzen. Schon vor Wochen hatte mir jemand aus der nordhessischen Insider-Szene geflüstert, in Athen habe eine neue Kolonialzeit begonnen: Die documenta-Pfadfinder seien in der ganzen Stadt unterwegs, um Partner und Orte für ihre Kunst-Offensive zu finden. Szymczyks Herzblut gelte Althen. Dagegen werde sich die Geburtsstätte der documenta in Kassel wohl eher karg darstellen (im Fridericianum soll beispielsweise die EMST-Sammlung gezeigt werden).

Dass documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff kürzlich, für alle überraschend, nachdrücklich signalisiert hat, dass der 34-Millionen-Etat nicht ausreichend sei, wird angesichts dieser ungeheuer aufwendigen, kostenintensiven Logistik, die das Gastspiel in Griechenland erfordert, natürlich unverzüglich nachvollziehbar (zumal Kulenkampff unter dem Druck steht, die Hälfte der Summe selbst erwirtschaften zu müssen, die anderen 17 Millionen kommen vom Land Hessen, der Stadt Kassel und der Kulturstiftung des Bundes). »Learning from Athens« – vielleicht hat es seinen guten Grund, dass diese zunächst für die d 14 ausgegebene Devise offiziell plötzlich nur noch als Arbeitstitel kursiert.

Schaut man sich die 18 Seiten lange Informationsschrift aus dem Kommunikationszentrum (Leiterin: Henriette Gallus) genau an, dann fällt auf, dass zwar viel über die einzelnen Orte sowie ihre meist traditionsreichen Geschichten und die ursprünglichen Funktionen verraten wird, doch was weitgehend fehlt, sind jene Erläuterungen, die sich auf Künstler und Projekte beziehen. Die Ausnahme, wenn es zum Beispiel heißt, dass Daniel Knorr die Skulptur »Knabe mit Hund« aus der Sammlung des Archäologischen Museums für die Dauer der documenta vergraben wollte, das Vorhaben indes scheiterte. Was tatsächlich zu sehen und zu erfahren ist, ob sich meine geplante Reise nach Athen lohnen wird, das vermittelt sich leider nicht oder bestenfalls nur im Ansatz.

Den Stadtplan vor Augen, kann ich freilich erahnen, dass gutes Schuhwerk vonnöten sein wird, um die documenta in Athen wahrzunehmen. 46 Stationen – ich plane also einige Tage ein, ohne zu wissen, ob die wenigen Künstler (und ihre Arbeiten), die nun kurz erwähnt wurden, eine derartige Reise rechtfertigen werden. Es sind gut zwei Dutzend Musiker, Tänzer, Filmemacher, Lyriker, Textilfärber, Bildhauer, Architekten, Gastwirte und Performer, darunter wenige bekannte wie Douglas Gordon, Maria Eichhorn und der vor Monaten gestorbene Ben Patterson (siehe Seite 16), die namentlich vorkommen. Gewiss werden in der documenta-Stadt Athen viele weitere vertreten sein, sollen insgesamt doch rund 160 Künstler mitmachen.

So hat vor zwei Wochen der Künstler Sokol Beqiri – Joseph Beuys und Ben Wagin lassen grüßen – einen Baum auf dem Campus der technischen Universität gepflanzt, angeblich Teil einer Arbeit, die wiederum nach einer Idee von einem Lulzim Zeqiri entstanden sein soll. Angeblich vermählt sich jetzt eine griechische Eiche mit den Zweigen einer deutschen Eiche. Vielsagend wohl auch ein anderes Kooperationsprojekt im Umfeld der Landwirtschaftlichen Universität: Stellvertretend für jedes der 54 afrikanischen Länder werden 54 Lämmer komplett eingefärbt und in einen Obstgarten getrieben. Ein Projekt von einem mir bislang nicht aufgefallenen Aboubakar Fofana.

Drittes Beispiel: Für Ross Birrell, einen weiteren Teilnehmer, erwarb die documenta mehrere Pferde, mit denen sich am 9. April insgesamt vier Reiter zum 3000-Kilometer-Ritt nach Kassel aufmachen wollen. Womöglich auf einer Flüchtlingsroute. Diese Reise hoch zu Ross ist laut der d 14-Presseabteilung von einem ähnlichen Projekt inspiriert, das vor etwa 90 Jahren von einem schweizerisch-argentinischen Reiter zwischen Buenos Aires und New York bewältigt wurde. Bäume, Lämmer, Pferde, aber auch Musikinstrumente, bestickte Zelte, eine Seifenproduktion, eine Großküche auf dem Kotzia-Platz – die Herausforderungen ans documenta-Equipment sind immens.

Weil zur Eröffnung in Athen weder der documenta Reader noch das documenta Daybuch (beide bei Prestel) ausgeliefert werden können, wie der Verlag nach anderen Ankündigungen nun kleinlaut einräumen muss, werde ich voraussichtlich erst im Mai nachlesen können, was Adam Szymczyk zu sagen hat, warum er meinte, Eulen nach Athen tragen zu müssen. Nach allem, was man zur Zeit weiß, ist größte Skepsis angebracht. Gut möglich, dass er, der schlanke Schweiger, am Ende den Eulenspiegel gibt und wir alle die Lackierten sind.

In dieser Ausgabe:
Berlins Generaldirektor Michael Eissenhauer lässt die Sicherheitssysteme in den Museen überprüfen (Seite 5). In der Hamburger Kunsthalle wurde ein Bild von Zwelethu Mthethwa abgehängt – weil der Künstler ein Mörder ist (Seite 9). Konzept-Artistin und documenta-Teilnehmerin Maria Eichhorn will in Athen Grundstücksspekulationen verhindern (Seite 10). London: Brexit hin oder her – Thaddaeus Ropac eröffnet eine weitere Galerie (Seite 11). Markt-Check: Timm Ulrichs, soeben 77 geworden (Seite 13). Weniger Widerstand der Kunstvereine gegen die Forderung in Sachen Ausstellungsvergütung: BBK-Chef Werner Schaub äußert sich (Seite 15). Museales Forschungszentrum in Berlin-Dahlem geplant (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 624 – Editorial

Informationsdienst KUNST 624

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wie Sie wissen, wie berichtet: Es gibt nicht nur die vom Deutschen Kulturrat herausgegebene Dokumentation »Frauen in Kultur und Medien«, gefördert aus dem Etat-Topf von Kulturstaatsministerin Monika Grütters, sondern mittlerweile auch einen von Grütters einberufenen Runden Tisch zum Thema. Ziel: Geschlechtergerechtigkeit. Ich räume selbstkritisch gerne ein, dass es mein verengter männlicher Blick sein mag, der verhindert, dass ich mich persönlich für »mehr Präsenz von Frauen in Führungsetagen von Kultureinrichtungen« einsetze, wie der Kulturrat fordert.

Vielleicht hat diese Verweigerung aber auch damit zu tun, dass ich, erstens, grundsätzlich ohnehin nichts von Quoten-Debatten halte. Und, zweitens: Ich kann reichlich Beispiele geben, wo Frauen erfolgreich in Führungspositionen wirken. Ob in Chemnitz (Ingrid Mössinger), Dresden (Marion Ackermann), Frankfurt/Düsseldorf (Susanne Gaensheimer), Kiel (Anette Hüsch), Mainz (Annette Ludwig), Mannheim (Ulrike Lorenz), Nürnberg (Eva Kraus), Siegen (Eva Schmidt) oder Stuttgart (Christiane Lange, Ulrike Groos) – zehn Direktorinnen fallen mir auf Anhieb ein.

Als ich vor Tagen die jüngste Pressemitteilung des Vereins der Freunde der Nationalgalerie auf meinem Bildschirm sah, konnte ich mir ein breites Grinsen nicht verkneifen. Für den Preis der Nationalgalerie 2017 sind sage und schreibe vier Künstlerinnen nominiert: Sol Calero, Iman Issa, Jumana Manna und Agnieszka Polska (Ausstellung im Hamburger Bahnhof vom 29. September an; die Gewinnerin wird am 20. Oktober gekürt). Vier junge, ebenso sympathisch wie tatkräftig wirkende Frauen, kein Mann. Ist man da nicht versucht, freilich mit besten Grüßen an Monika Grütters, die Männer-Quote zu fordern? Ist keiner meiner jüngeren Geschlechtsgenossen als Künstler überzeugend genug, um in einem solchen Hoffnungsträgerinnenkreis zu bestehen?

Wie der Verein der Nationalgalerie-Freunde und BMW als Sponsor, vertreten durch Thomas Girst, auf die Idee kommen, ein reines Frauen-Quartett in den Wettkampf zu schicken? Die Erklärung könnte einfach sein: In der Jury, die Calero, Issa, Manna und Polska ausgewählt hat, sitzen – mit einer Ausnahme (der Schauspieler Alexander Beyer) – ausschließlich Frauen, nämlich Meret Becker, Natasha Ginwala, Alice Motard und Alya Sebti.

Vielleicht greift mittlerweile aber auch ein anderes Phänomen, das sich so leicht nicht vermitteln lässt. Könnte es nicht sein, dass wir alle, vom schlechten Gewissen geplagt, sofort nach Frauen Ausschau halten, wenn irgendwo eine Stelle oder eine Liste besetzt werden muss? Einzige Entschuldigung, die man gelten lassen kann: Geschlechter-Erkennung fällt leichter als die Ortung von Qualität. Ergo: Wie wäre es mit einem Runden Tisch zur Frage der Maßstäbe in der Kultur?

In dieser Ausgabe:
Von 2018 an leitet Stephanie Rosenthal in Berlin den Martin-Gropius-Bau (Seite 2). In München bereitet Heinz Peter Schwerfel das Festival »Kino der Kunst« vor (Seite 6). In Amerika geht’s unter Donald Trump der Kultur an den Kragen. Förderprogramme sollen eingestellt werden (Seite 6). Düsseldorf: Susanne Gaensheimer als neue Direktorin in der Kunstsammlung NRW (Seite 8). Werbung und Kunst: Zweierlei Persönlichkeitsrecht? Klage gegen Ida Ekblad und das Kunsthaus Hamburg (Seite 11). Warum der Bund auf eine Millionen-Spende für das Humboldt Forum verzichtet (Seite 15). UNESCO-Fonds zum Schutz bedrohter Kulturgüter geplant (Seite 18). Universität Osnabrück will Kunsthistorisches Institut schließen (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 623 – Editorial

Informationsdienst KUNST 623

 

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, ob es die eigene Kuratoren-Einsicht war oder die Überredungskunst der documenta-Geschäftsführerin, Annette Kulenkampff, vielleicht gar Druck aus den Büros der Geldgeber aus Politik und Wirtschaft, das bleibt letztlich egal. Tatsache ist, dass in Kassel kurzfristig eine Pressekonferenz einberufen wurde, wo Anfang dieser Woche der künstlerische Leiter, Adam Szymczyk, über die Kooperation mit dem Nationalen Museum für Zeitgenössische Kunst (EMST) in Athen und seiner Direktorin Katerina Koskina berichten wollte. Freilich zurückhaltend, wie es seine Art ist. Denn nach wie vor weiß niemand, was die documenta 14 insgesamt ausmachen wird, welche Künstler an der rund 30 Millionen teuren Schau beteiligt sind.

Eine vorausgegangene Projekt-Präsentation in Berlin, Ende Februar, machte einige der Anwesenden wütend; nachvollziehbar. »Eine Zuhörerdemütigung«, urteilte Swantje Karich in der »Welt«, sei es gewesen. »Der künstlerische Leiter der documenta sitzt einfach da. Reagiert nicht auf die Ansprache.« Ob es schlicht Arroganz sei, fragte die Kollegin, die ein Desinteresse am Publikum attestierte. Auf jeden Fall: Kein gutes Zeichen für Athen und Kassel.

Die wichtigtuerische Geheimniskrämerei, allenfalls mal unterbrochen, wenn die Geschäftsführerin im Kulturausschuss der Stadt die logistischen Schwierigkeiten in Athen einräumt, muss allen Kommunikationsstrategen auf die Nerven gehen. Zwar ist mittlerweile ein Tross von Kuratoren und Assistenten und Assistenten von Assistenten für die kommende documenta im Einsatz, doch wenn absolutes Stillschweigen angeordnet ist, müssen Journalisten jede Anfrage ans Pressebüro als reine Zeitverschwendung sehen – und verlieren dann eben auch ihr Interesse (Headline der »Welt«: »Kein Bock auf documenta«). Was die documenta 14 sein soll, sein wird, das will sich immer noch nicht vermitteln, weil ihr Vordenker, Szymczyk, keinerlei Notwendigkeit sieht, sich verständlich zu machen. Man muss sich, leider, an die von ihm kuratierte Berlin Biennale erinnern, 2008, als es Verrisse am laufenden Band in der Tagespresse gab (unvergessen beispielsweise Samuel Herzog in der »Neue Zürcher Zeitung«, 9. April 2008). Die documenta-Findungskommission ließ sich 2013 nicht abschrecken – und setzte für 2017 erneut auf den Stillschweiger.

Nun geht die documenta bereits im kommenden Monat los, in exakt vier Wochen, zunächst in Athen, und man hat nicht den Eindruck, dass Szymczyk ernsthaft daran interessiert ist, das Publikum mitzunehmen. Fragen über Fragen, allesamt unbeantwortet. Wird’s etwa ein Hörspiel, wie einer der Co-Kuratoren kürzlich andeutete (siehe »Das Zitat«, Seite 25 dieser Ausgabe)? Wird es eine politische documenta, weil in Kassel jemand vertraulich flüstert, auch Altmeister Hans Haacke sei dabei?

Wie auch immer: Die d 14 hat ihren ersten großen Fehler bereits gemacht. Wie kann Szymczyk von einer »Tyrannei der Transparenz« sprechen, der er sich nicht beugen wolle, wenn er letztlich Millionen öffentlichen Geldes ausgeben darf, wenn er, noch gravierender, die Verantwortung trägt, diesmal die Bilanz-Chance wahrnehmen zu dürfen? Nach fünfjähriger documenta-Pause berichten zu können, was die Kunst macht, das ist eine Aufgabe, die keine fahrlässigen Star-Allüren zulässt.

Dass es anders geht, zeigen im Moment rundum alle anderen Veranstalter, die diesen Kunstsommer beleben werden, ob Christine Macel für die Biennale in Venedig oder Kasper König und seine Co-Kuratorinnen für die Skulpturen Projekte in Münster. Für die Drei-Städte-Schau »Luther und die Avantgarde« ist die Künstlerliste ebenso publiziert wie für die Skulpturen-Triennale in Bingen, »Nah und fern« (siehe Seite 3). Namen sind schließlich auch Programm. Und es macht nicht wirklich Sinn, verquaste Theorien zu verbreiten, weil man sich gezwungen sieht, irgendwas zu verkünden, ohne in einer solchen Vorschau auch Ross und Reiter nennen zu wollen.

Dabei muss längst klar sein, wer wo was macht, welche Künstler im kommenden Monat in Athen und danach in Kassel den Ton und das Bild vorgeben werden. Es ist eine einzigartige Chance, angesichts der seit Jahrzehnten gewachsenen Bedeutung der documenta und der weltweiten Wahrnehmung der Schau frühzeitig kommunizieren zu lassen, worauf sich die Menschen freuen dürfen, was sie erwarten wird, wie sie sich vorbereiten können. Dass ein gutes, ein wirklich gelungenes Projekt ein Vor- und ein Nachspiel haben muss, hätte Adam Szymczyk von Christoph Schlingensief lernen können. Aber vielleicht setzt er lieber auf dessen legendäre Devise »Scheitern als Chance«. Dann, so scheint es, befindet er sich auf dem Weg.

PS.: Sage und schreibe 15 Seiten bietet das »Süddeutsche Zeitung Magazin«, Ausgabe vom 3. März, um angeblich über die documenta 14 zu berichten. »Wie die documenta 2017 entsteht«, so heißt es vollmundig auf der Titelseite. Indes: Der Branchenkenner erfährt nichts, was er nicht schon weiß. Dabei ist Autor Peter-Matthias Gaede insgesamt 16 Mal nach Kassel, Berlin und Athen gereist, um Gespräche zu führen und Veranstaltungen zu besuchen. 50 insgesamt. Und dann gab es noch 100 E-Mail-Kontakte mit der documenta-Zentrale.

In dieser Ausgabe:
Opfer digitaler Übermacht – »Parkett« verabschiedet sich (Seite 4). Die Geschichte der documenta wird nun in Peking präsentiert (Seite 7). Geeinigt, sich nicht zu einigen: Chris Dercon und Klaus Lederer, Berlin (Seite 9). Styling bewältigt: Christian Boros führt »Die Dame« aus (Seite 9). Südamerikanisch: Bilanz der ARCO Madrid (Seite 13). Südamerika auch im Fokus der Biennale UrbanArt, Weltkulturerbe Völklinger Hütte (Seite 15). Staatsgalerie Stuttgart: Christiane Lange räumt auf – mit Rückendeckung aus dem Ministerium (Seite 16). Markt-Check: Katharina Sieverding (Seite 19). Baum-Pate Ben Wagin und zwei fehlende Schwarzkiefern an der Neuen Nationalgalerie in Berlin (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 622 – Editorial

Informationsdienst KUNST 622

 

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, kann man sich vorstellen, dass Gerhard Richter (geschätztes Vermögen: 500 Millionen Euro) ein gesetzlich vorgeschriebenes Ausstellungshonorar kassieren darf, wenn er seine Bilder zeigt? Hatte man nicht vor Jahrzehnten sogar schon im Bundestag damit argumentiert, dass solche Vergütungen fragwürdig seien, weil sie einerseits womöglich den falschen Empfängern zugutekommen, weil sie andererseits aber den gesamten Kunstbetrieb belasten würden, dass sich die Zahl der Präsentationsorte womöglich verringern könnte?

 

Als im vergangenen Jahr, wesentlich durch den BBK-Bundesvorsitzenden Werner Schaub angestoßen, die uralte Debatte wiederbelebt wurde (etwa im Rahmen eines von Manfred Eichel moderierten Symposions in Berlin), reagierten die überregionalen Medien verhalten. Vielleicht auch wegen der Tatsache, dass es zwar beispielsweise in den Kommunalen Galerien der Hauptstadt üblich ist, ein paar Euro aus einem lächerlich knapp bemessenen Etat-Topf auszuschütten (circa 30 000 Euro für gut 150 Ausstellungen pro Jahr), doch allgemein geregelt ist nichts, auch in der Honorar-Vorreiter-City Berlin nicht. Ausstellungshonorare für Künstler – das Thema scheint der Rest der Republik bislang allenfalls als eine Marotte des neuen rot-rot-grünen Senats wahrgenommen zu haben.

 

Ansporn und Grund genug, dass der Bundesverband Bildender Künstlerinnen und Künstler, seit kurzem in einer konzertierten Aktion mit dem Deutschen Künstlerbund, der GEDOK, verdi und der VG Bild-Kunst vereint, jetzt bundesweit Dampf machen und unter dem Slogan »Überfällig« die strapazierte Forderung neu vortragen will. Die von den genannten Institutionen gegründete Initiative Ausstellungsvergütung (Sprecher: Werner Schaub und Frank Michael Zeidler; info@initiativeausstellungsverguetung.de) wird am 7. März in Berlin (19.30 Uhr; Paula-Thiede-Ufer 10) erstmals groß auftrumpfen und unter anderem in einer gut gemischten Fraktionsrunde vier Kulturpolitiker des Deutschen Bundestages zu Wort kommen lassen.

 

Es ist zu vermuten, dass im Verbands- und Gewerkschaftsumfeld reichlich Lippenbekenntnisse sämtlicher Parteien zu hören sein werden. Ja, natürlich sei es sinnvoll und sozial, die Künstler zu honorieren, wenn sie ihre Werke öffentlich zeigen, egal, ob dabei Verkäufe zustande kommen oder nicht. So wird man sagen. Indessen: Die Politik, das lässt sich jetzt schon behaupten, wird es letztlich nicht versäumen, auch auf andere Lobby-Interessen zu hören.

 

In der 2016 von Manfred Eichel geleiteten BBK-Diskussion machte der Christdemokrat Hans-Heinrich Grosse-Brockhoff, ohne vorherige Abstimmung mit Angela Merkel und Monika Grütters (die einst für die CDU ein klares Nein zugunsten des Handels und der Museen formuliert hatte), unmissverständlich klar, dass eine gesetzliche Vergütungsregelung durchaus kontraproduktiv wirken könnte. Steigende Kosten könnten auf Veranstalter-Seite schließlich zu längeren Laufzeiten und zu weniger Ausstellungen führen. Grosse-Brockhoff: »Und ich habe, offen gestanden, Schwierigkeiten damit, wenn es gar über das neue Urheberrecht Gesetzeslage werden sollte, dass ich mit einem Herrn Gursky oder einem Herrn Richter bei einer Ausstellung über eine Vergütung rede.«

 

Die Millionäre unter den Künstlern und, im Gegenzug, die unzähligen Ausstellungsorte wie Galerien und Kunstvereine, die unter ohnehin dürftigen Etats und Umsätzen leiden, sind es denn, die als Argumente in den kommenden Monaten die neu entfachte Debatte begleiten werden. Ob der Zeitpunkt, diese längst schon geführte, kulturpolitische Diskussion ausgerechnet jetzt noch einmal zu eröffnen, richtig ist, wird sich zeigen. Zweifel sind auf jeden Fall angebracht. Denn die bevorstehende Bundestagswahl dürfte zwar allerorten zu Zugeständnissen und allerlei Versprechungen führen, doch wäre der BBK nicht gut beraten gewesen, die Politik erst dann ins Vergütungsboot zu holen, wenn wirklich klar ist, wer fortan für die Gesetzgebung verantwortlich ist? Könnte gut sein, dass wieder einmal alles für die Katz ist.

 

In dieser Ausgabe:
Fortan leitet Ralph Gleis in Berlin die Alte Nationalgalerie (Seite 6). Streit um den Nachlass von August Sander (Seite 8). In diesem Jahr mehr Etat, immerhin 40 Millionen zusätzlich: Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Seite 11). Wien: Essl-Sammlung als Dauerleihgabe für die Albertina (Seite 12). Drei Dutzend Künstler und 7,5 Millionen Euro Budget: Skulptur Projekte Münster (Seite 14). Abschied: Uwe M. Schneede verlässt das Zentrum Kulturgutverluste (Seite 17). Imagepflege per documenta 14: Wie sich Volkswagen als Hauptsponsor einbringt (Seite 18). Nach wie vor hängt der Haussegen im Museum Moyland schief (Seite 19). Nur neun Zeichnungen im 107-minütigen Beuys-Film von Andres Veiel zu sehen (Seite 21). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 621 – Editorial

Informationsdienst KUNST 621

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Wahlkampf-Spiel hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er nicht aufhören mag. Und so gibt sich Donald Trump nun in der Präsidenten-Rolle abwechselnd als Handelskrieger, Folterknecht, Mauerbauer, Subventionskiller oder Pressefresser, ganz nach Lust und Laune. Uns kann das nicht egal sein, obgleich alle recht haben, die daran erinnern, dass »America first!« jetzt bekommt, was es gewählt hat. Gute demokratische Tradition, denke ich. Dabei gilt es durchaus Momente zu bewältigen, in denen man versucht ist, Trump in einem Atemzug mit Erdogan, Putin und den anderen Machthabern dieser Welt zu nennen, die uns nach und nach ins letzte und vorletzte Jahrhundert beamen. Kurzum: Die politische Lage wirkt rückschrittlich, bedrohlich, freiheitsberaubend.

In dieser Situation muss die Kulturszene hellwach reagieren – und gottlob werden es täglich mehr Kreative und ihre Vermittler, die sich zu Wort melden und den Alarmknopf drücken. Allein das dubiose Einreiseverbot, das Trump gegen Bürger aus dem Irak und dem Iran sowie aus Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und dem Sudan ausgesprochen hat, würde den internationalen Kulturaustausch ungeheuer einschränken. Der Deutsche Kulturrat hat die Bundesregierung in der vergangenen Woche, kurz vor der richterlichen Anordnung zur Aufhebung, bereits zur Gegenwehr aufgerufen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann: »Es reicht nicht aus, das von der amerikanischen Regierung verhängte Einreiseverbot nur zu bedauern«.

Auf unserer Branchenseite muss man freilich aufpassen, dass der Protest jetzt nicht die falsche Form findet. Natürlich großartig, wenn sich von Richard Serra über Cindy Sherman bis Richard Prince viele Künstler engagieren und zum Nachdenken anregen wollen. Aber die kursierenden Streik-Ideen machen keinen Sinn, weil es Trump, mit Verlaub, scheißegal ist, ob Christo sein seit ewigen Zeiten geplantes »Over the River«-Projekt in Colorado (siehe Seite 1) realisiert oder nicht. Und es ist ihm, so meine ich, völlig wurscht, ob ein Museum oder eine Galerie vorübergehend schließt oder in den Ateliers der Stillstand herrscht.

Als einst Martin Roth aus London tönte, er hätte, wäre Pegida schon zu seinen Amtszeiten in Dresden unterwegs gewesen, kurzerhand die Staatlichen Kunstsammlungen dichtgemacht, hielt ich sofort dagegen. Denn es ist schlichtweg ein Fehler, die Verweigerungshaltung einzunehmen. Das Gegenteil ist vonnöten: Wir müssen in solchen Zeiten meines Erachtens doppelte Geschwindigkeiten einlegen und den Inhalten und ihrer Vermittlung noch mehr Kraft geben als üblich. Zeigen, was die Kunst beisteuern kann, das hat auf atemberaubend überzeugende Weise im Januar die Schauspielerin Meryl Streep getan. Als ich nachts den Fernseher einschaltete und zufällig ihre Golden-Globe-Rede hörte und sah, wie sie Trumps üblen Angriff gegen einen behinderten Journalisten in Erinnerung rief, kamen mir die Tränen. Es waren Tränen der Empörung, der Wut, wie herzlos dieser Kerl seinen Job macht.

Dass er vor ewigen Zeiten schon negativ auffiel, weil er, der Banause, sich über Gegenwartskunst lustig machte und zu Hause überwiegend kopierte Impressionisten an die Wände dübeln ließ, weiß man. Aber dass Trump den ganzen Stuss, den er im Wahlkampf verbreitete, nun tatsächlich, Dekret für Dekret, in die Welt wirft, hätte man nicht glauben wollen. Aber, leider, wir müssen uns jetzt darauf einstellen, dass »America first!« fortan kein verlässlicher Freiheitspartner mehr ist. Das werden wir nach und nach auch in Europa spüren. In dieser Schieflage müsste die Kunst selbst an Bedeutung zunehmen, hoffe ich. Wenigstens eine gute Nachricht.

In dieser Ausgabe:
Zum 85. Geburtstag eine Ausstellung im Museum Ludwig, Köln – Gerhard Richter feiert standesgemäß (Seite 2). Olafur Eliasson und Christian Jankowksi als Berlinale-Juroren (Seite 4). Hinter verschlossenen Türen: Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages irritiert (Seite 5). Münster: Engagierter Kunstvereinsprotest gegen AfD-Feier (Seite 8). Zürich: Streit um Heidi Webers Centre Le Corbusier (Seite 9). Erinnerung an Hanne Darboven: Neues Dokumentationszentrum (Seite 12). Staatsrat Carsten Brosda als Kultursenator in Hamburg (Seite 13). Markt-Check Juergen Teller (Seite 15). Neo Rauch im Kino (Seite 17). Schlichtweg zu alt? 3sat-Magazin »Kulturzeit« feuert Moderatorinnen (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 621 – Editorial

Informationsdienst KUNST 621

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, das Wahlkampf-Spiel hat ihm so viel Spaß gemacht, dass er nicht aufhören mag. Und so gibt sich Donald Trump nun in der Präsidenten-Rolle abwechselnd als Handelskrieger, Folterknecht, Mauerbauer, Subventionskiller oder Pressefresser, ganz nach Lust und Laune. Uns kann das nicht egal sein, obgleich alle recht haben, die daran erinnern, dass »America first!« jetzt bekommt, was es gewählt hat. Gute demokratische Tradition, denke ich. Dabei gilt es durchaus Momente zu bewältigen, in denen man versucht ist, Trump in einem Atemzug mit Erdogan, Putin und den anderen Machthabern dieser Welt zu nennen, die uns nach und nach ins letzte und vorletzte Jahrhundert beamen. Kurzum: Die politische Lage wirkt rückschrittlich, bedrohlich, freiheitsberaubend.

In dieser Situation muss die Kulturszene hellwach reagieren – und gottlob werden es täglich mehr Kreative und ihre Vermittler, die sich zu Wort melden und den Alarmknopf drücken. Allein das dubiose Einreiseverbot, das Trump gegen Bürger aus dem Irak und dem Iran sowie aus Jemen, Libyen, Somalia, Syrien und dem Sudan ausgesprochen hat, würde den internationalen Kulturaustausch ungeheuer einschränken. Der Deutsche Kulturrat hat die Bundesregierung in der vergangenen Woche, kurz vor der richterlichen Anordnung zur Aufhebung, bereits zur Gegenwehr aufgerufen. Geschäftsführer Olaf Zimmermann: »Es reicht nicht aus, das von der amerikanischen Regierung verhängte Einreiseverbot nur zu bedauern«.

Auf unserer Branchenseite muss man freilich aufpassen, dass der Protest jetzt nicht die falsche Form findet. Natürlich großartig, wenn sich von Richard Serra über Cindy Sherman bis Richard Prince viele Künstler engagieren und zum Nachdenken anregen wollen. Aber die kursierenden Streik-Ideen machen keinen Sinn, weil es Trump, mit Verlaub, scheißegal ist, ob Christo sein seit ewigen Zeiten geplantes »Over the River«-Projekt in Colorado (siehe Seite 1) realisiert oder nicht. Und es ist ihm, so meine ich, völlig wurscht, ob ein Museum oder eine Galerie vorübergehend schließt oder in den Ateliers der Stillstand herrscht.

Als einst Martin Roth aus London tönte, er hätte, wäre Pegida schon zu seinen Amtszeiten in Dresden unterwegs gewesen, kurzerhand die Staatlichen Kunstsammlungen dichtgemacht, hielt ich sofort dagegen. Denn es ist schlichtweg ein Fehler, die Verweigerungshaltung einzunehmen. Das Gegenteil ist vonnöten: Wir müssen in solchen Zeiten meines Erachtens doppelte Geschwindigkeiten einlegen und den Inhalten und ihrer Vermittlung noch mehr Kraft geben als üblich. Zeigen, was die Kunst beisteuern kann, das hat auf atemberaubend überzeugende Weise im Januar die Schauspielerin Meryl Streep getan. Als ich nachts den Fernseher einschaltete und zufällig ihre Golden-Globe-Rede hörte und sah, wie sie Trumps üblen Angriff gegen einen behinderten Journalisten in Erinnerung rief, kamen mir die Tränen. Es waren Tränen der Empörung, der Wut, wie herzlos dieser Kerl seinen Job macht.

Dass er vor ewigen Zeiten schon negativ auffiel, weil er, der Banause, sich über Gegenwartskunst lustig machte und zu Hause überwiegend kopierte Impressionisten an die Wände dübeln ließ, weiß man. Aber dass Trump den ganzen Stuss, den er im Wahlkampf verbreitete, nun tatsächlich, Dekret für Dekret, in die Welt wirft, hätte man nicht glauben wollen. Aber, leider, wir müssen uns jetzt darauf einstellen, dass »America first!« fortan kein verlässlicher Freiheitspartner mehr ist. Das werden wir nach und nach auch in Europa spüren. In dieser Schieflage müsste die Kunst selbst an Bedeutung zunehmen, hoffe ich. Wenigstens eine gute Nachricht.

In dieser Ausgabe:
Zum 85. Geburtstag eine Ausstellung im Museum Ludwig, Köln – Gerhard Richter feiert standesgemäß (Seite 2). Olafur Eliasson und Christian Jankowksi als Berlinale-Juroren (Seite 4). Hinter verschlossenen Türen: Der Ausschuss für Kultur und Medien des Deutschen Bundestages irritiert (Seite 5). Münster: Engagierter Kunstvereinsprotest gegen AfD-Feier (Seite 8). Zürich: Streit um Heidi Webers Centre Le Corbusier (Seite 9). Erinnerung an Hanne Darboven: Neues Dokumentationszentrum (Seite 12). Staatsrat Carsten Brosda als Kultursenator in Hamburg (Seite 13). Markt-Check Juergen Teller (Seite 15). Neo Rauch im Kino (Seite 17). Schlichtweg zu alt? 3sat-Magazin »Kulturzeit« feuert Moderatorinnen (Seite 18). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 620 – Editorial

Informationsdienst KUNST 620

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, mit der Kunst im öffentlichen Raum haben wir seit langem ein Problem, das ungeheuer heikel erscheint, politisch kaum zu bewältigen sein dürfte. Denn jeder weiß, was Sache ist, aber kaum jemand traut sich, das Thema anzusprechen, weil die Gefahr groß ist, in den Verdacht der Bilderstürmerei zu geraten. Genauer: Was irgendwann, in den Sechzigern, Siebzigern oder frühen Achtzigern, damals als progressive Öffnung und sogenannte Kunst am Bau, in den öffentlichen Raum gerückt wurde, wirkt heute oft obsolet, völlig dekorativ und neben den brennenden Fragen der Gegenwart platziert, also schlichtweg deplatziert.

Man möchte es am liebsten abräumen und entsorgen, aus dem gesellschaftlich längst anderweitig entwickelten Kontext holen. Zumal viele dieser Kunstwerke aus tonnenschwerem Stahl oder Stein geformt sind, große Flächen belegen, raumgreifend wirken, hätte man größte Lust, endlich Entscheidungen zu treffen: Diese oder jene Skulptur ins nächste Museum geben oder in den Kunsthandel; vielleicht auch das eine oder andere Stück zerlegen, das Material dem Kreislauf der Dinge zuführen. Doch stopp: Das wäre letztlich Zerstörung, oder? Wer sollte da mitmachen, obgleich der Besitzer eines Kunstwerks, rein juristisch, sein Eigentum durchaus vernichten darf; Urheberrecht hin oder Moral her? Das ist nicht vermittelbar, das provoziert Widerstand. Unvergessen eine Frankfurter Debatte, vor langer Zeit schon.

Also wird weiter ängstlich hin- und hergeschoben, wenn eine Skulptur im Weg steht, wenn ein Relief an einer Hauswand stört, ob formal oder längst auch inhaltlich. Dabei hat sich inzwischen die Gegenwartskunst selbst klein und beweglich gemacht. Temporäre Interventionen, wo früher was möglichst hoch stand oder beharrlich in die Breite zielte und Pflege erforderte; Kampf gegen den Vandalismus. Mitunter heute auch Performatives, ein paar Stunden oder Wochen lang: Eingriffe ins Stadtbild, in den Alltag, kollektives Einwirken in die öffentliche Wahrnehmung – und schnell wieder weg, raus. Nur eine Dokumentation hinterlassend oder, besser noch, ein paar Erinnerungen an das, was Kunst zu leisten imstande ist. Überwiegend der richtige Schritt in die richtige Richtung.

Eine spezielle Sparte der Kunst im öffentlichen Raum, die Erinnerungskultur, verzichtet freilich hartnäckig auf sinnvolle Schrumpfungsprozesse und auf zeitlich begrenzte bildnerische Maßnahmen. Erinnerungskultur, so wollen es vor allem die Politiker und die Architekten des Stadtraums, soll Gedenk- oder Mahnmal-Charakter haben, sich langfristig behaupten, also stabil gebaut sein, und sie darf, natürlich, kostenintensiv ausfallen. Da stehen auch kurzfristig ein paar Milliönchen zur Verfügung, weil die deutsche Seele glaubt, für die Schandtaten vorausgegangener Generationen ewig zahlen zu müssen, weil man für jede Minderheit und jedes Großereignis ein Kunstwerk errichten möchte – und dabei den kostbaren städtischen Raum auf Jahrzehnte hinaus blockiert. Ein Drama.

Dass das alles anders geht, zeigt ein echt gewachsenes, ein aus der Bürgerschaft und der gemeinsamen Trauer heraus entwickeltes Gedenkfeld in Berlin, Breitscheidplatz, wo kurz vor Weihnachten ein Attentäter, ein »Soldat des Islamischen Staates«, elf Weihnachtsmarkt-Besucher und einen Lkw-Fahrer tötete sowie Dutzende Berliner und Touristen teils schwer verletzte. Mit Blumen, unglaublich vielen Kerzen, Fotos, Schildern und mit persönlichen Gegenständen haben die Menschen eine Installation entstehen lassen, die stärker und authentischer als jedes noch so gute, klassische Kunstwerk wirkt, die aber auch im Laufe der Zeit ihre Vergänglichkeit demonstrieren wird, während die Erinnerung bleibt. Kunst im öffentlichen Raum – wie sie überzeugender kaum ausfallen kann.

In dieser Ausgabe:
Die Serota-Nachfolgerin in Londons Tate, Maria Balshaw, kommt aus der Provinz (Seite 5). Berlin: Monika Grütters, BKM, strebt kein eigenes Ministerium an (Seite 7). documenta-Kommunikationschefin Henriette Gallus empfiehlt Geduld (Seite 8). Ex-Kulturstaatssekretär Tim Renner möchte Kulturausschuss-Vorsitzender des Deutschen Bundestages werden (Seite 10). Gerücht am Rhein: Der in Düsseldorf geborene Udo Kittelmann könne sich für die Leitung der Kunstsammlung NRW interessieren (Seite 11). Auctionata-Chef Thomas Hesse kämpft gegen den drohenden Untergang (Seite 12). Hamburgs genialer Kaufmann Stefan Brandt verlässt die Kunsthalle (Seite 14). Markt-Check Raimund Kummer (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 619 – Editorial

Informationsdienst KUNST 619

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in den zurückliegenden Tagen werden Sie gewiss ebenfalls viel Zeit im Lese-Sessel verbracht haben. Zum Jahreswechsel, wenn die Branche zur Ruhe kommt, kann man sich endlich mal ausgiebig den Büchern und Magazinen widmen, die in der Hektik der üblichen Kunst- und Vermittlungsgeschäfte liegen bleiben. Zeit für Lektüre, Zeit zum Sinnieren. Erwartungsvoll habe ich beispielsweise durch die Januar-Ausgabe von »Cicero« geblättert, weil dort bereits auf dem Cover »Die 500 wichtigsten Intellektuellen« angekündigt sind. Obgleich ich bekanntlich kein Freund dieser überall gepflegten Rankings bin (siehe ID 618, Seite 7), wollte ich wissen, wer denn aus unserer Familie unter den einflussreichen Denkern zu finden ist – und auf welchem Platz.

Bis ich den ersten Namen entdeckte, der explizit der Kunst-Szene zuzuordnen ist, dauerte es. Auf der sechsten Seite des Beitrags endlich, wie eine Erlösung, Peter Weibel auf Platz 76. Dann elf – ja, nur elf von 500 – weitere uns allen bekannte Persönlichkeiten aus der Kunst, darunter Hermann Parzinger (Platz 143), Horst Bredekamp (187) und Werner Spies (391). Viele der anderen Namen mag man nur in Verbindung mit sich prompt aufdrängenden Fragen wahrnehmen: Ist Hans Ulrich Obrist (Platz 242) so viel klüger als Boris Groys (Platz 492)? Ich mag es nicht glauben. Oder: Ist Hans Belting (Platz 324) wirklich unbedeutender als Wolfgang Ullrich (Platz 163)? Und gibt es zwischen Florian Illies (Platz 114) und Niklas Maak (Platz 484) tatsächlich so viel Abstand, wenn es ums Intellektuelle geht? Und: Bazon Brock nur auf Rang 227, irgendwo in der Mitte des Rankings, hinter teils fragwürdigen Stimmungsmachern wie Thilo Sarrazin (Platz 5) und Jan Böhmermann (Platz 115)?

Überhaupt: Verdammt viele Dünnbrettbohrer im »Cicero«-Ranking, zusammengestellt vom Kommunikationsberater Max A. Höfer. Von Benjamin von Stuckrad-Barre (Platz 49) und Charlotte Roche (112) über Matthias Matussek (200) und Sarah Kuttner (320) bis zu Moritz von Uslar (387) und Alexander von Schönburg (434). Die Schmerzgrenze erreicht Höfer freilich erst dann, wenn er seinen Auftraggeber, Christoph Schwennicke, einen der beiden »Cicero«-Verleger, noch in allerletzter Minute ins Ranking schmuggelt, auf Platz 485. Obgleich auf Seite 16 dieser Ausgabe mit einer einspaltigen Meldung zur »Methode des Cicero-Rankings« der Eindruck erweckt wird, es gehe mit rechten Dingen zu, bleiben die Kriterien der Rang-Folge im Dunkeln. Einzig der Hinweis tröstet, dass Höfers Liste die »öffentliche Deutungsmacht« abbilde, was bedeutet, dass Obrist doch nicht schlauer als Belting und Groys sein muss, wenngleich er vor den beiden gelistet wurde.

Klartext: Obwohl »Cicero«, das Magazin für politische Kultur, gerne so tut, als ginge es um Inhalte, um Wahrheiten, um tief- und hintergründiges Denken, lässt es sich im Sog einer auch in Blättern wie »Gala« oder »Bunte« überbordend gefeierten Promi-Verehrung auf ein Spiel ein, das allenfalls kommuniziert, wer wie oft mit seinen provokativen oder gar schwachsinnigen Thesen irgendwo zitiert wird. Also Quantität vor Qualität. Und so muss sich letztlich niemand wundern, warum viele umtriebige Leichtgewichte hierzulande vermeintlich das Sagen haben und vorn im Ranking zu finden sind.

Das »Cicero«-Beispiel mag für eine Entwicklung stehen, die nicht mehr aufzuhalten ist, die uns aber alle in die Pflicht nehmen sollte, wenigstens dann und wann tüchtig gegenzusteuern. Wir müssen darauf achten, dass die wahren Meinungsmacher und Debattenführer zu Wort kommen, dass nicht Internet-Präsenz mit Debatten-Substanz verwechselt wird. Und, ja: Fördern wir, wo immer es uns möglich ist, die mutigen Querdenker, die alles infrage stellen – aus der Sache heraus, nicht wegen des zuwartenden Erfolgs, wenn man sich – wie Sarrazin und Böhmermann – populistisch durch die Medien schmust. Ein Vorsatz für 2017, mein Vorsatz.

In dieser Ausgabe:
Berliner Terror-Lastwagen ins Haus der Geschichte – eine umstrittene Idee (Seite 3). Hamburger Kunstvereinsausstellung dank einer Schweizer Privatbank, die Geldwäscher unterstützt haben soll (Seite 7). Köln: Weitere Verzögerungen in Sachen Wallraf-Richartz-Museum (Seite 9). Plan bleibt bestehen: Museum Europäischer Kulturen soll Neubau am Kulturforum in Berlin erhalten (Seite 10). In Düsseldorf bezieht die »ZERO foundation« ein neues Domizil (Seite 12). Suspekt: Wen der Lotto-Stiftungsrat schon beim schlichten Planen unterstützt (Seite 13). Experten-Diskussion zur Idee des globalen Museums (Seite 15). Frankfurt: Luminale ohne Helmut M. Bien (Seite 18). Acht Nachrufe (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 618 – Editorial

Informationsdienst KUNST 618

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, zum Jahresausklang und folglich kurz vor Weihnachten dachte ich, Sie mit einem versöhnlichen, besinnlichen Editorial grüßen und in die bald kommenden Ferien- und Feiertage verabschieden zu können, doch mit brennender Sorge muss ich Ihnen von einem Vorgang berichten, der für mich eine Art Schlüssel-Erlebnis darstellt, wie zufällig und konzeptionslos so manches in der Politik vonstattengeht. Dabei stehen oftmals Millionen auf dem Spiel, Steuergeld, versteht sich.

Zur Sache: Ich glaubte, meinen Augen nicht zu trauen, als ich vor Tagen lesen musste, dass weder Monika Grütters noch Neil McGregor den Platz vor dem Humboldt Forum mit jener fragwürdigen Kolonnaden-Rekonstruktion schmücken wollen, für die der Haushaltsausschuss des Deutschen Bundestages in allerletzter Planungsminute 2017 18 Millionen Euro zur Verfügung gestellt hat. Die Recherche zeigte, dass der Etatposten in der Tat auch nicht im Haushalt der Kulturstaatsministerin gelandet war. Aber wo dann, so fragte ich mich.

Naheliegend, dass Bundesbauministerin Barbara Hendricks, SPD, zugegriffen hat oder das ihr vom Haushaltsausschuss kurzerhand Zugeschobene dankbar nahm, so die Vermutung. Es ist nicht zum ersten Mal, dass das mächtige Gremium unter der Regie des Hamburger Bundestagsabgeordneten Johannes Kahrs, ebenfalls SPD, eine eigene Politik macht, in diesem Fall eine Art Platz-Politik in Berlin. Überaus befremdlich, so muss man vor allem auch deshalb sagen, weil sich auf meine Nachfrage bei Hendricks herausstellte, dass sie jene 18 Millionen gar nicht haben wollte. »Die Kolonnaden standen nie auf der Wunschliste«, so heißt es klipp und klar. Folglich kann die Ministerin auch nicht mit einem Konzeptpapier dienen.

»Bis der Haushaltsausschuss das Freiheits- und Einheitsdenkmal auf dem Sockel des früheren Kaiser-Wilhelm-Nationaldenkmals gestoppt hatte, hatten wir nur dieses als Bauvorhaben der Bundesbauverwaltung an diesem Standort auf dem Programm«, erläuterte mir ein Ministeriumssprecher. Aber war dieses Freiheits- und Einheitsdenkmal nicht aus finanziellen Gründen im einstelligen Millionen-Bereich von den Haushältern gestrichen worden? Waren es vier Millionen? Und nun haben genau diese Politiker um Johannes Kahrs plötzlich 18 Millionen für diese historisierende Entbehrlichkeit zur Verfügung? Das kann doch alles nicht wahr sein. Ist es aber.

Meine Hoffnung gilt nun dem Land Berlin und der neuen rot-rot-grünen Regierung. Wenn die Landespolitiker sich querstellen, deutlich erklären, dass sie – wie Grütters und ihr Humboldt-Intendanten-Sprecher – die Wiedererrichtung der Kolonnaden ablehnen, dann fließen die Millionen in den Bundestopf zurück oder bleiben dort und werden hoffentlich für etwas Sinnvolles ausgegeben. Genug historisch anmutender Fassaden-Schnickschnack auf dem Berliner Schlossplatz, genug Kulisse.

Nach vorn schauen, die Gegenwart begreifen, so sollte die Devise lauten. Dem Haushaltsausschuss muss man meines Erachtens obendrein für diesen absurden Alleingang einen Denkzettel verpassen. Es kann doch nicht sein, dass wir mittlerweile nicht mehr wissen, wohin mit den vielen Steuermillionen, die der Finanzminister einspielt. Es darf einfach nicht sein, dass Projekte bereits finanziert sind, bevor sie wirklich konzipiert werden und mehrheitsfähig erscheinen.

Bau- oder Kulturpolitik, ohnehin in anderen Ressorts der Bundesregierung angesiedelt, im Ruck-Zuck-Verfahren und ohne Sachkenntnis mit dem Scheckbuch zu machen, wie das Johannes Kahrs und seine Mittäter gerade praktiziert haben, ist schichtweg ein Skandal. Höchste Zeit, im Bundestag mal über den Größenwahn im Haushaltsausschuss zu debattieren. Ein Fall für 2017, im Hinblick auf den Haushalt 2018, der allerdings, dank der Bundestagswahl im kommenden Jahr, schon von einem personell anders besetzten Ausschuss beschlossen wird.

In dieser Ausgabe:
Schöne Bescherung dank Sammler-Ehepaar Ulla und Heiner Pietzsch (Seite 4). Lauter Verlierer: Verspätete Statements zur umstrittenen Schau mit Werken von Anselm Kiefer in Peking (Seite 5). Endlich abschaffen, bitte: »Kunstkompass« (Seite 7). Von Salzburg nach Krems: Sammlung MAP (Seite 8). Winterthur: Fragwürdige Bohrlöcher für Donald Judd (Seite 10). In Palermos Mafia-Asche soll die Manifesta 2018 stattfinden (Seite 12). Die clowneske Seite von Paula Modersohn-Becker im Film (Seite 12). Wie George Condo scheiterte (Seite 14). Weihnachtsgruß von Manfred Rettig fürs Humboldt Forum (Seite 16). Leiterin des Polnischen Instituts in Berlin mit sofortiger Wirkung geschasst (Seite 16). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 617 – Editorial

Informationsdienst KUNST 617

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, immer dann, wenn das Jahresende naht, geht’s ans Eingemachte, ums Ganze. Manche Institutionen haben alles ausgegeben, überbrücken die letzten Wochen mehr oder weniger ohne Etat, andere jammern, dass das kommende Jahr nur ein Sparprogramm erwarten lässt, weil die Haushaltslage dramatisch sei. Man kennt das, man weiß, dass Ängste und Unsicherheiten in den Museen oft beinahe zum Stillstand führen, allemal planerisch, und nach Monaten der Lähmung in den Amtsstuben folgt nicht selten die nächste Ernüchterung, weil Kaufleute und Kuratoren erkennen müssen, dass Ausstellungen und andere Projekte nicht im Schnellgang zu realisieren sind, wenn dann endlich die Etats freigegeben sind. Und mancherorts, auch das noch, muss man sich gleichwohl schon wieder tüchtig beeilen, weil bis zum Jahresende nicht ausgegebenes Geld verlorenes Geld ist und beispielsweise in den Stadtsäckel zurückfließen muss. Die vermaledeite Kunst der Kameralistik.

In dieser Situation und weil die Zuwendungen der öffentlichen Hand für ihre Museen ohnehin nicht reichen, ist es unumgänglich, dass sich Museumsdirektoren und ihre Partner in der Geschäftsführung, die Betriebswirte, auf die Wirtschaft verlassen können, auf kunstsinnige Unternehmen, die unter dem Deckmantel des Sponsoring viel für die Kunst und ihre Statthalter tun, die eigentlich Mäzene sind. Dass diese Engagements seit Jahren auf hohem Niveau stattfinden, erklärt sich zweifelsfrei aus der Tatsache, wer in diesen Firmen die Weichen in Sachen Kulturförderung stellt.

Es handelt sich durchweg um überaus qualifizierte Persönlichkeiten, Fachleute, die Kunstgeschichte oder Kulturwirtschaft studiert haben und international gut vernetzt sind. Friedhelm Hütte, Deutsche Bank, gehört dazu, aber auch Thomas Girst, BMW, selbstverständlich Benita von Maltzahn, VW, und Dorothee von Posadowsky, E.ON.

Dieses agile Quartett hat, wie sich auf Nachfrage herausstellt, für 2017 längst alle Entscheidungen getroffen. Im kommenden Jahr, in dem die Branche dank documenta und Biennale in Venedig und unzähligen anderen Großausstellungen laufend unterwegs sein wird, gibt es beispielsweise eine Förderung für die Skulpturen-Projekte-Schau in Münster (Deutsche Bank), eine weitere Unterstützung für den Preis der Nationalgalerie in Berlin (BMW), eine Bildungsprogramm-Kooperation (VW) und eine Beteiligung zugunsten der Balthasar-Burkhard-Retrospektive in Essen (E.ON). Natürlich kommen die üblichen Aktivitäten in eigenen Räumen und Programmen hinzu – von den Art Cars bei BMW (etwa mit John Baldessari) bis zur Wanderschau des Künstlers des Jahres (die Deutsche Bank setzt im kommenden Jahr auf Kemang Wa Lehulere, Südafrika).

Bedenkt man, wie umsichtig und diplomatisch diese Unternehmen ihre Kulturförderung kommunizieren, dann erscheint mancher Auftritt in der Politik schlichtweg peinlich – zumal es sich um öffentliche Mittel handelt, die verteilt werden. Skandalöses Beispiel aus der vergangenen Woche: Der aus Hamburg kommende (CDU-)Bundestagsabgeordnete Rüdiger Kruse, Mitglied im Haushaltsausschuss, lässt sich von Geldempfängern und Journalisten feiern, als hätte er 8,2 Millionen Euro Fördergeld für die Rock-, Pop- und Jazz-Förderung 2017 persönlich aufgebracht, aus seinem Privatvermögen. Was ist da los, wie kommt Kruse auf die Schnapsidee, an die Öffentlichkeit zu drängen, wenn es um Kulturpolitik geht? Profilneurose? Verwegene Ambitionen?

Dass der Bund einmal mehr mustergültig Zeichen für Kommunen und Länder setzt und seinen jüngsten Kulturetat in der vergangenen Woche um sage und schreibe 17 Prozent für 2017 (im Vergleich zum laufenden Jahr) erhöht hat, ist sensationell und zeigt zugleich, welchen Stellenwert die Kultur mittlerweile einnimmt. Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die über einen neuen Gesamtetat in Höhe von rund 1,63 Milliarden Euro verfügt, hat seit ihrem Amtsantritt, 2013, über 350 Millionen zusätzlich eingeworben. Knapp 28 Prozent Etat-Steigerung in vier Jahren – welches Land, welche Stadt kann da mithalten?

Kein Wunder, dass zunehmend Stimmen laut werden, das Kultur-Ressort nicht mehr als Abteilung im Bundeskanzleramt zu führen, sondern daraus ein eigenständiges Ministerium zu bilden. Die richtige Antwort dürfte freilich auch im Kontext von Etat-Fragen zu finden sein. Ob ein reines Kultur-Ministerium im übermächtigen Finanz-Ministerium genug Unterstützung finden würde? Immerhin hat der Kultur-Haushalt quasi als Kanzlerinnen-Anhängsel seit 2005, seit der Ära von Angela Merkel, um satte 55 Prozent zugelegt, um mehr als die Hälfte. Erstaunlich, dass Rüdiger Kruse noch nicht eingeladen hat, diese beeindruckende Zahl zum Besten zu geben.

In dieser Ausgabe:
Berlins designierter Kultursenator Klaus Lederer sorgt für Unruhe – wegen der Personalie Chris Dercon (Seite 4). In Dresden fragt man sich, ob Diebesgut durch den Kunsthandel legalisiert werden kann (Seite 5). Kritik iranischer Künstler an der geplanten Teheran-Sammlung-Schau in Berlin (Seite 8). Essen, Folkwang: Tobia Bezzola kann wieder einkaufen (Seite 9). Vom Darling zur Domina: Monika Grütters (Seite 11). Kiefer-Ausstellung: Wer hinter dem Bell Art Center steckt (Seite 13). Galerien-Bundesverband wehrt sich gegen Beltracchi-Reinwaschung (Seite 14). Düsseldorfer Kulturpolitik – ein umfangreiches Thema (Seite 17). Finanzierung gesichert, Konzept offen: Schinkels Bauakademie, Berlin (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 616 – Editorial

Informationsdienst KUNST 616

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, nun haben wir den Salat! Amerika als Trumpistan, die Welt ein noch größeres Pulverfass, von einem Heißsporn dirigiert, der keine Kultur hat und auch gar nicht wissen will, was das ist. Der ungehobelte Kerl, der im Wahlkampf jedem intelligenten Menschen zeigte, aus welchem Holz er grob gehauen ist (siehe auch Seite 5), hat den Amerikanern nichts vorgemacht: Sie wissen, was nun auf sie zurollt. Und in der Folge werden wir nach und nach in Europa spüren, dass sich alles verändert, leider nicht zum Guten hin. Wir müssen mit dem Schlimmsten rechnen, gesellschaftlich, wirtschaftlich, militärisch.

In dieser Situation, die in der vergangenen Woche letztlich doch überraschend kam, weil alle freiheitlich Denkenden auf die demokratische Mitbewerberin setzten, muss man sich um die Zukunft der Kultur sorgen. Und in einem solchen Moment liegt das goldene »Seeking Beauty«-Heft der Vienna Art Week 2016 (bis 20. November) eigenartig antiquiert in der Hand. Kann es jetzt um Schönheit gehen, fragen wir uns, Donald Trump auf allen Bildschirmen und in allen Printsachen vor Augen. Als das Magazin und diese Woche der konzertierten Aktion in Wien geplant wurden, dachte wohl kaum jemand an Politik, schon gar nicht an die Möglichkeit, dass die Suche nach dem Schönen in diesen Tagen weltfremd wirken könnte. Verständlich und zugleich eine Lektion, die uns allen einmal mehr zeigt, dass der ästhetische Faktor nicht unabhängig beleuchtet werden kann.

Schönheit kommt aus der Wahrheit, die alte Lehre; sie entspringt eben nicht dem schönen Schein – all das wird wieder virulent, also relevant, wenn ungeheuer viele prominente Österreicher mit ihren Statements im aktuellen »Art Cluster Vienna«-Magazin aufs dünne Theorie-Eis steigen. »Das Schöne entspricht stets dem Geschmack der Zeit«, so der Kommentar von Agnes Husslein-Arco, noch im Belvedere tätig. »Schönheit in der Kunst war immer auch die Suche nach dem Idealzustand des Körpers und der Seele«, so belehrt Sabine Haag vom Kunsthistorischen Museum. Und »in Zeiten der kühlen digitalen Vermessung aller Lebensbereiche«, so Christoph Thun-Hohenstein, MAK-Direktor, »erwarten wir von der Kunst den Mut, der Schönheit eine neue Chance zu geben.«

Die Beispiele zeigen, wie sehr der Begriff verführt, ihn in einer Parallelwelt zu verorten, die nichts mit Realpolitik zu tun hat, sich in einem solchen Wettkampf auch kaum behaupten könnte. Gottlob hat Nicolaus Schafhausen, Kunsthalle Wien, im Rahmen der Magazin-Umfrage die tagespolitische Kurve gefunden und darauf hingewiesen, dass man derzeit, abgeleitet aus einem entlarvenden Trump-Zitat, »The beauty of me is that I am very rich«, zur Fehleinschätzung kommen könnte, »Geld sei die zeitgenössische Antwort auf die Frage nach dem Wesen der Schönheit«.

Im Gespräch mit dem Philosophen Konrad Paul Liessmann hat Albertina-Chef Klaus Albrecht Schröder in »Seeking Beauty« nebenbei die Frage gestellt, was es Schöneres gäbe als »einen geschundenen Leib von Grünewald«. Eine solche Überlegung passt natürlich ins Land der schönen Leichen und Neurosen, die Österreicher haben dafür bekanntlich eine Schwäche, doch zugleich richtet sich auf dem dialektischen Bogen des Schönen und Hässlichen die Wahrnehmung automatisch nach Amerika und zu Trump. Sollte es in wenigen Jahren so sein, dass wir dessen Geschmacklosigkeiten zum neuen Maßstab einer Werte-Kette nehmen, die sich seit Generationen immer wieder verfärbt? Müssen wir fürchten, dass der neue Ton zwischen Rostrot und Blutrot liegen wird? Nicht auszuschließen, wirklich nicht.

In dieser Ausgabe:
US-Künstler bereuen nach Trump-Triumph die Vernachlässigung der Provinz (Seite 5). Luxemburg: Aus für Museumsdirektor Enrico Lunghi nach TV-Skandal (Seite 7). Schweiz: Winterthur verliert Sammlung Hahnloser/Jaeggli an Bern (Seite 9). Die ehemalige Limbach-Kommission formiert sich neu (Seite 9). Nun doch verschoben: Ausstellung »Teheran Sammlung« in Berlin (Seite 11). Francesca von Habsburg und ihre Planungen (Seite 13). Wegen Türkei: Appell der Kulturszene an Angela Merkel (Seite 14). Kunst-Buch des Jahres: Es stammt von Marina Abramovic (Seite 15). Berlin: Opernhaus-Etat fürs Humboldt Forum (Seite 17). Markt-Check Ulay (Seite 18). In den Kinos: Der Film über Robert Mapplethorpe (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 615 – Editorial

Informationsdienst KUNST 615

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als Stadtmenschen wissen Sie es: Im Rampenlicht und in den Schlagzeilen sind Referenten und Dezernenten laufend zu finden. Außerhalb der Kommunen, auf Länderebene, machen sich die Staatssekretäre und Kultusminister bemerkbar. Nicht zuletzt wirbelt vom Bundeskanzleramt aus die Kulturstaatsministerin den Kulturbetrieb auf, so dass es bisweilen so scheint, als sei Kultur in Deutschland ausschließlich Politiker-Sache. Dabei wäre dieser kulturpolitische Einsatz nicht machbar oder vonnöten, würden nicht Tausende von Künstlern und ihre direkten Vermittler, nämlich Galeristen, Kunstvereinsleiter, Kritiker, Museumsleute, auch Privatsammler, tagein und tagaus an Produktion, Rezeption und Distribution arbeiten. Das wird leicht vergessen.

Im Geflecht dieser Bemühungen und meist im publizitätsscheuen Hintergrund wirken unzählige Lobbyisten, die im Allgemeinen den Vorteil genießen, im Gegensatz zu den amtierenden Politikern schnell abtauchen zu können, wenn es unangenehm wird. Lassen sich dagegen Lobbying-Erfolge verbuchen, dann knallen die Champagner-Korken in den jeweiligen Verbänden. Im Moment jedoch, so hört man aus verschiedenen Vereinsheimen der Kultur, gibt’s keinen Grund zum Feiern, gar zum gemeinsamen. Denn es herrscht dicke Luft dort, wo eigentlich Eintracht zugunsten kollektiver Kulturförderungsbestrebungen herrschen sollte.

Als vor kurzem der Deutsche Kunstrat in Berlin tagte, der vor über 60 Jahren gegründete Verein, der zunächst direkt durch das Auswärtige Amt finanziert wurde, der inzwischen unter der Obhut des Instituts für Auslandsbeziehungen steht, wurden teils ernüchternde Statements vorgetragen. So erklärte die Geschäftsführerin des Bundesverbandes der Deutschen Galerien und Editionen, Birgit Maria Sturm, dass sie mittlerweile ihrem eigenen Verband gegenüber die Mitgliedschaft im Kunstrat rechtfertigen müsse, weil dort »keine freie Diskussion möglich sei«, wie es im Protokoll heißt.

Die harsche Sturm-Kritik bezog sich offenbar auf die Tatsache, dass Olaf Zimmermann, der Geschäftsführer des 1981 als »Dachverband der Dachverbände« gegründeten Deutschen Kulturrates (zu dem auch die Sektion Deutscher Kunstrat gehört), wiederholt Beamte aus dem Umfeld der Kulturstaatsministerin eingeladen habe, als es um das umstrittene Kulturgutschutzgesetz (KGSG) ging. Und Zimmermanns Pressemitteilungen nach der KGSG-Verabschiedung seien, so wörtlich, niederträchtig gewesen. Die Breitseite gegen den im kommenden Jahr bereits seit 20 Jahren in dieser Funktion tätigen Olaf Zimmermann erreichte zweifellos ihren Höhepunkt, als ihm im Zusammenhang mit Überlegungen zur Zukunft des Gremiums unterstellt wurde, nicht glaubwürdig zu sein, weil er »auf der pay-roll der Kulturstaatsministerin« stehe.

Olaf Zimmermann, so flüstern Kunstrat-Mitglieder, soll die ihm zugetragene Attacke sanft abgeschmettert und seine persönliche Teilnahme an der nächsten Kunstrat-Mitgliederversammlung angekündigt haben. Dort, so hört man, will er kommunizieren, dass er die Geschäftsstelle des Kulturrates gar nicht führen könne, wäre er auf die Mitgliederbeiträge angewiesen. Er müsse stets Projektmittel beim Bund beantragen, etwa für Politikberatung. Er selbst und auch sämtliche Mitarbeiter des Deutschen Kulturrates würden ihre Gehälter vom Verein Deutscher Kulturrat beziehen.

Unabhängig von dieser Haarspalterei, ob das Geld direkt oder nur indirekt aus dem Bundeskanzleramt kommt, stellt sich die Frage, ob der aktuelle Sturm-Zimmermann-Konflikt nicht ein warnendes Beispiel für eine sich immer mehr verselbstständigende Verbandspolitik ist, die von zunehmender, gegenseitiger Lähmung geprägt erscheint (im Deutschen Kulturrat sind mittlerweile rund 250 Organisationen vertreten). Natürlich ist’s demokratisch, politisch korrekt, wenn viele Kulturleute im besten Fall an einem gemeinsamen Strang ziehen, aber ist er, der einsame Lobbyist, im Berliner Politalltag nicht wirkungsvoller als die eingetragene Vereinskultur? Im Hickhack auf Geschäftsführer-Ebene ist man geneigt, das zu glauben.

In dieser Ausgabe:
Der künstlerische documenta-Leiter, Adam Szymczyk, auf Platz zwei der »Power 100«-Liste (Seite 4). Berlin: Teheran-Ausstellung trotz des Rücktritts des iranischen Kulturministers, Ali Jannati, nicht gefährdet (Seite 6). Herzog & de Meuron bauen das »Museum des 20. Jahrhunderts«, Kollege Braunfels stänkert (Seite 7). Sensation am Rhein: Aus der Art.Fair wird die Art Düsseldorf (Seite 9). Kunstschmuggel: Der Fall Urs E. Schwarzenbach (Seite 11). Isabel Pfeiffer-Poensgen und die Ankäufe der Kulturstiftung der Länder (Seite 12). Was Philipp Kaiser im Schweizer Pavillon der Venedig-Biennale plant (Seite 13). Markt-Check George Condo (Seite 18). Der Sammler Reinhard Ernst und Wiesbaden (Seite 21). Impressum (Seite 25).

 

Informationsdienst KUNST 614 – Editorial

Informationsdienst KUNST 614

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wann gab es jemals so viel Konfusion, ein solches Hin und Her, wenn ein Projekt dieser Größenordnung kommuniziert werden wollte? Am Ende, so scheint es, sind drei Reputationsbeschädigungen zu beklagen, auch die Gefahr, dass den Staatlichen Museen zu Berlin ein Spitzen-Mäzen für immer verloren geht. Die gute Nachricht dagegen: Die Stiftung Preußischer Kulturbesitz, stets um die strukturelle Verbesserung ihrer Museumslandschaft bemüht, darf sich über einen Gebäude-Zuwachs freuen, der ihr am Berliner Kupfergraben ein Bildungszentrum beschert, quasi zum Null-Tarif.

Denn der Sammler und Händler Heiner Bastian sowie seine Frau Céline und sein Sohn Aeneas haben das vor zehn Jahren für sie von David Chipperfield gebaute, knapp 2000 Quadratmeter Bruttogeschossfläche bietende Galerien-Haus bedingungslos verschenkt, und es soll nun spätestens Anfang 2018 als eine Art Schulungszentrum für das Vor- und Nachbereiten von Museumsbesuchen zur Verfügung stehen. Eine außerordentlich großzügige Geste, die Herman Parzinger, den Stiftungspräsidenten, zu besonderer Dankbarkeit veranlasste: »Eine Liebeserklärung an die Museumsinsel, die uns von Herzen freut; ein großer Tag für die Stiftung und die Staatlichen Museen.«

Vorausgegangen waren längere Verhandlungen zwischen Bastian und Parzinger, aber auch mit dem Unternehmer und Sammler Reinhold Würth, der noch eine Woche vor dem 6. Oktober, als plötzlich diese Schenkung publik wurde, als Hauptdarsteller in einem mäzenatischen Schauspiel höchster Kategorie gefeiert wurde. Doch über Nacht und womöglich auch wegen der zahlreichen Presse-Reaktionen, die vor allem Würth ehrten, entschied Familie Bastian, den zuvor ausgeklügelten Deal für nichtig zu erklären und mit dem Verzicht auf das angekündigte Zusammenspiel mit Würth erneut an die Öffentlichkeit treten zu wollen.

Zunächst war nämlich, wie im Informationsdienst KUNST 613 berichtet (Seite 8, Seite 18), zwischen den drei Partnern vereinbart worden, dass Würth das Haus zu etwa knapp der Hälfte eines gutachterlich geschätztes Betrages in Höhe von rund 15 Millionen Euro erwirbt, ein paar Milliönchen für Umbau- und Umnutzungsmaßnahmen dazu packt, auch für den Betriebsstart des »Reinhold Würth Zentrum für kulturelle Bildung und Vermittlung im Haus Bastian«. Und Familie Bastian, so war es formuliert, sollte »im Verzicht auf jeden Gewinn« letztlich nur den Baupreis erstattet bekommen. Nach unbestätigten Hintergrund-Informationen wären das weniger als sieben Millionen gewesen.

Auf diesen Betrag verzichten die Bastians nun, weil sie ihr Haus eben nicht mehr verkaufen wollen, wie zunächst vereinbart. Ob sie freilich jetzt, wo das Verwirrspiel ganz Berlin beschäftigt und kolportiert wird, Heiner Bastians Eitelkeit habe es nicht ertragen, dass das von Chipperfield und ihm mit viel Herzblut geplante Gebäude künftig den Namen Würth tragen sollte, noch jene öffentliche Anerkennung erfahren, die sie wohl suchen, bleibt fraglich. Auch die Stiftung selbst steht blamiert dar, weil sie innerhalb von sechs Tagen zwei völlig unterschiedliche Pressemitteilungen zu einer Schenkungssache verbreiten musste und in der zweiten Drucksache bewusst oder arglos vergaß, unmissverständlich zu erläutern, warum Reinhold Würth, der rund zwölf Millionen Euro für Berlin spendieren wollte, kurzerhand ausgeladen wurde.

In der Würth-Zentrale gibt man sich souverän, aber ob man’s wirklich ist? »Wir wurden überrascht«, sagt Unternehmenskommunikationschefin Maria Theresia Heitlinger, und es klingt so, als sei der Vorgang noch nicht abgeschlossen. Darauf hoffen, aus Sicht der Preußen-Stiftung, natürlich auch Parzinger und Kulturstaatsministerin Monika Grütters, die jetzt zusammen den doppelten Salto versuchen müssen. Einerseits Bastian danken, andererseits den nun aus nachvollziehbaren Gründen reichlich verschnupften Würth bei mäzenatischer Laune halten. Ob es gelingt, ihn, den nicht vorsätzlich, aber eben doch Düpierten, für ein anderes Engagement zu gewinnen, etwa im Humboldt Forum? Zu wünschen ist es. Und ein starkes Argument haben Grütters und Parzinger zudem: Dort wäre künftig noch mehr Aufmerksamkeit garantiert als am Kupfergraben.

In dieser Ausgabe
Aufwärtstrend für die Beirut Art Fair (Seite 6). Zufriedenstellende Bilanz der Londoner Frieze Fairs (Seite 7). Hermann Parzinger plädiert für Architekturmuseum in Berlin (Seite 7). Michael Schultz verwandelt denkmalgeschützte Kant-Garagen in ein Kunsthaus (Seite 8). Die Galerie Hauser & Wirth betreut nun auch den Nachlass Arshile Gorky (Seite 8). Alexander von Berswordt und die Ausstellung »artige Kunst« (Seite 10). Großer Auftritt von Tino Sehgal in Paris (Seite 12). Das Centre Pompidou expandiert (Seite 15). Walter Smerling bereitet »Luther und die Avantgarde« für 2017 vor (Seite 18). Bad Homburg: Christian K. Scheffel plant, den Gustavsgarten zum Skulpturenpark zu machen (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 613 – Editorial

Informationsdienst KUNST 613

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, die Berliner 17-Prozent-CDU, zusätzlich angeschlagen durch eine Sexismus-Debatte und einen früher schon festzustellenden Hang, eine Männer-Domäne sein zu wollen, muss nun, händeringend, auf eine Frau setzen, auf Kulturstaatsministerin Monika Grütters, weil weder der ins Zwielicht geratene Frank Henkel noch andere Herren aus der Herrenwitz-Fraktion geeignet erscheinen, den Landesverband in die Zukunft zu führen. Grütters, im Bundeskanzleramt zwar reichlich beschäftigt, doch loyal fürs zusätzliche Partei-Ehrenamt bereit, hatte sich im vergangenen Jahr nicht locken lassen, die CDU-Spitzenkandidatur fürs Bürgermeister-Amt zu übernehmen.

Nun tröstet sie sich mit jenen 23 Jahren, die einst ihr Vorgänger Bernd Neumann als Landesvorsitzender der CDU in Bremen bewältigte, und glaubt durchaus, beide Aufgaben stemmen zu können. Doch Skeptiker fürchten, dass die schwierige Henkel-Nachfolge die ganze Frau erfordert, zumal 2017 die Bundestagswahl ansteht und Monika Grütters gewiss wieder auf Listenplatz 1 der Berliner CDU landen wird, wie schon dreimal zuvor.

Noch hat Angela Merkel nicht signalisiert, ob sie erneut als Bundeskanzlerin zur Verfügung stehen will, noch weiß also niemand, ob die Grütters-Rechnung, als Kulturstaatsministerin weiter agieren zu können, tatsächlich aufgeht. Ergo könnte es 2017 durchaus so kommen, dass sie ihr jetzt gespaltenes Engagement Bund/Land auf Berlin konzentrieren kann, sollte sie im nächsten Regierungskabinett nicht mehr vertreten sein, weil die CDU und/oder Merkel fehlen. Sie, die Christdemokratin, würde sich dann, voraussichtlich, nicht mit Kulturstaatssekretär Tim Renner, SPD, auseinandersetzen müssen, sondern mit einem Linken, mit Klaus Lederer, Jahrgang 1974, promovierter Jurist mit starker Kultur-Neigung, unter anderem als Tenor. Denn Lederer, so zeigen die ersten Gespräche im Hinblick auf die bevorstehenden Koalitionsverhandlungen der rot-rot-grünen Art, würde Renner, der nach eigenem Bekunden gerne als Bürgermeister-Kulturzuarbeiter weitermachen möchte, zweifellos verabschieden wollen und selbst einen richtigen Kultursenatoren-Stuhl besetzen. Mit Ressorts wie Medien, Kreativwirtschaft und allem Pipapo. Dass Lederer qualifiziert wäre, die Berliner Kultur voranzutreiben, bezweifelt in der Stadt kaum jemand, zumal Renner in seiner kurzen Amtszeit an der Seite von Michael Müller nicht glänzen konnte.

Die Linke hat bekanntlich Erfahrung in Sachen Kultur. Schon einmal, nämlich in den Jahren 2002 bis 2006, war einer von ihnen in Berlin als Senator tätig. Thomas Flierl, Jahrgang 1957, vorher und anschließend bis 2011 Mitglied im Berliner Abgeordnetenhaus, hatte zwar in der Causa »Berliner Straßenszene« voreilig reagiert (Rückgabe des legendären Kirchner-Bildes aus dem Jahr 1913) und im Rahmen einer Stasi-Thema-Debatte schlafmützig reagiert (was zu Rücktrittsforderungen führte), doch ansonsten ist die Flierl-Ära in guter Erinnerung. Als promovierter Ästhetik-Fachmann, freilich aus marxistisch-leninistischer Perspektive, machte er eine überzeugende Figur.

In der Berliner Politszene geht man im Moment davon aus, dass Michael Müller und die SPD loslassen und die Kultur in die Hände der Linken geben werden; von den Grünen im neuen Trio ist kein Widerspruch zu erwarten, weil ihnen andere Ressorts wichtiger erscheinen. In den vergangenen Tagen wurde gemunkelt, dass sie in den Verhandlungen vor allem auf Bildung, Verkehr und Inneres großen Wert legen wollen.

Klaus Lederer, seit knapp zehn Jahren als Landesvorsitzender seiner Partei tätig, wird demnächst, sollte er tatsächlich den neuen Berliner Kultursenator geben können, seine erste Bewährungsprobe am Verhandlungstisch mit Monika Grütters bestehen müssen. High Noon Linke/CDU. Denn vor der Wahl in Berlin wurde der nächste Vertrag zwischen Bund und Land zur Finanzierung der Hauptstadtkultur zwar besprochen, doch nicht mehr unterschrieben. Angesichts der geänderten politischen Lage könnte nun, wie von Grütters angedroht, neu verhandelt werden müssen. Da geht’s um viel, um immerhin rund 600 Millionen Euro.

In dieser Ausgabe
Im Kasseler documenta Archiv wird die Digitalisierung vorangetrieben (Seite 4). Von Sotheby’s zu Phillips: Cheyenne Westphal (Seite 7). Der Kunstverein in Hamburg plant seinen 200. Geburtstag (Seite 9). Die Deutsche Bank – Krise hin oder her – setzt ihr Kunst-Engagement fort (Seite 10). Berlin im Kirchner-Rausch: Neue Ausstellung, neue Gesellschaft (Seite 12). Im Clinch: Kunstsammlung NRW und Konrad Fischer Galerie (Seite 14). Hamburg: Siegfried Sander über die kleine Galerie als Auslaufmodell (Seite 15). Jüngste Aktivitäten von Reinhold Würth (Seite 18). Comeback für das Freiheits- und Einheitsdenkmal (Seite 20). Fernsehen: Eigener Kunst-Sender Sky Arts HD von 2017 an (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 612 – Editorial

Informationsdienst KUNST 612

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, verrückte Welt: In den vergangenen Tagen fand allerorten der übliche Auftrieb zum Saison-Beginn statt, und in den meisten Gesprächen ging es wieder einmal nicht um Kunst, sondern um das Drumherum. Dazu zählt zunehmend das Thema Kapital, und Joseph Beuys, der Unvergessene, hätte seine Freude daran, wenn er beobachten könnte, wie sich halb Deutschland windet und dreht, wenn in der Szene über Geld und die damit verbundenen Möglichkeiten geredet wird. Mitunter entstehen dabei groteske Momente, wie man sie etwa auf der Berliner Art Week erleben durfte. Da reden Galeristen über Milliarden-Vermögen der Sammler (allein der deutsche Geld-Adel soll weit über 900 Milliarden Euro zur Verfügung haben) und zittern oder kokettieren im gleichen Moment, ob sie die paar Quadratmeter ihrer Messe-Stände bezahlen können.

Die Kaufkraft sei lausig, so heißt es oft, und tatsächlich haben gerade in jüngster Zeit, wie zum Beweis, etliche Galerien in Berlin dichtgemacht. Zugleich stehen zahlreiche wohlhabende Sammler herum, umschwirrt von antichambrierenden Händlern, die die Gunst der passenden Minute abwarten, um dann diesen oder jenen Deal einzufädeln. Heimlich versteht sich, damit die Mitbewerber nicht neidisch werden. In aller Stille und gewiss auch dank Neo Rauch soll sich beispielsweise Judy Lybke, Eigen + Art, ein Vermögen in Höhe von immerhin 200 Millionen Euro zur Seite gelegt haben. Damit ist er, der bescheiden agierende Ossi-Charmeur, wohlhabender als der Erotik-Sammler und Springer-Boss Mathias Döpfner, der mit 150 Millionen klarkommen muss.

Kurzum: Das ganze Gejammer über schlechte Geschäfte, die Standort-Nachteile und die vermaledeiten Auflagen der gesetzgebenden Politik – im Einzelfall vielleicht berechtigt, doch alles in allem eher absurd, heuchlerisch. Denn der Kunstbetrieb ist auf Goldkurs, das zeigen allein die nach wie vor sagenhaften Auktionsergebnisse für Gegenwartskunst, die sich natürlich schnurstracks auf die Preis-Bildung in den Galerien auswirken. Während manche der mit Youngster-Ware agierenden Vermittler in der Tat hart rechnen und auf die erste Million noch etwas warten müssen, sind die etablierten Galerien nahezu ausnahmslos in der komfortablen Situation, dank gewachsener Beziehungen zu den renommierten Sammler-Familien stattliche Umsätze machen zu dürfen.

Einfach unglaubwürdig, wenn vom Niedergang der angeblich gebeutelten Branche berichtet wird. Bei genauer Betrachtung zeigt sich in diesen Monaten auch, dass Galerien, die schließen, nicht zwangsläufig aus pekuniären Gründen den Rückzug antreten. Beispiel Berlin: Lehmann, Werner und Zink – drei Unternehmen, die zwar ihre Schauräume in der Hauptstadt schlossen, aber keinesfalls abtauchen, gar finanziell in Problemen stecken. Normale unternehmerische Entscheidungen, in jedem einzelnen Fall bestens nachvollziehbar. In Dresden, Märkisch Wilmersdorf (beziehungsweise London und New York) sowie in Waldkirchen/Oberpfalz und natürlich von dort aus geht’s für diese drei Galerien weiter. Schließlich muss niemand mehr Tausende von Quadratmetern Schaufläche bespielen, um dieses oder jenes Milliönchen Umsatz zu machen.

Schaut man sich die jüngste »Bilanz«-Veröffentlichung aus dem Verlagshaus Springer an, dann zeigt sich, dass Deutschland im Geld badet. Billionen-Sause. Reichtum, wohin man blickt, und die wohlsituierten, besonders vermögenden Familien scheinen allesamt auch bevorzugt in Kunst zu investieren, in die eigene Sammlung, teils aber auch vorbildlich in gemeinnützige Projekte, denkt man zum Beispiel an Susanne Klatten. Zusammen mit ihrem Bruder, Stefan Quandt, der zu den »Blickachsen«-Förderern in Hessen gehört, steht sie auf der »Bilanz«-Liste der 750 reichsten Deutschen weit vorn (über 17 Milliarden). Es folgen schon bald Reinhold Würth (über zwölf Milliarden), Hasso Plattner (neun Milliarden) und Michael Otto (siebeneinhalb Milliarden).

Dann Oetker (rund sieben) und Jacobs (knapp sieben), bevor unzählige Sammler-Familien im Bereich zwischen zwei und drei Milliarden Vermögen unbeschwert einkaufen können, darunter Hubert Burda (2,8), Martin Viessmann (2,6), Familie Jahr (2,5), Familie Stoschek (2,4), Walter Droege und Hedda im Brahm-Droege (2,3). Auch auf den Ranking-Plätzen 100 bis 200 etliche bekannte Sammler, allesamt im Besitz von etwas mehr oder etwas weniger als einer Milliarde Euro (Ströher, Metzler, Freiberger, Olbricht, Stefan von Holtzbrinck, Frieder Burda, Viehof-Brüder, Familie Sander). Natürlich bringt nicht jeder Maler ein Vermögen in Höhe von einer halben Milliarde Euro zusammen, wie es Gerhard Richter verbuchen darf, doch die Kunstfreunde unter den Reichen sorgen schon dafür, dass auch weniger betuchte Galeristen und Künstler ein ordentliches Stück von der Milliarden-Torte abbekommen. Wir haben es geschafft, so könnte man Bilanz ziehen, freilich nicht frei von Platons legendärer Kritik an Geld und Reichtum. Seine Warnung war unmissverständlich: Wo viel Kapital fließt, strömt zudem moralischer Verfall. Apropos: Helge Achenbach, nach rund einem Drittel verbüßter Haftstrafe mittlerweile stundenweise als Freigänger unterwegs, soll demnächst Flüchtlingen beibringen, wie hierzulande der Kunstbetrieb funktioniert. Schlimmer geht’s nimmer. Aber irgendwie auch passend zur NDS, zur Neuen Deutschen Scheinheiligkeit.

In dieser Ausgabe
Überraschung im US-Wahlkampf – Larry Gagosian engagiert sich für Hillary Clinton (Seite 3). Düsseldorf: Andreas Gursky als Findungskommissar (Seite 4). Werner Tammen, Landesverband Berliner Galerien, appelliert an die Politik (Seite 6). Geschenke für Frankreichs Museen (Seite 9). Zollfreilager-Betreiber Yves Bouvier in Paris auf dem Rückzug (Seite 10). Spiel mit dem Risiko: Berlin bereitet Ausstellung der Teheran-Sammlung vor (Seite 12). Köln: Schwaches Interesse für »Richters Patterns« (Seite 13). Ohne Biennalen: Türkische »Säuberungen« (Seite 15). Nicolaus Schafhausens Vertrag in Wien verlängert (Seite 18). Berlin: Drei Messen – oder künftig besser nur eine (Seite 19). Markt-Check: Maria Lassnig (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 611 – Editorial

Informationsdienst KUNST 611

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in London wird kolportiert, dass Neil MacGregor, neben Hermann Parzinger und Horst Bredekamp einer der drei Vordenker in Sachen Humboldt Forum, in privater Runde vor allem verwundert sei, wenn er nach seinen Erfahrungen in Berlin gefragt wird. Im 15-köpfigen Stiftungsrat, so soll der Weichensteller berichten, freilich britisch vornehm, seien nicht wenige Mitglieder aus dem politischen Umfeld anzutreffen, die sich nicht allein mit organisatorischen Steuerungsprozessen begnügen wollen. Er, MacGregor, müsse immer wieder deutlich machen, dass die inhaltliche Arbeit durchaus von den im Rat vertretenen Fachleuten geleistet werden könne.

Zu den besonders ambitionierten Diskutanten gehört in Vertretung des Staatssekretärs Stephan Steinlein, Auswärtiges Amt, ein Ministerialdirektor namens Andreas Görgen. Der Mann, Leiter der Abteilung Kultur und Kommunikation und somit Chef von neun Referaten, die Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier zuarbeiten, hat in den vergangenen zwei Amtsjahren eine Betriebsamkeit entwickelt, die von einem gewissen Eroberungsdrang zeugt. Kolonialismus der besonderen Art. Ganz so, als wolle er sich für noch höhere Aufgaben im Kulturstaat empfehlen, auf SPD-Ticket, versteht sich.

Kaum war Görgen im Amt und die Humboldt-Baustelle einigermaßen begehbar, mithin im Sommer 2014, schleuste er beispielsweise 200 hochrangige Staatsgäste durch, als wäre er der Hausherr. Keine Scheu hat der frankophile, ehemalige Siemens-Mitarbeiter auch davor, in Berlin nebenbei den Künstler-Herbergsvater zu geben: Auf dem Dach des Auswärtigen Amtes meinte er eine Atelier-Galerie einrichten zu müssen. Logisch, dass hinter dem Café »Europa« der Leipziger Buchmesse nur einer steckte, nämlich Andreas Görgen, der selbstverständlich auch dafür sorgt, dass die Ressort-Zuständigkeit für den deutschen Pavillon auf der Biennale in Venedig unmissverständlich kommuniziert wird. Was Wunder also, dass er auf der Zwölfer-Liste des Aufsichtsrates der KBB (Kulturveranstaltungen des Bundes in Berlin GmbH) bereits auf Platz drei thront, hinter Kulturstaatsministerin Monika Grütters und ihrem wichtigsten Mitarbeiter, Günter Winands.

Neuerdings, so flüstert man in Regierungskreisen, sei Andreas Görgen mit einem Ankaufsprojekt beschäftigt, das seine Machtposition im Auswärtigen Amt und darüber hinaus weiter stabilisieren soll. Offenbar geht es um die 1942 erbaute und zehn Jahre lang von Thomas Mann genutzte Villa in Pacific Palisades (im Großraum Los Angeles), die von der amerikanischen Maklerin Joyce Rey für rund 15 Millionen Dollar angeboten wird. Der literaturaffine Görgen, so das Gerücht, überlege ernsthaft, das Fünf-Zimmer-Gebäude für den Bund zu erwerben und dort ein kulturelles Stipendiaten-Zentrum einzurichten. Und Kulturstaatsministerin Monika Grütters hat mittlerweile signalisiert, aus ihrem Etat einen Beitrag beisteuern zu wollen.

Was im ersten Moment sinnvoll erscheint, erweist sich bei genauerer Betrachtung freilich als fragwürdig. Denn nicht weit entfernt, ebenfalls in Pacific Palisades, gibt es die Villa Aurora, in der einst Marta und Lion Feuchtwanger wohnten – und die heute dank eines eingetragenen Vereins als Ort des deutsch-amerikanischen Kulturaustausches intensiv genutzt wird. Obgleich Mittel aus dem Steinmeier-Etat und jenem von Grütters zur Verfügung stehen, klagt der rührige Villa Aurora e.V., dass die Künstlerresidenz dringend Spenden benötige, um die Stipendiaten angemessen arbeiten zu lassen.

Macht es also wirklich Sinn, eine weitere Spielstätte in L.A. einzurichten, die dann womöglich wieder klamm ist, wenn der alltägliche Betrieb ansteht? Müssen wir nicht endlich aufhören, laufend neue Institutionen zu schaffen und einige zweifellos obsolete Häuser verkrampft zu erhalten, wenn überall die wirtschaftliche Basis fehlt? Wie in der Kunst selbst: Es geht um Qualität, nicht um Quantität. Lieber weniger Institutionen gut ausstatten, als viele schlecht versorgen. Das sollte auch ein an der Ausdehnung seines Einflussbereiches wirkender Ministerialdirektor verstehen.

In dieser Ausgabe
Genug von London. Martin Roth verlässt das Victoria and Albert Museum (Seite 2). Nach dem Erdbeben in Italien: Gemeinnütziges Spaghetti-Essen (Seite 4). Berlin: Gabriele Knapstein als Nachfolgerin von Eugen Blume im Hamburger Bahnhof (Seite 7). Düsseldorf: Kunstsammlung NRW muss Ausstellung von Christoph Büchel absagen (Seite 8). Neustart in der Villa Massimo in Rom (Seite 8). Erbschaftsteuerrecht: Was die Reform für Sammler bedeutet (Seite 12). Kunstmessen: Wien glänzt mit Überangebot (Seite 13). Markt-Check: Kader Attia (Seite 15). Künstlersozialkasse: Attacke aus dem Arbeitgeberverband in Hessen (Seite 18). Großartige »Buddha«-Schau in der Völklinger Hütte (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 610 – Editorial

Informationsdienst KUNST 610

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, aufpassen, empfehle ich, wenn Sie fortan irgendwo »FIU« lesen oder hören. Denken Sie dann am besten nicht mehr zuerst an die Free International University, an die 1973 als Verein »FIU« von Joseph Beuys, Klaus Staeck und anderen Künstlern und Vermittlern gegründete Kreativitätshochschule, sondern an Wolfgang Schäuble, den deutschen Finanzminister. In den vergangenen zwei Jahren nahmen in Berlin die Gerüchte zu, dass er etwas plane, um seiner alten Leidenschaft ein neues Spielfeld zu geben – und nun ist es soweit.

Schäuble, der bereits in seiner Amtszeit als Innenminister (2005 bis 2009) energisch gegen das Phänomen der Geldwäsche vorging, holt diesen Zuständigkeitsbereich aus dem Bundeskriminalamt heraus – und ordnet ihn dem Zoll und somit seinem Ministerium zu. Mit einer speziellen »FIU«-Truppe (»Financial Intelligence Unit«), die von zunächst 25 auf bis über 150 Beamte erweitert werden soll, will der Bund massiv gegen Geldwäscher vorgehen. Es ist in Regierungskreisen unbestritten, dass das geplante Daten-Sammeln im Verdachtsfall und die gezielte Weitergabe an die zuständigen Staatsanwaltschaften auch gegen die im Zwielicht stehende Kunst-Branche gerichtet ist.

Dabei hat die Branche selbst, Stichwort Geheimniskrämerei, vieles getan, um gegenüber Politik und Behörden den Eindruck zu erwecken, dass es häufig nicht mit rechten Dingen zugeht. Von Transparenz kaum eine Spur, unter dem großzügig ausgebreiteten Deckmantel Datenschutz werden meist weder Preise noch Käufer genannt. Ich habe manche Abfuhr kassiert, dann eben andere Quellen anzapfen müssen. Man gibt sich angeblich »diskret« – und diese seriös wirkende Image-Pflege dient mancherorts eben vor allem dazu, das Schwarzgeld der Ärzte und anderer Selbstständiger für alle Beteiligten gewinnträchtig in Kunst zu transformieren. Renommierte Fachleute haben das immer und immer wieder bestätigt.

Das Geschäft sei schmutzig geworden, »richtig schmutzig«, so der Museumsdirektor Martin Roth vor zwei Jahren in der »Süddeutschen Zeitung«. Das Wirtschaftsgeld, das im Kunsthandel auftauche, sei »in den seltensten Fällen sauber«, legte Swantje Karich in diesem Frühjahr in der »Welt« nach. Kunst mithin als »Schattenwährung bei Cash-Transaktionen« (Christian Herchenröder, »Handelsblatt«). Was Wunder, dass Schäuble hier Handlungsbedarf sieht.

Neu ist das Thema nicht. Seitdem der Kunstmarkt phasenweise atemberaubend boomt, seit den Achtzigern also, weiß man, wie die Schlupflöcher im zunehmend unübersichtlich werdenden internationalen Handel optimal zu nutzen sind. Die Kunstszene, das ist bekannt, steht auch im Fokus jener professionellen Geldwäscher, die sich in anderen Bereichen zurückziehen. Bestes Beispiel: Die inzwischen nahezu lückenlose Überwachung des Finanzmarktes. Allein für 2014, so heißt es offiziell, sollen über 24 000 Verdachtsmeldungen nach dem Geldwäschegesetz zu Ermittlungen geführt haben. Logisch, dass sich einige Schlawiner aus den Anlageschäften dieser Art verabschieden und jetzt lieber auf Kunst setzen. Im Moment noch. Denn »FIU« kommt.

Das Nachrichtenmagazin »Der Spiegel« hatte bereits Ende der achtziger Jahre per dreiteiliger Artikel-Serie verwundert festgestellt, wie es denn möglich sei, dass die Mafia ihr (Drogen-)Geld mit Kunst wasche. Schon damals klang die Kritik durch, dass der Staat zu wenig oder gar nichts vom Geschäft mit der Kunst verstehe, um wirkungsvoll eingreifen zu können. Jetzt, drei Jahrzehnte danach, soll sich das nach und nach ändern. Wolfgang Schäuble, der über den Zoll und auf der Basis des neuen, seit Tagen gültigen Kulturgutschutzgesetzes bereits einen guten Einblick ins hochpreisige Kunst-Ausfuhr-Geschäft erhält, wird sich eine »FIU«-Fahndungstruppe zusammenstellen lassen, der man nichts mehr vormachen kann. Das ist sicher.

Aus mit der Zeit, als »in der Kunst immer was möglich war«, wie mir kürzlich, nachts, angeblich nach einer Rotwein-Sause, ein ehemaliger Museumsdirektor schrieb, der heute als Autor, Berater und Kurator agiert und in den großen Galerien der Welt zu Hause ist, auch an einigen Deals mitwirkt. Unter der Hand ging da immer was, von Jackett zu Jackett. Über die von Kritikern stetig ausgesprochene Warnung, dass der Staat eines Tages aktiv werde, wenn die Branche nicht zur Selbstregulierung finde, wurde mal geschmunzelt, mal geschimpft. Jetzt, so könnte man sagen, haben wir den Salat, nämlich Schäubles Rohkost.

P.S.: Erfreulich, dass die häufig geäußerte Kritik an der fehlenden Transparenz in Sachen Limbach-Kommission (siehe auch ID 599, Seite 1) nun dazu geführt hat, dass eine Reform des ehrenamtlichen Experten-Gremiums auf den Weg gebracht ist. Dazu gehört eine neue Geschäftsordnung, die Mitglieder nicht mehr lebenslang tätig vorsieht. Neben der Festlegung von Amtszeiten geht es auch um die Zusammensetzung der Kommission, die im Streitfall um die Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogener Kulturgüter eingeschaltet werden kann. Allemal eine Persönlichkeit des jüdischen Lebens, zweifelsfrei überfällig, soll fortan im Gremium vertreten sein. Alles in allem keine leichte Aufgabe: Immerhin sind Bund, Länder und Kommunen gefragt und zur Einigung aufgerufen.

In dieser Ausgabe
Erinnerungskultur am Beispiel Einheitsdenkmal (Seite 4). Schwierige Namenssuche in Berlin: »nationalgalerie20« (Seite 7). Streichkonzert in Karlsruhe, Finanzprobleme am ZKM (Seite 9). Was Harald Falckenberg an den Bundespräsidenten schrieb (Seite 9). Wie Julian Heynen sich in Düsseldorf sang- und klanglos verabschiedet (Seite 12). Die »Welt am Sonntag« und ein fragwürdiger Zündhölzer-Wunsch (Seite 14). Wiederholungstat: Larry Gagosian muss Steuern nachzahlen (Seite 15). Abnabelung: Daniel von Schacky hat die Villa Grisebach verlassen (Seite 17). Florian Henckel von Donnersmarck dreht einen Film, der mit Gerhard Richter zu tun hat (Seite 18). Von Apple verbannt: Die »magnusapp« (Seite 20). Impressum (Seite 25).