AKTUELL: Informationsdienst KUNST 642 – Editorial

Informationsdienst KUNST 642

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man allmählich auf die 65 zugeht, sich gottlob enorm fit fühlt und weiß, dass man quasi lebenslänglich den Dienstmann geben wird, gar nicht anders kann, als weiterhin die Branche kritisch zu beobachten, dann zuckt man einen Moment lang zusammen, wenn aus der Fondation Beyeler die frohe Kunde eintrifft, dass »alle über 65-Jährigen« bis zum 24. Dezember freien Eintritt ins Museum erhalten. Gehört man mit 65 also zum alten Eisen; ist man verbraucht, reif für die Rente oder irgendeine Insel, ausgemustert, abgehalftert, bemitleidenswert? Senioren-Programm? Mitnichten, denke ich, nachdenklich geworden. Hätte man in CH-4125 Riehen nicht besser die traditionelle Altersgrenze verschieben sollen, auf 75 oder 80, wenigstens auf 70? Gerade in einer Zeit, in der die Menschen bekanntlich immer älter werden, in der dann und wann die 116 oder 117 Jahre erreicht werden (vor 20 Jahren starb in Arles eine Französin, die 122 Jahre alt wurde), in der kürzlich der israelische Wissenschaftler Chaim Cohen sogar die 140 in Aussicht stellte, ist man doch mit 65 noch ein Jüngling, oder?

Im zurückliegenden Jahr waren nur wenige der verstorbenen Künstler unter 80. Eher die Ausnahme, dass Werner Berges mit 75, Edgar Gutbub mit 77, Arno Rink mit 76 und Johannes Grützke mit 79 Jahren starben. Die Nachrufe 2017 zeigen, dass die meisten mindestens 80 Jahre alt wurden, darunter Hans Baschang (80), Stanley Brouwn (81), Trisha Brown (80), Howard Hodgkin (84), Jannis Kounellis (80) und Joe Stefanelli (96). Und Karl Otto Götz schaffte sogar die 103. Vielleicht ist all das kein Wunder, weil sich im Laufe der Jahrzehnte auf allen Ebenen die Versorgung des Menschen wesentlich verbessert hat – von der Ernährung bis zur Medizin.

Lebte der erste, vor genau 50 Jahren vom legendären Christiaan Bernard operierte Mann nur 18 Tage lang mit dem Herz einer Frau, kann man heute dank einer solchen Organspende, mit ein bisschen Glück und etwas Disziplin, durchaus drei Jahrzehnte lang unbeschwert weitermachen, wie ich weiß (seit meiner eigenen Transplantation in München, 2007, durch den einstigen Bernard-Nachfolger in Kapstadt, Bruno Reichart). »Die Kraft des Alters«, so der Titel der bis Mitte März laufenden Ausstellung in Wien, Unteres Belvedere, ist längst ein Thema, das nicht nur die Soziologen intensiv beschäftigt, denn die zunehmende Lebenserwartung prägt sich tief ins gesellschaftliche Koordinatensystem.

In der Kunst ist es so, dass das Alter zwar zweifellos eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt, weil spät Entdeckte (wie Louise Bourgeois) selten Welt-Karriere machen, doch Galeristen und andere Vermittler achten nach wie vor mehr noch auf das bildnerische Potenzial, das in einer Arbeit steckt. Wer als Künstler erfolgreich sein will, braucht auch heute die klare Botschaft, die unverwechselbare Handschrift. Zugleich reicht es aber nicht, alles zu benageln oder zu verhüllen, Jahr für Jahr, von Ausstellung zu Ausstellung. Gerade Markenzeichen-Stars wie Christo oder Günther Uecker haben zeitlebens dokumentiert, dass sie sich künstlerisch entwickeln können, dass sie die immer wieder neuen Herausforderungen der Zeit anzunehmen verstehen.
Als ich kürzlich in der Bibliothek nach einem Buch suchte, stieß ich zufällig auf einen DuMont-Band, den ich mir 1970, damals Schüler auf einem musischen Gymnasium, von meinem Taschengeld gekauft hatte: »Deutsche Kunst: eine neue Generation«. Rolf-Gunter Dienst, mittlerweile verstorben, hatte den Band zusammengestellt, und mein Kunstlehrer, ein begeisterter ZERO-Anhänger, ließ keinen Zweifel aufkommen, dass ich richtig investiert hatte. Er hielt mir prompt die Uecker-Seite entgegen: Er, 1930 geboren, konnte schon damals so viele Ausstellungen vorweisen, dass Dienst ihm als einzigen Künstler seiner richtungsweisenden Dokumentation (unter anderem mit Asmus, Beuys, Brüning, Buthe, Claus, Darboven, Geiger, Girke, Graubner, Haacke, Hajek, Hoehme, Klapheck, Koberling, Mack, Mields, Palermo, Pfahler, Piene, Richter, Ruthenbeck, Schult, Schultze, Ulrichs und Vostell) eine ganze Anhang-Seite widmete.

Dass etwa die Hälfte der damals vorgestellten 122 Künstler immer noch tätig ist beziehungsweise mit ihrem Werk kunstgeschichtlich Spuren hinterlassen hat, ist sensationell. Möchte man zum Jahreswechsel 2017/2018 einen solchen Versuch wagen und die aktuell umschwärmten 122 Künstler in einem solchen Buch listen, dann würden in knapp 50 Jahren, um 2065, meine ungeschützte Prognose freilich, vielleicht noch 22 bekannt sein. Der Kunstbetrieb ist längst zum Durchlauferhitzer mutiert, wo immer mehr Künstler gepusht werden, um bereits wenig später gnadenlos aussortiert und vergessen zu sein. Oft auch ein menschliches Drama, das so gar nicht zu den vollmundigen Kuratoren-Sprüchen passen will, zu einem aufgeblasenen, anspruchsvollen Weltbild, das in der Praxis schon im kleinen Rahmen der Kunst-Familie keinerlei Bestand hat. Leider.

In dieser Ausgabe: Großzügige Spende von Neo Rauch (Seite 4). Rückzug aus der Gratiskultur im Internet: »Art«-Chefredakteur Tim Sommer erläutert die Entscheidung (Seite 4). Pressestimmen zur Art Basel Miami Beach (Seite 6). Stuttgart: Ehrenmitgliedschaft für Annette Kulenkampff (Seite 7). Kein Museumsposten für Adam Szymczyk in Athen (Seite 8). Streit um den Nachlass von Franz West in Wien beendet (Seite 11). So könnte es sein: »The Square«, der Kinofilm aus dem Kunstmilieu (Seite 12). Preis-Check: Rebecca Horn (Seite 13). Hombroich: Verhandlungen um Graubner-Museum festgefahren (Seite 15). Neues vom Giacometti-Fälscher Robert J.C. Driessen (Seite 19). Muss ins Gefängnis: Bernardo Paz (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 641 – Editorial

Informationsdienst KUNST 641

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, wenn man seit Jahrzehnten als Kunstjournalist tätig ist, für die meisten bedeutenden Publikationen geschrieben hat, ob »FAZ«, »Spiegel« oder »Zeit«, dann mag das flüchtige Internet noch so viele Kurznachrichten und Dauergerüchte verbreiten – man neigt dazu, Print zu bevorzugen. Eine Wohltat, Seite für Seite blättern zu können, es rascheln zu hören, die Haptik des Papiers zu spüren, Druckerschwärze inklusive. Schwarz auf Weiß lesen zu können, was die Kollegen veröffentlichen, gehört zu den angenehmsten täglichen Pflichten. Und dabei ist es so, dass jene Beiträge, die aufgrund ihrer Machart oder ihres Inhalts den Pegel der Erregung steigen lassen, in der Tat etwas auslösen, bewirken, während der gleiche Text, vollumfänglich oder als Kurzfassung auf dem Bildschirm zu sehen, weitaus weniger Empörung verursacht. Warum das so ist? Wenn man das genau wüsste. Allenfalls Ahnungen keimen auf, frei nach dem Löschmotto, »klick und weg«, bevor man nicht weiter überlegt und sich lustvoll in die nächste Print-Lektüre stürzt.

Dass die Kunst, für die man vor Jahrzehnten als Redakteur oder Autor hart kämpfen musste, um sie als Thema in den »Spiegel« oder in andere Viel-Ressort-Periodika zu hieven, mittlerweile zu den beliebtesten Stoffen gehört, verwundert nicht. Mussten früher noch aktuelle Aufhänger gefunden werden, am besten exklusiver Natur, um den Mitbewerbern anderer Verlage zu zeigen, wer den besten Investigativ-Journalismus macht, schaffen sich die Redaktionen heute ihre Ereignisse selbst. Manchmal gleich im Doppeltakt.

Bestes Beispiel aus den vergangenen Tagen: Am 17. November erschien das »Süddeutsche Zeitung Magazin«, Nummer 46, mit einem Cover, das Sophie Calle zeigt und einen Foto-Text-Zyklus der Künstlerin ankündigt. Nach der Calle-Editorial-Seite 7 gibt es auf sage und schreibe 57 Seiten die vorn angekündigte Künstler-Strecke sowie ein allerdings durch einige Anzeigen unterbrochenes Interview, das mit einem kleingedruckten, völlig unsinnigen Nachspann endet. Calle habe dem Autor, Tobias Haberl, die Übernachtung in ihrem Haus angeboten; dieser sei aber lieber, zu dumm, nach Cassis an die Küste gefahren, wo er anderthalb Stunden nach einem Parkplatz suchte, um dann 20 Minuten am Meer zu sitzen, bis es dunkel wurde.

Als sei das alles nicht schon genug (zumal auch Martin Eder und ein Rezept für Rote Bete aus dem Salz-Teig geboten werden), gab es in dieser Woche eine weitere, eine obendrein größere »Süddeutsche Zeitung Magazin«-Ausgabe, um »20 Jahre Edition 46« zu feiern. Die Redaktion rief auf 74 Seiten ins Gedächtnis, dass sie schon immer (Ausnahme: 2000 bis 2006) Künstler eingeladen habe, ein Heft zu gestalten. Von Jenny Holzer (1993) über Anselm Kiefer (1990) bis Erwin Wurm (2016) reicht die Künstlerliste. Auch Jeff Koons war vertreten, damals, 1992. Und im Jubel-Heft darf der Schriftsteller Maxim Biller daran erinnern, dass er mal »nachts um zwei oder drei« im Schumann’s in München plötzlich neben dem Künstler gesessen habe, der »so betrunken« gewesen sei, dass »ihm immer wieder der Ellbogen von der Tischplatte rutschte«. Der Biller-Bullshit spült sich schließlich unvermittelt mit der Überlegung weg, »wer sagt eigentlich, dass ein großer Künstler nicht auch ein großes Arschloch sein darf«.

Tags zuvor war bereits »Die Welt« als »Sammlerstück« in den Vertrieb gekommen. »Einer der berühmtesten Künstler der Gegenwart«, damit war das »Arschloch« Koons gemeint, habe eine ganze Ausgabe der Springer-Tageszeitung gestaltet. Und Kunst-Boss Cornelius Tittel, zugleich »Blau«-Chefredakteur, der schon am 12. November in der »Welt am Sonntag« für die Koons-Nummer getrommelt hatte, verführte Branchenkenner spontan, noch einmal nachzulesen, was er in der »Welt«-Beilage »Blau«, November-Nummer, verbreitet hatte. Vor sechs Jahren durfte er erstmals mit Koons telefonieren; dann habe er ihn in New York getroffen (»mit einem Diktiergerät zwischen uns«), wo sich der Künstler »immer wieder zu mir herüber beugte, seine Hand auf meinen Unterarm legte und ‚It’s all about acceptance, Cornelius‘ zu mir sagte« (Tittel). Und dann noch einmal, im Konjunktiv, »wenn er bei mir säße – und mir tief in die Augen schauen würde«.

Der unerträgliche Schmus ist womöglich der hohe Preis, den Zeitungen wie »Die Welt« oder, in diesem Fall vergleichbar, das »Süddeutsche Zeitung Magazin« zahlen müssen, wenn sie für ihr großes Leser-Publikum, das bekanntlich nur zum kleinsten Teil aus Kunstfreunden besteht, in die Sphären der Kultur vordringen wollen. Dass guter Journalismus anschaulich sein muss, ist klar, aber dabei muss man halt aufpassen, nicht in allzu leichte Gefilde abzugleiten, wo Ellbogen von der Tischplatte rutschen oder Hände auf Unterarme gelegt werden. Entbehrlich, wirklich entbehrlich.

In dieser Ausgabe: Der Berliner Senat lässt sich allzu viel Zeit, das Startsignal für den Baubeginn des Museums des 20. Jahrhunderts zu geben (Seite 5). Unruhe am Rhein: Sprecher der Kölner Galerien zurückgetreten (Seite 9). Kassel: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff scheidet vorzeitig aus (Seite 11). Duisburg: Großartiger Auftritt von Bernd Koberling im Museum Küppersmühle (Seite 11). Nachlass-Affäre: Fritz Koenigs Vermächtnis in Gefahr (Seite 15). Weitere Sammler-Reaktion: Marisol Corboud will Werke aus dem Wallraf-Richartz-Museum holen (Seite 20). Der »Tatort« aus Münster mit Christian Jankowski enttäuschte (Seite 21). Fragwürdige Absage der Max Stern-Schau in Düsseldorf (Seite 23). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 640 – Editorial

Informationsdienst KUNST 640

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, in diesem Jahrzehnt läuft’s nicht rund. Spätestens seit den Verurteilungen von Beltracchi und Achenbach wissen wir, dass unsere Branche aus nachvollziehbaren Gründen in Verruf geraten ist. Statt über hehre Kunst zu sinnieren, wie das in unserer Jugend üblich war, nehmen wir alle den versauten Betrieb ins Visier – und finden laufend jede Menge Gründe, uns tüchtig zu empören. In diesem Klima des Argwohns gedeihen mittlerweile Formulierungen und Regelungen, die nichts verhindern können, aber zumindest geeignet erscheinen, Aufmerksamkeit zu erzeugen, Transparenz herzustellen. Hatte die Art Cologne bislang in ihren Richtlinien für die Zulassung zur Messe selbstverständliche Grundsätze unauffällig versammelt, die etwa kommunizierten, dass Aussteller, die »gefälschte oder zweifelhafte oder fehlerhaft beziehungsweise unvollständig deklarierte Kunstwerke« anbieten oder gar verkaufen, ausgeschlossen werden, legt die Art Basel nun noch einen drauf, selbstbewusst und lautstark. Sie will erstmals zur Messe in Miami, 2018, »Art Market Principles and Best Practices« präsentieren, ein Papier, das eine neue Ära einleiten soll, aber schon jetzt im Kulissengespräch für Unruhe sorgt.

Die Basler Messemacher, womöglich unter Druck, weil ihre Messe in Hongkong häufiger als hierzulande mit Usancen konfrontiert, die fragwürdig sind, wollen dabei ihre Kunden, die Galeristen, tüchtig in die Zange nehmen. Freilich müssen sie damit rechnen, dass diese Planung auf Widerstand stoßen wird, kann sie doch auch als Misstrauensäußerung gegenüber den Kunden gelesen werden. Compliance-Regeln, in der Wirtschaft durchaus üblich, wirken im Kunstbetrieb fremd, weil halt hier immer noch viele Geschäfte »wie im Pferdehandel« gemacht werden (wie der Galerist Winfried Reckermann einmal sagte), also per Handschlag. Nicht wenige der renommierten Aussteller, so darf prognostiziert werden, könnten im kommenden Jahr rüde reagieren, wenn sie sich plötzlich ins kriminelle Zwielicht gezogen sehen, wenn sie unterschreiben sollen, keine Fälschungen an ihren Messeständen zu verkaufen, keine unsauberen Deals zu machen. Und natürlich werden manche von ihnen einen Schrei-Anfall bekommen, wenn ihnen Messe-Boss Marc Spiegler einen weiteren Passus serviert, in dem fixiert ist, dass Künstler für ihre Arbeiten einen adäquaten Preis zu erhalten haben.

Dass die Art Basel diesen Vorstoß wagt, egal, ob er nun zum Konflikt führt oder nicht, dass Ethik 2018 im Kunstmarkt zwangsläufig ein großes Thema wird, ist grundsätzlich gut. Denn zuletzt haben wir alle allzu oft die Augen zugemacht, viele Vorfälle und Entwicklungen ignoriert oder irgendwie schöngeredet. Oft, weil wir glaubten, dies oder das diene ja letztlich der Kunst, es ermögliche etwas, was sonst nicht machbar ist. Ein Beispiel der besonderen Art führt nach Mannheim, in die Reiss-Engelhorn-Museen. Dort werden 1,2 Millionen Objekte verwahrt, dort stehen an vier Ausstellungsorten rund 13 000 Quadratmeter Schaufläche zur Verfügung, und diese Museen gehören zu den wenigen, die sich das Thema Forschung wirklich groß aufs Panier schreiben dürfen.

Dass das so ist, hat mit einer guten finanziellen Ausstattung zu tun, beispielsweise auch mit dem Curt-Engelhorn-Zentrum für Kunst- und Kulturgeschichte. Der Mäzen und 25-Millionen-Stifter, der vor einem Jahr starb, der mit seinen 90 Jahren bis zuletzt hellwach war, hatte Mannheim und die Kulturszene in eine überaus komfortable Situation versetzt, und im Kunstbetrieb wurde denn auch, irgendwie peinlich berührt, aber ohne Aufhebens, mehr oder weniger totgeschwiegen, dass am 8. Oktober 2013 die Steuerfahnder bei dem Milliardär und seinen beiden dann vorübergehend inhaftierten Töchtern Carolin und Elisabeth auftauchten – und emsig Daten und Akten beschlagnahmten. Es ging um Steuerhinterziehung in Höhe von sage und schreibe 440 Millionen Euro, also mehr als der zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilte Uli Hoeneß verursachte (vor dem Amtsgericht Augsburg wurde später ein Engelhorn-Steuerschaden in Höhe von rund 145 Millionen Euro dokumentiert). Es kam schließlich zu einem Deal zwischen der Staatsanwaltschaft und der Familie: Die beiden Schwestern zahlten nach, obendrein Bewährungsstrafe und eine Geldauflage in Höhe von zwei lausigen Milliönchen.

In Mannheim atmete man erleichtert auf, dass der Name Engelhorn, der im Namen der Museen steckt, durch die Steueraffäre nicht allzu sehr beschädigt wurde, weil rundum alle abfederten, polsterten, flüsterten (während Hoeneß auch in den Medien tüchtig vorgeführt wurde). Niemand in der Kulturszene hatte ein Interesse daran, dass sich das Wohlwollen der Familie in eine Abkehr von den Reiss-Engelhorn-Museen verwandeln könnte. Ob diese Diskretion auch fortan gilt, muss man sehen, denn seit wenigen Tagen liegen nun die »Paradise Papers« auf den Schreibtischen – und vor allem die Politiker geraten tüchtig in Erklärungsnot. Denn unter den 13 Millionen Dokumenten aus Steuerparadiesen, die das Netzwerk investigativer Journalisten auswertete, taucht die vielzitierte Kanzlei Appleby auch im Engelhorn-Mandanten-Kontext auf – und es scheint, dass die Ermittler vor wenigen Jahren nur etwa 20 Prozent der wirtschaftlichen Verbindungen der Kultur-Familie Engelhorn erfasst haben. Das Offshore-Konstrukt aus Trusts, allerlei Stiftungen sowie Briefkastenfirmen soll einen solchen Umfang haben, dass die Behörden jahrelang zu tun haben werden, sollten sie jetzt anhand der Unterlagen einen erneuten Ermittlungsanlauf nehmen.

Derweil sagte Wolfgang Schäuble, der scheidende Finanzminister, kapitulierend in die Fernsehkameras, dass die Steuer-Schlupflöcher der Globalisierung geschuldet seien. Das klang wie ein Freispruch vor dem Prozess – und es war, zu dumm, wohl auch so gemeint. Bleibt die Frage in unserer Branche, ob wir den steuerhinterziehenden Super-Reichen tatsächlich weiterhin die Absolution geben wollen, indem wir ihre fragwürdigen Geschenke annehmen und so tun, als sei nichts passiert. Wenn Sie mich fragen: Ich meine, Engelhorn sollte aus dem Namenskonstrukt Reiss-Engelhorn-Museen entfernt werden. »Ziel ist«, sagte Marc Spiegler kürzlich, »den Ruf zu schützen.« Das kann nicht nur für die Art Basel gelten.

In dieser Ausgabe: Erfolg für »Deutschland 8« in China (Seite 2). Chemnitz: Schenkung von Heiner Bastian und Familie (Seite 4). Fragwürdiger »Power 100«-Platz für Adam Szymczyk (Seite 7). Hansjörg Wyss und eine neue Hoffnung für das Kunstmuseum Bern (Seite 9). Die Gurlitt-Zwischenbilanz in Bonn (Seite 9) und in Bern (Seite 11). Berlin: Preis der Nationalgalerie in der Kritik der vier beteiligten Künstlerinnen (Seite 12). Kulturpolitik: Sondierungsgespräche in Berlin (Seite 13). Erfolgreich geklagt: Jörg Sassen und die Mehrwertsteuer (Seite 14). Unerwünschte Annäherungen: Armory-Direktor Benjamin Genocchio verliert seinen Job (Seite 17). Preis-Check: Katharina Fritsch (Seite 18). Krach hinter den Kulissen der ZERO Foundation (Seite 21). Impressum (Seite 25). 

Informationsdienst KUNST 639 – Editorial

Informationsdienst KUNST 639

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, natürlich will niemand was Offizielles verlauten lassen. Natürlich verschanzen sich alle, die derzeit in Berlin über Jamaika nachdenken, verhandeln und ebenso vollmundig wie nichtssagend über die immer wieder zitierten »Themen« schwadronieren, hinter der überstrapazierten Kanon-Zeile »Zuerst die Inhalte«. Personalien später, so heißt es, fragt man quer durch die regierungsbildenden Fraktionen des neuen Deutschen Bundestages, in dem nun über 700 Abgeordnete herumschleichen. Auch für die kulturlose Truppe vom äußerst rechten Rand, die AfD, die die Regierung nach eigenen Angaben »jagen« will, gibt es noch nicht wirklich was zu tun, weil das CDU/CSU/FDP/Grüne-Bündnis erst im kommenden oder gar im übernächsten Monat geschmiedet sein wird. Also womöglich Jägermeister trinken und abwarten.

In der Zwischenzeit bewegt sich freilich viel – und zwar dort, wo die parlamentarischen Neulinge keinerlei Ahnung haben. Einige Fakten sind bekanntlich geschaffen. Wenn Wolfgang Schäuble, CDU, fortan den Bundestag dirigiert, wirkt er nicht mehr als Finanzminister. Wenn der FDP-Mann Wolfgang Kubicki, ein Jurist, als einer der Bundestag-Präsidenten-Stellvertreter agieren soll, wird er nicht das zuletzt von der SPD geprägte Justizministerium übernehmen. Über diese bereits geschaffenen Tatsachen hinaus kann zur Zeit nur spekuliert werden, wie die Regierungsbildung in der Folge verlaufen könnte. Werden die Grünen ihren Cem Özdemir, Jahrgang 1965, als Außenminister durchsetzen wollen, oder hat die FDP allerbeste Karten, das wichtige Ministerium zu bekommen, weil sie mit dem Europa-Politiker Alexander Graf Lambsdorff, Jahrgang 1966, den international überzeugenderen Kandidaten ins Gespräch bringen wird?

Auf dem Personalkarussell der nächsten Regierung, das bestätigen rundum alle, freilich wieder hinter vorgehaltener Hand, wird Johanna Wanka, Jahrgang 1951, nicht mehr sitzen. Die zuletzt (seit 2013) als Bundesministerin für Bildung und Forschung amtierende Christdemokratin, die sich zuvor auch schon als Kultur- und Wissenschaftsministerin in Niedersachsen und dann in Brandenburg bewährt hatte, macht ihren Stuhl frei, den sie kurzfristig von Vorgängerin Annette Schavan übernahm. Und weil solche Personalwechsel nicht selten auch mit der Schaffung neuer Territorien verbunden sind, gibt es im Moment, natürlich ganz im Stillen, ein paar Politiker, die darüber nachdenken, dass dieses Ministerium, das BMBF, unter bestimmten politischen Umständen mit einem Bundeskanzleramt-Anhängsel zusammengespannt werden könnte.

Kultur und Bildung unter einem Dach, die Kultur aus Merkels direkter Hausmacht-Einflussnahme ausgegliedert? Der FDP, beispielweise, könnte das taugen, will sie doch auch verhindern, dass der künftige Finanzminister wieder aus der CDU kommt. Der wichtige Posten, lässt Christian Lindner verbreiten, dürfe nicht so hautnah bei der Kanzlerin angesiedelt sein; der künftige Finanzminister müsse aus einer anderen Partei kommen, egal, ob Grüne oder Freidemokraten. In der Ableitung solcher Thesen drängt sich der Verdacht auf, dass an der früher schon einmal andiskutierten Fusion von Kultur und Bildung was dran sein könnte. Reine Spekulation zur Stunde noch, aber ein Informant aus dem Umfeld des Bundeskanzleramts bestätigt das aus verschiedenen Quellen stammende Gerücht.

Ja, Monika Grütters als Kulturstaatsministerin (oder eine andere Persönlichkeit) könnte demnächst in die Situation geraten, diese Herausforderung annehmen oder ablehnen zu müssen. Ob sie (oder ihr/e Nachfolger/in) daran interessiert sein könnte, wird man in einigen Wochen genau wissen. Grütters selbst hat sich bislang immer gegen ein eigenständiges Kultur-Ministerium ausgesprochen. Ihr Argument: Die persönliche und räumliche Nähe zur Kanzlerin hilft der Kultur; da könne sie mehr für ihr Aufgabengebiet tun. Wahr ist: Würde Grütters rund 1000 weitere Mitarbeiter aus dem Bildungs- und Forschungsministerium haben sowie rund weitere 17 Milliarden Etat, dann dürfte sie künftig nicht mehr viel Zeit für den ihr so wichtigen Kultur-Bereich einbringen können, wo sie aktuell mit 290 Leuten (Frauen-Quote: 55 Prozent) einen 1,7-Millionen-Etat betreut. Fazit: Unwahrscheinlich, dass Grütters 2018 noch zusätzlich die Wanka gibt.

Die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, die BKM, wie der exakte Titel lautet, wird wohl eher Kulturstaatsministerin und im Bundeskanzleramt bleiben, wenn nicht in letzter Minute im Schachern um die Posten für die neue schwarz-grün-gelbe Regierung eine Fraktion, also FDP oder Grüne, explizit Ansprüche formuliert, ein solches Dreier-Ministerium einzurichten. Dass die Kultur dann im Trio mit Bildung und Forschung untergehen würde, muss befürchtet werden. Manche Korrekturen sind richtig (beispielsweise wurde das BMBF 1955 als Ministerium für Atomfragen gegründet), andere machen keinen Sinn. Klartext: Lieber mit Grütters als Kulturstaatsministerin weiter, als ohne sie im Ellbogenkampf zwischen Bildung und Forschung untergehen.

In dieser Ausgabe:  Gauner-Verehrung im Burda-Magazin »Focus« (Seite 4). Weitere Raubkunst-Entdeckung im Gurlitt-Konvolut (Seite 5). Claudia Perren über die Vorbereitungen zum Bauhaus-Jubiläum (Seite 7). Amsterdam: Causa Beatrix Ruf als Stedelijk-Affäre (Seite 8). London: Kritik am geplanten Holocaust Memorial (Seite 10). Wien: Peter Weibel und der Medien-Vorlass (Seite 14). Neues Kunstmagazin »A«: Das »Handelsblatt« betreibt Kunsthandel (Seite 15). Florian Illies und sein jüngstes Buch »Gerade war der Himmel noch blau« (Seite 15). Marion Eichmann und ihr Hang zum Gesamtkunstwerk (Seite 17). Fortsetzung der Debatte: Einheitsdenkmal, Berlin (Seite 17). Streik an der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 638 – Editorial

Informationsdienst KUNST 638

Editorial von Karlheinz Schmid

Liebe Leser, als hätte die Branche in den vergangenen zwei Jahren nicht schon genug Stress in Sachen Kulturgutschutzgesetz bewältigen müssen. Jetzt trumpft zu allem Übermaß auch noch die Europäische Union mit einer geplanten Verordnung auf, die 2018 dazu führen soll, Terror-Finanzierung durch illegale Kulturgüter-Einfuhr zu verhindern. Fakt ist, dass dem gesamten Kunsthandel einmal mehr die Daumenschrauben angelegt werden. Ein Drama.

Denn schon Monika Grütters und ihre Gesetzestext-Verfasser haben meines Erachtens zu wenig bedacht, welcher immense, teils gar nicht zu bewältigende Verwaltungsaufwand auf die Branche zurollt. Anlässlich einer Diskussionsrunde im Märkischen Museum in Berlin, kurz vor der Bundestagswahl, kamen neue Beispiele ans Tageslicht, wie absurd im Einzelfall das Procedere ausfallen kann, wie der ohnehin schon vielfach geplagte Handel weiter in die Zange genommen wird – ohne dass der Staat dabei profitieren und die Kulturgutschutz-Liste nennenswert erweitern würde.

Im Gegenteil: Die Länder-Behörden und auch der auf Bundesebene angesiedelte Zoll erscheinen ebenfalls überfordert. Wenn im Sommer 2018 die Evaluierung des Gesetzes auf der Tagesordnung des Deutschen Bundestages stehen wird, dann sollte endlich der Widerspruch aufgelöst werden, einerseits überall an der Verschlankung der Verfahren arbeiten zu wollen, andererseits aber im speziellen Fall ein Brimborium zu veranstalten, das in keiner Relation zum unerheblichen Ergebnis steht.

Auf EU-Ebene laufen wir nun Gefahr, uns in eine ähnliche Abseitsfalle zu begeben, wie ich meine. Denn ohne eine eindeutige Definition von »Kulturgut« wird’s nicht gehen, und jedes EU-Mitglied bringt naturgemäß eigene Vorstellungen ein, obgleich schließlich ein gemeinsames Genehmigungsverfahren erforderlich ist, das in allen Staaten gleichermaßen Anwendung finden muss. Die Schieflage steckt also von Anfang an in diesem Vorhaben, und niemand kann sich wirklich damit trösten, dass das angestrebte Genehmigungsverfahren nur für Güter gilt, die zum Zeitpunkt der Einfuhr mindestens 250 Jahre alt sind.

Was aus Brüssel zu hören ist, klingt nach einem Hardliner-Kurs. So sollen Zollbehörden künftig das Recht haben, Kunstwerke zu beschlagnahmen und auch einzubehalten, wenn ihre Herkunft nicht lückenlos nachgewiesen werden kann. In einem EU-Papier heißt es dazu wörtlich, dass die Händler dokumentieren müssen, »dass die zu importierenden Kulturgüter legal exportiert worden sind«. Und: »Angemessene Strafen mit abschreckender Wirkung« werden für Importeure oder Käufer angestrebt, wenn unzureichende oder gar unwahre Erklärungen abgegeben werden. Dabei dürften im Einzelfall hohe Hürden zu bewältigen sein, die entsprechenden Unterlagen in den Ursprungsländern zu besorgen.

Die EU-Verordnung »zur Beschränkung der illegalen Einfuhr von Kulturgütern zum Zwecke der Terrorismusfinanzierung«, wie das neue Ungetüm heißt, ist ein weiteres Beispiel von politisch gut gemeinten, dagegen praxisfernen Maßnahmen. Reicht der Zollkodex der Union nicht aus? Gibt es nicht bereits spezielle Rechtsvorschriften für Kulturgüter aus Ländern wie dem Irak oder Syrien? Muss tatsächlich ein weiteres Konstrukt diskutiert werden? Ich bin skeptisch, sehe aber den Hintergrund: 2018 soll als Europäisches Jahr des Kulturerbes gefeiert werden. Da wollen die EU-Politiker als Saubermänner und Sauberfrauen glänzen, die dem internationalen Terrorismus beherzt entgegentreten. Die Schattenseite: Das wird einmal mehr auf Kosten des Kunsthandels geschehen.

In dieser Ausgabe:  Als »Macaronovic« verhöhnt – Marina Abramovic (Seite 4). Als Symbolpolitiker unterwegs – Donald Trump (Seite 5). Milchmädchenrechnung in Kassel: documenta-Geschäftsführerin Annette Kulenkampff rechtfertigt sich (Seite 7). Kritiker-Vereinigung AICA in Paris: Der 50. Kongress drückt sich vor der Auseinandersetzung mit der Krise (Seite 7). Wien: Kritik an der Ausschreibepraxis am Weltmuseum des Kunsthistorischen Museums (Seite 10). Landgericht Kleve: Helge Achenbach beantragt Haftentlassung (Seite 10). Händchenhalten in Katar: Angela Merkel und die »Deutsche Saison« (Seite 11). Preis-Check: Wolfgang Tillmans (Seite 12). Die R+V Versicherung setzt nun aufs Kunstversicherer-Geschäft (Seite 19). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 637 – Editorial

Informationsdienst KUNST 637

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, natürlich geht’s nach dieser Bundestagswahl zuerst um die Frage, ob sich Jamaika realisieren lässt, ob sich diese vier Fraktionen, darunter höchst unterschiedliche wie die CSU und die Grünen, überhaupt unter einen Hut oder in ein gemeinsames Boot bringen lassen. Für Angela Merkel und die CDU, die den Auftrag haben, eine neue Regierung zu bilden, eine überaus schwierige Aufgabe – zumal die Konstellation CDU/CSU, FDP und Grüne alternativlos ist, nachdem die SPD, klipp und klar, sich noch am Wahlabend in die Opposition verabschiedet hat. Das freilich, nämlich das Ende der Großen Koalition, ist gut, sehr gut. Eine von den Sozialdemokraten geführte Opposition im Bundestag muss uns allen, Menschen der Kultur, des freiheitlichen Denkens, tausendmal lieber sein als eine, die andernfalls zwangsläufig von der erstmals einziehenden AfD dirigiert werden könnte, immerhin drittstärkste Partei.

Die AfD und ihre fragwürdige Gesinnung sind es denn auch, die in diesen Tagen Hunderte von Künstlern und Vermittlern sorgenvoll in die Zukunft schauen lassen. »Wir werden die direkte und harte Auseinandersetzung mit dieser Partei, die die Kunstfreiheit einschränken will und die kulturelle Vielfalt als Bedrohung sieht, suchen – und wir werden alles uns Mögliche unternehmen, dass das schleichende populistische Gift der AfD nicht noch weiter unsere Gesellschaft beschädigt«, kommentiert Olaf Zimmermann, Geschäftsführer des Deutschen Kulturrats. Im Internet kursiert bereits ein Offener Brief, den schon zahlreiche Politiker und Kulturverantwortliche unterzeichnet haben, darunter Diether Dehm, Klaus-Dieter Lehmann, Jeanine Meerapfel, Michelle Müntefering, Thomas Oberender, Hermann Parzinger, Oliver Scheytt und Klaus Staeck. Sie fordern insbesondere den Ältestenrat des Bundestages dazu auf, alles zu tun, um den Vorsitz des neuen Ausschusses für Kultur und Medien (zuletzt von einem Sprecher der SPD geleitet) nicht in AfD-Hände zu geben.

Das wäre in der Tat eine Katastrophe. Und dass die Warnung jetzt schon, bevor im Zuge der Koalitionsgespräche überhaupt eine Personaldiskussion stattfinden kann, ausgesprochen wird, kommt nicht von ungefähr. Denn man weiß, dass die Kultur meist zuletzt besetzt wird, wenn alle anderen Posten vergeben sind. Und weil zuvor mächtige Ausschüsse wie der Haushaltsausschuss oder der Innenausschuss gewiss nicht von der AfD geleitet werden, besteht durchaus die Gefahr, dass einer dieser Abgeordneten schließlich das Sagen ausgerechnet für die Kultur haben könnte. Eine grausige Vision.

In der Kultur-Branche stellt sich zudem die Frage, ob Monika Grütters, CDU, als Kulturstaatsministerin nach einer Amtszeit weitermachen kann oder den Platz räumen muss. Die Frage will durchaus auch im Kontext der diversen Anregungen und Überlegungen gesehen werden (auch seitens des Deutschen Kulturrates), das wachsende Ressort von Angela Merkel abzukoppeln und in ein eigenes Ministerium überzuführen, das dann auch kaum mehr im Bundeskanzleramt untergebracht wäre. Dass Grütters von einer solchen Ausgliederung wenig hält, konnten wir in diesem Branchenbrief schon vor längerer Zeit berichten.

Sie hatte bislang Gründe genannt, die sich aus dem kurzen Dienstweg zu Merkel erklären. Da könne sie mehr für die Kultur tun. Jetzt, in einer Zeit, in der sie von der potenziellen Mitregierungspartei FDP attackiert wird (Kampagne gegen das Kulturgutschutzgesetz), kommt womöglich der Gedanke hinzu, dass die FDP selbst auf ein solches Kultur- und Medien-Ministerium schielen könnte. Dann wäre Grütters draußen. Solange das Ressort aber im Bundeskanzleramt angesiedelt ist, das wissen Insider im politischen Berlin, ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass die Bundeskanzlerin mit ihr weiter arbeiten mag – zumal es für niemanden vorstellbar ist, dass sich Merkel eine FDP-Frau oder einen FDP-Mann ins Haus holt. Das Bundeskanzleramt bleibt traditionsgemäß komplett in der Verfügung der führenden Regierungspartei.

In der Kunstszene, wo sich Grütters trotz ihres Schmusekurses unbeliebt gemacht hat, scheint momentan kaum jemand ernsthaft damit zu rechnen, dass die Kulturstaatsministerin verabschiedet werden könnte, zumal sich in der CDU in den vergangenen Jahren niemand entsprechend profiliert hat. Sollte Angela Merkel freilich aus persönlichen oder strategischen Gründen die Kultur künftig von einer anderen Persönlichkeit betreuen und vorantreiben lassen wollen, dann könnte sie ihrer Partei-Freundin ein Argument servieren, das plausibel erscheint. Denn auch diese Bundestagswahl hat gezeigt, dass die Christdemokraten in Berlin nichts oder nur wenig zu melden haben. Eine abgehalfterte Partei, die Grütters während ihrer Amtszeit als Kulturstaatsminister in Bezug auf den Parteivorsitz übernommen hatte, ohne das Ruder bisher wirklich herumreißen zu können. Merkel könnte also sagen, »Moni, die Berliner CDU braucht die ganze Frau.« Dann wäre sie zwar als Staatsministerin weg, doch selbst ihre Kritiker und Feinde kommen ins Rotieren, wenn sie sagen sollen, wer statt Grütters kommen könnte. In einigen Wochen wissen wir mehr.

In dieser Ausgabe:  Freude in Frankfurt, weil der Städelsche Museums-Verein soeben sein 8000. Mitglied begrüßen konnte (Seite 2). Wunder in Berlin: Heiner Bastian und seine Familie verschenken ihr Chipperfield-Haus jetzt doch (Seite 5). Chris Dercon hat endlich alles richtig gemacht: Er ließ die Volksbühne polizeilich räumen (Seite 7). Kritik am Sponsor Rheinmetall: Ausstellung »Deutschland 8« in China löste Künstlerprotest aus (Seite 10). Wie Annette Kulenkampff auf documenta-Berichterstattungen reagieren konnte (Seite 11). Von der Assistentin in Frankfurt zum MMK-»Star«: Susanne Pfeffer, überaus erfolgreich (Seite 15). Von der Art.Fair zur ART DÜSSELDORF: Gehlen und Lohaus drehen auf (Seite 17). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 636 – Editorial

Informationsdienst KUNST 636

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, der Anfang fiel vielversprechend aus. Als der Kirchner-Experte schlechthin, Wolfgang Henze aus der Schweiz, Jahrgang 1944, vor drei Jahren in Berlin seinen 70. Geburtstag feierte, überraschte er die Gäste mit seinem Wunsch, in der deutschen Hauptstadt ein Haus des Expressionismus gründen zu wollen oder dazu beizutragen. Von der anspruchsvollen Idee, neben dem Brücke-Museum einen weiteren Ort der Forschung und Begegnung zu etablieren, blieb zunächst zwar nur eine Vereinsgründung im April 2016 und das mit einer Lüpertz-Rede glanzvoll eröffnete Büro Kirchner am Schöneberger Ufer, doch angesichts der prominenten Initiatoren und der später hinzugekommenen Unterstützer schien sich alles bestens zu entwickeln. Als geschäftsführender Vorstand war Raimund Stecker tätig, der öffentlich kund tat, dass es ihm eine große Ehre sei, nach Jahren der Museumsleitung für Hans Arp und Wilhelm Lehmbruck nun die Ernst Ludwig Kirchner Gesellschaft in Berlin dirigieren zu dürfen. Wolfgang Henze und seine Frau, Ingeborg Henze-Ketterer, aber auch ihr Bruder, der Roman Norbert Ketterer-Sohn Günther Ketterer, sowie seine Frau Carola Ertle Ketterer hatten ihm ihr Vertrauen geschenkt.

Doch von einer echten Offensive zugunsten des Expressionisten, also von einer engagierten Haltung im Vorstand, war nichts zu sehen und zu hören. Das Büro Kirchner, offiziell getragen auch von den Vorständen Ralf Oehmke und Lothar Pues, wie ein Vereinsregister-Auszug vom 6. September dokumentiert, schien zu ruhen, bevor dort jemand müde sein konnte. Kein Raimund Stecker im Einsatz. Obgleich er nach Berlin ziehen wollte, blieb er im Rheinland, und in Essen nimmt er seine Aufgabe als Teilzeit-Professor wahr. Pues dagegen, als kunstsinniger Steuerberater (mit Niederlassungen etwa in Düsseldorf und Zürich) seit Jahren im Kulturbetrieb aktiv (so per Salon Kufsteiner Straße in Berlin), beschäftigte die Henze-Ketterer-Familie am laufenden Band – mit einer Flut von Anfragen und Forderungen, und er ist es nun auch, der Begriffe wie »Insolvenz« und »Selbstanzeige« in die Öffentlichkeit führt, der kühne Formulierungen im Dunst dubioser Machenschaften in den Umlauf bringt. Ein zweiseitiger Pues-Brief, Anfang September an einen ausgewählten Mitgliederkreis versendet, enthält zum Beispiel allerlei Hinweise, die an Steuerflucht und Zollvergehen denken und beim besten Willen nicht erkennen lassen, dass hier jemand mit den Ketterer-Erben am gemeinsamen Strang der Kunstvermittlung ziehen will. Es riecht nach großer Kontroverse – und Recherchen bestätigen den Verdacht, zumal mittlerweile auf beiden Seiten die Anwälte im Einsatz sind.

Wie einer vom 5. September datierten E-Mail von Thorsten Sadowsky, Direktor des Kirchner Museums in Davos und zugleich neuer Geschäftsführer der Kirchner Gesellschaft und somit des Büros in Berlin, zu entnehmen ist, gibt es inzwischen ein Hausverbot für Lothar Pues, und Raimund Stecker sei auf einer außerordentlichen Mitglieder-Versammlung ebenfalls abberufen worden. In diesem Schreiben wird auch von missbräuchlicher Verwendung von Briefpapier und von Fake News berichtet, und auf Nachfrage bemüht sich Pues unermüdlich, die Vorwürfe zu entkräften. Ein Beispiel: Ein Hausverbot könne seitens der Gesellschaft in Berlin gegen ihn gar nicht verhängt werden, weil Mieter der Immobilie eine Stiftung in Liechtenstein sei. Sadowsky über Pues: »Sein irrlichterndes Handeln stellt einen untauglichen Versuch dar, die Schweizer Kirchner-Welt mit einer Mischung aus Halbwissen und haltlosen Verdächtigungen in Misskredit zu bringen.« Ingeborg Henze-Ketterer und Günther Ketterer, mit Sadowsky im neuen, aber zum Redaktionsschluss noch nicht im Vereinsregister eingetragenen Vorstand aktiv, wissen weder etwas von einer Selbstanzeige noch von einer Insolvenz des Vereins: »Es gibt keine offenen Rechnungen«, sagt die Tochter des legendären Kunsthändlers Roman Norbert Ketterer.

Was von der Affäre bleibt, ist eine nüchterne Bilanz: Der Modus Vivendi, die eigentlich gar nicht so komplizierte Form der Verständigung und des Zusammenarbeitens, fällt schwer, wenn ungleiche Partner zusammenkommen. Womöglich dient ein umfangreiches Bekenntnis, das Lothar Pues am 12. September, 12 Uhr, in einem aufschlussreichen Telefonat machte, der überfälligen Erhellung. In seiner Funktion als Steuerberater (»Ich habe viel Geld mit Selbstanzeigen meiner Mandaten verdient«) sei er immer wieder auf Kunstbesitz auch der Klassischen Moderne gestoßen, insbesondere auf Bilder von Ernst Ludwig Kirchner, die überall im Rheinland hingen. So habe er es gewissermaßen als große Ehre empfunden, plötzlich Wolfgang Henze und seine Familie kennenlernen und in der Gesellschaft tätig werden zu dürfen. Lothar Pues: »Ja, ich habe aus Eitelkeit mitgemacht.« Zur Entfaltung von Eitelkeiten dürften fortan aber weder Zeit noch Raum sein. Denn knapp anderthalb Jahre sind bereits verloren. Das Büro Kirchner braucht nun tatkräftige Mitwirkende, meint Wolfgang Henze. Seinen Doktorgrad erlangte er einst mit einer Arbeit über Schlachten-Darstellungen.

In dieser Ausgabe:  Moralismus, Kommerz und Adam Szymczyk – das Foksal-Interview mit Gregor Schneider (Seite 5). Wie der geplante Trump-Kultur-Kahlschlag vorerst gescheitert ist (Seite 8). Chemnitz, Kunstsammlungen: Ingrid Mössinger tritt ab (Seite 10). art berlin: Guter Auftakt der neuen Messe (Seite 11). Zoff in Düsseldorf – wegen Photo Weekend (Seite 11). Schweiz: Das Bundesamt für Kultur ändert die Förderpraxis (Seite 14). Gabriele Henkels Erinnerungen (Seite 14). Olaf Metzels Türkei-Statements (Seite 15). Unerwartet politisch: Contemporary Istanbul (Seite 16). Museumsdirektorinnen im »Aufbruch Stuttgart« (Seite 17). Der neue Louvre Abu Dhabi wird nun eröffnet (Seite 19). Strippenzieherin: Bettina Böhm (Seite 20). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 635 – Editorial

Informationsdienst KUNST 635

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, Sommerpause vorbei, Saisonstart allerorten. Nun sitzen alle wieder am Schreibtisch, sortieren die Gedanken, allemal die mittlerweile eingetroffene Post – und müssen sich überlegen, wo sie in den kommenden Tagen hingehen, was sie wahrnehmen wollen, was nicht. Entscheidung auf Entscheidung, denn dieser September steckt voller Termine. Der angespannte Blick in den Kalender zeigt, dass sich an etlichen Tagen die Einladungen überschneiden. Schwer fällt es, hier abzusagen, dort zuzusagen. Man macht das ja nicht einfach so, man hat Gründe, und häufig versucht man auch, sie ehrlich zu kommunizieren, sie allemal diplomatisch zu verpacken. Denn das Zusammenrücken ist ja grundsätzlich was Feines, was Positives, verdienstvoll auf Seiten der Veranstalter.

Auf uns aufpassen müssen wir selbst, denn schon der alte Schopenhauer hat uns gelehrt, dass es unvermeidlich ist, den richtigen Abstand zu finden. Er machte das anno dazumal an einer Gesellschaft von Stachelschweinen im Winter fest, die fror, wenn sich die Tiere nicht nah genug aneinander stellten, die aber auch schmerzvoll schrie, wenn die Stacheln (wegen allzu großer Berührung) tief in das nachbarschaftliche Fleisch drangen. Die Kunst der Annäherung will in unserer Branche beherrscht werden, weil schnell ganze Existenzen auf dem Spiel stehen, wenn Unvernunft oder auch nur ein paar Unverschämtheiten, wie man sie früher ständig erlebte, von den tonangebenden Kreisen registriert werden – und dann hinterrücks Mobbing stattfindet. Bis die Betroffenen vom mehr oder weniger deutlich geraunten Rufmord erfahren, kann es zu spät sein.

Beispiele zuhauf: Laufend fragen sich Galeristen, warum sie auf dieser oder jener Messe plötzlich nicht mehr zugelassen werden, obwohl sie dort jahrelang willkommen waren. Oder: Wenn sich das Personalkarussell in den Museen dreht und sich mancher Bewerber als Kandidat einer Endrunde beim Vorsingen zwangsläufig ausliefert, kapiert auch nicht jeder, warum sich die ihm vermeintlich wohlgesonnene Findungskommission letztlich für einen Mitbewerber entschieden hat. Dabei geht es oft um die Kultur im Miteinander, aber auch schlichtweg um Politik, um strategische Fehler, und es kommt die Frage auf, warum viele der Einflussreichen offensichtlich auf jede Art von Beratung verzichten – oder auf die falschen Flüsterer setzen.

Wer die Medien-Szene genau beobachtet, wer auch die Nuancen in Interviews oder Statements registriert, der braucht sich über Ablehnungen und sogar über Feindschaften nicht wundern. Im derzeit hochtourig laufenden Bundestagswahlkampf kann man allerlei Beobachtungen machen, die zeigen, wie ungeschickt mitunter auch politisch Versierte in den Fettnapf stolpern. Es spritzte beispielsweise, als Monika Grütters, CDU, übermütig, in einem »FAZ«-Interview (22. August) im Kulturgutschutzgesetz-Kontext vom »Milieu« sprach – und den deutschen Kunsthandel meinte (»Am Ende dominierte der Eindruck, dass es vielen Kunsthandelsvertretern mehr um den Preis als um den Wert eines Kunstwerks geht«). Quasi Öl ins Feuer. Und so durfte sie sich nicht wundern, dass vom Elder Statesman unter den einst erfolgreichsten deutschen Galeristen, Paul Maenz, eine volle Breitseite abgefeuert wurde, dass Rudolf Zwirner, einer der schon zu Lebzeiten überaus legendären Händler, eine Kampagne startete, die der FDP dient und unterschiedlichste Leute aus dem Kunstbetrieb eint, die man bislang eher verschiedenen Parteien zugeordnet hätte – von Harald Falckenberg über Georg Nothelfer bis zu Peter Raue.

So sympathisch die offene, manchmal eben unbekümmert wirkende Art der Kulturstaatsministerin auch sein mag, es gibt hinter den politischen Kulissen etliche Kräfte, die die Bundeskulturpolitik nach dem 24. September gerne in anderen Händen sehen möchten, wenn die CDU, wie zu erwarten, wieder die Regierungsbildung übernimmt. Angela Merkel kann sich zwar auf die allzeit zupackende Monika Grütters verlassen, doch im Übereifer unterlaufen ihrer Kanzleramtsgefährtin immer wieder Schludrigkeiten, die folgenreich sind – vom Parteiaustritt von Brigitte Oetker (durch das fahrlässig schnell verabschiedete und in vielen Punkten unausgereifte Kulturgutschutzgesetz) bis zum ebenfalls überall diskutierten Nachruf für den am Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorbenen Martin Roth (Grütters: »Er war ein glänzender Verkäufer seiner selbst«; Roth hatte in einem Interview gesagt, er könne den besseren Kulturstaatsminister geben). Monika Grütters, so wispert es im politischen Berlin, sei keinesfalls garantiert gesetzt, noch einmal die Kulturstaatsministerin zu geben – zumal die erfahrene Politikerin auf Landesebene sehr gebraucht wird (die dümpelnde Berliner CDU erholt sich nur allmählich).

Rückenwind auf Bundesebene gibt es aktuell eher wenig. Selbst Museumsdirektoren, die in den zurückliegenden Jahren mit Grütters gerne auf Reisen gingen, die dank der »allgemeinen offenen Genehmigung« in Sachen Kulturgutschutzgesetz im Gegensatz zum Kunsthandel keine Probleme haben, tauchen eigenartigerweise ab, fragt man sie nach Flankenschutz für die Staatsministerin. So darf sich Monika Grütters, kurz vor der Bundestagswahl und im Saft eigener Amtszeit-Bilanz-Versuche, im Wesentlichen damit trösten, dass es in der CDU kaum jemanden gibt, der ihr den Sitz am Kabinett-Tisch streitig machen könnte.

Es ist ja in unserer Republik mittlerweile leider so, quer durch alle Parteien, dass man kaum noch Personal findet, das bereit und fähig ist, Politik zu machen. Ein Drama. Da haben dann sogar Leute eine Chance, die vor allem ihre eigene Konfusion öffentlich machen, Wolfgang Tillmans zum Beispiel, der hinter einer missratenen Anzeigen-Kampagne steckt. Der bekannte Fotoartist durfte obendrein in der »Welt am Sonntag«, Ausgabe vom 20. August, ein vierseitiges Interview mit dem SPD-Kandidaten Martin Schulz veröffentlichen, ohne jeglichen journalistischen Sachverstand. Letztlich SPD-Wahlwerbung, aber ohne Hinweis, dass diese Seiten reine Promotion sind. Erschreckend. Verrohung guter Sitten. Warum also über Grütters und unbedachte Äußerungen aufregen, könnte man fragen, wenn längst rundum geschwächelt wird.

Wählen Sie richtig. Vor allem: Wählen Sie!

In dieser Ausgabe:  Der Choreograph William Forsythe als Bildhauer unter den Künstlern des Galeristen Larry Gagosian (Seite 4). Kulturrat-Geschäftsführer Olaf Zimmermann als Gründer eines Frauen-Projektbüros (Seite 7). Ranking: Deutschlands Museen abgeschlagen (Seite 8). Gastkuratorin: Sammlerin Ingvild Goetz präsentiert die Arte Povera bei Hauser & Wirth (Seite 8). Italienische Reaktionen auf die Ankündigung von Eike Schmidt, die Uffizien verlassen zu wollen (Seite 11). Manifesta zwischen Masterplan und Mafia (Seite 14). Berlin: Klaus Lederer knöpft sich das Humboldt Forum vor (Seite 17). Düsseldorf: Was Susanne Gaensheimer in der Kunstsammlung NRW plant (Seite 20). Klaus Staeck macht Wahlkampf (Seite 22). Impressum (Seite 25).

Informationsdienst KUNST 634 – Editorial

Informationsdienst KUNST 634

Editorial von Karlheinz Schmid

 

Liebe Leser, wie so oft: Kasper König, den wir alle schätzen, der aber auch dafür bekannt ist, dass er Münster, wo ein Teil seiner Familie reichlich Steuern zahlt, gerne zum Spielplatz seiner Macht-Interessen macht, gibt mal wieder den Strippenzieher. Er soll hinter einer neuen Initiative stecken, die unter dem Namen »No!Logo« derzeit die Westfalen- Metropole aufmischt. Im Sog dieser Bewegung entstehen dabei allerlei Verirrungen, die bis zu einer verhüllenden Nacht- und Nebel-Aktion an der Fassade des kurz LWL genannten Museums für Kunst und Kultur reichen.

Es geht dabei um eben jenes Logo, das der 2014 verstorbene Zero-Mitgründer Otto Piene in eine Wandgestaltung nach Vorlage einer älteren Kunst-am-Bau-Arbeit eingefügt hat. Anlässlich des Skulptur- Projekte-Auftriebs flammte die ein wenig zur Ruhe gekommene Debatte erneut auf. Und wieder waren sich alle, die sehen können, durchaus einig: Eine künstlerische Arbeit, eben eine strenge, eine serielle, wie sie Piene einst für die Außenwand des Museums in Alu herstellte, im Edelstahl-Nachbau mit dem Logo des Museums und somit des Landschaftsverbandes Westfalen-Lippe zu versehen, lässt die Kunst zum blanken Werbeträger mutieren. Das hätte verhindert werden müssen.

Nun ist es aber so, recherchiert man den ganzen Vorgang auch in seiner chronologischen Entwicklung, dass es der Künstler selbst war, der die 1970/1971 entstandene »Silberne Frequenz« in ihrer durch den Um- und Neubau des Museums erforderlich gewordenen Neu-Inszenierung ins harmlose Angewandte trieb. »Es kam der Vorschlag von Otto Piene, das LWL-Logo zu integrieren «, bestätigt Museumsdirektor Hermann Arnhold. Und LWL-Kulturdezernentin Barbara Rüschoff-Parzinger erläutert auf Nachfrage, dass die alten Kugeln aus technischen Gründen nicht mehr ein satzfähig waren, dass zudem andere Proportionen und Funktionen zu einer Erweiterung des Kugel- Feldes führen mussten. In der Planungsphase 2008/2009 sei auch überlegt worden, eine neue Piene-Arbeit in den Innenhof des Hauses zu bringen, quasi zum fairen Ausgleich, doch letztlich sei dem Künstler sehr daran gelegen gewesen, den prominenten Platz an der Außenfassade weiterhin besetzen zu dürfen.

Das bedeutet, dass Piene, damals 80 Jahre alt und bei glasklarem Verstand, keinesfalls gezwungen wurde, die Großbuchstaben LWL in seine Neugestaltung aufzunehmen (wiederholt wurde in Münster geraunt, man habe den Künstler genötigt). Er selbst hat – wie Arnhold sagt – den Impuls gegeben, und es liegen mir mittlerweile Skizzen vor, die zeigen, dass der Künstler, der 2009 ausdrücklich schrieb, keinen Kompromiss realisiert zu haben, sogar über eine enorme Größe der LWL-Buchstaben nachdachte. Per »Größe 8« hätte die Schrift, unten rechts platziert, eine Höhe eingenommen, die zwei Drittel der Gesamthöhe belegt hätte, schlichtweg grauenvoll. Ein Glück, dass Barbara Rüschoff- Parzinger und andere damals Beteiligte, darunter Erich Franz auf Museumsseite, wenigstens das verhindern konnten.

Doch es bleibt, alles in allem, eine halbherzige Fassaden- Gestaltung, ein Zwitter, teils Kunst, teils profanes Firmenlogo. Die Buchstaben nun herauszunehmen und sie durch weitere Edelstahlkugeln zu ersetzen, wie es sich in Münster manche Kritiker vorstellen, ist freilich keine Option, nicht die geringste. Denn eine solche Tat wäre ein Eingriff ins Urheberrecht. Allein aus Kostengründen ist es dem mit Steuergeld arbeitenden Landschaftsverband sowie dem beteiligten Land Nordrhein-Westfalen (noch) nicht zumutbar, die erst seit drei Jahren am Museum hängende Arbeit abnehmen zu lassen, einzulagern oder gar völlig zu zerstören (was rechtlich erlaubt wäre). Man wird wenigstens, so denke ich, eine gewisse Schamfrist vergehen lassen müssen, bis ein solcher Schritt folgt. Immerhin hat Otto Piene am 2. Juli 2014, zwei Wochen vor seinem überraschenden Tod in Berlin, an Arnhold geschrieben, dass er die (damals schon aufflammende) Kritik an seiner Arbeit verstehen könne, aber die Integration des Logos nach wie vor gut findet.

P.S.: Wie alle Jahre im August – wir machen jetzt eine kleine Pause, bleiben aber für Sie am Ball der Ereignisse. Der nächste Informationsdienst KUNST erscheint am Donnerstag, 7. September.

In dieser Ausgabe:  Neue Direktorin der Kunsthalle Tübingen ist vom 1. Januar an Nicole Fritz, derzeit in Ravensburg tätig (Seite 2). Nicolas Perren und Ulrich Schulte planen Deutschlands erstes Zollfreilager in Thüringen (Seite 5). Laut TEFAF-Report wächst der Online-Auktionshandel (Seite 8). Peter Weibel gegen U-Bahn-Kunst von Markus Lüpertz (Seite 8). Von Köln nach Kerpen: Studio für elektronische Musik (Seite 10). Was Ivanka Trump und Jared Kushner sammeln (Seite 11). Mit Spezialeinheit FIU unter Leitung von Michael Dewald gegen die Geldwäsche (Seite 14). Die Cologne Fine Art setzt jetzt auf Oldtimer (Seite 18). Verwirrung um das Europäische Kulturerbe-Jahr (Seite 20). Weiterer Ärger für Richard Prince (Seite 21). Impressum (Seite 25).